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Gespräche im Zwielicht

Chapter 7: Von Märchen und Masken
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About This Book

A succession of eleven informal conversations sketches a circle of young men linked by their friendship with a reticent woman, privileging tone and social nuance over detailed biography. A woman narrator and a wry interlocutor trade observations about critique, etiquette, and aesthetic taste while the text intentionally avoids deep psychological excavation, offering light, impressionistic portraits instead. Although characters remain deliberately diffuse and scenes only lightly sketched, a persistent, indirect image of the silent woman gradually takes shape, and the work quietly examines manners, friendship, and the ways absence can define presence.

Ich muß unwillkürlich lächeln: »Worunter also in diesem Fall meine unterlassenen Sünden zu verstehen wären.«

Und da er mich schweigend und mit einem eigensinnigen Ausdruck ansieht, kann ich nicht anders, als ein altes Kinderlied zitieren, und ich sage leise in seine flackernden Augen hinein: »Hänschen, Hänschen, sei gescheit!«

»Ja,« antwortet er zwischen den Zähnen und, plötzlich aufspringend: »Weiß auch nicht, welcher Teufel mich manchmal packt und Ihnen den Spaziergang durch die himmelblauen Gärten stört.«

Mir kommt plötzlich eine drollige Kindheitserinnerung, und während wir weitergehen erzähle ich ihm:

»Als meine Schwestern und ich noch klein waren, hatten wir mal ein sonderbares Spielzeug. Daran muß ich jetzt denken, vielleicht weil Sie gerade vom Teufel sprachen. Es war ein sehr hübscher, harmlos aussehender Kasten, dessen Schloß schwer zu finden war. Und während man danach suchte, berührte man jedesmal eine geheime Feder, der Kasten sprang auf, und ein kleiner Teufel flog heraus. – Und wir erschraken jedesmal zu Tod, und einmal habe ich sogar vor Schrecken geweint. Und wir hatten es doch vorher gewußt, daß der Teufel darin saß und hätten doch die Hände von dem gefährlichen Spielzeug lassen können.«

»Ja,« sagt Dufaure, »wir hätten ja die Hände von dem gefährlichen Spielzeug lassen können. – Daß es nicht geschah, trotz des besseren Wissens, bestätigt mal wieder meinen schönen, aber traurigen Satz: ›Klugheit schützt vor Dummheit nicht.‹ Übrigens vermute ich, daß Ihre Tränen schnell getrocknet waren. Es gibt ja so viele Spielsachen auf der Welt, und der Teufel sitzt nicht in allen.«

»Sicher war ich schnell getröstet,« antworte ich, »besonders, weil ich als Kind oberflächlich genug war, nicht hinter jeder harmlosen Sache eine tiefe Symbolik zu wittern.«

»Verzeihen Sie,« sagt Dufaure, »die Symbolik lag hier so nahe. Aber um Sie zu versöhnen, will ich Ihnen auch etwas aus meinem Kinderleben erzählen, wenn Sie es hören wollen.« Ich nicke und er erzählt:

»Ich hatte als Kind neben vielen schlechten Gewohnheiten eine, die besonders fatal und gefährlich war, nämlich die Gewohnheit, mich immer selbst zu sehen und zu hören. Ich ging immer gleichsam neben mir her und beobachtete mich. Anfangs mag es eine gewollte Spielerei gewesen sein, aber dann wurde es zur Gewohnheit und schließlich zum Zwang. – Auch daß ich mich beobachtete, beobachtete ich und so immer weiter, so daß es war, als stünde ich zwischen zwei Spiegeln, die sich ineinanderspiegeln und in denen man sich unheimlicherweise in einer endlosen Reihe sitzen, stehen und bewegen sieht. Sie können sich nicht denken, wie qualvoll das war – und noch ist, denn es ist noch nicht vorbei. Noch keine Erregung, noch kein Erlebnis war stark genug, mich in mir selbst zu verlöschen, mich von mir selbst zu erlösen.«

Dufaure schweigt einen Augenblick und setzt dann langsam hinzu:

»Und ich sehne mich nach dieser Erlösung. Ich möchte mich selbst verlieren, – einmal im Leben.«

Wir stehen auf der kleinen Brücke und sehen hinunter, und unsere Hände liegen auf dem Gitter nahe beieinander, aber nicht so nahe, daß sie sich berühren. Und plötzlich sage ich in die Stille hinein, fast ohne es zu wissen und zu wollen, und meine Stimme klingt wie dünnes Glas, das im nächsten Augenblick zerbrechen kann:

»Ich möchte mich selbst finden, – einmal im Leben.«

Und dann sprechen wir gar nichts mehr. –

Von Märchen und Masken

Ein unbeschreiblicher Reiz liegt über der Alster, wenn sie an warmen Sommerabenden mit unzähligen kleinen Fahrzeugen übersät ist, wenn die Ruder- und Segelboote, Punts und Kanus lustig durcheinanderschießen, und junge Gestalten in bunten Sportgewändern einander zurufen und nicken und plaudern und lachen und flirten, als wäre die Welt ein großer Festplatz und Leben der entzückendste Sport.

Aber ein anderer, feinerer Reiz liegt über der Alster, wenn man an lieben Sommermorgenden langsam durch ihre stillen Kanäle fährt. Gärten rechts und links, Weiden, deren Zweige bis ins Wasser hängen, Schwäne, die sich langsam dem Boot nähern, und die ein leichter Ruderschlag wieder vertreibt. Hier und da Kinder in den Gärten und ein kleiner Hund, der ans Ufer kommt und bellt. Und wir gleiten an all dem vorbei, und es ist wie im Märchenland.

»Andersens Märchen,« sage ich, und Erich Halpern sieht nach dem Ufer hinüber und nickt. Er sitzt an der Spitze des Punts, in weißem Sportanzug mit bunter Krawatte und braunem Wildledergürtel, frisch, klug und hamburgisch aussehend. Langsam und wie zum Spiel läßt er das leichte Ruder durchs Wasser gleiten, während ich mir am Boden des Fahrzeuges zwischen den unzähligen bunten Kissen und Polstern mein bequemes Lager hergerichtet habe. –

»Hier müßte man Märchen erleben,« sagt er lächelnd.

»Märchen erlebt man nicht,« antworte ich ein bißchen faul und blicke den Wölkchen meiner Zigarette nach, »man erzählt sie höchstens seinen Freunden.«

»Womit Sie hoffentlich nicht sagen wollen, daß alle Erlebnisse, die man seinen Freunden erzählt, Märchen sind?« – »Das will ich doch hoffen,« entgegne ich, »denn sobald sie aufhören, Märchen zu sein, sind sie schon Indiskretionen.«

»Müssen es denn immer Liebesgeschichten sein?« fragt er lachend.

»Ach bitte ja,« antworte ich, »alle anderen sind doch wirklich gar zu langweilig. Oder können Sie sich etwas Tödlicheres denken, als wenn jemand seine Abenteuer auf anderem Gebiet zum besten gibt. Beispielsweise Reiseerlebnisse: Man kann mir die Besteigung des Montblanc in den glühendsten Farben schildern, man kann mir die Kämpfe mit Buschmännern und Moskitofliegen noch so reizvoll ausmalen, es wird mich alles gleichgültig lassen der Frage gegenüber, ob die unglückliche Liebe, der man auf seiner Reise um die Welt entfliehen wollte, erkaltet ist oder nicht. Aber leider ist es die traurige Eigentümlichkeit der unglücklichen Lieben, daß sie auch in der Entfernung nicht erkalten.«

»Haben Sie diese betrübliche Erfahrung aktiver- oder passiverweise gemacht?« fragt Erich, »wenn es nicht indiskret ist, sich danach zu erkundigen.«

»Es ist indiskret,« antworte ich, »aber ich will Ihnen trotzdem antworten, daß ich in unglücklichen Liebesfällen meistens die leidende Form bevorzugt habe.«

»Bei der Sie anscheinend nicht allzuviel litten,« meint er trocken.

»Ach, ein Vergnügen ist auch das Unglücklichgeliebtwerden nicht,« antworte ich, »und vor allem ist es bedeutend schwerer, jemanden heraus als hinein zu verlieben.«

»Vielleicht weil man sich dieser Arbeit nicht mit der gleichen Hingabe unterzieht,« vermutet er, und ich kann ihm nicht ganz unrecht geben. »Es ist eine zu langweilige und trübselige Arbeit,« nicke ich. –

»Und zudem eine, die mir die moralischen Kräfte einer Frau bedeutend zu übersteigen scheint,« sagt Erich und beugt sich einen Augenblick nieder, um unter den Weidenzweigen durchzuschlüpfen, die fast bis ins Wasser hängen.

»Ach, man kann es schon, wenn man ernstlich will,« antworte ich zerstreut, denn es ist zu herrlich in der grüngoldnen Dämmerung, durch die wir fahren, als daß ich so recht zur Unterhaltung aufgelegt sein könnte.

»Ja,« entgegnet Erich, »man kann bekanntlich alles, was man ernstlich will, es fragt sich immer nur, ob man es ernstlich wollen kann. Und – ich muß gestehen – ich traue einer Frau jede Selbstlosigkeit und Opferfreudigkeit zu, nur die eine nicht, einen Anbeter wissentlich und willentlich zu ernüchtern. Es wäre fast übermenschlich.«

»Wenn er uns ganz gleichgültig ist,« werfe ich dazwischen; aber Erich antwortet: »Ein Mensch, der uns anbetet, ist uns nie ganz gleichgültig, und außerdem sind wir so eitel, daß uns sogar an der Schätzung der Menschen, an denen uns gar nichts liegt, noch viel gelegen ist. Ich weiß nicht, wer das einmal gesagt hat, aber es wird wohl eine Frau gewesen sein.«

Ich nicke. »Die Ebner-Eschenbach, und sie hatte recht. Aber unbesorgt, die Ernüchterung wird schon selbsttätig eintreten, denn die Eitelkeit der Männer ist so stark, daß ihre heißeste Liebe der Gleichgültigkeit gegenüber erlischt. Und wenn es schon schwer ist, den Haß oder die Liebe zu verkleiden, – die Gleichgültigkeit zu verbergen, ist uns einfach unmöglich.«

»Heil, heil!« ruft Erich vergnügt, »eine der schwierigsten Menschheitsfragen ist gelöst, und unglücklich liebende Männer laut Beschluß von heute aufgehoben. O du glückliche Welt, in der sich alles so spielend löst.«

Ich liege auf dem Rücken, die Hände unterm Kopf, und schaue in den Himmel und die ziehenden weißen Wolken hinein.

»Mir scheint alles so spielend leicht, wenn ich auf dem Wasser bin,« sage ich, »fast als ob dies Gleiten und Wiegen die Körper- und Seelenschwere zugleich aufgehoben hätte. Und dann all die Schönheit ringsum. Nein, es ist mir heute schlechterdings unmöglich, unglücklich liebende Männer tragisch zu nehmen.« – Erich lacht. »Wenn ich gewußt hätte, daß der Wassersport auch seelisch abhärtend wirkt, dann hätte ich Ihnen nicht so leidenschaftlich zur Anschaffung dieses Punts geraten.«

»Was verlieren Sie dabei?« frage ich und drehe den Kopf nach ihm hin, »Sie sind ja Gott sei Dank der einzige meiner Freunde, der nicht unglücklich liebt, und Sie glauben nicht, wie wohltuend das auf mich wirkt.«

»Und auf mich erst!« lacht er. »Übrigens verspreche ich Ihnen, falls mich das Malheur doch mal ereilen sollte, meinen Seelenschmerz männlich vor Ihnen zu verschließen. Denn erstens sind Sie mitleidslos –« – »Nur auf dem Wasser,« werfe ich dazwischen.

»Nun, Sie werden nicht leugnen, daß Sie auch auf dem festen Land die Leiden anderer, und wären es die schmerzlichsten, mit bedeutend mehr Fassung tragen als zum Beispiel –« – »Als zum Beispiel meine eigenen, und wären sie auch viel geringfügiger. Aber ich behaupte, damit keine unrühmliche Ausnahme zu machen, denn – wenn Sie mir ein unpoetisches Wort in dieser poetischen Umgebung gestatten wollen, – der eigne Rock ist uns allen immer noch bedeutend näher als andrer Leute Hemd. – Übrigens, lieber Erich, glauben Sie ja nicht, mir jemals Ihre Seelenstimmung oder Verstimmung verbergen zu können. Sie sind durchsichtig wie Glas –«

»Ich werde eine undurchdringliche Maske wählen,« verspricht er.

»Ungefähr so, wie einer meiner Bekannten, der immer wenn er Unannehmlichkeiten erlebt hat, fröhlich trällernd zu seiner Frau ins Zimmer kommt, um sie über seinen Seelenzustand zu täuschen. Sie erschrickt denn auch jedesmal zu Tod, wenn sie sein Trällern hört.«

»Wie schade,« sagt Erich, »auf diesen liebenswürdigen Trick werde ich also schon verzichten müssen. Und ich bin nun wirklich selbst neugierig, welche Maske ich mir vorbinden muß, um Sie zu täuschen. Was meinen Sie, wenn ich das Raffinement so weit triebe, mir die Durchsichtigkeit als Maske zu wählen?«

»Eine gewisse kühle Durchsichtigkeit, ja. Das wäre ein sehr feiner Zug, der besondere Schlauheit verrät. Sie müssen nämlich wissen, daß der wahre Psychologe den Menschen am besten an der Maske erkennt, die er sich wählt. Und man könnte daher den sehr veralteten Spruch mit Recht dahin umändern: ›Ich weiß, wer du scheinen willst und sage dir, wer du bist‹.«

»Und damit wäre die Maske wieder nur ein Teil von uns selbst, und es bedürfte einer zweiten und dritten, um die erste zu verbergen. Nein,« sagt Erich energisch, »da bin ich doch schon aus Klugheits- und Ventilationsgründen für offenes Visier.«

»Das nützt auch nichts,« entgegne ich bekümmert, »denn es gibt Menschenkenner, die so niederträchtig fein sind, daß sie uns selbst ohne Maske durchschauen.«

Erich lacht. »Sie rechnen sich dazu?«

»Ach nein,« sage ich, »ich weiß mich frei von der Schwäche psychologischer Neugier und danke Gott täglich, daß er den Menschen die Gabe verliehen hat, ihre wahren Gesichter zu verbergen. Denn Erich, wirklich, bei Licht besehen, es ist ein Pack.«

»Und nur wir beide nicht?« fragt er.

»Ach, wir beide auch,« antworte ich, »aber von den Anwesenden spricht man nicht gern, und deshalb sagt man auch immer, sie sind ausgeschlossen.«

Wir fahren eine Weile schweigend weiter, endlich sagt Erich, wie mir scheint, etwas verdrossen: »Eins begreife ich nicht und ärgere mich darüber, – nämlich, was Sie zu dem abfälligen Urteil über Ihre Mitmenschen berechtigt. Die Erfahrungen, die Sie bisher gemacht haben, sollten doch gerade danach angetan sein –«

»Lieber Freund,« unterbreche ich ihn, »was wissen Sie von meinen Erfahrungen, da Sie nur die Seite von mir und meinem Leben kennen, die Ihnen zugekehrt ist? – Aber selbst, wenn Sie recht hätten, wäre es doch nichts als Bestechlichkeit, wenn ich Welt und Menschen deshalb im rosigen Schein sehen wollte, weil mir's gut geht, und weil man mich nach mancherlei Richtung hin verwöhnt hat. Es wäre eine ziemlich oberflächliche Bestechlichkeit, deren ich mich nicht schuldig machen will; trotzdem ich mich ganz gewiß nicht für unbestechlich halte. – Ebensowenig wie irgendeinen Menschen auf der Welt.«

Erich schüttelt ungeduldig den Kopf: »Ich weiß, daß es Ihre Gewohnheit ist, große Worte gelassen auszusprechen, aber ich glaube, dies große Wort von der Bestechlichkeit aller Erdenkinder werden Sie doch nicht aufrechterhalten können. Sie werden trotz Ihrer pessimistischen Weltanschauung zugeben müssen, daß es Menschen unter uns gibt, die niemand bestechen kann.«

»Ja,« sage ich, »das gebe ich ohne weiteres zu. Niemand kann sie bestechen, weil niemand ihnen den Preis bieten kann, für den sie zu haben wären. Ich spreche natürlich nicht von Geld, denn es gibt ja Leute genug, die so viel Geld haben, daß sie damit nicht zu ködern sind. – Aber wir alle haben Wünsche, die so brennend und tief sind, daß wir für ihre Erfüllung unsere Ehre und unsere sogenannte Seligkeit über Bord würfen. – Da aber ein Mensch dem anderen niemals das geben oder auch nur versprechen kann, was dieses Opfer lohnt, so bleiben wir unbestochen bis an unser Lebensende, Gott sei's geklagt. –«

»Vielleicht Gott sei gelobt,« meint Erich altklug, »denn wir wissen es ja, daß erfüllte Wünsche meist eine grausame Strafe sind. – Und doch,« fährt er nachdenklich fort, »Sie haben recht. Trotzdem wir es wissen, wir gäben Ehre und Seligkeit und ein paar Jahre unseres Lebens für die Erfüllung.«

»Ja,« antworte ich zögernd, »Ehre und Seligkeit gewiß, – aber ein paar Jahre meines Lebens? – Oder,« füge ich plötzlich ganz erleichtert hinzu, »wenn es vielleicht ein paar aus meiner Vergangenheit sein dürften?«

Erich lacht herzlich. »So fassen Frauen das selbstverständlich immer auf, wenn sie für irgend etwas Jahre ihres Lebens zu opfern bereit sind. – Aber sind Sie wirklich so ängstlich besorgt um die zukünftigen?«

»Ach ja, Erich, denn es ist ohnehin immer schon später als wir glauben.«

Erich hat das Ruder eingezogen, und wir treiben jetzt in dem kleinen, fast ganz von Gärten eingeschlossenen See langsam im Kreise. Ich habe die Zigarette über Bord geworfen und die Hände um die Knie geschlungen.

»Wissen Sie, Erich,« seufze ich, »es ist sonderbar mit dem Altwerden, es ist das leichteste und das schwerste Ding zugleich.« Er nickt. – »Aber mir ist's doch immer so, als müßte es nicht sein, daß fast alle Menschen vom dreißigsten Jahr an geistig zu schrumpfen anfangen,« sagt er, »denn leider tun sie das.«

»Nun ja,« antworte ich, »man hält zu oft für Temperament oder Begabung, was nur Jugend ist und schnell verschwindet, sobald der Mann Amt und Brot, und die Frau einen Mann gefunden hat. Erst wenn ein Mensch darüber hinaus den Schwung seines Wesens bewahrt hat, kann man sagen, daß er echt gewesen ist. Wie ja auch die körperliche Anmut einer Frau erst dann mehr ist als etwas zufällig Angeflogenes, wenn sie die Jugend überdauert, weil sie sich immer wieder von innen heraus durch seelische Kräfte erneut.«

»Ja,« sagt Erich seufzend, »wenn es so eine Art seelische Kosmetik oder Massage gäbe –«

»Die gibt es sicher,« tröste ich ihn, »eine sehr gute Seelenmassage ist zum Beispiel schon die Liebe. Aber um Himmels willen keine glückliche, denn die bewirkt gerade das Gegenteil –, führt leicht zu Ehe, Schlafrock und Kinderkriegen, und unmerklich aber sicher ins Himmelreich der Philister. Aber so eine recht unglückliche Liebe, sehen Sie –«

Ich breche erschrocken ab, denn Erich lächelt gar zu wehmütig und schelmisch zugleich.

»Erich,« sage ich und starre ihn entsetzt an, »um Himmels willen, Sie auch?«

Er wendet mir langsam sein liebes und ehrliches Gesicht zu und nickt ...

»Wie habe ich meine Maske getragen?« fragt er leise.

»Das ist nun mal mein Fimmel –«

Die Mittagstafel im Sanatorium für Nervöse und Überarbeitete geht ihrem Ende zu. Ja, der Doktor ist sogar schon aufgestanden, und während ein Teil der Gäste noch mit dem Pudding beschäftigt ist, steht er, die Hände auf die Lehne gestützt, hinter seinem Stuhl im Gespräch mit dem großen Dichter und der interessanten Frau, die ihm täglich gegenüber sitzen. Er spricht lebhaft und angeregt, bricht aber plötzlich mittendrin ab, überfliegt die Tafel mit einem zerstreuten Blick, der scheinbar nichts aufnimmt und zieht sich zurück, ohne sich von jemandem zu verabschieden. Gleich darauf erheben sich auch die Gäste, und während man sich dem Ausgang zudrängt, vermischen sich die zwei sonst streng geschiedenen Tische, der Tisch der Geistigen und der Tisch der Harmlosen, und das Stimmengeschwirr geht lauter hin und her.

»Hie weise Reden, hie Gelalle, – ich leg' mich in die Liegehalle,« sagt jemand neben mir, und da ich den Schüttelreimfimmel des sehr gesprächigen kleinen Assessors schon seit Wochen kenne, sage ich nur gewohnheitsmäßig: »Schauderhaft!« und füge gleich hinzu: »Ich komme aber mit hinauf, muß jetzt auch liegehallen.«

Bald darauf haben wir's uns mit Hilfe von Kissen und Decken in unseren Liegestühlen bequem gemacht, und Fritz Burmeister sagt: »Na, bei Ihnen da drüben am Tisch der Berufenen und Auserwählten ging's ja heute wieder mal verflucht kriegerisch zu. Mir dröhnen noch die Ohren. Um welche heiligsten Güter wogte denn der Kampf so geräuschvoll hin und her?«

»Sie hatten heute Dostojewsky vor,« berichte ich seufzend und streife die Asche von meiner Zigarette. »Die Brüder Karamasow waren dran, und sie stritten darüber, ob das Buch mehr typisch russisch oder mehr typisch menschlich sei. Und dabei kamen sie auf das typisch Menschliche im allgemeinen zu sprechen, und der große und der kleine Dichter gerieten einander in die Haare, und da ich gerade zwischen den beiden sitze, geriet ich in die Gefahr, im Interesse der typischen Menschlichkeit zerquetscht oder erschlagen zu werden.«

»Traurig, traurig,« sagt der kleine Assessor, »aber warum krakehlen Sie nicht mit? Das ist gewöhnlich die einzige Rettung. Ich könnte es ja natürlich nicht, denn ich lese keine russischen Romane. Nicht etwa aus irgendeinem patriotischen oder moralischen Prinzip heraus, nein einfach nur, weil ich die Namen darin nicht behalten kann. Wenn nämlich der eine Fedor Alexandrowitsch heißt und ein anständiger Mann ist, dann heißt der andere unfehlbar Alexander Fedorowitsch und ist ein Schurke, und ich bin mir am Schluß des Buches immer noch unklar darüber, wer der eine und wer der andere war. Aber Sie mit Ihrem glänzenden Namengedächtnis –«

»Ach, darauf kommt es nicht an,« sage ich, »und Sie hätten ruhig mitreden können. Man kann nämlich das Blödsinnigste sagen, ohne daß einer es merkt. Heute tat ich nur deshalb nicht mit, weil ich essen wollte.«

»Was sicher das typisch Menschlichste an der Sache war,« entscheidet er und fährt fort: »Ich begreife überhaupt nicht, wie man die Geschmacklosigkeit haben kann, bei Tisch Welträtsel zu lösen!«

»Ach, wenn die Beefsteaks so hart sind wie gestern abend, dann löse ich gern mit,« erkläre ich ihm. »Es war einfach unerhört, die reinen Schuhsohlen! Der große Dichter war auch empört und mußte kohlensaures Natron hinterher nehmen.«

Burmeister schweigt einen Augenblick, und ich sehe ihn erstaunt ob der ungewohnten Pause an. Da hebt er aber auch schon den Zeigefinger und deklamiert pathetisch:

»Er sprach, ich bin kein Sohlenkauer, drauf nahm er Natron kohlensauer.« – »Schauderhaft,« sage ich, und er antwortet mit dem treuherzigen Sanatoriumspruch, der hier all unsere Sünden decken muß:

»Das ist nun mal mein Fimmel, deshalb bin ich hier! –

Übrigens,« fährt er fort, »zeigt es sich nach Ihrer Aussage wieder einmal deutlich, daß die Lösung des Welträtsels nur eine Magenfrage ist, und wer weiß, wie nahe wir morgen mit Hilfe des Beefsteaks der endgültigen Entscheidung kommen. – Wie verhält sich aber Ihre Tischgesellschaft zu dem schwierigen Problem der gleichzeitigen geistigen und leiblichen Ernährung?«

»Sie löst es spielend,« antworte ich. »Der große Dichter spricht immer kauend, wodurch der Sinn seiner Reden nicht klarer wird, der kleine ist für sehr reichliche Nahrungsaufnahme, aber er beeilt sich kolossal, schiebt mir oder seiner Nachbarin zur Linken schnell seine abgegessenen Teller hin und stürzt sich kopfüber ins Gespräch. Der Doktor ißt ja überhaupt fast nichts aus lauter Zerstreutheit und ist zufrieden und glücklich, wenn er, wie jener sagenhafte Heinrich, jeden Mittag wenigstens einen Dichter im Topf hat.«

»Erlauben Sie,« wendet Burmeister höflich ein, »es war ein Huhn, das jener sagenhafte und ziemlich weltfremde Heinrich jeden Sonntag im Topf seiner Untertanen zu sehen wünschte; und ich hege einen zu großen Respekt vor allem, was sich dichtend betätigt, um diese Verwechslung gutheißen zu können. – Ich als simpler Bürger –«

»Ich bitte Sie, ein preußischer Regierungsassessor,« erinnere ich ihn, aber er wehrt nervös ab: »Ach bitte, bitte! Ich bin, wie Sie wissen, ohne jeden Standeshochmut. Und überhaupt, preußischer Assessor, das höre ich gern! Welche gräßlichen Vorstellungen knüpfen sich an dieses Wort! Ein unsympathischer und streberhafter Geselle ohne Gemüt und Idealismus, so leben wir in jedem deutschen Roman, so laufen wir durch jedes deutsche Drama.

Immer müssen wir die undankbaren Episodenrollen spielen, sind sozusagen die Schlagschatten, durch die die Lichtgestalt des Helden um so leuchtender erscheint. Und ich weiß nicht einmal, warum die Volksseele auf diese frevelhafte Weise vergiftet wird. – Wir sind eben die Stiefkinder der Literatur,« setzt er in so tragischem Ton hinzu, daß ich gerührt werde und ihm verspreche, demnächst ein Drama zu schreiben, das eine Ehrenrettung sämtlicher Assessoren der Welt mit besonderer Berücksichtigung Preußens werden solle.

»Ich danke Ihnen,« antwortet er und verbeugt sich, soweit der Liegestuhl es zuläßt. »Es wird eine befreiende Tat sein. – Apropos befreiende Tat,« fährt er lebhaft fort, »hat sich denn immer noch niemand im Sanatorium dazu bereit finden können, die interessante Frau, die an Ihrer Tischecke da oben sitzt und in eminenter Geistigkeit macht, geräuschlos aus der Welt zu schaffen?«

»Ach nein,« antworte ich, »Sie vergessen, daß wir leider alle noch nicht in dem vorgeschrittenen Stadium sind, in dem der Staatsanwalt und die Geschworenen auf Freisprechung erkennen müssen.«

»Traurig, traurig!« sagt er und überlegt. »Was ist denn alles hier an schönen Sachen? Vollkommene Geistesgestörtheit? Nein. Totaler Stumpfsinn? Schon eher, aber das gibt höchstens lumpige mildernde Umstände. Vielleicht ginge es mit sinnlosen Wutanfällen. Und ich bin sicher, vor jedem Gerichtshof der Welt Verständnis zu finden, wenn ich behaupte, daß diese Trägerin eminenter Geistigkeit und noch eminenterer Dummheit mich täglich in sinnlose Wut versetzt, wenn sie ihre unkontrollierbaren indischen und chinesischen Weisen in den Himmel hebt und mit verächtlich herabgezogenen Mundwinkeln von dem langweiligen Moralphilister Kant, dem verwirrten Schwätzer Nietzsche und dem salbadernden Geheimrat Goethe spricht. Kein Gerichtshof der Welt –«

»Tun Sie's trotzdem nicht,« unterbreche ich ihn. »Ihr Klaps ist leider noch nicht vorgeschritten genug, um vor den Sachverständigen zu bestehen. Und schließlich, was tut sie Schlimmes? Wenn sie nicht gerade ihre Verachtung für alles Europäische kundgibt, oder mit dem kleinen Dichter über Fragen des Unterbewußtseins diskutiert, ist sie harmlos. Sie spielt die Kosmopolitin, seitdem sie mit ihrem Mann ein paar Wochen in China war oder in Australien, was ja schließlich dasselbe ist. –«

»Erlauben Sie mal!« fährt er entsetzt in seinem Stuhl hoch. »Ich meine ja nur, was den Effekt betrifft,« beruhige ich ihn. – »Und das Unterbewußte, das ist nun einmal des kleinen Dichters Steckenpferd.«

»Ich weiß,« sagt Burmeister bekümmert, »Ihr Tischgenosse Janssen hat mir erzählt, daß er ihn schon zweimal mit der Frage nach seinem unterbewußten Empfinden in die tödlichste Verlegenheit versetzt hat. Janssen fand das gemein und anstößig, noch dazu in Gegenwart von Damen und nennt den kleinen Dichter seitdem nur noch ›Mayer mit dem Unterbewußten‹.«

Hier muß ich so laut herauslachen, daß eine der Hausdamen den Kopf zur Tür hereinsteckt und daran erinnert, daß Ruhezeit ist, und daß man uns im ganzen Haus hören könne.

»Das spricht für die Harmlosigkeit unserer Unterhaltung,« versichert Burmeister treuherzig, schiebt aber mit Rücksicht auf das ganze Haus unsere Stühle so dicht wie möglich zusammen und fragt mich im Flüsterton, ob ich Janssens Auffassung nicht sehr berechtigt fände.

»Mir scheint,« sage ich, »der Gute sucht sich an der ganzen Literatur dafür zu rächen, daß die Worte ›Meine Ruh' ist hin, mein Herz ist schwer‹ nicht in der Jungfrau von Orleans vorkommen, wie er neulich behauptet und beinahe beschworen hat.«

»Sie könnten auch ganz gut da vorkommen,« verteidigt der Assessor seinen Freund. »Und überhaupt, Schiller oder Goethe, so feine Nuancen braucht man wirklich nicht zu kennen. Mich quält aber schon seit Wochen eine andere Frage und zwar, welchen Befähigungsnachweis Janssen erbracht hat, um an Ihrem Tisch aufgenommen zu werden.«

»Es war wohl hohe Protektion dabei im Spiel, wie bei mir auch,« antworte ich. »Der Doktor glaubte, mir damit gutzutun, und dabei blicke ich doch immer voll Sehnsucht zu Ihnen hinüber –«

Burmeister verneigt sich. »Ich meine natürlich zu Ihrem Tisch, dem Tisch der Harmlosen, dem Tisch der holden Gewöhnlichkeit, wie Thomas Mann alias Tonio Kröger sagen würde. Es ist oft so abspannend bei uns.«

»Ach, glauben Sie ja nicht, daß es bei uns leichter ist,« warnt er eifrig. »Es ist ein aufreibendes Stück Arbeit, bis zum Beispiel jeder Kurgast jeden Kurgast davon überzeugt hat, was für eine vornehme Persönlichkeit er in Berlin oder Stettin oder Frankfurt ist, und ich weiß nicht, ob die Sache dadurch einfacher oder komplizierter wird, daß jeder nur zuhört, solange er selber redet und voll Sehnsucht diesem Moment entgegenlebt, solange ein anderer das Wort hat.«

»Ich finde, Sie sind ein bißchen überheblich, Burmeister,« sage ich. »Sie müssen doch immer bedenken, daß wir uns in einem Sanatorium für Nervöse und Überarbeitete aufhalten.«

»Ja richtig,« antwortet er, »und dabei fällt mir ein, daß ich Sie schon lange etwas fragen wollte, und zwar etwas sehr Plumpes und Taktloses, wie ich vorausschicken muß. Ich fühle mich dabei lebhaft in die Zeit meiner ersten Kinderkostümfeste versetzt, bei denen ich es, trotz mütterlicher Ermahnungen, nie unterlassen konnte, an alle mich umgebenden Masken mit der taktlosen Frage heranzutreten: ›Als was bist du eigentlich hier?‹ Was die verschiedenen Spanier, Rotkäppchen und Schornsteinfeger jedesmal in peinliche Verwirrung versetzte. Also, gnädige Frau, nehmen Sie's nicht übel, Sie sind so staunenswert unnervös, eine Wortbildung, die es eigentlich nicht gibt, und für die demnach kein starkes Bedürfnis vorzuliegen scheint, und vor dem Gedanken, daß Sie sich jemals im Leben überarbeitet haben, schreckt die kühnste Phantasie zurück. Also, ich kann nicht anders: Als was sind Sie eigentlich hier?«

»Lieber Herr Burmeister,« sage ich, »ich wußte natürlich, daß diese Frage kommen würde, und habe mir während Ihrer schönen Einleitung überlegt, ob ich sie beantworten darf. Es ist nämlich ein Geheimnis dabei im Spiel.«

»Oh, ein Geheimnis?« fragt er eifrig. »Rätsel zu lösen, war von jeher meine Spezialität. Hat man etwa die Absicht, Sie langsam durch kohlensaure Bäder, Hypnose und schwedische Heilgymnastik aus der Welt zu schaffen, um einer ungeheuren Erbschaft oder gemeingefährlicher Dokumente willen? Oder sind Sie vielleicht als Polizeispitzel tätig und beauftragt, einer Eheirrung aus allerhöchsten Kreisen auf die Spur zu kommen? Oder in diplomatischer Mission, um etwas über die Stärke unserer Militärmacht oder über den Stand unserer auswärtigen Beziehungen auszukundschaften? Oder hat man –«

»Um Gottes willen Schluß!« rufe ich, »ich hänge den Hörer an. Und ich will's Ihnen lieber anvertrauen, ehe Sie sich ganz und gar ins Reich der unbegrenzten Möglichkeiten verlieren: Ich bin wirklich partiell gesund, ich bin nur hier, um Studien zu machen –«

»Ah,« macht er verständnisvoll, »für das Drama, das eine Ehrenrettung der preußischen Justizbeamten werden soll. Ich muß gestehen, Sie hätten sich für Ihre Studien keinen besseren Platz wählen können. Und jetzt begreife ich auch, warum Ihr alter Freund, der Doktor, Sie mitten zwischen die Dichter und Denker gesetzt hat. Er nimmt an, daß die Dichtkunst eine Art ansteckender Krankheit sei, vielmehr ein Bazillus, der bei häufiger Berührung der Ellenbogen, oder so, von einem zum anderen überspringt und eine verheerende Wirkung ausübt. Traurig, traurig! Mich tröstet nur die Gewißheit, daß es Menschen gibt, die gegen die entsetzlichsten Krankheiten immun sind, und – ohne Ihnen schmeicheln zu wollen – ich halte Sie für immun gegen alles, was mit Dichtkunst zusammenhängt.«

»Traurig, traurig!« sage ich. »So könnte ich also mit Domingo aus dem Don Carlos, oder wenn Sie lieber wollen aus der Iphigenie sprechen: ›Wir sind vergebens hier gewesen‹.«

Burmeister nickt: »Vergebens vielleicht, – umsonst sicherlich nicht.«

Und ich kann nicht umhin, diesen mehr humor- als trostvollen Ausspruch seufzend zu bestätigen. –

Aber dann deute ich nach den Bergen drüben und dem sonntagstillen Tal unten und sage: »Doch nicht vergebens, und wenn es nichts weiter war als das.«

»Das ist so weit,« murrt Burmeister, »und dann immer nur ansehen!« – »Ja,« gebe ich zu, »man fühlt sich übergroßer Schönheit gegenüber immer so hilflos und hat das Gefühl, daß es nur zwei Arten von Erlösung gibt: man müßte sich in das Schöne hineinstürzen oder es auffressen können.«

Burmeister hat den Arm auf die Lehne meines Sessels gestützt und blickt mir von unten her ernsthaft in die Augen.

»Sie haben recht,« antwortet er, »und ich empfinde es mit aller Entschiedenheit, deren ich fähig bin: Der Kuß wäre augenblicklich die einzige Lösung.«

Ich muß lachen: »Ich glaube, in der Juristensprache nennt man so etwas eine Unterschiebung; aber ich zweifle nicht daran, daß Sie hier im Sanatorium allerlei Verständnis für Ihre Auffassung finden.«

»Die Sie nicht teilen?«

»Die ich teile, – unter Vorbehalt natürlich.«

»Unter welchem Vorbehalt?«

»Nun, erstens natürlich unter dem Vorbehalt der Legitimität.«

»Legitime Küsse!« Er schüttelt sich. »Aber zweitens?« drängt er. »Auf erstens muß doch immer ein zweites folgen.«

»Zweitens,« antworte ich und lehne mich soweit in meinem Liegestuhl zurück wie es irgend möglich ist, »zweitens will ich Ihnen mal was sagen, Burmeister: Sie sind neugierig. Ich habe Ihnen heute schon ein Geheimnis anvertraut und diese Erinnerung macht Sie kühn, um wieder mal aus dem Don Carlos zu zitieren.«

»Du lieber Gott, kühn!« seufzt Burmeister. »Wenn Sie wüßten, wie wenig kühn ich in diesem Augenblick bin!«

»Na also, dann ist's ja gut,« sage ich, »dann setzen Sie sich wieder bequem zurück, wie sich's gehört und bedenken Sie, daß nach Tisch von Gottes und Doktors wegen Ruhezeit ist. Und dann will ich Ihnen das zweite Geheimnis anvertrauen.«

»Das Geheimnis Ihrer Unnahbarkeit?« fragt er.

»Ja,« antworte ich, »und nun hören Sie gut zu: Die Unnahbarkeit ist nämlich mein Fimmel –«

»Und deshalb sind Sie hier!« stößt er mit einem so herzlichen und lauten Jubelton heraus, daß ich ihm unbedingt den Mund zuhalten muß.

Und da ging Karl Gerhard zur Bar –

»Herein,« sage ich ein wenig erstaunt und sehe nicht gerade angenehm überrascht vom Buch auf, denn meine Kaffee- und Besuchsstunde ist längst vorbei, und in diesem, vielleicht einzigen Punkt bin ich ein bißchen Pedant.

Und es schießt mir durch den Kopf, ob Karl Gerhard wirklich nur darum so unsicher und zerknirscht aussieht, wie er da in der Türe steht, oder ob noch etwas anderes –? Ich habe allerlei Fatales gehört in letzter Zeit – –

»Kommen Sie nur näher, wenn Sie schon mal da sind,« sage ich, »und drehen Sie das Licht an, zum Lesen ist's schon ein bissel dunkel geworden.«

»Das finde ich nicht,« antwortet er, an der Tür stehenbleibend, »ich lese sogar schon von hier aus in Ihrem Gesicht mit den hochgezogenen Augenbrauen mein – nun, sagen wir wenigstens – mein gesellschaftliches Todesurteil.«

Ich schüttle den Kopf. »Ich habe keinerlei Urteile, am wenigsten Todesurteile auszusprechen.«

Er kommt langsam näher, bleibt aber beim Flügel stehen und sagt, die Arme auf das Instrument gestützt:

»Es sind nicht nur die ausgesprochenen Todesurteile, die töten. Und ich habe in den letzten Tagen manchmal denken müssen, daß die Menschen auch nicht immer an ihren eigenen Gebrechen sterben. Es ist schon mancher an der Herzensträgheit eines anderen zugrunde gegangen.«

»Gerhard!« sage ich.

»Es ist nur eine theoretische Abhandlung, gnädige Frau,« antwortet er, »und ich will Sie nicht mit Details quälen. – Darf ich ein paar Minuten bleiben?«

Ich nicke. »Aber setzen Sie sich und nehmen Sie sich etwas zu tun, denn ich möchte dies Kapitel gern noch zu Ende lesen.«

»Darf ich mich so lange am Klavier nützlich machen, bis Sie erfahren haben, ob der Graf sein schändliches Ziel erreichen und die Unschuld zu Fall bringen wird?« Und er sitzt schon am Flügel und spielt aus Mahlers Achter »Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis«.

Ich klappe seufzend das Buch zu.

»Ich weiß zwar noch nicht, ob der Graf sein schändliches Ziel erreichen wird,« sage ich, »aber daß Sie's erreicht haben, ist sicher. Also lassen Sie Mahler und das Vergängliche und erzählen Sie mir, was Sie heut so spät noch hertreibt.«

»Ich hoffe, Sie haben ein Zeichen ins Buch gelegt oder sich wenigstens die Seitenzahl gemerkt,« sagt er bedächtig. »Oder vielmehr, ich hoffe es nicht, denn es stände im Widerspruch mit meiner Anschauung von der weiblichen Psyche. Ehe eine Frau nämlich ein Zeichen ins Buch legt oder im Register nachsucht, blättert sie lieber eine halbe Stunde lang seufzend hin und her.«

»Es wird auch Frauen geben, die es anders machen,« antworte ich, »wenn ich auch leider von mir zugeben muß –«

»Sehen Sie,« triumphiert er mit aufgehobenem Zeigefinger, »das Zeichen ins Buch legen ist eben ein männlicher Zug, und wenn es Frauen gibt, die es dennoch tun, so beweist das nur, daß sie männliche Züge aufweisen und sich vom Zwang des Geschlechts befreit haben.«

»O Gott,« stöhne ich, »lassen Sie Weininger ruhen, wenn Sie auf meine Freundschaft auch nur den geringsten Wert legen.«

»Gut,« lacht Karl Gerhard, »legen wir also Weininger zu Mahler, da es Ihnen heute so beliebt, und da die Wahl zwischen einem toten Philosophen und einer lebendigen Freundin keine nennenswerten Kämpfe in mir weckt. – Was haben Sie aber ernstlich gegen den guten Weininger einzuwenden? Der Umstand, daß man ihm mit der Bezeichnung eines modernen Frauenlob bitter unrecht täte, dürfte doch bei Ihnen nicht schwer wiegen, da Sie eingestandenermaßen Ihr eigenes Geschlecht nur bis zum Backfischalter erträglich finden?«

»Vielleicht ist der weibliche Korpsgeist doch stärker in mir als man denken sollte,« antworte ich, »vielleicht ist's aber auch nur die Weiningersche Beweisführung, die Sie soeben auch anwandten; die erscheint mir oft so billig, daß sie eines klugen Mannes, also auch Ihrer, nicht würdig ist.«

Er verbeugt sich: »Dank für die gute Meinung. – Ich tue leider in letzter Zeit so vielerlei, was eines klugen Mannes nicht würdig ist, daß der harmlose Weiningersche Trick mit unterlaufen mag.«

»Ja, ich habe so etwas gehört,« sage ich und schiebe ihm die Zigaretten hin, da die Zöpfchen, die er aus den Fransen meiner Tischdecke flicht, schon anfangen mich zu irritieren. Und nach einer kurzen Pause setze ich langsam hinzu: »Gerhard, warum machen Sie auch so dumme Geschichten?«

Er bläst ein paar Ringe in die Luft, blickt ihnen nach und fragt:

»Sie wissen es nicht, gnädige Frau?«

Und dann plötzlich den Kopf zu mir wendend: »Sie haben keine Ahnung, warum ich neulich abend von Wartenbergs fortlief wie – na, sagen wir wie ein wildgewordener Esel, wenn es so was gibt, – und geradeswegs in die Bar, wo ich mit einem anderen Esel in einen etwas deutlichen Wortwechsel geriet.«

»Sie sollen ihn so verprügelt haben, daß der Wirt Sie hinauswerfen ließ.« – »O nein,« widerspricht Gerhard und drückt bedächtig seine Zigarette aus, »ich ging ganz von selbst, nachdem ich mir ein bißchen Luft gemacht hatte. Und ich ging stolz.« – »Gestützt auf Emmi,« unterbreche ich ihn.

»Hieß sie Emmi?« fragt er, »ja richtig, gestützt auf Emmi, denn ein Stuhlbein hatte ich doch bei der Diskussion abgekriegt. Sie sind gut unterrichtet, gnädige Frau.« – »Nicht besser als alle Welt,« versichere ich ihn.

»Und Sie wissen auch nicht besser als alle Welt, was die Veranlassung zu all meinen Dummheiten ist?« fragt er vorgebeugt und nach seiner Gewohnheit die Hände ums Knie geschlungen.

»Vielleicht doch,« antworte ich, »soweit Sinnlosigkeit eine Veranlassung haben kann. – Aber ich habe schon zu viele Kinder gesehen, die wild um sich schlugen und sich selbst Beulen in den Kopf rannten, weil man ihnen einen Wunsch versagen mußte oder ihnen ein gefährliches Spielzeug aus der Hand nahm, als daß mich Ihre Erlebnisse in der Bar und anderswo gewundert hätten. Ich ahnte fast so etwas, als Sie so plötzlich bei Wartenbergs verschwanden.«

»Sie sind ja auch so klug,« lächelt er mit ironisch verzogenen Mundwinkeln. »Aber ob es so klug war, mir mein Spielzeug aus der Hand zu nehmen, – ich weiß doch nicht. Denn darin haben Sie recht, wir sind alle nur einfältige Kinder, die immer etwas zum Spielen haben müssen, damit wir nicht schreien. Fällt uns ein Spielzeug aus der Hand, schnell ein neues hineingesteckt, damit wir nicht schreien. Niemand von uns kann ohne ein Spielzeug leben.«

»Und da ging Karl Gerhard zur Bar und kaufte sich ein neues.«

»Mein Gott,« antwortet er, »man nimmt, was man gerade findet. Wählerisch ist man in solchen Momenten nicht.«

»Nun, Gott sei Dank,« sage ich, »ich sehe, daß es Äquivalente für alles gibt.« – »Es gibt keine Äquivalente auf der Welt,« bemerkt Gerhard, »es gibt höchstens Surrogate.«

»Mag sein,« gebe ich zu, »aber Surrogate tun ja auch ihre Schuldigkeit.« – »Nein,« ruft er plötzlich heftig, steht auf und läuft quer durchs Zimmer.

»Nein?« frage ich ganz naiv erstaunt und sehe ihm nach.

»Nein,« wiederholt er, »und ich will nicht, daß wir uns in diese Bitterkeit hineinreden, aus der wir nachher nicht wieder herauskönnen. Sie wissen so gut wie ich, daß ich kein Äquivalent und kein Surrogat gesucht habe, daß ich einfach –« – »Ja, ich weiß,« sage ich und wundere mich, wie weich meine Stimme klingt.

Er bleibt plötzlich stehen, kommt dann näher an den Tisch und fragt:

»Darf ich noch einen Augenblick bleiben?« – »Ja,« sage ich, und er setzt sich und starrt vor sich hin.

»Und ich hatte mir geschworen, nie mehr hierherzukommen!«

»Du lieber Himmel!« sage ich, »wenn es einen Gerichtshof für all die Meineide gäbe, die wir uns selber schwören! – Aber vielleicht wäre es doch besser gewesen, Sie hätten diesmal Ihren Schwur gehalten, wenigstens ein paar Wochen lang –«

Er sieht mich an und schüttelt langsam den Kopf.

»Denn sehen Sie,« fahre ich fort, »es gibt außer diesem Zimmer noch so viel Schönes auf der Welt, das zu sehen und zu genießen lohnt.«

»Ach, ich verstehe,« sagt er, »eine kleine Reise oder so etwas, was bessere Leute in meinem Fall immer zu unternehmen pflegen. Wenigstens steht es so in allen schlechten Romanen der Weltliteratur, daß der unglückliche Held eine Reise um die Welt unternimmt und gereinigt und herrlicher denn je an die Stätte seiner früheren Leiden zurückkehrt. Manchmal bringt er sich ein Mädchen von den Fidschiinseln mit, das an Holdheit alles Lebende überstrahlt und die schnöde, heimische Kokette bis auf die Knochen blamiert. – Es kann auch eine Geisha sein, aber das ist veraltet und sentimental, und die Fidschiinseln und Neuseeland sind sozusagen noch unberührter Boden. Vielleicht gestatten Sie, daß ich Ihnen von da aus eine Ansichtskarte –«

»Gerhard,« sage ich, »wer bringt jetzt den bitteren Ton hinein?« Und nach einer kleinen Pause: »Ich finde übrigens auch, daß eine Reise als seelisches Heilmittel veraltet und literarisch ist. Man denkt an Goethe und Italien, und die ganze Literaturstunde steht vor einem auf. Und ich glaube auch, es ist gleichgültig, ob man da oder dort ist, solange man sich selber überall mit hinschleppt.« – »Jawohl,« sagt Gerhard, »einmal aus der Haut fahren, das wäre noch das einzige.«

»Nein, über sich selbst hinauswachsen, oder vielmehr bis zu sich selbst hinwachsen, – denn Sie wissen es ja, unser wahres Selbst liegt nicht tief verborgen in uns, sondern hoch über uns –«

Gerhard nickt langsam: »Nietzsche, und ein großes Wort. – Aber, Gott sei's geklagt, sie helfen uns nicht, die großen Worte.«

»Nun, dann ein kleines, wenn Sie die großen nicht lieben. Wir müssen versuchen, das In-uns zu ändern, wenn wir das Außer-uns nicht ändern können. Wir müssen versuchen, uns anders einzustellen und an den kleinen Dingen des Lebens Freude zu gewinnen. Glauben Sie mir, wir leben alle von der Hand in den Mund und müssen uns aus lauter kleinen Stücken und Stückchen etwas zurechtschneidern, was vor der schlimmsten Kälte schützt.«

Karl Gerhard lehnt sich im Sessel zurück, stützt die Fingerspitzen gegeneinander und sagt bedächtig: »Gestatten Sie mir, zu bemerken, was schon der alte Fritz Reuter richtig herausgefunden hat, daß nämlich die Armut allemal von der Pauvreté herrührt. Wenn ich die kleinen Freuden des Lebens genießen könnte, dann wäre ich gesund und brauchte Ihnen nicht mit Jammertönen lästig zu fallen. – Aber das ist's ja,« fährt er heftig fort, »von jeher haben die satten Leute den armen hungrigen Teufeln gesagt: ›Was klagt ihr über Hunger! Seht doch um euch und genießt die herrliche Natur und die Schönheiten des Lebens und der Kunst!‹ – Und von jeher haben die armen Teufel dagegen geschrien: ›Macht uns erst satt!‹ – Denn wer kann Michelangelo genießen und Schuberts Unvollendete und den Lago Maggiore, solange ihm der Hunger die Eingeweide zerreibt!«

Und er legt den Kopf im Sessel hintenüber und schließt die Augen.

Ich sehe ihn eine Weile schweigend an und sage dann: »Immer muß ich doch denken, wieviel Glückliche man machen könnte mit dem Glück, das in der Welt ungenutzt verlorengeht. Da sitzen Sie nun, jung und gesund und unabhängig und begabt wie wenige –«

»Wie hübsch,« unterbricht mich Gerhard lächelnd, »daß sich auch bei Ihnen einmal weiblich ökonomische Instinkte melden! Nichts umkommen lassen, ist ja die erste Hausfrauenregel, mögen es nun Brotkrumen sein oder Glücksmöglichkeiten, die unter den Tisch gefallen sind.« – »Sie sollen nicht unter den Tisch fallen,« sage ich heftig. »Wo ist Ihr Ehrgeiz und Ihr Glaube an sich selbst, der Glaube, von dem Sie einmal sagten, daß es der einzige sei, der Berge versetzen könne.«

»Ich will keine Berge mehr versetzen,« sagt Gerhard müde und steht auf. »Ich will jetzt nur noch eins: irgendwo hingehen, wo es warm ist. Mir ist in diesem Augenblick so erbärmlich kalt zumut. Und darin haben Sie recht, wir müssen uns aus den Fetzen des Lebens etwas zurechtschneidern, was vor der bittersten Kälte schützt.«

»Ja,« antworte ich, »wir alle. Aber die Fetzen, die wir zu dem schützenden Mantel verwenden, die zeigen, wer wir in Wahrheit sind. Der eine geht zur Bar, um sich zu erwärmen, der andere schafft ein unsterbliches Werk. Denn was sind alle großen Werke anderes als ein Mantel, den ein armer frierender Mensch um seine zitternde Blöße gedeckt hat und um seine Wunden und Male? Und was ist alle Tollheit und aller Rausch und alle Niedrigkeit anderes, und was alles Insichversinken und Träumen anderes als ein Schutz gegen die Kälte da draußen? Aber das Material, das wir zu dem Mantel wählen, Gerhard, das ist's, das über uns entscheidet.«

Gerhard kommt plötzlich einen Schritt näher und streckt mir die Hand hin. »Ich will wieder arbeiten,« sagt er mit so eindringlicher Plötzlichkeit, daß ich wider Willen lächeln muß.

»Fein,« sage ich und reiche ihm die Hand. »Ehrenwort?«

Er zuckt die Achseln. »Für einen anständigen Menschen ist jedes gegebene Wort ein Ehrenwort.«

»Hören Sie, Gerhard, mit dieser Sentenz auf den Lippen müßten Sie gehen, es wäre ein vorzüglicher Abgang.«

Er lächelt. »Ich bin zwar nicht so effektsüchtig wie Sie glauben, aber trotzdem, wenn es denn sein muß, – leben Sie wohl!«

Von Seelenmalerei
und einer geschwollenen Backe

Man hat mir so lange vorgeredet, ich müsse mich malen lassen, bis ich selber von ungeduldigem Verlangen nach meinem Bildnis erfaßt wurde und die Sache mit Karl Gerhard besprach. Von dem naheliegenden Gedanken, daß er der Maler des Bildes werden solle, haben wir schnell abgesehen, denn unsere Freundschaft ist uns zu heilig, um sie leichtsinnigerweise einer so harten Probe auszusetzen.

Er hat mir aber einen jungen Künstler aus seinem Bekanntenkreis empfohlen, der sich schon mit viel Glück im Porträtieren versucht habe, ganz modern und ein Werdender sei. Von jeher waren mir die Werdenden interessanter als die Gewordenen, und als mir Gerhard noch erzählte, daß Artur Vollmer es besonders gut verstehe, die Seele seines Modells zu versinnbildlichen, da war mein Entschluß gefaßt.

Wie wird er meine Seele malen? Diese Frage hat mich tagelang aufs angenehmste beschäftigt.

Auch jetzt, während ich zur Besprechung in Artur Vollmers Atelier bin, verläßt sie mich nicht, sie hat aber inzwischen etwas leicht Beängstigendes angenommen.

Wir haben ein paar nebensächliche Fragen bereits erledigt, er hat mir eine Zigarette gereicht, und ich habe versucht, mit ihm zu plaudern, da ich mir einrede, daß er bei dieser Gelegenheit meine Seele kennenlernen will. Vorerst scheint es ihm noch nicht sehr darum zu tun zu sein, denn er hat bis jetzt jedes meiner Worte nur mit einem leisen Lächeln quittiert, das genau die Mitte zwischen Höflichkeit und Unverschämtheit innehält. Ich ziehe es daher vor, schweigend die Bilder zu betrachten, die bunt und wirr an den Wänden hängen, und mein Blick bleibt an einem kauernden, etwas unproportionierten Mädchen haften, das so angestrengt bemüht ist, sich ein Strumpfband ums Bein zu binden, daß ihm die Haare wild übers Gesicht hängen.

Und ich kann die Frage nicht unterdrücken, warum dieses junge Mädchen sich so leidenschaftlich um sein Strumpfband bemüht, da es doch weder Strümpfe noch sonst etwas an Kleidung Erinnerndes auf dem Leibe hat.

»Es ist eine Studie,« beantwortet Vollmer meine unkünstlerische Frage, und ich bin zufrieden.

»Dies Ding ist übrigens eines der ersten, die ich gemacht habe,« spricht er zu meinem Erstaunen weiter, sich mit einem schwermütigen Lächeln zu mir wendend. »Es stammt noch aus der Zeit, als ich ein junger Springinsfeld war und mir wer weiß was vom Leben versprach.«

Er spricht langsam und in einem sehr weichen Dialekt eigner Erfindung und erzählt nun, einmal in Gang gekommen, ausführlich von den Enttäuschungen des Künstlerlebens, den Intrigen der stümpernden Kollegen, der Parteilichkeit der Ausstellungsdirektoren und der Verlogenheit der Kunsthändler. – Ich höre schweigend zu, und während sein sanft sonores Organ mich weich umspült, gerate ich langsam in jenen fast hypnotischen Zustand, der mich jedesmal überkommt, wenn die Maniküre die Fingerspitzen meiner einen Hand sanft streichelt, während die der anderen im lauwarmen Seifenwasser ruhen.

»Ja,« schließt er jetzt sein Gespräch, »wenn man nicht als Künstler geboren wäre! Lieber hätte man in seiner Jugend Holzhacken lernen sollen, es wäre damit besser für das Alter gesorgt.«

Ich schüttle den hypnotischen Bann so gut es geht von mir und sage, noch ein wenig benommen: »Es ist gewiß sehr traurig, daß so viele Menschen die erste Hälfte ihres Lebens dazu benutzen, die zweite unglücklich zu machen.«

Vielleicht, daß dieser sonst gute Ausspruch nicht hierhin paßt, vielleicht auch, daß Vollmer die Abstecher ins Allgemeine nicht liebt, jedenfalls geht er mit einem leisen, etwas unbehaglichen Räuspern darüber hinweg, und ich setze schnell hinzu:

»Aber die Kämpfe, die Sie mir geschildert haben, sind ja kein Unglück zu nennen und sie bleiben wohl keinem erspart, der seine Persönlichkeit durchsetzen will.« – »Gewiß,« bestätigt Vollmer, »und je neuartiger und origineller die Persönlichkeit sich äußert, um so härter sind heutzutage die Kämpfe mit der Lauheit und der Bequemlichkeit des Publikums.«

»Man sagt das allgemein,« antworte ich und sehe mit Schrecken, daß wieder ein leises Unbehagen über seine etwas verschwommenen Züge geht, »aber ich finde, gerade das Gegenteil ist heute der Fall. Noch zu keiner Zeit lief eine neue und eigenartige Begabung so wenig Gefahr, übersehen oder verlacht zu werden, wie heutzutage. Wir verehren und lobhudeln ja alles Schrullenhafte, und je absurder sich ein Künstler in seinen Werken gebärdet, um so eifrigere Anhänger und Förderer wird er finden. Gefahr, übersehen zu werden, laufen eigentlich nur die Stillen im Land, die einfach schaffen, wie sie können und müssen, ohne sich um Richtungen und Moden zu kümmern, die unliterarischen, möchte ich sagen.«

»Die Langweiligen mit einem Wort,« lächelt Vollmer.

»Nun ja,« antworte ich lachend, »zur Gesellschaft sind mir auch die anderen lieber, die vielseitig Interessierten, die lebhaft Bewegten, die eigenartig Schillernden. Aber ich glaube bestimmt, die wirklichen Künstler kommen aus der anderen Sphäre, aus der Sphäre der Einseitigen und Schwerfälligen, die darum in Gesellschaft langweilig sind, weil sie in ihrer Seele zuviel Kunst haben und zuwenig Literatur.«

Vollmer schweigt ein paar Sekunden. »Ja, ja, die Seele,« bemerkt er dann sinnend, und mir fällt plötzlich wieder der Zweck meines Besuches ein.

»Sie sollen ja ein ganz besonders feiner Forscher auf diesem Gebiet sein,« sage ich, »wenigstens hat man mir berichtet, daß Ihre Bilder wahre Seelenporträts seien, und ich muß sagen, ich bin gespannt –.«

Artur Vollmer lächelt zurückhaltend und weist mit der Hand auf ein großes Bild, das gleich beim Eintritt meinen Blick auf sich gelenkt hat und das ich jetzt aufmerksam betrachte. »Porträt von H. K.« steht darunter, und es stellt einen sorgsam und elegant gekleideten jungen Mann von phantastischer Häßlichkeit dar, der in einer romantischen Landschaft im Profil steht und einen Apfel, den er zwischen Daumen und Zeigefinger hält, entsetzt betrachtet.

»Sehr eigenartig,« sage ich höflich und überzeugt. »Ist es wirklich ein Porträt?«

»Sie kennen das Modell,« antwortet er und setzt nachlässig hinzu: »Auf die äußere Ähnlichkeit haben wir allerdings verzichtet, aber Sie müßten ihn schon an der Art erkennen, wie er den Apfel hält.«

Ich will schon bedauernd den Kopf schütteln, denn mir fällt keiner meiner Bekannten ein, der die Gewohnheit hat, einen Apfel mit zwei Fingern zu halten, doch da kommt mir der rettende Gedanke: – Seelenmalerei! Und ich sage stolz und glücklich: »Vielleicht ist es einer, der alle Dinge im Leben sehr vorsichtig anfaßt?« – »Ja,« nickt Artur Vollmer, »mit einem gewissen Abscheu sogar. Betrachten Sie den Ausdruck von Ekel in seinem Gesicht.«

»Nun ja,« sage ich etwas zaghaft, »aber genügt dieser eine Zug, um das Bild Porträt zu nennen? Und warum, wenn Sie H. K. schon malen wollten, haben Sie so vollkommen auf die Ähnlichkeit verzichtet?«

Vollmer schweigt einen Augenblick und sagt dann mit einem zerstreuten Blick aus dem Fenster: »Ähnlichkeit bekommen Sie für zwanzig Mark das Dutzend beim Photographen.«

Und so stark ist die Suggestionskraft seiner Worte, daß mir in diesem Augenblick die Photographen als eine durchaus minderwertige Menschengattung erscheinen. Aber dann erwacht mein besseres und mutiges Selbst und ich riskiere die Schreckensfrage, die Banausenfrage, die Frage, mit der man jungen Malern das Gruseln beibringt:

»Kann ein Porträt nicht künstlerisch und doch ähnlich sein?«

Und Artur Vollmer antwortet denn auch mit einem leisen Klang von Gereiztheit in seiner milden Stimme: »Sie sprechen immer von Ähnlichkeit, gnädige Frau, und das ist in der Kunst ein so ganz verfehlter Standpunkt. Die Hauptsache, daß das Bild ein Kunstwerk ist. Wer fragt in den Galerien und Museen heute danach, ob die Porträts von Dürer und Rembrandt und Van Dyk dem Modell auch ähnlich waren. Es sind Kunstwerke, und sie bleiben bestehen, während die Ähnlichkeit von heute schon morgen nicht mehr wahr ist.«

»Das ist sehr richtig,« antworte ich, »nur ist es dann nicht nötig, sich selbst malen zu lassen. Ich kann mir statt dessen irgendein berühmtes Bild eines berühmten Meisters kaufen, dessen Wert anerkannt ist, während es doch bei aller Hochachtung vor Ihrer Kunst noch nicht völlig sicher ist –«

»Daß ich Rembrandt oder Van Dyk erreiche,« unterbricht er mich, und die Stimme umspült mich wieder sanft wie Seifenwasser. »Nein, gnädige Frau, das ist sogar sehr unsicher, aber Sie vergessen, daß es noch eine andere Ähnlichkeit gibt, als die rein äußerliche, von der Sie reden. Die Ähnlichkeit, die vielleicht nur der Künstler sieht. – Kennen Sie den hier?«

Und er nimmt ein Bild vom Boden, das bis jetzt mit dem Gesicht nach der Wand gestanden hat, und stellt es auf eine Staffelei.

»Mein Gott!« sage ich entsetzt, »Frank Meinert.«

Es ist wirklich Frank Meinert, der mir aus einem blutigroten Hintergrund entgegenstarrt. Frank Meinert mit einer blutigroten Krawatte, die eine Backe geschwollen, die Züge nicht ganz unähnlich, aber ins brutal Verbrecherische verzerrt, und mit dem bösartig lauernden Ausdruck, mit dem die Shakespeareschen Meuchelmörder über die Bühne zu schleichen pflegen.

»Mein Gott!« wiederhole ich nur, aber in meinem Innern setze ich hinzu: Was wird er aus meiner Seele machen? Gott sei meiner armen Seele gnädig!

Und nach diesem Stoßgebet frage ich gefaßt:

»Sie sind befreundet mit Frank Meinert?«

»Ja,« sagt er, »wir treffen uns oft des Abends im Café und auch sonst –«

»Und so erscheint Ihnen seine Seele?«

»So sehe ich ihn,« antwortet er einfach.

»Nun,« sage ich, »dann bewundere ich aufrichtig Ihren Mut. Fürchten Sie denn gar nicht, daß er Ihnen eines Abends Strichnin oder Zyankali in den Kaffee schüttet, oder daß er Sie auf dem Heimweg mit einem Schlagring überfällt?«

Vollmer lächelt melancholisch. »Nein,« sagt er, »was Sie da auf dem Bild sehen, ruht ja ungewußt und ungehoben in den tiefsten Gründen seines Wesens. Es wird nie zutage kommen.«

»Das wollen wir zu Gott hoffen!« antworte ich inbrünstig. »Lebenslängliches Zuchthaus wäre das wenigste. – Übrigens maße ich mir kein Urteil darüber an, ob nicht wirklich brutale Triebe in Franks Seele schlummern. Er deutet selbst gern so etwas an, aber das ist kein Grund dafür, es nicht zu glauben. Kein Mensch kann dem anderen bis auf den Grund der Seele blicken, schon darum nicht, weil die Seele keinen Grund hat. Es geht immer noch tiefer und tiefer. Und wahrscheinlich könnten Sie jeden von uns mit dem gleichen Recht zum Verbrecher stempeln. – Zum mindesten freundschaftlich kann ich das Bild nicht finden.«

»Und wie würden Sie an meiner Stelle Frank gemalt haben?« fragt Vollmer lächelnd, indem er das Gemälde, diesmal richtig herum, an die Wand lehnt.

»Nun,« sage ich, »da Sie die Bilderrätsel lieben, hätten Sie ihn für mein Gefühl am besten als Narziß gemalt, schwermütig am Bach ruhend, verliebt und versunken in sein Spiegelbild. – Darf ich mir aber noch die Frage erlauben, welche Bedeutung die geschwollene Backe auf dem Bild hat?«

»Da ist doch keine geschwollene Backe,« widerspricht er zum erstenmal wirklich gereizt und holt das Bild wieder herbei. »Ich bitte Sie, das scheint doch nur so durch die Haltung und die Beleuchtung.« – »Ach so,« sage ich, froh, daß keine Beziehung zwischen Franks Seele und dieser Schwellung besteht.

»Und wie denken Sie sich mein Bild?« frage ich dann etwas ängstlich und setze mich vorsichtshalber.

»Tja,« sagt er, mich nachdenklich betrachtend, »ich dachte zuerst, als ich Sie sah, an die Franzosen. Renoir oder so etwas. Aber ich bin davon abgekommen. Ich möchte Sie jetzt am liebsten als Daphne malen.« – »Daphne?« wiederhole ich und wühle verzweifelt in den Untergründen meiner mythologischen Erinnerungen. Leider umsonst. »Es wird nur seine Schwierigkeiten haben,« fährt er fort, »wegen der Bekleidung und auch sonst.«

Ich blicke unwillkürlich zu dem Mädchen mit dem Strumpfband hinüber und bitte dann etwas verschüchtert um Aufklärung über Daphne.

»Daphne,« erklärt er, auf der Tischkante sitzend, mit weicher Stimme, »war die Tochter der Gäa, zu deutsch Erde, und des arkadischen Flußgottes Ladon. Andere behaupten zwar, daß Amyklas ihr Vater war und noch andere nennen Pennios, aber –« – »Lassen wir die Frage offen,« schlage ich vor, »Sie wissen La recherche de la paternité –« Er lächelt und fährt fort:

»Apollo liebte Daphne, aber er hatte einen Nebenbuhler an Leukippos, der ihr als Jungfrau verkleidet folgte und auf Apollos Veranlassung hin von den Nymphen getötet würde. Nun floh Daphne auch vor Apollo, sie wurde von ihrer Mutter aufgenommen und in einen immergrünen Lorbeerbaum verwandelt.«

Ich sitze ein paar Sekunden lang still, fasse mich aber allmählich und sage: »Also alles in allem ein Mädchen von Charakter. – Nun gestatten Sie mir aber bitte noch ein paar Fragen: Zuerst, in welchem Stadium ihres ereignisreichen Lebens wollen Sie Daphne malen? Zweitens, woran soll man mich als Daphne erkennen? Und drittens und letztens, warum überhaupt Daphne?«

»Ich sagte es ja schon,« antwortet Artur Vollmer, »die Sache wird ihre Schwierigkeiten haben. Aber die Idee wird mir lieb und lieber, je mehr ich darüber nachdenke. Es liegt eine tiefe Symbolik darin: Die Frau, die sich, vor dem Geliebten fliehend, in Lorbeer verwandelt. Man müßte natürlich diesen Moment festhalten, noch halb Weib, halb schon Baum –.«

Ich habe plötzlich das Gefühl, als ob ich schon halb zum Baum erstarrt wäre und mache heimlich ein paar schlenkernde Bewegungen mit den Beinen, um mich vom Gegenteil zu überzeugen. Dann stehe ich auf und sage:

»Ihre Idee ist wirklich sehr interessant und sogar geistreich wie alle Ihre Bilder. Aber ich weiß doch nicht, ob ich mich dazu entschließen kann, Ihnen als Daphne zu sitzen. Ich glaube, daß mein tiefstes Wesen in Ihrem Daphnebild nicht zum Ausdruck käme. Ich mache Ihnen daher einen anderen Vorschlag: Malen Sie mich ganz einfach hier im Sessel sitzend, möglichst bequem, das entspricht am besten einem Grundzug meines Wesens. Und machen Sie das Bild so ähnlich wie möglich, dann wird ganz gewiß auch etwas von meiner Seele in Ihre Farben fließen, denn ich bilde mir ein, daß meine Seele meinem Gesicht gar nicht so unähnlich ist. – Und wann wollen wir anfangen?«

Wir bestimmen die Zeit, und ich verabschiede mich von dem etwas frostig gewordenen Künstler, und dann sitze ich im Auto und überlege mir den Fall.

Und je mehr ich darüber nachdenke, über die ausgeklügelt geistreichen Bilder und über das unproportionierte Mädchen mit dem Strumpfband und über Frank Meinerts geschwollene Backe, um so deutlicher steigt ein schwarzer Verdacht in mir heraus, der sich nach und nach zur Gewißheit verdichtet.

Und ich nehme mir vor, morgen zu Karl Gerhard zu sagen: »Lieber Freund, Ihr Protegé ist ein interessanter junger Mann, wenigstens versteht er mit herzlich wenig Unkosten darauf zu posieren. Er hat eine einschmeichelnde Stimme und sehr gepflegte Hände. Er ist in der Mythologie erstaunlich gut bewandert und hat die eigenartigsten symbolischen Ideen. Er versteht, sehr nüanciert zu lächeln, und ich bin überzeugt, daß er auch sonst noch allerlei kann. Nur ein einziges kann er ganz bestimmt nicht, und das ist eigentlich sehr schade: er kann nicht malen.«