»Wir wollen austrinken und gehen,« sagte der Erzähler und fügte noch hinzu: »Manche wollen behaupten, daß die leichtfertigen Weiber, zu denen er Beziehungen hatte, ihn zugrunde gerichtet hätten, aber ich glaube es nicht, da ich überzeugt bin, daß man den schlimmen Einfluß, den diese Weiber auf einen Mann ausüben, meistens überschätzt. So schlimm ist das alles nicht, aber vielleicht liegt es in der Familie.«
Simon sprang auf, lebhaft angeregt und mit der Röte des Unwillens auf den Wangen:
»Was da? In der Familie? Da irren Sie sich, mein edler Herr Erzähler. Sehen Sie mich, bitte, einmal gründlich an. Entdecken Sie an mir vielleicht auch so etwas, das in der Familie liegen könnte? Muß ich auch ins Irrenhaus kommen? Das müßte ich ohne Zweifel, wenn es in der Familie läge, denn ich bin auch aus der Familie. Der junge Mann ist mein Bruder. Ich schäme mich durchaus nicht, einen nur unglücklichen und keineswegs verderblichen Menschen offen meinen Bruder zu nennen. Heißt er nicht Emil, Emil Tanner? Könnte ich das wissen, wenn er nicht mein leiblicher lieber Bruder wäre? Ist sein Vater, der auch der meinige ist, etwa nicht Mehlhändler, der auch in Burgunderweinen und Provencer-Öl einen ganz stattlichen Handel treibt?«
»In der Tat, das stimmt alles,« sagte der Mann, der vorhin erzählt hatte.
Simon fuhr fort: »Nein, in der Familie kann es nicht liegen. Ich leugne das, solange ich lebe. Es ist einfach das Unglück. Die Weiber können es nicht sein. Da haben Sie recht, wenn Sie sagen, die Weiber seien es nicht. Müssen daran die armen Weiber immer schuld sein, wenn die Männer ins Unglück geraten? Warum denken wir darüber nicht etwas einfacher? Kann es nicht im Charakter, in einem Stäubchen der Seele liegen? So und immer so: und deshalb so? Schauen Sie, bitte, was ich jetzt für eine Art von Handbewegung mache: So, so! Darin liegt es. Der Mensch fühlt so, und dann handelt er so, und alsdann stößt er an mancherlei Mauern und Unebenheiten so an. Die Menschen denken immer gleich an grausige Vererbung und so weiter. Mir erscheint das lächerlich. Und welche Feigheit und welche Unehrerbietung, den Eltern und Voreltern an seinem Unglück Schuld geben zu wollen. Mangel an Anstand und Mut und noch etwas: unziemliche Weichherzigkeit ist das! Wenn das Unglück über einen herbricht, so bringt man eben die erforderliche Manier mit, die es dem Schicksal bequem macht, daraus ein Unglück zu formen. Wissen Sie, was mein Bruder mir war, mir und Kaspar, dem andern Bruder, uns Jüngeren? Gelehrt hat er uns auf gemeinschaftlichen Spaziergängen Schönes und Hohes zu empfinden, zu einer Zeit, da wir noch die wüstesten Schlingel waren, die nur auf schlechte Streiche ausgingen. Aus seinen Augen tranken wir das Feuer der Begeisterung für die Kunst. Können Sie sich denken, was für eine herrliche, verständnissuchende, streberische, im schönsten und kühnsten Sinn streberische Zeit das war? Wir wollen noch eine Flasche Wein trinken, ich will sie bezahlen, ja, ich, obschon ich ein lumpiger Stellenloser bin. Heda! Herr Wirt, ein Flasche Wadtländer. Und zwar vom besten, den Sie haben. – Ich bin ein ganz mitleidloser Mensch. Meinen armen Bruder Emil habe ich schon längst vergessen. Ich komme auch gar nicht dazu, an ihn zu denken, denn sehen Sie, ich bin einer, der so in der Welt steht, daß er sich mit Händen und Füßen wehren muß, um aufrecht zu stehen. Umfallen mag ich nur dann, wenn ich nicht mehr den Gedanken ans Aufstehen habe. Ja, dann habe ich vielleicht Zeit, an die Unglücklichen zu denken, und Mitleid zu haben, wenn ich selber des Mitleids würdig geworden bin. Noch bin ich es aber nicht, und ich gedenke noch zu lachen und Scherz zu treiben angesichts meines Todes. Sie sehen in mir einen ziemlich unverwüstlichen Menschen, der allerhand Mißgeschick zu ertragen versteht. Das Leben, es braucht mir gar nicht so sehr zu glänzen, so glänzt es doch schon in meinen Augen. Es ist mir meistens schön und ich verstehe die Menschen nicht, die es unschön nennen und es damit beschimpfen. Jetzt kommt der Wein. Ich komme mir immer ganz vornehm vor, wenn ich Wein trinke. Mein armer Bruder lebt noch! Ich danke Ihnen, mein Herr, daß Sie mein Gedächtnis heute auf einen Unglücklichen gestoßen haben. Und nun: ganz ohne jede Weichherzigkeit: stoßen Sie an, meine Herren: Es lebe das Unglück! –«
»Warum, wenn ich fragen darf?«
»Sie übertreiben!«
»Das Unglück bildet, deshalb bitte ich Sie, es mit diesem funkelnden Glase Wein hochleben zu lassen. Noch einmal! So. Ich danke Ihnen. Lassen Sie mich Ihnen sagen, daß ich ein Freund des Unglücks bin, und zwar ein sehr inniger Freund, denn es verdient die Gefühle der Vertrautheit und Freundschaft. Es macht uns besser, und das ist ein großer Dienst, den es uns da erweist. Es ist ein echter Freundschaftsdienst, der erwidert werden muß, will man anständig heißen. Das Unglück ist der etwas mürrische, aber desto ehrlichere Freund unseres Lebens. Es wäre ziemlich frech und ehrlos von uns, das zu übersehen. Im ersten Augenblick verstehen wir das Unglück nie, deshalb hassen wir es im Moment seines Kommens. Es ist ein so feiner, leiser, unangemeldeter Geselle, der uns immer überrascht, wie wenn wir nur Tölpel wären, die man immer überraschen kann. Wer das Talent hat, zu überraschen, der muß schon, was er auch sei und woher er auch komme, etwas ganz außerordentlich Feines sein. Nichts von sich ahnen lassen, und auf einmal da sein, nicht den leisesten neugierigen, vorauseilenden Geschmack und Duft an sich haben, und dann einem so plötzlich vertraulich auf die Achsel klopfen, »Du« zu einem sagen und dazu lächeln und einem in ein blasses, mildes, alleswissendes, schönes Gesicht blicken lassen: dazu gehört mehr als Brotessen, dazu gehören andere Apparate als nur Flugapparate, mit deren halber Erfindung wir Menschen schon zum voraus in großtönenden, schicksalumwerfenden Worten prahlen. Ja, das Schicksal, das Unglück ist schön. Es ist gut; denn es enthält auch das Glück, sein Gegenteil. Es erscheint mit beiderlei Waffen bewaffnet. Es hat eine zornige und vernichtende, aber auch eine sanfte und liebliche Stimme. Es weckt neues Leben, wenn es altes erschlagen hat, das ihm nicht gefallen hat. Es reizt zum Besser-Leben. Alle Schönheit, wenn wir noch hoffen, Schönes zu erleben, verdanken wir ihm. Es läßt uns Schönheiten überdrüssig werden und zeigt uns mit seinen ausgestreckten Fingern neue! Ist eine unglückliche Liebe nicht die gefühlvollste und deshalb zarteste, feinste und schönste? Tönt nicht noch das Verlassensein in weichen, schmeichelnden und wohltuenden Tönen? Ist das alles neu, was ich Ihnen da sage, meine Herren? Freilich ist es neu, wenn man es sagt; denn es sagt es selten einer. Den meisten mangelt der Mut, das Unglück zu begrüßen, als etwas, worin man die Seele baden kann, wie Glieder im Wasser. Man sehe sich doch nur einmal an, wenn man sich nackt ausgezogen hat und jetzt nackt dasteht: Welch eine Pracht: ein nackter, gesunder Mensch! Welch ein Glück: das mit nichts mehr bekleidet-Sein, das nackt-Dastehn! Ein Glück ist es schon, auf die Welt zu kommen, und kein weiteres Glück zu haben, als gesund zu sein, ist ein Glück, das die edelsten Steine, alle schönen Teppiche und Blumen, die Paläste und die Wunder überglitzert und überstrahlt. Das Wundervollste ist die Gesundheit, es ist ein Glück, zu dem kein weiteres, ähnliches hinzugefügt werden kann, es sei denn, daß der Mensch im Laufe der Zeiten roh genug geworden ist, um zu wünschen, daß er doch nur krank sein möchte und dafür einen Geldbeutel voll Geld besitzen. Zu dieser Fülle von Pracht und Glück, wenn man wirklich geneigt ist, das nackte, straffe, bewegliche, warme, mit auf das Erdenleben gekommene Glied als eine solche Fülle zu betrachten, muß eine Art Gegengewicht treten: das Unglück! Es kann uns hindern überzuschäumen, es schenkt uns die Seele. Es bildet unsere Ohren dafür aus, den schönen Klang zu vernehmen, der tönt, wenn Seele und Körper, ineinandervermischt, ineinanderübergetreten, zusammen atmen. Es macht aus unserem Körper etwas Körperlich-Seelenvolles und die Seele bringt es zu einem festen Dasein mitten in uns, daß wir, wenn wir wollen, unseren ganzen Körper als eine Seele empfinden, das Bein als eine springende, den Arm als eine tragende, das Ohr als eine horchende, die Füße als eine edel gehende, das Auge als die sehende und den Mund als die küssende Seele. Es macht uns erst lieben, denn wo liebte man, mit nicht auch ein wenig Unglück? In den Träumen ist es noch schöner als in der Wirklichkeit, denn wenn wir träumen, verstehn wir auf einmal die Wollust und entzückende Güte des Unglücks. Sonst ist es uns meist hinderlich, namentlich, wenn es in Form eines Geldverlustes zu uns kommt. Aber kann das ein Unglück sein? Wenn wir auch einen Kassenschein verlieren, was verlieren wir? Recht unangenehm freilich ist das, aber es ist kein Grund zu längerer Trostlosigkeit, als es braucht, um einzusehen, daß es kein wirkliches Unglück ist. Und so weiter! Man könnte viel reden darüber. Zuletzt wird man es doch müde. –«
»Sie sprechen wie ein Dichter, mein Herr,« bemerkte lächelnd einer der Männer.
»Das kann sein. Der Wein macht mich immer dichterisch reden,« entgegnete Simon, »so wenig ich sonst Dichter bin. Ich pflege mir Vorschriften zu machen und bin im allgemeinen wenig geneigt, mich von Phantasieen und Idealen hinreißen zu lassen, da ich das für äußerst unklug und für anmaßend halte. Glauben Sie mir nur, ich kann ein sehr trockener Mensch sein. Es ist auch keineswegs statthaft, jeden Menschen, den man einmal von Schönheit reden hört, gleich für einen schwärmenden Dichter zu halten, wie Sie es zu tun scheinen; denn ich denke, daß es sogar einmal einem sonst ganz kalt überlegenden Pfandleihhändler oder Bankkassier einfallen kann, über anderes nachzudenken, als über Sachen seines geldzusammenkratzenden Berufes. Man nimmt in der Regel zu wenig gefühlsinnige und der Nachdenklichkeit fähige Menschen an, weil man sie nicht anders beobachten gelernt hat. Ich mache es mir zur Aufgabe, mit einem jeden Menschen ein kühnes, herzliches Gespräch zu führen, damit ich am schnellsten sehe, mit wem ich es zu tun habe. Man blamiert sich mit einer solchen Lebensregel des öftern, und manchmal kriegt man dafür sogar, beispielsweise von einer zarten Dame, eine Ohrfeige, aber was schadet das! Mir macht es Vergnügen, mich bloßzustellen, und ich darf immer überzeugt sein, daß die Achtung von solchen, bei denen man sich mit dem ersten freien Wort etwas vergibt, nicht gar so sehr viel wert ist, als daß man deshalb Ursache zum Betrübtsein hätte. Menschenachtung muß immer leiden unter der Menschenliebe. Das wollte ich Ihnen auf Ihre etwas spöttische Bemerkung sagen, womit Sie mich zu treffen meinten.«
»Ich wollte Sie keineswegs verletzen.«
»So war es hübsch von Ihnen,« sagte Simon und lachte dazu. Dann sagte er plötzlich nach einigem Stillschweigen: »Was übrigens Ihre Erzählung von meinem Bruder betrifft, so hat diese mich allerdings getroffen. Er lebt noch, mein Bruder, und kaum ein Mensch denkt jetzt an ihn; denn wer sich wegstiehlt, namentlich an einen so düsteren Ort, wie er, der wird gestrichen aus den Gedächtnissen. Armer Kerl! Sehen Sie, ich könnte sagen, daß es nur einer kleinen Änderung in seinem Herzen, vielleicht eines Pünktchens mehr in seiner Seele bedurft hätte, um ihn zum schaffenden Künstler zu machen, dessen Werke die Menschen entzückt hätten. So wenig braucht es, um stark zu werden, und so wenig wiederum, um sein Unglück zu vollenden. Was will man reden. Er ist krank und steht auf der Seite, wo keine Sonne mehr ist. Ich werde jetzt mehr an ihn denken, denn sein Unglück ist doch ein zu grausames. Es ist ein Elend, das zehn Verbrecher nicht einmal verdienen, geschweige denn er, der solch ein Herz hatte. Ja, das Unglück ist manchmal nicht schön, jetzt bekenne ich es gerne. Sie müssen wissen, mein Herr, ich bin trotzig und behaupte gern etwas wild in die Welt hinein, was gar keine Art hat. Mein Herz ist zuweilen ganz hart, besonders hart ist es, wenn ich andere Menschen voll Mitleid sehe. Da möchte ich immer so hineinwettern, hineinlachen in das warme Mitleid. Sehr schlecht von mir, sehr, sehr schlecht! Ich bin überhaupt noch lange kein guter Mensch, aber ich hoffe es noch zu werden. Es hat mich sehr gefreut, mit Ihnen haben reden zu dürfen. Das Zufällige ist immer das Wertvollste. Ich scheine etwas viel getrunken zu haben, und es ist hier so heiß im Lokale, mich verlangt hinaus. Leben Sie wohl, meine Herren. Nein! Nicht auf Wiedersehen. Durchaus nicht. Das habe ich nicht im Sinne. Mich verlangt durchaus nicht darnach. Viele Menschen habe ich noch kennen zu lernen, da darf ich nicht so frivol sagen: auf Wiedersehen. Das hieße nur lügen; denn ich begehre Sie nicht wiederzusehen, außer zufällig, und dann wird es mir eine Freude sein, wenn auch eine maßvolle. Ich mache nicht gern Umstände, und bin gern wahr, und das zeichnet mich vielleicht aus. Ich hoffe, daß es mich auch in Ihren Augen auszeichnet, wiewohl Sie mich jetzt ziemlich erstaunt und dumm ansehen, als wären Sie beleidigt. Gut, seien Sie es. Zum Teufel noch einmal, womit habe ich Sie beleidigt. Sie?«
Der Wirt trat herzu und mahnte Simon zur Ruhe:
»Gehen Sie lieber, es ist Zeit mit Ihnen.«
Und er ließ sich sanft in die dunkle Gasse hinausbefördern.
Es war eine tiefe, schwarze, schwüle Nacht. Es war, als schleiche sie als etwas Schleichendes die Wände entlang. Bisweilen stand ein hohes Haus ganz dunkel da, und dann war wieder eines, das gelblich und weißlich leuchtete, als besäße es den besonderen Zauber, in einer so dunklen Nacht zu leuchten. Die Mauern der Häuser rochen so seltsam. Es war etwas Feuchtes und Dumpfiges, das ihnen entströmte. Einzelne Lichter erhellten zuweilen einen Fleck der Gasse. Oben ragten die kühnen Dächer über die glatte, hohe Wand der Häuser hinaus. Die ganze weite Nacht schien sich in dieses kleine Gassengewirr gelegt zu haben, um hier zu schlafen, oder um hier zu träumen. Es gingen noch einzelne späte Menschen umher. Hier taumelte einer und sang dabei, ein anderer fluchte, daß es den Himmel zerreißen mochte, ein dritter lag schon am Boden, während der Tschako eines Polizisten hinter einer Hausecke hervorblitzte. Wenn man schritt, tönten einem die Schritte unter den Füßen. Simon begegnete einem alten, betrunkenen Mann, der in der ganzen Breite der Gasse hin und her schwankte. Es war ein elendes und zugleich fröhliches Bild: wie die dunkle, plumpe Gestalt so hin und her geschleudert wurde, als bekäme sie Stöße von einer geschmeidigen, unsichtbaren Hand. Da ließ der alte, weißbärtige Mann seinen Stock fallen, wollte denselben vom Boden wieder aufheben, was ja für den Betrunkenen eine schreckliche Aufgabe sein mußte, und schien infolgedessen selber zu Boden stürzen zu wollen. Aber Simon, von einem lächelnden Erbarmen ergriffen, eilte auf den Mann und auf den Stock zu, hob diesen auf und drückte ihn dem Mann in die Hand, der einen Dank in der merkwürdigen Sprache der Betrunkenen murmelte, in einem Ton, als hätte er Grund, noch beleidigt zu sein. Dieser Anblick wirkte sofort ernüchternd auf Simon, und er bog aus dem alten Stadtviertel ab in die neuere, elegantere Gegend. Als er über eine Brücke, die beide Stadtteile voneinander trennte, hinüberging, sog er den seltsamen Duft des fließenden Flußwassers ein. Er schritt die Straße hinunter, in der er vor drei Wochen von jener Dame vor dem Schaufenster angesprochen wurde, sah in dem Haus seiner früheren Herrin noch Licht brennen, dachte daran, daß sie noch gestern seine Herrin gewesen war, schritt weiter unter den Bäumen, bis er zu dem breit und dunkel liegenden See kam, der zu schlafen schien in seiner ganzen, herrlichen Ausdehnung. Ein solcher Schlaf! Wenn so ein ganzer See schlief mit all seinen Abgründen, das machte Eindruck. Ja, das war doch etwas Seltsames, kaum zu Verstehendes. Simon schaute noch eine Zeitlang hinaus, bis er Sehnsucht bekam, selber zu schlafen. O, er würde jetzt herrlich schlafen. So ruhig würde es über ihn kommen, und morgen würde er lang im Bett bleiben, morgen war ja Sonntag. Simon ging heim.
Fünfzehntes Kapitel.
Am nächsten Morgen erwachte er erst, als die Glocken klangen. Er bemerkte von seinem Bette aus, daß ein herrlicher, blauer Tag draußen sein mußte. In den Fensterscheiben blitzte so ein Licht, das auf einen wunderbaren Morgenhimmel hoch über der Gasse schließen ließ. Etwas Hellgoldenes ließ sich ahnen, wenn man die gegenüberliegende Hausmauer länger ansah. Man mußte bedenken, wie schwarz und düster diese fleckige Wand bei beflecktem Himmel aussehen mußte. Man sah lange dahin und stellte sich vor, wie jetzt der See, mit den Segeln darauf, sich ausnähme, in dem goldenen, blauen Morgenwetter. Gewisse Waldwiesen, gewisse Aussichten und gewisse Bänke unter den grünen, üppigen Bäumen, der Wald, die Straßen, die Promenaden, die Wiesen auf dem Rücken des breiten Berges, vollbesetzt mit Bäumen, die Abhänge und Waldschluchten, in denen das Grün nur so wucherte, die Quelle und der Waldbach mit den großen Steinen und dem leise singenden Wasser, wenn man daran saß und sich davon einschläfern ließ. Das alles war zu sehen, deutlich, wenn Simon auf die Wand hinüberblickte, die doch nur eine Wand war, aber die heute das ganze Bild eines seligen Menschensonntages widerspiegelte, nur weil etwas wie ein Hauch von blauem Himmel darauf auf und ab schwebte. Dazu klangen ja die Glocken in den bekannten Tönen, und Glocken, ja, die verstanden es, Bilder aufzuwecken.
Er nahm sich, immer noch im Bett liegend, vor, von jetzt ab fleißiger zu sein, etwas zu studieren, zum Beispiel eine Sprache, und überhaupt geregelter zu leben. Wie viel hatte er versäumt! Das Lernen mußte einem doch viel Freude machen. Es war so schön, sich das vorzustellen, recht innig und lebhaft, wie das wäre, wenn man emsig lernte und lernte, und gar nicht aus dem Lernen herauskäme. Er fühlte eine gewisse menschliche Reife in sich: nun wohl, um so schöner müßte das Lernen werden, wenn mit der ganzen, bereits erworbenen Reife gelernt würde. Ja, das wollte er nun tun: lernen, sich Aufgaben stellen, und einen Reiz darin finden, Lehrer und Schüler in eigener Person zu sein. Zum Beispiel, wie würde es mit einer fremden, wohlklingenden Sprache sein, etwa mit der französischen? »Ich würde Wörter lernen und sie meinem Gedächtnisse fest einprägen. Wie käme mir da meine allezeit lebhafte Einbildungskraft zu Hilfe. Der Baum: l'arbre. Ich würde in meinem ganzen Gefühl den Baum sehen. Klara käme mir in den Sinn. Ich würde sie in einem weißen, weitgefalteten Kleid unter einem breiten, schattigen, dunkelgrünen Baum sehen. So käme mir wieder vieles, beinahe schon ganz vergessenes in den Sinn. Der Sinn würde stärker und lebhafter im Erfassen. So, wenn man nichts lernt, stumpft man zusammen. Wie süß ist gerade die Kleinheit, das Anfängerische! Ich erblicke jetzt einen hohen Reiz darin und begreife nicht, wie ich so lange, so lange trotzig und träge sein konnte. O, die ganze Trägheit liegt nur im Trotz des Mehrwissen-wollens und des vermeintlichen Besser-wissens. Wenn man nur recht weiß, wie wenig man weiß, kann es noch gut kommen. Ich würde mir bei dem Klang des fremden Wortes das deutsche inniger denken und mir seinen Sinn weiter ausbreiten in Gedanken, so würde mir auch die eigene Sprache ein neuer, reicherer Laut voll ungekannter Bilder werden. Le jardin: der Garten. Hier würde ich an den ländlichen Garten Hedwigs denken, den ich doch mitgeholfen habe, anzupflanzen, als es Frühling wurde. Hedwig! Alles würde mir wieder einfallen, blitzschnell, was sie gesagt, getan, gelitten und gedacht hat, während all der Tage, die ich bei ihr verbracht habe. Ich habe keine Ursache, so schnell Menschen und Dinge zu vergessen und meine Schwester erst recht nicht. Damals, als wir den Garten schon bepflanzt hatten, schneite es nachts wieder, und wir hatten großen Kummer, es würde uns nichts wachsen in unserem Garten. Für uns bedeutete das viel; denn wir versprachen uns aus dem Garten recht viel schönes Gemüse. Wie schön ist es doch, mit einem Menschen den gleichen Kummer teilen zu können. Wie müßte es erst sein, wenn man die Schmerzen und das Ringen eines ganzen Volkes mitlitte und mitkämpfte. Ja, das alles würde mir einfallen beim Lernen einer Sprache, und noch so viel mehr, so vieles, das ich mir jetzt noch gar nicht ausdenken kann. Nur lernen, nur lernen, gleichviel, was! Ich will mich auch in die Naturgeschichte versenken, ich ganz allein, ohne Lehrer, an Hand eines billigen Buches, das ich gleich morgen kaufen werde, denn heute ist Sonntag, da sind freilich alle Läden geschlossen. Das geht alles, ganz gewiß. Wozu ist man auf der Welt. Bin ich mir etwa seit einiger Zeit gar nichts mehr schuldig? Aufraffen muß ich mich endlich, es ist wahrlich die höchste Zeit.«
Und er sprang aus dem Bett, als wenn es ihm ein Bedürfnis wäre, gleich jetzt mit den neuen Plänen anzufangen. Rasch kleidete er sich an. Der Spiegel sagte ihm, daß er wirklich ganz nett aussähe, das befriedigte ihn.
Wie er eben die Treppe hinuntergehen wollte, begegnete ihm Frau Weiß, seine Wirtin und Zimmervermieterin. Sie war ganz in Schwarz gekleidet und trug ein kleines Gebetbuch in der Hand, sie kam soeben aus der Kirche. Sie lachte, als sie den Simon erblickte, recht munter, und fragte ihn, ob er denn nicht auch zur Kirche hätte gehen mögen.
Er sei schon seit Jahren in keiner Kirche mehr gewesen, erwiderte er.
Die Frau erschrak über ihr ganzes, gutes Gesicht hinweg, als sie solche Worte vernahm, die ihr ungebührlich erschienen zum Munde eines jungen Mannes heraus. Sie wurde nicht böse; denn sie war durchaus keine unduldsame Frömmlerin, aber sie mußte doch zu Simon sagen, da täte er doch nicht ganz recht. Sie glaube es übrigens gar nicht. Er sähe ihr durchaus nicht so aus. Aber wenn es wahr wäre, so möchte er bedenken, daß er nicht gut handle, niemals in die Kirche zu gehen.
Simon versprach ihr, um sie bei guter Laune zu erhalten, nächstens in die Kirche zu gehen, worauf sie ihn ganz freundlich anschaute. Er indessen ging die Treppe hinunter, ohne sich weiter bei ihr aufzuhalten. »Ein liebes Weib,« dachte er, »und ich gefalle ihr, ich merke es immer, wenn ich einer Frau gefalle. Wie lustig sie mit mir wegen der Kirche geschmollt hat. So übers ganze Gesicht ein Schmollen: das kleidet eine Frau immer. Das sehe ich sehr gern. Sie hat außerdem Respekt vor mir. Ich werde mir den ferner zu erhalten wissen bei ihr. Aber ich werde nicht viel und nicht oft zu ihr reden. Sie wird dann wünschen, ein Gespräch mit mir anzufangen, und wird froh über jedes Wort sein, das ich mit ihr spreche. Ich mag gern solche Frauen, wie sie eine ist. Das Schwarz steht ihr herrlich. Wie lieb das kleine Gebetbuch aussah, das sie in ihrer üppigen Hand trug. Eine Frau, die betet, erhält eigentlich einen sinnlichen Reiz mehr. Wie schön diese blasse Hand aus dem Schwarz des Ärmels heraustrat. Und ihr Gesicht! Nun, schon gut! Es ist jedenfalls sehr angenehm, etwas Liebes für die Reserve zu haben, so gleichsam im Hinterhalt. Man besitzt dann eine Art Heim, ein Zuhausesein bei jemandem, einen Rückhalt, einen Zauber, da ich doch einmal ohne einen gewissen vorhandenen Zauber nicht leben kann. Sie hatte noch den Wunsch, vorhin, auf der Treppe, weiter mit mir zu sprechen. Ich habe aber abgebrochen; denn ich hinterlasse bei Frauen gern unerfüllt gebliebene Wünsche. So setzt man seinen Wert nicht herab, sondern schraubt ihn in die Höhe. Die Frauen wollen das übrigens selber, daß man so handelt.«
Die Straße wimmelte von sonntäglich geputzten Menschen. Die Frauen gingen alle in hellen, weißen Kleidern, die Mädchen trugen an ihren weißen Röcken farbige, breite Schleifen, die Männer waren einfach gekleidet in hellere Sommerstoffe, Knaben trugen Matrosenkleider, Hunde liefen hinter ein paar Menschen her; im Wasser, in ein Drahtgitter eingeschlossen, schwammen Schwäne herum, etliche junge Leute beugten sich über das Geländer der Brücke und sahen ihnen aufmerksam zu, wieder andere Männer gingen ziemlich feierlich zur Urne und gaben dort ihre Stimmzettel zu den Wahlen ab, die Glocken läuteten zum zweiten oder zum dritten Mal, der See schimmerte blau und die Schwalben flogen hoch oben in der Luft, über die Dächer hinweg, die in der Sonne strahlten; die Sonne war zuerst eine Sonntag-Vormittagsonne, dann eine Sonne schlechthin und dann noch eine Extrasonne für ein paar Künstleraugen, die wohl mit unter der Menge sein mochten; dazwischen grünten und breiteten sich die Bäume der städtischen Parkanlagen aus; unter der dunkleren Baumschattenwelt spazierten wieder andere Frauen und andere Männer; Segelschiffe flogen im Wind auf dem blauen, fernen Wasser, und träge, an Fässer angebundene Boote schaukelten am Ufer; hier flogen wieder andere Vögel und Menschen standen hier still, die die blaue, weißliche Ferne und die Berggipfel betrachteten, die am fernen Himmel wie köstliche, weiße, beinahe unsichtbare Spitzen herunterhingen, als ob der ganze Himmel eine hellblaue Morgenmantille gewesen wäre. Alles hatte etwas zu betrachten, zu plaudern, zu empfinden, zu zeigen, hinzuweisen, zu bemerken und zu lächeln. Aus einem Pavillon klangen jetzt die Töne einer Musikkapelle wie flatternde, zwitschernde Vögel aus dem Grün heraus. Dort im Grün spazierte auch Simon. Die Sonne warf durch das Blätterwerk helle Flecken auf den Weg, auf den Rasen, auf die Bank, wo Kindermädchen Kinderwägelchen hin und her rollten, auf die Hüte der Damen und auf die Achseln der Männer. Alles plauderte, schaute, blickte, grüßte und promenierte durcheinander. Die vornehmen Karossen rollten auf der Straße, die elektrische Straßenbahn sauste ab und zu vorbei, und die Dampfschiffe pfiffen und man sah durch die Bäume ihren Rauch dick und schwer davonfliegen. Draußen im See badeten junge Menschen. Die sah man allerdings, unter dem Grün auf und ab spazierend, nicht, aber man wußte es, daß dort nackte Leiber im flüssigen Blau herumschwammen und herausleuchteten. Was leuchtete eigentlich heute nicht? Was flimmerte nicht? Alles flimmerte, blitzte, leuchtete, schwamm in Farben und verschwamm zu Tönen vor den Augen. Simon sagte mehrere Male hintereinander zu sich: »Wie schön ist ein Sonntag!« Er sah den Kindern und allen Menschen in die Augen, er sah alles selig und verwirrt an, bald erhaschte er eine schöne, einzelne Bewegung, und bald trat ihm das Ganze vor die Augen. Er setzte sich zu einem anscheinend noch jungen Manne auf eine Bank und blickte dem Mann in die Augen. Es entspann sich ein Gespräch zwischen ihnen, denn es war so leicht, mit reden anzufangen, wo alles so glücklich war.
Der andere Mann sprach zu Simon:
»Ich bin Krankenwärter, aber gegenwärtig bin ich nichts als Bummler. Ich komme aus Neapel, wo ich im Fremdenhospital die Kranken pflegte. Vielleicht werde ich schon in zehn Tagen irgendwo in Inner-Amerika sein, oder in Rußland; denn man schickt uns überall da hin, wo ein Wärter verlangt wird, sei es auch auf den Südseeinseln. Man sieht auf diese Weise die Welt, das ist wahr, aber die Heimat wird einem so fremd, ich kann mich da nicht genügend ausdrücken. Sie zum Beispiel leben wahrscheinlich immer in Ihrer Heimat, sie umgibt Sie immerwährend, Sie fühlen sich von den Bekannten umschlossen, Sie schaffen hier, Sie sind hier glücklich und erleben sicher hier auch Ihr Mißgeschick, gleichviel, Sie dürfen wenigstens an einen Boden, an ein Land, an einen Himmel, wenn ich es so sagen darf, gebunden sein. Es ist schön, an etwas gefesselt zu sein. Man fühlt sich wohl, hat ein Recht, sich wohl zu fühlen und darf auf das Verständnis und die Liebe seiner Mitmenschen hoffen. Aber ich? Nein! Sehen Sie, ich bin zu schlecht geworden für meine engere Heimat, vielleicht auch zu gut, zu alles verstehend. Ich kann nicht mehr mitempfinden mit meinen Landsleuten. Ihre Vorliebe verstehe ich ebensowenig mehr wie ihren Zorn und ihre Abneigung. Jedenfalls bin ich fremd. Und ich fühle, es wird einem übel genommen, daß man fremd geworden ist. Und gewiß hat man recht, das zu tun; denn ich habe unrecht getan, mich zu entfremden. Was nützt es mir, wenn auch meine Ansichten über Vieles weltmännischer und klüger sind, wenn ich mit meinen Ansichten nur verletze? Dann sind es schlechte Ansichten, wenn sie verletzen. Eines Landes Sitten und Anschauungen sind etwas, das man heilig halten muß, wenn man nicht eines Tages ein Fremdling darin werden will, wie es mit mir geschehen ist. Nun, ich reise ja sehr bald wieder weg, zu meinen Kranken.«
Er lächelte und fragte Simon: »Was sind Sie?«
»Ich bin in meinem eigenen Lande ein sonderbarer Geselle,« antwortete Simon, »ich bin eigentlich Schreiber, und Sie können sich leicht denken, was ich da für eine Rolle in meinem Vaterlande spiele, wo der Schreiber so ziemlich der letzte Mensch ist, den es in der Rangordnung der Klassen gibt. Andere junge Handelsbeflissene reisen, um sich auszubilden, in das ferne Ausland, und kommen dann mit einem ganzen Sack voller Kenntnisse wieder heim, wo ihnen ehrenvolle Stellen offen gehalten werden. Ich nun, müssen Sie wissen, bleibe immer im Lande. Es ist gerade so, als fürchte ich, daß in anderen Ländern keine oder nur eine minderwertige Sonne scheine. Ich bin wie festgebunden und sehe immer Neues im Alten, deshalb vielleicht gehe ich so ungern fort. Ich verkomme hier, ich sehe es wohl, und trotzdem, ich muß, so scheint es, unter dem Himmel meiner Heimat atmen, um überhaupt leben zu können. Ich genieße natürlich wenig Achtung, man hält mich für liederlich, aber das macht mir so nichts, so gar nichts aus. Ich bleibe und werde wohl bleiben. Es ist so süß, zu bleiben. Geht denn die Natur etwa ins Ausland? Wandern Bäume, um sich anderswo grünere Blätter anzuschaffen und dann heimzukommen und sich prahlend zu zeigen? Die Flüsse und die Wolken gehen, aber das ist ein anderes, tieferes Davongehen, das kommt nie mehr wieder. Es ist auch kein Gehen sondern nur ein fliegendes und fließendes Ruhen. Ein solches Gehen, das ist schön, meine ich! Ich blicke immer die Bäume an, und sage mir, die gehen ja auch nicht, warum sollte ich nicht bleiben dürfen? Wenn ich im Winter in einer Stadt bin, so reizt es mich, sie auch im Frühling zu sehen, einen Baum im Winter, ihn auch im Frühling prangen und seine ersten, entzückenden Blätter ausbreiten zu sehen. Nach dem Frühling kommt immer der Sommer, unerklärlich schön und leise, wie eine glühende, große, grüne Welle aus dem Abgrund der Welt herauf, und den Sommer will ich doch hier genießen, verstehen Sie mich, mein Herr, hier, wo ich den Frühling habe blühen sehen. Da ist zum Beispiel dieses kleine Wiesen- oder Rasenbord. Wie süß ist das im Vorfrühling anzusehen, wenn der Schnee eben unter der Sonne darauf zerronnen ist. Aber um diesen Baum und um dieses Bord und um diese Welt handelt es sich: ich glaube, ich würde an anderen Orten den Sommer nicht bemerken. Die Sache ist die: ich habe eine recht verteufelte Lust, hier am Fleck zu bleiben und eine ganze Menge unlustiger Gründe, die mir das Reisen ins Ausland verbieten. Zum Beispiel: hätte ich etwa Reisegeld? Sie werden wissen, man braucht Geld, um mit der Eisenbahn oder mit dem Schiff zu fahren. Ich habe noch Geld für etwa zwanzig Mahlzeiten; aber ich habe kein Reisegeld. Und ich bin froh, daß ich keines habe. Mögen andere reisen und klüger heimkommen. Ich bin klug genug, eines Tages hier im Lande mit Anstand zu sterben.«
Nach einem kurzen Stillschweigen, während dessen der Krankenwärter ihn unverwandt anblickte, fuhr er fort:
»Und dann habe ich auch gar kein Verlangen darnach, Karriere zu machen. Was andern das meiste ist, ist mir das mindeste. Ich kann das Karrieremachen in Gottes Namen nicht achten. Ich mag leben, aber ich mag nicht in eine Laufbahn hineinlaufen, was so etwas Großartiges sein soll. Was ist Großartiges dabei: frühzeitig krumme Rücken vom Stehen an zu kleinen Pulten, faltige Hände, blasse Gesichter, zerschundene Werktagshosen, zittrige Beine, dicke Bäuche, verdorbene Mägen, kahle Platten auf den Schädeln, grimmige, anschnauzige, lederne, verblaßte, glutlose Augen, abgemergelte Stirnen und das Bewußtsein, ein pflichtgetreuer Narr gewesen zu sein. Ich danke! Ich bleibe lieber arm aber gesund, verzichte auf eine Staatswohnung, zugunsten eines billigen Zimmers, wenn es auch auf die dunkelste Gasse hinausgeht, lebe lieber in Geldverlegenheiten als in der Verlegenheit, wo ich sommers hinreisen soll, um meine verdorbene Gesundheit aufzuputzen, bin allerdings nur von einem einzigen Menschen geachtet, nämlich von mir selber, aber das ist einer, an dessen Achtung mir am meisten liegt, bin frei und kann jedesmal, wenn es die Notwendigkeit verlangt, meine Freiheit für einige Zeitlang verkaufen, um nachher wieder frei zu sein. Es lohnt sich, um der Freiheit willen arm zu bleiben. Ich habe zu essen; denn ich besitze das Talent, mit ganz Wenigem satt zu werden. Ich werde rasend, wenn man mir mit dem Wort und mit der Zumutung kommt, die in dem Worte »Lebensstellung« liegt. Ich will Mensch bleiben. Mit einem Wort: ich liebe das Gefährliche, das Abgründige, Schwebende und das Nicht-Kontrollierbare!«
»Sie gefallen mir,« sagte der Krankenwärter.
»Ich wollte durchaus nicht Ihr Gefallen erwecken, aber es freut mich trotzdem, wenn ich Ihnen gefalle, da ich einigermaßen von der Leber wegrede. Übrigens hätte ich nicht nötig gehabt, heftig auf andere zu werden. Das ist immer dumm, und man hat kein Recht, Verhältnisse zu beschimpfen, weil sie einem nicht behagen. Man kann ja fortgehen, ich kann ja fortgehen! Aber nein, es behagt mir eben. Meine Lage gefällt mir. Die Menschen gefallen mir, so wie sie sind. Ich meinesteils suche auch mit allen Mitteln meinen Mitmenschen zu gefallen. Ich bin fleißig und arbeitsam, wenn ich einen Auftrag zu erfüllen habe, aber meine Lust an der Welt opfere ich niemandem zu Gefallen, höchstens würde ich sie dem heiligen Vaterlande hinopfern, wozu bis jetzt die Gelegenheit noch immer ausgeblieben ist und wohl auch ausbleiben wird. Mögen sie immerzu Karriere machen, ich begreife sie, sie wollen bequem leben, sie wollen sorgen, daß ihre Kinder auch etwas haben, sie sind vorsehende Väter, deren Tun nur achtenswert ist, mich mögen sie eben auch machen lassen, sie mögen mich auf meine Weise dem Leben seinen Reiz abzureißen versuchen lassen, das versuchen alle, alle, nur nicht alle auf die gleiche Art. Es ist ja so wundervoll, reif genug zu sein, um alle machen zu lassen in ihrer Art, so wie es jeder versteht. Nein, wenn einer dreißig Jahre lang sein Amt treu verwaltet hat, ist er am Ende seiner Lebensbahn durchaus kein Narr gewesen, wie ich vorhin in der Heftigkeit sagte, sondern ein Ehrenmann, der verdient, daß man ihm Kränze aufs Grab legt. Sehen Sie, ich will keine Kränze auf mein Grab bekommen, das ist der ganze Unterschied. Mein Ende ist mir gleichgültig. Sie sagen mir immer, jene andern, ich werde meinen Übermut noch schwer büßen müssen. Nun wohl, dann büße ich und erfahre dann doch, was büßen heißt. Ich erfahre gern alles und deshalb fürchte ich nicht so viel, wie die, die um eine glatte Zukunft besorgt sind. Ich habe immer Angst, es möchte mir eine einzige Lebenserfahrung entgehen. Darauf bin ich ehrgeizig wie zehn Napoleone. Doch jetzt bin ich hungrig, ich möchte essen gehen, kommen Sie mit? Es würde mich freuen.«
Und sie gingen zusammen.
Nach dem etwas wilden Gerede war Simon plötzlich weich und sanft geworden. Er sah mit entzückten Augen die schöne Welt an, die runden, üppigen Kronen der hohen Bäume und die Straßen, wo die Menschen gingen. »Die lieben, geheimnisvollen Menschen!« dachte er bei sich und gestattete es, daß sein neuer Freund ihm die Schulter mit der Hand berührte. Er sah es gerne, daß der andere so vertraulich wurde, es paßte, es verband und löste auf. Er sah alles mit lachenden, glücklichen Augen an, wobei er wieder dachte: »Wie sind doch Augen schön!« Ein Kind hatte zu ihm den Blick erhoben. Mit so einem Kameraden zu gehen, wie der Krankenwärter war, erschien ihm als etwas ganz Neues, noch nie Erlebtes, als etwas jedenfalls Angenehmes. Auf dem Wege kaufte derselbe bei einem Gemüsehändler ein Gericht frischer Bohnen und in einer Metzgerei Speck und lud Simon zu sich zum Mittagessen ein. Gerne wurde das Angebot angenommen.
»Ich koche immer selbst,« sagte der Krankenwärter, als sie beide in dessen Wohnung anlangten, »ich habe mir das angewöhnt. Es macht Spaß, glauben Sie es mir nur. Passen Sie auf, wie vortrefflich Ihnen die Bohnen mit dem schönen Speck schmecken werden. Ich stricke mir zum Beispiel auch selber meine Strümpfe und wasche meine Wäsche selber. So erspart man viel Geld. Ich habe das alles gelernt, und warum sollten sich solche Arbeiten nicht auch ausnahmsweise einmal für einen Mann schicken, wenn er ausgesprochenen Sinn dafür hat. Ich sehe nicht ein, was in einer solchen Beschäftigung Beschämendes liegen sollte. Ich fertige mir auch selber Hausschuhe, wie diese hier sind, an. Einige Aufmerksamkeit erfordert schon solch eine Arbeit. Pulswärmer für den Winter zu stricken oder Westen zu machen, bietet mir keine besonderen Schwierigkeiten. Wenn man immer so allein ist, und auf Reisen, wie ich, kommt man auf wunderliche Sachen. Machen Sie es sich, oder, mach es dir bequem, Simon! Sollte ich mir nicht gestatten dürfen, dir das »Du« anzutragen?« –
»Warum nicht? Gern!« Und Simon errötete auf ihm ganz unbegreifliche Weise.
»Ich habe dich sehr lieb vom ersten Augenblick an gewonnen,« sprach der Wärter, der sich Heinrich nannte, weiter, »man braucht dich nur anzusehen, um überzeugt zu sein, daß du ein lieber Kerl bist. Ich hätte Lust, dich zu küssen, Simon.« –
Simon wurde es schwül in dem Zimmer. Er stand vom Stuhle auf. Er ahnte, was es für einer sei, der ihn so merkwürdig zärtlich ansah. Aber was schadete das. »Ich will es gehen lassen,« dachte er. »Ich mag dem Heinrich, der sonst nett ist, deswegen nicht grob kommen!« Und er gab seinen Mund her und ließ sich darauf küssen.
Was war es denn weiter!
Übrigens fand er es hübsch und dem Zustand von Weichheit, in dem er sich befand, angemessen, sich so zärtlich behandeln zu lassen. Wenn es auch diesmal nur ein Mann war! Er fühlte deutlich, daß dessen seltsame Neigung zu ihm der schonenden und vorläufig dahin gehen lassenden Rücksicht bedurfte, und er hätte es nie vermocht, die Hoffnungen des Mannes zu zerstören, wenn es nun einmal auch unwürdige Hoffnungen waren. Mußte er denn deswegen empört tun? »Keine Rede,« dachte sich Simon, »ich lasse ihn einstweilen gewähren, es paßt zu allem, was jetzt um mich herum vorgeht!«
Den Abend verbrachten beide mit einer Wanderung von Kneipe zu Kneipe; denn der Wärter war ein ziemlich leidenschaftlicher Trinker, weil er mit seiner freien Zeit nicht viel anderes anzufangen wußte. Simon fand es für passend, in jeder Beziehung mitzumachen. Er lernte dort in den kleinen, dumpfigen Wirtschaften Menschen kennen, die mit unglaublicher Ausdauer Karten spielten. Das Kartenspiel schien solchen eine ganz eigene Welt zu sein, in der sie sich nicht gern stören ließen. Andere saßen den ganzen Abend da und klemmten einen spitzen, langen Zigarrenstengel zwischen den Zähnen herum, ohne sich weiter bemerkbar zu machen, als etwa dadurch, daß sie den Zigarrenrest, wenn er zu kurz geworden war, um zwischen den Lippen noch weiter gepreßt zu werden, an die Spitze ihres Sackmessers steckten, um ihn bis zu der kleinsten Kürze herunterrauchen zu können. Eine abgemagerte, wüste Klavierspielerin erzählte ihm, daß ihre Schwester eine schlechte Schwester aber eine berühmte Konzertsängerin sei, mit der sie längst aufgehört habe, familiär zu verkehren. Simon fand es begreiflich, aber er benahm sich zart und sagte ihr nicht, daß er es begreiflich fände. Er hielt die Person mehr für unglücklich als verdorben, und das Unglück ehrte er immer, während er die Verdorbenheit für die Folge des Unglückes hielt, das wenigstens Anstand erforderte. Er sah dicke, kleine, furchtbar lebhafte Wirtinnen, die sich den Gästen unter allerhand Zutraulichkeiten nahten, während ihre Männer auf Sofas und in Lehnstühlen schliefen. Oft wurde ein gutes, altes Volkslied gesungen, von einem, der im Singen solcher alter Lieder, was die Tonart und den Wechsel der Stimme betraf, Meister war. Diese Lieder klangen schön und wehmütig, man spürte unwillkürlich, wie manche rauhe und helle Kehle sie schon, einstmals und viel früher, gesungen haben mußte. Einer riß beständig Witze, es war ein kleiner, junger Mensch in einem alten, großen, breiten, hohen, tiefen Hut, den er irgendwo beim Trödler erstanden haben mußte. Sein Mund war schmierig und seine Witze nicht minder, aber sie zwangen zum Lachen, ob man wollte oder nicht. Einer sagte ihm: »Ich bewundere Ihren Witz, Sie!« Aber der Witzige lehnte die dumme Bewunderung mit gut gespielter Verwunderung ab, und das war ein wirklicher Witz, der jeden Gebildeten hätte freuen können. Der Wärter erzählte allen Menschen, die neben ihn zu sitzen kamen, er sei im Grunde genommen zu schlecht und wieder, wenn er es recht bedenke, zu gut für seine Heimat. Simon dachte: »Wie dumm!« Aber von Neapel stattete der Krankenpfleger weit hübscheren Bericht ab, so sagte er zum Beispiel, daß dort in den Museen wundervolle Überreste von antiken Menschen zu sehen seien, und man könne daran sehen, daß die früheren Menschen uns an Größe, Breite und Dicke weit übertroffen hätten. Arme hätten diese Menschen gehabt wie wir Beine etwa! Das müsse ein Geschlecht von Weibern und Männern gewesen sein, das! Was wir dagegen seien? Einfach eine heruntergekommene, verkrüppelte, verkümmerte, zugespitzte, in die Länge und Dünne gesprungene und zerrissene und zerfetzte und abgemagerte Generation. Auch den Golf von Neapel wußte er in anmutigen Worten zu schildern. Viele hörten ihm aufmerksam zu, aber viele schliefen und weil sie schliefen, konnten sie nichts hören.
Simon kam sehr spät nach Hause, fand die Haustüre verschlossen, hatte aber keinen Schlüssel bei sich und klingelte an der Hausglocke ziemlich unverschämt; denn er war in einem Zustand, in welchem man stets rücksichtslos zu sein pflegt. Ein Fenster öffnete sich sogleich auf den heftigen Schall, den die Glocke verursachte, und eine weiße Gestalt, ohne Zweifel die Frau in ihrer Nachtjacke, warf den in dickes Papier gewickelten Schlüssel hinunter.
Am nächsten Morgen lächelte sie ihm, statt erzürnt über ihn zu sein, in der freundlichsten Weise »Guten Morgen« entgegen, und erwähnte mit keinem Wort die Störung in der Nacht. Simon fand es deshalb auch nicht am Platz, ein Wort darüber zu sagen und entschuldigte sich, halb aus Zartheit und halb aus Bequemlichkeit, nicht.
Er ging weg und suchte den Wärter auf. Der Montagmorgen war wiederum prachtvoll. Die Menschen waren alle an ihrer Arbeit, die Gassen waren infolgedessen leer und hell, er trat in das Zimmer, wo der Wärter noch schläfrig im Bette lag. Simon bemerkte an den Wänden des Zimmers heute, was er gestern nicht beobachtet hatte, eine Menge ziemlich süßlicher, christlicher Wanddekorationen: Engelchen mit rötlichen Köpfchen aus Papier geschnitten und Tafeln mit Sprüchen, die in geheimnisvolle, trockene Blumen gerahmt waren. Er las sämtliche Sprüche, es waren tiefe darunter, die zum Nachdenken reizten, Sprüche, die vielleicht älter waren als acht alte Menschen miteinander, aber auch glättliche, neue Sprüche, die sich so lasen, als ob sie zu Tausenden in einer Fabrik fabriziert worden wären. Er dachte: »Wie seltsam ist das! Überall, in vielen einzelnen Zimmern und Zimmerchen, wohin man auch kommen mag, und was man auch gerade verüben mag, sieht man solche Stücke alter Religionen an Wänden hängen, die teils viel sagen, und teils wieder weniger, teils auch gar nichts mehr. Was glaubt der Wärter? Sicher nichts! Vielleicht ist die Religion bei vielen, heutigen Menschen nur noch so halbe, oberflächliche und unbewußte Geschmackssache, eine Art Interesse und Gewohnheit, wenigstens bei den Männern. Vielleicht hat eine Schwester des Wärters dieses Zimmer auf diese Weise ausgeschmückt. Ich glaube es; denn die Mädchen haben innigeren Grund zur Frömmigkeit und zum religiösen Nachsinnen als die Männer, deren Leben immer mit der Religion gestritten hat, von jeher, wenn es nicht gerade Mönche waren. Aber ein protestantischer Pfarrer in schneeweißen Haaren, mit mildem, geduldigem Lächeln und edlem Gang, wenn er durch einsame Waldlichtungen schreitet, ist und bleibt etwas Schönes. In der Stadt ist die Religion weniger schön als auf dem Land, wo Bauern leben, deren Lebensart schon an und für sich etwas Tiefreligiöses hat. In der Stadt gleicht die Religion einer Maschine, was etwas Unschönes ist, auf dem Lande dagegen empfindet man den Gottesglauben als dasselbe wie ein blühendes Kornfeld, oder wie eine ausgedehnte, üppige Wiese, oder wie das entzückende Anschwellen leicht gebogener Hügel, auf deren Höhe ein verstecktes Haus steht, mit stillen Menschen, denen das Nachsinnen wie ein Freund ist. Ich weiß nicht, mir kommt vor, als ob in der Stadt der Pfarrer zu dicht neben dem Börsenspekulanten und dem glaubenslosen Künstler wohne. Es mangelt in der Stadt dem Gottesglauben an der gehörigen Entfernung. Die Religion hat hier zu wenig Himmel und zu wenig Geruch von Erde. Ich kann es nicht so gut sagen, und was kümmert es mich überhaupt. Religion ist nach meiner Erfahrung Liebe zum Leben, inniges Hangen an der Erde, Freude am Moment, Vertrauen in die Schönheit, Glauben an die Menschen, Sorglosigkeit beim Gelage mit Freunden, Lust zum Sinnen und das Gefühl der Verantwortungslosigkeit in Unglücksfällen, Lächeln beim Tode und Mut in jeder Art Unternehmungen, die das Leben bietet. Zuletzt ist tiefer, menschlicher Anstand unsere Religion geworden. Wenn die Menschen voreinander den Anstand bewahren, bewahren sie ihn auch vor Gott. Was will Gott mehr wollen? Das Herz und die feinere Empfindung können zusammen einen Anstand hervorbringen, der Gott wohlgefälliger sein dürfte, als finsterer, fanatischer Glaube, der den Himmlischen selbst beirren muß, so daß er am Ende noch wünschen wird, keine Gebete mehr zu seinen Wolken hinaufdonnern zu hören. Was kann ihm unser Gebet sein, wenn es derart anmaßlich und plump zu ihm hinaufdringt, als ob er schwerhörig wäre? Muß man ihn sich nicht mit den allerfeinsten Ohren vorstellen, wenn man ihn überhaupt denken kann? Ob ihm die Predigten und die Orgeltöne recht angenehm sind, ihm, dem Unaussprechlichen? Nun, er wird eben lächeln zu unsern immer noch so finsteren Bemühungen und er wird hoffen, daß es uns eines Tages einfällt, ihn ein wenig mehr in Ruhe zu lassen.«
»Sie sind ja so nachdenklich, Simon,« sagte der Wärter.
»Gehen wir?« fragte Simon.
Der Krankenwärter war fertig geworden, und beide gingen zusammen die steilen Wege den Berg hinauf. Die Sonne schien glühend heiß. Sie traten in einen kleinen, üppig verwachsenen Biergarten hinein und ließen sich einen Frühschoppen reichen. Als sie indessen gehen wollten, ermunterte sie die Wirtin, eine hübsche Frau, zum Dableiben, und sie blieben, bis es Abend wurde. »So vertrinkt man, ehe man es denkt, den hellen Sommertag,« dachte Simon mit einem Gefühl, das mit taumelnder Lust und mit einem sanften, schönen, melodiösen Weh gemischt war. Die Farben des Abends im Grün machten ihn trunken. Sein Freund schaute ihm tief und verlangend in die Augen und schlang den Arm um seinen Hals. »Eigentlich ist das häßlich,« dachte Simon. Auf dem Wege wurden alle Weiber und Mädchen in der auffallendsten Weise von den beiden angesprochen. Die Arbeiter kamen von der Arbeit heim, Menschen, die noch rüstig gingen, die Schultern seltsam wiegten, als atmeten sie jetzt befreit auf. Simon entdeckte prachtvolle Gestalten unter ihnen. Als sie in den heißen, aber schon dunkel gefärbten Wald kamen, der den Berg krönte, sank unten in der fernen Welt die Sonne unter. Sie lagerten sich in grüne Blätter und Gesträuch hinein und schwiegen und atmeten nur so. Dann kam, was Simon jetzt erwartete, die Annäherung seines Kameraden, die ihn aber durchaus erkältete.
»Es hat keinen Sinn,« sagte er, »hören Sie auf oder so: höre doch auf.«
Der Wärter ließ sich beschwichtigen, aber er war unmutig geworden, Leute kamen vorbei, sie mußten aufstehen und den Platz verlassen. Simon dachte: »Warum verbringe ich den Tag mit einem solchen Menschen?« Aber er gestand sich gleich darauf, daß er eine gewisse Freude an ihm habe, trotz seiner seltsamen, unschönen Neigungen. »Ein anderer würde den Wärter verachten,« dachte er weiter, indem sie den Rückweg einschlugen, »aber ich bin so einer, der einen jeden Menschen in seiner Art und Unart interessant und liebenswert findet. Ich komme nicht bis zur Menschenverachtung, oder ich verachte eigentlich nur die Feigheit und Leblosigkeit, aber ich finde an der Verdorbenheit sehr leicht etwas Interessantes. Und in der Tat, sie klärt über vieles auf, läßt tiefer in die Welt blicken und macht einen erfahrener und macht milder und treffender urteilen. Man muß mit allem bekannt werden, und man lernt es nur kennen, wenn man es tapfer berührt. Irgend jemandem ausweichen, aus Furcht, das würde ich meiner für unwürdig halten. Überdies: einen Freund haben, ist unschätzbar! Was schadet es, wenn es ein etwas merkwürdiger Freund ist.« –
»Bist du mir böse, Heinrich?«
Der aber sprach nichts mehr. Sein Gesicht hatte einen finsteren Ausdruck angenommen. Wieder langten sie an dem Biergarten an, der jetzt in seinen zierlichen Umrissen dunkel war. Farbige, schimmernde Lampions erleuchteten das dunkle Grün an einigen Stellen, Geräusch und Gelächter drang heraus, und die beiden, angelockt von dem lustigen, feurigen Leben, gingen wieder hinein, wo sie von der Wirtin freundschaftlich begrüßt wurden.
Der rote, dunkle Wein funkelte in den hellen Gläsern, die Lichtschimmer vermengten sich mit den erhitzten Gesichtern, die Blätter von dem Gebüsch berührten die Kleider der Frauen, es schien so selbstverständlich, daß man die heiße Sommernacht in einem lispelnden Garten mit Trinken, Singen und Lachen verbrachte. Aus dem tief gelegenen Bahnhof drang das Gelärm der Eisenbahnen herauf an die Ohren der Schwärmenden. Ein reicher, langer, rotbäckiger Weinhändlerssohn machte sich mit Simon in einem kühnen, philosophierenden Gespräch zu schaffen. Der Wärter widersprach in allem, weil er unmutig und ärgerlich war. Die Kellnerin, ein schlankes, brünettes Mädchen, setzte sich zu Simon und ließ es sich gefallen, daß er sie eng an sich heranzog, um sie zu küssen. Sie ertrug den Kuß gern, mit stolzen, geschwungenen Lippen, die wie dazu geschaffen schienen, Wein zu schlürfen, zu lachen und zu küssen. Der Wärter wurde noch böser und wollte aufbrechen, woran man ihn aber verhindern konnte. Da sang einer, ein junger, braungefärbter, dunkler Bursche mit grünem Jägerhut ein Lied, während sein Mädchen, das sich, an seine Brust angeschmiegt, eng an ihn lehnte, in leisen, glücklichen Tönen mitsang. Das klang so berauschend, dunkel und südlich. Simon dachte: »Lieder sind doch immer wehmütig, wenigstens die schönen. Sie mahnen ans Aufbrechen!« Aber er blieb noch lange in dem nächtlichen Garten.
Sechzehntes Kapitel.
Noch die ganze Woche lang verkehrte Simon in dieser müßiggängerischen Weise mit dem Krankenwärter, mit dem er sich bald stritt und dann wieder versöhnte. Er spielte Karten, wie einer, der es schon jahrelang trieb und rollte die Billardkugeln, mitten am heißen Tag, während alles, was Hände hatte, arbeitete. Er sah die sonnenbeschienenen Straßen und die Gassen im Regenwetter, aber durch ein Fenster und mit einem Glas Bier in der Hand, führte lange, nutzlose, wilde Reden nachts, mittags und abends mit allerhand unbekannten Menschen, bis er sah, daß er nichts mehr zum Leben besaß. Und eines Morgens ging er nicht mehr zu Heinrich, sondern trat in eine Stube hinein, wo verschiedene junge und alte Männer an Pulten saßen und schrieben. Es war die Schreibstube für Stellenlose, wo diejenigen hinkamen, die durch irgend einen Umstand in die Lage geraten waren, wo es ein Ding der Undenkbarkeit geworden ist, noch in einem Geschäfte Anstellung zu erhalten. Diese Sorte von Menschen schrieb dort im kargen Tagelohn mit hastigen Fingern, unter der strengen Aufsicht eines Aufsehers oder Sekretärs, Adressen, meist geschäftliche Adressen zu Tausenden, die von großen Firmen in dieser Schreibstube bestellt wurden. Schriftsteller gaben dort ihre hingesudelten Manuskripte und Studentinnen ihre beinahe unleserlichen Doktorarbeiten ab, um sie entweder mit der Schreibmaschine abtypen, oder mit der geläufigen, sauberen Feder abschreiben zu lassen. Des Schreibens unkundige Leute, die irgend etwas zu schreiben hatten, brachten ihre Schreibereien dorthin, wo sie in Kürze befriedigt wurden. Büffetdamen, Kellnerinnen, Plätterinnen und Kammerzofen ließen sich ihre Zeugnisse dort ins Reine schreiben, um sie präsentieren zu können. Wohltätigkeitsvereine gaben tausende von Jahresberichten ab, die adressiert und in die umliegende Welt versandt werden mußten. Der Naturheilverein ließ dort die Einladungen zu volkstümlichen Vorträgen ins Mehrfache schreiben, und Professoren hatten Arbeit genug für die Schreiber, die wiederum froh waren, wenn sie Arbeit hatten. Das ganze Schreibergeschäft wurde von der Gemeinde mit jährlichen Beiträgen unterstützt und von einem Verwalter geleitet, einem ehemals ebenfalls Stellenlosen, für den man diese Stelle schuf, um dem Mann in seinen alten Tagen eine passende Beschäftigung zu geben. Er stammte gewissermaßen aus einer alten, patrizischen Familie, hatte reiche Verwandte im Stadtrat, die nicht gern mitansehen mochten, wie eines ihrer Familienglieder auf schmachvolle Weise verdarb. So ward der Mann der König und Beschützer aller Vagabunden, verlorenen Menschen und traurigen Existenzen, und er versah dieses Amt mit lässiger Würde, als ob er niemals in seinem wilden Leben, das ihn auch eine Zeitlang in Amerika herumschweifen ließ, die Bitternisse der Not geschmeckt hätte.
Simon machte eine Verbeugung vor dem Verwalter der Schreibstube.
»Was wollen Sie?«
»Arbeit!«
»Heute ist nichts los. Kommen Sie morgen früh wieder, da wird sich vielleicht etwas für Sie Passendes finden. Schreiben Sie vorläufig heute Ihren Namen, Wohnort, Heimatort, Beruf und Ihr Alter sowie Ihre Adresse auf dieses Blatt Papier, und kommen Sie morgen pünktlich um acht Uhr, sonst wird keine Arbeit mehr da sein,« sagte der Verwalter.
Er pflegte immer zu lächeln und zu näseln, wenn er sprach. Gegenüber Stellenlosen nahm er außerdem immer einen sanftmütig-höhnischen Ton an, ganz ohne jegliche Absicht, es kam einfach so und nicht anders aus des Mannes Mund heraus. Sein Gesicht war eingefallen und vermergelt, hatte die Farbe des kalten, weißen Kalkes und endete in einem zerzausten grauen Spitzbart, als ob der Bart der herunterhängende und spitzige Gesichtsfetzen gewesen wäre. Seine Augen lagen in tiefen Höhlen und des Mannes Hände zeugten von Krankheit und leiblicher Verwüstung.
Simon arbeitete schon am nächsten Tag, frühmorgens um acht Uhr, in der Schreibstube, und nach ein paar Tagen hatte er sich an die Gesellen, die dort arbeiteten, gewöhnt. Es waren Menschen, die sich im Leben einmal irgend eine Liederlichkeit zuschulden kommen ließen und den Boden dann unter ihren schwankenden Füßen verloren hatten. Es waren Menschen da, die um eines begangenen, schweren Vergehens willen früher einmal im Gefängnis gesessen hatten. Von einem alten, sehr gut aussehenden Manne wußte man, daß er jahrelang im Zuchthaus gesessen hatte, eines schweren sittlichen Verbrechens wegen, das er an seiner eigenen, leiblichen Tochter verübte, die ihn dem Richter verklagte. Er verzog, so lange Simon ihn sah, nie eine Miene seines stillen, sonderbaren Gesichtes, als ob das Schweigen und Horchen dort in dem Gesicht einheimisch und zur Notwendigkeit geworden wäre. Er arbeitete ruhig, friedlich und langsam, sah gut aus, blickte einen ruhig an, wenn man ihn anschaute, und schien sich einer quälenden Erinnerung nicht im leisesten bewußt zu sein. Sein Herz schien so still zu schlagen, wie seine alte Hand arbeitete. Nichts von Verzerrung eines einzigen Zuges war in seinem Gesicht zu bemerken. Alles schien er gebüßt, alles abgewaschen zu haben, was ihn je verunzierte und beschmutzt hatte. Seine Kleider waren ordentlicher als die des Verwalters, obschon er arm sein mußte. Merkwürdig gepflegt waren seine Zähne und seine Hände, seine Schuhe und seine Kleider. Seine Seele schien ruhig und außerordentlich rein zu sein. Simon dachte über ihn: »Warum nicht? Ist denn eine Sünde nicht abzuwaschen und soll eine Strafe das ganze Leben vernichten? Nein, diesem Manne sieht man weder eine begangene Sünde noch eine erduldete Strafe an. Er scheint beides völlig vergessen zu haben. Es mußte Güte und Liebe in dem Mann stecken, und viel, sehr viel Kraft. Aber immerhin: wie sonderbar!« –
Unterschlagung, Diebstahl, Hochstapel und Landstreichertum hatten in der Schreibstube ihre Vertreter. Daneben gab es nur Unglückliche, Ungeschickte, die das Leben übertölpelte, und Fremde aus dem Ausland, die einfach brotlos dastanden, weil sie sich in ihren Hoffnungen betrogen sahen. Notorische Faulenzer und ewig Unzufriedene waren gewiß auch da. Jede Mischung von Selbstschuld und Pech war vorhanden, nicht minder die Frivolität, die sich ein Vergnügen daraus machte, so heruntergekommen zu sein. Simon konnte hier den Mann in seinen verschiedenen Charakteren kennen lernen, doch dachte er selber nicht so sehr ans Beobachten, weil er auch einer der anderen war, der eben auch ausfüllte und in dem Leben und Treiben der Schreibstube, in deren Sorgen, Mühen und kleinen Fragen und Vorkommnissen wie in einem Strom untersank. Als ein selber in die Sache Versunkener dachte er nicht so sehr an die Sache, als an das leibliche Bedürfnis, wie alle andern. Alle verdienten hier mit Schreiben, was sie auch sogleich wieder vertrinken und veressen mußten, wenn sie leben wollten. Der Verdienst floß in die Kehlen hinunter, von der Hand in den Mund. Simon kam dazu, sich außerdem noch einen Strohhut und ein Paar billige Schuhe zu kaufen. Aber wenn er an die Zimmermiete dachte, so mußte er sich gestehn, daß er nicht imstande sein würde, auch das Geld für diese noch flüssig zu machen. Jeweilen abends, wenn er fertig geschrieben hatte, war er müde und glücklich. Er ging dann, in Gesellschaft eines seiner Schreibgesellen, mit hocherhobenem Kopf durch die Straßen und lächelte mit Gedankenlosigkeit die vorübergehenden Menschen an. Er brauchte sich gar nicht einer schönen und stolzen Haltung zu befleißigen, es kam von selber, die Brust dehnte sich und reckte sich ihm wie ein gespannter Bogen, wenn er zur Schreibstubentür hinaus an die Luft trat. Über seine Glieder fühlte er sich auf einmal als geborner Herr und Meister und er achtete auf seine Schritte mit Bewußtheit. Die Hände hielt er jetzt nicht mehr in der Hosentasche, das würde ihm würdelos vorgekommen sein. Überhaupt schlenderte er sich nicht mehr, sondern spazierte mit gemessenem Bewußtsein, als übe er erst jetzt, in seinem einundzwanzigsten Lebensjahre, die Glieder an einem schönen, festen Gange. Man sollte ihm keinerlei Armut anmerken, aber man sollte spüren, daß er ein junger Mann sei, der eben von der Arbeit herkomme und nun sich einen Abendspaziergang gönne. An der emsigen, beweglichen Straßenwelt hing sein Auge mit Entzücken. Wenn eine Karosse mit einem Paar tanzender, zierlicher Pferde vorbeikam, so musterte er mit scharfem Blick nur den Gang der trabenden Tiere und verschmähte es, den Herrschaften im Wagen einen Blick zuzuwerfen, so, als hätte er nur Interesse für die Pferde, weil er ein Kenner sei. »Das ist angenehm,« dachte er, »und man muß lernen, seine Blicke zu beherrschen und sie dahin zu führen, wo es anständig und männlich ist, sie hinzulenken.« Viele Damen streifte er mit Seitenblicken und mußte innerlich lachen, zu bemerken, welchen Eindruck das machte. Und er träumte dabei, wie immer! Nur daß er jetzt auf die Zähne biß beim Träumen und sich keine träge, müde Haltung mehr gestattete: »Wenn ich auch einer der ärmsten Teufel bin, so fällt es mir doch nicht ein, mir das merken zu lassen, im Gegenteil, die Geldverlegenheit verpflichtet gewissermaßen zu einem stolzen Benehmen. Wäre ich reich, so dürfte ich mir vielleicht den Schlendrian noch erlauben. So aber nicht, weil der Mensch auf ein Gleichgewicht bedacht sein muß. Ich bin hundemüde: aber ich muß immer denken: andere haben auch Ursache, müde zu sein. Man lebt nicht für sich allein, sondern für alle. Man hat die Verpflichtung, eine musterhafte, stramme Erscheinung zu sein, so lange man beobachtet wird, so daß sich weniger Mutige ein Beispiel daran nehmen können. Man soll den Eindruck der sorglosen Festigkeit machen, wenn einem auch die Kniee dabei zittern und der Magen einem in die Kehle hinauf singt vor Leere. Solches kann einem heranwachsenden Manne Vergnügen machen! Die Glocke hat noch nicht zwölfe geschlagen, für keinen; denn jeder hat jedesmal, wenn er arm daniederliegt, die Aussicht, hoch zu kommen. Eine Ahnung sagt mir, daß eine freie, stolze Haltung schon allein das Lebensglück an sich zieht wie ein elektrischer Strom, und in der Tat, man fühlt sich gehobener und reicher, wenn man anständig einhergeht. Ist man in Begleitung eines andern schlecht gekleideten, armen Teufels, wie es hier der Fall ist, so hat man umsomehr Veranlassung, kopfhoch zu gehen, indem man damit gewissermaßen des anderen schlechte Frisur und Haltung sanft und energisch entschuldigt, vor Menschen, die darüber verwundert sind, zwei so ungleich sich betragende Gesellen miteinander innig verbunden, auf Du und Du, in der eleganten Straße spazieren zu sehen. So etwas bringt Achtung ein, wenn auch nur flüchtige. Reizend ist es ja, zu denken, daß man angenehm absticht von einem Begleiter, der das Zeug noch nicht so los hat oder nie los haben wird. Übrigens ist mein Geselle ein älterer, unglücklicher Mann, ehemaliger Korbflechtereibesitzer, heruntergekommen durch allerlei Mißgeschick und jetzt Schreiber im Taglohn, wie ich, nur daß ich nicht ganz wie ein Schreiber und Taglöhner aussehe, sondern eher wie ein toller Engländer, während mein Kamerad aussieht wie einer, der sich schmerzlich zurücksehnt nach einstigen besseren Tagen. Sein Gang und sein immerwährendes, liebes, rührendes Kopfnicken erzählen sein Unglück mit ganz schamloser Sprache. Er ist ein älterer Mann und will nicht mehr imponieren, nur noch sich ein bißchen aufrecht halten. Mir imponiert er; denn ich kenne seinen Schmerz und weiß, welche drückende Last er mit sich trägt. Ich bin stolz darauf, mit ihm so durch ein schönes Straßenviertel zu gehen und drücke mich ganz unverschämt nahe an ihn an, um meine ungenierte Vorliebe für seinen geringen Anzug zu demonstrieren. Ich erhalte viele erstaunte Blicke, manches wundervolle Auge sieht mich seltsam fragend an, das muß mir Spaß machen, der und jener soll's holen! Ich spreche laut und mit Nachdruck. Der Abend ist so schön geeignet zum Sprechen. Ich habe gearbeitet den Tag über. Etwas Herrliches ist es, den Tag über gearbeitet zu haben und dann am Abend so schön müde und ausgesöhnt mit allem zu sein. So gar keine Sorgen, kaum einen Gedanken zu haben. So leichtfertig spazieren zu dürfen, mit dem Gefühl, keinem Menschen weh getan zu haben. Sich umzusehen, ob man vielleicht jemandem gefalle. Zu fühlen, daß man jetzt ein bißchen liebenswerter und achtenswerter sei, als früher, da man ein Tagedieb war, dessen Tage wie in einen Abgrund dahinsanken und verrauchten wie Rauch vertrieben wird. Viel zu fühlen, viel, an so einem geschenkten Abend! Den Abend wie ein Geschenk zu empfinden, denn das ist er denen, die den Tag für die Arbeit hergeben. So schenkt man und wird beschenkt.« –
Simon machte immer mehr die Beobachtung, daß die Schreibstube eine kleine Welt für sich war, in der großen. Neid und Streberei, Haß und Liebe, Übervorteilung und Ehrlichkeit, heftiges und bescheidenes Wesen machten sich hier im Kleinen, um ganz lumpiger Vorteile willen, ebensogut und scharf bemerkbar, wie überall, wo es dem Kampf um das tägliche Auskommen galt. Jede Empfindung und jeder Drang konnte hier seine Betätigung finden, wenn auch in geringfügigem Maßstab. Glänzende Kenntnisse nützten allerdings in der Schreibstube nicht viel. Ein Träger von solchen konnte sie hier höchstens improvisatorisch zum besten geben, es half ihm zum Ansehen, aber es half ihm nicht dazu, sich dafür einen besseren Anzug anschaffen zu können. Es gab etliche unter den Schreibstubenburschen, die drei Sprachen perfekt sprachen und schrieben. Diese wurden zum Übersetzen verwendet, aber sie verdienten damit nicht mehr als die plumpen Adressenschreiber und die Abschreiber von Manuskripten; denn die Schreibstube ließ keinen einzigen hochkommen, sonst würde sie ja ihre Zwecke und ihren ganzen Sinn verfehlt haben. Bestand sie doch immer nur, um Stellenlosen ein kümmerliches Leben zu gestatten, und nicht deshalb, um hohe, unverschämte Löhne auszubezahlen. Wenn einer überhaupt des Morgens um acht Uhr nur Arbeit fand, so mußte er froh sein. Oft kam es vor, daß der Verwalter zu einer Gruppe von Wartenden die Worte sprach: »Tut mir sehr leid. Heute leider nichts da. Kommen Sie um zehn Uhr wieder. Möglich, daß dann Aufträge eingelaufen sind!« und um zehn Uhr: »Es ist besser, Sie fragen morgen früh wieder nach. Heute wird wohl kaum noch etwas einlaufen!« Diese Abgewiesenen, unter denen sich auch Simon mehr als einmal befand, gingen dann langsam, Mann für Mann, trübselig die Treppe hinunter, wieder auf die Straße, wo sie einstweilen, als ob sie sich erst besinnen müßten, in einer runden, hübschen Gruppe stehen blieben und sich dann, einer nach dem andern, in alle Richtungen zerstreuten. Es war kein Vergnügen, ohne Geld in den Straßen der Stadt zu bummeln, jeder wußte das, und ein jeder dachte: »Wie wird das erst im Winter werden?«
Manchmal kamen ganz fein gekleidete Leute von eleganten Manieren in die Schreibstube, um nach Arbeit zu fragen. Denen pflegte der Verwalter zu sagen: »Wie es mir den Anschein macht, passen Sie besser in das Getriebe des Weltlebens als in die Schreibstube. Hier muß einer den ganzen Tag still sitzen, den Rücken krümmen und fleißig arbeiten, wenn er eine Kleinigkeit verdienen will. Ich spreche so offen zu Ihnen, weil ich die Empfindung habe, daß Ihnen das doch nicht passen würde. Und dann machen Sie mir auch nicht den Eindruck der trübseligen, notdürftigen Armut. Ich aber bin verpflichtet, zu allererst die Armen zu beschäftigen, das heißt solche, an denen man die Kleider womöglich in Fetzen herunterhängen sieht als Beweis ihrer Verkommenheit. Sie dagegen sehen mir zu stattlich aus, so daß es eine Sünde wäre, Ihnen hier Arbeit geben zu wollen. Mischen Sie sich unter die feine Welt, rate ich Ihnen. Es scheint, daß Sie die Düsterkeit der Schreibstuben verkennen, wenn Sie mit so munterem Gesicht hierherkommen, um nach Arbeit zu fragen, als wollten Sie auf den Tanzboden gehen. Hier pflegt man linkische, trotzige Verbeugungen zu machen, meistens aber gar keine, Sie aber verbeugten sich vorhin vor mir wie ein vollendeter Weltmann. Das geht nicht, ich kann Sie nicht gebrauchen, ich habe weder eine Arbeit, die Ihnen genügen könnte, noch eine Welt, in die Sie hineinpassen, für Sie. Sie werden als Verkäufer oder als Hotelsekretär jede Stunde Anstellung finden, wenn Sie es nicht nur darauf abgesehen haben, in dieser Stadt nach Abenteuern zu suchen, wie es mir beinahe den Anschein hat. Hier erlebt ein junger Mann nur Entmutigung, aber sonst weiter kein Abenteuer. Wer hierherkommt, der weiß, warum er gekommen ist. Sie scheinen es sicherlich nicht gewußt zu haben. Ihre ganze Erscheinung ist beleidigend für meine Arbeiter, das müssen Sie zugeben, wenn Sie nur einen Blick in die Stube werfen. Sehen Sie mich an: ich habe auch die Welt gesehen, kenne alle Großstädte der Welt, ich würde auch nicht hier sitzen, wenn ich nicht müßte. Wer hierher kommt, hat schon Unglück und mannigfaches Mißgeschick erlitten. Hierher kommen die Taugenichtse, Bettler, Schelme und Schiffbrüchigen: mit einem Wort, die Unglücklichen. Nun frage ich Sie: sind Sie ein solcher? Nein, und deshalb verlassen Sie jetzt, bitte, dieses Lokal, das keine Luft enthält, die Sie imstande wären, auf die Länge einzuatmen. Ich kenne die Figuren, die hierher gehören! Und zur Genüge! Leben Sie wohl!«
Und mit einer Handbewegung pflegte er solche für die Schreibstube nicht passende Menschen lächelnd zu entlassen. Der Verwalter besaß Schliff und Bildung, und er zeigte beides gelegentlich gerne vor solchen hereingeschneiten und hergewehten Besuchern, die mehr der Neugierde, als der Not wegen hierherkamen.
An der Schreibstube vorüber floß ein stiller, grüner, tiefer und alter Kanal, ehemaliger Festungsgraben und Bindemittel zwischen dem See und dem fließenden Fluß, dem man das Seewasser auf solche Weise auf die Reise in die fernen Meere mitgab. Es war überhaupt die stillste Stadtgegend, die etwas Zurückgezogenes und Dörfliches an sich hatte. Wenn nun die Abgewiesenen die Treppe hinuntertrampelten, so setzten sie sich gerne noch eine Weile auf das Geländer am Bord dieses Kanals, was dann aussah, als wenn eine Reihe von großen, seltsamen, ausländischen Vögeln darauf säße. Etwas Philosophisches hatte das, und in der Tat, manch einer schaute hinab in die grüne, tote Wasserwelt und grübelte ebenso vergeblich über die Unerbittlichkeit des Schicksals nach, wie ein Philosoph in seinem Studierzimmer zu tun pflegt. Der Kanal hatte etwas, das zum Träumen und Nachsinnen aufforderte, und dazu hatten die Stellenlosen reichlich Gelegenheit.
Die Schreibstube war zugleich ein Arbeitsmarkt für Kaufleute. Es kam zum Beispiel ein Herr oder eine Dame in die Stube, trat zu dem Verwalter ins Kabinett und wünschte auf einen oder auf ein paar Tage einen Mann, das heißt, eine Kraft zur Aushilfe ins Haus hinein. Dann kam der Verwalter in die Türeinrahmung, musterte seine Gesellen, und rief nach einiger Überlegung einen Mann beim Namen: dieser hatte dann eine kleine, acht-, ein-, zwei- oder vierzehntägige Anstellung gefunden. Das war immer ein neiderweckendes Ereignis, wenn einer beim Namen aufgerufen wurde, denn auswärts arbeitete ein jeder gern, weil der Verdienst größer und die Arbeit kurzweiliger war. Außerdem bekam solch ein Mann bei gutherzigen Leuten vormittags und nachmittags einen schönen Imbiß zum Frühstück und zur Vesper, was unter keinen Umständen zu verachten war. Da bestand nun immer ein Streben nach solchen Stellen und ein Liebäugeln mit dem Aufgerufenwerden. Viele glaubten sich stets ungerechterweise zurückgesetzt, und andere glaubten wieder, dem Verwalter und seinem Unterbeamten recht hofieren und schmeicheln zu sollen, um das Ersehnte zu erlangen. Es war ungefähr dasselbe, wie wenn ein Rudel abgerichteter Hunde nach einer an einem Bindfaden immer wieder hochgezogenen Wurst springt, wo auch einer immer glaubt, der andere hätte nicht das Recht, nach der Wurst zu schnappen, ohne indessen Gründe dafür angeben zu können. So knurrte auch hier einer den andern um des erschnappten Vorteiles willen an, ganz wie in der großen Handels-, Gelehrten-, Künstler- und Diplomatenwelt, wo es auch nicht viel anders, nur etwas geriebener, hochfahrender und kultivierter zugeht.
Simon arbeitete auch einige Male auswärts, wie es in der abgekürzten Schreibstubensprache hieß, aber er hatte kein Glück damit. Das eine Mal wurde er von seinem Prinzipal, einem pfiffigen und ziemlich brutalen Liegenschafts- und Rechtsagenten, der sich beinahe als der liebe Gott selber vorkam, zum Teufel gejagt, weil er in einer Zeitung las, statt mit der Feder zu arbeiten, und das andere Mal warf er selber seinem Chef, einem Frucht- und Gemüsehändler en gros die Feder vor die Nase und sagte ihm nur die Worte: »Machen Sie's selber!« Die Frau des Fruchthändlers wollte Simon allerhand Vorschriften machen; da brach er einfach ab; denn, nach seinem Gefühl, wollte ihn das Weib nur verletzen und demütigen, was er aber schließlich doch nicht nötig hatte sich bieten zu lassen; so empfand er wenigstens.