Dreizehntes Kapitel
Von fünf Lanzenreitern begleitet, reitet der Graf de Mora nach der betürmten Moreria, dem Maurenviertel. Er muß Salzedo finden. Da hört er sich angerufen. Sein Freund Hernando de Rojas drängt sich auf seinem Andalusier heran. „Pedro! Pedro! Man hat eine Spur Salzedos! Das heißblütige Weib, das um den Koran gekämpft —“
„Reija?!“ Der heftig ausgestoßene Name verursacht einen Brand auf den Lippen des Grafen.
„Ihre Ritter sollen ihn mitgeschleppt haben. Maurische List! Eine Geisel in ihren Händen!“
Der Graf hetzte mit einem Spornhieb sein Pferd vorwärts. De Rojas konnte ihm nur mühsam folgen. Bald ragten die Mauern des Alkazars vor ihm. Hier wohnte der Imam Abu Atir. Vor dem zinnengekrönten Gemäuer drängte und schob sich das Volk wie Ameisen um ihren Bau.
Der königliche Hauptmann wandte sich an einen der Maurenritter, die vor dem steinernen Tor standen, die Marlota, einen Brokatüberwurf, über die Schulter geworfen, in eiserner Wehr. „Ist der Imam Abu Atir im Hause?“
„Der Imam? Mögen ihn alle guten Geister des Herrn beschützen, so Ihr Böses im Sinne habt, Hauptmann des Königs. Was wollt Ihr von ihm?“
Noch ehe der Maure eine Antwort erhielt, schob sich die simsonstarke Patriarchengestalt des Imams aus dem Tor ins Licht.
„Hadha! Dieser ist es!“ sagte der gewappnete Maurenritter.
Der Graf senkte den Degen vor dem Greis. „Es soll Salzedo, der Hausmeister des Primas, in Eurer Gewalt sein.“
Abu Atir lächelte klug. „Es soll der Koran, das goldne Buch Boabdils, in deiner Gewalt sein, Feta.“
„Es ist des Königs Gebot.“
„König Fernando hat Verträge unterschrieben: unser Glaube soll unberührt bleiben.“
„Der König hat euch nicht den Glauben genommen, sondern nur Bücher.“
„Oh, über das weite Gewissen eines Gottesmanns! Gebt den Koran zurück und wir geben euch Salzedo.“
Da durchzuckte es des Grafen Herz. Aus dem Tor schritt inmitten der Sklavinnen das verschleierte Königskind. Eine der Frauen trug auf einer silbernen Tasse Milch und Salz.
„Das ist unser Brauch,“ sagte Reija. „Nimm Halib und Milch, auf daß du in Frieden scheidest, Hauptmann des Königs.“
Graf de Mora schüttelte den Kopf. „Ich danke Euch.“
„Was beliebt?“ fragte Reija mit dunkelblitzenden Augen.
„Ich möchte Salzedo frei haben.“
„Feta — du bekommst Salzedo, wenn ich den Koran bekomme.“
Zorn und Bewunderung rangen im Herzen des Grafen miteinander. Ihm war, als straffte sich das Wesen der Jungfrau unter dem Druck der Gefahr.
Abu Atir drängte sanft das herbe Mädchen beiseite. „Menge dich nicht in Männerworte, Reija, meine Taube.“
„Ich will Worte machen um das Heiligtum meines Vaters, dem Gott allezeit weiche Kissen geben möge.“
Der Graf besann sich, daß er von Ximenes den Auftrag hatte, den Handel unblutig zu lösen, wenn er nur Salzedo wiederbrächte. „Ich gebe Euch heute abend den Koran, doch Ihr müßt mir noch jetzt Salzedo ausliefern.“
„Was soll der Hauch eines Mundes, der in die Luft geht?“ fragte Abu Atir geringschätzig.
„Ich verpfände Euch mein Leben für mein Wort,“ sagte Graf de Mora.
Da trat Reija hastig heran. „Das soll wiegen, Väterchen. Daß du es weißt, Feta, ich habe Salzedo unter meinem Bett versteckt, denn die Wut der Mauren hatte ihn überall gesucht. Dank’ mir’s, Feta, er wäre sonst nicht lebendig in deine Hände gekommen.“
„Und ich habe Euch den Koran von Ximenes erbettelt. Dankt mir’s, Doña Reija, denn er wäre jetzt Rauch und Flammen. Seht hin!“ Er wies auf die Rauchsäule, die aus der Tiefe der Bibarrambla aufstieg.
Abu Atir heulte auf: „Die Bücher brennen!“ Der Ruf widerhallte in den Herzen der das Haus belagernden Mauren. Aus Schmerzenslärm, Ingrimm und Wut stieß es sich heraus: „Zum Palast des Ximenes! Unsere Bücher!“ Die brodelnde Masse der Burnusse wälzte sich wie ein weißer Brei die Feigenhänge hinab nach der Antequeruela. Vergebens rief der Imam seine warnenden Wehworte den Eilenden nach. Der Strom war im Gang, die Lava des Aufruhrs floß den Berg hinab in die Stadt. Von allen Seiten erscholl das fatalistische Insch’allah! aus dem Lärm der fließenden Haufen.
Noch einmal forderte der Graf: „Gebt mir Salzedo!“
„Wenn die Dunkelheit einbricht, holt ihn. Jetzt bestünde für dich und ihn die größte Gefahr,“ flüsterte ihm Reija auf gut spanisch zu.
Vom Velaturm der Alhambra tönte die Sturmglocke. Von den Minars erschollen die langgezogenen Rufe der Muezzins, die zu den Waffen riefen. Der Graf wandte sein Roß und warf einen letzten Blick nach dem Tor zurück, wo eine blaue Seide hinter Steinen verschwand.
Regen rauschte herab. Der Donner prasselte aus dem ziehenden Gewölk, und Granada versank in Grau und Schleier. Schauerlich hallten die Glocken und die Muezzinrufe in das dumpfe Getöse des Aufruhrs. In die Regenwolken hinauf hob sich schwer und träg der Qualm des brennenden Scheiterhaufens auf der Bibarrambla. Vor den Kirchen lagen hilflose Gruppen von Moriskos um Mönche geschart, die am Leibe zitterten. Hinter ihnen ergoß sich der Strom der schreienden Mauren die Gassen hinab.
Der Platz des seltsamen Autodafés ist zum Bersten voll. Wütende Fäuste drohen nach dem Palast des Ximenes, vor dem der durch den Regen halb erstickte Qualm seine deckenden Schleier hin und her weht. Die Reiter des königlichen Hauptmanns pressen sich mit den schwer zu bändigenden Rossen durch die Menge nach dem Kordon um das Feuer. Unaufhörlich steigt der psalmodierende Gesang der Bruderschaften wolkenwärts. Dazwischen die ratternden Stimmen der Rottenwächter, die die Soldaten zum Widerstand anspornen.
Ximenes steht unerschrocken im Bewußtsein der Heiligkeit seines Gotteswerkes auf dem Mirador und blickt gelassen auf die wutschnaubende Menge. Er will den Haß dieser Irrgläubigen gern in Kauf nehmen, wenn er dafür den heiligen Christenglauben aufzwingen kann. Er denkt an Torquemada, der das Einhorn auf seinem Tisch stehen hatte, das die zauberhafte Kraft besaß, Gift in Speisen zu entdecken. Und wenn er ausritt, umgab er sich mit fünfzig Reitern und zweihundert Fußsoldaten. Aber er, Ximenes, schwört auf die Leibwache seiner gottgesandten Engel, und nur der besorgten Königin zuliebe duldet er die kastilischen Reiter. Vergebens fleht ihn sein getreuer Famulus Ruyz an, in der Alhambra Schutz zu suchen. „Es schadet einem Kirchenmanne nicht, wenn er Mut zeigt,“ antwortet Ximenes. „Und einem Staatsmann noch weniger.“
Da steht Graf de Mora vor ihm. „Salzedo ist gefunden. Er dient den Mauren als Geisel.“
„Wofür?“ braust der Primas auf.
„Für den Koran des Königs.“
„Welch Übermut!“ zischt Ximenes zwischen erblaßten Lippen.
„Ihr habt mir eine Gnade gewährt, ehrwürdigster Herr. Es ist ein leichtes, Salzedo wiederzubekommen. Wenn es dunkel wird, können wir tauschen. Gebt den Koran.“
„Das Weib ist ein Teufel!“
„Sie ist eine Maurin.“
„Nehmt den Koran und bringt mir Salzedo. Doch nehmt Euch vor den Mauren in acht. Mancher ging nach Wolle aus und kam geschoren nach Haus.“
Ein Alguacil trat ein, den schwarzen aufgekrempten Hut in der Hand, die Stirn verkratzt und blutig, den schwarzen Mantel lose über die Schulter geworfen. Der weiße Amtsstab hing zerbrochen an seiner Seite. Mit erhitztem Atem stieß er heraus: „Ein Fang — wir haben den Mörder des Collados!“
„Wer ist es?“
„Ein lang gesuchter Ritter aus dem Geschlecht der Abencerragen: Eswer.“
„Eswer?“ fuhr der Graf auf. „Eswer Ben Zerragh? Wirklich?“
„Er ist aus den Bergen zurück und hat sich als Lederhändler verkleidet. Sein Dolch traf den Collados.“
„Wir fahnden lang nach ihm,“ berichtete der Graf. „Ihr habt ihn dingfest gemacht?“
„Er liegt gefesselt in der Kirche gegenüber. Wir werden Mühe haben, den Fang vor den wütenden Mauren zu verbergen. Man hat nichts bei ihm gefunden als diese drei losen Zettel.“
Der Graf las die kufische Schrift. Es schienen Verse zu sein, die Worte Mond, Kamel, Mädchen, Gazelle wiederholten sich, und dann ein Wort, das wie ein Lanzenstich in das Herz des Hauptmanns traf: Reija. Er steckte die Zettel zu sich.
„Ist Graf Tendilla noch immer nicht von Loja zurück?“ fragte Ximenes.
„Wir haben Reiter geschickt, ihn zur Eile anzuspornen.“
Draußen brandet neues Getöse an die Mauern des Palastes. Rauchschwaden breiten wehende Schleier über das Meer von Burnussen, aus dem jetzt ein schwüler Gesang aufsteigt, der den schaurigen Hall der Glocken übertäubt, ein aufwühlendes Kampflied, das von Adlerfreiheit und Christenschädeln singt.
Der Regen läßt nach und über der Vega lichtet sich das Gewölk. Bald darauf blauen Flecken am Firmament.
Stunde auf Stunde verrann. Immer wieder qualmte der Scheiterhaufen. Die Schätze aus den Kalifenbibliotheken von Cordoba und Sevilla, vor zwei Jahrhunderten nach Granada gebracht, gingen in Rauch auf. Da und dort wurde ein allzu stürmischer Maure in Ketten gelegt, dann schwoll das Geheul zum Orkan an.
Als es Abend wurde, ritt der Graf de Mora mit dem sorgfältig verpackten Koran nach dem Albaycin. Vor der Alcazaba hält er. Bis an die Zähne bewaffnete Mauren führen ihn in den Sahat. In der Ecke des großen, blumenduftenden Hofes unter einem reich ornamentierten Hufeisenbogen lagern Frauen unter einer Ampel, die ihr milchiges Licht über buntfarbige Polsterüppigkeit gießt. Schleier und Tücher fallen über die Gesichter, als man den königlichen Hauptmann erschaut.
Eine der Frauen schnellt empor. Mit gespannten Gliedern steht sie da. So äugt das Wild in die Richtung der Gefahr. Dann hebt ein wunderbares Schreiten an. Jeder Schritt schneidet dem Spanier ins Herz. Er trägt dem Mädchen das heilige Buch entgegen. Ein Aufzucken geht durch ihren Leib, die gelbe Seide knistert.
„Hier ist der Koran, gebt mir Salzedo,“ sagt der Graf kurz und stammelt noch ein paar arabische Höflichkeitsworte dazu.
Reijas blitzende Augen brannten in sein Herz. In ihrem Haar blutete eine Rose. Sie nestelte sie los und reichte sie dem Grafen. „Dank, daß du dein Wort gehalten. Gottes Segnungen an dir seien wie die Sterne am Himmel.“ Sie hielt mit leuchtenden Augen nach arabischer Sitte den Koran hoch über ihrem Haupt, als Zeichen der Verehrung.
Der Graf dankte, die Rose in den Händen drehend, mit schmerzlich verzogener Lippe. Der ganze schwüle Atem des Gartens schlug ihm in die Sinne.
Reija winkte Saffana herbei, der sie etwas zuflüsterte. Die Sklavin eilte ins Haus und kehrte gleich darauf mit dem zähneklappernden Salzedo zurück, der froh aufschaute, als er den spanischen Hauptmann erblickte.
„Wir werden ihn in ein maurisches Kleid stecken,“ sagte Reija, „und ihm einen falschen Bart geben. Dann mag er sich durch die Hinterpforte durchschlagen.“
Der befangene Graf wollte seinen Dank dem Imam sagen, doch Reija erklärte, sie werde ihm den Dank übermitteln. Dann trat sie plötzlich ganz nahe an den Ritter heran, daß er das Wogen ihrer zarten Brüste zu hören meinte. „Ihr habt bei euch den Sid Eswer Ben Zerragh gefangen. Er muß frei sein.“ Es klang bittend und doch wieder gebieterisch.
Der Ton schnitt in des Grafen Herz. Was glaubte dieses halbe Kind von ihm? Sprach man so mit einem königlichen Hauptmann? Und was ging sie überhaupt dieser Jüngling an? Ein Mörder, der seinen Christenhaß mit blutigem Messer bestätigte! „Ihr seid nicht bei Sinnen, Doña Reija. Wir fahndeten schon lang nach dem Abencerragen.“
„Gib ihm Gelegenheit, sich frei zu machen. Wer will, findet Wege. Kommt das Glück gegangen, laß es nicht uneingefangen.“ Das halb drohende, halb bittende Auge leuchtete wie ein schöner Stern aus der Wolke des Schleiers.
Graf de Mora glaubte sein Herz knistern zu hören. Er dankte Gott heimlich, daß dieses Antlitz vor ihm verborgen blieb. Aber im nächsten Augenblick entsann er sich der Verse des Abencerragen. Erklang nicht hell darin der Name Reija? Da ward ihm eines zur Gewißheit: Die beiden Herzen schlugen füreinander. In seiner Brust siedete der Trotz. „Ihr werdet diesen Jüngling nimmer sehen, denn er wird gerichtet werden.“
„Du wirst Eswer freilassen. Gott der Erhabene, dem Ehre und Preis sei immerdar, wird dich dafür segnen.“
„Ich werde ihn nicht freilassen, denn dann wäre ich selbst schuldig.“
„Du wirst ihn freilassen und wirst nicht schuldig sein. Die Alpujarras haben viele Schluchten und Höhlen. Und die Mauren sind treu.“
An die Brust des Grafen schlugen glühende Wogen, von Trotz, Liebe und Eifersucht zusammengejagt. Er spürte, wie sein ganzer Körper unter dem Ansturm fremder Mächte zu zittern begann. Er wollte von dieser flammenden Stelle eilen und konnte doch keinen Fuß bewegen. Wie mit unzerreißbaren Fäden fühlte er sich mit der Säule verbunden, an der sich sein Leib stützte. „Lebt wohl, Doña Reija,“ löste es sich endlich gequält von seinem Munde.
„In neun Tagen wird Eswer Ben Zerragh frei sein,“ lächelte Reija. Durch den Schleier blinkten die kleinen weißen Zähne. Ihre Worte schlugen wie ein scharfer Hammer an sein Inneres, und er mußte sich mit aller Gewalt aus dem Bann reißen.
„Er wird nicht frei sein,“ trotzte er bebend. „Lebt wohl!“ Er stampfte durch den Patio nach dem Tor, wo die Knechte seiner harrten. Sein ganzer Mensch war in heftigem Aufruhr. Er glaubte hinter der Mauer des Palastes ein jäh abschnellendes Lachen zu hören. Sein erster Gedanke, als die tobenden Gefühle verebbten, war: Ich wollte, sie wäre mir widerwärtig wie der Carrasco, die Stechpalme. Aber sie hat Augen — Augen! Die Steinfliesen unter seinen Reiterstiefeln tanzten, die Wände wankten, und die Nacht ringelte sich vor seinen Blicken zu glühenden Kreisen zusammen. Hatte er keine denkklare Stirn mehr? Ei, sie hat das an sich, was die Andalusier Amago nennen, ein drohendes: Nimm dich in acht! Der wie zum Sprung gespannte Leib, die lauernden Augen, die halb geöffneten Lippen, hinter denen die Zähne drohten — alles Amago!
Er wußte nicht, wie er seinen Zelter bestieg, wie er die gaffende, gärende Menge durchritt.
In der Alcazaba wachte ein erregtes Mädchenherz die ganze Nacht über dem Koran. Reija las sich die Augen müde an den Paradiesessuren. Neben ihr schlief Saffana. Das Königskind spürte Flammen neben sich lecken, aber sie loderten aus den schönen Augen des spanischen Feta. Was wollte der Feind mitten in den Suren? Immer wieder drängte er sich zwischen den heiligen Sätzen durch und zerbrach den mühsam abgerungenen Sinn der Prophetengesetze.
Lange noch lag Reijas schwarzes Haupt andachtslos über den Koran gebeugt. Bis sie aufschreckte und durch das Säulenfenster nach dem Stück Himmel sah. Zu ihren Häupten erblaßte der Schweif des Skorpions, des Unglückssterns.