Achtzehntes Kapitel
Jeden Tag ging Graf de Mora, nachdem er sich durch einen Schluck Valdepeñas gestärkt, nach dem Comaresturm, um sich nach den Wünschen der Gefangenen zu erkundigen. Der Gang zum Imam war ihm leicht, dort schienen irdische Wünsche begraben zu sein, und nur glaubenstiefe Ergebenheit in das gottgesandte Schicksal traf er an. Aber schwer wurde dem Grafen immer der Gang in das andere Gemach, das den schönen Mädchenschatz barg. Hier hatte er mit weiblichen Eitelkeitswünschen und — mit sich selbst zu kämpfen. Einmal verlangte Reija mehr Spiegel, ein andermal weichere Teppiche, bald ließ sie den Grafen lange draußen warten, bis sie sich tief verschleiert hatte, bald beschwerte sie sich über das Essen, das zuwenig Rosinen enthielt, oder über Langeweile. Abu Atir durfte eine Stunde mit ihr plaudern. Immer wieder fragte sie mit einer gewissen Absichtlichkeit nach Eswer Ben Zerragh. Das war für den Hauptmann der peinlichste Augenblick des Tages. Oft war er versucht, ihr Herz auf die Probe zu stellen, er wollte ihr vorlügen, morgen müsse der Abencerrage hängen. Ihr Aufschrei hätte sie verraten. Aber dann verscheuchte er den grausamen Gedanken. Wenn er dann aus ihrem Zimmer trat, kam er sich wie besessen vor. Gibt es nicht auch Engel der Besessenheit? fragte er sich bang.
Reija erschien ihm jeden Tag anders. Ihre Anmut schillerte in bestrickender Abwechslung. Bald war sie lässig, bald lebendig und zerfahren, einmal verträumt, dann wieder sangeslustig, den einen Tag zerknirscht, den andern sprühend wie ein Feuerberg. Und wenn Don Pedro von ihr ging, fragte er sich: Ist sie die Gefangene oder bin ich der Gefangene? Reija fühlte gar wohl, welche Macht sie auf ihn ausübte. Und Saffana, die bei der Herrin schlief, lachte sich den Hals voll über die schlecht verhehlte Verliebtheit des Ritters. Manchmal verlockte sie die Herrin, laut zu singen und zu tanzen, damit die Wache draußen den Lärm dem Grafen melde. Der kam gewöhnlich und erbat sich lächelnd Ruhe. Der Zweck war erreicht: Reija hatte Herzklopfen.
Winterscharfe Lüfte wehten draußen. Der Schnee der Sierra Nevada leuchtete in die Krummgassen, Regengüsse klatschten nieder, und der Genil und der Darro schwollen an.
Das königliche Edikt machte fürchterlichen Ernst. Viele edle Mauren rüsteten zur Auswanderung, aber die armen Handwerker, Händler und Bauern bissen in den sauren Apfel. Haufenweise ließen sie sich taufen, ohne auf Mihrab und Kaaba innerlich zu verzichten. Zu Hause beteten sie heimlich ihre Suren, mit dem Antlitz nach Mekka gewendet. Kam einer der Familiares darauf, wurde der Betreffende zuerst streng verwiesen, dann aber wurde gleich mit der Todesstrafe gedroht. Scharenweise liefen diejenigen, die sich mit der Taufe nicht abfinden konnten und auch nicht auswandern wollten, in die Alpujarras, um dort die Hilfe der Berber abzuwarten. Der Traum beschäftigte eines jeden Hirn, und groß war die Erwartung. Boabdils Wiederkehr war für sie wie für die Juden die Messiashoffnung. So entvölkerte sich Granada, und man munkelte schon, daß sich Banden im Gebirge bildeten — Monfis nannte man sie —, die die Absicht hätten, ihre im Glauben bedrängten Brüder in der Stadt zu befreien. Aus dem Albaycin zogen Karawanen, beladen mit kostbaren Gütern, die in die neue afrikanische Heimat wanderten. Jeder Auswanderer mußte zehn Goldgulden zahlen. Langsam verödeten die Moscheen, in denen die katholischen Altäre eingebaut wurden, die Kirchen dagegen füllten sich und konnten bald die Menge der neuen ‚Gläubigen‘ nicht fassen. Letztere lagen vor den Toren auf den Knien und ließen Segen und Weihrauchwolken über ihre Häupter gehen, sie beteten Unverstandenes sinnlos nach, während hinter ihnen die beaufsichtigenden Mönche standen und jede Gebärde überwachten. Die einzelne Seele hatte ihr Glaubensrecht verloren.
Talavera, der gütigste der Frommen, wollte den Mauren den Weg zum neuen Glauben erleichtern und ihnen die Bibel ins Arabische übersetzen. Ximenes hinderte ihn daran. Er nannte dies ‚Perlen vor die Säue werfen‘ und meinte, das Volk sei durch das Geheimnisvolle und Unverständliche leichter zu fesseln, als durch bedingungslose Klarheit. Im übrigen sollten die Mauren nach und nach dazu gebracht werden, arabische Sprache und arabisches Wesen zu vergessen, und die Kinder und Kindeskinder würden dann schon gute Christen werden, wenn erst die Erinnerung an die gewaltigsame Bekehrung verblaßt sein würde.
Auch die milde Behandlung der Mauren durch den Grafen Tendilla fand den heftigsten Widerstand beim Kanzler. Selbst die königliche Entscheidung wurde in Streitfällen angesucht, aber sie fiel immer zugunsten des Erzbischofs aus. Bald begann es in gewissen Kreisen der Granden zu grollen.
Im Advent hatte die Zahl der getauften Mauren schon fünfzigtausend erreicht. Gruppenweise wurden sie in die Kirche getrieben und einfach vom Altar aus mit dem Weihwasser besprengt. Eine besondere religiöse Belehrung fand man nicht für notwendig. Ximenes ließ Dankmessen lesen. Gott wurde durch den Kult der Ungläubigen in Granada nicht mehr beleidigt. Der Großinquisitor Deza jagte durch strenge Edikte die Moriskos in Angst. Der geringste Rückfall in den alten Glauben wurde mit der Einziehung von Hab und Gut und mit dem Tragen des Sanbenitos bestraft. Die alten Sprüche in den Maurenhäusern mußten entfernt werden. In jeder Gasse mahnten die Statuen von Heiligen an die Fürbitte, das Bild der Jungfrau grüßte rosenbekränzt an allen Ecken und Enden, und in den Kirchen leuchtete es hehr, von Seide und Gold umschimmert, in einem Blumenhain, umlagert von der Schar andächtiger Christen. Selbst in den Lasterhöhlen und verrufenen Ventas hingen die Heiligenbilder als Wehrgötzen des Unglücks, und bevor sie sündigten, beteten die Soldaten des Ximenes zu ihrem Patron. Weihkessel hingen vor den Türen der Lasterdirnen und wurden mißbraucht. Hatte man einen Feind, so zeigte man ihn unter Anrufung von Christus und Maria heimlich einem Familiare an. Es wurde nicht viel untersucht, ob der Kläger vertrauenswürdig sei, auch wurde er dem Beklagten gar nicht gegenübergestellt. Es genügte zu hören, daß jemand einen religiösen Zweifel geäußert hatte, und das peinliche Verhör begann. Von Cordoba herüber schwirrten Schreckensgerüchte über die Raschheit des heiligen Offiziums. Über Nacht wurden Beschuldigte aus dem Bett geholt und in den Inquisitionskerker geworfen. Auch der Flammentod wurde im Prozeßweg mit einer Schnelligkeit verhängt, als ob das Feuer selbst nach Nahrung lechzte. Die Übergabe an das weltliche Gericht seitens der Inquisition war zugleich sicherer Tod. Nicht die Kirche verurteilte den Angeklagten, sie rettete ihr Gewissen, indem sie ihn dem weltlichen Richter übergab. Die Reinigung der Seele aber konnte nach der Mönchskasuistik nur durch die Verbrennung des Leibes geschehen. Das menschliche Gewissen mußte verstummen unter der fürchterlichen Aufgeblasenheit des alleinseligmachenden Glaubens, der vernichten konnte, wo er erlösen sollte. In die blutige Glorie, die die Kirche um das Haupt der Inquisitoren wob, schimmerte nicht ein einziger reiner Gottesfunke hinein. Der fanatische Machtgedanke, aus der Dämonie der eigenen Unfehlbarkeit geboren, warf das gräßlichste Fieber in die Hirne der Seelenhirten, ein ganzes Volk wurde davon angesteckt und unterwarf sich dem schrecklichen Reinigungswillen.
Aber noch hatte Granada nicht die volle Auswirkung der Inquisitionsedikte gespürt, noch klangen nur die Nachrichten von Cordoba wie schaurige Mären in das Dorado von Andalus herüber. Doch bald mußte Leon als Bevollmächtigter Luceros daran gehen, die Schrecken der Inquisition auch in das Herz der Neubekehrten zu werfen.
Don Pedro de Solar hatte sich in eine arabische Chronik vertieft, die er aus dem Autodafé des Geistes gerettet. Er wollte sich in der Geschichte des Feindes umsehen, um auch seinen Vorzügen gerecht zu werden.
Da kam Hernando zu ihm, warf sich auf die fellbedeckte Truhe und durchschnüffelte die Schrift. „Wieder bei Abderrhaman zu Hause? Du wirst bald in der Azzarah von Cordoba heimischer sein als in der Alhambra. Aber eine Nachricht: deine Liebe segelt mit offener Flagge. Man spricht in den Miradores davon.“
Der Graf erhob sich bestürzt. „Was hast du gehört?“
„Die Liebe verbraucht deine Schwärmerkraft und bringt dich ins Gerede. Doña Leonore de Uceda verbreitet die unsinnigsten Gerüchte. Du wärst der Gefangene einer Gefangenen.“
„Das Weib ist Galle von oben bis unten,“ schäumte der Graf.
„Hast du es ihr gegenüber an der nötigen Ritterlichkeit fehlen lassen? Sie war die Geliebte des Königs und will ihre Vergangenheit geachtet wissen.“
Der Graf fühlte seine Fibern beben. Wie gern hätte er alles von der Seele gewälzt, was in dem Königswort gebunden lag. Aber eines durfte er doch verraten. „Es ist wahr — ich habe ihr weh getan — sie hat ein Auge auf mich geworfen, daß ich’s nur gestehe. Ich aber habe ihr kühl gedankt, und das scheint ihr nahe gegangen zu sein. Ich dachte sie längst im liebenden Schutz Castros.“
„Jedenfalls rennt sie jetzt ihre Zunge gegen dich blutig, drum sei auf der Hut.“
Saffana trat ein. Verwirrt und mit dem heitern Lächeln auf den Lippen, das ihr so schön stand und das sie besonders zur Schau trug, wenn sie Hernando de Rojas irgendwo im Hof erblickte. Dieser hatte ihr manche Kußhand zugeworfen, die sie nicht mit bösen Blicken beantwortet. Nun stand sie mit über der Brust gefalteten Händen bei der Tür. „Meine Herrin will dich sprechen, königlicher Hauptmann.“
Don Pedro sah mit Verlegenheit auf den Freund. „Ich bin gleich zurück.“ Und zu Saffana wandte er sich mit scherzhafter Drohung. „Du erwartest mich da und sprichst kein Wort zu — diesem.“ Er stellte ihr den Freund lächelnd vor: „Dies ist ein Doktor aus Salamanca und gefährlich für dich.“
Kaum war der Graf bei der Tür draußen, stürzte Hernando auf die üppige Sklavin los. Der Schleier verhüllte nur lose ihr Gesicht wie der Herbstnebel die Landschaft.
„Ihr habt gehört, man hat Euch das Sprechen verboten. Mir aber, Gott sei gelobt, nicht. Ihr liebt Eure schöne Herrin?“
Sie legte den Finger auf den Mund und nickte hastig.
„Oh, wenn Ihr doch den häßlichen Schleier entfernen könntet. Ihr müßt das haben, was der Andalusier Salero nennt, die Gabe der Anmut, der Lustigkeit, des Gesanges.“
Das Lob machte sie zutraulich; sie hob schnell mit gestrecktem Finger den Schleier hoch. Die lieblichste Rosenwange duftete dem Gelehrten entgegen, der in der Abschätzung solcher Werte eine gewiegte Gelehrtheit bekundete. Ihre schwarzen Feueraugen baten ihn mit nicht allzu großem Ernst, nur ja nicht näherzutreten. Ihre Schönheit machte ihn mutig. „Wie schön bist du! Ich möchte von deinen Lippen Liebe trinken.“ Er wußte, wie leicht man bei den Maurinnen mit Galanterien vorwärts kam.
Aber da verkrallte sich die kleine Faust in ihr Kleid und sagte: „Da müßte ich auch dabei sein, gefährlicher Doktor aus Salamanca.“
„Man hat dir das Sprechen verboten,“ lachte Hernando.
„Mohammed hat den Gläubigen auch den Wein verboten, und sieh dir unsere Kalifen an, Freund der rosenglühenden Schönheiten.“
„Du schlaue Tochter der Palmenhaine,“ lachte er kurzstößig. „Wie kann man dich erringen?“
Sie legte den Arm mit dem Gelenkring an die leichtgeschwellte Hüfte und sah den dreisten Christen verführerisch an. „Schaff’ mir die Leber einer Mücke, den Huf eines Sonnenpferds, den 35. Buchstaben der 38. Sure des Korans und den ersten Morgenschrei des Vogels Rokh, dann will Saffana an deine Liebe glauben.“
Da lachte Hernando hellauf und wollte sie umschlingen. Aber sie verschloß mit der Hand ihren Mund und murmelte zwischen den Fingern durch: „Du kommst mir nicht an.“
„So küsse ich die Augen.“
Ihre Zähne blinkten wie die Sterne der Kamomillen. „Wer viel vom Küssen spricht, ist kein Kußheld.“
Da verstand er sie und schloß mit einem herzhaften Kuß die kecken Augen. Aber sie mußte ihm die tastende Hand von der Brust wegschieben. „Nimmer, nimmer, schöner Freund der himmlischen Wolken. Du hast kein Eidechsenblut, wie ich sehe. Wer Saffana liebt, muß dran leiden und böser Dschinnen Neid erfahren.“
Aber er brauste auf sie zu und wollte wieder zugreifen.
„Beim Mal des Propheten!“ wehrte sie sich. „Du springst wie ein Heuschreck an, Doktor von Salamanca.“
„Bist du noch Jungfrau, Zweig des Gadhastrauches?“
Schmollend verzog sie die Lippen. „Ijas der Wohlredende erkannte den Zustand der Weiber auf den ersten Blick. Er täuschte Gefahr vor, und da legte die Schwangere im Schreck die Hand auf den Bauch, die Säugende auf die Brust und die Jungfrau auf den Schoß.“ Sie stand überglüht, die Hände vor den geschlossenen Schenkeln gefaltet.
„Du mußt mir eine Nacht gewähren, ich will dir Seide und Korallen geben, du aller Blüten süßester Honig du!“
„Wie kannst du arabisch schmeicheln, Liebhaber der Weisheiten,“ lächelte sie und schob seine zudringliche Hand beiseite. „Aber wenn du mir auch zweitausend alte Dirhem zahltest, meine Armbeuge wäre kein Tal des Schlummers für dich. Du bist ein Freund der kurzen Freude, ich aber will Tränen haben.“
„Ich weine sie dir,“ schwur der Leichtsinnige mit lachenden Augen.
Sie antwortete mit einem verächtlichen Pfiff. „Sieh zu, daß du uns befreist, dann läßt sich über süße Nächte reden. Weißt du, wie Al-Atheni singt? „Was ist süßer als des Wahnsinns Stunden, wo die Mädchen schenken süßen Wein, wo die Sängerinnen wie Gazellen fallen in den Klang der Saiten ein? Aber was soll das alles? Was hat meine Herrin getan, daß sie so leiden muß?“
„Du liebst sie?“
„Sie hat den Reiz vom Stamme Sad, den schönen Wuchs vom Stamme Kinan, ihr Auge ist mondhell, und sie ist weise wie Lokman, liederkundig wie David und rein wie Mirjam. Wie soll man ein solches Weib nicht lieben? Aus ihrem Wesen glänzt die sonnendurchstrahlte Wolke, ihre Haut ist zart wie edelster Samt, ihre Zähne sind geschälte Mandeln, ihr Haar ist ein schwarzer Strom, der über wohlgerundete Schultern fließt, ihr Körper aber duftet wie frische Milch. Wie soll man so ein Weib nicht lieben?“
Nach dieser überschwenglichen Schilderung bekam Hernando Angst um den Freund. „Sag’, was hältst du von Don Pedro de Solar?“
„Der Graf ist besser als sein Ruf. Er macht helle Augen, wenn er unser Königskind sieht.“
„Sei verschwiegen, Weib!“ warnte Hernando ernsthaft.
„Ich bin schweigsam wie die Zypresse im Generalife, die einer Königin Liebe beschützte.“ Dann schob sie schnell den Schleier vor das Gesicht. „Du bist doch eine Eidechse,“ schmollte sie.
Er stürmte rasch in ihre Lippen hinein, und sie hielt still und ließ die Glut ihres Blutes in den Kuß überströmen.
Es klopfte. Saffana stellte sich demütig gebückt in die Ecke, als hätte sie Schläge empfangen.
In der Tür stand der Dominikanerpater Leon. Er suchte den Schloßhauptmann. Hernando peitschte mit strengen Blicken die Sklavin hinaus und ging selbst, Don Pedro zu holen.
Unterdessen suchte das prüfende Auge des Mönches das Zimmer ab. Kaum daß er damit begonnen, trat der Graf ein.
„Ich komme im Auftrag des Primas von Spanien, um den beiden Gefangenen die Entscheidung abzuverlangen. Taufe oder Auswanderung.“
„Sie werden für keine zu haben sein,“ sagte Mora mit verdüsterter Stirn.
„Dann wird man keine Ausnahme machen können. Man hat es mit Aufrührern zu tun.“
„Man hat es mit edlen Menschen zu tun.“ Der Graf straffte seine Gestalt. „Ich sah den Imam die erregten Mauren beschwichtigen, sein Gebaren war Nachgiebigkeit und Demut, man tut ihm unrecht, wenn man ihn als Aufrührer behandelt. Wollt Ihr, daß ich Euch zu den Gefangenen führe?“
Der Priester nickte. Bald darauf standen sie im Zimmer des Imams. Neben ihm schreckte Reija empor, als sie den Dominikaner sah. Was wollte man wieder von ihr? Und was sah dieser Mönch so von oben auf sie herab? „Väterchen, dieser hier will uns verderben,“ flüsterte sie arabisch dem Imam zu.
Der Santon streichelte über ihre Stirn. „Gott sendet seine Sekina, die Engel, zu den Gläubigen. Was willst du von uns, du, dessen Antlitz Gott verherrlichen möge?“
„Das königliche Edikt fordert Eure Entscheidung. Wollt Ihr die Taufe nehmen?“
Ohne Pathos, nur mit dem Ausdruck innerster Überzeugung sprach Abu Atir: „Ich kann die Taufe nicht nehmen. Möge dich Gott in deinem, mich in meinem Glauben stärken. Ich will auswandern, wenn es denn sein muß.“
„Ein Mann von Eurer Geistesstärke hat die Kraft, das Blut der Mauren und Berber zu erhitzen, und wir wollen nicht wieder Schiffe landen sehen in Malaga.“
Der Imam lächelte. „Möge Euch Gott die törichte Furcht nehmen. Ich bin alt, und meine Kräfte schwinden. Ich habe mein Ansehen nur zur Glättung wilder Herzenswogen gebraucht, nie um Sturm zu entfachen.“
„Ihr kämt in das Land Boabdils. Es ist gefährlich, zum Tiger einen Tiger zu schicken.“
„Insch’allah! So laß mich denn in Granada bleiben.“
„Aber es werden Euch Mauern umengen —“
„Li amri!“ Abu Atir starrte den Mönch an. „Ich soll — ewig —?“
„Man will sicher sein vor Euch.“
Reija warf sich schluchzend an die Brust des Greises. „O mein geliebtes Väterchen!“
Der Imam ließ die Hände langsam über seinen Körper gleiten, hinauf und hinab, sein Leben zu erfühlen. Dann sagte er weich und demütig: „Laßt mich — hier — mit diesem Kinde —“
„Ihr müßt einen härtern Kerker annehmen.“
Ein jäher Tränenstrom brach aus den Augen Reijas.
„Christen! Warum martert ihr uns?“ würgte sich die Verzweiflung aus der Brust des Santon. „Was ist denn unser Verbrechen? Weißt du, Christenpriester, was Gott den Toten nachsagen läßt durch den Mulakkin, der an seinem Sarge betet? Sohn einer Dienerin Gottes, es steigen zwei Engel zu dir herab und fragen dich, wer dein Herr sei. Dann antworte: Gott ist mein Herr. Und sie fragen dich nach deinem Propheten. Antworte: Mohammed ist der Prophet. Und sie fragen dich über deinen Glauben. Antworte: Der Glaube Mohammeds ist mein Glaube. Und sie fragen dich über das Buch der Lebensführung. Antworte: Der Koran ist es. Und sie fragen dich nach der Kibla, der Richtung deiner Gebete. Antworte: Die Kaaba zu Mekka ist meine Kibla. Ich habe gelebt und bin gestorben in dem Bekenntnis, daß nur ein Gott ist und daß Mohammed sein Gesandter. Und die Engel werden dir zurufen: Schlafe in Frieden. Und wenn sie den Toten so freudige Botschaft bringen, wie muß das Wort im lebendigen Herzen hallen! Auf der Wallfahrt des Abschieds hat Mohammed auf dem Berge Arafa gesprochen: Wer vom Glauben abtrünnig wird, dessen Werke sind ausgelöscht, und er gehört in dieser und jener Welt zu den Untergehenden. Es können nicht zwei Schwerter in einer Scheide ruhen. Wer von dir verlangte, Kündiger des Nasranij-Glaubens, von ihm abzufallen, was würdest du ihm erwidern?“
„Ich lebe und sterbe im Herrn.“ Dunkeltönig klang es von den bläulichweißen Mönchslippen.
„So laß mich auch so sagen,“ bat der Imam herzinnig. „Bismi allah!“
„Dann müßte ich auch dem Teufel seine Besessenheit lassen,“ hieb der Dominikaner mitleidlos drein. „Euer Glaube ist ein Wahn.“
„Und der Eure? Es kann alles Wahn sein, was Menschen treiben. Sei duldsam, grausamer Mahner, dem Gott gnädig sein möge!“
Pater Leon wandte sich mit einer raschen Bewegung an das verschleierte Königskind. „Wollt Ihr dasselbe Schicksal leiden?“
Reijas Augen durchstachen das Herz des fremden Priesters, wie damals bei dem Kampf um den Koran. Wie wildes Feuer spürte sie es durch das Blut rasen. Einen Herzschlag lang wehrte sie sich gegen das Anstürmen der beschwörenden Mächte, die sie zur Besinnung drängten, dann warf sie alle Bedenken wie Asche von sich, und mit ihrer rührenden dunklen Stimme, in der die verhaltene Angst zitterte, antwortete sie: „Ich will — versuchen — die Taufe anzunehmen.“ Ihr Kopf sank auf die Brust, ihre Glieder lösten sich, und sie mußte sich an den stützenden Arm des Grafen lehnen.
Abu Atir glaubte in seinem Leib das Blut erstarren zu fühlen. Langsam, als müßte er erst eine Lähmung der Muskeln und Sehnen überwinden, kehrte er sich zu seinem Schützling, und mühsam suchte sein Hirn Begriffe zu gestalten. Sein Prophetenbart zitterte, der nächste Augenblick konnte den Greis umwerfen.
Don Pedros Arm half auch hier; so stand er, der eiserne Hüter, wie ein Samariter zwischen zwei bedrängten Menschen. An das Meer seiner Gefühle wagte sich sein Verstand nicht heran aus Angst, es könnte ihn überfluten. Doch schwangen wie sonntägliche Orgelklänge in seinem Ohr die entscheidenden Worte des Mädchens.
Man hörte den Regen rauschen und die Abendglocken klingen. Pater Leon trat ans Fenster und bekreuzte sich. Dann kam er zurück und reichte Reija die Hand. „Welch ein Augenblick unsäglicher Gottesgnade! Ich will selbst die Taufe an Euch vornehmen. Ihr werdet Marias Stimme hören, und Eure Zukunft wird durchströmt sein vom Segen des Herrn. Seid Ihr getauft, so soll Euern Schritt aus dem Gefängnis nichts mehr hemmen.“
Reija kämpfte mit sich. „Gottes Wohlgefallen mit dir, Faki der Christen! Mein Nährvater ist alt. Laß mich hier an seiner Seite weilen, ich will seine Schritte stützen, vielleicht fließt aus dem Brunnen meines neuen Wesens auch eine Welle in sein Herz, und Ihr habt dann statt einer Seele zwei gewonnen.“
„Ich will mit dem Grafen Tendilla sprechen,“ sagte Leon tiefbewegt. „Man wird wohl die Gnade üben, dem Imam das bisherige Gefängnis zu belassen, nur mit Rücksicht auf Euern Taufentschluß.“
Don Pedro de Solar trat an das Mädchen heran. „Habt Dank für diese Wandlung. Gestattet mir, daß ich Euch selbst zur Kirche geleite.“
Sie nickte mit klopfendem Herzen. Kein Blick auf ihn verriet die Bewegung in ihr. „Laßt mich jetzt eine Stunde allein mit Abu Atir.“
Der Graf verließ mit dem Dominikaner das Zimmer.
Pater Leon verzog die Lippe kostend wie ein Feinschmecker, der den ersten Biß in einen köstlichen Pfirsich tut. Würdelos betete er flüsternd das Salve Regina vor sich hin.