8.
Als Gerd am nächsten Morgen erwachte, hoffte er, Leidchen würde ihn wegen ihrer häßlichen Ausfälle vom gestrigen Abend um Verzeihung bitten, oder doch auf irgendeine Weise merken lassen, daß sie ihr leid täten. Aber in dieser Erwartung täuschte er sich. Sie tat den ganzen Tag, als ob er nicht vorhanden wäre, und sah auch bei Tisch, wo sie sich gegenüber saßen, geflissentlich an ihm vorbei.
Beim Mittagessen machte die Schwägerin den Versuch, die Geschwister zu versöhnen, wurde aber von Leidchen schroff zurückgewiesen. Jan, der abends vorm Kuhstall dasselbe versuchte, erging es nicht besser.
Wenn sie ohne ihn fertig werden könnte, sagte sich Gerd, so könnte er es ohne sie erst recht. Allerlei Magdarbeiten, die er ihr bislang abgenommen hatte, weil sie größere Körperkraft verlangten, ließ er fortan sie selbst verrichten, und sie kam ihnen mit einer Art Trotz nach, aber doch so, daß die Ausführung zu Tadel keinen Anlaß bot. Überhaupt schien sie ihre Ehre darein zu setzen, ihm zu zeigen, daß sie auf eigenen Füßen stehen konnte und seiner Hilfe und Aufsicht nicht mehr bedurfte.
Gerd empfand diesen Zustand aber doch bald als drückend und fing an zu erwägen, ob er nicht seinerseits Schritte zum Frieden tun sollte. Aber er schob das immer wieder hinaus, in der Hoffnung, daß sie eines Tages ihr Unrecht einsehen und ihm wenigstens einen kleinen Schritt entgegen tun würde.
So liefen einige Wochen ins Land.
Die Gräben, die eine längere Frostzeit von Mitte Dezember an verschlossen gehalten hatte, wurden Ende Januar von Tauwind und Landregen schnellstens aufgeschlossen, und man rüstete eiligst die Schiffe, um nicht das in dem kalten Winter flott gehende Torfgeschäft ganz den Pferdebauern zu überlassen, die mit den braunen Kumpwagen bei jeder Witterung zur Stadt fahren konnten.
Als Gerd an einem Spätnachmittag von der ersten Bremerfahrt des neuen Jahres nach Hause kam, bemerkte er sofort, daß Leidchens böse Laune umgeschlagen war. Sie bot ihm die Tageszeit, trug ein reichliches und gutes Vesperbrot auf und setzte sich mit an den Tisch, um ihm Gesellschaft zu leisten. Er hatte aber das Gefühl, daß hinter dieser Freundlichkeit etwas weniger Erfreuliches lauerte und nahm sich vor, möglichst einsilbig zu sein, in der Erwartung, daß es dann am ehesten ans Licht kommen würde. So aß er denn und schwieg.
Nach einer Weile sagte sie: »Du bist ja so still heute, Gerd.«
Er zuckte die Achseln.
»Weißt du das Neueste?«
Er verriet nicht das geringste Interesse, es zu erfahren.
»Georg Marwede, der in der Bremer Neustadt das große Milchgeschäft hat, ist heute hier gewesen und hat auf unsere Rotbunte gehandelt.«
»Hm.«
»Aber Jan ist nicht eins mit ihm geworden.«
»Hm.«
»Aber ich bin mit ihm eins geworden.«
»Diese Sülze schmeckt gut.«
Sie sah verwundert zu ihm hinüber, der mit vollen Backen kaute.
»Du sollst dich wundern! ... Ich hab' mich ihm nämlich auf den Herbst als Fräulein für die Küche und die Kinder vermietet.«
»So ...«
»Nicht wahr, darüber freust du dich doch auch?«
»Mir ist das alles eins. Meinetwegen hättest du dich auch nach Hamburg oder Berlin vermieten können.«
Leidchen hatte das Gefühl einer großen Enttäuschung. Als am Vormittag der Bremer Milchmann, zuerst im Scherz, ihr die Stelle in seinem Hause angeboten hatte, war ihr erster Gedanke gewesen, das wäre eine gute Gelegenheit, Gerd einmal recht tüchtig zu ärgern. Den ganzen Tag hatte sie sich dann auf den Augenblick gefreut, wo sie ihn mit der unangenehmen Neuigkeit überraschen könnte. Und nun nahm der Mensch das so auf!
Sie glaubte noch immer, er heuchle nur Gleichgültigkeit und müsse gleich auf die Angelegenheit zurückkommen. Aber er nahm sich noch ein Stück Sülze, aß und schwieg.
Da erschrak sie vor der plötzlichen Erkenntnis, wie weit sie und ihr Bruder auseinander gekommen waren. Das hatte sie ja gar nicht gewollt. Sie hatte ihn für die Störung ihrer Geburtstagsfeier bestrafen und sich bei dieser Gelegenheit größere Freiheit erringen wollen, aber nie daran gedacht, ihn ernstlich von sich zu stoßen. Denn wenn er ihr auch manchmal unbequem war, eigentlich war sie dem so treu um sie besorgten Bruder doch stets in schwesterlicher Liebe zugetan gewesen. Im Grunde war es ihr auch recht, daß er anders war als die übrigen, daß er anderen Umgang und andere Erholung suchte als Jakob Kück und Krischan Wedderkopp.
Gerd war mit seinem Vesperbrot fertig und stemmte die Hände auf den Tisch, um sich zu erheben, als Leidchen auf einmal fragte: »Bist du noch immer böse auf mich?«
»Du gehst deinen Weg, ich geh' meinen,« sagte er trocken. »Schiedlich, friedlich, dabei stehen wir uns beide am besten.«
»Nein, Gerd, nein! Das halt' ich nicht länger aus. Bitte, sei wieder gut mit mir!«
Sie streckte ihm bittend die Hand über den Tisch entgegen. Einen Augenblick zögerte er, dann nahm er sie, indem er befreit aufatmete, sie mit frohen Augen ansah und freudig bewegt rief: »Leidchen, glaub' mir, mir ist es auch lieber so.«
»Was meinst du zu der Stelle, die ich angenommen habe?« fragte sie, vor Ungeduld brennend, die Rede auf das zu bringen, was sie den Tag über beschäftigt hatte.
»Hm. Wieviel Lohn gibt's?«
»Lohn nicht, aber etwas Gehalt.«
»Der Name tut nichts zur Sache. Wieviel?«
»Für den Anfang fünfundzwanzig Taler.«
»Deern, du bist wohl nicht recht bei Trost! Hier bist du bald nach fünfzig hin, und gehst in die Stadt für fünfundzwanzig?«
»Dafür bin ich aber auch Fräulein.«
Er zuckte verächtlich mit den Achseln.
»Ich esse mit der Herrschaft am Tisch ...«
»Das heißt, du kannst ihre Krabben füttern und ihnen die Schnäbel abwischen.«
»Und für die groben Arbeiten wird ein Dienstmädchen gehalten.«
»Ach so, du bist auf einmal zu fein, den Besen in die Hand zu nehmen.«
»Kuck', nun fängst du schon wieder an!«
»Was sagen denn Jan und Trina dazu?«
»Die wollen mich zum Herbst ganz gern ziehen lassen. Sie können es ja genug mit einem kleinen Mädchen für weniger Lohn tun.«
»Ach, Leidchen, hättest du mich doch vorher gefragt! Wir kennen die Leute ja gar nicht. Ich hätte mich mal in der Stadt nach ihnen umhören können ... Läßt sich die Sache nicht noch rückgängig machen?«
»Nein, ich habe den Mietstaler schon angenommen.«
Gerd sah bekümmert und ratlos vor sich hin. Aber plötzlich schlug er mit der Faust auf den Tisch und rief erfreut: »Daß ich daran nicht gleich gedacht habe! Deern, du bist noch nicht volljährig. Wenn dein Vormund nein sagt, gilt der Taler nicht. Sonntag nachmittag geh' ich hin und bringe die Sache in Ordnung.«
»Du kannst mich mitnehmen,« sagte Leidchen, »und dann überlegen wir drei uns das mal ganz vernünftig. Du magst recht haben, ich hab' die Sache etwas übers Knie gebrochen ... Ich will mich auch noch mal besinnen ...«
Kord Rosenbrock war der älteste Sohn des Rosenbrockschen Hauses gewesen, hatte aber das väterliche Erbe seinem Bruder Jan überlassen und mit einer kinderlosen Witwe eine achtzig Morgen große hypothekenfreie Stelle in Tunkendorf auf der Südseite des Kirchspiels erheiratet. Da die Ehe kinderlos geblieben war, hatte er sich bald gesagt, es würde eine Dummheit sein, sich für seiner Frau Schwesterkinder abzurackern. So schonte er denn das Torfmoor für kommende Geschlechter und ließ das Schiff im Graben verfaulen. Ein Paar glatter Dänen nebst Kutschwagen, sowie die Pachtung der Dorfjagd kostete allerhand Geld, aber das von seinen Vorwesern tüchtig heraufgearbeitete Besitztum konnte schon einige Hypotheken tragen. Ein stattlicher Vollbart und ein rundliches Bäuchlein unterschieden den Mann außerdem noch von den meist glatt rasierten und hager sehnigen Männern des Landes. Sein Stolz aber war die ausgedehnte Rechtskunde, die er sich aus Gesetzsammlungen und volkstümlichen Kommentaren zusammengelesen hatte. Um sie auch praktisch zu verwerten, hatte er meistens ein Prozeßchen in Gang, wozu die etwas verwickelten Stau- und Rieselrechtsverhältnisse von Tunkendorf bequeme Gelegenheit boten.
Gerd und Leidchen, die am Sonntag vormittag in Grünmoor die Kirche besucht hatten, kamen gerade zur rechten Zeit an. Sie fanden Onkel und Tante bei der angenehmen Beschäftigung, einen sauber gespickten und hübsch braun gebratenen Moorhasen zu verzehren, und wurden eingeladen, mitzuhalten.
Nach der Mahlzeit, während Tante Beta den Tisch abräumte, lehnte Onkel Cord sich im Sofa zurück, faltete die Hände über dem Magen und fragte: »Na, Kinder, was führt euch denn her?«
»Wir kommen in Vormundschaftssachen,« sagte Gerd. »Es handelt sich um Leidchen.«
Der Vormund betrachtete sein schmuckes Mündel mit Wohlgefallen: »Was ist denn mit dir, Kind? Du willst doch nicht schon heiraten? Ich könnte mir denken, daß sich bald einer fände, der dazu Lust hätte.«
Leidchen schüttelte lächelnd den Kopf. Gerd aber runzelte die Stirn und sagte: »Es handelt sich um eine ernste Sache. Das Mädchen hat sich leichtsinnig nach Bremen vermietet und mich vorher nicht einmal gefragt.«
»Dazu ist sie nach den Gesetzen auch nicht verpflichtet,« erklärte der Onkel.
»Aber Euch als Vormund hat sie auch nicht gefragt,« rief Gerd, ärgerlich über dessen Weise, die Angelegenheit zu behandeln.
»Ich denke, dazu ist sie jetzt eben gekommen,« versetzte Cord Rosenbrock, dem hitzige Menschen unangenehm waren, die Daumen umeinander drehend. »Na, Deern, warum möchtest du denn gern nach der Stadt?«
Leidchen war um Gründe nicht verlegen. Sie wollte sich gern mal verändern, bei der Schwägerin könne sie doch nichts mehr lernen. Sie möchte auch versuchen, wie ihr die feine Arbeit gefiele. Denn ob sie Lust hätte, das ganze Leben Torf zu backen, das stünde noch dahin.
Der Vormund nickte und meinte, das ließe sich hören. Die Rosenbrocks, die von dem großen Geesthof Trommsloh stammten, hätten von jeher in die Höhe gestrebt, weshalb er selbst zum Beispiel es auch zu einem Hof gebracht habe, der doppelt so viel wert sei, als seine väterliche Stelle in Brunsode. »Es freut mich,« schloß er, »daß dieser Trieb auch in dir ist. Und was hast du dagegen, Gerd?«
»Erstens mal,« begann dieser mit verhaltenem Zorn, »ist es eine Schande, wenn ein so großes, starkes Mädchen nicht mehr verdient als fünfundzwanzig Taler. Fürs Vorwärtskommen bin ich ganz gewiß auch. Aber dazu gehört nicht, daß unsereins den feinen Herrn spielt und so' ne dumme Deern sich Fräulein nennt. Was die richtigen Fräuleins sind, die machen sich ja doch bloß über so eine lustig. Was Leidchen fürs Leben braucht, das kann sie hier auf dem Lande genug lernen, wenn sie nur die Augen aufmacht. Wenn sie nach Bremen ginge, könnte ich keine ruhige Stunde mehr haben. Denn sie ist wohl von Herzen gut, aber ein bißchen leicht. Ihr lacht, Onkel? Da ist wirklich nichts zu lachen! Ihr habt Euch die Vormundschaft ziemlich leicht gemacht, und wir beide haben uns selbst geholfen. Aber in dieser Sache müßt Ihr mal zum Rechten sehen, und ich bitte Euch, sprecht ein strammes Nein!«
Cord Rosenbrock hatte sich aus der behaglichen Lässigkeit eines Mannes, dem es gut geschmeckt hat, aufgerafft und sah den mit großem Ernst und Nachdruck sprechenden Brudersohn aus weiten, runden Augen an. Als der fertig war, holte er Atem, um ihm geziemend zu antworten. Aber plötzlich fiel ihm ein, daß er gleich sein Mittagsschläfchen halten wollte, und daß Erregung des Gemüts diesem nicht zuträglich zu sein pflegte. So wandte er sich lieber an Leidchen und sagte: »Du arme Deern, was hast du wohl unter solch einem Obervormund zu leiden gehabt! Ich verlange jetzt, daß du die Stelle in Bremen annimmst, und spreche dich ein für allemal von Gerds angemaßter Vormundschaft frei.«
Gerd saß starr und steif und blickte unter gesträubten Augenbrauen weg den Onkel feindselig an. »Angemaßt,« sagte er mit dumpfer Stimme, »habe ich mir gar nichts. Was ich für Leidchen getan habe, das hab' ich ihrer Mutter auf dem Sterbebett geloben müssen.«
Onkel Cord hob die Beine auf das Sofa und sagte, er müßte nun schlafen. Wenn sie wollten, könnten sie sich noch etwas in Haus und Hof umsehen. Gerd aber drängte zum Aufbruch, und Leidchen erhob keinen Widerspruch.
Sie gingen auf dem Rückweg stumm nebeneinander her, indem er an seinem Ärger würgte und sie im stillen ihren Triumph auskostete.
Am nächsten Tag traf Gerd zufällig Herrn Timmermann, der nach der Schule mit seinem Hündchen auf dem Damm spazierte, um die Abendröte zu genießen, und sie gingen eine Strecke miteinander.
Nachdem sie eine Weile über dies und das gesprochen hatten, faßte er sich Mut und schüttete sein Herz aus.
Er hoffte natürlich, der Lehrer würde seine Partei ergreifen. Aber darin irrte er sich sehr. Der Mann schalt ihn einen Schwarzseher, sprach seine Freude über Leidchens Entschluß aus und meinte, ein bißchen Umlernen würde ihr sehr gut tun. Er hätte eigentlich schon immer dazu raten wollen.
»Aber sie hätte mich doch wenigstens fragen können,« versetzte Gerd enttäuscht.
»Vielleicht wäre dann nichts daraus geworden,« sagte der andere lächelnd.
»Ich finde das undankbar von ihr, eine so wichtige Sache hinter meinem Rücken abzumachen.«
»So recht dankbar,« meinte der Lehrer nachdenklich, »möcht' ich beinah' glauben, ist die liebe Jugend nie. Wenn ich meinen früheren Schülern, an denen ich jahrelang mein Bestes getan habe, mal wieder begegne, sehen sie mich meist fremd und mißtrauisch, ja nicht selten feindselig an. Soll ich deshalb mein Angesicht verhüllen und über die Undankbarkeit der Welt jammern? Ich meine, ein anständiger Mensch soll überhaupt nicht nach Lohn und Dank schielen, sondern seine Pflicht tun ... Aufrichtig gesagt, Gerd, im Grunde freue ich mich, daß Leidchen Ihnen aus der Schule laufen will. Denn — nehmen Sie mir das nicht übel — Sie haben reichlich viel vom Schulmeister Ihrer Schwester gegenüber.«
»Was?«
»Wenn ein Schulmeister Ihnen das sogar sagt, können Sie's ruhig glauben. Und gerade für Leidchen, glaub' ich, ist das nicht gut. Es gibt Kinder, die dumme Streiche nicht aus Schlechtigkeit machen, sondern um ihren Lehrer mal tüchtig zu ärgern. Und das sind meist nicht die schlechtesten!«
»Also Sie meinen, ich soll sie ruhig ziehen lassen?«
»Ja, was denn sonst?«
»Aber es hat doch gar keinen Zweck für eine, die ihr Leben durch Torf backen soll.«
»Können Sie wissen, wie das Leben Ihrer Schwester sich einmal gestalten wird?«
Als die beiden sich getrennt hatten und Gerd eine Strecke in Gedanken dahingeschritten war, blieb er auf einmal stehen und legte den Zeigefinger lang an die Nase.
Hm hm. Der Mann hatte ihn vorhin so wunderlich angesehen, und hatte schon länger raten wollen, Leidchen mal in die Stadt zu geben? Sollte er vielleicht seine Gründe dazu haben?
Zum Kuckuck! Das wäre eine feine Sache, wenn Leidchen mal im Schulhause unterkommen könnte, bei einem Mann, wie er ihn sich besser ja gar nicht zum Schwager wünschen konnte. Und warum sollte das nicht möglich sein? Eine Deern, wie Leidchen? Da hatten doch schon ganz andere ihr Glück mit einem Lehrer gemacht ...
Ja! Dann lag die Sache freilich anders! Dann war's ja ein Glück, daß Leidchen im Herbst erst mal nach Bremen ging. Denn direkt aus der Torfkuhle holte so'n Lehrer sich die Frau am Ende doch nicht gern ...
Als Gerd nach Hause kam, zeigte er seiner Schwester ein sehr vergnügtes Gesicht. Bei nächster Gelegenheit kaufte er ihr von einem Hausierer ein hübsches Schultertuch, und ohne sich aufzudrängen, pflegte er doch die Freundschaft mit dem Schulhause nach Möglichkeit.
Da Gerd seine Erzieherneigungen fortan möglichst im Zaum hielt und Leidchen ihm auch wenig Anlaß gab, sie zu betätigen, lebten und arbeiteten die Geschwister den Frühling und Sommer über in hübscher Eintracht.
Als der September ins Land kam, meinte sie einmal, es wäre schade, daß er nicht immer so nett mit ihr gewesen wie die letzte Zeit; sie hätte sonst ebensogut in Brunsode bleiben können. Aber er schüttelte bedeutungsvoll den Kopf und sagte: »Leidchen, ich glaube doch, es ist besser, daß du dich erst mal in anderen Verhältnissen umkuckst. Man kann ja auch gar nicht wissen, was der liebe Gott noch alles mit dir im Sinn hat.« Sie sah ihn fragend an. Aber er zuckte die Achseln und sagte noch einmal: »Man kann nie wissen.«
Anfangs Oktober traf er den kürzlich zur Reserve entlassenen Jan Monsees, der allerlei zu erzählen wußte, unter anderm auch, Müllers Hermann wäre Bursche bei einem nach Spandau kommandierten Hauptmann geworden. Da er gerade eine Zigarre in der Tasche hatte, schenkte er sie dem Überbringer dieser ihm sehr angenehmen Nachricht.
Es war eine windstille Herbstnacht, als Gerd wieder einmal die Hamme hinunterfuhr. Sein Schiff war diesmal aber nicht mit Torf beladen, sondern trug zwanzig Viertel Kartoffeln, einige Weidenkörbe mit Winteräpfeln und in einer Kommode aus Tannenholz die Habe der Schwester, die vor kurzem vorn in der Koje sich schlafen gelegt hatte.
Gerd dämmerte in solchen Nächten meist gedankenlos zwischen Schlafen und Wachen vor sich hin. Es konnte aber auch geschehen, daß er auf einmal wunderlich wach wurde, wacher, als je am hellichten Tage. Meist war es irgendeine Geringfügigkeit, die ihn plötzlich in diesen merkwürdigen Zustand versetzte, eine Sternschnuppe, das Tinkeln eines Sterns, der Schrei eines Vogels oder dergleichen. Eine solche Stunde erlebte er auch in dieser Nacht. Er sah den Blechbeschlag von Leidchens Kommode und den Porzellangriff ihres an dieselbe gelehnten Regenschirms durch die Dunkelheit schimmern — und auf einmal begann sein Geist Pfade der Erinnerung zu wandeln, und die Vergangenheit, um die er sonst, vom Tag und der Stunde genügend in Atem gehalten, sich nicht eben viel kümmerte, wurde ihm plötzlich wunderlich lebendig und gegenwärtig.
Tief aus einem rosafarbenen Steckkissen blinzelt ein rotes Gesichtchen. Das kleine Ding ist eben auf die Welt gekommen und hat dem Bruder eine große Tute voll Süßigkeiten mitgebracht.
Er trägt die Zweijährige auf dem Arm, gleitet über einer Kartoffelschale aus, schützt im Fall seine Pflegebefohlene, daß ihr nichts geschieht, und schlägt sich selbst an dem scharfen Rand des Blecheimers eine klaffende Wunde in den Kopf. Er fühlt mit der Hand nach der linken Schläfe, wo die Narbe heute noch sitzt, und freut sich ihrer.
Sie stehen beide vor dem Bett der todkranken Mutter, die Hände in ihrer abgezehrten, fieberheißen ... »Gerd, sie hat sonst keinen als dich.«
Sie kniet als Konfirmandin vor dem Altar der heimatlichen Kirche, und er schaut von der Empore in tiefer Bewegung auf sie herab. Frühlingsglanz flutet durch die Chorfenster herein und liegt warm auf dem lieben, feinen Gesichte.
Die Tage gemeinsamer Arbeit im Moor und auf den Wiesen werden lebendig, und die traulichen Winterabende, wo sie wegen fremder Schicksale, die ihnen aus Büchern auf einmal so nah und gegenwärtig wurden, miteinander bangten und hofften, sich betrübten und freuten.
Sie steht auf Behnkens Diele unter dem Christbaum und singt, daß die Menschen mit verwunderten Gesichtern atemlos lauschen. Und der Tanz um den Christbaum im Schulhause, der Kuß von ihren roten Lippen — er ist der einzige geblieben in all den Jahren seit der frühesten Kinderzeit — und der stillfrohe Heimweg Arm in Arm durch die Weihnachtsnacht. — — —
Merkwürdig, all diese Stunden, in denen ihr Bild mit schimmerte, waren für ihn zugleich Stunden des Aufatmens vom Druck des Werktags gewesen; Stunden, wo er das Leben als etwas Großes, Geheimnisvolles, Heiliges empfunden hatte. Er versuchte, die Schwester aus seinem Leben wegzudenken. Was da übrigblieb, das wollte ihm kaum wert erscheinen, gelebt zu werden. Sie hatte ihn durch ihr Wesen, das so ganz anders war als das seine, ja oft genug geärgert. Aber gerade dies ihr Wesen, ihre Ursprünglichkeit, ihre unmittelbare Lebendigkeit und Lebensglut, hatte ihn doch auch immer wieder geweckt und befeuert. Wenn er sich sagen durfte, daß sein Leben im ganzen doch wohl in aufsteigender Linie sich bewegte, daß es je länger desto mehr sich innerlich bereichert hatte, so hatte er das doch wohl in erster Linie der Schwester zu verdanken ... oder — ein Stern funkelte über den Flußlauf und zog seine Gedanken aufwärts — vielmehr dem, der Mensch zum Menschen gesellt und mit unsichtbaren Händen die zarten Fäden zwischen ihnen knüpft ...
So zog es leise, nicht in klarer Gedankenfolge, aber als lebendiges Gefühl durch seine zu nachtschlafender Zeit seltsam wache und sich auf ihre Tiefen besinnende Seele. Und daß alles dies, was bislang seines Lebens wertvollsten Inhalt ausgemacht hatte, nun ein Ende finden sollte, erfüllte ihn mit schmerzlicher Wehmut, indes das Schiff leise plätschernd durch die dunkle Nacht seine mattglänzende Bahn zog.
Im Torfhafen angelangt, gab er einem Gelegenheitsarbeiter den Auftrag, sich einen Handwagen zu leihen und die Kommode in die Stadt zu fahren. Er selbst ging mit seiner Schwester auf dem Bürgersteig nebenher. Es war gegen halb neun, als sie ihr Ziel erreichten.
Das Haus des Milchhändlers Marwede befand sich in einer Geschäftsstraße der »Neustadt«, wie der am linken Weserufer gelegene Stadtteil heißt, und machte schon von außen einen sauberen Eindruck. Drinnen aber blitzte alles von Sauberkeit, und die Frau mittleren Alters, die in dem Laden gleich links vom Eingang hantierte, war in dem frischgewaschenen rosafarbenen Hauskleid, der blütenweißen Schürze, und vor allem mit ihrer abgerundeten, strahlenden Körperlichkeit eine lebendige Reklame für fette Vollmilch und prima Molkereibutter, wie ein Milchgeschäft in der saubersten aller deutschen Städte sie sich nicht besser wünschen kann. Sie gab den Ankömmlingen ihre Hand, eine dicke, weiche, warme Patschhand, sah Leidchen prüfend ins Gesicht, nickte befriedigt und bat, näher zu treten.
Als sie die beiden im Zimmer allein ließ, um einen Imbiß zu besorgen, blickte Leidchen ihren Bruder froh an und sagte: »Die mag ich leiden; mit der will ich wohl fertig werden.« »Ja,« sagte Gerd, »sie hat ein gutes Gesicht. Wenn sie bloß nicht zu grausam auf die Reinlichkeit ist ...« »Das schadet nicht,« meinte Leidchen, »Trina ihre Schlurigkeit habe ich gründlich satt. Ich fühl' mich hier schon bannig wohl.«
Frau Marwede deckte den Tisch, und sie mußten die Butter dick streichen und den Flottkäse noch dicker drauflegen. »Wir haben das ja alles im Hause,« sagte die wohlwollend lächelnde Wirtin, die, beide Hände in die Seiten gestemmt, vor ihnen stand. Nach dem Frühstück besahen sie Leidchens Kammer und darauf den Kuhstall, den Stolz des Hauses. »Er entspricht allen Anforderungen der neuzeitlichen Hygiene,« erklärte die Frau mit Stolz, und Gerd freute sich der fünfzehn sauber aufgestallten glatten Tiere. »So viel so schöne Beester hab' ich noch nicht in einem Stall zusammen gesehen,« sagte er in ehrlicher Bewunderung. Den Hausherrn fand er nicht vor. Er war noch mit dem Wagen unterwegs, die Stadtkundschaft zu bedienen.
»Na, Frau Marwede,« sagte Gerd plötzlich und unvermittelt, »denn lernen Sie meine Schwester man gut an, und du, Leidchen, sei folgsam und ordentlich,« gab beiden die Hand und schritt zum Hause hinaus. Bis zur nächsten Straßenecke ging er mit einer gewissen Hast, dann setzte er in seinem gewöhnlichen, vom federnden Moorboden her etwas wiegenden Schritt seinen Weg fort.
Auf der großen Weserbrücke blieb er eine halbe Minute stehen, sah auf den breiten, glänzenden Strom hinab und dachte an das Dahinfließen des menschlichen Lebens.
Als er durch die innere Stadt ging, zog ein Bild im Schaufenster eines Buchladens seine Aufmerksamkeit an sich. Wogende Kornfelder prangten im Goldgelb der Reife, und er freute sich des vertrauten Anblicks im Gewühl der engen Straße.
Nach dem Bilde faßte er auch die Titel der Bücherauslagen ins Auge, und bald haftete sein Blick auf einem broschierten Bande, der den Aufdruck trug: »Lehrbuch der Moorkultur.«
Es lagen gerade allerhand Verbesserungen der Moorbewirtschaftung in der Luft, wenn der Knecht eines am alten Schlendrian festhaltenden Torfbauern, wie Jan Rosenbrock einer war, auch noch nicht viel davon merkte. Aber er hatte doch schon von moderner Hochmoorkultur und von dem Wert der künstlichen Dungmittel gerade für das Moor munkeln hören. Und plötzlich wandelte ihn die Lust an, sich aus dem Buche über alle diese Dinge zu unterrichten. Aber das war gewiß sehr teuer, kostete am Ende gar zwei Mark. Nein, das konnte er nicht anwenden. Schweren Herzens riß er sich von dem Schaufenster los.
Aber er war noch keine zwanzig Schritt gegangen, da kehrte er um, trat entschlossen in den Laden und fragte nach dem Preise des Buches, das es ihm angetan hatte.
»Broschiert vier, gebunden fünf Mark,« gab der Buchhändler zur Antwort.
Gerd wäre beinah vor Schreck erstarrt, blätterte aber doch in dem ihm vorgelegten broschierten Exemplar, dessen Kapitelüberschriften ihm das Buch nur noch begehrenswerter machten.
»Drei Mark will ich anwenden,« sagte er endlich mit starker Selbstüberwindung und zog seinen Geldbeutel.
Der Ladeninhaber lächelte: »Sie meinen wohl, das geht hier zu wie bei Ihrem Torf- und Schweinehandel? Ich verkaufe nur zu festen Preisen.«
Gerd steckte den Geldbeutel wieder ein und griff nach seiner Mütze, um zu gehen. Aber plötzlich fuhr er noch einmal in die Tasche, ließ einen Taler hart auf den Tisch klappen, legte zögernd eine Mark daneben, klemmte das Buch unter den linken Arm und schob eiligst ab.
Als sein Schiff vor günstigem Winde die Hamme hinauf segelte, lag er, die Pfeife im Mund, am Steuer, hatte seinen so teuer erworbenen Schatz auf den Knien und las und las. Er bereute seinen Kauf nicht. Was in dem Buch alles drinstand: von der Entstehung der Moore, von Geschichte, gegenwärtigem Stand und Zukunft der Moorkultur und so weiter, das war am Ende doch seine vier Mark wert.
Wenn er nur etwas Eigenes hätte, um die Lehren des Buches praktisch zu erproben! Noch niemals war die Sehnsucht nach eigenem Besitz so lebendig in ihm gewesen. Jetzt, wo Leidchen fort war, noch lange dem Halbbruder als Knecht zu dienen, spürte er wenig Lust.
Er fing an zu rechnen. Von der Mutter her besaß er einige hundert Taler, und mit seinem Lohn war er stets sparsam umgegangen. Aber es langte doch nicht, eine wenn auch bescheidene Anbauerstelle zu kaufen. Und nach einer Braut hatte er sich ja auch noch nicht umgesehen. Ja, vielleicht mußte er sogar noch Soldat spielen. Im nächsten Sommer hatte er sich zum letztenmal zu stellen.
Aber das nahm er sich fest vor: eine eigene Stelle wollte er einmal haben, und deshalb fortan noch sparsamer sein als bisher. Die ausgegebenen vier Mark taten ihm jetzt wieder weh, er tröstete sich aber mit der Hoffnung, sie später nach Anleitung seines Buches hundertfältig herauszuwirtschaften.