»Mir scheint, Sie weiden sich an meiner
Todesqual –«
Wir haben uns gezankt und sitzen uns nun gegenüber wie Kinder, die beide ihre Heftigkeit bereuen und doch zu eigensinnig sind, das erste gute Wort zu sprechen. Wir sehen einander nicht an, aber ich merke, daß seine Hand, die die Zigarette hält, ein bißchen zittert, und wieder einmal, wie nach jedem Streit mit Herbert Arndt, steigt in mir das Mitleid auf.
Vielleicht habe ich ihm doch unrecht getan, als ich ihn oberflächlich genannt, denke ich, und weiß doch zugleich, daß der scheinbar tiefe Eindruck, den der Wortwechsel auf ihn gemacht hat, wie der Eindruck ist, den man einem Gummiball beibringen kann. Sobald du den Finger zurückziehst, ist alles, wie es war.
Und dieses Wissen um Herbert Arndts stets veränderliche Unveränderlichkeit ist es vielleicht, was mich ihm gegenüber oft zu einer Heftigkeit hinreißt, die mir sonst ganz fremd ist und die mich im Augenblick weit über den zufälligen Anlaß hinaus erbittert.
Was konnte es mich zum Beispiel kümmern, daß Herbert Arndt heute fast verächtlich von einem Menschen sprach, den er vor kurzem voll Begeisterung einen bedeutenden Mann von seltener geistiger Anmut genannt, und für dessen vornehm künstlerische Lebensgestaltung er eine andachtvolle Bewunderung gezeigt hatte.
Heute entsann er sich dessen kaum und nannte das Wesen des vor ein paar Tagen so hoch Gepriesenen unmännlich und affektiert, im Gegensatz zu der kraftvollen und knorrigen Einfachheit, mit der alle wirklich Großen ihr Leben geführt. Und ich wurde gereizt und nannte es Haltlosigkeit, nie bei einer Empfindung und einem Urteil beharren zu können und, wie die Snobs, immerfort seine Geschmacksrichtung zu ändern, sobald von den Obersnobs eine neue Parole ausgegeben wird. Und er nannte es Sentimentalität oder Indolenz, an alten Erinnerungen und alten Wertschätzungen zu kleben, und wir steigerten uns in immer größeren Zorn, und plötzlich schwiegen wir beide, weil wir fühlten, daß wir nicht weitergehen durften.
Und jetzt sitzen wir da und möchten uns versöhnen und wissen nicht wie. Endlich steht Herbert auf und sagt mit etwas rauher Stimme, der man noch die Erregung anhört:
»Ich will Sie lieber jetzt von meiner Gegenwart befreien. Ich kann mir denken, wie peinlich Ihnen der Anblick eines so charakterlosen und minderwertigen Menschen ist.«
Nun muß ich doch lachen. »Ich finde, Ihre Zerknirschung geht zu weit.« Er verzieht den Mund: »Ich habe mich augenblicklich nur mit Ihren Augen gesehen.«
»Ich habe diese Worte nicht gebraucht,« antworte ich, »und Sie wissen sehr gut, daß ich mit einem Menschen, den ich für charakterlos und minderwertig halte, nicht fünf Minuten lang sprechen, wieviel weniger mich in einen Streit einlassen würde.«
»Ach so,« bemerkt er, »dann habe ich es vielleicht als Ehre aufzufassen, daß Sie sich die Mühe nahmen, mich einen Snob und einen Menschen ohne inneren Halt zu nennen.«
»Mindestens als einen Beweis sehr herzlicher Freundschaftsgefühle,« antworte ich und sehe, wie ihm wider Willen ein Lächeln um die Mundwinkel zuckt. Und ich sage:
»Seien Sie kein Frosch, Herbert Arndt, und setzen Sie sich noch mal hin, denn gewöhnlich machen Sie's doch wie Wotan im letzten Akt der Walküre und nehmen stundenlang Abschied. Und in der Zeit kann man ebensogut vernünftig reden.«
Er setzt sich zögernd, denn trotz des Lächelns ist sein Ärger noch nicht überwunden, und ich schiebe ihm seine Tasse und den Kuchen näher, weil ich finde, daß es fast nichts auf der Welt gibt, das nicht gleich ein bißchen weniger schlimm aussieht, sobald man Kaffee und Kuchen vor sich hat.
Wir schweigen einen Augenblick, dann sagt Herbert: »Was mich am meisten beleidigt, ist ja gar nicht, daß Sie meine Art, die Dinge zu sehen, verachten. Ich kann Ihnen das nicht verwehren, denn jeder schätzt im Grunde genommen nur seine eigene Lebensanschauung, und wenn wir von jemandem sagen, daß er vernünftige Ansichten habe, dann hat er sicherlich die gleichen Ansichten wie wir. Was mich beleidigt, ist, daß Sie an meine Art, die Dinge zu sehen, überhaupt nicht glauben, daß Sie annehmen, ich rede nur so oder so, um mich interessant zu machen, oder aus Affektiertheit oder aus irgendeiner anderen Verlogenheit heraus.«
»Nein,« unterbreche ich ihn, »das ist ganz gewiß nicht der Fall. Und das ist eigentlich das Traurige an der Sache, das Hoffnungslose, möchte ich sagen, daß Sie immer ehrlich sind.«
»Und gerade deshalb ist der Fall hoffnungslos?« fragt er. »Wie soll ich das verstehen?«
»Es ist ganz einfach,« antworte ich, »und ich will's Ihnen erklären, selbst auf die Gefahr hin, Sie noch einmal zu beleidigen und auf die Gewißheit hin, daß es nichts nützt, denn ein Mensch, der sich immerfort ändert, der kann sich niemals ändern.«
Herbert hebt erstaunt den Kopf. »Und ich ändere mich immerfort,« fragt er.
»Und Sie wissen das gar nicht?« frage ich dagegen. »Sie wissen es gar nicht, daß bei Ihnen immerfort ein Eindruck den anderen verwischt und auslöscht, und daß Sie immerfort wie auf einem dünnen Seil gehen, nichts rechts, nichts links, so daß man ordentlich schwindelig wird, wenn man Ihnen zusieht.« – »Ich verstehe das nicht,« sagt Herbert schroff.
»Nun also,« antworte ich, »dann will ich Ihnen aus der leider übergroßen Fülle der Beispiele nur eines nennen: Waren Sie nicht vor kurzem noch ganz berauscht von den Versen Stefan Georges, den Sie nach Goethe den einzigen deutschen Dichter nannten? Und sprachen Sie nicht ein paar Tage darauf sehr abfällig von seiner hypermodernen Pathetik, die doch im Grunde genommen hohl sei, wenn man einen einzigen Mörikeschen Vers damit vergleicht? Und war nicht wieder ein paar Tage darauf Mörike spießbürgerlich und deutsch-borniert und veraltet, weil Sie gerade bei irgendeinem dekadenten französischen Absinthlyriker angelangt waren? – Und ist es nicht so auf jedem Gebiet? Die fanatische Ausschließlichkeit, mit der Sie jeden Tag eine andere Sache anbeten und jeden Tag mit der gleichen überzeugenden Ehrlichkeit, als gäbe es nur die eine auf der Welt, die macht mich müde und ungeduldig zugleich.«
Herbert schüttelt den Kopf. »Ich verstehe nicht, was Sie mir vorwerfen. Gefühl ist doch nichts, was ein für allemal feststeht, Empfindungen, selbst die wärmstem schwanken auf und ab. Und wären wir Menschen, wenn wir nicht Stimmungen unterworfen wären?«
»Ja,« nicke ich, »oft denke ich, Sie haben gar keine Empfindungen, sondern nur Stimmungen, oder besser gesagt: Anwandlungen, und Anwandlungen kommen nicht aus dem Gemüt, sondern aus den Nerven und der Phantasie.« – »Und was ist Gefühl denn anderes als Betätigung der Nerven und der Phantasie?« fragt Herbert lebhaft und schnell. »Können wir irgend etwas empfinden, Liebe, Haß, Mitleid, Begeisterung, Freude oder Schrecken, ohne daß unsere Nerven zucken und unsere Phantasie die Flügel hebt? Der phantasieloseste Mensch ist der gefühlloseste zugleich, und – so paradox es klingen mag – die Verstandsmenschen sind die dümmsten von allen.«
Ich nicke ihm langsam zu: »Es ist wahr, wir sind alle nur bauernschlau, solange es uns nicht gegeben ist, weise zu sein. Und auch das andere, was Sie sagten, ist wahr: Es gibt kein wertvolles Gefühl ohne Phantasie. Aber die Phantasie muß in unserem Gemüt ihren Ursprung haben, sonst ist der Mensch wie ein Ofen, der von außen erwärmt wird statt von innen, der heiß, vielleicht sogar überheizt erscheint, aber niemals Wärme abgibt und verströmt.«
»Ein sinnfälliger Vergleich!« sagt Herbert, und sein Mund verzieht sich spöttisch. »Ich gebe allerdings zu, daß ich wenig Talent zum traulich wärmenden Ofen habe, und offen gesagt, mein Ehrgeiz geht nicht dahin. – Ich gebe auch zu,« fährt er nach einem kurzen Schweigen fort, »daß ich leicht von diesem oder jenem Eindruck überwältigt werde und leicht alles andere darüber vergesse, aber ich schäme mich dessen nicht, im Gegenteil, ich bin froh und glücklich darüber, denn ich selbst liebe nur Menschen, die impulsiv und warm und stark empfindend sind.«
»Ach, lieber Freund,« sage ich, »heute! Heute lieben Sie die Impulsiven, vielleicht weil heute morgen oder gestern abend ein liebes Mädel in schöner Impulsivität Ihnen die Hand hingestreckt und etwas Herzliches gesagt hat. Und morgen lernen Sie eine interessante Frau kennen, die kühl und geheimnisvoll und verschlossen ist, und dann erzählen Sie mir, daß alles Impulsive doch eigentlich recht vulgär sei, und daß der wahre Reiz eines Menschen in seiner geheimnisvollen Verschlossenheit läge.«
»Ja,« antwortet Herbert, »und Sie erzählen mir dann, was ich Ihnen gestern erzählt habe, und werfen mir meine Treulosigkeit gegen das liebe Mädel vor. Aber der Reiz des Lebens liegt doch gerade darin, daß ich heute die Impulsiven lieben darf und morgen die Verschlossenen.«
»Ach, lassen wir's,« sage ich ein bißchen müde, »ich merke schon, wir reden aneinander vorbei und werden uns nicht verstehen.«
»Das ist weibliche Kriegstaktik,« antwortet Herbert, »sobald sie nichts zu antworten wissen, ziehen sie sich hinter die männliche Begriffsstutzigkeit zurück. Aber ich möchte jetzt meine Sache bis zu Ende verfechten und erbitte mir Antwort darauf, weshalb es ein, – nun sagen wir, ein verächtlicher Zug sein soll, jeder Art und Gattung Geschmack abgewinnen zu können.« – »Das ist's ja nicht,« sage ich seufzend, »und ich möchte Ihnen gerne noch einmal antworten, aber ich fürchte, die Anklagerede wird lang.«
»Wenn ich als Delinquent einen letzten Wunsch äußern darf,« sagt Herbert, »dann möchte ich mir noch ein Stück Kuchen erbitten.«
»Gewährt,« antworte ich, »und möge Ihnen das letzte Stück Kuchen leicht werden!« – »So leicht wie Ihnen mein Todesurteil,« erwidert er mit einer höflichen Verbeugung und zieht sich den Teller mit Kuchen näher heran.
Mein Ärger ist längst verflogen, und ich muß lachen.
»Mir scheint, Sie weiden sich an meiner Todesqual?« fragt er kauend, »oder hat meine sieghafte Liebenswürdigkeit so schnell die Wolken von Ihrer Stirne verjagt? – Es wäre eigentlich schade,« setzt er hinzu, »denn ich hatte mein ganzes Wesen schon auf Bußfertigkeit eingeschaltet, und außerdem war es von jeher meine Leidenschaft, zuzuhören, wenn von mir die Rede war.« – »Ja,« sage ich, »es ist die einzige Leidenschaft, der Sie bis jetzt treu geblieben sind.«
Er sieht mich einen Augenblick schweigend an und sagt dann: »Über diesen Punkt dürften Sie besser orientiert sein.«
»Ich weiß,« antworte ich nach einer kleinen Pause, »aber ich finde immer, das erotische Gebiet, denn darauf spielen Sie ja an, liegt so abseits, daß es nicht in Betracht kommen kann, wenn von dem Charakter eines Menschen die Rede ist. Und selbst wenn jemand hartnäckig an seiner ersten Liebe hängen sollte –«
»Erste Liebe,« unterbricht er mich lächelnd.
»Oder an seiner dritten oder vierten,« antworte ich, »denn eine erste Liebe gibt es ja eigentlich nicht, weil immer schon eine vorher dagewesen ist. Aber es handelt sich jetzt gar nicht um die Treue gegen andere, sondern um die Treue, die wir uns selbst schuldig sind.«
»Uns selbst, uns selbst,« sagt Herbert ungeduldig, »wie einfach klingt das! Aber wer von uns kennt sich und wertet sich richtig? Wir sind doch viel zu sehr in uns selbst gefangen, um unbefangene Richter über uns zu sein.«
»Aber lieber Freund,« sage ich, »was hat die Treue mit der Erkenntnis zu tun, da sie doch nichts Bewußtes ist, sondern so selbstverständlich wie das Atemholen, und da sie aufhört zu existieren, sobald sie bewußt und ein Willensakt geworden ist. Und wer wir selbst sind, fragen Sie? Nun, wir sind nicht nur die, die jetzt hier sitzen und reden. Zu uns gehört alles, was wir vor Jahren und Monaten, und was wir gestern und heute erlebt und gefühlt haben. Und wenn wir das täglich und stündlich von uns werfen können wie alte Kleider, dann werfen wir uns täglich und stündlich selber weg. Wie ein Mensch ohne Schatten sind wir dann, und ich begreife jetzt, was ich als Kind nie verstanden habe, weshalb Chamisso es als so traurig und als so schmachvoll hinstellt, keinen Schatten zu haben.«
Herbert ist blaß geworden. »Traurig und schmachvoll,« wiederholt er, während er mit nervöser Hand seine Zigarette in der Schale zerdrückt.
Dann hebt er den Kopf, und seine Augen haben den eigensinnig fanatischen Blick, den ich kenne.
»Vielleicht haben Sie Chamisso doch falsch verstanden,« sagt er leise, »vielleicht war es nur deshalb so traurig und schmachvoll, keinen Schatten zu haben, weil alle Welt einen Schatten hat, und weil alle Welt die haßt und verachtet, die anders sind als alle Welt.
Und jetzt will ich gehen,« sagt er aufstehend, und setzt mit einem sonderbaren, etwas hilflosen Lächeln hinzu: »Diesmal nicht wie Wotan.«
»Und doch wie Wotan,« sage ich und strecke ihm die Hand hin, die er einen Augenblick sehr fest in seiner hält. »Leben Sie wohl, einäugiger Wanderer!«
Es ist ein echt weiblicher Zug von Ihnen –
Der Fünfuhrtee im Kaiserhof ist in vollem Gang, und ich sitze an einem der kleinen, mit Blumen und Lampen geschmückten Tische und erwarte meinen Berliner Freund, den Professor, den ich fast ein halbes Jahr lang nicht gesehen habe.
Ich behalte die Eingangstür im Auge, um ihm gleich zuwinken zu können, denn ich weiß, daß es ihm, trotz einer absichtlich betonten Nonchalance, peinlich ist, sich erst lange zwischen den eleganten Gästen und den unsagbar vornehmen Kellnern durchwinden zu müssen.
Und dann sehe ich doch mal nach dem sehr feschen Paar am Nebentisch hinüber, und gerade in diesem Augenblick sagt jemand neben mir: »Guten Abend,« und der Professor setzt sich an den Tisch, als habe er mich gestern zuletzt gesehen. Ich reiche ihm die Hand hinüber und frage statt aller Begrüßungszeremonien:
»Hoffentlich hat Sie mein telephonischer Anruf gestern nicht gestört?«
»Natürlich hat er mich gestört,« antwortet er, indem er die Blumen vom Tisch nimmt und daran riecht. »Ich hatte gerade meinen Mittagsschlaf angefangen.« – »Das schadet nichts,« sage ich kühl, »welcher ausgewachsene Mensch schläft auch am hellichten Tage?«
»Nun, zum Beispiel ich und zum Beispiel Sie,« erwidert er, »denn Sie wollen mir doch nicht einreden, daß heut vormittag um zehn Uhr, als ich Sie vergeblich zu sprechen wünschte, Mitternacht war. – Und übrigens – ausgewachsener Mensch! Wer ist ausgewachsen? Welche Anmaßung! Wollen Sie etwa von sich behaupten, daß Sie ein ausgewachsener Mensch seien?«
»Lieber Professor,« sage ich, »ich höre gern meine Jugend preisen, aber ich finde, augenblicklich geht Ihre Höflichkeit zu weit.«
»Und wer weiß,« fährt er fort, »ob wir nicht gerade im Schlaf am besten wachsen?« – »Jawohl,« werfe ich ein, »von den Säuglingen wird das allgemein behauptet.«
»Dummes Mädel,« fährt er mich an, »muß denn immer von körperlichen Funktionen die Rede sein? Es ist ein echt weiblicher Zug von Ihnen, daß Sie nie das Geistige ins Auge fassen können.«
»Verzeihen Sie, aber der Gedanke lag mir zu fern, daß Sie als Lehrer der Jugend den Schlaf für das beste geistige Förderungsmittel ansehen könnten. Es sei denn, Ihre Vorlesungen – –«
Er schlägt mit der Hand auf den Tisch, daß das Nachbarpaar erstaunt herübersieht und der Kellner nervös zusammenzuckt.
»Herrgott, hat dieses Mädel ein Mundwerk! Ein wahres Glück, daß ich Sie nicht geheiratet habe!«
»Warum?« frage ich, »ich kann mir das reizend vorstellen, und es wäre uns beiden sicher sehr gesund gewesen.«
»Gesund?« antwortet er, »das wäre möglich, etwa nach der Methode, daß man den einen nimmt und den anderen damit verprügelt.«
»Ja, so dachte ich mir's,« bestätige ich und sehe vergnügt zu, wie er sich zum Entsetzen des Kellners den Teller mit Kuchen belädt. Nachdem der Befrackte endlich entlassen ist, sage ich:
»Es ist ein echt weiblicher Zug von Ihnen, daß Sie so gern Kuchen essen.«
»Wer sagt Ihnen, daß ich gern Kuchen esse?« fragt er gereizt, »und wenn Sie mich übrigens deshalb gestern am Telephon mit allen Mitteln weiblicher Verführungskunst hierhergelockt haben, um mir anzudeuten, daß Ihnen mein Appetit unsympathisch ist –.« – »Wieso unsympathisch?« frage ich, »mir ist jeder menschliche Zug an Ihnen willkommen. Ich habe Sie aber nicht deshalb hierherbeordert –.« – »Gefleht haben Sie.« – »Hierherbeordert,« wiederhole ich. – »Auf den Knien haben Sie gelegen.«
»Nein,« sage ich, »dazu war die Schnur zu kurz. Aber Sie sehen, ich habe es versucht, und das genügt Ihnen hoffentlich. Also lassen Sie mich gefälligst ausreden. Nicht deshalb, um mich an Ihrem Appetit zu erfreuen, sondern um festzustellen, ob Sie noch immer so ein Grobian sind wie früher. Und ich muß sagen, mein Wissensdurst ist gestillt.«
»Nun, dann kann ich ja Gott sei Dank nach Hause gehen, wenn ich den Kuchen aufgegessen habe, denn wenn Sie etwa glauben –«
»Ja, das können Sie,« unterbreche ich ihn, »eine Stunde werden Sie reichlich damit zu tun haben, und mehr Zeit habe ich ohnehin nicht für Sie vorgesehen.«
»Kellner!« ruft er. – »Um Gottes willen,« flehe ich, »Sie blamieren mich, wenn Sie sich noch mehr Kuchen nehmen. Wir werden hinausgeworfen.« – »Werden Sie jetzt artig sein?« fragt er. »Sie sehen, ich habe Sie in der Hand, ich kann Sie aufs tödlichste blamieren, wenn ich will. Also geben Sie jetzt zu, daß Sie mich angefleht haben, hierherzukommen?« – »Ja, ja,« sage ich, denn der Kellner steht schon neben uns.
»Reichen Sie der Dame den Kuchen,« sagt der Professor großartig.
Ich lasse den Kellner unverrichteterdinge abziehen und sage: »Ich habe mich vorhin schon bedient, während Sie wahrscheinlich noch mit Ihrem geistigen Wachstum beschäftigt waren.«
Er schnippt mit Daumen und Mittelfinger nach meiner Hand, die ich erschrocken zurückziehe.
»Sie haben die körperliche Züchtigung verdient,« sagt er, »denn Sie hätten merken können, daß ich jetzt vernünftig mit Ihnen sprechen will.« – »Es ist mir nichts aufgefallen.« – »Ruhig! – Also, wie geht es Ihnen?«
»Auf eine so originelle Frage kann ich nur ebenso originell antworten. Es geht mir natürlich sehr gut.« – »Wieso natürlich?« fragt er, »ach so, Sie meinen, einer so entzückenden Dame gegenüber kann das Schicksal natürlich gar nicht anders als zart und galant verfahren. Sie stehen ja auf einem so hohen Piedestal, Sie schweben so hoch über allen Erdendingen –.« – »Um Gottes willen,« sage ich, »was haben Sie auf einmal?« – »Warum?« fragt er, »war ich etwa nicht grob?« – »Geradezu unverschämt,« versichere ich.
»Na also,« sagt er, »was ist da zu erschrecken! Mir scheint, Sie sind etwas verwöhnt und verzärtelt worden seit unserem letzten Zusammensein. – Was machen übrigens Ihre vierzig Freunde?«
»Sie verwechseln das,« belehre ich ihn, »bei unserem letzten Zusammensein war von Ihren dreiundvierzig Freundinnen die Rede.«
»Nun ja, warum sollte ich nicht drei mehr haben als Sie?« fragt er, »gönnen Sie mir die etwa nicht?«
»Von Herzen,« sage ich. »Don Juan hatte noch mehr.«
»Don Juan war auch kein feiner Genießer wie ich,« erklärt er. »Ich bin nur für Auslese, und deshalb kann auch der Kreis unmöglich vergrößert werden, so sehnsüchtig Sie darauf warten, aufgenommen zu werden.«
»Weshalb sind Sie so grausam?« frage ich, »gehen mir vielleicht ein paar Tugenden ab, die notwendig sind, um unter die Göttinnen eingereiht zu werden?«
»Alle,« erklärt er, »zuerst die wichtigste, Bescheidenheit. Sie sind von einem ebenso unberechtigten wie unerträglichen Hochmut geradezu geschwellt. Sie halten sich für unausstehlich gescheit –.« – »Ganz im Gegenteil,« versichere ich, »ich halte mich für sehr angenehm begabt.«
»Sie sind überzeugt, daß Sie keine Fehler haben –.« – »Auch das nicht,« antworte ich, »aber ich habe gerade meine kleinen Untugenden von jeher sehr reizvoll und sympathisch gefunden. – Fahren Sie übrigens nur fort, es gibt für mich nichts Wohltuenderes, als wenn sich jemand so eingehend mit meiner Person beschäftigt.«
»Für diese niedrige Eitelkeit verdienen Sie meine Verachtung,« antwortet er, »oder ist Ihnen eine körperliche Züchtigung lieber?«
»Ach nein,« sage ich erschrocken und verstecke die Hände unterm Tisch, »wenn ich dann lieber um Ihre Verachtung bitten dürfte.«
»Dacht ich mir's doch,« sagt er, »man hat Sie entsetzlich verweichlicht im letzten halben Jahr. – Aber jetzt ernstlich: Was machen die vierzig? Oder sind's seitdem mehr geworden oder gar weniger?«
Ich nicke: »Einer weniger.«
»Verkracht?« fragt er und strahlt geradezu teuflisch. – »Ach, wenn's nur das wäre,« sage ich.
»So, so, also ernstlich,« überlegt er. »War's Ihr bester?«
»Ich weiß nicht,« antworte ich, »aber ich glaube, der, den man verloren hat, war immer gerade der beste.«
»Na ja,« brummt er, »das hat dann gleich so etwas vom verlorenen Sohn an sich. Aber mit Freunden sollte es anders sein. Die man ohne eigene Schuld verliert, an denen ist meistens nichts verloren. Und so streitsüchtig Sie sind, ich nehme an, es war nicht Ihre Schuld.«
Ich muß lachen. »Ach nein,« sage ich, »ich war ganz und gar unschuldig, der Junge hat sich verheiratet.«
»O weh, o weh!« sagt der Professor und schlenkert die Hand durch die Luft, als habe er sich verbrannt. »Also ein fast unheilbarer Fall. Wie konnte der Trottel nur?«
»Trottel?« sage ich empört. »Er hat sehr vernünftig geheiratet, ideal und nützlich zugleich.«
»Also ein idealer Nützlichkeitstrottel,« nickt er. »Und er hat Ihnen versprochen: Zwischen uns bleibt alles, wie es war, und unsere Freundschaft besteht jede Probe, und so weiter?«
»So ähnlich,« antworte ich.
»Und Sie Schaf haben's geglaubt?«
»Lieber Professor,« sage ich, »ich bin vielleicht geistig etwas unter dem Durchschnitt, aber für so ein Schaf dürfen Sie mich nun doch nicht halten.«
»Na also,« sagt er, »und trotzdem beklagen Sie sich jetzt.«
»Ich glaube, ich kann Ihnen mit gutem Gewissen die ehrenvolle Anrede zurückgeben. Denken Sie Schaf vielleicht, uns schmerzen nur die Dinge, die wir nicht vorausgesehen haben?«
»Es war dumm, natürlich,« brummt er. »Sie haben recht. Es gibt allerdings Menschen, denen das Vorhergewußthaben jeden Schmerz versüßt, aber dazu gehören Sie anscheinend nicht. Wieso kam es aber zum Bruch? Hat man Sie etwa beleidigt?«
»Es ist gar kein Bruch, und mit Absicht hat man mich wohl nicht beleidigt,« antworte ich, »aber haben Sie nicht schon bemerkt, daß uns die Kränkungen am tiefsten treffen, die uns unabsichtlich zugefügt werden?«
»Natürlich,« sagt er, »die verfluchte Eitelkeit! Wir ertragen's eher, daß man uns haßt und verabscheut, als daß man uns gleichgültig gegenübersteht. – Übrigens vermute ich, Sie verlieren nicht mehr viel an dem Verkehr, denn wir waren uns ja von jeher darüber einig, daß glücklich verheiratete Leute kein Umgang für Menschen von Geschmack sind. Ob sie's wollen oder nicht, sie bringen ihr Familiensofa überall mit hin, und man kann sie noch so entfernt voneinander placieren, immer hat man das Gefühl, als säßen sie Hand in Hand. – Ist übrigens noch kein Ersatz in Sicht?«
»Ersatz?« wiederhole ich. »Jeder ist doch ein Mensch für sich, und einer kann den anderen nicht ersetzen.«
»Nun,« antwortet er, »meistens ist es doch im Leben so, daß uns die Dinge schon halb verloren sind, während wir sie noch zu halten glauben, und während von uns ungeahnt, irgendwo aus der Flut der Erscheinungen schon das Neue aufsteigt, das den Ersatz in sich trägt.«
Wir schweigen eine Zeitlang, und ich schaue ein wenig gedankenlos in die kleine rosa Lampe vor mir. Endlich sage ich:
»Drollig, mir ist ein Wort im Ohr hängen geblieben, das Sie vorhin sprachen. Vielleicht, weil's so widerspruchsvoll klingt. Was ist das, ein idealer Nützlichkeitstrottel?«
»Na,« antwortet er, »widerspruchsvoll klingt das Wort nun ganz und gar nicht, oder doch nur für den Trägen im Geist. Im allgemeinen drücke ich mich allerdings höflicher aus und sage: ideale Nützlichkeitsmenschen. Das Trottel sollte vorhin nur die weitverbreitete Trottelei des Heiratens treffen.«
»Meine geistige Trägheit schreit wahrscheinlich zum Himmel,« antworte ich, »aber ich kann mir auch unter der milderen Form nichts vorstellen. Also bitte, Herr Professor –«
Er fährt sich seufzend über den, trotz seiner Jugend, schon recht kahlen Schädel. »Gräßlich, wenn man durch die verfluchte Galanterie auch noch außerhalb der Vorlesungen zum Dozieren gezwungen wird. Aber nun passen Sie wenigstens auf, sonst setzt's was. Noch einmal kommen Sie nicht mit meiner Verachtung davon, diesmal knipse ich.«
»Mein Denkapparat wird nur so rasseln,« versichere ich und verstecke die Hände unterm Tisch.
»Na also,« er denkt einen Augenblick nach, »wissen Sie noch etwas von Lessings Hamburgischer Dramaturgie?«
»Ja,« sage ich stolz, »sie handelt hauptsächlich von Laokoon.«
»Ganz recht,« lobt er. »Sie meinen zwar den Laokoon von Lessing, aber das schadet nichts.« –
»Nein,« sage ich, »es schadet sicher nichts. Was hat es aber mit den idealen Nützlichkeitsmenschen zu tun?«
»Komische Frage,« antwortet er, »was soll es ausgerechnet damit zu tun haben? Ich muß morgen einen Vortrag über die Hamburgische Dramaturgie halten und wollte mich von Ihnen inspirieren lassen.«
»Und ist es geglückt?« frage ich. – »Vollkommen,« antwortet er, »ich bin nun so im Zug, daß ich Ihnen meinen Vortrag sofort halten werde.«
»Ich hoffe, Sie sind nicht böse, wenn ich dabei die Augen schließe,« frage ich, »das ist nämlich meine Gewohnheit bei Vorträgen und vielleicht der Grund zu meiner geistigen Fortgeschrittenheit.«
»Meinetwegen,« sagt er, »es ist mir ohnedies peinlich, wenn Sie mich so mit den Blicken verzehren und mir jedes Wort von den Lippen saugen.«
Ich überwinde einen krampfartigen Lachanfall, und er beginnt:
»Lessing war der Ansicht, daß in Hamburg das Prinzip der Nützlichkeit das überwiegende und ausschlaggebende sei. Davon steht zwar nichts in seiner Hamburgischen Dramaturgie, aber wir dürfen das dem Mann nicht zum Vorwurf machen, denn warum hätte er das gerade da hineinschreiben sollen? Er war trotzdem dieser Ansicht, und wir sind es mit ihm. Nun gibt es sowohl in, als auch außerhalb Hamburgs verschiedene Arten von Nützlichkeitsmenschem. Ad 1: Die gewöhnliche Feld-, Wald- und Wiesenpflanze, die jeder sofort erkennt, ad 2: die verfeinerte Sorte, die zwar auch nicht ganz selten ist, aber nur von Denkenden und geistig Hochstehenden erkannt und richtig eingereiht wird.
Es sind die Glücklichen, die nie eine Überzeugung, nie eine Neigung opfern müssen, weil ihre Überzeugung und ihre Neigung sich immer nach dem ihnen Nützlichen dreht, wie die Magnetnadel nach Norden. So leben sie unbeschwert von Sentiments, die nicht gerade der Augenblick in ihnen weckt, unbeschwert vor allem von retrospektiven Störungen, denn alles ist in ihrem Gedächtnis, oder sagen wir in dem Gedächtnis ihres Herzens ausgelöscht, was ihnen nicht mehr nützen kann. Und man darf von ihnen als ideal veranlagten Naturen nicht verlangen, daß sie sich nach etwas anderem als dem Zug ihres Herzens richten.
Sie sehen denn auch mit Verachtung auf den gewöhnlichen Nützlichkeitsmenschen herab, der der Stimme seines Herzens zuwider handelt und sich oft erst nach hartem Kampf mit sich selbst und mit bewußter Kraft und Rohheit das erringen muß, was ihnen eine besonders glückliche Veranlagung schenkt. Ihre Entschuldigung, wenn sie einer bedürfen, ist, daß sie nichts von dieser glücklichen Veranlagung wissen und ihrer wirklichen Überzeugung nach als ideal geartete Menschen durch die Welt gehen. – Kapiert?«
»Jawohl,« sage ich.
»Also kurz rekapitulieren!« Er sieht mich streng an, und ich sage, die Hände krampfhaft unterm Tisch:
»Lessings Hamburgische Dramaturgie gipfelt in der Erkenntnis, daß es gewöhnliche und ideale Nützlichkeitsmenschen gibt. Die ersten werden zum Beispiel nie ein armes Mädchen heiraten, die zweiten werden sich nie in ein armes Mädchen verlieben.«
»Basta punktum!« sagt der Professor grinsend, »da hat sich's der Weiberkopf Gott sei Dank in seine Weibersprache übersetzt. Vom Verlieben und Heiraten muß bei euch die Rede sein, da seid ihr zu Hause und geborgen, da könnt ihr mitschwimmen und plätschern wie ein Fisch im Wasser.«
»Weshalb verallgemeinern Sie so?« frage ich sanft. »Sollten Ihre dreiundvierzig Freundinnen am Ende ebenso trivial sein wie ich?« – »Die werden sich hüten,« antwortet er, »wer mit mir vom Heiraten spricht, hat ausgespielt.«
»Erzählen Sie ein bißchen von den dreiundvierzig,« schlage ich vor, um ihn wieder milder zu stimmen. »Sind sie alle sanft und bescheiden oder sind auch Wilde und Feurige dabei oder herb Verschlossene oder hinreißend Kluge? Daß sie alle berückend schön sind, setze ich als selbstverständlich voraus.«
»Alles ist da,« antwortet er stolz.
»Das muß ja unglaublich interessant und spannend sein,« schmeichle ich ihm, und er lächelt in teuflischer Verschlagenheit vor sich hin.
»Sie sind so verschwiegen,« beklage ich mich, »und ich habe Ihnen heute schon so viel von mir erzählt, daß Sie sich freundschaftlicherweise revanchieren dürften.«
»Ja,« sagt er nach einer kleinen Pause, »ich will Ihnen erzählen: Sie ist sanft und feurig und schelmisch und ernst und verschlossen und mitteilsam und stolz und bescheiden und alles zugleich. Und schön ist sie –«
»Sie, sie!« sage ich ganz fassungslos, »ich denke, es sind dreiundvierzig!«
»Quatschkopf!« sagt er und schnippt nach meiner Hand. »Sie wissen doch schon lange, daß es nur eine ist.«
Warum der kleine Dichter einen Nasenstüber
bekam –
»Der kleine Dichter« hieß er im Sanatorium, wo ich ihn kennenlernte, zur Unterscheidung von dem großen, der ihn sowohl an Körperlänge, als an Berühmtheit überragte. Aber hier in Hamburg, wo er nicht im Schatten seines größeren Kollegen lebt, nennen wir ihn den Dichter schlechthin, und wenn mir doch mal das Beiwort entschlüpft, dann hat es nichts mit einer Wertung zu tun, sondern ist ein Kosewort, und er läßt sich's behaglich schnurrend wie eine Katze gefallen.
Er hat mich gelehrt, daß ein Genie es unsagbar schwer im Leben hat und unter tausend Qualen leidet, von denen wir anderen nichts ahnen, und daß es daher unsere Pflicht ist, die Genies auf jede erdenkliche Art zu verwöhnen und ihnen so die Last ihrer Sendung zu erleichtern. Und ich habe damit angefangen, daß ich eine eierschalendünne Tasse gekauft habe, die er als seine Stammtasse betrachtet und aus der er ungeahnte Fluten von Kaffee schlürft, denn er bedarf starker Stimulanzen.
Auch Kuchen und Zigaretten sind Stimulanzen, deren er in hohem Maße bedarf.
Heute ist sein schmales Gesicht von Wind und Kälte gerötet, wie er bei mir eintritt. Er reibt sich heftig die auffallend schönen Hände, so daß das schmale goldene Armband ein wenig sichtbar wird, und dehnt sich dann behaglich im Sessel.
»Geradezu niederschmetternd ist es draußen,« berichtet er, »und ich weiß wirklich nicht, ob wir es uns gefallen lassen müssen, daß man uns unausgesetzt von oben herab mit kaltem Wasser begießt.«
»Ganz und gar nicht,« antworte ich und reiche ihm seine Tasse. »Sie haben ja auch Ihre Gegenmaßregel schon getroffen, die einzig wirksame, die es gibt.«
»Ja, ich bin hierhergeflüchtet,« sagt er, »übrigens nicht nur vor dem Regen, denn ich habe ja auch zu Hause gewissermaßen ein Dach über dem Kopf. Aber dies hier ist kein Dach, es ist eine Art Baldachin, eine Tempelwölbung, wenn Sie wollen, und nach so etwas sehnt man sich von Zeit zu Zeit geradezu elementar.«
Ich blicke ihn prüfend an und entdecke, daß er müde aussieht und daß sein schöngeschnittenes Gesicht noch etwas hagerer als sonst erscheint.
»Sie haben zu viel gearbeitet,« sage ich. – »Ja,« antwortet er seufzend, »ich habe mich geschunden und abgerackert, hundert Pferdekräfte habe ich vorgespannt, weil ich es zwingen wollte. Äh, lassen wir's jetzt! Hier ist es schön, und der Gedanke an Arbeit liegt in nebelhafter Ferne. – Denn sehen Sie,« fährt er lebhaft fort, »trotzdem Sie oft über meinen irrsinnigen Fleiß schelten, und trotzdem ich manchmal arbeite wie ein Tier, im Grund meines Wesens bin ich faul, – ohne jede Beschönigung, schlechthin faul.«
»Ich weiß,« antworte ich, »und kann Sie mir sehr gut als leidenschaftlichen Anhänger meines Lieblingsgottes vorstellen, des göttlichsten Gottes, der das absolute Nichtstun lehrt und das süße Versinken in sich selbst.«
»Ja,« antwortet Robert Helström mit einer großen Geste, »und hier ist der Tempel des Gottes Tao und seine fanatischste Priesterin. Und mir ist fast so, als kennten wir einander von Urzeiten her, und unsere Lotosblumen hätten einmal nahe beieinander geblüht. Ja wahrhaftig,« er stützt den Kopf in die Hand und betrachtet mich aufmerksam, »wenn ich mich recht besinne, gnädige Frau, Sie haben sich in den letzten zweitausend Jahren nicht im geringsten verändert.«
»Kleiner Dichter,« sage ich und sehe ihm in die necklustigen Augen. »Was wollen Sie eigentlich heute von mir? Ihre Redensarten sind so süß und glupschig wie Pralinés und haben auch das mit Pralinés gemein, daß man nicht recht weiß, was darin steckt. Also sagen Sie's gleich: muß ich wieder bei der Abfassung eines knifflichen Briefes an Ihren Verleger helfen, der so ungefähr haarscharf an einer Injurienklage vorbeiführt? Oder habe ich Sie heute mit eigener Lebensgefahr aus einer verzwickten Liebesaffäre zu erretten? Oder was ist es sonst?«
Aber in Robert Helströms Kopf scheint nur ein Wort haften geblieben zu sein, er macht einen langen Hals und blickt suchend auf dem Tisch umher.
»Apropos Praliné?« murmelt er.
Ich zeige ihm meine geöffneten Hände. »Alle,« antworte ich.
»Unerhört,« sagt er und lehnt sich entrüstet im Sessel zurück. »Ich werde mich beschweren!«
»Tun Sie das,« nicke ich. »Wer sich beschwert, erleichtert sich merkwürdigerweise, und das ist auch meist der einzige Erfolg, den er dabei aufzuweisen hat.«
»Gut,« sagt Robert Hellström, »diesen Splitter aus dem Auge Ihrer Nächsten sollten Sie den Fliegenden Blättern übersenden und für den Erlös neue Pralinés kaufen. – Übrigens ist doch sicher nur Marke zwei und drei ausgegangen, während Nummer eins noch beinahe unangetastet im Schokoladenschrank ruht.«
»Selbstverständlich,« antworte ich. »Nummer eins ist streng persönlich und unübertragbar. Nur zur Aufheiterung meiner einsamen Stunden bestimmt und hie und da im Theater zur geistigen Anregung.«
Robert Helström schweigt empört, aber die tausend Qualen, die ein Genie zu erdulden hat, stehen so deutlich auf seinem Gesicht geschrieben, daß ich gerührt aufstehe und zum Schokoladenschrank gehe. Er bemerkt es scheinbar nicht, sondern blickt schweigend nach der Stubendecke. Erst wie ich mit der kleinen Schachtel an den Tisch zurückkomme, sagt er lebhaft:
»Wir wollen sie ausschütten, der besseren Übersicht halber,« und leert die Schachtel vorsichtig auf einen Glasteller. Dann sitzen wir ein paar Minuten still und einträchtig zusammen, wie Kinder, die auf die angenehmste Art beschäftigt sind.
Endlich sage ich: »Etwas muß auch für das nächste Mal bleiben,« und stelle den Teller aus seiner Reichweite.
»Mir fällt übrigens ein, daß wir uns lange nicht gesehen haben.«
»Vier Wochen fast,« antwortet er, »und es spricht weder für Sie noch für mich, daß Ihnen das jetzt erst einfällt. Ich will zu Ihrer Entschuldigung annehmen, daß Sie von anderer Seite genügend mit geistiger Kost versehen wurden.«
»Es muß wohl ausreichend gewesen sein,« antworte ich. »Meine Freunde haben ja alle viel Zeit, und so kommt es –«
»Ja, ja,« macht er nachdenklich und fährt dann lebhaft und mit etwas affektierter Leichtigkeit fort:
»Ja, das wäre doch interessant zu wissen, gnädige Frau, und ich hoffe, Sie antworten mir ehrlich: Ist Ihnen noch nie der eine oder der andere Ihrer Freunde gefährlich geworden? Es läge doch so nahe –«
Ich kann's nicht ändern, ich muß dem kleinen Dichter einmal mit der Hand übers Gesicht streichen und ihm dann einen Nasenstüber versetzen.
»Einer?« sage ich. »Oder der andere? Was denken Sie eigentlich? Jeder einzelne ist mir schon gefährlich gewesen, der eine auf Tage, der andere auf Stunden und manchmal waren's auch nur Minuten, aber zum Glück hat immer einer den anderen wieder aufgehoben, so daß die Sache hübsch im Gleichgewicht blieb, – balance of power nennt man so etwas, glaube ich.«
Der kleine Dichter sieht unzufrieden aus, und ich beuge mich ein wenig zu ihm hinüber und frage:
»Also weshalb habe ich Sie solange nicht gesehen?«
Er weicht meinem Blick aus: »Ich wollte arbeiten, ich sagte es ja.«
»Früher war das ein Grund mehr, zu kommen.«
»Ja, früher!« antwortet er rätselhaft und fragt dann, unbeweglich in den blauen Rauch starrend, der seiner Zigarette entsteigt:
»Kennen Sie das, was einen nicht arbeiten und nicht ausruhen läßt, nicht wachen und nicht schlafen, die Qual, die einen auffrißt bei lebendigem Leib?«
»Wer kennt das nicht?« antworte ich, und dann ist's eine Weile still im Zimmer.
Und dann frage ich: »Wissen Sie denn so genau, daß sie einen anderen liebt?«
»Sie ist verheiratet,« sagt er leise, und da ich ihn schweigend ansehe, fährt er hastig fort: »Ich weiß, was Sie sagen wollen. Aber er ist der Mann, und er hat das Recht, und ich kann den Gedanken nicht ertragen –«
Er steht so heftig auf, daß der kleine Tisch ins Schwanken gerät, und die eierschalendünne Tasse klirrt.
»Und er, der Ehemann?« frage ich. »Hat er nicht mehr Grund zur Eifersucht als Sie?«
»Der?« lacht er. »Weshalb denn? Er ist ja seiner Sache sicher; sie ist vernünftig, denkt er, sie wird mir schon keine Dummheiten machen. Und darin hat er recht, Gott sei's geklagt!«
Ich schweige, und es geht mir durch den Kopf, daß hier ein fundamentaler Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Empfinden sein muß. Mag sie lieben, wen sie will, denkt der Normalmann, wenn sie mir nur keine Dummheiten macht! Mag er Dummheiten machen, wenn er will, denkt die Normalfrau, wenn er nur keine andere so liebt wie mich!
Und ich will schon ein bißchen stolz auf mein eigenes Geschlecht werden, denn unser Standpunkt scheint mir der geistigere und vornehmere zu sein, aber ehe ich dazu komme, fallen mir schon wieder hundert Für und Wider ein, und aus diesen Erwägungen heraus frage ich Robert Helström, der mit langen Schritten das Muster meines Teppichs auf und ab schreitet und dabei gewisse Ornamente ängstlich zu vermeiden scheint:
»Weshalb sagt man eigentlich, ein Mann sinkt und eine Frau fällt?«
Er steht still und sieht mich einen Augenblick zerstreut an, dann sagt er: »Das ist doch sehr einfach. Wir Männer sind schon unten, wir leben sozusagen im Sumpf und können nur noch tiefer sinken und versumpfen, langsam und allmählich. Die Frau steht auf einer stolzen Höhe, aber ein Schritt zur Seite stürzt sie in den Abgrund.«
»Kinder!« sage ich, »warum habt ihr uns nur auf ein so gräßlich gefährliches Postament gestellt? Hat eine von uns vielleicht jemals nach dieser schwindelnden Höhe verlangt?«
Der kleine Dichter lacht. »Meiner bescheidenen Erfahrung nach nicht. Aber Sie haben recht, wir haben die Frau auf das ehrenvolle Piedestal erhoben. Im Manne ist eine Sehnsucht nach Reinheit, eine Andacht und Ehrfurcht vor der Unbeflecktheit des Weibes, die ihn trotz allem der Frau gegenüber zu dem ethisch höherstehenden Wesen macht. Bedenken Sie nur, daß selbst guterzogene und gut veranlagte Mädchen den berüchtigten Don Juan dem Tugendhelden vorziehen, während wir, trotz aller Verirrungen, das reine, das jungfräuliche Weib am meisten lieben.«
»Ja, ja,« sage ich nachdenklich, »aber wie läßt sich diese rätselhafte, höchst widerspruchsvolle Tatsache erklären, denn mit einer höheren ethischen Veranlagung des Mannes hat sie sicher nichts zu tun.«
»Ich finde das unrecht,« schmollt er, »nicht mal das bißchen höhere Ethik gönnen Sie uns, doch sicher einer der am wenigsten begehrten menschlichen Vorzüge. Oder halten Sie es vielleicht für ein Vergnügen, moralisch zu empfinden?«
»Sicher nicht,« antworte ich. »Ihr würdet euch sonst stärker damit belasten. Aber ich glaube, ich habe des Rätsels Lösung gefunden: Aus Egoismus liebt der Mann das jungfräuliche Weib, nicht aus Ehrfurcht vor ihrer Reinheit, sondern aus dem rohen Verlangen heraus, der Erste zu sein, der diese Reinheit besitzt und der sie zugleich zerstört. Und aus tief ethischem Empfinden liebt die Frau den gesunkenen Mann, aus Opfer- und Schmerzbereitschaft und aus dem Trieb heraus, ihn zu heben und zu erlösen –«
Ich sehe den kleinen Dichter stolz an, aber der schüttelt baß verwundert den Kopf.
»Ei du liebes Herrgöttle!« sagt er, »seit wann sind Sie denn so begeistert weiblich gesinnt? Und wer sagt denn, daß wir partout eure Reinheit zerstören wollen? Daß wir's tun, ist eine bedauerliche Nebenerscheinung, aber doch nicht Zweck und Ziel. Im Gegenteil, es stimmt uns traurig und läßt uns immer von neuem nach neuer Reinheit und Unberührtheit suchen. Daher der Typ des Don Juan, der rastlos sucht und der erst zur Ruhe kommen kann, wenn er das Ideal gefunden hat, die Frau, deren Reinheit unzerstörbar ist, Mutter und Jungfrau zugleich. Denn das ist nicht allein das Ideal der katholischen Kirche, der Madonnenkult lebt in jedem Mann.«
»Nun,« antworte ich, »ich bin sicher, sämtliche Lebejünglinge und -greise werden Ihnen Dank wissen, daß Sie aus ihrer Unersättlichkeit die Sehnsucht nach einem Ideal, sozusagen also aus ihrer Not eine Tugend gemacht haben. Wie auch alle abenteuerlustigen Backfische mir dankbar die Hand küssen sollten, wenn ich ihre Sensationsgier in Opferfreudigkeit umdichte. – Denn man kann bekanntlich alle Dinge so und anders sehen, das Gegenteil ist meistens ebenso richtig.«
Der kleine Dichter hat sich wieder an den Tisch gesetzt und raucht mit Hingebung seine Zigarette.
»Die Weisheit der Temperamentlosen,« bemerkt er und fährt plötzlich mit nervöser Gereiztheit fort: »Sie sollten sich nicht zu ihr bekennen. Wer alles so und anders sehen kann, der mag sehr weise sein, aber er kann nichts hassen und nichts lieben. Er liebt einmal hier und einmal da, und vielleicht gibt es sogar Menschen, die hier und da zugleich lieben können. Wer weiß es?«
»Ja, wer weiß es?« wiederhole ich und zünde mir eine Zigarette an. Und dann, in unseren gewohnten Neckton verfallend, füge ich lächelnd hinzu: »Kleine Dichter müssen nicht so viel fragen. Sie kennen ja bekanntlich die Welt durch Antizipation und brauchen unsere Weisheit nicht.«
Aber er fährt in seinem heftigen Tone fort, und seine Augen blitzen mich böse an:
»Beneidenswerte Leute, die so weise sind, daß sie über alles lächeln können. Verspielte Leute, die das Leben zwischen ihren schmalen Händen und spitzen Fingern halten wie ein drolliges und seltsames Spielzeug und es hin und her drehen und lächelnd betrachten. Leute, denen alles zum Spielzeug wird, Worte und Empfindungen und Dinge und Menschen. – Ja, Menschen auch!«
Er schweigt, und ich nehme seine Hand und streichle sie leise.
»Nicht schelten,« sage ich. »Lassen Sie uns spielen! Und lassen Sie uns die Augen wegwenden von dem Abgrund, der überall neben uns klafft, wo wir gehen und stehen, und in den wir versinken müssen, wenn wir hinunterschauen. Lassen Sie uns am Rand spielen, wie Kinder, die von nichts wissen.«
Wir schweigen einen Augenblick, dann sagt er leise, seine Wange an meine Hand gelehnt:
»Wissende Kinder sind es, die die Augen vor dem Abgrund verschließen und mit ihrem eigenen Herzen spielen wie mit der ganzen Welt. – Aber vielleicht ist es doch wahr, daß nichts auf Erden uns so nötig ist wie ein Frauenlächeln, und daß nichts im Leben so ernst und so heilig ist wie das Spiel.«
»Lieber kleiner Dichter,« sage ich und reiche ihm den Rest der Pralinés hinüber, »weise oder nicht, für mich sind Sie ein großer Dichter.«
Hinweise zur Transkription
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
Darstellung abweichender Schriftarten: gesperrt, Antiqua.
Bei direkter Rede wurden sowohl Komma als auch Punkt vereinheitlichend jeweils vor dem schließenden Anführungszeichen angeordnet.
Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen,
Seite 43:
"sie" geändert in "Sie"
(recht gut, und was Sie jetzt sagen)
Seite 44:
"« –" eingefügt
(optimistisch genug zu behaupten, –« –)
Seite 44:
"»" entfernt vor "Ich"
(so nennen. – Ich will das erst beweisen)
Seite 55:
"»" entfernt vor "Aber"
(Aber Paulsen schüttelt den Kopf.)
Seite 81:
"»" eingefügt
(sagt Erich, »auf diesen liebenswürdigen Trick)
Seite 114:
"»" eingefügt
(»daß sich auch bei Ihnen einmal)
Seite 127:
"»" eingefügt
(»wir treffen uns oft des Abends im Café)
Seite 127:
"«" eingefügt
(Es wird nie zutage kommen.«)