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Gräfin Elisa von Ahlefeldt, die Gattin Adolphs von Lützow, die Freundin Karl Immermann's cover

Gräfin Elisa von Ahlefeldt, die Gattin Adolphs von Lützow, die Freundin Karl Immermann's

Chapter 52: 26.
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About This Book

Eine ausführliche Biographie zeichnet das Leben einer Gräfin von privilegierter Jugend über ihre Bindungen an militärische und literarische Kreise bis zu ihrem Wirken als Förderin junger Talente nach. Sie beschreibt ihre Erziehung, enge Freundschaften mit führenden Zeitgenossen, ihre inspirierende Rolle für Freiheitskämpfer und einen bedeutenden Dichter sowie die persönlichen Schicksalsschläge, die ihr Leben prägten. Die Darstellung stützt sich auf Briefe, Nachlassmaterial und zeitgenössische Erinnerungen, verbindet biografische Erzählung mit brieflichen Dokumenten und schildert die Spannung zwischen äußerer Scheinwelt und innerer Reflektion, Resilienz und lebenslanger kultureller Vermittlung.

»Nun mag der dreikronentragende Obermönch,
Mit seinem purpurbemäntelten Mönchlein,
Das Kanonsrecht, so weit er wollte, beschielen
Denn Du wirst sehn!« –

Eine herrliche Unterbrechung dieser odiösen Dinge war das Fest der Freiwilligen im Anfang dieses Monats. Der Verein war zum Gastmahl der tapfern Männer, deren hier über hundert anwesend waren, mit Trophäen geschmückt; die Kriegsmusik und Körner's Lieder ließen sich hören und auch die deutschen Frauen und Mädchen freuten sich im höhern Chor des Lebens bis in die nächsten Tage fort. Ich versetzte mich nach Breslau, wo mich, wie so viel Tausende, das Wort des Königs, der in unserer Mitte war »an mein Volk!« entzückte und hinriß. Auch Sie waren dort – wie ich viel später hörte – wie sehr hätte ich Sie da sehen mögen – eine wackere Thusnelda!

Die Engels empfiehlt sich Ihnen mit herzlicher Ergebenheit. Sie ist sehr wohl und mit ihrem glücklichen Handel[3] innig vermählt. Ich liebe eigentlich solche Vermählungen nicht. Sie kommen mir so kalt vor, wie einst die Vermählung des Dogen von Venedig mit – dem Meere! – Wie viel lieber vermählte ich mich, holdeste Freundin, mit Ihrem Herzen! – O, leben Sie wohl und auch immer ein Bischen eingedenk des Ihnen mit Wärme ergebenen

Möller.

Unser Immermann ist, wie ich höre, mit Herrn von Voß und Andern auf dem Jubelfeste zu Köln gewesen. Ohne Zweifel hat er es mit poetischen Kränzen geschmückt. – Möchte doch der schöne Cirkel, dessen Mittelpunkt einst Sie und Ihre Güte hier waren, noch fortexistiren! Das dünkt mir jetzt eine goldene Zeit, – leider auch mit Anrufung aller himmlischen Mächte nicht zurückzuführen! – Aber die schöne Erinnerung thut mir noch heute wohl, und Ihre liebe Hand küsse ich noch jetzt dafür mit Dank und süßer Liebe! – Freundlich lächle Ihnen, nach unsern jetzt so herrlichen Sternennächten, jeder Morgenhimmel und verbreite Frieden und Freude über das Herz der Holden, die ich meine! –

[3]: Christiane Engels hatte einen kleinen Handel zum Besten der Armee errichtet.

16.

Münster, den 16. Juni 1838.

Wie sehr, theuerste Frau Gräfin, Ihr jüngstes holdes Schreiben tief im Herzen mich erfreut hat, wie sehr es mich zu Ihnen hingezogen hat – wie wäre das in Buchstaben darzulegen! Es hat bei mir angeklungen, wie einst der Ton der Memnonssäule beim Sonnenaufgang! Es hat in mir eine Sehnsucht erregt nach Ihnen, die zum Schmerz werden würde, wenn ich nicht mit Zuversicht darauf rechnen könnte, Sie bald zu sehen. – Ich reise morgen nach Bremen und will von da zurück, so daß ich in gerader Richtung zum Rhein komme und zu dem heitern Dörflein, wo eine Liebenswürdige waltet, der ich so oft, mehr als sie glauben kann, im Geiste nahe bin! – Es mögen wohl nahe an drei Wochen vergehen, bis ich zu diesem schönen Ziele komme; wahrscheinlich noch früher. Alsdann hoffe ich den Strom noch weiter heraufzukommen. Fände sich doch dort irgendwo auf ein paar Tage ein gemeinschaftliches, schönes Plätzchen! – Sollten Sie etwa um dieselbe Zeit verreist sein, so möchte ich inständig bitten, mir durch ein paar Zeilen Kunde zu geben, wo Sie athmen, wo Sie wandeln, wo die Fluren Ihnen zu Liebe schöner werden, damit ich womöglich Sie aufsuchen könne.

Für die Festbeschreibung von Immermann danke ich Ihrer Güte mehr als einmal! – Sie ist gar schön, glänzend Styl- und Dichtkunst. In unserem ganzen Reich ist sicherlich nichts Schöneres, ja nichts Gleiches erschienen. Wäre ich König, ich sagte zu Immermann: »Setze Dich zu meiner Rechten!« –

Darf ich glauben, daß Sie mir noch gut sind? Ihr Schreiben trägt die grüne Farbe! Das soll mir Hoffnung geben! – Adieu, adieu!

Der treu ergebene

Möller.

17.

Münster, den 26. August 1838.

Wie sehr, meine Theure, hat mich Ihre gütige Nachricht erfreut, daß endlich einmal Ihre holde Erscheinung mir hier werden soll. Kaum kann ich diese Freude aussprechen.

Könnten Sie sich entschließen, hier eine Weile zu sein und sogleich an meiner Wohnung, Böselagerhof auf der Hollenbeckerstraße abzusteigen und das Logis zu nehmen! Ich bin zwar ganz allein, aber desto romantischer für mich! Meine Hausgenossin ist nach Elberfeld.

Könnte ich doch durch Eine Zeile von Ihnen erfahren, an welchem Tage Sie hier eintreffen. Ich würde dann auf dem Posthofe um acht Uhr sein und in der Passagierstube Sie begrüßen, und zur Erquickung etwas darbieten. Erhalte ich die Zeilen nicht, so wird doch vom 2. September an, jeden Morgen ein Wesen auf dem Posthofe sein, das bei der Ankunft des Düsseldorfer Wagens nach Ihnen fragt. – Wäre ich ein freier Mann, statt ein gebundener zu sein, ich führe mit Ihnen bis – Hamburg – Holstein! – Mein Herz will schon jubeln, es wird aber geschwind in das Schnürleib der eisernen Nothwendigkeit eingeklemmt.

Und wenn denn auch nur ein Blick von Ihnen jetzt mir werden soll, so muß ich doch dringend bitten, hoffen, flehen, beschwören, daß Sie auf der Rückreise meine unvergleichlichen Gärten sehen wollen. Mein Haus ist reich an Zimmern, ganze Familien sind oft bei mir – dabei reich an gutem Willen – an Liebe! Ich meine letztere besonders jetzt ganz eigen zu fühlen. Es ist mir innig wohl zu Muthe.

Ich muß abbrechen, da ich zu Vinckens zum Mittag gebeten bin. Prinz Wilhelm wird zum zweitenmale erwartet.

Tausendmal grüßt Sie mein Herz! Wie viel öfter noch ruft es: Willkommen! – Wie sind Sie jetzt schon in meiner warmen Phantasie so nahe

Ihrem ergebenen

Möller.

18.

Münster, den 9. November 1838.

O, wie sehr, Holdeste, haben mich die jüngsten Zeilen Ihrer lieben Hand erfreut. Ich konnte sie nicht ungeküßt lassen und fühlte mich dann wie vermählt mit Ihrem Wesen. O, daß ich Ihrer süßen Lockung nach Derendorf folgen könnte! Ich bin jetzt durchaus gebunden, aber das Möglichste wird, so der Himmel will, geschehen. Ein feindseliges Geschick hat mich schon mehrmals gehindert zu kommen, als sollte ich nur unter Wünschen leben! – Selbst habe ich bei Ihrer zweiten Durchreise Sie – auch nicht einmal – erblicken sollen! Ich weiß dies nicht zu verschmerzen! – Selige Augenblicke, Sie bei mir gesehen zu haben! Sehr Weniges weiß ich jetzt mir selbst davon zu sagen, – denn ich habe nur Sie, nur Sie, Geliebte, empfunden. Meine Wohnung ist mir viel lieber, seitdem Sie in derselben geathmet. Hätte ich Sie doch auch in den oberen Theil derselben geführt – und dann auch Ihr Schatzkästlein gezeigt, voll weißer, grüner, rother, lieber Blätter! Das Alles ist jetzt vorüber, wie der Schmuck der Bäume und Gärten vor den Stürmen des Herbstes. Nur jene Blätter werden mir bleiben – sie tragen ja liebe Worte Ihres Herzens! –

Ich freue mich herzlich, daß Sie Ihre vaterländischen Gegenden glücklich erreicht und die Ihrigen wohlauf wiedergesehen haben. Liebe Erinnerungen werden Ihnen eine schöne Nachlese von dieser Reise geben. Ich war während jener Zeit im alten Soest auf einer Synode von sechzig Predigern und Kirchenältesten, unter welchen ich dem größeren Theile nach befreundet bin. Im Kreise der Geistlichen befanden sich drei Bischöfe: Roß zu Berlin, Eylert zu Potsdam, Dräseke zu Magdeburg. – Nach vierzehn Tagen fuhr ich nach Arnsberg, eine neue Stadt in modernem Styl gebaut, in einer schönen gebirgigen Gegend. Ich begrüßte dort mehrere gute Freunde, unter anderen den Präsidenten Kesler, Verfasser des Lebens seines seligen Schwiegervaters, Doctor Heim, das so unzählige Leser gefunden. Der Aufenthalt war mir um so lieber, da ich in der Nähe des Stammsitzes meiner Familie väterlicherseits, Warstein, mich befand. Die Jahre meiner Kindheit und ersten Jugend sind in diesen romantischen Umgebungen dahingeflogen; fröhliche Erinnerungen ohne Zahl traten mir dort vor die Seele. Aber jetzt hatte ich mit Ossian zu singen:

»Ich bin allein auf diesen schweigenden Hügeln!«

Keiner war jetzt dort mir, ich keinem bekannt. – Darum halte ich mich so fest an dem, was jetzt noch mein ist. O Theure, bleiben Sie mir zugethan! –

Der 18. Oktober ist hier in einer großen Gesellschaft von Generalen, von Pfuel,[4] von Wrangel etc. und Offizieren und Beamten und ehemaligen Mitstreitern gefeiert. Auch mich ergriff das patriotische Feuer, und ich habe zur Ehre Preußens mit hinreißender Beredtsamkeit geredet, – ohne vorher daran gedacht zu haben. Aber alle dankten mir. Ich weiß noch nicht, wie mir geschehen! – Es ist ein herrliches Gefühl, einmal über sich selbst erhoben zu werden. Wie

selten ist aber Veranlassung, dazu zu kommen, in unserer trockenen schlechten Welt. Am folgenden Tage wurde ich zum Mahl auf's Schloß gebeten, wo ich unter anderen in der Familie von Pfuel wohl aufgehoben war.

Da muß ich nun schließen! Ach, Abschied, immer Abschied – von der ich nimmer scheiden möchte. Da steht sie vor mir, die liebe, holde Gestalt! – – Ich fasse ihre Hände, ich schmiege mich ihr an. – Adieu, Adieu! –

Möller.

[4]: General Ernst von Pfuel, 1848 Ministerpräsident und Kriegsminister.

19.

Münster, den 6. Mai 1839.

Wie haben Sie, Holde, Gütige, mich durch Ihre goldenen Worte erfreut! – Ich hatte sie nicht geträumt, nicht gehofft! – Ich eile, sofort sie zu erwiedern, sofern dies möglich ist! – Ich erröthe, daß ich mir habe zuvorkommen lassen, denn wie oft habe ich schreiben wollen. Ich meine dann immer, ich müsse eine schönere, gedankenreichere Stunde abwarten! – Jetzt ist mir der nächste Augenblick der beste. – Ich fühle mich Ihnen so nahe, und wie könnte ich das, ohne die süßesten Bewegungen des Herzens. – Sie gedenken des Musikfestes. Wie oft habe ich schon desselben gedacht. Es ist mein ernster Wille, es zu benutzen Sie wiederzusehen, denn die Musik wäre mir doch nur, so sehr ich sie liebe, Nebensache. Ich komme aber eher los, wenn ich zum Musikfest reise, wohin alle Welt reist. Was ich beabsichtige, weiß niemand. – Es wird mir nicht leicht gemacht, dahin zu kommen, da alsdann grade geschäftsvolle Tage hier sind. Möge ich wie ein tapfrer Ritter um seine Dame mich durchschlagen! Es treibt mich sehr, vorzudringen. Welche Freude wäre mir ein solches Wiedersehen! Ich muß mich üben zu einer ruhigen Fassung. Auch bin ich hierin schon weitergekommen, so daß ich mit Ossian singen kann:

»Die stürmenden Winde haben sich gelegt,
Von ferne tönt des Gießbachs Murmeln,
Sanfte Wellen spielen am Ufer ferne.« –

Daß Sie, vortreffliche Freundin, in dem gräulichen Winter an Unwohlsein gelitten, betrübt mich sehr. Sie müssen immer wohl sein! Ich kann und mag Sie nicht anders denken, als heiteren Blicks, aus blauem Auge. – Kehrten Sie doch noch einmal so in meine Wohnung ein; und dies auf lange und immer längere Zeit! – Im Gärtchen säßen wir dann Morgens unter der Kastanie und Abends in der Weinlaube. – Lange könnte ich noch fortfahren in dieser Weise zu denken und immer weiter und schöner zu träumen. Und warum nicht? Gehört's nicht auch in's Leben? – Hätte ich nur eine Seele neben mir, die also sich gehen zu lassen liebte!

Uebrigens haben wir den Winter hindurch doch manche Erfreuung von außen gehabt; ein sehr gutes Theater und treffliche Conzerte und mancherlei gesellige Kreise. In die Familie von Vincke komme ich oft, und jetzt ist im Schlosse auch noch eine andere, die von Pfuel; er ist ein gar wackerer Mann, und sie eine angenehme, gesellige Dame, so wie ihre Tochter. Beide waren noch gestern Abend bei uns.

Wenn Sie mir Immermann's neueste Schriften nennen, wird mir ängstlich zu Muthe. So auch bei den Namen Freiligrath, Uechtritz, und so manchen andern schönen Geistern, die unter uns auftreten. Wer möchte sich nicht an ihren Gaben erfreuen, laben, erquicken, jubeln! Aber im Strome der Zeit, der täglichen Berufsarbeiten, so vieler anderer nöthiger Studien kommt man zurück, was man dagegen auch thue. Dabei fast lauter Menschen um sich her, die nichts dergleichen denken und suchen, in unserem sterilen und hölzernen Zeitalter.

Den 16. Mai.

Ich bin abgehalten worden, das vorstehende Schreiben zu vollenden. Sie glauben nicht, meine Theuerste, welch ein Leben voll Arbeit und unvermeidlichem Getreibe ich führe. Die Hoffnung zum dortigen Musikfest habe ich noch immer unterhalten, muß sie aber jetzt erwürgen. Welche Schaaren werden dort sein! – Ich aber bleibe wie ein Gescheiterter an der Küste. Was mich tröstet ist einestheils, daß das Getümmel dort so groß sein wird, daß kaum ein musikalischer Genuß möglich ist, und auch Sie in demselben mit begriffen sein werden, daß mir Ihre Nähe wenig erquicklich und genußreich sein würde; das Aergste, was mir begegnen könnte. Daher habe ich jetzt den Entschluß gefaßt, einer mir gewordenen Einladung nach Koblenz zu folgen, und auf diesem Zuge auch Düsseldorf oder vielmehr – Sie zu sehen. O, des süßen Gedankens, der so unzähligemal in meinem Innersten aufgewallt, endlich gestillt werden wird! Das menschliche Leben erstirbt unter Wünschen. Ich erfahre dies in einer ausgezeichneten Weise. Wenn alles geht, wie es soll, bin ich etwa in der zweiten Woche des Junius in Düsseldorf. – Auch jetzt vermag ich beim Gedränge der Geschäfte leider nichts mehr. Von hier sind auch Viele dort. Hätte ich mich diesen anschließen können, – ich hätte die Musica fahren lassen können, um bei und mit Ihnen zu sein. »Selig allein ist die Seele, die liebt.« – Tausend Lebewohl und Herzensgrüße!

20.

Münster, den 4. August 1839.

So eben, holde Freundin, wird mir durch die Engels die Nachricht, daß Sie in eine weite Ferne reisen, und wohl auch künftighin in andern Regionen weilen werden. – Das hat mir eine Thräne in's Auge gerufen. – Ich schmiege mich Ihnen an, als ob ich Sie halten könnte und drücke Ihnen tausendmal küssend die lieben Hände. – Ach, wann sähe, wann fände ich Sie wohl wieder! – Wie könnte ich je aufhören, nach Ihnen zu verlangen, mit meinem Herzen je ferne von Ihnen sein! – Wundersam, wie so unablässig Ihr Wesen mich anzieht. Irgend einmal werde ich doch erfahren, in welchen glücklichen Gefilden Sie weilen; wo Sie durch Ihr Walten, durch Blick und Wort, Güte und Liebe, Anmuth und Liebreiz Herzen erfreuen! – O, wie danke ich Ihnen, daß dies alles so vielfach durch Sie mir geworden. – Möge der Himmel Ihnen durch lauter Liebes, Gutes und Schönes dies alles vergelten! – O, wenn Sie in einer lieblichen Natur, Ihrem Bilde ähnlich – in der Abendröthe, in einer Sternennacht, auch meiner noch einmal gedächten, und in dem sanften Schauer, der Ihre Seele durchdränge, die Herzensnähe eines Freundes ahnten, der so sehr Sie liebt! – Gott befohlen! Holde Freundin! Süßes Leben!

Der Ihrige

Möller.

21.

Münster, den 21. Mai 1840.

Ein wunderschöner Moment des Lebens, Theuerste, ist mir geworden durch Ihr überraschendes, so eben bei mir eingetroffenes, herrliches Schreiben! Ich fühle mich davon wie von einem Nectar berauscht. Sie immer noch in den Gärten der Hesperiden mir denkend, wo ich mich so oft Ihnen nahe geträumt, wird mir auf einmal der Anblick der Züge Ihrer holden Hand, – zweifelnd, ob ich meinen Augen trauen dürfe, bis die Lösung des Siegels Gewißheit gab. Ich muß es Ihnen offenbaren, daß ich bei der Eröffnung Ihrer Zeilen in den ersten Augenblicken mehr geküßt, als – gelesen! Hocherfreut über die treue Freundin, die kaum von den Apeninnen und Alpen zurückgekehrt, sofort auch schon des alten Freundes nicht nur gedenkt, sondern auch alle genossenen Wonnen mit ihm theilt! O, wie dankbar wallt das Herz! Eine so schöne Bewegung hat es lange nicht erfahren!

Ist es nur ein Traum, Elise?
Jeder Hain und jede Wiese
Ist Gesang um mich herum!
Friede, nie gefühlter Friede,
Tönet hier in jedem Liede, –
Dieses ist Elysium!

Sie lächeln des Schwärmers im Alter? – Aber was sind Jahre für's Herz! Es hat nichts mit der Zeit zu thun! – O wie oft habe ich auf Spaziergängen die Wolken über mir gefragt, wo Sie weilen möchten! – Wie oft in nächtlicher Stunde den Sternen zugeflüstert: Sagt mir, wo sie ruht, und zwei andere bläulichte Sterne jetzt zum Schlummer sich geschlossen? – Keine Antwort! – Plötzlich vernehme ich wie ein Echo Ihres Herzens, köstliche Botschaft! – fröhliche Nachricht! – herzgewinnende, liebeathmende Worte! Herrliche Mittheilungen über die Reise, – Lombardei, Genua, Venetia, Padua, Firenze etc. oder über das Beste und Schönste – über Sie selbst! Nun erst gefällt mir Italien vollständig! Habe mehr als zuviel darüber gelesen, daß ich's auswendig kann, – aber erst jetzt hat das große schöne Bild für mich Reiz, Leben, warmen Athem erhalten! Wie jede Stätte uns dann erst recht lieb wird, wo ein uns hochverehrtes und liebes Wesen geruht, gewandelt, gewebt hat, so mir von nun an Italia! – aber auch jedes andere noch so klein und gering scheinende Plätzchen. Noch heute bin ich vorzugsweise gern an der Stelle meines Kanape's, wo Sie vor einiger Zeit – ach, nur für Augenblicke! – meine Wohnung beglückten.

Tausend Fragen und Bemerkungen zu Ihrer Mittheilung kommen mir entgegen – aber mein ganzes Wesen drängt sich zu Ihnen selbst. – Ueber jenes erlauben Sir mir weiterhin mich zu äußern. Ich komme nach einiger Zeit nach Elberfeld und so auch nach Düsseldorf. Dort werde ich Immermann von Ihnen erzählen und auch was Sie ihm gesagt wünschen, in zarter Weise mittheilen.

Mit mir ist einiges vorgefallen, was mich sehr angegriffen hat. – Indem man dem Prediger Daub die mir angehörige Pfarrstelle an unserer hiesigen evangelischen Kirche angewiesen, bin ich nach ganz unrichtiger Angabe beim geistlichen Ministerii (mit Beibehaltung meines Consistorialpostens) als Pfarrer emeritirt worden. Ich habe gleich protestirt. – Schon wollte ich deshalb nach Berlin reisen. Wie hocherfreulich wäre es dann, Sie dort zu sehn und ganz in Ihrer Nähe zu leben! – Ja, so sehr, daß mir dieser herrliche Umstand jenen Vorsatz sehr verstärken und beleben könnte! Auf einmal durchströmt mich schon Leben und Wonne! – O, daß Sie so weit entfernt sind! – Es ist in Münster jetzt viel schöner als früher, und eine auch für mich neue Menschenwelt, mit wenig Ausnahmen. Sie fänden hier gewiß ein freies Leben. – Freundin Engels, die einen großen schönen Handel zum Besten der Armen führt, und hier zahlreiche Verbindungen hat, grüßt tausendmal. – Wie ungern endige ich! Aber die längsten Briefe würden nicht ausreichen zu sagen, wie sehr, wie mit der gefühlvollsten Liebe, Sie, Liebenswürdige, umfaßt, und Ihr ganzes Wesen sich anschmiegt

Ihr treu ergebener

Möller.

In der That, liebe Freundin, es scheint ein guter Vorschlag, daß Sie hierher kommen. Der Adel ist freilich immer auf dem Lande. Unter denen vom Militär sind treffliche Familien, so grade jetzt von Felden, Pfuel's, Grabowsky u. a. m., mit denen wir auch Umgang haben. – Sie können nichts ersinnen, was Ihnen hier unangenehm sein könnte. Und mir ginge ein Morgenstern auf, ein neuer Himmel und eine neue Erde! Wie wollten wir so wonniglich zusammensein! O, bedenken Sie dies Wörtchen und erwägen Sie es in Ihrem feinen und guten Herzen, und fixiren Sie sich nicht ganz und gar an der Potsdamer Chaussee 38, die ich übrigens doch auch gern sähe! Ich fasse Ihre lieben Hände mit Kuß und Gruß!

22.

Münster, den 17. August 1840.

Nachdem ich, holdeste Freundin, für Ihre unvergleichlich lieben Zeilen Ihnen tausendmal im Herzen gedankt, kann ich's nun auch endlich auf diesem Blättchen, das fröhlich unter Grüßen und Küssen zu Ihnen hinüberfliegt. Ich bin nun auch mit Briefen aus Berlin erfreut worden, die mich zur Reise dorthin ermuthigt haben. Leider kann ich sie erst in der zweiten Octoberwoche antreten. – O, weilte ich schon an der Potsdamer Chaussee 38! – Das ist mir, Lieblichste, mehr als alles, was Großes und Schönes mir dort zum Anschaun und Genusse erwiesen werden kann. –

Ich habe lange wie in der Solitüde gelebt, wo ich dann auch Ihrer um so genußreicher gedenken, und unter anderem auch nach Ihrer Italienischen Reiseskizze mit Ihnen lustwandeln konnte; welche süße Freude haben Sie mir hierdurch gemacht, welche liebliche Eindrücke hat Ihre Gestalt bei diesen Wanderungen auf mich gemacht; wie habe ich oft mit Klopstock in seiner Ode an Edone gewünscht:

»Verwandle die Erscheinung und werd' Edone selbst!« –

Des neuen Königs erste Eröffnungen seines schönen Sinnes entzücken die Welt. Arndt's und Jahn's Befreiung von ihren bisherigen Schranken werden mit Jubel begrüßt. Die Befreiung aller sogenannten Demagogen findet ebenfalls überall Anklang.

Ich muß scheiden, wenn auch so ungern! Edle, Liebenswürdige! – Mit den schönsten Wünschen umschwebt Sie täglich

Ihr so sehr ergebener

Möller.

23.

Münster, den 18. September 1840.

Meine theure Freundin!

So viel Regengüsse in diesen Tagen vom Himmel herab, so viel Wünsche und Seufzer zum Himmel hinauf sind aus meiner Brust gestiegen, daß es mir gelingen möge, zu Ihnen zu kommen. Es ist aber der entschiedene Wille der Götter, daß es nicht geschehe. Mein gewaltiges und ungeduldiges Verlangen soll bestraft werden. Dergleichen habe ich so viel im Leben erfahren, daß man wohl zahm werden muß. Ich beklage es dennoch – denn Ihr jüngstes, so liebes seelenvolles Schreiben hatte mein Verlangen auf's höchste gesteigert. Wie kann solche Güte – ich möchte sie neben vielen andern schönen Bezeichnungen auch eine mütterliche nennen – anders als entzücken! Wie könnte ich anders als stolz sein, ein so holdes Wesen mir so geneigt zu wissen! – Wie Thau auf Rosen sind mir Ihre lieben, freundlichen Anerbietungen! – Wie Byron durch die Meerenge, möchte ich durch meine Hindernisse dringen, die mich von der Nummer 38 abhalten. Aber mein Schicksal lacht meines Muthes. Mein einzig möglicher Gefährte, Gessert, ist durch seine Amtsverhältnisse verhindert, jetzt mich zu begleiten. Dazu nun das kalte regnichte Wetter, das den Ofen verlangt und bald ganz winterlich sein wird. – Sie selbst, liebe Freundin, bei Ihrem zarten Wohlwollen, geben mir dies zu bedenken – und ich gehe darauf ein! Doch nur als Aufschub! – Unmöglich ist ganz zu verzichten. Solch Opfer wird mir nicht zugemuthet werden! – Der einmal so tief gefaßte Gedanke wird nicht aufhören und ein rechter Zeitpunkt der Ausführung ergriffen werden. – Finde ich doch auch nach kurzem Aufschub in Ihnen dieselbe wieder! – Dasselbe holde Wesen, geboren um Herzen zu verstehen und durch Vertrauen zu beglücken!

Grade jetzt, liebe, theure Gräfin, wäre ich besonders gern bei Ihnen, da gemeinsame Thränen einen gerechten Schmerz so sehr besänftigen. Als ich Immermanns so unerwartetes Hinscheiden vernahm, gedachte ich in der ersten Erschütterung sogleich auch Ihrer! – In Düsseldorf und der ganzen Gegend ist Trauer gewesen. Mein Schmerz war um so lebhafter, als ich noch so kurz vorher den Freund gesehen. Eine ganze Reihe von Jahren ist er mir ein sehr werther Freund gewesen, an dessen großen Talenten, wie an seiner treuen und immer edelmüthigen Freundschaft ich mich stets so sehr gefreut. Ich kann mich wohl nie gewöhnen an den Gedanken, nicht mehr mit ihm auf Erden zu sein. – Als ich im vorigen Jahre in Düsseldorf über den Markt ging, begegneten wir uns, und als ich auf seine Frage, wohin ich zunächst wolle, antwortete: zur wohlbekannten Gräfin! erwiederte er: – das machen Sie gut! dessen wird sie sich freuen! – Ich sehe noch den bestimmten Blick, die redende, heitre Miene, womit er dies sagte. Wie viel haben so Viele verloren!

»Warum sind der Thränen unterm Mond so viel?
Und so manches Sehnen, das nicht still sein will?«

Ich habe ein wenig mein Gärtchen durchlaufen – und bin ganz und gar bei Ihnen. Und doch sind Sie so ferne. – Und doch kann ich mit Ihnen reden! – Das ist dann aber immer nur Ein Thema! – Wie viel ist uns mit der Phantasie gegeben! – Und diese soll die ernstere Schwiegermutter – »Weisheit« – (nach Goethe's Erinnerung) mir nimmer rauben! – Von nun an wird jede Zeitung, wo alles voll von Berlin ist, auch Sie mir vergegenwärtigen. – Wie herrlich hat der König in Königsberg gesprochen! – Es ist als ob ein neues Zeitalter begönne! –

Mehr als Sie denken, gedenkt Ihrer mit Grüßen und Küssen

der herzlich ergebene

Möller.

24.

Münster, den 11. Februar 1841.

Endlich, gütigste Frau Gräfin, kann ich für Ihr köstliches Neujahrsgeschenk, Ihre unvergleichliche Zuschrift vom 1. Januar, meinen Dank bezeigen, einen Dank, der nie inniger ausgesprochen ist. Wie hätte ich damit bis hieher zögern können, wenn es mir eher möglich gewesen! – Aber es sind dies die ersten Zeilen meiner Hand seit dem vorigen Weihnachtsfeste, wo die sibirische Witterung, die erstarrende, ewige Kälte meine Natur und namentlich die Brust so angegriffen und mit einem unablässigen Husten, den ich nie gekannt, dergestalt gequält hat, daß mir alle Lust am Leben entfloh. – Jetzt ist alles wieder in guter Ordnung; das schöne Genesungsgefühl durchdringt mich lieblich, und Auge und Herz sind wieder mit neu erwachten süßen Gefühlen auf die edle Freundin gerichtet. Wie oft hat in den schlimmen Tagen und schlaflosen Stunden der Inhalt Ihrer Zeilen mich erquickt – wie oft habe ich an Ihr schönes Herz mich geschmiegt! Und wie schmerzhaft war es mir, Ihnen nichts sagen zu können! – Sie haben mich mit neuer Kraft gestählt; mein Geist schwingt sich über die weite Schneewelt empor; ich kann mich wieder des Lebens und der Freundin freuen! Möchte ich nur aus diesem Schwunge Sie selbst erreichen! – Holdes Wiedersehen – wirst Du mir werden? – O, ich hoffe! – ich glaube. – Bei Ihrem vor mir liegenden Blättchen wird mir zu Muthe, als ob ich in Ihr liebes Auge sähe, was ich immer so gern gethan! – Mit Poesie und Kunst eröffnet mir Ihre schöne Hand die Pforte der neuen Zeit. Möge sie für uns heilbringend sein. – Alle Schritte, Worte, Thaten unseres trefflichen Königs nehme ich zu Herzen. Wie viel Schönes hat er in kurzer Zeit vollbracht. O, hätte ich, trotz dem Regen, ihn selbst gehört! – Es lassen sich Stimmen hören, als halte man den Rosenglanz jener unvergleichlichen Feier schon für erblichen! Ich meine aber, so kann nur hypochondrischer Mißmuth reden. – Daß der König gleich seinen Sitz in Sanssouci genommen, seine erste Verfügung von dort aus ergehen ließ, war mir ein sehr angenehmes und willkommenes Zeichen der neuen Zeit. – Die hiesigen Katholiken – namentlich der Adel – waren nie so preußisch. Doch werden sie sich ohne Zweifel in der Hoffnung betrügen, daß ihnen der Erzbischof wiedergegeben wird! Das kann und will ich nicht denken!

Wie oft gedenke ich Immermann's! O, theurer Name, von so Vielen beweint! – Wie herrlich, daß der König seiner jungen Wittwe nun die volle Summe von 400 Thalern als Pension bewilligt! –

Ach, so ist nun auch schon die kleine Unterhaltung zu Ende. Ich muß schließen, womit ich begonnen habe, mit Ergüssen des Dankes, der Freude und Liebe gegen die edle, die liebenswürdige Freundin – an die ich so gern denke, an deren Bilde ich oft mit ganzer Seele hänge, in die ich mich oft hineinlebe, als wäre ich eins mit ihr. O, daß ich schließen muß, und damit alles sich wieder in die Ferne zieht! – Bis zum Wiedersehen der geliebten Elisa

der ergebenste Freund

Möller.

25.

Münster, den 11. Februar 1842.

Theuerste Frau Gräfin!

Ich bin aus langer Finsterniß an's Licht gekommen, der Erstling meiner neuen Tage sei der innigste Herzensgruß an Sie, meine holdselige Freundin! – Nie kann ein Dank beseelter ausgesprochen sein, als der, den ich hiermit ausdrücke dafür, daß Sie, sich immer gleich, mir hold und zugethan bleiben, Sie sind mir dadurch wie ein Stern aus besseren Welten. Sie denken wohl nicht, wie oft in den nächstvorigen Tagen Sie wie eine holde, unsichtbare Macht aus weiter Ferne mich getröstet und erhoben haben. Ich habe nämlich eine lange Zeit durch den barbarischen Winter gelitten, mit Nervenschwäche und einem grippenartigen Uebel gekämpft. Es kam hinzu, daß auch meine guten Kinder und Enkel von ähnlichen Uebeln heimgesucht wurden. –

Jetzt bin ich an den hellen Tag gekommen und freue mich unaussprechlich, Ihnen wieder frisch und fröhlich schreiben zu können. Die hier eingetretenen frühlingsmäßigen Tage durchströmen mich mit neuer Lebenslust. O, daß ich heute Sie sähe – die Freundin auch der Natur – gewiß röthet die so schön aufgegangene Morgensonne höher Ihre Wange, und die blauäugigte Athene blickt lächelnd zu dem ihr befreundeten Himmel! Gewiß ist es so, denn ich sehe Sie ja! An diese liebliche Vorstellung – (o, wie sie mich anzieht!) knüpft sich eine andere, schon ältere, aber immer wiederkehrende, und immer ungestümer werdende – Sie nicht mehr nur im Geiste – sondern Auge in Auge, Hand in Hand – mit einem Worte – von Angesicht zu Angesicht, leibhaftig zu sehen, und daß ich Sie – Potsdamerstraße 38 begrüße und besuche! Der Mai müßte dazu gewählt, und von mir ein Urlaub auf längere Zeit erbeten werden. Himmel, wenn ich dann ganz frank und frei, gleich den Vögelein über den Wolken mich bewegen, frei athmen, die Welt wie mein fühlen, und das Leben recht eigentlich genießen kann – und das in Ihrer Nähe – des ewigen Zwanges entledigt!

Wie danke ich dem Himmel, daß die Götterkraft der Freuden, der Liebe, mich wieder durchdringt. Wie leicht und schön wird da das Leben! –

Die ganze Reise des Königs ist ein Triumphzug der edelsten Art, nicht nach blutigen Siegen, sondern nach einer unermeßlichen Herzenseroberung. Mehr ist kein Titus geliebt worden. – Ohne Zweifel wird in Elberfeld auch Friedrich Krummacher, meiner Schwester Sohn, zur Cour kommen, und es wird sich nun wohl bald zeigen, ob man ihn nach Berlin will. Er hat mir gar sehr gerühmt, Ihnen seine Aufwartung gemacht zu haben, wie auch der Frau Paalzow.

Eben komme ich von Fräulein von Wrede; sie wurde beredt, als sie Ihr Lob aussprach, und kann nicht genug rühmen von Berlin und des schönen Tages, wo sie mit Ihnen und Wach's zusammengewesen. – Freundin Engels empfiehlt sich sehr. Im Ganzen hält sie sich wohl und thätig in Handel und Wandel.

Herr von Vincke ist dem König entgegengereist, seine Familie sehr wohlauf. So auch die von Pfuel'sche, die uns auch hier sehr werth ist.

Die Berliner Zeitungen lese auch ich sehr fleißig, und grade diese um so lieber, da ich dadurch an Sie zu denken veranlaßt werde. Ist etwas Hübsches vorgefallen, so sehe ich Sie dabei gegenwärtig, z. B. bei den Conzerten des dort so hoch gefeierten Liszt, der übrigens auch bei uns einige große Concerte gegeben.

Wie viel auch historisch Wichtiges haben Sie mir im jüngsten Briefe erzählt. Wie soll ich dabei Ihnen genug danken. Sie verstehen sich vor allem auf die Freuden des Freudemachens.

Buchstaben befriedigen mich so wenig, ich meine immer noch nichts gesagt zu haben. Bei und mit und in Ihnen sein, ist allein das Rechte. Das Sie mir nur hold bleiben mögen! Fräulein von Wrede sagte mir heute, Sie seien eine unvergängliche Schöne! Ich hörte das mit Freude und den besten Wünschen. Hoffentlich führt mich der Mai zum fröhlichen Anschaun! Ihre lieben, holden Hände tausendmal küssend, empfiehlt sich Ihnen mit warmem Herzen der innig ergebene Freund

Möller.

26.

Münster, den 14. April 1843.

Eben, holdselige Freundin, geht die Morgensonne auf und verklärt mein Gärtchen, aber auch, und mehr noch, meinen Sinn, mein Herz und Gemüth. Denn ich habe Muth gefaßt, Ihnen zu schreiben. Emil Krummacher, Prediger in Duisburg, Sohn meiner Schwester in Bremen, Bruder des Fritz Krummacher zu Elberfeld, der im vorigen Jahr Ihnen einen Besuch zu machen so glücklich gewesen, zieht in diesen Tagen nach Berlin, den König einer Kirchensache wegen zu sprechen. Diesem will ich dies Blättchen geben, es Ihnen zu überbringen. – Daß ich so lange habe schweigen können, möchte ich die Götter befragen. Und doch gehören Sie zu einem meiner herrschendsten Gedanken, und wird dies auch nie bei mir aufhören. Sie sind mir auf dem Wege meines Lebens eine so theure, unvergeßliche Erscheinung geworden, daß es keiner Schriftzeichen bedarf; sie reichen nie hin, mein Innerstes auszudrücken; ein holder Genius aus einer schöneren Welt sind und bleiben Sie mir. – O, lassen Sie mir den unentbehrlichen Trost, daß Sie mir zugethan bleiben! Mehr als ich auszudrücken vermag,

Ihr ergebener

Möller.

27.

Münster, den 28. August 1844.

Unmöglich ist es mir, hochgeliebte Freundin, meinen sehr werthen Freund, Consistorialassessor Daub, (Prediger an der hiesigen evangelischen Kirche) nach Berlin zum dortigen Gustav-Adolphverein abreisen zu lassen, ohne ihm ein Wörtchen an Sie mitzugeben, ohne ihn zu bitten, den Muth zu fassen, zu Ihnen zu eilen, daß er meinen Liebes- und Friedensgruß Ihnen bringe, und mir dafür einen Abglanz Ihres holden lieben Wesens zurückgebe. Wie mit erneuerter Liebe werde ich seiner mich freuen, wenn er von Ihnen zu mir gekommen ist. Ich glaube an eine Welt, wo Alles vergolten, an ein Unvergängliches – schon darum, weil meine Liebe, mein Vertrauen, meine Sehnsucht – nach Ihnen, Ihrem Herzen und Wesen schlechthin unveränderlich und unvergänglich ist. Sobald Ihr liebes Bild in mir lebendig wird, ergreift mich ein wundersam schönes Gefühl, dem ich keine Abnahme, kein Ende wünschen möchte. – Sie lächeln wohl eines solchen Bekenntnisses? Wie sollte ich es aber verhehlen! Es ist mir ein gar zu süßes Bedürfniß, es auszusprechen.

Eine völlige Unmöglichkeit wäre es jetzt für mich, mit Herrn Daub mich aufzumachen, bei der Eile, womit gereist werden muß – bei hiesiger äußerster Geschäftigkeit, und bei der Sündfluth des Regens, obwohl ich mir es für Augenblicke romantisch denke, Ihnen zur Seite, auch über den Weltocean in einer Noah'schen Arche zu segeln. –

Meine einzige, herzlichtreue Schwester, Eleonore Krummacher zu Bremen habe ich durch den Tod verloren, was eine Wehmuth über mein ganzes noch übriges Leben bringt. Es ist dadurch auch die ohnehin geschwächte Gesundheit meines Schwagers so stark angegriffen, daß er es schwerlich überwinden wird. Mit diesem Schwager, dem Dichter und Schriftsteller, habe ich das Schönste auf Erden genossen – vollkommene Freundschaft! Diesen Engel des Lebens habe ich in allen seinen Seligkeiten kennen gelernt, so daß ich schon deßhalb sagen darf: Ich habe nicht umsonst gelebt!

»Das arme Herz hienieden –
Von manchem Sturm bewegt!
Wann findet es den Frieden? –
Wenn es sich nicht mehr regt.«

Meine alte Freundin Engels hält sich zum Bewundern froh und gesund. Immer dieselbe! gekräftigt und glücklich im Handel für Bedürftige. – Von Pfuel's sind noch nicht aus Ostende zurück; sie sind mir sehr lieb. – Die Milanollo's haben Sie auch gehört? Nichts Schöneres in dieser Art hab' ich vernommen.

Aber wohin habe ich mich verirrt – so zu schwatzen! Doch werden Sie es gütig beurtheilen. Mit Geliebten plaudert sich's so gern! –

Ach, daß ich schließen muß. Es war mir, als ob ich bei Ihnen wäre! Selige Zeit, wo es sich einst wirklich so verhielt! – Lassen Sie mir den Trost, daß Sie noch mein gedenken – mir noch zugethan sind – mich nicht vergessen! Ich habe Sie gar zu lieb! Christiane Engels empfiehlt sich bestens. Ein freundlicher Himmel umschwebe Sie stets! Immer und immer, o, liebe holde Elisa! –

Der herzergebene

Möller.

Briefe von Henriette Paalzow an Elisa.

1.

Berlin, den 29. Oktober 1833.

Es kommt ein Briefchen angeflogen, das will der gütige Freund Immermann Ihnen geben, daß Sie nicht erschrecken und denken, ich bürde Ihnen einen Briefwechsel auf – nichts soll es – nichts will es, als Ihnen sagen: es ist zu schwer, Sie ganz zu lassen, wenn man Sie einmal wieder gesehen hat – und daran knüpft sich die Lust, so ein Blättchen voll zu schreiben mit kleinen Liebkosungen – und daß ich es eben thue, das hat wieder der Freund mit seiner überzeugenden Zusage, Sie gegen jeden Schreck zu bewahren, herbeigeführt. Sie wissen also damit, daß wir ihn wirklich noch hier getroffen, und der Wunsch uns erfüllt ist, ihn zu sehen – dabei war er gut zu uns, wie es unglaublich wär', wüßte ich nicht, daß Sie ihn sicher darum gebeten hatten – aber er war mir nur desto lieber darum, und wir beide sind ihm so recht dreist gleich nachgelaufen, und haben von ihm erwischt, was die Andern über ließen – aber, was ließ das auf Immermann wartende Berlin übrig? Sie können denken, nicht viel – täglich saß er überdieß an den Fleischtöpfen des gräflichen Camachus, so daß mir gleich der Athem stockte, als ich ihm meine kleine zweibeinige Junggesellenwirthschaft anbieten wollte – lange hielte er es nicht aus, trotz der stillen Absonderung bei sich, deren er gewiß in hohem Maaße fähig ist, und der Stempel eines großen Geistes, wie ich immer gefunden.

Wenn man ihm Ruhe und Einsamkeit mitten in Berlin verschaffen könnte – würde ich von nun an nichts wünschen, als er wohnte künftig hier – aber er würde Mode werden, alle Soireen, bei denen Immermann fehlte, würden sich disgustirt halten – müßte man da nicht Trauer um ihn anlegen, oder einen Verhaftsbefehl auswirken, und ihn in ein hübsches, stilles Gefängniß befördern – ich kann mir keine passende Lage für ihn hier denken, und freue mich, wie er wieder hinter der hohen, grünen Hecke in die stillen Raume verschwinden wird, wo die Geister gehorsam und unverscheucht von dem leeren Lärm geschäftigen Müßiggangs ihm dienen.

Wie gefällt er uns so noch bei weitem mehr, als wir sicher hatten – wie ist er über all das andere, still heiter, jugendlich unbefangen und bescheiden wie alle bedeutende Menschen, die sich immer was besseres denken können als sie leisten, gar nicht kraus, gar nicht tragisch oder bitter blickend – wir hatten das alles auch ausgehalten, und ihn doch lieb gehabt, aber nun sich es nicht vorfindig, bin ich so lustig und unbefangen, wenn ich ihn sehe, und wie Kinder sich fragen: wollen wir zusammen spielen? so möchten wir auch was ähnliches.

Ach, könnte ich zuweilen in Ihr Bauernhaus laufen! wie steht es mir vor in all seinen Einzelnheiten – und Sie! wie entzückt mich jeder heitere Blick, den ich Ihnen abgelauscht – diese ruhigen, milden Züge, aus denen der Streit verschwunden, und die Anmuth, mit der Gesundheit zurückgekehrt. Sie müssen glücklich sein, denn so sieht Glück aus!

Dann blicke ich in meinen Räumen umher – und frage, ob es Ihnen just so recht sein würde, und denken Sie nur, ich sage immer: ja! und nicke ordentlich meinem grünen Thurm (wie ich und die Freunde es bei mir nennen) zu, als wär' er unruhig darum. Albern bin ich auch immer noch, das haben Sie längst gemerkt, und besser, ich gestehe es Ihnen ein.

Schön war unsere Rückreise! Einmal an der Ahr saßen wir auf einem Felsen bei dem alten Ahrschloß und dem höchsten Wunder herbstlicher Lichteffecte; wenn mir das einfällt, nun mich Berlin wieder eingefangen hat, so begreife ich nicht, warum wir wiedergekommen sind. Berlin erdrückt mich, dieser Lärm! so viel Leute! so viel Redensarten – ich wünsche oft, es wäre eine große Schlafstube und alle Leute lägen zu Bett und schliefen, vielleicht hätte ich dann Muth zu wachen, aber so kribbelt alles so begierig durcheinander, daß ich die Augen zumachen muß, um nicht zu schwindeln. Besser wird es mit der Zeit, das weiß ich auch – wenn ich erst keine Visitenkarte mehr habe, und des Morgens im Bett mir den Tag eintheile, wie eine fleißige Maid, die noch bei der Mutter ist – dann werde ich jede Stunde heiterer und finde zuletzt alle Menschen liebenswürdig, weil ich sie nicht mehr besuchen muß – einige besuche ich natürlich gern, und diese unterbrechen dann reizend diese glückseligste Ruhe! Ruhe! es ist für mich ein Zauber in dem Worte – mein schwer sich entwickelnder Geist hat sie zu Allem nöthig, ich fühle, ich bin nichts, oder mit dem wenigen, was ich geben kann, ganz verschüchtert, und wie mit festen Deckeln verschlossen, wenn es um mich lärmt und sich beträgt und weiß und thut – und ich alles nicht begreife, und den Anfang nicht verstanden habe, wenn sie schon prätendiren das Ende gemacht zu haben. Denken Sie selbst, wie schlecht ich da zurecht komme, überdieß mit meinem Verlangen die Dinge wirklich zu verstehn.

Wenn da eine liebe Hand kommt, die nicht eine rednerische Stimme bei sich hat und die Deckel springen lassen kann, weil sie nicht darauf hämmert, sondern bloß aufheben hilft, wie ich da glücklich bin. Sie könnten das auch! und da haben Sie meine hundertste Liebeserklärung! – und lassen Sie meinen Bruder noch überdies Ihre schönen Hände küssen und vergessen Sie ihn nicht, wie er Sie verehrt und bewundert – und seien Sie gut und nicht böse über dies styllose Brieffragment – und – Immermann sagt, Sie hätten sich auch zu mir gefreut – und ich glaube es und bin Ihnen gut und getreu bis in den Tod.

Henriette P. geb. Wach.

2.

Berlin, den 17. Dezember 1833.

Mein grüner Thurm war von Dezemberstürmen und Regenströmen wie in ein doppeltes Bollwerk gegen die Außenwelt gehüllt und ich saß vergnüglich mitten drin, und freute mich des schwierigen Hinein- und Hinauskommens. Da kam Ihr Briefchen und mir war, als ob ein Blumenstrauß durch's Fenster geflogen wäre, und wie man nicht aufhört, Blumen zu betrachten, und wie sie bald die Atmosphäre umwandeln, und wie ein Glück ohne Namen uns erhöhn, so war mir und keine liebere Stunde Ihnen zu antworten, als die, die ich Ihnen so schön verdanke!

Als ich es gefunden hatte, daß ich Ihnen antworten müßte, lachte ich ganz lustig hin, und mit allem Guten, was die Stunde mir gebracht, dankte ich dies meiner jungen Freundschaft mit Immermann herzlicher als er denkt.

Denn sicher ist, liebe, theure Freundin, vor Ihren holdseligen Worten wäre ich doch noch mit allen ins Leben springenden Empfindungen blöde stehen geblieben, zweifelnd ob ich antworten dürfe – aber mein junger Freund schenkt mir etwas, und wo seit dem Christenthum hätte man nicht gedankt ob einer Gabe?

Dabei ist es äußerst reizend für mich, daß ich noch nicht weiß, was er mir schenkt; denn mein treuer Diener ringt erst darum mit Sturm und Regen und Postdienern und Packkammern. Ich denke, es ist »Merlin«! – Dies wollte ich längst schon der Welt gern aus den rohen Händen nehmen und wäre ich ein König, wollte ich die Tafelrunde wählen, die es wie ein goldner Reif den Juwel umschließen sollte. Ich erfuhr daran wieder eine Erfüllung! – gleich Ruhe damit! – ein unerschütterliches, reines, drüber Genießen – entweder ein nicht Verstehn, oder ein durch Verstehn dessen, warum die Welt roh mit wird! Wenn es also das ist! was wird es hübsch sein, wenn ich weiß, er selbst dachte es mir zu!

Theure Gräfin! Mein ganzes Briefchen wird – zwar nicht bunt wie ein Blumenstrauß, aber bunt wie heitere Gedanken! – und sie kann ich nicht lassen, wenn ich Sie denke! Nichts Süßeres, als wenn die Welt wieder um eine kleine glückselige Insel größer wird – Felsen und Ströme und Wälder und Schlösser und Hütten, die thun's nicht – sondern die göttliche Staffage der Erde, die Menschen! Weiß ich nur irgendwo dies beste Geschenk des Himmels, ist mir so selig wie dem Astronomen, vor einem sich plötzlich mit einem neuen Sternenbild anfüllenden leeren Himmelsraum! Immer und für immer habe ich Sie bei aller Trennung festgehalten, froh mich begnügend, daß ich wußte Sie waren da! Aber Sie so wiederzufinden, an den langen bescheiden empfundenen Besitz das lebendige Glück eines verstehenden Ineinanderblickens zu reihen, das sind Glanzlichter, zu denen man sagt: das Leben ist doch schön! Leicht sehe ich ein Bild von dem, was mich lebhaft erfaßt hat, und jeder Blick hin giebt mir das Bild – es ist dann das geistige Resultat, was in mir davon gekommen. So sehe ich nicht die Thür zu Ihrem Häuschen, sondern ich sehe einen Eingang zu Ihnen mit goldnen Saiten bespannt! auch Immermann sehe ich nicht dahinter, aber einen Dichter. Drüber sehe ich Sie nicht – aber einen schönen weißen Schwan mit breiten weiten Flügeln – nicht Ihre Zimmer, aber tief grünen, frischen Epheu dicht in einander gerankt, darauf ruht der Schwan, und hört zu! Sehen Sie, so allerliebst kommt es mir jedesmal in die Seele, wenn ich an Sie denke!

Ob ich müde würde, die Thür zu öffnen, an die Sie klopften?

Am liebsten spreche ich mit Wilhelm von Ihnen! Wie glücklich bin ich, daß er so glücklich war, Sie zu sehen! Er küßt Ihre schönen Fingerspitzen! Lassen Sie ihn gut wohnen in Ihren holden Gedanken neben mir!

Von ganzem Herzen

Ihre Henriette, nicht wahr? Wach?

(Ich mache Ihnen Alles nach vor Vergnügen! Dies ist an Immermann!)

»Merlin« war's nicht! sondern was ganz Neues, wo Sie immer mitspielen, was ich noch gar nicht kenne und nun recht vergnügt heute Abend am Kamin ergreifen werde. Wären Sie's nicht just, ein wunderbar alter Freund in ganz neuer Gestalt! – Könnte ich mein Briefchen an unsere Gräfin nur verbrennen, so aber lasse ich es – und fürchte nicht einmal, daß Sie nun »Merlin« nachschicken, da ich kindisch fast meine Lust darauf verrieth. Ich besitze es auch schon – Schadow merkte leicht meinen Wunsch seines Besitzes, er schrieb einen freundlichen Gruß hinein, und ich nahm's mit Freuden! Also war meine Hoffnung »Merlin« käme aus der Hülle, weiter nichts, als Sie sollten es mir damit gönnen – das können Sie nun nachträglich besorgen – wenn's Ihnen so ist, und dann bin ich durch Ihre heutige Gabe im Vortheil! Wie lieb ist es von Ihnen, daß Sie mich anreden, und dann sogar beschenken! Beides danke ich Ihnen herzlich! Was Sie mitbrachten nach dem grünen Thurm – das dachten Sie, fänden Sie vor – Ihr Gefolge saß bloß nieder an unserem Heerd, Sie glauben in Ihrer unergründlichen Bescheidenheit, es seien unsere Hausgötter! – Doch auch so bleibt uns noch ein schöner Antheil, auch daß Sie eintreten wollten, und daß Sie ihre Anwesenheit fühlten, bedenke ich mit Behagen, und lege es mir zum Troste zurecht, wenn viele Gäste kommen und gehen, und der Heerd leer bleibt von dem unsichtbaren Gefolge, das die Götter nur denen geben, die sie lieben! Außer was Sie mir durch Ihr persönliches Kennen an reicherem Antheil geschenkt, haben Sie mir noch so besonders in meinem Bruder wohlgethan – seine jungfräuliche Sprödigkeit fremden Geistern gegenüber, war an Ihnen wie umsonst oder vergessen – dabei sah ich das erstemal nicht zu, wie sie ihn so selten schnell belebt, sondern ich bekam ihn von Ihnen schon als aufgeblühte Blume zurück!

Ich möchte, daß Sie ihn liebten! ja, Sie thun es wahrscheinlich schon, denn ich glaube nicht an eine Liebe ohne die andere! – Mit alledem überlege ich mir immer, ob ich Sie lieber hier möchte, oder dort weiß! Ich habe eine Leidenschaft zur Resignation! – Das spielt mir ebensoviel Streiche, als andern Leuten die Begehrlichkeit – dann träume ich wieder von der stolzen Festigkeit, womit wir das äußere Leben in aller Gestalt zwingen uns den Inhalt zu geben, den wir just nöthig – das wende ich alles auf Sie an! Denn ich will lieber den großen Gewinn hingeben, Sie hier zu wissen, als Ihnen den dürren Boden, auf dem meine dünnen Sohlen oft brennen, unter Ihren cothurnten Fuß wünschen! Aber wenn Sie gut zwingen können, und das traue ich Ihnen zu – schlage ich mir alle Resignation aus dem Sinn!

Auch rechne ich dann zusammen, was wir haben! Koppe, den haben Sie erkannt! und mit dem ganzen Stolz der Freundschaft fühle ich, wie er Ihnen ausreichend sein müßte – an Tiefe und Fülle des Wissens – an gehender und nehmender Kraft der Ideen, an Schönheit des Gemüths und des Herzens! Er machte Ihnen eine Sendung – Grüße von uns contrebandiren schon mit – nun kann ich ihn wieder grüßen von Ihnen und bin dessen froh!

Ob ich Wilhelm noch das Eckchen lasse? ich thue es wegen meiner Leidenschaft zur Resignation! Es gehe Ihnen so gut als Sie verdienen und wir wünschen!

Henriette.

Herzlichen Dank, mein hochverehrter Freund, für die freundlichen Zeilen Ihres Andenkens! Möchten Sie in glücklicher Einsamkeit und Ruhe, welche paradiesisch sein muß, dem unnützen Gehämmere und Geklatsche der Welt zusehen, welches andrerseits Vortreffliches liefert, doch wobei man gern Zuschauer ist, wenn man selbst schafft! Der gnädigen Gräfin mich zu Füßen legend, verbleibe ich in herzlicher Ergebenheit

Wilhelm Wach.

3.

Berlin, den 10. Januar 1834.

Theure, liebe Gräfin! Mit der größten Unruhe erfüllt uns die Nachricht von Immermann's Krankheit, und nachdem wir uns die Nachrichten durch Zufall über ihn als zu ungenügend für unser Gefühl erklärt, wage ich Sie um Vermittlung zu bitten – nicht daß Sie mir selbst schreiben sollten, im Fall er noch bedeutend krank wäre, aber Sie beauftragten einen Andern zu einigen klaren Worten über seinen Zustand!

Sie entschuldigen gewiß diese Bitte mit dem natürlichen, unerläßlichen Interesse, das dies vaterländische Besitzthum, auf das wir alle stolz und angewiesen sind, uns Beiden giebt, und wollen gar nicht – und sollen auch nichts weiter von mir hören – als wie ich Ihnen treu bin und bleibe –

Henriette P. g. Wach.

4.

Berlin, den 14. April 1834.

Ehe ich Ihnen anfing zu schreiben, habe ich mich erst recht in den Gedanken vertieft, daß ich das nun überhaupt jetzt darf, und wie hübsch es von uns beiden ist, dies endlich als eine kleine anmuthige Zugabe unseres Lebens erkannt zu haben – Freund Immermann, welcher sich zuerst liebenswürdig entwickelnd diesem meinem schüchternen Wunsch zur Seite stellte, soll auch immer dafür mit freundschaftlicher Liebe anerkannt und besonders gemeint und gegrüßt sein in jedem Blättchen, das hinüber fliegt! Und so merke ich fast, daß ich die subtilste Spitze eines Briefanfanges niedergeschrieben, und könnte mich nun fortwährend nach allen Regeln betragen, wohnte mir das geringste Geschick dazu bei, und risse mich nicht Andenken und Antheil für den, dem ich schreibe, über so schöne, dezente Gränzen stets hinweg. Aber Sie haben mich ja nie anders gemocht als ich sein konnte, und mich oft erkannt, da wo der spanische Kragen meiner früheren Verhältnisse mein eigentliches Wesen bis zur Unkenntlichkeit einspannte – und was giebt es Süßeres, als dies Zeugniß einer schönen Seele für bange und unverständliche Zeugnisse in uns! – Ich begreife auch gar nicht, warum man sich bloß darum liebt, weil man sich alle Tage genau versteht, einmal muß man es freilich gekonnt haben, und dann für immer! und was das Leben drüber und dran wachsen läßt, begrüßen ohne Frage: woher kömmst du? Immer sicher daher, wo wir einmal die Heimath fanden. – Heimath! könnt' ich einmal aus den hellen Fenstern Ihres wohnlichen Zimmers in die grüne, zierliche Ordnung des kleinen Gartens niedersehn, durch dessen grüne Heckenwand ich Sie nach Jahren zuerst sah – wie Sie leicht dem Hause zuflogen, das uns bald Alle umschloß! – Es sollte mir heimathlich werden, sein Sie gewiß! Oder Sie steckten die kleinen Füße unter meinen Theetisch, und der grüne Thurm hätte keinen Eingang mehr, nachdem er Sie eingelassen! Nun, ich will warten auf Sie! Den ganzen grünen Sommer hindurch, vielleicht wenn Sie so sicher ein Plätzchen wissen, wo Ihnen frohes Willkommen entgegen kömmt, überlegen Sie es auf Ihrem grünen Epheukranz, worauf ich Sie immer ruhen weiß. Wir bleiben, wie Sie daraus sehn, in dem steinernen Berlin! Das ist nur die wahre Bezeichnung, keine Verunglimpfung oder Klage!

Ich liebe mich in verschiedenen Situationen zu finden, mit mir bekannt zu bleiben, und den Aufgaben ihren Inhalt abzufragen; ist man des einen Zustandes gewiß – reizt uns der andere mit seinem Widerspruch, der in uns seine Aussöhnung verlangt!

Die Sonne scheint, während ich schreibe, warm und verheißend auf meine Schultern – es ist gewiß, wir sollen das liebliche Wunder auf's Neue erleben, Blumen, Blüthen und Blätter zu sehn! – Den langen Winter wird man ganz träumerisch, ob solch Glück wiederkommen kann, und naht sich die Zeit, bewegt sie nicht allein die keimende Erde; in der ewig keimenden Brust findet sich auch ein neuer Eifer – etwas soll anders werden, zur Klarheit, zur Blüthe soll durchbrechen, was im Winterschlaf eingehüllt lag, wir fordern von uns, und die Gewährung ist schon halb erreicht – an Licht und Sonne hängt nicht blos das Blüthenleben mit seiner zarten Existenz, der Mensch selbst hofft in diesem freieren Spielraum etwas Größeres zu leisten, zu vollbringen. Fragen wir nicht nach dem Geleisteten, es muß nicht alles nach außen Existenz gewinnen, was darum doch als Errungenes, als Wahrheit aus solchen Epochen der Seele verbleibt! Während Berlin von dem ärgsten Paroxismus des Carnevals befallen war – hüllte mich ein kleines, glückseliges Fieberlein in die grünen Wände meines sichern Thurmes – auch besucht konnte man nicht viel werden, weil die Leute den göttlichen Einfall haben, ihre hohlen Gesichter dem Tageslicht zu déjeunés dansants zu produziren! So kamen nur die Freunde! Sage ich aber Freunde, so fällt mir Ihnen und Immermann gegenüber fast niemand ein, als die herrliche Familie, die ersterer gern hier wiederfand, ich meine Koppens. Liebe Freundin! es ließe sich in einem Urwald, oder auf einer wüsten Insel mit den Elementen, woraus diese Familie zusammengesetzt ist, lange haushalten als reicher Mann!

Gern rede ich mit Ihrem Vetter von Ihnen![5] Jetzt ist er General! es kleidet ihm gut! und ich freute mich, daß er nicht zugeknöpft die Achseln zuckte über eitle Ehre, sondern menschlich und natürlich eingestand – Ehre sei keine Schande! Ich soll Ihnen auch tausend Grüße sagen.

Und nun grüßen Sie Immermann auf's herzlichste! und wenn Sie erlaubt haben, daß Ihnen Wilhelm mit allen Gefühlen der Verehrung die schönen Hände küßt – so sagen Sie auch von ihm dem liebenswürdigen Freund, wie warm anhänglich und erkennend er ihm zugethan bleibt! Und Schadow's? Ob mein Briefchen im Rhein ertrunken ist, oder die holde Frau Schadow in den Carnevalsfreuden? – Ein Lebenszeichen empfing ich nicht wieder! Soll ich wagen sie zu grüßen?

Ach! nicht wahr, ob dies Briefchen glücklich hinüberkam, über den vaterländischen Strom – das erfahre ich bald – und von Immermann auch recht viel – und von Ihren holdseligen Gedanken, und in welcher Rubrik ich eingeschoben bin!

Ihre

Henriette P. g. Wach.

[5]: General August von Hedemann.

5.

Berlin, den 5. Juni 1834.

Meine theure Gräfin!

Wie klar und deutlich blicke ich in den Tag hinein, an dem mein letzter Brief mit der Sendung des Freundes bei Ihnen eintraf, und den Sie so reizend schildern, daß ich die Blüthen zu athmen glaubte, die alle wie aufgeblüht für den Dichter ihn begrüßten.

Es ist gar nicht wahr, lasse ich ihm sagen, daß die Blüthen allein diesen Versuch machen, und wenn er ganz ungeduldig ruft »warum die Menschen es nicht auch thun?« – so sage ich, sie thun es auch, aber können nicht alle es zum Duft bringen, oder gar zur Frucht – sie müssen bald den unschuldigen Versuch ermüdet, mit losgerissenen Blättern am Boden streuen, und wenn keiner zur rechten Zeit Acht gab, als sie sich um den kleinen Stiel reihten, so heißt's hinterher, sie haben sich gar nicht bemüht. Mein eigentliches geheimes Frühjahrsgeschäft ist, die Leute zu belauern – etwas ist in Jedem los – mitunter reine, baare Tollheit! etwa daß Spinat Rosen treiben will, oder Salat zum Cactus alatus befördert sein will durch irgend einen winzigen Schuß, den er hier oder dort hin thut u. s. w. – aber am allerlustigsten bin ich selbst, denn ich bin es mir recht klar bewußt, daß ich was will, und recht was tüchtiges, wovon der Herbst soll noch zu sagen wissen – aber was denn? Glauben Sie nicht, daß ich mich ausnehme, und denke, ich wolle keine andere Blüthe als die Wurzel in der grünen Erde mir verheißen kann – sicher habe ich eben so gut als alle, die ich darauf anschaue, etwas im Sinn, wobei die arme Wurzel seufzend sich tiefer in die Erde gräbt, damit das tolle Pflänzchen nicht an seinem Getriebe um alle Lebenskraft kommt. Aber was wäre es denn auch, wenn nicht dieser Frühjahrstrieb die Menschen wenigstens mit dem Gedanken neuer Gewinne erquickte! – –

Besorgt tragen sich Immermann's hiesige warme Verehrer mit dem Gerücht, daß er seine sichere bürgerliche Stelle aufgebend, sich ganz der Bildung des dortigen Theaters widmen werde. – Jeder fühlt dadurch die Aussicht ihn für einen größeren Wirkungskreis in der Hauptstadt zu gewinnen, bedroht, und um so weniger geneigt diesem Opfer ergeben zu sein, wenn ihm selbst an dem Ort, wo er so große Kräfte verbrauchen will, nicht ein volles geistiges Zuströmen an Menschen und Verhältnissen sicher ist. Es macht mir den Eindruck, als läse ich ein Nachspiel von Torquato Tasso, wenn Sie, holde Eleonora Este, mir von der Krönung des Dichters schreiben! Leider zugleich den, auch des fern Liegenden, einer andern Zeit, einer andern Luft Angehörenden!

Unsere Bühne hat mich von jeder Hoffnung einer dort zu gewinnenden Erhebung rein verschüchtert – ich habe es verlernt dort auf Genuß zu hoffen – aber ich hoffe nicht zugleich die Empfänglichkeit dafür – ja, ich ziehe dies Zürnen, möchte ich sagen, dem Nachgeben vor, mit dem Schlechten vorlieb zu nehmen, wodurch die schädliche Gewöhnung endlich uns von dem Standpunkt zieht, auf den uns freiwillige Entsagung eingehegt läßt, wenigstens für eine höhere Idee unentweiht! – Ich darf mir also wohl eingestehn, daß ich für die unschätzbaren Anziehungskräfte des Rheines oder Derendorfs empfänglich zu werden oder zu bleiben suche, und Ihre lieben Worte um Fortunats Säckel oder Hut trafen ein begehrliches Herz! Aber froh empfinde ich um so mehr wie wir jetzt nicht mehr so ohne alle Beziehung als früher stehn, und freue mich wie Immermann desgleichen unserem geistreichen Freund hier sich anschließt, und wir uns hineinschlingen, daß es ein rechtes Ganzes zu werden denkt!

Wilhelm ist im rechten Sommerdienst begriffen. Schöne und häßliche Frauen begehrten aber seines Pinsels, der Nachwelt sich zu überliefern – dazwischen spielt eine Nymphe mit Blumen, und Amor giebt ihr einen Kuß! – Wenn Sie denken, ich freute mich zur Ausstellung, so irren Sie sich, und halten mich größer als ich bin – ich blute noch aus all den Wunden, die mir einfielen, als man die letzte benutzte, meinen Bruder zu mißhandeln – mein Leben ist wie das Blatt, das sich auf der Welle gerettet hat, es tanzt oben, wenn sie steigt, und ist verschwunden, wenn die nächste sie verschlingt. Sie möchten mich besser – ich weiß es. Es thut Ihnen leid, daß ich so kleinlich diese Zeilen schließe. Beklagen Sie mich, vielleicht wird es mit der Zeit besser, jetzt habe ich nur einen Dämmerschein von dem, was ich unter solchen Leiden sein könnte, aber es ist außer mir, ich bin isolirt in subjectiver Verdorbenheit!

Dem liebenswürdigen Freund, dem herrlichen Dichter die schönsten Grüße, erstlich von mir, dann von meinem Bruder, wenn er erst Ihnen hat in hochachtender Ergebenheit die Hand küssen dürfen.

Ihre Henriette.

6.

Berlin, den 10. November 1834.

Es möchte sogar fein, bescheiden und sehr schicklich erscheinen, wenn ich noch drei bis vier Wochen wartete, ehe ich Ihren inhaltreichen Brief, theure Freundin, beantwortete, und wenn ich statt dem nichts thue, als den ersten ruhigen Augenblick erwarte, um das Gegentheil zu vollführen, muß ich mich Ihnen auf Discretion ergeben! Das thue ich denn mit dem frohsten Muth! und außerdem drücke ich Sie an mein Herz, und sage Ihnen und Immermann den tiefgefühltesten Dank just für dies lang ersehnte Lebenszeichen – das uns so viel mehr sagt als daß Sie athmen und die Sonne auch über Ihnen scheint. Der Eindruck dieser Mittheilungen war erschütternd für uns Alle! – Wir hatten uns im Thiergarten bei den Freunden still zusammengerückt, und wie es die Ankündigung in Ihrem Briefe vorbereitete, mit Ernst und Bewegung fast, die Blätter des Freundes zur Hand genommen, die er uns gönnte, von seinem Innern zu hören!

So sind wir, nicht unwürdig seines Vertrauens, ihm Zeile vor Zeile gefolgt! ich denke, es wird uns Allen ein unvergeßlicher Abend bleiben – aber meine ganze Seele ruft ihm zu, nicht was in der Welt daraus wird, darf er mehr fragen, dürfen die Freunde fragen, wie es in ihm so ward, zur unabweislichen Nothwendigkeit, das ist die Hauptsache, von der aus es keinen Rückblick giebt– nie werde ich von der Welt so gering denken zu glauben, daß eine so mächtige, individuelle Wahrheit als hier ausgesprochen liegt, nicht schon hinübergreift in eine objective Wahrheit, die ihrer Entwicklung sich entgegen drängt; weiß er in sich von der Morgenröthe einer neuen Kunstepoche, so muß sie anbrechen. Der Gedanke, wie er sich durchringt aus der Seele des Menschen – der Gedanke ist schon der Anfang der Erfüllung, ja die Nothwendigkeit seiner wahren Existenz! Sagt es nicht Schiller? Dem Gedanken des Columbus mußte sich die neue Insel aus dem Meere entgegen heben! – er konnte nicht vergeblich nach ihr suchen! So haben sich die Freunde nur still um den muthigen Segler zu schaaren, und immer nur: Glück auf! zu rufen. – Glücklich aber muß er sein, denn jeder muß es sein, der seinem innern Leitstern folgt, und an eine Idee, die sein Inneres ganz durchdringt, das Leben setzt!

Wie rührte uns um so tiefer der Verlauf des Abends, an dem uns Koppe mit der vollen Begeisterung seines ihn verstehenden Herzens einige aus den Juwelen seiner einzelnen kleinen Gedichte auslas. Wie erfüllte sich an uns Allen, was er so schön ausspricht als vorgesetztes Ziel »etwas zu leisten, was den Zustand der Menschen und der Welt erhöht.« Wir fühlten uns Alle erhöht! – Ich fühlte den Zustand, den ich am höchsten und liebsten in mir halte, den einer ganz allgemeinen Begeisterung – in der nichts einzelnes hervortritt, aber alles einzelne inbegriffen ist, aber eben als einzelnes zu gering die weit und groß gewordene Seele zu beherrschen, die in dem Resümé von allen nur die Existenz findet. Es ist zugleich der leidenschaftsloseste und durchfühlteste Zustand der Seele!

Mir gefiel nicht eins oder das andere, weil es just diese oder jene Gefühlswelt mächtig und schön entwickelt – alles erfüllte die tiefe Sehnsucht der menschlichen Brust nach etwas Vortrefflichem, Erreichten, gleichviel in welcher Richtung, und löste, sonderbar genug, von dem Gegenstand los, indem es uns über ihn stellte, just in dem Augenblick, wo wir seiner wahrhaften Entwickelung alles verdankten. Bis zu Thränen waren wir, als wir nun seines Vertheidigungsbriefes gedachten! Derselbe, der uns dies gegeben, mußte sich vertheidigen gegen die knappe, rauhe Form, die ihm auf's Neue über die Flügel gedrückt werden sollte, mit der Hoffnung, er ginge wohl hinein, wenn er nicht ersticke!

Wie fern, wie nah ein Resultat für sein ungemeines Streben sei, dies ist eine Frage, der wir mit allen warmen Grüßen der Freundschaft, dem Glücke vertrauend, entgegensehen! Das Bedürfniß ist da! wird immer mehr erstarken, je mehr der Gegensatz: das Sinken der Bühnen – bis zum Ekel hervortritt. – Beide sich gegenüberstehende hart sich abstoßende Stufen auf der in Immermann gedachten, zu verbinden, ist das natürlich sich als nothwendig ergebende Ziel für die Zukunft. – Ich freue mich um so mehr noch Zeitgenossin dieser Ideen zu werden, da ich mich schüchtern von jeder Hoffnung zurückgezogen hatte, und die Idee eines besseren Zustandes für mich behütete, vor der flachen Berührung mit bloß zeittödtender Zerstreuung sie allein noch vorhanden.

Ich träumte mit den Freunden von einer kleinen Normalbühne, die unter Immermann lebengewinnend die Aufmerksamkeit dahin richtet, und von wo aus sich der wahre Geist über Deutschland, oder für's Erste, dem Vaterlande, ausbreitete. Möge doch der treue Bruder, dessen verständig besorgten Brief man in der Antwort verfolgen kann, ihn nicht mehr beunruhigen, und mein lieber Herr, der König, sich geneigt fühlen zu allen äußeren Arrangements. –

Ihr schöner Brief reihte sich so wohlthuend heran! – Welch eine schöne Landschaft haben Sie gemalt mit Ihrer Beschreibung jenes ersten Abends an der See! Ich sah sie augenblicklich, und hätte nicht einer unserer kühnen Seemaler sein müssen, hätte Sie Ihnen auf Leinwand zurückgesandt.

Dieser Brief blieb acht Tage liegen – ich war indessen in Tegel bei Wilhelm von Humboldt. Es geht ihm wieder viel besser – und wir hoffen, er lebt uns noch eine Zeitlang. Sein Geist blüht zum Erstaunen schön und vollständig aus diesem kaum noch verständlichen Körper! Er hat noch immer diese bezaubernde Heiterkeit, diese Ironie, die den Dingen ihren falschen Schein abstreift, aber wie würde Sie der tiefe, gefühlvolle Ernst überraschen, womit er in sich und andern das Gefühlsleben schätzt, liebt, möchte ich sagen, und entwickelt. – Meine Seele sitzt ihm, wie das Kind dem Vater, zu Füßen, ich bin wie eine junge Verliebte über seine Stuhllehne gebeugt, und werde so sorglos geschwätzig, als wäre ich schon mit ihm aus der Welt! Aber ich kann es Ihnen auch nicht verschweigen – er liebt mich vollständig wieder, und die Kinder bedauern nichts so sehr, als daß ich ihn nicht mehr heirathen kann. Mais, que faire? – seine liebe Hand zittert! Er könnte mir nicht mehr den Ring anstecken!

Ihr Andenken erfreute ihn sehr – er empfiehlt sich Ihnen herzlich, und sprach recht schön, recht bewundernd von Ihnen!

Eben so herzlich empfiehlt sich Ihr Vetter General; ich habe ihm versprochen Immermann's Brief vorzulesen. Dem Minister habe ich davon erzählt – er bewundert Immermann! – ich theilte ihm schon früher den »Merlin« mit – und er hat allerdings auch das Gefühl, daß der Moment vielleicht gekommen ist, eine neue Bühnenwelt heraufzuführen!

Sommergedanken habe ich noch nicht! Erst bau' ich mich im Winter emsig an! Ach! wenn ich nicht fröre – hätt' ich ihn sehr lieb.

Die Kunstausstellung ist wegen Anwesenheit des Kaisers noch offen. Seit gestern hängt dort das letzte Bild meines Bruders, der sehr fleißig gewesen ist. Er küßt Ihre schöne Hand, und bittet Sie, ihn gern unter Ihren Verehrern zu sehn. In der herzlichsten Freundschaft grüßen wir beide unsern lieben Freund Immermann, und stets bleibe ich Ihnen, holde Frau, getreu.

Henriette P. g. Wach.

7.

Berlin, den 12. März 1834

Wenn ich den Wunsch fühlte, Ihnen zu schreiben, theure Gräfin, erschrack ich immer vor dem Umfang des bisher Erlebten! – ein Stoff, den ich keine Kraft fühlte, zu bewältigen – es machte mich müde, oder vielmehr die Müdigkeit meiner Seele und meines Körpers hatte damit zu viel. Wie es mir nun heut doch dazu kömmt, daß die lebhaftere Erinnerung an Sie, die mir ein Bild Ihres freien, schönen, ungetrübten Wesens giebt – mit ungetrübt meine ich, daß Sie in keine fertige Form hineingepreßt worden sind, oder sich haben hineinpressen lassen, sondern schön menschlich sich selbst und andern gerecht bleiben. Ich sehe Sie, wie Sie aus dem Fenster schon die lieben Augen mit tausend lockenden Fragen unter das welke Laub stecken, um die Geheimnisse zu erlauschen, die da unten von Erde, Tropfen und Wärme in der kleinen Werkstatt gezimmert werden, und bald ganz naiv die kleinen grünen Mützen hervorstecken, innerlich so sicher und fertig, und des Erfolges gewiß, wie nie ein armes Menschenherz, das immer überbaut bleibt mit seinen treibenden Keimen von der kalten Erde überdeckt. Möge Ihnen und Ihrer reizenden Seele der Frühling recht erquickend, recht neu belebend einziehn – ich gönne es Ihnen mit alter treuer Liebe – und mußte Ihnen erst recht Gutes wünschen, ehe ich fortfahre.