»Sie müssen meine Schuhe besser putzen, Simon,« sagte die Frau.
Simon war sehr glücklich über ihren Tadel. Wie oft, wenn er durch heiße, verbrannte, menschenleere Gassen geschlendert, absichtslos herumgewandert war, empfand er in seinem Herzen Sehnsucht nach einem bösen, bissigen Tadel, nach einem Schimpfwort, nach einem Fluch und beleidigenden Ausruf, nur um die Gewißheit zu haben, nicht ganz allein, nicht ganz ohne Teilnahme zu sein, und wenn die Teilnahme auch eine rohe und verneinende gewesen wäre. »Wie lieb klingt dieser Tadel aus ihrem Frauenmund,« dachte er, »wie bindet mich das an sie, wie sehr verbindet und verknüpft und fesselt es, man fühlt solch einen Tadel wie eine kleine, gar nicht sehr schmerzende Ohrfeige, eines Fehlers wegen, den man begangen hat«; und Simon nahm sich im stillen vor, nur noch Fehler zu begehen, nein, nicht gerade ausschließlich, denn das würde ihn zum Tölpel gestempelt haben, aber regelmäßig kleinere Versehen, schön beabsichtigt, um den Genuß zu haben, eine empfindliche und an Ordnung gewöhnte Dame entrüstet zu sehen. Entrüstung, nein, nicht gerade Entrüstung, sondern mehr ein Fragen, ein Staunen über seine, Simons Ungeschicklichkeit. Dann hätte man Gelegenheit, in andern Punkten zu glänzen, und so durfte man das Vergnügen haben, zu beobachten, wie sich ein strenges und ärgerliches Gesicht in ein freundlicheres und befriedigtes verwandelte. Welche Freude, sich einen Menschen zur Zufriedenheit innig umzustimmen, wenn man ihn vorher gekränkt gesehen hat. »Heute morgen bereits einen lieben Tadel geerntet,« dachte Simon, und weiter: »wie angenehm ist es, der Getadelte zu sein, es ist gewissermaßen ein reiferer, überlegener Zustand. Ich bin wie geschaffen dazu, getadelt zu werden; denn ich empfinde den Tadel dankbar, und nur solche verdienen freundschaftlich getadelt zu werden, die dafür durch entsprechende Körperhaltung, die sie anzunehmen haben, zu danken wissen.«
Simon stand wirklich entsprechend da, und er fühlte: »Nun erst bin ich der Diener dieser Frau; denn sie tadelt mich, weil sie ein Recht in sich fühlt, mich ohne viel Überlegen zurechtzuweisen, und dabei von mir ein korrektes Schweigen erwartet. Wenn man einen untergebenen Beamten tadelt, so schmerzt man ihn, und man trägt immer die geheime Absicht, ihm auch wirklich weh zu tun durch das Merkenlassen der höheren Stufe, die man einnimmt. Einen Diener tadelt man nur in der Absicht, ihn zu belehren und zu erziehen, so wie man ihn haben will; denn ein Diener gehört einem, während man mit einem untergebenen Beamten, wenn die Feierabendstunde schlägt, menschlich weiter nichts mehr zu tun hat. Ich zum Beispiel jetzt bin mit der Wärme des Herzens getadelt worden, dazu kommt noch, daß der Tadel von einer Frau kommt, die zu den Frauen gehört, die immer lieblich sind, wenn sie sich so etwas herausnehmen. In der Tat, Damen muß man einen Tadel aussprechen hören, um zu der Überzeugung zu gelangen, daß sie es besser verstehen als die Männer, ohne kleinliche Kränkung einen Fehler zu rügen. Vielleicht ist das aber falsch, und ich sehe, was, wenn es von einem Mann kommt, mich verletzt, von Damen herkommend, nicht für beleidigend, sondern für aufmunternd an. Einem Mann gegenüber empfinde ich immer die stolze Gleichstellung, einer Dame gegenüber niemals, weil ich ein Mann bin, oder weil ich mich darauf vorbereite, einer zu werden. Vor Frauen muß man sich entweder überlegen oder unterlegen fühlen! – Einem Kinde zu gehorchen, wenn es reizend befiehlt, ist mir etwas Leichtes, dagegen einem Mann: Pfui! Nur Feigheit und geschäftliche Interessen mögen einen Mann dazu veranlassen, vor einem andern Mann zu kriechen: Niedrige Gründe, das! Aus diesem Grunde bin ich froh, daß ich einer Frau zu gehorchen habe; denn das ist natürlich, weil es niemals ehrverletzend sein kann. Eine Frau kann die Ehre eines Mannes niemals verletzen, es sei denn beim Ehebruch, aber da benimmt sich der in Frage kommende Mann meist als ein schwacher Tölpel, den es gar nicht entehrt, wenn er betrogen wird, da ihn schon die Möglichkeit des Betruges längst vorher in den Augen derer entehrt hat, die ihn kannten. Unglücklich können Frauen machen, aber entehren können sie niemals; denn das wirkliche Unglück ist keine Schande und kann nur auf rohe Gemüter und Sinnesarten komisch wirken, auf solche Menschen, die sich allerdings ihrerseits dann eine Unehre antun, es zu verlachen.«
Mit diesem Wort riß die Dame ihren Diener aus seiner anmaßlichen Gedankenreihe und befahl ihm, nun den kranken Knaben ankleiden zu gehen. Er gehorchte und tat, was sie verlangte. Er trug ein Becken voll frischen Wassers an das Bett und wusch mit einem Waschschwamm sorgsam das Gesicht des Knaben, reichte ihm ein Glas, halbgefüllt mit klarem Wasser, und ließ ihn den Mund damit wässern, was der Knabe mit seinen schönen Händen sehr hübsch tat, nahm dann eine Bürste und einen Kamm zur Hand, brachte das Haar des im Bett Liegenden in Ordnung und reichte ihm zum Schluß das Frühstück auf einem silbernen Tablett dar, schaute zu, wie es bedächtig, mit vielem Absetzen, verzehrt wurde, ohne müde oder gar ungeduldig zu werden; denn wie häßlich und unpassend würde Ungeduld hier gewesen sein; trug das Geschirr wieder hinaus und kam wieder, um nun den Kranken, der sich nicht selbst anziehen konnte, anzukleiden. Er hob den leichten, dünnen Körper mit einiger Scheu zum Bette heraus, nachdem er schon vorher den Füßen und Beinen die Strümpfe übergezogen hatte, steckte an die Füße kleine Hausschuhe, nahm die Beinkleider zur Hand, um sie anzuziehen, schnallte den Gurt der Hose zu, warf die Hosenträger, wie es sich schickte, von hinten über, alles schnell, alles geräuschlos, und so, daß jede Bewegung auch wirklich gleich etwas tat, legte dem Hals des Knaben jetzt den Kragen um, einen breiten, umgelegten Knabenkragen, befestigte mit gutem Geschick eine Krawatte an den Hemdknopf; das Hemd war natürlich längst übergeworfen worden; reichte jetzt die Weste, ließ die Arme hineinschlüpfen, ebenso den Rock und die paar Gegenstände, die der Knabe bei sich zu tragen pflegte, als Uhr, Uhrgehänge, Messer, Taschentuch und Notizbuch, und das Werk war fertig. Nun mußte Simon des kleinen Herrn Bett in Ordnung bringen, sowie das ganze Schlafzimmer in der Weise, wie es ihm die Dame zeigte, aufräumen, die Fenster öffnen, die Kissen, Bettdecke und das Laken ans Fenster legen und alles so machen, wie es getan wird und wie er merkte, daß es getan werden mußte. Die Dame verfolgte alle seine Bewegungen, wie ein Fechtmeister den Bewegungen seines Schülers folgt, und fand, daß er sich mit Talent in die Arbeit schickte. Sie sagte nicht etwa ein Wort der Anerkennung. Würde ihr nicht von ferne eingefallen sein. Außerdem mochte ihr Diener an ihrem Schweigen merken, daß sie seine Art und Weise billige. Es freute sie, wie zart er mit ihrem Sohn umgegangen war, da sie bemerkt hatte, wie jede Bewegung Simons beim Ankleiden dessen Achtung für den Kranken aussprach. Sie mußte lächeln, als sie gewahrt hatte, mit welcher Scheu er zuerst angefaßt, und wie er dann später die Scheu überwunden hatte und mit seinem Tun kräftiger, ruhiger und gleichmäßiger geworden war. Dieser junge Mann gefiel ihr vorläufig, mußte sie sich sagen. »Wenn er fortfährt, wie er angefangen hat, so will ich ihn dafür lieb haben, daß er mich nicht in meinem Gefühl, das ich mir gleich von Anfang an von ihm machte, betrogen hat,« dachte sie. »Er ist sehr still und anständig und scheint das Talent zu besitzen, sich mit jeder Lage gleich vertraut machen zu können. Und da er, wie ich glaube aus seinen Manieren schließen zu dürfen, aus gutem Hause herstammt, will ich ihn, um seiner Mutter willen, die vielleicht noch lebt, und um seiner Geschwister willen, die vielleicht geachtete Stellungen einnehmen und besorgt sind um sein Schicksal, zu einem klugen und schönen Betragen anhalten und will Freude haben, wenn ich sehe, daß er einschlägt und sich so benimmt, wie man es von ihm erwartet. Vielleicht darf ich ihn in kurzem etwas zutraulicher behandeln, als man gezwungen ist, mit seinen Dienstboten zu verkehren. Aber ich will acht geben und ihm keinen Anlaß geben, durch zu frühes freundliches Entgegenkommen, mir unverschämt zu begegnen. In seinem Charakter sitzt eine leise Beigabe von Unverschämtheit und Trotz, und diese darf nicht geweckt werden. Ich werde immer mein Gefallen, das ich an ihm habe, unterdrücken müssen, wenn ich will, daß er immer die Lust hat, mir zu gefallen. Ich glaube, er liebt mein strenges Gesicht, ich erriet so etwas, als er vorhin lächelte, wo ich ihn doch ziemlich unfreundlich getadelt habe. Die Menschen muß man erraten, wenn man sie von ihrer schönen Seite haben will. Er hat Seele, dieser junge Mann, man muß ihm deshalb auch seelenvoll und seelenbewußt entgegentreten, um etwas bei ihm zu erreichen. Man nimmt Rücksicht, und tut doch so, als ob man keine nähme, wie man ja auch wirklich keine zu nehmen nötig hätte. Aber es ist besser und klüger, man nimmt, wenn man mit Ruhe kann.« – Sie beschloß, den Simon ein bißchen abenteuerlich zu nehmen, und schickte ihn jetzt aus, um Einkäufe zu machen.
Das war nun wieder etwas ganz Neues für Simon, durch die Straßen zu eilen, mit einem Korb oder mit einer ledernen Tragtasche in der Hand, Fleisch und Gemüse zu kaufen, in die Läden zu treten und dann wieder nach Hause zu springen. In den Straßen sah er die Menschen ihren verschiedenartigen Geschäften nachgehen, jeder trug sich mit einer Absicht und er selber auch. Es schien ihm, daß die Leute sich über seine Gestalt verwunderten. Sollte sein Gang etwa nicht zu dem gefüllten Korbe, den er leicht trug, passen? Waren seine Bewegungen zu frei, als daß sie zu seinem Auftrage, nämlich zum Botenlaufen, gestimmt hätten? Aber es waren freundliche Blicke, die er bekam; denn man sah ihn eilig und geschäftig, und er mußte den Eindruck eines pflichteifrigen Mannes machen. »Wie schön ist es doch,« dachte Simon, »so mit einer Pflicht im Kopf durch die Straßen neben den wimmelnden Menschen her zu laufen, von einigen überholt zu werden, die längere Beine haben, und andere wieder zu überflügeln, die träger gehen, als wenn sie Blei in ihren Schuhen hätten. Wie hübsch ist es, von den sauberen Mägden für ihresgleichen angeblickt zu werden, zu beobachten, welchen Scharfblick diese einfachen Wesen haben, zu sehen, daß sie beinahe Lust hätten, bei einem schnell stehen zu bleiben, um zehn Minuten lang plaudern zu können. Wie die Hunde auf der Straße laufen, als wären sie hinter dem Wind her, wie Greise noch geschäftig sind mit ihren gebeugten Nacken und Rücken! Und da möchte man noch schlendern! Wie entzückend sind die einzelnen Frauen, an denen man, ohne beachtet zu werden, vorüberrennen darf. Was sollte man von ihnen beachtet werden. Wäre noch schöner! Es genügt doch, selber Beobachteraugen zu haben. Hat man etwa die Sinne nur, daß sie gestachelt werden, und nicht, damit man sie selber stachle? Die Augen der Frauen an einem solchen Straßenmorgen, wie dieser, wenn sie so in die Ferne blicken, sind etwas Herrliches. Augen, die an einem vorbeisehen, sind schöner, als solche, die einen ansehen. Es ist, als verlören sie dadurch. Wie man rasch denkt und fühlt, wenn man so rasch läuft. Nur den Himmel nicht betrachten! Nein, lieber nur empfinden, daß da oben, über dem Kopf und über den Häusern etwas Schönes und Weites schwebt, etwas Schwebendes, vielleicht Blaues, ganz gewiß Duftiges. Man hat Pflichten, und das ist auch etwas Schwebendes, Fliegendes, Hinreißendes. Man trägt etwas mit sich, das man nachzählen und abliefern muß, um als zuverlässiger Mensch dastehen zu können, und ich bin gegenwärtig so, daß es mir mein einziges Vergnügen ist, als zuverlässiger Mensch dazustehen. Die Natur? Mag sie sich einstweilen verstecken. Ja, es ist mir, als ob sie sich verborgen hielte, da, hinter den langen Häuserreihen. Der Wald, er reizt mich vorläufig nicht mehr, soll mich nicht reizen. Immerhin, es hat etwas Schönes, zu denken, daß alles doch noch da ist, während ich flüchtig und geschäftig durch die blendende Straße eile, mich um nichts bekümmere, als um das, was ich mit meiner Nase denken könnte, so einfach ist es.« – Er zählte das Geld in der Westentasche mit fühlenden Fingern nach, ohne es heraus zu nehmen, und ging nach Hause.
Nun hatte er den Tisch zu decken.
Er mußte ein sauberes, weißes Tischtuch über den Tisch breiten, daß die Falten nach oben zu liegen kamen, dann die Teller hinlegen, so, daß der Tellerrand nicht über den Tischrand hinausragte, dann Gabel, Messer und Löffel hinlegen, Gläser aufstellen und eine Karaffe mit frischem Wasser, Servietten auf die Teller legen und das Salzgefäß auf den Tisch stellen. Stellen und legen, hinlegen und anfassen und hinstellen, zart anfassen, dann wieder gröber, Tücher mit Fingerspitzen anfassen und Teller nur mit Vorsicht berühren, ausbreiten und ausrichten, nämlich die Bestecke, keinen Lärm dabei verursachen, schnell sein und doch wiederum behutsam, vorsichtig und kühn, steif und glatt, ruhig und doch energisch, Gläser nicht aneinanderklirren, und Teller nicht klappern lassen, aber über ein vorkommendes Klappern und Klirren auch nicht erstaunt sein, sondern es begreiflich finden, dann der Herrschaft melden, daß der Tisch gedeckt sei, und dann die Speisen auftragen und dann zur Tür hinausgehen, um wieder hineinzugehen, wenn geklingelt wurde, zusehen, wie gegessen wurde und Freude dabei empfinden, sich zu sagen, daß es hübscher sei, zu sehen, wie gegessen werde, als selber zu essen, dann den Tisch wieder abräumen, das Geschirr hinaustragen, einen Rest Braten in den Mund stecken und dabei eine frohlockende Miene machen, als wäre es etwas, um dabei eine frohlockende Miene machen zu müssen, dann selber essen und finden, daß man jetzt wirklich verdiene, selber etwas zu essen: das alles mußte Simon. Er mußte nicht alles, zum Beispiel mußte er nicht gefrohlockt haben, wenn er stahl, aber es war sein erster, zarter Diebstahl, und deswegen mußte er frohlocken; denn es erinnerte ihn lebhaft an die Kindheit, wo man stiehlt, irgend etwas aus dem Speiseschrank, und dabei frohlockt.
Nach dem Essen hatte er dem Mädchen zu helfen, das Geschirr zu säubern, abzuwaschen und abzutrocknen, und das Mädchen war nicht wenig erstaunt, zu sehen, wie behend er das machte. Wo er das gelernt hätte? »Ich war doch auf dem Lande,« antwortete Simon, »und auf dem Lande tut man dergleichen. Ich habe dort eine Schwester, die Lehrerin ist, der habe ich beim Geschirrtrocknen immer geholfen.«
»Das war hübsch von Ihnen.«
Zwölftes Kapitel.
Simon kam es ganz wunderbar vor, in dieser stillen Küche, mitten in einer großen Stadt, zu handwerken. Wer hätte das je gedacht. Nein, der Mensch kam doch nie dazu, sich eine Zukunft zu malen. Er, der früher frei über die Bergweiden streifte, wie ein Jäger unter dem offenen Himmel schlief und die Luft zu eng fand, wenn er Ausblicke genoß, die die vor ihm liegende Erde auseinanderbreiteten und dehnten, der die Sonne heißer, den Wind stürmischer, die Nacht dunkler und die Kälte grimmiger wünschte, wenn er draußen, zu jeder Jahreszeit und bei jeder Witterung, suchend, händereibend und atempustend herumlief, er steckte jetzt in einer kleinen Küche und trocknete einen tropfenden Teller warm ab. Er war froh. »Ich bin froh, so gehemmt, so eingesteckt, so eingeengt zu sein,« sagte er zu sich, »was will der Mensch nur immer die Weite haben, und dazu doch Sehnsucht, die doch so was Beengendes ist! Hier bin ich eng eingeklemmt zwischen vier Küchenwände, aber mein Herz ist weit und erfüllt von der Lust an meiner bescheidenen Pflicht.«
Es war ein wenig erniedrigend für ihn, sich in einer Küche zu wissen, mit einer Arbeit beschäftigt, die sonst nur Mädchen verrichten. Ein wenig erniedrigend und ein wenig lächerlich war es, aber es war entschieden geheimnisvoll und absonderlich. Kein Mensch konnte sich jetzt diese Lage von ihm austräumen. Dieser Gedanke hatte wiederum etwas Genugtuerisches und Stolzes. Man konnte bei diesem Gedanken lächeln. Das Mädchen fragte ihn, was er denn früher in seinem Leben gewesen sei, und er antwortete: »Schreiber!« Sie konnte nicht begreifen, wie man so wenig Ehrgeiz besitzen könne, das Schreibpult aufzugeben, um in eine Haushaltung hineinzukriechen. Simon sagte darauf, es gäbe in diesem Falle erstens nichts zu kriechen, wie sie sich da so lieblich ausdrücke, und zweitens sei es noch eine Frage, was besser wäre: ein Sitz hinter einem Pult oder der Zustand eines Geschirrabwischers. Er zöge bei weitem die freie, luftige, heiße, dampfige, interessante Küche dem öden Bureau vor, in dem die Luft meist schlecht und die Laune eine verbitterte sei. Hier sei kein Anlaß, bitter zu sein, hier, wo der Braten in der Pfanne schmore, das Gemüse koche, die Suppe dampfe, das Kupfer so lieblich herabblinke vom Gestell und die Teller so freundlich klängen, wenn man sie aneinanderschlüge. Aber Diener sein, das sei doch nicht viel, das bedeute doch gar nichts, meinte das muntere Mädchen. Er wolle nichts bedeuten, erwiderte Simon sanft. Sie ließ es dabei bewenden, doch fand sie, daß er ein kurioser, schwer begreiflicher Mensch sei. Aber sie dachte: »er ist anständig,« und fühlte, »er dürfte sich viel erlauben!« Simon war eben fertig geworden mit seiner Arbeit, als die Dame in die Küche trat und zu ihm sagte, er möge hineinkommen, sie habe eine Beschäftigung für ihn. »Was für eine schöne Beschäftigung hat sie wohl für mich,« dachte Simon, und er folgte der Voranschreitenden. »Sie haben jetzt, während des Nachmittages, weiter nichts zu tun, da können Sie meinem Knaben und mir aus einem Buche vorlesen. Verstehen Sie vorzulesen?«
Und dann las er eine volle Stunde lang vor, mit etwas gepreßtem Atem, aber mit richtiger, scharfer, schöner Aussprache und mit einer warmen Stimme, die anzeigte, daß der Leser miterlebte, was er las. Der Dame schien es zu gefallen, und der Knabe war ganz nur Ohr bis zum Schluß, wo er sich anmutig für den Genuß bedankte. Simon, dessen Wangen hochrot vor Bewegung glühten, fand es schön, daß man ihm dankte. Er verfügte sich, da er weiter vorläufig nichts zu treiben wußte, in das Domestikenzimmer, das die Abendsonne rötlich beleuchtete, und fing an, zum Fenster hinaus zu rauchen.
»Ich sehe es unlieb, wenn Sie hier rauchen,« sprach die hereintretende Frau.
Er rauchte aber weiter, und sie ging wieder, etwas ärgerlich, hinaus. »Ich begreife allerdings, daß es ihr nicht lieb ist, aber, muß ihr denn alles lieb an mir sein? Das Rauchen gebe ich nicht auf. Nein! Zum Teufel, nein! Und wenn zwanzig Damen kämen und eine nach der andern es mir verböten.« Er war wütend, aber er wurde sofort wieder sanft und sprach zu sich: »Ich hätte die Zigarette wegwerfen sollen; das war unverschämt!«
In diesem Augenblick, den er dazu benutzen wollte, ein Selbstgespräch zu führen, tönte im Korridor ein Schrei und unmittelbar darauf ein heftiger Knall von einem zu Boden stürzenden Geschirr. Simon öffnete die Tür und erblickte die Frau, wie sie mit wehklagendem, stummem und betrübtem Gesicht zu Boden sah, wo die Scherben einer ihr gewiß teuer gewesenen Porzellanplatte herumlagen. Sie hatte die Platte mit einem Stück Torte drauf vom Eisschrank weg in ihr Zimmer tragen wollen und dieselbe fallen lassen, sie konnte selber nicht sagen, wie. Es brauchte ja nur eine kleine Täuschung der Sinne gewesen zu sein, oder sonst etwas, und das Unglück war eben geschehen. Als die Frau den Simon bemerkte, der hinter ihrem Rücken stand, verwandelte sich sogleich ihr betrübtes Gesicht in ein zürnendes und anklagendes, und sie sagte zu ihm, in einem Tone, der genug sagte, was sie empfand: »Lesen Sie zusammen!« Simon bückte sich zu Boden und las die Scherben zusammen. Während er es tat, streifte seine Wange das Kleid seiner Herrin und er dachte: »Verzeih mir, daß ich gerade dastehen mußte, um zu sehen, daß du dich ungeschickt benommen hast. Ich begreife deinen Zorn. Ich bekenne mich schuldig, die Platte, die du hast fallen lassen, zerbrochen zu haben. Ich habe sie zerbrochen. Wie muß es dir doch weh tun. Eine so schöne Platte. Gewiß war sie dir lieb. Du tust mir leid. Meine Wangen streifen dein Kleid. Jede Scherbe, die ich zusammenlese, sagt mir: »Elender,« und der Saum von deinem Rock sagt mir: »Glücklicher!« Ich lese absichtlich langsam zusammen. Versetzt es dich nicht in neuen Zorn, dies bemerken zu müssen? Es macht mir Spaß, der Übeltäter gewesen zu sein. Du gefällst mir, wenn du mir zürnst. Weißt du, warum mir dein Zorn gefällt? Weil er so zart ist, dein Zorn! Nur weil ich dich sah, wie du dich ungeschickt benahmst, zürnst du mir. Du mußt einige Achtung vor mir haben, da es dich kränken kann, wenn du dich vor mir blamierst. Du Hohe, vor mir Niedrigem. Wie entzückend zornig befahlst du mir, die Scherben zusammenzulesen. Und ich beeile mich damit gar nicht; denn ich möchte, daß du recht ärgerlich und böse würdest, weil ich so lange bei den Scherben verweile, die mir doch sagen müssen, wie ungeschickt du warst, die es dir auch sagen müssen. Du stehst immer noch da? Es muß jetzt eine Mischung von seltsamen Empfindungen in dir sein: Scham, Schmerz, Zorn, Ärger, Gleichmut, Gereiztheit, Gelassenheit, Überraschung und Hoheit und so viel kleines, nebenherschleichendes Unsagbares, das der Moment wegnimmt, ehe man es nur recht hat empfinden können, das da war wie ein Nadelstich oder wie ein Duft oder wie ein Blinzeln von einem Augenpaar. – Dein seidenes Kleid ist schön, wenn man denkt, daß es einen Frauenleib einhüllt, der vor Aufregung und vor Schwäche zittern kann. Deine Hände sind schön, die so lang zu mir herabhängen. Ich hoffe, daß du mir einmal eine Ohrfeige damit gibst. Jetzt gehst du schon weg, ohne mich gescholten zu haben. Wenn du gehst, kichert und flüstert dein Kleid auf dem Boden. Vorhin verbotest du mir zu rauchen. Aber ich werde die Frechheit besitzen, zu rauchen, wenn ich hinter dir auf den Markt gehe, um mit dir Einkäufe zu machen. Da sollst du mich rauchen sehen, weiße, blendende Zigaretten, und ich will hoffen, daß du alsdann die Geistesgegenwart besitzest, sie mir aus dem Mund zu schlagen. Jetzt eben mußte ich dich mit allen meinen mir zu Gebote stehenden Gebärden dafür um Verzeihung bitten, daß du eine Platte zerschlagen hast. Ich wollte, ich könnte Gelegenheit haben, etwas zu verüben, das dich veranlassen würde, mich zum Teufel zu jagen. O nein, nein! Was denke ich da. Ich bin schon verrückt. Wahrhaftig, diese Scherbenangelegenheit hat mich verrückt gemacht. Jetzt wird es Abend sein draußen auf der Straße. Die Laternen werden hellgelb brennen in den verlöschenden Tag hinein. Jetzt möchte ich auf die Straße. Es geht nicht anders, ich muß auf die Straße hinunter.« –
»Ich möchte einen kleinen Ausgang machen,« sagte er, in ihr Zimmer tretend, »darf ich?«
»Ja! Aber daß Sie mir nicht zu lange bleiben!«
Simon stürzte hinaus, die Treppe hinunter, wo ihm eine verschleierte Frauengestalt staunend nachblickte, zum Haus hinaus, auf die Straße, an die Luft, in die bewegliche, feuchte, glitzernde, abendliche Freiheit. Seltsam sei doch, dachte er, dieses Gehören an ein Haus, wo man recht wie ein Gefangener lebe. Seltsam sei es, ein erwachsener Mensch zu sein und als ein erwachsener Mensch hingehen zu müssen, zu einer Dame, in ein dunkles Zimmer, wo man die Frau nur halb im Dunkel sähe, und sie um Erlaubnis zu fragen, ausgehen zu dürfen. Als ob man ein Möbel von ihr wäre, ein Gegenstand, ein gekauftes Stück, ein Etwas, ein irgend Etwas, und als ob dieses Etwas nichts wäre, oder nur insofern etwas, als es sich dazu eigne, so ein Etwas zu sein, ihres zu sein! Seltsam sei es auch, daß man trotzdem diesen Zustand als eine Art Heimat und Zuhausesein fühle. Man liefe jetzt eigentlich zehnmal gehobener auf der Straße umher, weil jemand, den man darum bitten mußte, es einem erlaubt habe. Ein Erlaubnisbekommen, das sei allerdings etwas Schülerhaftes, aber es müßten, dachte er, selbst Greise oft noch, und unter kränkenderen Umständen, um eine Erlaubnis fragen. So sei alles wunderbar im Leben, und man müsse sich in das Wunderbare schicken, wenn es oft auch seltsam aussähe.
Er ging die Straße hinunter und verliebte sich in das süße Straßenbild mit den aufgehenden Sternen, mit den dichten Bäumen, die in langer, gerader Reihe davonliefen, mit den ruhiger gehenden Menschen, mit der Pracht des Abends, mit der tiefen, beweglichen Ahnung der Nacht. Auch er ging ruhig, beinahe träumerisch. Am Abend war es keine Schande, ein träumerisches Aussehen zu machen, wo unwillkürlich alle träumen mußten in dieser Atmosphäre voll von dem Duft des Frühsommerabends. Viele Frauen spazierten umher, mit kleinen, eleganten Täschchen in der behandschuhten Hand, mit Augen, in denen das Licht des Abends fortleuchtete, in engen Kleidern von englischem Schnitt oder in faltigen, schleppenden Röcken und Roben, die sich wundervoll breit in der Straße bewegten. Die Frau, dachte Simon, wie verherrlicht sie das Bild der städtischen Straße. Sie ist wie geschaffen zum promenieren. Man fühlt, sie promeniert, sie genießt ihr eigenes, wiegendes, schönes Gehen. Am Abend geben die Frauen den Ton des Abends an, dazu passen ihre Figuren mit diesen Armen voll Wehmut und Fülle und diesen Brüsten voll atmender Beweglichkeit. Ihre Hände in Handschuhen sehen wie Kinder in Masken aus, mit denen sie winken, in denen sie immer etwas halten. Ihre ganze Haltung setzt die abendliche Welt in tönende Musik um. Wenn man jetzt, so wie ich es tue, hinter ihnen hergeht, so gehört man schon zu ihnen, in Gedanken, in fühlenden Schwankungen, in schlagenden Wellen, die an das Herz schlagen. Sie winken nicht, und doch winken sie einem. Obschon sie keine Fächer tragen, sieht man in einer ihrer Hände einen Fächer und er blitzt und blendet wie getriebenes Silber in dem verlorenen, verschwommenen Abendlicht. Die reifen, üppigen Frauen passen besonders schön zum Abend, so wie Greisinnen in den Winter und blühende Mädchen in den eben erwachten Tag hineinpassen, wie Kinder in den dämmernden Morgen und junge Ehegattinnen in den heißen Mittag, wo die Sonne der Welt am glühendsten scheint.
Es war neun Uhr, als Simon wieder nach Hause kam. Er hatte sich verspätet und mußte Vorwürfe anhören, wie dieser: wenn das noch einmal, noch ein einziges Mal vorkomme, so – – dann –. Er hörte eigentlich nicht, sondern vernahm nur den Klang des Vorwurfes, innerlich lachte er, äußerlich schien er betrübt, das heißt, er setzte ein dummes Gesicht auf und fand es nicht für notwendig, den Mund aufzutun, um etwas zu erwidern. Er zog den Knaben aus, legte ihn in das Bett und zündete ein kleines Nachtlicht an.
»Dürfte ich um ein Licht für mich bitten,« fragte er die Dame.
»Was wollen Sie mit dem Licht?«
»Einen Brief schreiben.«
»Kommen Sie zu mir herein, da können Sie schreiben!« sagte die Dame.
Und er durfte sich an ihren Schreibtisch setzen. Sie gab ihm einen Briefbogen, einen Briefumschlag für die Adresse, eine Marke, eine Feder und erlaubte ihm, ihre Briefmappe als Unterlage zu benutzen. Sie saß dicht daneben, in einem Sessel, eine Zeitung lesend, während er schrieb:
Lieber Kaspar. Ich bin wieder in der dir bekannten Stadt und sitze an einem schönen, dunkelgefärbten Schreibtisch in einem hellerleuchteten Zimmer, während unten in der Straße, in der Sommernacht, unter den Bäumen voll herunterhängender Blätter die Menschen lustwandeln. Ich kann leider nicht mitpromenieren, denn ich bin an ein Haus gefesselt, nicht gerade mit Händen und Füßen, aber mit dem Pflichtbewußtsein, das ich nach und nach ausbilde, und das auch schließlich einmal da sein will. Ich bin der Diener einer Frau geworden, die einen kranken, kleinen Knaben hat, den ich pflegen muß, nicht viel anders, als wie eine Mutter ihren Sohn pflegt, denn seine Mutter, meine Herrin, wacht über jeder meiner Bewegungen, als wäre ihr Auge der Leiter meines Tuns und als flöße sie mir ihre eigene Sorgfalt ein, wenn ich mit dem Knaben beschäftigt bin. Sie sitzt jetzt, während ich an dich schreibe, neben mir, in einem Sessel, denn es ist ihr eigenes Kabinett, in dem ich sitze durch ihre Erlaubnis. Die Dinge liegen jetzt so, daß ich jedesmal, wenn mich eine persönliche Sache hinaustreibt, zuerst fragen muß, darf ich ausgehen?, wie ein Lehrjunge, der seinen Meister fragen muß. Immerhin, es ist doch wenigstens eine Dame, die ich um so etwas bitten muß, und das versüßt ein wenig die Sache. Unter Dienen versteht man das Aufpassen auf Befehle, die Vorausahnung der Wünsche, die fertige Fixheit und fixe Fertigkeit im Tafeldecken und Teppichabbürsten, mußt du wissen, wenn du es noch nicht weißt. Ich habe bereits eine gewisse Vollkommenheit darin erlangt, meiner Frau, die ich schlechthin meine Frau heiße, die Schuhe zu putzen. Es ist nur ein kleines, geringes Geschäft, und doch verlangt es auch Streben nach Vollendung, wie das Größte. Mit dem kleinen, jungen Herrn werde ich, wenn es schönes Wetter ist, in Zukunft spazieren gehen müssen. Dazu ist ein braunes Wägelchen da, in dem ich den Knaben ausfahren kann, worauf ich mich, wenn ich recht nachdenke, eigentlich wenig freue, da es langweilig sein wird. Du lieber Gott, ich werde es tun müssen. Meine Herrin gehört zu der Sorte von Weibern, an denen das Hervorstechende und Markante das Bürgerliche ist. Sie ist durch und durch Hausfrau, aber in so strengem und schlichtem Sinn, daß man sagen kann: es ist vornehm. Zu zürnen versteht sie meisterlich und ich wiederum bin Meister darin, ihr dazu Anlaß zu geben. Zum Beispiel heute zerschlug sie einen reichen Porzellannapf aus Gedankenlosigkeit und ward böse auf mich, daß ich es nicht war, der ihn zerschlug. Sie zürnte mich an, weil ich der unangenehme Zeuge ihrer Ungeschicktheit war und sie machte ein Gesicht, wie es die Fliegenden Blätter öfters in ihren Darstellungen bringen. Ein reines Fliegende-Blätter-Gesicht. Ich habe die Scherben recht zärtlich-langsam aufgehoben, um die Frau zu ärgern, denn ich muß sagen, ich ärgere sie gern. Sie ist reizend im Ärger. Schön ist sie nicht, aber solche strenge Frauen atmen, wenn sie in lebhafte Bewegung kommen, einen tiefen Zauber aus. Die ganze sittsame Vergangenheit solcher Frauen zittert in ihren Erregungen, die deshalb köstlich anzuschauen sind, weil sie aus so zarten Ursachen entflammen. Für mich ist das nun einmal so, ich muß solche Weiber lieb haben, denn ich bewundere und bemitleide sie zu gleicher Zeit. Hochmütig können solche Frauen sein in Sprache und Gebaren, daß die Wangen beinahe platzen und sich der Mund zu schmerzendstem Hohn zuspitzt. Ich liebe solchen Hohn, denn er macht mich zittern, und ich bin gern voll Scham und Wut: das treibt zu Höherem, das reizt zu Taten. Aber meine Frau da, die höhnische, ist doch nur ein gutes, sanftes Weib, ich weiß es, und das ist die Schurkerei an der Sache: daß ich es weiß. Wenn ich ihr, auf ihren befehlenden Ton hin, gehorche, so muß ich dabei lachen, denn ich bemerke, es freut sie, zu sehen, wie gern und schnell ich gehorche. Wenn ich sie nun um etwas bitte, so schnauzt sie mich an und gewährt doch gütig, vielleicht mit ein wenig Ärger darüber, daß ich in solch einer Art und Weise bitte, der man gewähren muß. Ich tu ihr immer ein bißchen weh, und denke: ganz recht! Tu das! Tu ihr immer ein bißchen weh. Das ist amüsant für sie. Das will sie. Das erwartet sie nicht anders! Frauen sind so leicht erkennbar, und doch haben sie so viel Unerkennbares. Nicht wahr, das ist seltsam, lieber Bruder! Sie sind jedenfalls das Belehrendste, was es auf der Welt für einen Mann gibt. – Wenn die wüßte, die neben mir sitzt, was ich schreibe! Einer meiner brennendsten Wünsche ist, so bald wie möglich von ihr eine Ohrfeige zu erhalten, aber ich muß leider zu meinem Schmerz daran zweifeln, daß sie dazu imstande ist. Eine klatschende Ohrfeige ins Gesicht: ich möchte alle Küsse, die ich noch erwarten darf, dafür weggeben. Dieses mit der Ohrfeige ist nun eigentlich eine abscheuliche, aber dafür eine echt bourgeoise Empfindung: sie lenkt in die Kindheit zurück, und wann hätte man nicht öfters Sehnsucht nach dem Weit-zurückliegenden? Meine Frau hat so etwas Zurückliegendes, etwas, bei dessen Anschauen man weit, weit zurückdenkt, an eine vielleicht noch frühere Zeit als die Kindheit ist. Ich werde ihr wahrscheinlich einmal die Hand küssen und dann wird sie mich zum Kuckuck jagen, zum Tempel hinaus, wie man sagt. Mag ich's und mag sie's dann. Was wird daran liegen. – O ich verteufle hier, kann ich dir nur sagen, ich merke es schon jetzt. Mein Geist gibt sich mit Serviettenfalten und Messerputzen ab und das Schiefe ist, es gefällt mir. Kannst du dir eine größere Versimplung denken! Wie geht es dir? Ich war drei Monate lang auf dem Land, aber es ist mir, als sei diese Zeit schon weit hinter mir zurück. Ich habe alle Aussicht, ein Mensch zu werden, der sich völlig dem Tag hingibt, ohne seiner Verwandtschaft mit schwebenderen Dingen mehr zu gedenken. Manchmal bin ich sogar zu faul, an dich zu denken, und das scheint mir schon eine große Trägheit zu sein. Klara hoffe ich bald einmal wieder zu sehen. Vielleicht hast du sie bereits vergessen, und dann habe ich nicht an diesen Gegenstand zu rühren. Ich tue es auch nicht. Adieu, mein Bruder.
»An wen haben Sie geschrieben,« fragte die Frau, ermüdet vom Zeitungslesen, als sie sah, daß Simon den Brief beendet hatte.
»An einen Freund von mir, der jetzt in Paris lebt.«
»Was ist er?«
»Er war zuerst Buchbinder, da er aber mit diesem Beruf nicht reüssierte, ist er Restaurationskellner geworden. Ich liebe ihn sehr, er ist mit mir in die Schule gegangen, und dort habe ich mich ihm angeschlossen, weil er unglücklich war schon als Knabe. Ich habe eines Tages gesehen, wie er von seinen Klassengenossen verhöhnt, und dann eine steinerne Treppe hinuntergeworfen wurde, wobei ich gerade in seine schönen, erschreckten, gramvollen Augen sehen mußte. Seit diesem Tage bin ich sein innigster Freund geworden, und wenn das Mitleid wirklich bindet, so muß ich mich ihm verbunden fühlen, auch ohne darüber nachzudenken, für immer! Er ist ein Jahr älter als ich, aber mir um Jahre vorgeschritten in Sitte und Lebensart, denn er hat immer in Weltstädten gelebt, wo der Mensch schneller reif wird. Früher hat er viel von der Malerei geschwärmt, hat oft auch, während der Ausübung seines Buchbindergewerbes, versucht, Bilder zu malen, ist aber damit zu seinem Schmerz nicht vorwärtsgekommen, und hat mir eines Tages schamhaft zugestanden, daß er sich entschlossen habe, sich ganz in den Strudel der Welt zu werfen, die Kunst, seine Träumerei, zu vergessen, und ist Kellner geworden. Welch ein Absturz, und zugleich: welch ein bewundernswerter Aufschwung! Ich habe ihm gesagt, daß ich ihn dafür liebe und bewundere, um ihn zu trösten, wenn er in stillen, einsamen Stunden sich dem Weh der Erinnerung verfallen sehen mußte. Das ist klar, daß er oft Sehnsucht nach jenem Besseren empfinden muß, während um ihn das Leben lärmt. Aber sehen Sie, gnädige Frau, dieser Mensch ist stolz und gut. Zu stolz, um einem verpaßten Leben nachzutrauern, und zu gut, um es ganz beiseite lassen zu können. Ich kenne jede seiner Empfindungen. Einmal hat er mir geschrieben, er sterbe wohl bald vor Öde und Langeweile. Das war seine Seele. Und ein anderes Mal schrieb er mir: »Die dumme Träumerei! Das Leben ist das Süße. Ich trinke Absinth und bin selig!« Das war sein Mannesstolz. Sie müssen wissen: Die Frauen schwärmen für ihn, denn er hat etwas Herzenherausforderndes an sich und wieder etwas Eisig-Kaltes. Seine ganze Erscheinung, trotz des Kellnerfrackes, atmet Liebe und Takt.«
»Wie heißt er, dieser verunglückte Mensch,« fragte die Frau.
»Kaspar Tanner.«
»Wie? Tanner? So heißen ja Sie auch. Er ist also Ihr Bruder und Sie sagten vorhin, er sei Ihr Freund.«
»Freilich, mein Bruder, aber viel mehr mein Freund! Solch einen Bruder muß man Freund nennen, wenn man die richtige Bezeichnung haben will. Wir sind nur zufällig Brüder, aber Freunde sind wir mit Bewußtsein, und das ist viel wertvoller. Was ist Bruderliebe? Als wir noch Brüder waren, packten wir uns eines Tages am Halse, beidseitig, und wollten uns den Garaus machen. Hübsche Liebe! Unter Brüdern ist der Neid und der Haß nichts Außerordentliches. Wenn Freunde sich hassen, gehen sie auseinander, wenn Brüder sich hassen, denen das Geschick das Zusammenleben unter einem Dache vorschreibt, geht es nicht so gelinde zu. Aber das ist eine alte und unschöne Geschichte.«
»Warum schließen Sie Ihren Brief nicht zu?«
»Ich möchte Sie bitten, von dem, was ich geschrieben habe, Kenntnis zu nehmen.«
Die Frau lächelte:
»Nein, das tu ich nicht.«
»Ich habe unziemlich von Ihnen gesprochen in dem Brief.«
»Es wird nicht so schlimm sein,« bemerkte sie und stand auf: »Gehen Sie zu Bett.«
Simon tat, was sie befahl, und dachte, indem er hinausging:
»Ich werde immer frecher. Bald jagt sie mich noch zum Haus hinaus!« –
Dreizehntes Kapitel.
Nach Verlauf von drei Wochen befand sich Simon, frei aller Verpflichtungen, in einer engen, steilen, heißen Gasse und überlegte, ob er in ein Haus treten solle, oder nicht. Die Mittagssonne brannte hinunter und preßte alle üblen Dünste aus den Mauern heraus. Kein Lüftchen wehte. Wo hätte ein Lüftchen in diese Gasse eindringen können. Draußen in den modernen Straßen mochte es wehen, aber hier schien schon seit Jahrhunderten kein Windzug mehr getrieben und gefegt zu haben. Simon hatte eine kleine Summe Geld in der Tasche. Sollte er in die Eisenbahn steigen und in die Berge reisen? Es reiste jetzt alles in die Berge. Seltsame, fremde Menschen, Männer und Frauen, zogen einzeln, paar- oder gruppenweise durch die weißen, hellen Straßen. Von den Hüten der Damen flatterten lustige Schleier herab und die Männer gingen in Kniehosen, und gelben Sommerschuhen. Sollte sich nicht Simon dazu entschließen, diesen Fremden in die Berge nachzureisen? Kühl wäre es sicher dort oben, und in einem hochgelegenen Hotel würde er sicher Arbeit finden. Er konnte ja den Führer spielen, stark war er genug dazu, und auch klug genug, um bei Gelegenheit sagen zu können: »Sehen Sie, meine Damen und Herren, diesen Wasserfall, oder diesen Bergsturz, oder dieses Dorf, oder diese Felswand, oder diesen blauen, schimmernden Fluß.« Er würde das Zeugs dazu haben, um den reisenden Herrschaften mit Worten eine Landschaft zu schildern. Auch könnte er ja, wenn der Fall einträte, eine ermüdete und ängstliche Engländerin in seinen Armen tragen, wenn es gälte, einen Paß von drei Schuh Breite zu überschreiten. Lust dazu hätte er ja. Überhaupt, die Amerikanerinnen und die Engländerinnen: er würde englisch sprechen lernen, und das war nach seinen Begriffen eine süße Sprache, die so gelispelt und gehaucht klang, so schroff und weich zugleich.
Aber er ging nicht in die Berge, sondern in das alte, hohe, dicke, finstere Haus in der Gasse, klopfte an eine Türe, und fragte eine Frau, die herauskam, um zu sehen, wer klopfe, ob hier ein Zimmer zu vergeben sei.
»Ja, es sei eines.«
»Ob er es wohl ansehen könne, und ob es wohl ein Zimmer sei, nicht zu groß, nicht zu teuer, für einen ärmeren Menschen?«
Nachdem sie ihm das Zimmer gezeigt hatte, fragte die Frau:
»Was sind Sie?«
»O, ich bin nichts. Stellenlos bin ich. Aber ich werde mir eine Stelle suchen. Seien sie unbesorgt. Ich bezahle Ihnen diese Summe hier zum voraus, damit Sie einigermaßen ruhig sein können. Hier, bitte!«
Und er gab ihr ein größeres Geldstück als Vorausbezahlung in die Hand. Es war eine fette Frauenhand, und die Frau, die zufrieden war, sagte:
»Leider ist das Zimmer nicht sonnig, es geht auf die Gasse.«
»Das ist mir sehr lieb,« erwiderte Simon, »ich liebe den Schatten. Ich würde jetzt die Sonne im Zimmer nur hassen, bei dieser warmen Jahreszeit. Das Zimmer ist sehr hübsch, und ich muß sagen, sehr billig. Es ist für mich wie geschaffen. Das Bett scheint gut zu sein. O ja. Bitte. Untersuchen wir es nicht erst lange. Hier ist auch ein Kleiderschrank, der mehr Kleider fassen könnte, als ich besitze, und hier bemerke ich zu meinem freudigen Erstaunen einen Lehnsessel zum bequemen Sitzen. In der Tat, wenn das Zimmer solch einen Sessel aufweist, so ist es in meinen Augen überreich ausgestattet. Dort hängt sogar ein Bild an der Wand: ich liebe das, wenn nur ein einziges Bild im Zimmer hängt, man kann es um so inniger betrachten. Einen Spiegel sehe ich auch, um mein Gesicht darin zu betrachten. Es ist ein gutes Glas und gibt die Züge deutlich wieder. Es gibt viele Spiegelgläser, die die Züge verzerrt wiedergeben, wenn man hineinschaut. Dieser Spiegel ist ganz vortrefflich. Hier an diesem Tisch werde ich meine Offertschreiben abfassen, die ich an verschiedene Geschäftshäuser absenden will, um eine Anstellung zu erlangen. Ich hoffe, es wird mir glücken. Ich sehe gar nicht ein, warum es mir nicht glücken sollte, da es mir schon so oft geglückt ist. Sie müssen wissen, ich habe öfters die Stellen gewechselt. Das ist ein Fehler, den ich hoffe beiseite legen zu können. Sie lächeln! Ja, das ist aber sehr ernst. Mit dem Zimmer haben Sie mir sozusagen eine Gnade erwiesen, denn es ist ein Zimmer, worin sich ein Mensch, wie ich bin, glücklich fühlen kann. Ich werde mich immer bemühen, meinen Verpflichtungen Ihnen gegenüber prompt nachzukommen.«
»Ich glaube es auch,« sagte die Frau.
»Ich wollte,« fuhr Simon fort, »zuerst in die Berge gehen. Aber dieses schattige Zimmer ist schöner als selbst die weißesten Berge. Ich fühle mich ein bißchen matt und möchte mich eine Stunde hinlegen, darf ich das?«
»Ei, freilich! Es ist doch jetzt Ihr Zimmer!«
Und dann legte er sich schlafen.
Er hatte einen sonderbaren Traum, der ihn noch lange nachher beschäftigte:
Es war in Paris, aber warum es in Paris war, das wußte er nicht mehr. Zuerst ging er durch eine Straße, die war ganz mit grünem, saftigem Laub bedeckt, so daß die Schleppen der Damen das Laub rauschend hinter sich nachzogen. Immer fiel ein leiser grüner Regen von kleinen, flüsternden Blättern, und ein unaussprechlich sanfter Wind wehte daher, wie ein Hauch von Wolken. Die Häuser waren wunderbar hoch, bald grau, bald gelblich, bald schneeweiß. Die Männer, die auf der Straße dahergingen, trugen die Locken lang herunter, wo sie über die Schultern fielen, auch Zwerge mit schwarzen Fräcken und roten Hüten liefen, sie konnten den anderen zwischen den gekreuzten Beinen durchschlüpfen. Die Damen in ihren Schleppen waren herrliche Figuren, groß, viel größer als die Männer, die doch auch schlank erschienen. An den schlanken Büsten der Damen hingen Lorgnetten bis zum Leib hinunter und ein Bogen von schweren, üppigen Haaren überspannte ihre lieblichen Köpfe. Obenauf saßen winzige Hütchen mit noch winzigeren Federchen, aber einzelne trugen große, weit und herrlich herunterfallende Federn, die den ganzen Kopf zurückzubiegen schienen. Etwas Wundervolles waren die Hände und die Arme der Frauen, die mit langen, schwarzen Handschuhen bis über die zierlichen Ellbogen hinaus bedeckt waren. Es schien überhaupt, so weit man blickte, alles wundervoll. Die großen Häuser wollten sich immer auf und nieder bewegen wie seltsame natürliche Kulissen in einem Theater. Das Licht gehörte halb dem Tag und halb wieder der vorgerückten Nacht. Jetzt gelangte man zu einem Haus, das ganz mit wildem Grün überdeckt war. »Dort wohnen die schönsten Frauen von Paris«, wurde einem gesagt, wenn man frug. Auf einmal bog sich eine duftige, weiße Wolke in die Straße herunter. Wenn man erstaunt fragte: »Was ist das?« wurde geantwortet: »Sie sehen, es ist eine Wolke. Eine Wolke ist in den Pariserstraßen keine seltene Erscheinung. Sie aber sind wohl Ausländer, daß Sie sich noch darüber verwundern können.« Die Wolke blieb als ein weißer Schaum, ähnlich einem großen Schwane, auf der Straße liegen. Viele Damen liefen zu ihr hin und rupften kleine Stücke davon ab und setzten sie sich, unter wundervollen Armbewegungen, auf die Hüte oder warfen sie einander scherzend zu, daß sie an den Kleidern hängen blieben. Man dachte: »Seht doch, diese Pariser! Da lächeln sie leicht über den Ausländer, der sich wundert. Aber wundern sich die Pariser nicht selber jeden neuen Tag über die Schönheiten ihrer Stadt!« Dann kamen die bösen Pariser-Gassenjungen und kitzelten die Wolke mit brennenden Streichhölzchen, da flog die Wolke wieder auf, leicht und majestätisch in die Höhe, bis sie über den Häusern verschwand. Wieder beobachtete man die Straße. In den schönen, vorspringenden Restaurants servierten die Kellner in hellgrauen Fräcken und die Damen tranken Kaffee und plauderten mit ihren entzückenden Stimmen. Poeten standen auf erhöhten Brettern und sangen die Lieder, die sie zu Hause gedichtet hatten. Sie waren in braunen, edlen Samt gekleidet. Es waren keine lächerlichen Erscheinungen, nichts weniger als das. Man amüsierte sich mit dem, was sie zum besten gaben, ohne ihnen besondere Aufmerksamkeit zu schenken, was in Paris unmöglich wäre. Schöne, schlanke Hunde liefen hinter den Menschen her und betrugen sich so, als wüßten sie, daß man sich in Paris gut aufführen muß. Jegliche Figur und Erscheinung schien mehr zu schweben, als zu gehen, mehr zu tanzen, als zu schreiten, mehr zu fliegen als zu laufen. Und doch lief, ging, sprang, schritt und marschierte alles ganz natürlich. Die Natur schien sich in dieser Straße niedergesetzt zu haben. Ganze Schafherden durchzogen mit Geläute, das immer bim-bim machte, die Straße wie ein abendliches Tal, den dunkelgekleideten Hirten voran. Dann kamen Kühe mit großen Glocken: bim-bam und: bum-bum! Und doch war es eine Straße und gar keine Bergweide, mitten in Paris war es, im Herzen der europäischen Eleganz. Allerdings, die Straße war breit wie ein großer, breiter Strom. Jetzt auf einmal wurden die Lichter angezündet, von kleinen, behenden Jungen, die lange Anzünderstäbe trugen. Mit diesen machten sie die Hähne oben an den Laternen auf, daß das Gas herausströmte aus den Leitungen und zündeten dann an. So sprangen sie von einer Laterne zur andern, bis alle angezündet waren. Nun schimmerten die Lichter überall hervor und schienen zu wandern mit den beweglichen Menschen. Was war das für ein zauberhaftes, weißes Licht, und diese Teufelsjungen, die es entzündeten, wo sprangen sie her, wo hin, wo weg, wo hinaus? Wo waren sie zu Hause, hatten sie auch Eltern, Brüder, Schwestern, gingen sie auch zur Schule, konnten sie auch groß werden, Frauen heiraten, Kinder erzeugen, alt werden und sterben? Sie waren alle in blaue kurze Röcke gekleidet gewesen und schienen Gummischuhe getragen zu haben, denn man hörte sie nur huschen, nicht gehen. Weg waren sie. Nun sah man, so wie es Abend wurde, wunderbar-merkwürdige Frauengestalten auf der wandelnden Straße. Sie trugen übergroße Haarfüllen, mit hellgelben und tiefschwarzen Haaren. Ihre Augen glänzten und schimmerten, daß es einem weh tat. Das Herrlichste an ihnen waren die Beine, die nicht von Schleppen oder Röcken bedeckt waren, sondern sich zeigten bis zur Kniehöhe, von wo an eine spitzenrauschende Hose sie umhüllte. Die Füße, bis hinauf beinahe zu den biegsamen Knieen, waren mit hohen, aus feinstem Leder geschaffenen Schuhen bekleidet. Die Schuhe selbst waren das Zarteste, was sich dazu eignen konnte, einen bewegsamen Frauenfuß zu umschließen. Man mußte nur sehen und aus dem Herzen heraus lachen. Der Gang dieser Frauen hatte etwas zum Jubeln Schwebendes, wieder Schweres und wieder Tanzendes. Wie die gingen, das war zum Nachzeichnen und Mitfühlen, das hob einen mit, und zog einen nach, machte einen mit den Augen das Süße anträumen, machte die Seele erwachen und nachdenken darüber, wie es komme, daß Gott die Frauen so schön erschaffen. Man fühlte lebhaft: »Wenn die Götter irgendwo heimisch sein könnten auf der Erde, was zwar nicht denkbar, so müßte dieser Ort Paris sein.« Auf einmal, ohne daß er es sich versah, befand sich Simon auf einer aus dunklem Holz gezimmerten und geschnitzten Treppe, die ihn in ein Zimmer hinaufführte, wo auf einem Diwan ein schlafendes Mädchen lag. Wie er näher zusah, war es Klara. Ein Kätzchen schlummerte neben ihr, und die Schlafende hielt es mit dem Arm umschlungen. Ein Diener, ein Neger, trug ein Abendessen herein, und Simon setzte sich an den Tisch, während aus der Zimmerdecke hernieder, wie das Geplätscher eines kostbaren, erfinderischen Brunnens, eine leise, gedämpfte Musik rauschte, die bald in der Ferne und bald neben seinem Ohr erklang. »In Paris wird seltsam serviert,« dachte Simon, indem er es sich, wie in einem Märchen von Gebrüder Grimm, wohlschmecken ließ. Da erwachte die Schlafende. »Komm, ich will dir etwas zeigen,« lispelte sie ihm zu. Er erhob sich, und sie öffnete mit einem Zauberstab, wie es schien, eine Flügeltüre, wenigstens sah man nicht, daß sie eine ihrer Hände dazu gebrauchte. »Ich bin jetzt eine Zauberin geworden,« lächelte sie den erstaunten Simon an, »zweifle nicht daran, aber laß es dich auch keineswegs erschrecken. Ich zeige dir nichts Abstoßendes.« Er ging mit ihr in das andere Zimmer, sie hauchte ihn mit ihrem duftenden, warmen Atem an, und auf einmal erblickte er seinen Bruder Klaus, wie er dasaß und an seinem Schreibtische schrieb. »Er ist fleißig und schreibt an seinem Lebenswerke,« sprach Klara mit leiser, hindeutender Stimme. »Siehst du, wie er ein gedankenvolles Gesicht macht. Er geht in seinen Betrachtungen über den Lauf der Flüsse, die Geschichte und das Alter der Berge, die Windungen der Täler und der Erdschichten unter. Aber dazwischen denkt er jetzt seines Bruders, er denkt an dich! Sieh, wie seine Stirne sich faltet. Du scheinst ihm Sorgen zu machen, du Böser! Er kann leider nicht sprechen, sonst würden wir beide hören, wie er denkt über dich und was er zu deinem Tun meint, das ihn bekümmert. Er liebt dich, sieh ihn nur an! Ein solcher Mensch liebt seinen Bruder und möchte ihn in der Welt als braven, geachteten Mann wissen. Aber das Bild löst sich, wie ich sehe, schon auf. Komm. Ich zeige dir jetzt etwas anderes.« – Indem sie das sagte, öffnete sie zugleich eine zweite, etwas kleinere Türe mit ihrem Stäbchen, das sie wirklich in der Hand trug, und Simon erblickte seine Schwester Hedwig ausgestreckt auf einem mit weißen Linnen bedeckten Lager. Es duftete wundervoll nach Kräutern und Blumen in diesem Gemach. »Sieh sie an,« sagte Klara, und ein Zittern ließ ihre klare, leise Stimme erbeben, »sie ist gestorben. Das Leben tat ihr zu weh. Weißt du, was es heißt, Mädchen sein und leiden? Ich habe ihr einen Brief geschrieben, einen langen, heißen, sehnsuchtsvollen Brief, damals, du weißt, und sie hebt nie mehr die Hand, um mir zu antworten. Sie geht, ohne auf die Frage der Welt: »Warum kommst du nicht?« geantwortet zu haben. Wie sie wortlos scheidet: so mädchen- und blumenhaft! Wie lieb sie war. Du als Bruder empfindest das lange nicht so, wie ich als Freundin. Siehst du, wie sie lächelt! Wenn sie noch reden könnte, würde sie sicher freundlich reden. Sie redete streng. Sie hat sich jammernd auf die Lippen gebissen. Das siehst du aber ihrem Mund nicht an. Der Tod muß sie geküßt haben, daß sie immer noch lächeln kann, im Tode! Es war ein tapferes Mädchen. Wie eine Blume ist sie gestorben, die stirbt, wenn sie welkt. Laß uns weiter gehen. In meinem Zauberreich darf man nicht gaffen. Habe ich dir weh getan, sag mal? Nein doch: was ist Schmerzendes an einem so schönen Tod? Ihr ließt sie leiden, das, das war schmerzhaft. Ich will dir nicht weh tun. Komm, jetzt wirst du noch etwas anderes sehen.« Und mit diesen Worten ließ sie eine dritte Tür aufspringen, und Simon schaute in ein geräumiges Maleratelier. Er spürte den Geruch von Ölfarben, und an den Wänden sah er seines Bruders Bilder herumhängen, er selber, Kaspar, arbeitete, den Rücken zeigend, an einer Staffelei, ganz versunken, wie es schien, in die Arbeit. »Still, störe ihn nicht, er arbeitet,« sagte Klara, »man darf Schaffende nicht stören. Ich wußte immer, daß er nur für die Kunst lebte, schon damals, als ich noch glaubte, ihm zu folgen, ihm folgen zu können. Nein, es ist besser so. Ich würde ihn nur aufgehalten und gehindert haben. Er muß alles um sich her vergessen, selbst das Liebste, wenn er will, daß er schaffen kann. Solch ein Schaffen verlangt Abtötung alles Lieben und Innigen, um eine Liebe und eine Innigkeit ganz auf das Schaffen zu übertragen. Das verstehst du nicht, das versteht nur er. Wenn du mich ihn so sehen siehst, glaubst du da nicht, daß es mich drängt, mich ihm in die Arme zu werfen? Zu hören, was er mir sagt, wenn ich ihn flüsternd und voll Bangen frage: »Liebst du mich, Kaspar?« Er würde mich dann sicher streicheln, aber ich würde voll Ahnung einen Zug des Mißmutes auf seiner schönen Stirne entdecken. Und diese Entdeckung würde mich, wie eine für immer Verdammte, tausend Höhen vor ihm in einen unwürdigen, schmutzigen Abgrund hinunterwerfen. Nein, das macht Klara nicht. Sie ist mir zu gut zu so etwas, und er ist mir zu gut und zu lieb, so, wie er ist. So stehe ich hinter seinem Rücken, und darf ruhig ahnen, wie er schafft, wie er die große, feurige, dampfende Kugel, die Kunst, vorwärtswälzt, einem herrlichen Ringer gleich, der seinen letzten Atemzug hergibt, um zum Siege über den Gegner zu gelangen. Siehst du, wie es ihn hinreißt, den Pinsel zu führen, womit er an der tausendtönigen Glocke seiner Farben läutet, jede Linie linienhafter, jede Farbe farbiger, jeden Druck bestimmter, und jede Sehnsucht sehnsuchtsvoller hinzumalen. Sein Blick, den ich so liebte, war von jeher in den Formen, und er bedarf hier in Paris nur einer einfachen Stube, um die Welt in Bildern zu erfassen. Die Natur hat er wie eine üppige Geliebte in seine Arme gefaßt und drückt nun Küsse um Küsse auf ihren Mund, daß beiden der Atem vergeht, ihm und der Natur. Es will mir beinahe scheinen, als sei die Natur, echten Künstlern gegenüber, machtlos und ohnmächtig vor Hingebung, wie eine solche Geliebte, von der man alles verlangt, was man will. Auf jeden Fall, und du siehst es, hat Kaspar zu tun, mit Kopf, Gefühl und mit beiden Händen; wie ein wildes, ungebändigtes Pferd zerrt und arbeitet er, und wenn er nachts schläft, so arbeitet er in wilden Träumen noch immer fort; denn die Kunst ist hart und scheint mir die schwerste Aufgabe, die sich ein ehrenhafter und aufrichtiger Mensch stellen kann. Störe ihn nie an seiner heiligen Aufgabe; denn er schafft für die Lust späterer Geschlechter. Wenn ich ihm nun so meine schwache, arme Liebe aufdrängen wollte, was wäre das für eine unschöne, verdammenswerte Sache. Eine Frau mag auch nicht gerne da küssen, wo sie fühlen muß, daß verletzte Gedanken zwischen den Küssen zucken, die sterben, die von den Küssen erwürgt werden. Welch eine unüberlegte Mörderin wäre man! So aber ist alles schön; ein bißchen weh tut es einem, hinter einem Rücken und hinter Schultern und Locken stehen zu sollen, aber man hört in seiner Seele dafür Glocken läuten und empfindet die süße Berechtigung und Makellosigkeit seiner Stellung in der Welt. Irgendwo müssen die Gefühle gedämpft und geordnet werden und Stellung behaupten. Selbst eine schwache Frau wird genau wissen, was sie in einem solchen Fall zu tun hat. Einem Künstler zuzuschauen, jeder seiner Bewegungen gedankenvoll zu folgen, ist schöner, als ihn beeinflussen zu wollen, als ob man gierig wollte, daß man auch etwas abbekäme, etwas bedeutete für ihn und die Welt. Jede Stellung hat ihre Bedeutung, aber das unbefugte Dreinreden und Einmischen niemals! Vieles müßte ich dir noch sagen. Aber komm jetzt.« – Wieder tönte eine wundersame, unbegreifliche Musik, aus allen Zimmern, zu allen Decken und Wänden heraus, wie ein fernes, aus einem kleinen Wäldchen kommendes, tausendstimmiges Vogelgezwitscher, als Simon von Klara weggeführt wurde. Sie traten wieder in das erste Gemach und sahen das schwarze Kätzchen mit seiner Pfote in einen dünnhalsigen Milchkrug hineingreifen. Als es aber die beiden Menschen sah, sprang es fort und kauerte sich hinter einen Stuhl, wo es mit seinen brennend-gelben Augen aufmerksam hervorguckte. Klara öffnete ein Fenster, und: wunderbarer Anblick! Es schneite in der sommerlichen, grünen Straße, und zwar so dicht, so sehr Flocke an Flocke, daß ein Hindurchschauen unmöglich war. »Das ist hier in Paris keine Seltenheit,« sagte Klara, »es schneit hier mitten im heißen Jahr, es gibt hier keine bestimmten Jahreszeiten, so wie es auch keine bestimmten Redensarten gibt. In Paris muß man auf alles schnell gefaßt sein. Wenn du längere Zeit hier wohnst, wirst du es auch lernen und wirst dir das Staunen, das nicht am Platz ist, abgewöhnen. Hier ist alles ein schnelles, graziöses, bescheidenes Erfassen. Achtung vor der Welt: das gilt hier als das Höchste und Feinste. Du wirst es schon lernen. Zum Beispiel, dieser Schnee: Was glaubst du wohl; wirst du dir denken können, daß er bis über die hohen Häuser hinaufkommen wird? Es ist so, und aller Wahrscheinlichkeit nach liegen wir jetzt einen Monat lang im Schnee begraben. Was tut es viel: wir haben Beleuchtung und eine warme Stube. Ich werde meistens schlafen; denn eine Zauberin muß eben viel schlafen; du wirst mit dem Kätzchen spielen oder ein Buch lesen, ich habe die schönsten Pariserromane hier in meiner Bibliothek. Die Pariserdichter schreiben entzückend, du wirst sehen. Und dann nach einem Monat, apropos: wir haben ja auch Musik, nicht wahr, und dann, wie gesagt, nach einem Monat ist Frühling in den Pariserstraßen. Da wirst du sehen, wie nach der langen Eingeschlossenheit sich die Menschen auf offener Straße umhalsen und Tränen der Wiedersehensfreude weinen werden. Es wird alles ein Umschlingen sein. Die Lust, die lange zurückgehaltene, wird zu den glänzenden Augen, zu den Lippen und Stimmen herausbrechen, und geküßt wird werden im Mai, aber du wirst es an dir selber erfahren. Stelle dir vor, die Luft wird ganz blau und warmfeucht in die Straßen hinuntersinken, der Himmel geht dann in Paris spazieren und mischt sich unter die entzückten Menschen. Die Bäume blühen an einem Tag empor und duften wunderbar, Vögel werden singen, Wolken werden tanzen und Blumen durch die Luft schwirren wie ein Regen. Und das Geld wird sich in den Taschen, selbst in den ärmsten und zerrissensten vorfinden. Aber ich will jetzt schlafen. Siehst du, wie ich schon schläfrig werde. Benutze du indessen die Zeit und studiere eines der Werke, das du finden wirst und das geeignet ist, dich einen ganzen Monat lang zu fesseln. Es gibt solche Bücher. Gute Nacht!« – Und damit schlief sie ein. Die Katze aber wollte sich zu ihr hinauf legen, Simon sprang ihr nach, sie entfloh, er ihr nach, und immer entwischte sie ihm aus den Händen, wenn er sie schon erfaßt hatte. Er sprang sich in eine furchtbare Atembeklemmung hinein, aus der er schließlich erwachte.
»Ich habe da einen wehmütigen Traum gehabt,« dachte er, als er sich vom Bette erhob.
Es war inzwischen Abend geworden. Er ging an das Fenster und schaute zum ersten Mal in die Gasse hinunter, die tief unter ihm lag. Zwei Männer gingen dort unten, sie hatten gerade Platz zwischen den hohen Mauern, um bequem nebeneinander herzugehen. Sie sprachen, und der Klang ihrer Worte drang seltsam deutlich zu seinen Ohren hinauf, die Mauern entlang die den Klang weitertrugen. Der Himmel war von einem goldenen, tief-satten Blau, das eine unbestimmte Sehnsucht erweckte. Simon gerade gegenüber tauchten jetzt im Fenster des andern Hauses zwei Weibergestalten auf und berührten ihn mit ihren ziemlich frechen, lachenden Blicken. Es war ihm, als würde er mit unsauberen Händen angerührt. Die eine der Gestalten sagte zu ihm hinüber, mit ganz gewöhnlich-lauter Stimme, – denn es war, als säße man zusammen zu Dritt in einem Zimmer, in dem sich nur zufällig ein schmales Band freier Himmelsluft befände: »Sie sind wohl sehr einsam!«
»O ja! Aber es ist hübsch, einsam zu sein!«
Und er schloß das Fenster, während die beiden Weiber in ein Gelächter ausbrachen. Was konnte er mit ihnen reden, was nicht unflätig gewesen wäre. Heute war er nicht aufgelegt. Die Veränderung, die wieder in sein Leben eingerissen war, hatte ihn ernst gestimmt. Er zog die weißen Vorhänge vor, zündete die Lampe an, und las in dem Roman von Stendhal weiter, den er auf dem Land, bei Hedwig, nicht hatte fertig lesen können.
Vierzehntes Kapitel.
Nachdem er eine Stunde gelesen hatte, löschte er die Lampe aus, öffnete das Fenster, ging zum Zimmer hinaus, zu der Haustüre hinaus, auf die steile Straße. Eine schwere, warme Dunkelheit empfing ihn. Das alte Stadtviertel war voll von kleinen Wirtschaften, so daß einem beim Gehen die Wahl schwer werden konnte. Er ging noch einige Schritte in der lebhaft von Menschen erfüllten Straße und trat dann in eine Kneipe ein. Um einen runden Tisch herum war eine kleine, fröhliche Gesellschaft versammelt, deren Mittelpunkt ein kleiner Spaßmacher sein mußte; denn alles lachte, sowie er nun den Mund auftat. Es mußte einer jener Menschen sein, die, was sie auch sagen mochten, stets komisch und lachmuskelerregend wirkten. Simon setzte sich zu zwei noch jungen Männern an den gleichen Tisch und horchte unwillkürlich auf das, was sie sprachen. Sie sprachen ernsthaft und in ziemlich klugen Ausdrücken miteinander. Der Gegenstand ihrer Auseinandersetzung schien ein junger, unglücklicher Mann zu sein, den sie beide mochten näher gekannt haben. Jetzt aber ließ der eine von ihnen den andern, ohne ihn zu unterbrechen, erzählen, und Simon hörte folgendes:
»Ja, er war ein prachtvoller Kerl! Schon als Knabe, als er noch langes Haar und kurze Hosen trug und an der Hand eines Kindermädchens durch die Straßen der kleinen Stadt spazieren ging. Die Leute sagten, indem sie sich nach ihm umsahen: »Welch ein bildhübscher, kleiner Kerl!« Seine Aufgaben hat er mit viel Talent gemacht, ich meine seine Schüleraufgaben. Seine Lehrer haben ihn geliebt; denn er war sanft und gut zu erziehen. Seine Klugheit machte es ihm spielend leicht, seine Pflichten in der Schule zu erfüllen. Er hat prachtvoll geturnt, gezeichnet und gerechnet. Wenigstens weiß ich, daß ihn die Lehrer den später nachkommenden Schülergenerationen und sogar den weiter vorgeschrittenen Klassen als ein Muster gepriesen haben. Seine weichen Gesichtszüge mit den wundervollen Augen voll männlicher Ahnung bestrickten alle, die mit dem Knaben zu tun hatten. Er genoß eine gewisse Berühmtheit, als ihn seine Eltern auf die höhere Schule schickten. Von der Mutter verzärtelt, was jedermann begriff, und von allen bewundert, mußte sein Geist frühzeitig jene Weichheit der Bevorzugten und Anerkannten erhalten, jenes Gehenlassen, jene schöne Sorglosigkeit, die dem jungen Menschen gestattet, sich der Genüsse des Lebens spielend zu bemeistern. In die Ferien brachte er glänzende Zeugnisse und eine Schar junger Kameraden mit nach Hause und berauschte das Ohr seiner Mutter mit Erzählungen von seinen mannigfachen Erfolgen. Natürlich verschwieg er seiner Mutter die Erfolge, die er schon damals begann, bei den leichtfertigen Mädchen zu machen, die ihn schön und liebenswürdig fanden. Die Ferien benutzte er zu Wanderungen im Tiefland; auf den ausgedehnten, hohen Bergen, die ihn lockten, weil sie so hoch hinauf und so weit in die unbestimmteste Ferne sich hineindehnten, verbrachte er Tage, nicht nur Stunden, mit der ausgelassenen Gesellschaft von gleich schwärmerisch Gesinnten wie er selber. Er bannte und bezauberte sie alle. – Er glich in seiner Gesundheit und Schmiegsamkeit, sowohl seelisch wie körperlich, einem Gott, der nur zum Vergnügen eine Zeitlang auf dem Gymnasium zu studieren schien. Wenn er ging, sahen ihm die Mädchen nach, als würden sie von seinen zurückgeworfenen Blicken an ihn herangezogen. Auf seinem blonden, schönen Kopf trug er kokett die blaue Studentenmütze. Er war entzückend leichtsinnig. Einmal, es war gerade Jahrmarkt, und der große Platz, wo sonst das Vieh zusammengetrieben wird, stand voller Buden, Hütten, Karussells, Rutschbahnen und Reitbahnen, schoß er mit einem scharf geladenen Vogelgewehr, statt mit einer der üblichen, unschädlichen Flinten, in eine Schießbude hinein, vor der er immer zu sehen war, da ihn das Mädchen, das dort die Gewehre darreichte, entzückte. Die kleine Kugel drang durch die Leinewand der Bude hindurch, in den Wagen hinein, der dicht dahinter stand, und soll dort um ein Haar ein in einer Wiege schlafendes, kleines Kind verletzt haben. Es war der Wagen, den diese herumziehenden Leute als Familienwohnung benutzten. Der Streich kam natürlich aus, mehrere andere Streiche kamen zu dem einen, und das nächste Mal, als wieder Ferien waren, stand in dem Zeugnis des jungen Studenten eine bissige Bemerkung des Rektors, der gleichzeitig den Eltern einen Brief, großzügig und voll Feierlichkeit, schrieb, worin er ihnen ans Herz legte, ihren Sohn freiwillig aus der Schule zu nehmen, da sonst die Notwendigkeit bevorstünde, denselben auszuweisen. Gründe: sinnloses Betragen, Ansteckung, böse Einwirkung, Unverantwortlichkeit, hohe Verantwortung, Pflichten und doch Rücksichten und alles jenes, was eben für einen solchen Fall immer Gründe sind: die Sittlichkeit in Gefahr und: Schutz der noch Unverdorbenen, und so weiter.« –
Der erzählende Mann schwieg eine Weile.
Diese Gelegenheit benutzte Simon, um sich bemerkbar zu machen und sagte:
»Ihre Erzählung interessiert mich aus manchem Standpunkt. Bitte, gestatten Sie mir, daß ich Ihnen ferner zuhören darf. Ich bin ein junger, eben aus seiner Lebensstellung herausgetretener Mann und lerne vielleicht einiges aus Ihrer Erzählung; denn mir scheint, daß man immer gewinnt beim Anhören einer wahrhaften Geschichte.« –
Die beiden Männer sahen sich Simon aufmerksam an, doch schien er ihnen keinen unguten Eindruck zu machen, vielmehr bat ihn der, der erzählt hatte, nur zuzuhören, wenn es ihm Spaß machen könne, und jener erzählte weiter:
»Die Eltern des Jünglings gerieten natürlich ob dieser Ausweisung in große Bestürzung und in noch größeren Kummer; denn wo gäbe es Eltern, die so gleichgültig wären, daß sie sich in einem so betrübenden Fall, wie dieser war, in alltäglicher Weise benehmen könnten. Sie meinten zuerst, daß es am besten sei, den Schlingel ganz aus der gelehrten Laufbahn fortzunehmen, und ihn einen harten Beruf, wie Mechaniker oder Schlosser, lernen zu lassen. Das Wort und Land Amerika kam ihnen schon in den Sinn, es mußte ihnen angesichts der Lage ihres Sohnes beinahe von selbst zufliegen. Aber es kam anders. Wiederum siegte die Zärtlichkeit der Mutter, wie schon so oft, wenn der Vater energisch einzuschreiten gesonnen war, so auch bei dieser Gelegenheit. Der junge Mann wurde in ein entlegenes, einsames Seminar geschickt, wo er sich auf den Lehrerberuf vorzubereiten hatte. Es war ein französisches Seminar, wo der Junge gar nicht anders konnte, als sich, wie es sich geziemte, aufzuführen. Wenigstens ging er von da aus, nach Ablauf seiner Zeit, als praktischer, jugendlicher Lehrer in die Welt. In der Nähe seiner Heimatstadt bekam er eine vorläufige Stelle als Lehrer. Er unterrichtete die Kinder so gut, als er nur vermochte, las, wenn es ihm die Zeit erlaubte, zu Hause die französischen und englischen Klassiker in ihrer Sprache; denn er hatte für Sprachen ein wahrhaft wunderbares Talent, dachte heimlich an eine andere Karriere, schrieb Briefe nach Amerika zwecks einer Anstellung als Hauslehrer, die indessen erfolglos blieben, und trieb ein Leben zwischen Pflicht und scheuer Ungebundenheit. Da es Sommer war, ging er mit seinen Schülern öfters im tiefen, reißenden Kanal baden. Er badete dann selber mit, um seinen Schülern zu zeigen, wie man es anzustellen hatte, wenn man schwimmen lernen wollte. Eines Tages aber riß ihn der Wasserstrudel derart fort, daß es aussah, wie wenn er jetzt ertrinken mußte. Die Schüler rannten schon in das Städtchen zurück, wo sie schrieen: »Unser Lehrer ist ertrunken.« Aber der junge, kräftige Mann arbeitete sich aus den Wirbeln des tückischen Wassers heraus und kam wieder nach Hause. Nach einiger Zeit befand er sich indessen an einem anderen Ort, und zwar mitten in den Bergen, in einem kleinen, aber doch reichen Dorf, wo er angenehme Menschen fand, die ihn weniger als Lehrer wie vielmehr als Menschen respektierten. Er war ein vorzüglicher Klavierspieler und flotter Geselle überhaupt, der in einer Gesellschaft von einigen Menschen den Zauberfaden der Unterhaltung ganz nur um sich herum zu drehen verstand. Ein sehr liebes, aber schon nicht mehr junges Fräulein verliebte sich in den Lehrer, derart, daß sie ihm alles nur Mögliche an Bequemlichkeit und Komfort zukommen ließ und ihn mit den ersten Leuten im Dorf bekannt machte. Sie stammte aus einer alten Offiziersfamilie, deren Vorfahren einst in fremden Ländern Kriegsdienste verrichtet hatten. So schenkte sie ihm denn eines Tages zum Andenken einen zierlichen Galanterie-Degen, der immerhin eine nicht ungefährliche Waffe gewesen sein mochte und der vielleicht gar zu seiner Zeit einmal in Blut getaucht worden war. Es war ein feines Stück, und das gute, liebe Fräulein überreichte ihm den Zierrat mit niedergeschlagenen Augen, wobei sie vielleicht einen tiefen Seufzer unterdrückte. Sie hörte ihm zu, wenn er, in romantisch edler Haltung, am Klavier saß und darauf spielte, und konnte kein Auge von seiner Gestalt abwenden. Oft fuhr sie mit ihm zusammen, da es Winter war, auf dem hochgelegenen, kleinen Bergsee Schlittschuh, und beide freuten sich dieses schönen Vergnügens. Aber der junge Mann wünschte bald wieder abzureisen, um so mehr, da er nur zu lebhaft die warmen, verlockenden Bande fühlte, die ihn so gern für immer an das Dorf gefesselt hätten, denen er aber entfliehen mußte, wenn er irgendwie noch den Wunsch besaß, nach etwas Großem in der Welt zu streben. Er reiste, und zwar mit dem Gelde des Fräuleins, die reich war, und die sich eine wehmütige und kummervolle Freude daraus machte, es ihm ohne jeden Vorbehalt zu geben. So ging er nach München, wo er ein ziemlich flottes Leben führte, nach Art der dortigen Studenten, kam wieder heim, sah sich nach einer Stelle um, und erhielt eine solche in einem Privatinstitut, das am Fuße einer tannenwaldgeschmückten Bergkette lag. Dort mußte er junge Bürschlein aus allen Erdteilen, reicher Leute Kinder, unterrichten, tat es eine Zeitlang mit großer Liebe und viel Interesse, bekam Händel mit seinem Vorgesetzten, dem Inhaber des Institutes, und reiste wieder weg. Dann kam Italien an die Reihe, wohin er sich als Hauslehrer begab, und dann England, wo er auf einem Gutsitze zwei aufwachsende Mädchen unterrichtete, mit denen er indessen nur Tollheiten trieb. Er kam wieder heim, wilde Ideen spukten in seinem Kopf, und in seinem leer gewordenen Herzen brannten nur noch hilflose Phantasieen, die keine Rechte auf die Wirklichkeit besaßen. Seine Mutter, in deren Schoß sich zu werfen es ihn verlangte, starb zu dieser Zeit. Er war leer und trostlos. Er bildete sich ein, sich jetzt auf die Politik werfen zu sollen, aber er besaß für dieses Fach weder die genügende Übersicht und Ruhe, noch auch nur den nötigen Schliff und Takt mehr. Er schrieb auch Börsenberichte, aber ohne Sinn; denn er dichtete sie, und zwar aus einem bereits zerstörten Geiste heraus. Er verfaßte Gedichte, Dramen und musikalische Kompositionen, malte, zeichnete, aber dilettantisch und kindlich. Inzwischen hatte er wiederum Stellung genommen, freilich nur für kurze Zeit, und dann wieder Stellung, und dann wieder! An einem halben Dutzend Orten trieb er sich herum, glaubte und sah sich überall betrogen und verletzt, verlor den Anstand vor den Schülern, lieh Geld von ihnen; denn er besaß nie Geld. Noch war er ein schlanker, schöner Mensch, sanft und vornehm von Ansehen und immer noch edel in seinem Betragen, solange er mit seinem Kopf oben war. Aber das war nur noch selten der Fall. Nirgends in der Welt konnte man ihn lange gebrauchen, man schickte ihn fort, sowie man hinter sein Wesen kam, oder er ging von selber aus ganz absonderlichen, selbst zusammengedichteten Ursachen. Das mattete und lähmte ihn natürlich vollends herunter. Aus Italien hatte er noch begeisterungsfrohe, ideale Briefe an seinen Bruder geschrieben. In London, wo er Not litt, war er einmal in das Kontor eines sehr reichen Seidenhändlers, eines Onkels von ihm, mit der Bitte getreten, man möchte ihm in seiner elenden Lage beistehen, und bat um Geld, vielleicht nicht gerade mit Worten, aber man merkte, was er wollte, und schickte ihn achselzuckend fort, ohne ihm etwas zu geben. Wie mußte sein schöner, sanfter Menschenstolz schon gelitten haben, wenn er den Mut fand, Unwürdige anbetteln zu gehen. Doch was mußte er nicht tun, da er Not litt! Man kann von Stolz sprechen, man muß aber auch all der Zufälle des Lebens gedenken, wo es unmenschlich ist, von einem Menschen noch Stolz zu verlangen. Und der, der gebeten hatte, war weich! Er hatte von jeher ein kindlich weiches Herz, und dem Schmerz und der Reue über ein verlornes Leben war es ein Leichtes, dieses Herz zu zerstören. Eines Tages, nach all den Umherwanderungen, erschien er wieder zu Hause, blaß, matt, müde und in seinen Kleidern heruntergerissen. Sein Vater empfing ihn wahrscheinlich herzlos, seine Schwester so gut, als sie durfte vor des entrüsteten Vaters Augen. Er gedachte, einen kleinen Redakteurposten zu erhalten, und trieb sich inzwischen in der Stadt herum, wo er allen Mädchen Ringe schenkte und zu ihnen sagte, er wolle sie heiraten. Er war ganz offenbar schon kindisch. Man munkelte natürlich und lachte. Dann ging er noch einmal fort, in eine Lehrerstelle, aber dort erwies es sich, daß er für die Welt unmöglich geworden war. Er kam eines Tages mit einem nackten Fuß in die Schulstunde, Schuh und Strumpf fehlten an dem einen seiner Füße. Er wußte nicht mehr, was er tat, oder er tat eben das, was sein anderer, irrer Geist ihm zu tun befahl. Zu derselben Zeit radierte er in seinem militärischen Dienstbuch die dort notierte Degradation aus, die ihm eines begangenen, schweren Fehlers wegen schon früher zudiktiert worden war. Infolgedessen wurde er, da dieses kühne Vergehen ans Licht kam, ins Gefängnis gesperrt. Von dort wurde er, da man über seinen Geisteszustand zur Klarheit gelangte, in ein Irrenhaus gebracht, wo er heute noch ist. Ich weiß das alles, da ich oft mit ihm zusammen gewesen bin, in vielen Jahren, im Zivil sowohl wie beim Militär, und auch geholfen habe, ihn dahin abzuführen, wo er sich jetzt befindet und wohin er leider gebracht werden mußte.«
»Traurig!« sprach der andere der beiden Männer.