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Granada in Flammen

Chapter 16: Vierzehntes Kapitel
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About This Book

Die Erzählung schildert das Leben maurischer Flüchtlinge und Hirten in den Alpujarras nach dem Verlust von Granada, verbindet schroffe Natur- und Klimaelemte mit alltäglichen Details wie Herdenpflege und kargen Behausungen. Im Fokus stehen persönliche Beziehungen, die Sehnsucht nach einer Rückkehr und die religiösen und kulturellen Traditionen, die Gemeinschaft zusammenhalten. Lebhafte Landschaftsbeschreibungen wechseln mit Momenten innerer Erinnerung, Hoffen und praktischer Fürsorge, während Figuren Armut, Treue zu Gebräuchen und die Hoffnung auf politische Wiederkehr abwägen.

Vierzehntes Kapitel

Die Nacht glühte. Mit dem Aufgebot der letzten Kräfte hielten Wachen und Mönche dem Ansturm der empörten Mauren stand. Mit Armbrüsten, Steinen, Messern und Knüppeln bewaffnet, drohte das Volk Sturm zu laufen gegen die lebendige Mauer der Bedränger. Ximenes schlief nicht, sondern wandelte mit seinem Freunde Ruyz über die Gänge, bald in Gottesgespräche vertieft, bald auf das Branden des erregten Meeres draußen horchend.

Das Autodafé des Geistes ist vorbei. Über dem Platz lagert der Druck der Rauchschwaden und beißt in Nase und Mund. Pater Leon schätzt die verbrannten Bücher auf mehrere Hunderttausend. Alles, was die Omajaden durch drei Jahrhunderte aus den Gärten der griechischen und römischen Wissenschaft zusammengetragen und durchgearbeitet hatten, die vielen Kommentare über ihren Liebling Aristoteles, die Schriften seines Auslegers Averroes, die phantasiebeschwingten Verse der ungezählten Dichter, in denen die Schlachtenfreude der Beduinensöhne, die Verehrung der urheimatlichen Wüste und die sinnliche Glutenkraft des liebenden Arabers poetische Triumphe feierten — alles war in einen Haufen Asche versunken.

Mit einem Schimmer von Hoffnung im Herzen begrüßten die Christen das erste Zwielicht über den Dächern der Stadt. Der Morgen schickte seinen bleichen Gruß über die Vega, die kahlen Berge im Westen erschimmerten in gelblich fahlem Licht.

Um den Imam im Alkazar versammelten sich in den ersten Morgenstunden vierzig maurische Räte. Man wollte alles aufs Spiel setzen. Die Waffenschmiede sollten ihre Waffen gegen Bescheinigungen hergeben, die Festungsmauern des Albaycin sollten mit einem Wehrgang versehen und verstärkt werden, die Vega wollte man des Korns berauben, die Mühlen in Beschlag nehmen. In allen Einzelheiten ward der Aufstand besprochen, der kriegsmäßig nach alter Maurenart auf allen bedrohten Punkten des alten Königreichs Granada ausbrechen sollte. Nach Sevilla ritt ein vornehmer Maurenritter, um die Beschwer vor dem Königspaar niederzulegen.

Da tönten die Fanfaren vom Velaturm. Graf Tendilla kommt! Die Burnusse wirbeln durcheinander. Nun kann Rettung kommen, wenn der einsichtige Gobernador das Kommando übernimmt.

Im Lichtwogen des Morgens traben die verstaubten Reiter des Grafen Tendilla, die drei Streiftage hinter sich haben, in die Stadt. Der Graf de Mora berichtet ihm über die Vorgänge, während sie nach der Bibarrambla ziehen, wo Mönch und Soldat aufatmen. Ablösung kommt!

Goldig erhebt sich der Tag über der Sierra Nevada, und die Häuser erglänzen unter einem seidenen Herbsthimmel. Aus den Patios steigt der betäubende Duft sterbensmüder Rosen, der wieder von den Gerüchen schwitzender Leiber, arabischen Räucherwerks, von Moder und Rauch verdrängt wird.

Ximenes empfängt den Grafen. Die Köpfe geraten aneinander. Tendilla spricht für Milde und Nachsicht, der Erzbischof ruft die Strenge seines Gottesphantoms an und weist auf entfernte Himmelsziele. Da beginnt des Gobernadors Gerechtigkeitssinn, bisher nüchtern und erdfest, zu wanken. Auch er liegt bald im Bann des großen mitleidlosen Geisteskämpfers.

Mit seinem prächtigen Gefolge reitet der Gobernador durch die Gassen. Er besänftigt die Mauren und verlangt ihren Führer zu sprechen. Man ruft ihm zu, der Führer sei das beleidigte Recht. Doch endlich weisen ihn einige an Abu Atir. Eben steigt dieser mit seinen Rittern und Gelehrten aus dem Albaycin herab, um Ximenes anzuflehen, die starre Hand für den Frieden zu öffnen. Graf Tendilla reitet ihm entgegen, und die Männer begrüßen einander herzlich. Abu Atir bittet um die Herausgabe der Elcheskinder. Doch der Graf ist außerstande, Versprechungen zu geben. Er spürt den unsichtbaren Druck der Inquisition hinter sich. Jedes seiner Worte ist ein Geben und Nehmen zugleich. „Liefert wenigstens eure Waffen ab,“ rät er wohlmeinend dem Imam.

„Gott, dessen Name Ehre und Friede ist, soll mein Zeuge sein: wir geben die Waffen, wenn du uns die Kinder gibst. Die Tränen der Mütter müssen gestillt werden, denn sie sind heilig.“

„Es geht Ximenes um den Glauben!“

„Insch’allah! Auch uns, Sid! Aber unser Glaube will nur sein, der deine will vernichten. Heißt das Glaube?“ Der Imam hat ausgeweinte Augen, sein Gesicht ist fahl, die Züge sind schlaff und müde. „Ich weiß, Ximenes hat geschworen, die Mauren in alle Winde zu wehen, und wenn es an die Gedärme gehen sollte. Aber in uns ist Gottes Glut, ihr könnt wühlen in unsern Gedärmen, Christ ist Christ, und Maure ist Maure. Sieh doch, Sidi, kommt ein Christ in unser Haus, schlägt das Feuer des Herdes doppelt hoch vor Freude über den Gast, und er schläft sicher bei uns. Kommt ein Maure zu euch, dann wissen wir nicht, ob er wiederkehrt. Das will Gott nicht so haben.“

Vor das Mitleid des Grafen schiebt sich ein Riegel, die beschworene Pflicht gegenüber König und Inquisition. „Vorerst nur die Waffen weg!“ mahnt er wieder.

„Nur erst die Kinder zurück!“ beharrt der Imam auf seinem Recht. Und sie reiten unversöhnt auseinander.

Don Pedro de Solar wird abgelöst und sehnt sich nach Schlaf und Ruhe. Im Heimreiten hört er auf einem Platz wieder das Inquisitionsedikt verlesen. Mauren und Ketzer! Der Graf wirft sie in einen Topf. Spanien muß davon gesäubert werden. Leon versteht sein Handwerk. Aber im gleichen Augenblick preßt sich das Herz des Grafen zusammen. Er liebt Menschen, die gerade und scharf gehen wie eine Toledaner Klinge; aber von diesem Priester wußte er, daß er auch den Schleichweg des Heuchlers ging. Man sagte ihm nach, daß er gern überrede, besonders die Frauen. Und warum konnte dieser Priester nie lächeln? Warum schreckte seiner Augen Glut mehr, als zu wärmen?

Hernando de Rojas, die Jagdmütze auf dem Haupt, erwartete schon den Grafen in seinem Lieblingsgemach. „Du mußt müde sein wie ein Schlachtpferd. Wir wollen nachmittags über manches sprechen.“

Doch der Graf hielt ihn zurück. „Bleib. Ich muß dich sprechen.“

„Du hast mit Leon einen Handel gehabt?“

„Kaum einen Wortstreit.“ Mora wurde flüchtig rot.

Der Freund blickte durch die Säulchenfenster auf die gärende Stadt. „Diese Mauren haben trotz ihrer Zermürbung einen bewundernswerten Stolz. Ich habe Abu Atir sprechen gehört. Edler Geist! Er hätte einen Apostel Christi abgeben können. Doch Gott steckte ihn bestimmt mit Absicht in eine mohammedanische Haut. Ich habe ein heiteres Wort von ihm gehört: Ximenes glaubt, daß sich die Sonne verfinstert, wenn er sich räuspert.“

„Ich will von den Mauren nichts hören,“ sagte unwillig der Graf, während er Degen und Schärpe wegwarf. Die schönen gestählten Glieder spielten freier, vom Druck des Panzerhemdes befreit. Er schritt mit gerunzelter Stirn auf und ab, rief nach Chispazo, jagte den Springteufel wieder fort und warf Gewandstücke da und dorthin.

„Es wird dich also mehr freuen zu hören, daß Perez de Oliva eine Karawelle nach Hispaniola rüstet.“

Der Graf schüttelte wieder den Kopf. „Auch damit wird nichts.“

„Du willst nicht nach Haiti? Willst du hier immer Hammelfett riechen und Olla potrida essen?“

„Lege dich auf den Diwan — er ist maurische Arbeit —“

„Von Mauren willst du, glaube ich, nichts hören.“

Der Graf drückte den Freund mit einem kräftigen Arm in die üppigen Polster. „Wir haben Eswer Ben Zerragh gefangen.“

„Die Stadt spricht davon. Man soll seine Berge nicht zu früh verlassen, sagt der vorsichtige Hirte.“

Graf de Mora zog die Zettel aus seinem Brustlatz. „Der junge Ritter trug das bei sich. Worte des Aufruhrs — aber seines Herzens. Du kennst dich in Canzonieros aus.“

Hernando buchstabierte geläufig die Schrift und lachte. „Das wellt wie Wüstensand unter Samumfittichen. Verse aus einer verliebten Seele. Gazalun — die Gazelle — und er selbst ist Asadun, der Löwe. Er verliert seine Wildheit beim Anblick der schönen Reija —“

„Heißt das wirklich Reija?“ fiel der Graf dem Freund gereizt ins Wort.

„Reija, gewiß — und sie wirft braune Beine im Tanz beim Mondenlicht — und da ist von einer königlichen Abstammung die Rede — und da: Unter Hüterflügeln eines weißen Adlers sitzend —“

„Abu Atir! Es liegt am Tag!“ Der Graf schlug heftig mit dem Degenknauf auf seinen Schenkel.

„Es ist eine Muwaschaha, wie sie die Hirten in den Bergen singen.“

„Ich weiß, wen er meint. Die Perle des Alkazars, die Agarenos nennen sie Ward.“

„Ward? Das ist die Rose. Ei, ist es die, welche dein Degen —“

„Laß das,“ unterbrach ihn der Graf hastig. „Es hätte jeder Kastilier an meiner Stelle ebenso gehandelt.“

Hernando de Rojas wurde nachdenklich. „Das Schicksal nimmt sich oft seltsame Anwälte. Du hast also Salzedo gefunden?“

„Ich verdanke den Fund dem sonderbaren Mädchen — eben dieser Ward.“ Und er erzählte dem Freund den Hergang.

„So ist Salzedo einen Koran wert. Hm — Don Pedro war früher nicht leicht zu einem Handel mit Mauren geneigt. Er befahl und es geschah. Vielleicht weil er immer nur mit Mauren und nicht mit Maurinnen zu tun hatte.“ Er lächelte listig. „Und diesen gefährlichen Ritt in die Alcazaba wagtest du um Salzedo, um Ximenes willen? Man muß sagen, da hast ein Herz für deine Spanier.“

Mora drehte das Gesicht nach der zart gemusterten Stuckatur der Wand. Hernando ließ nicht locker. „Dein Entschluß, Hispaniola untreu zu werden, steht also fest?“

„Das Land lockt mich nicht mehr,“ sagte der Graf geringschätzig. „Mein Degen sehnt sich nach maurischen Brüsten. Der Glaube ist bedroht. Der König hat recht: in diesem Augenblick gehören alle spanischen Ritter nach Spanien.“

„Und um das zu erkennen, mußte zuerst eine Maurin vor deinen Augen ihren Koran verteidigen?“ Er zielte mit einem prüfenden Blick nach dem Freund.

Dieser entzog sich wieder dem lauernden Auge. „Du mengst Dinge hinein, die nicht dazu gehören.“ Er vermurmelte ein paar grollende Worte.

Da legte ihm Hernando die Hand auf die Schulter. „Du bist nicht aufrichtig.“

Von den Minars erklang das Selam in feierlich gezogenen Tönen. Aus den Gassen scholl der Lärm der Empörer herauf. Don Pedro de Solar fuhr gequält auf: „Es gibt einen kleinen Fisch, er heißt Remora. Er soll das größte Schiff der Welt aufhalten können. Siehst du, so kann ein kleines Ereignis die größten Entschlüsse zum Stocken bringen.“

„Das ist auf Hispaniola gemünzt?“

Der Graf wurde plötzlich von weichen Gefühlen bewegt. „Ich möchte wieder in Mora sein, in meinem Carmen bei der Stadt, möchte den arabischen Springbrunnen rauschen hören. Meine Mutter hatte so viele arabische Märchen im Kopf.“ Er blickte verloren in das weiße Blenden der Albaycin-Häuser, während sein Fuß auf der Espartomatte ungeduldig spielte.

Hernandos Blick nagelte den Freund fest. „Dich drückt etwas Bestimmtes.“

Statt aller Antwort fragte Don Pedro: „Du hast viel Glück bei den Weibern gehabt?“

„Ohne zu prahlen, ich hatte die Schönen von Salamanca, Sevilla, Barcelona, Toledo — nein, das ist ja schon halbe Prahlerei. Ei, was geht dich mein Glück bei den Mädchen an?“

„Ich möchte doch auch einmal eure Paradiese sehen,“ sagte der Graf, mit dem Finger weich über die samtne Decke streichelnd.

Hernando machte Augen. „Jetzt fürchte ich um die Erdbeständigkeit Granadas. Don Pedro de Solar fragt nach den Paradiesen an einer Maja Brust!“

„Schweig oder besser: rede! Stopple ein paar Abenteuer zusammen, wenn du sie nicht erlebt hast. Deine Tugend ist Wohlredenheit.“

„Hältst du mich für einen geschwätzigen Amadis? Meine Abenteuer könnte ein ehrsamer Schreiber einem König als lustiges Buch zu Füßen legen. Man lernt im Schatten der Schulbank von Salamanca mehr als den Juvenal. Von der stolzen Ines herab, die ihr Schloß durch Feuerwerk für mich beleuchten ließ, bis zur schönen kupferhaarigen Dolores, die so wunderbar faul war, daß sie ein Esel darum beneidet hätte, und die nur Fetzen am Leib hatte statt Seide, habe ich alle Zwischenstufen von Schönheiten genossen. Und doch rate ich dir, wenn du Vergnügen höher schätzest als Liebe, so nimm dir eine Maurin in dein Bett. Es sind weichschenklige Weiber.“

„Bist du bei Sinnen?“ empörte sich Don Pedro.

„Du hast Midashände, darauf fliegen die Maurinnen wie die Hennen aufs Futter. Sie sind flüchtige Schmetterlinge, eilen von Genuß zu Genuß, ihr Tag- und Nachtwerk ist küssen, küssen. Auch verstehen sie es, keine Kinder zu kriegen, denn an diesen könnte deine Liebe einst bitter leiden. Man sagt ihnen freilich nach, daß sie die Männer bald ermüden und sich wie Delila ihrer Stärke freuen. Aber was tut’s! Sie schwelgen an den Tafeln des Lasters, und die Tugenden ihrer Mädchen sind Masken, die gelüftet eine abgefeimte Dueña zeigen.“

Der Graf ballte die Fäuste. „So kann’s nicht sein, so nicht!“ In der Angst, sich zu verraten, änderte er den Ton. „Wie erwirbt man so flüchtige Liebe?“

„Der eine tut’s in Versen, der andere mit Blicken, der dritte greift keck zu und überrennt ihren Leib. Auch eine Kupplerin kann gute Dienste tun. Die Mauren schätzen ihre Frauen als Weib, Kind und Dirne ein. Solch ein Mischmasch ist gerade für die Stunde gut, da dem Christen der Adam um die Lenden kitzelt. Doch hüte dich, aus einem Zeitvertreib Ernst zu machen. Die Busenwärme eines braunen Kindes soll dir schwere Gefühle abschütteln, nicht dich damit beladen. Auch hüte dich vor den vornehmen Mädchen, sie werten jeden Christenblick wie den eines Piraten und sind leichter reizbar, durch ihre Fetas verwöhnt, die einigen Sinn für echte Caballeria haben. Der Zufall hat dir Beweise des maurischen Rittertums in den Versen dieses Abencerragen in die Hände gespielt. Auf solche liebeklingende Werbung fällt leicht eine Agarena hinein.“

„Also Maurin und doch nicht.“ In des Grafen Brust kochte es.

„Ich will den Tag mit Henna anstreichen, da ich vor Mora über Maurinnen sprechen durfte, ohne daß es ihn überlief. Sonderbar — Hispaniola verweht — dafür verteidigst du Maurenmädchen —“

„Eswer Ben Zerragh soll hängen!“ brauste es plötzlich wie ein Zyklon aus dem Munde des Grafen.

Da griff sich Hernando an die Stirn. „Ah! — Es ist am Tage! Deine Wange in Glut! Der hilfsbereite Degen! Eswer soll hängen! Der Blitz zündete und traf! O ich blinder Maulwurf!“

Graf de Mora saß auf einer Truhe, das Kinn in die Hand gestützt. Er wußte, daß ihm der Freund das Geheimnis entreißen würde, und im Grunde wollte er es auch. Die Beladenheit seines Herzens drängte nach Mitteilung. Und Rojas war der Treuesten einer, zugleich geübt in Galanterie, beredsam, geschickt, alles in allem ein brauchbarer Helfer in einer Sache, die des Grafen Herz in ein Chaos zu verwandeln im Begriffe war. Nur ein Knabe hätte jetzt noch an Ausflucht denken können. „Sie ist schön,“ sagte Mora, und es klang wie ein offenes Bekenntnis.

Hernando zuckte die Achseln. „Die Mauren vergleichen sie freilich mit Canopus, dem seltenen Stern. Du müßtest sie unverschleiert sehen.“

„Ich habe sie gesehen,“ stürzte Don Pedro glücklich heraus. „Ihr Wert ist größer als der ihres Schleiers. O Hernando, was rätst du mir?“

Rojas mußte sich zuerst sammeln. Es kam zu unerwartet. „Gebe mir Gott den richtigen Augenblicksverstand, damit ich nicht daneben sinne. Deine Lage ist heikel, wenn du diese Schönheit ernst nimmst. Du bist königlicher Hauptmann, erster Soldat des Gobernadors, hast Kriegsverdienste, bist Grande, kannst ohne Genehmigung des Königs nicht vor das Gericht gestellt werden, stehst bedeckten Hauptes vor dem König, dein Platz bei den Cortes ist hinter den Prälaten — das alles macht dich groß, aber es hindert dich, frei zu handeln. Ximenes bereitet Schläge gegen die Mauren vor, und du sollst mithelfen —“

„Er wird nicht über mein Herz schreiten dürfen,“ sagte Don Pedro erregt. „Ich war ein Leben lang auf falscher Fährte. Diese Mauren sind in ihrem Glauben ebenso stark wie wir. Tendilla, Talavera, Osuna, Orgaz beugen sich vor der Kraft ihrer Überzeugung. Ich stürmte blindlings an ihr vorbei, nahm gedankenlos hin, was mir die Überlieferung als eine Selbstverständlichkeit hinlegte.“

„Über deinem Haupt hängt eine Wolke,“ mahnte der Freund. „Flieh, ehe ihr Donner dich vernichtet.“

„Es gibt Wolken, denen der Mensch nicht entfliehen kann. Sie eilen zu schnell.“

„Schwer wird man deine Wandlung verstehen. Du standest an der Spitze der Maurenhasser. Wer hat ihn zum sanften Schäfer gemacht? wird man fragen. Auf jeden Fall hüte dich, deine Wandlung vor den Augen der Familiares zu zeigen. Die Liebe einer Maurin ist ein gefährliches Himmelsgeschenk. Aber im Grunde bist du ein fallendes Blatt, vom Sturm an die Schöne herangeweht, du atmest ihre bestrickende Nähe und siehst vielleicht noch nicht die Netze, die dir gestellt sind.“

Eswer wird in neun Tagen frei sein! Der Lockton schwang an des Grafen Ohr. Und die Augen, die Zähne, die sie dabei zeigte! O ihre Schönheit warf glühende Bälle nach ihm und er vermochte kaum klar zu denken. Doch plötzlich sprang es ihn an. „Du kennst die Geschichte des Abencerragen, Hernando. Er hat in Notwehr gehandelt, als er damals den Schergen verwundet — doch nun hat er freilich einen Alguacil getötet. Vielleicht auch aus Notwehr. Und wenn nicht — ein kastilischer Ritter hätte nicht viel anders gehandelt, wenn er einen Landsmann von Feinden bedroht gesehen hätte.“

Der Freund lächelte. „Du suchst schon nach Entschuldigungen. Trefflich! Bei San Isidoro, man muß an Wunder glauben, der Wolf ist zum Lamm bekehrt. Und das alles aus den Feuergründen eines Weiberauges! Pedro, Pedro, du hast lange den schönen Blitzen widerstanden, aber nun treffen sie dich um so unbarmherziger. Das Weib rächt sich durch ein Weib. Sei auf der Hut! Es laufen so schöne Majas in Granada herum, daß dir um dein Herz nicht bange zu sein braucht. Aber laß diesen wahnwitzigen Gedanken fallen: eine maurische Königstochter!“

„So gilt das Edle weniger als die billige Ware einer Liebesnacht? Hernando, nun kenne ich dich nicht mehr. Alfonso der Sechste war es, der eine maurische Fürstentochter zur Gattin erhob, vor maurischen Schönheiten senkten christliche Ritter einst ihren galanten Degen — o geh, geh, du hast deine Zeit in Salamanca an schlechte Weisheit verschwendet. Die Erde wird nicht aus der Achse fallen, wenn ein Gott zwischen zwei Religionen Versöhnung predigt.“

„So weit bist du schon, Pedro? Und mit solchen Gedanken willst du als königlicher Hauptmann die Rattenwinkel der Empörung säubern?“

„Weg mit dem Amt, das mir das Herz beengt!“ flammte der Graf auf.

„Du — den Degen niederlegen — in die Hände des Königs? Dieses Königs?“

„Soll ich nicht prüfen dürfen, wo das hartbedrängte Volk geirrt? Man sollte die Mauren doch auch mit den Waffen des Geistes besiegen können, des Geistes, den Spanien in seinen Hochschulen großzieht.“ Mora begann fremdartig zu schwärmen. „Du hättest sie sehen sollen, wie sie sich wehrte und zur Heldin wurde. Möge kalt wägender Verstand hier unheilige Glut erklügeln, ich glaube dem Feuer aus diesem reinen Mund.“

„Du dampfst wie kochender Wein! Ich will nüchtern bleiben. Noch ist nichts geschehen, als daß dein schwer zündbares Herz endlich Feuer fing. Aber man fliegt nicht ungestraft mit wächsernen Flügeln einer Sonne zu. Männer, die nie geliebt, wirft die Liebe um so leichter um. Mach’ doch um Christi willen keinen heiligen Altar aus deinem Gefühl. Leb’ wohl!“ Er klirrte in die Kühle des Korridors hinaus und ließ den Grafen in einem Gewoge selig-unseliger Bedrängnisse zurück.

Hernando hatte recht, es war noch nichts geschehen. Aber dieses herzaufwühlende Gefühl, daß etwas geschehen könnte! Der Graf ließ sich davon überrieseln. Er stand beim Fenster. Der Moderduft des Herbstes drang aus dem Garten des Generalifes in seine Sinne. Fern schimmerte der Schnee des Picacho de Veleta, tief unten rauschte leise der Darro. Bald mußte er mit gelben Regenfluten daherbrausen —

Der Graf spannte das Auge nach der Darrostraße. Eine Dame ritt daher, gefolgt von Rittern. Leonore de Uceda! Welch schmachtenden Blick warf sie herauf! Der Graf zog sich in den Schatten zurück. Dieses liebebettelnde Abenteuerweib kam zur Unzeit in seine Gedanken geritten. Er schüttelte das Bild von seiner Seele, denn es wog zu leicht und wurde von keiner Tugend geziert.

Dumpf läuteten die Glocken. Es mochte wieder ein Auflauf im Gange sein. Don Pedro durfte bis zum Abend ruhen. Er drückte das Haupt in die arabischen Diwanpolster. Eswer wird in neun Tagen frei sein! klang es wieder an sein Ohr. Und seine Müdigkeit zerriß. Er wird nicht frei sein! tobte der Trotz in ihm. Er ist dein Liebhaber, schöne Gazelle der Agarenos! Und ich werde nicht die Torheit begehen — ei, was für eine Torheit? Ach, Gedanken sind Würmer, die am Mark des Menschen zehren.

So drohte sein Gemüt in den Niederungen des Zweifels und der Eifersucht zu ersticken.