[135] Bei Moliere, les fourberies de Scapin III, 2.
[136] K. Fr. Kretzschmann in Zittau hatte herausgegeben: „Der Gesang Ringulphs des Barden, als Varus geschlagen worden war“ (Zittau 1769); welcher in der Neuen Bibliothek der schönen Wissensch. 1769 VIII, 1 S. 76 ff. sehr gelobt wurde. Später erschien auch „Die Klage Ringulphs des Barden“ (Zittau 1771). In den Frankfurter Anzeigen machte sich Goethe noch über ihn lustig (Werke XXXII. S. 48): „Herr Kretschmann erscheint hier in einem ganz unvermutheten Lichte des Patrons, er steht nämlich mit der Goldsichel unter dem heiligen Eichenstamm und initiirt, als ein alter Barde, den Ankömmling Telynhard. Wer doch den Mann kennte, der ihn als Rhingulph eingeweiht hat, damit man's ihm ein klein wenig von Klopstock's und Gerstenberg's wegen verweisen könnte.“
[137] Der Kupferstecher, nachmals Oesers Schwiegersohn.
[138] Wegen der S. 17 f. erwähnten Parodie. Man sieht, Clodius beurtheilte diese Äußerung jugendlichen Übermuthes billig und verständig. Sein Sohn, der Professor C. A. H. Clodius, glaubte nach dem Erscheinen von Wahrheit und Dichtung die Ehre seines Vaters retten zu müssen durch einen Aufsatz im Morgenblatt (1812 N. 259 f.): „Über einige literarische Jugendurtheile des Herrn von Goethe“, in welchem er über der Pietät gegen seinen Vater die gegen den großen Mann vergessen zu haben scheint.
[139] Lessing im Laokoon.
III.
Franckfurt am 8. Apr. 1769.
Nun was ist denn das für ein gros Unglück, wenn ich Sie bitte, ein wenig zu plaudern? Wie kommen Sie drauf, einen ehrlichen Menschen der an nichts denckt, für einen Bösewicht anzuschreien, weil er einem Mädgen das Seine Zunge geläuffig und artig zu gebrauchen weiss, zu erkennen giebt, dass er diese vorzügliche Gabe Ihres Geschlechts zu schätzen weiss. Mich treffen alle Ihre vehemente Beschuldigungen, gar nicht; und Sie hätten besser gethan, wenn Sie nicht böse geworden wären.
Ich soll eine üble Idee vom schönen Geschlecht haben. Auf gewisse Art, ja! Nur müssen Sie mich verstehn, und meine Worte, nicht jedesmal mit einer schlimmen Glosse erklären.
Was ich erfahren habe, das weiss ich; und halte die Erfahrung für die einzige ächte Wissenschafft.[142] Ich versichre Sie, die Paar Jahre als ich lebe, habe ich von unserm Geschlecht eine sehr mittelmässige Idee gekriegt; und wahrhafftig keine bessre von Ihrem. — Nehmen Sie das nicht übel. — Sie haben mir's darnach gemacht; und selbst Sie, geben Sie mir nicht Anlass, in meiner Verstockung fortzufahren? Sie wollen mir Ihr Geschlecht, auf einer andern Seite zeigen! O, hätten Sie's bey der ersten gelassen, und Ihre Sache würde schlimm geblieben seyn, ohne schlimmer zu werden. Wie vortheilhafft ist denn diese neue Seite? Wir wollen sehen! — Dass jedes iunge, unschuldige Herz, unbesonnen, leichtgläubig, und desswegen leicht zu verführen ist, das liegt in der Natur der Unschuld. Läugnen Sie mir das! Und heisst denn das beschuldigen, wenn man die Sache sagt wie Sie ist. Und ist es denn Ihrem Geschlecht eine Schande leichtgläubig zu seyn? Es scheint als ob Sie's glaubten. Sie widersprechen mir, und wollen Ihr Geschlecht vertheidigen. — Dass nicht alle Mädgen Leichtsinnig sind das haben Sie bewiesen; ich muss es gestehen; Aber Sie haben mir zu einer gefährlichen Meynung geholfen: Der Klügere Theil ist also misstrauisch. Denn Misstrauen ist die Laune Ihres ganzen Brief's. Wodurch hab ich das verdient? O der Argwohn liegt in Ihrem Herzen, und da müssen nonchalante, grade, ehrliche Stellen meiner Briefe, boßhaffter Scherz seyn. Meine Blätter sind in Ihren Händen, und ich trutze drauf; Sie werden keine Bosheit drinne finden, die Sie nicht drinne suchen.
Das Urteil eines Frauenzimmers, über Wercke des Geschmacks ist bey mir wichtiger als die Kritick des Kritickers, die Ursache liegt am Tage, und alle Ihre Beredsamkeit soll mir meine Ehrlichkeit nicht verdrehen. Was ich sage, wenn Sie bekennen, dass das Versgen von Rhingulffen,[143] aus List hingesetzt war? Das werden Sie wohl rahten können. Ich werde sagen, dass Sie Ihre Mausfallen gut zu stellen wissen, und dass mir's lieb ist, dass ich mich habe fangen lassen. Sie können sehn, wie ehrlich ich binn; wären Sie grad gewesen, und hätten mich gefragt, ich würde nicht mehr und nicht weniger gesagt haben. Wäre Hr. Gervinus[144] nicht bey mir gewesen, so wüste ich gar nicht wie ich dran wäre. Aus seiner Erzälung habe ich weg; dass der Barde, in Leipzig wohl aufgenommen worden, dass er durchgehends gefallen hat; und ich sehe wohl dass er auch Ihnen gefallen hat, und dass ich übels von Ihrem Freund geschrieben habe. Es sey! Was ich geschrieben habe das habe ich geschrieben. Schreiben Sie's auf Rechnung des Brodneids, oder der wenigen Empfindung, dass mir der Barde nicht behagt. Mir ist's eins. Genug, ich kann nichts empfinden, wo nichts gedacht ist. Und der Republikanische Geist verläugnet sich nicht; Sachsen hat seine Wildheit und Kühnheit gemässigt, aber zu dem Concert des Lobs hat es ihn nicht stimmen können. Ich dancke Ihrem Vater, das Gefühl des Ideals; und die gedrehten Reitze des Franzosen, werden mich so wenig exstastiren machen, als die platten Nymphen von Dieterich, so nackend und glatt sie auch sind. Jede Art hat ihre Verdienste, nach ihrem Maasstab; ich binn ihr gehorsamer Diener allerseits, aber, wir wollen uns desswegen nicht entzweyen, Mamsell; seyn Sie immerhin, nicht so streng gegen die Autoren, nur seyen Sie auch nicht so streng gegen mich. Wie soll ich mich mit Ihrem Geschlecht aussöhnen, wenn Sie so fortfahren wie Sie angefangen haben. Und doch, wenn es Ihnen nicht anders möglich ist, so zancken Sie nur, Sie sind doch immer hübsch, Sie mögen freundlich, oder böse seyn.
Ihre Bäume in Delis[145] fangen nun bald an auszuschlagen, und so lang sie grün sind, hoffe ich auf keinen Brief von Ihnen. Unterdessen will ich Sie schon zwingen, manchmal an mich zu dencken; mein Geist soll so heftig an Ihre Büsche dencken, dass er Ihnen erscheinen wird eh Sie Sich's versehn; und meine Briefe, sollen Sie auf die Reitze des Landlebens, in Prosa und Versen aufmercksamer machen, trutz Hirschfelden dem Anatomicker der Natur; wenn keine andre Materie vorkommen sollte. Hr. Regis wird schweerlich mit uns zufrieden seyn können, es thut mir weh das ein so angenehmer Mann, hier so einen unangenehmen Accessit zum erstenmal gefunden hat. Ich binn — ich weiss selbst nicht recht, was — Aber doch so gut als jemals, von ganzem Herzen
Ihr
Freund und Bewundrer
Goethe.
[142] Vgl. Werke XXI. S. 111 ff.
[144] Friedr. Gervinus aus Zweibrücken studirte seit 1768 in Leipzig.
[145] Dölitz.
Mehr Briefe an Friederike Oeser fanden sich in ihrem Nachlaß nicht vor. Allein Schöll hat (Briefe und Aufsätze von Goethe S. 49) nach Copien, welche Goethe zurückbehalten hatte, zwei in Straßburg geschriebene Briefe herausgegeben, welche, wie ich glaube, ebenfalls an sie gerichtet waren. Der erste ist überschrieben „an Mamsell F.“; der Aufenthalt in Sesenheim hatte ihm die Tage zurückgerufen, welche er in ähnlichem Verkehr in Oesers Landhause in Dölitz zugebracht hatte; der zweite, ohne Überschrift, folgt unmittelbar darauf auf demselben Bogen und hier ist die Beziehung auf Leipzig klar. Käthchen wird darin erwähnt, über welche nun Niemand zweifelhaft sein wird, und Fränzchen, vermuthlich jene Freundin, welche in Minna von Barnhelm die Franziska spielte, und in einem Briefe an Käthchen (S. 75) genannt wird. Zwar ist der Ton von den vorhergehenden merklich verschieden; man spürt, daß Goethe gesund und reifer geworden ist, man fühlt den Hauch der frisch aufkeimenden, ihn still beseligenden Liebe, übrigens paßt der Ton ganz zu seinem Verhältniß zu Friederike Oeser und auch das Element der Reflexion, welches diesem eigen war, tritt stark genug hervor. Ich lasse dieselben deshalb hier folgen.
IV.
An Mamsell F.
Am 14. Oct. (1770).
Soll ich Ihnen wieder einmal sagen, daß ich noch lebe, und wohl lebe, und so vergnügt als es ein Mittelzustand erlaubt, oder soll ich schweigen, und lieber gar nicht, als beschämt an Sie denken? Ich dächte nein. Vergebung erhalten, ist für mein Herz eben so süß als Dank verdienen, ja noch süßer denn die Empfindung ist uneigennütziger. Sie haben mich nicht vergessen, das weiß ich; ich habe Sie nicht vergessen, das wissen Sie, ohngeachtet eines Stillschweigens, dessen Dauer ich nicht berechnen mag. Ich habe niemals so lebhaft erfahren, was das sei, vergnügt ohne daß das Herz einigen Antheil hat, als jetzo, als hier in Straßburg. Eine ausgebreitete Bekanntschaft unter angenehmen Leuten, eine aufgeweckte muntre Gesellschaft jagt mir einen Tag nach dem andern vorüber, läßt mir wenig Zeit zu denken, und gar keine Ruhe zum Empfinden, und wenn man nichts empfindet, denkt man gewiß nicht an seine Freunde. Genug mein jetziges Leben ist vollkommen wie eine Schlittenfahrt, prächtig und klinglend, aber eben so wenig fürs Herz als es für Augen und Ohren viel ist.
Sie sollten wohl nicht rathen, wie mir jetzo so unverhofft der Einfall kömmt, Ihnen zu schreiben und weil die Ursache so gar artig ist, muß ich's Ihnen sagen.
Ich habe einige Tage auf dem Lande bei gar angenehmen Leuten zugebracht. Die Gesellschaft der liebenswürdigen Töchter vom Hause, die schöne Gegend und der freundlichste Himmel weckten in meinem Herzen jede schlafende Empfindung, jede Erinnerung an alles was ich liebe; daß ich kaum angelangt bin, als ich schon hier sitze und an Sie schreibe.
Und daraus können Sie sehen, in wiefern man seiner Freunde vergessen kann wenn's einem wohl geht. Es ist nur das schwärmende, zu bedaurende Glück, das uns unsrer selbst vergessen macht, das auch das Andenken an Geliebte verdunkelt; aber wenn man sich ganz fühlt, und still ist und die reinen Freuden der Liebe und Freundschaft genießt, dann ist durch eine besondere Sympathie jede unterbrochne Freundschaft, jede halbverschiedene Zärtlichkeit wieder auf einmal lebendig. Und Sie, meine liebe Freundin, die ich unter vielen vorzüglich so nennen kann, nehmen Sie diesen Brief als ein neues Zeugniß, daß ich Sie nie vergessen werde. Leben Sie glücklich u. s. w.
V.
Saarbrück am 27 Juni (1771).
Wenn das alles aufgeschrieben wäre, liebe Freundin, was ich an Sie gedacht habe, da ich diesen schönen Weg hierher machte und alle Abwechselungen eines herrlichen Sommertages in der süßesten Ruhe genoß; Sie würden mancherlei zu lesen haben und manchmal empfinden und oft lachen. Heute regnet's, und in meiner Einsamkeit finde ich nichts reizenders als an Sie zu denken; an Sie, das heißt zugleich an alle, die mich lieben und auch sogar an Käthchen, von der ich doch weiß, daß sie sich nicht verläugnen wird, daß sie gegen meine Briefe sein wird, was sie gegen mich war, und daß sie — Genug, wer sie auch nur als Silhouette gesehn hat, der kennt sie.
Gestern waren wir den ganzen Tag geritten, die Nacht kam herbei und wir kamen eben auf's Lothring'sche Gebirg, da die Saar im lieblichen Thal unten vorbei fließt. Wie ich so rechter Hand über die grüne Tiefe hinaussah und der Fluß in der Dämmerung so graulich und still floß und linker Hand die schwere Finsterniß des Buchenwaldes vom Berg über mich herabhing, wie um die dunklen Felsen durchs Gebüsch die leuchtenden Vögelchen still und geheimnißvoll zogen; da wurd's in meinem Herzen so still wie in der Gegend und die ganze Beschwerlichkeit des Tags war vergessen wie ein Traum, man braucht Anstrengung, um ihn im Gedächtniß aufzusuchen.
Welch Glück ist's, ein leichtes, ein freies Herz zu haben! Muth treibt uns an Beschwerlichkeit, an Gefahren; aber große Freuden werden nur mit großer Mühe erworben. Und das ist vielleicht das meiste was ich gegen die Liebe habe; man sagt, sie mache muthig; nimmermehr! Sobald unser Herz weich ist, ist es schwach. Wenn es so ganz warm an seine Brust schlägt und die Kehle wie zugeschnürt ist, und man Thränen aus den Augen zu drücken sucht und in einer unbegreiflichen Wonne dasitzt, wenn sie fließen, o da sind wir so schwach, daß uns Blumenketten fesseln, nicht weil sie durch irgend eine Zauberkraft stark sind, sondern weil wir zittern sie zu zerreissen.
Muthig wird wohl der Liebhaber, der in Gefahr kommt, sein Mädchen zu verlieren, aber das ist nicht mehr Liebe, das ist Neid. Wenn ich Liebe sage, so verstehe ich die wiegende Empfindung, in der unser Herz schwimmt, immer auf einem Fleck sich hin und her bewegt, wenn irgend ein Reiz es aus der gewöhnlichen Bahn der Gleichgültigkeit gerückt hat. Wir sind wie Kinder auf dem Schaukelpferde immer in Bewegung, immer in Arbeit und nimmer vom Fleck. Das ist das wahrste Bild eines Liebhabers. Wie traurig wird die Liebe, wenn man so schenirt ist, und doch können Verliebte nicht leben, ohne sich zu scheniren.
Sagen Sie meinem Fränzchen, daß ich noch immer ihr bin. Ich habe sie viel lieb, und ich ärgerte mich oft, daß sie mich so wenig schenirte; man will gebunden sein wenn man liebt.
Ich kenne einen guten Freund, dessen Mädchen oft die Gefälligkeit hatte, bei Tisch des Liebsten Füße zum Schemel der ihrigen zu machen.[146] Es geschah einen Abend, daß er aufstehen wollte, eh es ihr gelegen war; sie drückte ihren Fuß auf den seinigen, um ihn durch diese Schmeichelei festzuhalten; unglücklicher Weise kam sie mit dem Absatz auf seine Zehen, er stand viel Schmerzen aus, und doch kannte er den Werth einer Gunstbezeugung zu sehr, um seinen Fuß zurückzuziehen.
Unter einer nicht unbedeutenden Anzahl von Briefen und Concepten von Friederike Oeser, welche ich durchgesehen habe, fand sich leider keiner der an Goethe geschriebenen. Um ein lebendigeres Bild von seiner Correspondentin zu erhalten, wird es nicht ohne Interesse sein ein Bruchstück aus einem Briefe an einen Freund in Dresden vom 21. Jan. 1770 hier zu lesen.
„Ich war, wie Sie wissen, der Liebling meines Vaters und seine stete Gesellschaft, auch selbst bey seinen Geschäften. Tausend kleine Streiche, die ich meinem phlegmatischen Bruder Hanß spielte, verriethen ein anschlägisches Köpfchen und oft eine kleine ‘fühlbare’ Thräne, bei dem Unglück einer Yariko, und eine Erbitterung über Beatens harte Gabe, ein gutes Herz, bey alle dem wurde oft auch ein gut Theilgen Ehrgeiz wahrgenommen. Doch plötzlich kam der grausame Krieg, der mir, vielleicht auf ewig, meine geliebte Vaterstadt entrissen! wir flüchteten vor seiner Wuth auf ein gräfliches Schloß,[147] wo wir uns 3 glückliche Jahre, von allen Unruhen entfernt, aufhielten. Hier l. N. wurde Ihre Freundin ein kleines Bauermädchen, die am liebsten Erdäpfel raufte oder zur Kirmes gieng! mein Vater war die meiste Zeit von uns entfernt, jeden Monat glaubten wir aufzubrechen, es wurde also kein Lehrer angenommen außer einem Schreibemeister, den seine gros gewachsene Schülerin noch täglich durch eine erstaunenswürdige Hand verewigt![148] meines Vaters kleine Reisebibliothek war alles womit ich mir bei grosen Regen die Zeit verkürzen konnte, ich las auch sehr fleißig, bey so traurigen Umständen und in diesen Zeiten erwarb ich mir meine Begriffe von der grosen Welt. Ich hatte von Jugend auf über mein verstümmeltes Gesichte klagen gehört, ich wußte also, schon in meinem 9. Jahre, daß ich nicht hübsch war (große Wissenschaft für junge Mädchen!) ich kannte das Unglück nur halb und wußte mich darüber zu trösten. „Hast du keinen schönen Körper, so sorge doch für andere schöne Tugenden (sagte ich zu mir selbst), du mußt geschickter werden als die ganze Welt, alles besser lernen als Mädchen die schön sind es zu lernen brauchen, denn dieses muß nothwendig der zweite Weg seyn, auf welchem man glücklich zu gefallen weiß. Es giebt lauter gute vernünftige Leuthe in der Welt. Und wenn du nur einmal gros bist, so mußt du dich in ihrer Gesellschaft ohne Nachteil zeigen können; wenn man diese oder jene wichtige Frage an dich thut, so mußt du dich in keiner Verlegenheit finden, darauf richtig zu antworten.“ Kurz l. N. meine Welt war ein gröserer Sammelplatz von Seltenheiten als Rolands Entdeckungen in dem Mond! und nie kann mehr Ehrgeiz in einem jungen Busen gelodert haben, doch Ehrgeiz ohne Stolz; ich war fast ganz unempfindlich wenn man mich über etwas lobte, besonders wie ich mich in meine Vorstellungen betrogen fand, und nach und nach die Leipziger Welt, als meine Welt, kennen lernte. Ich lernte sie und mich besser einsehen und da ich erst aus Ehrgeiz Beyspiele vor Augen genommen hatte (doch ist hier bloß von Geschicklichkeiten die Rede, denn mein Herz hatte seine besondere Ökonomie) die ich nie erreichen konnte, und ich endlich diese Kenntniß, als das sicherste Mittel, mich für mehr als gewöhnlicher Eitelkeit zu bewahren, zu nuzen suchte, so war es mir leicht, mich von dieser unglücklichen Sucht ziemlich zu heilen. Ich folgte nun ganz den Eingebungen meines ehrlichen guten Herzens, ich ward gegen eine Welt fast gleichgültig, in der ich böses hörte und viel unnüzes sah. Ich lernte meine Fehler nach und nach einsehen, und desto mehr Nachsicht gegen die Schwachheiten meiner Freunde (die ich nur zu gut entdeckte!) haben. Ich überließ mich gänzlich meinen Lieblingsneigungen, besonders dem Hange zum Lesen, wo ich dabey dem Rath vernünftiger Personen folgte, doch las ich nur solche Bücher, die mich reformireten und vergnügten, in dem grosen weitläuftigen doch unentbehrlichen Buch der menschlichen Erfahrungen lernte ich endlich auch ein paar Blätter umwenden. Und so bin ich das Mädchen geworden daß ich bin! daß Sie sehr gut kennen, l. N., und daß sich wohl schwerlich jemals von seinen Mängeln und grosen Fehlern ganz heilen wird. Wie ist nun dieses Mädchen geschickt, gründliche Urtheile über diese oder jene Abhandlungen zu sagen, da es nur die Schönheiten, die es fühlt, seinem Herzen und nicht seiner Kenntniß zu verdanken hat? und auch nicht eine Regel weiß, wodurch man das Gegentheil bei dieser oder jener Stelle beweisen könnte! Wollen Sie diese Urtheile meiner Empfindung anhören? so bin ich bereit Sie Ihnen bei jeder vorfallenden Gelegenheit mitzutheilen, aber um die Ursache, warum ich so empfinde, dürfen Sie mich nicht fragen! ich würde Ihnen höchstens: daß weiß ich selbsten nicht! antworten.“
Goethes Leipziger Lieder.
Die Lieder, von welchen in diesen Briefen öfter die Rede ist, und von denen Goethe auch in Wahrheit und Dichtung erzählt, daß sie ohne seinen Namen gedruckt aber wenig bekannt worden seien, daß er später die besseren seinen übrigen kleinen Poesien eingeschaltet habe,[149] diese „Knospen und Blüthen, die der Frühling 1769 trieb“[150], erschienen unter folgendem Titel
Neue Lieder
in Melodieen gesetzt
von
Bernhard Theodor Breitkopf.
Leipzig
bey Bernhard Christoph Breitkopf und Sohn.
1770.
Es geht indeß aus unseren Briefen (S. 96) hervor, daß die Sammlung bereits im Jahr 1769 gedruckt ist. Auf dieses „älteste Liederbuch“ hat zuerst Tieck wieder aufmerksam gemacht, welcher im sechsten Band der neuen Jahrbücher der Berlinischen Gesellschaft für Deutsche Sprache und Alterthumskunde die Lieder wieder abdrucken ließ, worauf sie auch Viehoff in seiner Erläuterung der Goetheschen Gedichte (I. S. 45 ff.) mitgetheilt hat.
Ein Theil dieser Gedichte ist auch im „Almanach der Deutschen Musen“ aufs Jahr 1773 (2. 3. 7. 16.) und 1776 (4. 6. 10. 13.), so wie in der Leipz. Zeitschrift „die Muse“ vom J. 1776 (3. 7. 11.) mitgetheilt worden und zwar mit einigen im Ganzen nicht wesentlichen Abweichungen, die einer früheren Bearbeitung angehören. Was sich vermuthen ließ, daß sie aus Abschriften entnommen seien, die aus Goethes Aufenthalt in Leipzig herrührten, ist jetzt zur Gewißheit geworden.
Es war nämlich im Nachlaß von Friederike Oeser das allerälteste Liederbuch Goethes aufbewahrt, ein geschriebenes Heft mit dem Titel
Lieder
mit Melodien
Mademoiselle
Friederiken Oeser
gewiedmet
von
Goethen
dieselbe Sammlung, von welcher in dem poetischen Briefe an sie (S. 142 ff.) die Rede ist. Es enthält nur zehn Lieder, von welchen neun in der gedruckten Sammlung sich finden;[151] das zehnte ist nicht in dieselbe aufgenommen, aber auch dieses ist in der „Muse“ (S. 126 f.) abgedruckt, und im Inhaltsverzeichniß Goethe als Verfasser angegeben. Wie die Lieder so zeigen auch die Melodieen in dem handschriftlichen Heft hie und da Abweichungen, aber nur geringfügige, von den gedruckten. In demselben Nachlaß fand sich auch eine, aber nicht von Goethes Hand herrührende Abschrift des Hochzeitliedes vor, in welcher offenbar die erste Gestalt desselben aufbewahrt ist.
Da man die Leipziger Lieder an dieser Stelle ungern vermissen würde, lasse ich sie hier folgen und theile die Abweichungen jener älteren Bearbeitungen sowie am Schlusse das noch unbekannte Gedicht mit.
[149] Werke XXI. S. 135.
[150] Briefe an Frau v. Stein I. S. 28.
[151] Es sind — in dieser Ordnung — 11. 7. 13. 3. 5. 4. 12. 6. 10.
1. Neujahrslied.
2. Der wahre Genuß.
3. Die Nacht.
| 3, | 2 ff. | Meiner Schönen Aufenthalt, Und durchstreich mit leisem Tritte Diesen ausgestorbnen Wald. |
| 5. | Wandle mit vergnügtem Schritte. Alm. | |
| 7 f. | Und die Birken, die sich neigen, Senden ihr den Duft hinauf. Alm. | |
| 11. | Wandelt im Gebüsch im Kühlen. | |
| 15. | Tausend deiner Nächte lassen, |
4. Das Schreyen.
Nach dem Italienischen.
| 4, | 1. | Jüngst ging ich meinem Mädchen nach |
| 8. | Damit dich niemand hört. |
5. Der Schmetterling.
| 5, | 1. | Und („so“ Muse) in Pappillons Gestalt |
6. Das Glück.
An mein Mädgen.
| 6. | Mit der Überschrift: An Annetten. | |
| 7 ff. | Sie sind die süß verträumten Stunden, Die durchgeküßten sind verschwunden, Wir wünschen traurig sie zurück. O wünsche dir kein größeres Glücke; Es flieht der Erden größtes Glücke, Wie des geringsten Traumes Glück. |
7. Wunsch eines jungen Mädgens.
| 7, | 1. | Ach fände für mich |
| 9 f. | Da schickt man zum Schneider Gleich bringt der die Kleider. |
8. Hochzeitlied.
An meinen Freund.
| 8, | Im Schlafgemach, fern von dem Feste
Sitzt Amor dir getreu und wacht
Daß nicht die List muthwill'ger Gäste
Das Brautbett dir unsicher macht.
Er harrt auf dich. Der Fackel Schimmer
Umgläntzt ihn, und ihr flammend Gold
Treibt Weihrauchdampf, der durch das Zimmer
In wollustvollen Wirbeln rollt.
Wie schlägt dein Herz, beym Schlag der Stunde,
Der deiner Freunde Lärm verjagt!
Wie blickst du nach dem schönen Munde,
Der dir nun bald nichts mehr versagt.
Du eilst dein Glücke zu vollenden
Mit Ihr ins Heiligthum herein,
Die Fackel in des Amors Händen
Wird wie ein Nachtlicht still und klein.
Wie glüht vor deiner Küsse Menge
Der Schönen reitzendes Gedicht,
Zum stillen Schertz wird Ihre Strenge,
Denn deine Kühnheit wird zur Pflicht.
Schnell hilft Ihr Amor sich entkleiden,
Und ist doch nicht so schnell als du,
Dann hält der kleine Schalck bescheiden
Sich fest die beiden Augen zu.
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