Zwölftes Kapitel
Durch Granada wütet der Sturm des Aufruhrs. Von den fünftausend Häusern des Albaycin wälzen sich die Maurenmassen über die Stadt. Das Gebot des Erzbischofs Ximenes ist im Vollzug. Man nimmt den Elches die Kinder weg, nur sie in christlichen Erziehungshäusern unterzubringen. Aus den Häusertoren aber rollen Karren mit aufgeschichteten Büchern, umjammert von Fakis. Die jahrhundertealte Weisheit arabischer Hokema, der Fleiß phantasiereicher Rawi, der Kalifenerzähler, das Sammelgut der heilkundigen Athibba, alles wird wahllos aufgehäuft, um vor den Richterstuhl Ximenes’ geführt zu werden. Bunt zusammengewürfelte Massen von Menschen schieben sich an den spanischen Soldaten vorüber, gaßauf, gaßab, Priester im Ornat, gefolgt von schwarzgekleideten Bruderschaften, ziehen über die Bibarrambla nach dem Maurenviertel, da und dort flattert ein schreiendes Weib aus einem Tor, ein Kind klammert sich weinend an ihren Rock, harte Fäuste reißen es vom Mutterherzen fort — vorbei! Lanzen blinken, Karrenräder knarren dumpf, aus allen Gassen wälzt sich das Unheil heran. Über die Dächer hallt der Gebetsruf der Muezzins wie der Schall umflorter Tuben.
Die Moscheen sind überfüllt. Der Imam Abu Atir ruft das von den Fakis aufgewiegelte Volk zur Besinnung. In der Assakifa, dem Frauenraum des Moscheehofes, liegen die Weiber auf den Knien und beten ihre Seele um das Heil ihrer Kinder aus. Endlich steigt und schwillt der Lärm zu dem gewaltigen Bekennerschrei der Massen an: Es ist kein Gott außer Gott und Mohammed ist sein Prophet. Wie ein brausendes Meer wälzt es sich aus der Moschee, aus den Höfen hinaus über den Platz.
Unaufhörlich schallt es in die zusammenlaufenden Maurenhaufen: „Platz für die Soldaten der heiligen Hermandad!“ Dann wieder: „Platz für die Reiter des Königs!“ Und die Rosse des Grafen von Mora poltern über die Steine. „Platz für die erzbischöfliche Leibwache!“ Ein streng geschlossener Zug gepanzerter Knechte marschiert aus der Calle de Gomeres zum Palast des Ximenes.
Die Luft in den Gassen wird immer schwüler, die Sonne legt ihren Brand auf den Kalk der Häuser und aus den Gärten duften betäubend die Blumen. Immer mehr Burnusse knäueln sich zusammen. Scheichs, Fakis, Alimes, Hafiten, Kadis und Walis, gelehrte Männer und Richter der Mauren in ihren schlichten Trachten, sind umringt von den erregten Händlern, Bauern und schreienden Frauen, deren Augen unter der Verhüllung Blitze schleudern. Sooft ein christlicher Ritter mit Gefolge vorüberzieht, brandet das Getöse an seinem Roß hinauf. Schrille Rufe nach Talavera, dem gütigen Christenscheich, hallen über den Platz. Dazwischen wieder der Gebetslärm aus der Moschee auf der Bibarrambla, langgezogene Preisrufe aus der Fathah, der Koraneröffnung. Aus dem Tor der Moschee strahlt der Glanz unzähliger Lampen zwischen den Säulen heraus, ein magisches Bild inmitten des brausenden Gewühls.
Unerkannt in seiner Händlerverkleidung drückt sich Eswer Ben Zerragh durch die Haufen. Tagsüber verschläft er die Hitze in einem Maultierstall, abends schleicht er nach der Alcazaba in die Nähe der Palastfenster. Aber heute wagt er sich auch in den brausenden Morgen hinein mitten unters Volk. Und horcht da und dort auf ein Gespräch.
„Leon ist an allem schuld!“ Ein Feigenhändler wirft seinen Korb trotzig nieder.
Die Umstehenden brennen lichterloh. „Leon! Ximenes! Deza!“ Die gefürchteten Namen fliegen wie Pfeile durch die Luft.
„In der Alcaiceria haben sie fünf Elches eingezogen,“ berichtet ein Seidenhändler, dessen Gesicht voll Neuigkeiten glänzt.
„In einer Stunde soll es wieder angehen,“ meint ein Vogelhändler. Aber tröstend setzt er hinzu: „Es gibt keinen Schutz und keine Macht außer bei Gott.“
„Wir wollen vom Papst einen Schutzbrief erbitten!“ rät einer.
„Man kennt das, bi nefsi!“ warnt ein anderer. „Er gibt sie und hebt sie wieder auf. Sie kosten Geld.“
„So verwehren wir dem König die Umsatzsteuer.“
Ein Gelächter antwortet ihm. „König und Papst wollen sich bezahlen lassen für ihr Regiment,“ höhnt ein Faki.
„Talavera wird uns helfen!“ Mit aufgeworfnen Händen bittet ein zweiter zum Himmel: „Gott erhebe ihn zum Emir und gebe ihm statt Kamele himmlischen Tau.“
„Du roter Riemenhändler! Wir kaufen dir alle Riemen ab, um die Nisarani damit zu erwürgen,“ lachte ein Messerschleifer.
Eswer verstellt seine Stimme. „Ich wünsche keinem Menschen den Riemen, aber Leon ist kein Mensch mehr, also wünsche ich ihm den Riemen.“ Und er macht eine nicht mißzuverstehende Gebärde.
Aus dem maurischen Fahnentor schiebt sich der dunkle Wurm einer Bruderschaft über den engen Platz nach der Kirche San Nicolas. Die Haßblicke der Mauren verfolgen den schwarzen Zug, der vor dem Gotteshaus hält. Dort schreit ein Dominikaner in die lauschenden Haufen der Moriskos: „Im Namen der Könige und der Inquisition! Stille!“ Und nun schwirren unverständliche Worte des Edikts über die bevorstehende Bücherverbrennung auf die Köpfe herab. Gleich darauf knallen Verwünschungen in die Luft, in arabischer Sprache knattert es in die Ohren des Mönches, der eingeschüchtert nach den Lanzen der schützenden Soldaten schielt.
In einer Gasse tauchen jetzt die weißen Vorreiter des Grafen de Mora auf — nun er selbst auf seinem Schimmel. Über dem Panzerhemd liegt das Oberkleid und der schwarze spanische Mantel, vom braunen Hut wallt die Feder, in der Hand blitzt der Degen, der Schild ist mit goldenen Schnallen im Sattelknopf befestigt, die schleppende Zäumung des Pferdes leuchtet himmelblau, mit goldnen Sternen und Muscheln übersät. Der Maurenfeind huldigt arabischem Prunk. Des Grafen drohender Blick verscheucht die Hälfte der angestauten Menge in die Nebengasse.
„Wie schade, daß man diesen Ritter hassen muß,“ murmelt Eswer in sich hinein. „Aber Rabe und Taube können nur Freundschaft schließen, wenn beide hinken.“
Auf der Bibarrambla stehen die Burnusse dicht geschart. Unwillig hören sie es: Talavera ist krank, es wird niemand zu ihm gelassen.
Im prallen Licht der Sonne steht Ximenes auf seinem Balkon. Er trägt das schlichte Franziskanergewand. Er hat am Morgen Gottes Segen für die reinigende Tat herabgefleht, die ein Opfer auf dem Tisch des Herrn sein soll. Starr glaubt er an die Gottgefälligkeit seiner erbarmungslosen Seele. Die namenlose Liebe, die sich am Kreuz für alle hingab, wird dem Zeloten zum Werkzeug haßdurchseuchter Verfolgung, die Dämonie des Glaubens zur Waffe der Vernichtung. Im Namen Gottes sündigt er im guten Glauben, demselben Gott zu dienen. Die heilige Stimme in ihm fordert, fordert und fordert. Der Geist des Torquemada weist ihn noch immer auf die triumphierende Macht der Kirche hin, die Opfer klagen nicht an, sondern muntern auf, sie senden keine Grabesschrecken über die sinnende Seele, nein, ihr Tod ist wie eine furchtbare Bestätigung der Unfehlbarkeit priesterlicher Urteilskraft. Das Holz flammte und das Feuer qualmte unter und über schreienden Menschen, aber Qual und Marter betäubten nicht den Verfolgergeist. Mit klarer Seele, die Augen zu Gott gerichtet, hörten sie die Menschenschreie von den Scheiterhaufen an ihr glaubenstolles Herz dringen. Um sie herum Wahn, grausamer Wahn, der bestätigen und glauben konnte, was seine Führer für Recht hielten. Nicht aus selbstsüchtigen Trieben, aus der Tiefe ihres furchtbaren Glaubenswahns heraus diktierten Torquemada, Deza und Ximenes den Tod. Und weil sie Gottes Majestät als treibende Kraft in ihren krankhaften Gehirnen empfanden, ließen sie ihre Hände von Blut triefen, ohne mit der Wimper zu zucken. Von Gott verlassen, waren sie im Wahn befangen, gotterfüllt zu sein. In dem Glauben, das Evangelium Christi allen Menschen zugänglich machen zu müssen, schlossen sie in Wirklichkeit Tausende und Tausende von dem Weg zu ihm ab. Ihr Hunger nach Glaubenseinheit machte aus Menschen Heuchler. Die Inquisition war aber neben ehrlichem Reinigungswillen auch Machthunger, und ihre entsetzlichen Verweser kreuzigten Christus zum zweitenmal.
Der hagere Leib des Primas hob sich von dem Untergrund der kreideweißen Mauer wie ein finsterer Schatten ab. Ximenes sah auf den beginnenden Aufruhr hinab, und kein Aufzucken des Erbarmens ging durch die glaubensgestählte Seele. Mußte nicht Leid erfahren, wer zur Freude eingehen wollte? Gingen diese, die da weinten, nicht in der Nachfolge des Herrn? Beinahe hätte ihn Rührung ergriffen, aber er gedachte seines eigenen Wegs, der durch Dornen und Aszese geführt hatte und auf welchem er Gott gefunden zu haben glaubte. In Wirklichkeit formte er sich ihn zu einem Menschenopfer fordernden Götzen um.
Der Dominikaner Leon, des Ximenes würdiger weißer Schatten, trat eben aus dem Zimmer zu ihm. Er war doch ganz anders geartet. Ihm waren Glaube und Dogma nur schöne Verbrämungen seiner irdischen Gelüste. Der Mönch wußte, wem er diente. Ein strenges Mutterherz hatte ihn früh hart gemacht, und der Geist der Kirche hatte ihn später zum spekulierenden Dogmatiker geformt. Bei alledem sagte man ihm sehr weltliche Dinge nach: er sei ein Liebling der Frauen, nicht nur im Beichtstuhl, sondern auch in Gemächern, wo kein Weihrauch wallte. In seinem Leben sollten sich Namen verfangen haben, die viel in Südspanien galten. Unter ihnen klang auch der Name Leonore de Uceda, und man sagte, der Dominikaner habe ihr den Weg zum König geebnet. Man sprach von einem einstigen maurischen Sommerhäuschen bei Cordoba, wo der Beichtiger der Edeldame ihre Sündenbekenntnisse tagelang anzuhören pflegte, bevor sie in des Königs Arm glitt.
„Salzedo, mein Hausmeister, hat die Wohnungen aller vornehmen Mauren nach den Büchern durchsuchen lassen,“ sagte Ximenes. „Was gegen den Geist unserer Kirche verstößt, wird verbrannt. Halte dich besonders an Koran und Sunna, Bruder. Das schöne Gewand rühre dein Herz nicht zum Mitleid. Die Geschichtschreiber, die mit goldenen Phrasen die Wahrheit fälschten, verschone sie nicht. Des Aristoteles Philosophie dagegen und die Heilkunst des Alkindi laß unberührt. Ich möchte die Bibliothek meiner künftigen Hochschule zu Alcala mit wahren Werten bereichert sehen. Behalte den Avicenna, doch Averroes und die schwärmerischen Dichter wirf ins Feuer. Von den Philosophen verschone nur Farabi. Das große Geschrei der Fakis wird verhallen, und der Friede Gottes wird über Granada ruhen, ehe wir’s denken. Aber sieh — da aus der Gasse des Zacatin — unser Imam! Und hinter ihm ein Kamel mit Büchern beladen.“
„Sein eigener Schatz,“ mutmaßte Leon.
„Abu Atir! Santon!“ scholl es vielstimmig aus den Maurenhaufen. Und dann urgewaltig wie aus einer Brust: „Es ist kein Gott außer Gott, und Mohammed ist sein Prophet! Es ist nirgend Schutz und Macht außer bei Gott! Gott ist groß!“ Und der surrende Lärm verwirrender Suren erfüllte die Luft.
Vom Albaycin herab kamen jetzt die Züge Hymnen singender Mönche. Hinter ihnen Maultiere mit Bücherladungen. Zwölf Dominikaner nahmen diese in Empfang und häuften die Bücher vor dem Palast des Primas in Pyramiden auf.
Der Himmel vertrübte sein Blau, und im Westen dräute es schwergrau heran.
Die Züge der Bruderschaften, überweht von goldgestickten Kirchenfahnen, geführt von dem hochschwankenden Marterkreuz Christi, nahten sich dem Platz, wo das Autodafé des Geistes stattfinden sollte. Hinter ihren Spalieren staute sich die Maurenmasse.
Die prophetenhafte Gestalt des Imams näherte sich dem lebendigen Viereck. An seiner Seite schritten maurische Gelehrte und Ritter, deren Burnusse wie Möwenflügel hinter den rabendunklen Gewändern der Bruderschaften leuchteten. Das staubfarbige Kamel trug in seinem Korb die kostbaren Kleinode mohammedanischen Glaubens, prachtvolle alte Korane und Überlieferungen in kufischer Schrift, die Weisheit arabischer Philosophen und die Geistesschätze der Hokemá, der Weltweisen. Als nun Abu Atir den goldprunkenden Koran des Maurenkönigs Boabdil aus dem Korb hob, gellte ein Wehgeschrei durch die Luft. Die Augen der Mauren füllten sich mit Tränen. Alles drängte herbei, als gälte es, von dem heiligen Buche Abschied zu nehmen.
Und der Chatib Ben Mossad rief laut: „Gott erhebe seinen Diener Abu Osmin Atir!“ Alles sank in die Knie, denn man erblickte in dem Ruf die Ehrung des Stellvertreters des letzten Königs, und man hätte am liebsten dem Imam die herkömmlichen Fahnen vor die Füße gelegt, um ihn wie den König selbst zu ehren.
Der Graf de Mora erkämpfte sich mühsam auf seinem Zelter einen Platz hinter dem Spalier der Bruderschaft. Dicht vor ihm stand Leon und nahm die abgegebenen Bücher in Empfang.
Abu Atir hob das teure Buch empor. „Priester der Nisarani, prüfe ernsthaft, ob diese Offenbarung Gottes die Flamme ersticken kann. Du kannst Schriftzüge brennen lassen, den Geist Gottes nicht! Du triffst ein Volk ins Herz, denn das Buch ist der höchste Schatz des letzten Königs von Granada.“
Das Gesicht Leons bekam einen Zug herzloser Freude. „Wir wollen es bedenken.“ Er legte das unschätzbare Gut beiseite.
Da drängte sich ein maurisches Weib durch die Menge. Die malvenfarbne, goldgestickte Seide rauschte an den herrlichen Gliedern, Muscheln, Korallen und Perlen blinkten an der Brust, durch das wunderbare Schleiergewebe auf dem Haupt dunkelte das Haar, und jeder Schritt des Weibes war Erregung und Glut. Mit einer heftigen Gebärde schob sie einen Mönch beiseite und warf ihren blühenden Leib an den Dominikanervikar heran. „Gebt den Koran Boabdils zurück!“
Ringsherum entstand eine Bewegung.
Abu Atir wandte sich jäh um. „Reija!“ Er schritt auf sie zu und zog das kühne Mädchen an sein Herz. „Wie kannst du es wagen —?“
Aber ihre fordernden Augen waren auf den unerbittlichen Priester gerichtet.
„Wer seid Ihr?“ fragte Leon.
Hinter ihm aber schnaubte ein Pferdekopf dicht an seiner Schulter. Der Graf de Mora hatte sich herangedrängt.
„Gebt den Koran zurück!“ tönte die mahnende Glocke aus der Mädchenbrust.
„Wer seid Ihr?“ Leons Augen richteten sich in wachsender Bewunderung auf die schlanke Gestalt.
„Den Koran meines Vaters gebt heraus, Sidi!“
Da ging ein Wellen und Wogen durch die gestauten Massen. Reija! Reija! Der Name flog von Lippe zu Lippe, warf sich über die Köpfe zurück und flammte über den Platz, und es schien, als wollte er zum jubelnden Lied werden.
Leon wußte nicht, wie er diesem seltsamen Weib gegenüber handeln sollte. Hinter ihm saß der königliche Hauptmann aufrecht ohne Wimperzucken im Sattel. Ehern, wie mit dem andalusischen Roß verwachsen, schimmerte die lebendige Reiterstatue hinter dem dunklen Leibergewoge der Bruderschaft.
Der Inquisitor hatte von dem Gerücht über die Königstochter gehört. Wohlgefällig maß er nun die prachtvollen Glieder des stürmisch bittenden Mädchens.
„Ich kann Euch nichts versprechen, aber ich werde versuchen —“
„Gebt mir den Koran!“ forderte gebieterisch die klingende Stimme.
„Ich kann ihn Euch nicht geben, bevor —“
Da schnellten zwei braune Arme nach dem goldstrotzenden Buch, das die Bücherlast des Imams krönte. Schützend hielt der Dominikaner die Kuttenarme vor. „Weh Euch!“
Reija sprang im Nu auf einen der Bücherhaufen und ließ die Flamme ihrer Empörung über die Köpfe der dichtgedrängten Massen lodern. „Brüder — eures Königs Koran in Gefahr! Und ihr steht und starrt — fürchtet ihr Lanzen, Flammen, menschliche Waffen? Ist euer Gewissen nicht rein wie Heuschreckenspeichel? Bei der Nacht Alkadar, da der Engel den Koran bewachte und ihn aus dem siebenten Himmel brachte, rührt euch nicht die Not des heiligen Buches? Bei den zehn Nächten des Dhulhedscha beschwöre ich euch, rettet mir den Koran — ich bin Reija — das Königskind!“
Ein Brausen und Wogen hub an. Die durch die Begeisterung entfachte Inbrunst des Mädchens rang sich durch das Stimmenmeer. „Wer wird euch zum Gebet rufen, wenn euer Koran nicht mehr ist? Aus dem leeren, trauerverhängten Mihrab ruft euch Gott nicht mehr. Habt ihr gehört das Wort von der Sure von den Priestern, die Gold anhäufen und der Leute Reichtum in Eitelkeit verzehren?“
„Laß ab, Mädchen!“ gellte die Stimme Leons in die Aufwiegelung.
„Es ist ein Gott, und nichts außer ihm, und Mohammed ist sein Prophet!“
Das Wort wälzte Steine von den geängstigten Brüsten der Mauren. Gluterfüllte Koranworte lösten sich aus dem tosenden Lärm, sie sprangen in die Luft wie Feuerbälle, zündeten und ließen die Herzen zur feurigen Lohe werden. „Es ist ein Gott und nichts außer ihm!“ schwang es sich heulend zum Himmel. Unheimliche Gesänge, deren Worte man nicht verstand, deren drohender Klang aber die Herzen der Mönche erzittern machte, formten sich aus dem rauschenden Bekennen zu Mohammed.
Da erhob Leon die Arme gegen das Mädchen. „Herunter, Weib — hier richten Männer!“
In diesem Augenblick durchbrach das Roß des Grafen de Mora das Spalier der Mönche. Mit einem Ruck des Zügels hielt es der Reiter an. Sein Degen blitzte in der Luft. „Laßt ab, Pater — das Weib ist schwach, es weiß nicht, was es tut.“
Die hart zugreifende Hand des Priesters ließ den Arm des Mädchens los. Die Beni Mossad und andere maurische Edle umringten sofort das Königskind.
Abu Atir verneigte sich vor dem Grafen. „Hab’ Dank, Feta, und der Allmächtige weihe deinen Degen immer für edle Dinge!“
Reija blickte aus dem Ring der Edelleute auf den seltsamen Schützer. Ihre Augen wurden groß und wie von innen durchleuchtet. Und dieser Blick sollte wohl als eine Art Dank gelten.
Der Graf fing ihn auf. Im nächsten Augenblick überlief sein Antlitz wieder die kalte Strenge, die alle fürchteten.
Auf einem der Miradores, wo die neugierigen spanischen Edelfrauen dem bewegten Schauspiel zusahen, erhob sich jetzt eine Dame. Der schöne Leib, in die andalusische Busquina von schwarzer, perlenbestickter Seide gehüllt, straffte sich in Erregung, die blonden Locken durchstrich der einsetzende Wind, die zart behandschuhte Hand umfaßte wie fröstelnd die Spitzen der kostbaren Mantilla. Leonore de Uceda schaffte sich Platz. Sie hatte genug gesehen. Mit bebenden Nüstern, die Finger in den zitternden Fächer verkrampft, rauschte sie an der Herzogin von Escalona vorbei. „Ihr habt es gesehen, Herzogin — es gibt sonderbare Ritter unter den Kastiliern,“ sagte sie mit gekräuselten Lippen.
„Und sonderbare Mädchen unter den Mauren,“ lachte die Herzogin, ein verblühtes Weib, zurück. „Ihr geht schon?“
„Die Luft wird drückend. Laßt uns die Bälle wechseln im Myrtenhof, Herzogin.“
„Wir müssen die Hinterpforte benützen.“ Die Herzogin zog Doña Leonore mit sich durch die kleine Balkontür.
Auf dem Platz saß noch immer der Graf regungslos im Sattel neben dem erregten Dominikaner. Seine Blicke suchten das Gewühl der Menschen ab. Er sah die blaue Seide zwischen den weißen Burnussen da und dort aufleuchten, sah, wie sich maurische Frauen an das Mädchen herandrängten, und in seinem Herzen wogte eine Unruhe, der er keinen Namen geben konnte. Auch für das, was er soeben zum eigenen Erleben gestaltet hatte, konnte er keine Erklärung finden. Er fühlte, wie eine schwere Wolke auf seine Stirn drückte. Sie nahm ihm die Kraft zu nüchternem Denken.
Da weckte ihn die heisere Stimme des Vikars aus der Gebanntheit. „Das nenne ich eine heilige Sache verteidigen, Don Pedro de Solar.“
„Ihr grifft allzu hart zu. Und eine edle Dame war in Gefahr. Das genügt für einen Ritter.“ Sein Atem ging heiß bewegt.
„Auch die Kirche war in Gefahr, und Ihr ließet sie darin.“
Da erscholl neuer Lärm aus der Ecke des Zacatin. Flüche und Schreie durchzuckten die Schwüle. Schweres Gewölk jagte der Himmel daher.
Graf de Mora ritt nach dem Gassenloch. De Rojas eilte ihm entgegen. „Die Mauren bedrängen Salzedo. Er will die Tochter eines Elche verhaften und maurische Händler kommen ihr zu Hilfe —“
„Daß sie im Schwall ihrer Suren erstickten!“ fluchte der Graf.
Da donnerte es ihm entgegen: „Mord! Mord!“ Kastilische Soldaten riefen es vom Wetterwinkel des Zacatin herüber. Das aufgeregte Meer wirft seine farbigen Wogen gegen die enge Händlergasse, die von einem Menschenhaufen verstopft ist. Die Reiter des Grafen schaffen ihm Platz.
Ein Loch gähnt in der Menge. Auf dem Boden liegt ein toter Spanier. „Wer hat das getan?“ wütet der Hauptmann.
Wie ein Donnergrollen läuft es durch das Gassenloch. „Wer ist der Tote?“ fragt der Graf drängender.
„Der Alguacil Collados, er hat den Hausmeister Salzedo begleitet.“
„Wo ist Salzedo?“
„Man weiß nichts von ihm. Mauren haben ihn fortgeschleppt.“
„So ist er verloren!“
Hinter des Grafen Rücken haben sich die Massen zu einem undurchdringlichen Pfropf zusammengeballt. Leute werfen eine Decke auf den erstochenen Mann. Aus dem engen Schlund des Zacatins wälzen sich neue Scharen von Mauren heran. Der Graf drückt mühsam sein Roß nach dem Palast des Primas.
Ximenes steht mit vereisten Zügen, von Mönchen umgeben, auf dem Balkon. Plötzlich hört man wilde Feuerrufe. „Der Albaycin brennt!“ Schreiend flutet die Menge nach den Gassen. Ximenes lächelt kühl. Sein Schachzug war gut. Der blinde Feuerlärm, von ihm selbst verursacht, befreit ihn von dem gefährlichen Druck der empörten Massen. Alles strömt nach dem Albaycin, die Heimstätten zu retten. Den Rest von Gaffern läßt Pater Leon durch die erzbischöflichen Leibwächter gegen die Häuser des Platzes drängen. Dann schichten die Dominikaner die Bücherhaufen zusammen, die Leon oberflächlich zur Verbrennung ausgewählt. Die Bücher, denen Gnade zuteil wurde, darunter der Koran Boabdils, liegen abseits unter der Hut von Lanzen.
Da tritt Graf de Mora auf den Balkon zu Ximenes. „Ein Alguacil wurde getötet. Salzedo wurde verschleppt.“
Ximenes wütet. Seinen getreuen Hausmeister anzugreifen! „Graf — Ihr rettet mir einen Freund! Entreißt ihn den Händen der Mauren, bei allen Heiligen! Wenn Ihr mir ihn lebendig bringt — oh, ich gewähre Euch jeden Wunsch, und Euer Herz wird doch voll von Wünschen sein.“
Don Pedro de Solar senkte den Kopf. Er wußte nicht, was an seine Brustwand tobte.
„Ihr besinnt Euch?“ fragte verwundert der Erzbischof.
„Wenn Ihr mir in Gnaden einen Wunsch gewähren wollt, so bitte ich eins: Verbrennt den Koran Boabdils nicht.“
Ximenes warf einen durchbohrenden Blick auf den königlichen Hauptmann. „Ihr bittet — für ein Buch der Ungläubigen?“
„Ein Koran, meine ich, müßte doch erhalten bleiben, daß man den Irrtum widerlegen könnte. Und so meine ich —“ Er hielt verwirrt inne.
„Bedenke ich’s recht — fürwahr — die Hochschule zu Alcala wird ein prächtiges Geschenk damit erhalten. Ich will’s überschlafen.“ Und er gab vom Balkon herab den Befehl, den goldnen Koran zu schonen.
Leon erblickte den Grafen neben Ximenes stehen. Sein Hirn fügte im Nu Stein auf Stein zu einem Gebäude des Verdachtes zusammen.
Der Graf dankte bewegt, eilte hinab und bestieg sein Pferd.
Gleich darauf fielen die ersten Bücher in eine jäh aufprasselnde Flamme, die den christenfeindlichen Geist in seiner verderblichsten Form zerstören sollte. Band auf Band flog unter dem Wutgeschrei der wieder zusammenflutenden Menge in die Lohe, bis dicke, weißgraue Rauchschwaden träg in die von Schwüle gedrückte Luft stiegen. Die Wolken über der Stadt verdichteten sich zu unheimlicher Schwärze.
Ximenes sah mit glaubensgespanntem Herzen dem schaurigschönen Schauspiel zu. Zur Flamme des Aufruhrs gesellte sich das lebendige Feuer der Reinigung. Rote Zungen, beweglich wie tanzende böse Geister, griffen und lechzten unaufhörlich nach neuer Nahrung. In des Kanzlers Brust löste sich leise eine Lobhymne auf den dreieinigen Gott los, seine blassen Lippen murmelten Worte der glühenden Andacht. Er sah das Opferfeuer, genährt aus der Beute der Irrgläubigen, wie eine brennende Säule aus dem Boden steigen. In ihm schauerte das Gefühl: Est Deus in nobis, es ist ein Gott in uns!
Ein Blitzstrahl zuckte über den granadinischen Westbergen, und gleich darauf grollte es über die Stadt. Ximenes legte es als Zornruf des Himmels über das Volk des Propheten aus. Er ließ die Flamme nähren. Haufenweise, ohne weitere Prüfung, schleuderten Dominikaner und Franziskaner die kostbaren Bände ins Feuer. Gierig verschlang die rauchige Lohe den jahrhundertealten, Gott suchenden Geistesschatz eines ganzen Volkes.