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Granada in Flammen

Chapter 17: Fünfzehntes Kapitel
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About This Book

Die Erzählung schildert das Leben maurischer Flüchtlinge und Hirten in den Alpujarras nach dem Verlust von Granada, verbindet schroffe Natur- und Klimaelemte mit alltäglichen Details wie Herdenpflege und kargen Behausungen. Im Fokus stehen persönliche Beziehungen, die Sehnsucht nach einer Rückkehr und die religiösen und kulturellen Traditionen, die Gemeinschaft zusammenhalten. Lebhafte Landschaftsbeschreibungen wechseln mit Momenten innerer Erinnerung, Hoffen und praktischer Fürsorge, während Figuren Armut, Treue zu Gebräuchen und die Hoffnung auf politische Wiederkehr abwägen.

Fünfzehntes Kapitel

Reijas Haupt schmiegte sich liebkosend an das weiche Gefieder eines zahmen Rosenflamingos, den ihr einer der Beni Mossad verehrt hatte. Da stürmte Saffana in die Samt- und Seidenpracht des Frauengemaches.

„Bi nefsi! Was ich gesehen! O was ich gesehen!“

Reija schickte das rosige Federtier in die Hut einer Matrone ins Nebenzimmer. „Närrin, plagen dich böse Dschinnen?“

„Die Bibarrambla war voll Menschen. Schon den sechsten Tag kämpfen sie dort für unsern Glauben. Und nun ist Talavera gekommen! Mitten in die schreienden Haufen hinein! Auf seinem vergoldeten Stock gestützt, nur von einem Kaplan begleitet, der das Kreuz trug —“

„O der mutige, fromme Mann!“ freute sich Reija mit.

„Frauen küßten ihm die Füße, das Kleid —“

Da trat Abu Atir ins Gemach, auf der Stirn den Abglanz seelischer Erhebung. „Allah akbar! Graf Tendilla — Gott erleuchte sein Herz, wie er seinen Verstand erleuchtet hat! Graf Tendilla kommt dahergeritten, begleitet von seinem Hauptmann —“

„Mit dem, der bei uns war? Dem Grafen de Mora?“ Reija zuckte zusammen.

„Mit ihm. O daß du es gesehen hättest! Der Graf hatte die Augen voll Licht.“

„Mora?“ schnellte Reija wieder ihre brennende Neugierde heraus.

„Nein, der Graf Tendilla. Inmitten der heulenden Menge auf seinem Fuchs neben Talavera. Auf einmal verstummten die Glocken, das Volk horcht auf — und da — o daß ich es noch einmal sehen könnte! — da wirft der Graf seine Scharlachmütze unter die Mauren und ruft: ‚Das ist mein Kopf! Er gehört euch, wenn ich nicht alles versuche, beim König Gnade für euch zu erwirken. Legt eure Waffen nieder, geht friedlich an euer Handwerk und Geschäft!‘ Li amri! Alles riß sich um die Mütze — die Waffen sinken zu Boden — der Graf — Gott gebe ihm Gärten und Paläste und tränke seine Herden! — der Graf läßt durch Reiter eine Gasse bilden, und nun höre, Reija! Des Grafen Frau und seine zwei Söhne reiten durch die lebendige Gasse — und der Graf ruft: ‚Diese meine Schätze gehören euch als Geisel! Tötet sie, wenn eure Freiheit angetastet wird!‘ Da heult und jubelt das Volk, und die Beni Mossad nehmen die Geiseln in Empfang. O wie wirbelt es noch in meinem Kopf — Ximenes hat man heimlich in die Alhambra geschafft, sie fürchten für sein Leben.“

„Und der königliche Hauptmann?“ schoß die Neugier wieder von den schönen Lippen.

„Ach, was soll der Hauptmann uns noch schaden, wenn der Gobernador — ach, du süße Blüte des Wundergartens Gottes, nun atmen wir auf. Man sagt, der König sei empört über Ximenes. Aber wie immer, wir wollen Gott loben, denn er hat ein sichtbares Zeichen gegeben über sein zweites Damaskus. Er stürzte der Juden Altäre und baute neue auf, er hat den Mihrab unseres Herzens gestürzt und einen neuen goldnen errichtet. Sprich: Gott ist der einzige und ewige Gott, zeugt nicht und ist nicht gezeugt und kein Wesen ist ihm gleich.“

In gläubiger Demut warfen sich die Frauen auf den Gebetsteppich hin und schlugen mit den Stirnen zu Boden. In langgezogenen Tönen wiederholten sie das hehre Surenwort. Die schönen Hände Reijas lagen wie gemeißelt auf dem Untergrund des dunklen Samts.

Der Imam ging. Reija richtete sich schnell auf. Die schwarzen Augen brannten. „Wie hast du ihn gesehen?“

Saffana brachte Teppiche und Diwan in Ordnung. „Talavera?“

Reija kräuselte die Lippen in Unmut. „Den, der uns den Koran brachte.“

„Den Grafen de Mora?“ Sie las der Herrin alle Wünsche aus den Augen. „Ach, er saß wie ein Beduine im Sattel und seine Augen leuchteten. Er ist wie ein König, den das Wüstenvolk wählt.“

„Er gefiel dir also?“ schürfte Reija tiefer in das Herz der Sklavin.

Saffana schlug die Hände über der Brust zusammen, was ihre Bewunderung ausdrücken sollte. „Oh! Oh! Aber die Moriskos sagen, er schaue kein Weib an.“

Reija lachte gereizt. „Die Moriskos sind dumm. Sie werden noch einen christlichen Heiligen aus ihm machen, mit einem Kranz auf dem Haupt, stehend im Kirchenwinkel. Wie dumm! Als ob man es nicht besser wüßte!“

„Freilich — damals hat er dir in die Augen gesehen! O bei den Pforten des Paradieses, hat der Mensch Augen! Man wäre versucht, in der Verwirrung ein Lamm in der Küche samt dem Fell zu braten. Und wie gefällt er dir, Tau der Wüste?“

Reija wollte schon sagen: wie der siebente Stern der Plejaden. Aber sie zügelte ihre Zunge. Noch brauchte sie keine Vertraute. Es war so schön, eine Heimlichkeit im Herzen hin und her zu rollen wie einen Ball. „Komm in den Sahat, das Bad ist noch nicht fertig.“

Gleich darauf saß Reija zwischen den Säulen auf der Hofschaukel. Aber ihr Wesen schien zerfahren. „Weißt du, was ein Traum ist?“ fragte sie die Sklavin.

„Der Gesandte eines guten oder eines bösen Dschin. O hattest du heute einen, du Quelle Salsabil des Paradieses?“

„Ich sah einen Ritter auf schwarzem Roß durch die Vega reiten, um ihn herum aber sah ich Flammen.“

„Eswer war’s, bi nefsi! Der Schöne, der As-Saffah, der Blutvergießer.“

„Nein, es war ein Mogavar, ein christlicher Ritter, denn er hatte das Kreuz auf dem Mantel. Sein Pferd stolperte und fiel — da erwachte ich und schwere Moschusdüfte hingen um meine Sinne.“

„Bei dem Glanz des Glaubens, dann muß es der Feta gewesen sein.“

„Aber was soll die Flamme um ihn?“

„Das Zeichen seiner Liebeskraft.“

Reija schüttelte heftig den Kopf. „Der Taggedanke erscheint im Traum. Ich habe nie an den Mogavar gedacht, denn ich muß ihn hassen, wiewohl — sage, Saffana, muß man einen Menschen auch dann hassen, wenn er einem den Koran gebracht?“

Da platzte Saffanas natürlicher Einfall heraus: „Einen solchen Menschen möchte ich lieben, du Rose der glücklichen Insel, und möchte von Gott für ihn erflehen: Dauernd sei sein Ruhm, wie ein Phönix lebend, auch wenn er stirbt.“

Reijas Augen schlossen sich im Genießen der Worte. Dann sagte sie rasch: „Du schwatzest wie eine Schwalbe.“ Nach einigen Augenblicken der Nachdenklichkeit stürmte sie einen neuen Gedanken heraus: „Ob er mir den Abencerragen bringen wird? Eswer ist jung und schön. Er ist wohl schöner als der Graf.“

„Eswer ist schöner als der Graf,“ wiederholte gehorsam das Echo. Aber das schlaue Mädchen blinzelte in die Seele der Herrin, um das Rätsel ihres Gefühls zu lösen.

„Der Graf ist doch noch schöner als Eswer,“ schlug Reija lichterloh zurück.

Da zuckte Saffana die Achseln. „Schade! Er ist ein Christ. Aber ich segne die Gedanken meiner Schems, der Sonne.“

Noria, die Schiefrückige rief zum Bad.

In dem kostbaren Morgengemach, wo zwei Riesenspiegel im Licht der Kerzen blinkten, Felle, Tücher, Decken und Polster zur Schwelgelust und Behaglichkeit einluden und der Wohlgeruch von Myrrhe und Storax aus silbernen Pfannen stieg, ließ sich Reija entkleiden.

Und da stand sie nun, festschenklig, zartlendig, mit ihrem Palmenwuchs, keusch wie Ur-Eva, mit braunrosigen, wogenden Hügeln, zwischen denen die Furche süßer Ahnung dämmerte, die bronzeschimmernde Haut faltenlos gespannt, der Leib von dem prachtvollen Kopf gekrönt, dessen Haar, sich nun langsam aus dem Goldschmuck lösend, in Wellen über Schultern und Brüste floß. Sie spiegelte ihren Körper im Schreiten und ihr Gang war wie das Wiegen der Zypressen, wenn der Wind in ihre Leiber greift. Die leicht aufgeworfenen Lippen waren halb geöffnet, als versuchten sie an erträumten Süßigkeiten zu naschen, und wie Mandelkerne blinkten dahinter die regelmäßig gesetzten Zähne. Ihr Mund glich einem Blumenkelch, angefüllt mit Honig, der überfließen mußte, wenn sich ein glücklicher Falter nahte.

Über das marmorne Badebecken senkten sich die Blätter zweier Palmen, ihr Schattendach sollte an die Wohligkeit arabischer Oasen erinnern, wo der erquickende Quell fließt. Reija stieg in das warme, klare Wasser, das in sanften Wellen um ihre Hüften spielte. Sie schöpfte es mit den Händen und warf es kirrend wie ein Kind auf ihre schimmernden Brüste, von wo es wie Silberperlen niedertropfte. Dann zerpflückte Saffana einen Rosenstrauß und ließ die Blätter über den Leib der Herrin fallen. Mit versuchenden Schwimmstößen trieb diese ihren erregten Körper vorwärts, legte sich auf den Rücken und ließ sich im Wasser von Saffanas Armen tragen. Alles an ihr sprühte Leben und Freude. Ihr Blut rauschte von sinnlichen Strömen, die aus Arabiens Gluten entsprangen, ihre Lippen waren in süßer Not zusammengepreßt, die Augen geschlossen.

Nun öffnete sie die feinen Stacheln der Wimpern. Das Glutauge sog mit natürlicher Gefallsucht die Spiegelung ihres Körpers ein. Jeder Nerv an ihr bebte.

„Du bist Selwan, die Liebesmuschel,“ sagte Saffana schmeichelnd.

„Was ist es mit ihr?“

„Sie ist schön wie nichts auf der Erde. Wer sie findet, muß sie ins Wasser werfen, dann rauscht es auf und man bereitet aus dem Schaum den Liebestrank, dem niemand widerstehen kann.“

Das große Auge lächelte. „Es gibt keinen Liebestrank als den Kuß vom Mund des Geliebten. Das sagt Ibn Ammar, der Vezier und Dichter. Die Salben!“ Sie stieg aus dem Bad. Der erhitzte Körper strömte eine fleischlich duftende Glut aus. Saffana rieb ihn mit wohlriechenden Salben ein, kämmte das Haar aus und legte es in die Fessel eines goldschimmernden Stirnreifs. Dann hing sie ihr das Amulett mit den fünf Fingern um und griff nach der Anafine. Sie spielte ein zartes Muwaschaha, ein Hirtenlied aus den Alpujarras.

Reija lag wohlig hingestreckt auf dem Diwan. Sie sann vor sich hin: Haß zur Rechten, Liebe zur Linken, mein Herz ratlos dazwischen, denn es möchte küssen und strafen in einem Atemzug. Welcher Engel weist mir den Weg aus dem Irrsal? Sie riß der Sklavin das Instrument aus der Hand. „Das Gewand!“

Eia! Sie ist verliebt! stellte Saffanas Spürsinn fest. Das Bad hat sie erhitzt. Man sollte ihr jetzt einen Mann geben können. „Haif aleh!“ Sie legte Hülle auf Hülle über die geschwellten Glieder, während die Herrin ein jemenitisches Liebeslied summte.

Aus den Häusern des Albaycin tropften maurische Lautenklänge in das stille Singen. Reija stieg auf den Schemel unter dem Fenster. Ein sternbesäter Himmel spannte sich über die Alhambra, die wie eine Riesensphinx dalag.