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Granada in Flammen

Chapter 25: Dreiundzwanzigstes Kapitel
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About This Book

Die Erzählung schildert das Leben maurischer Flüchtlinge und Hirten in den Alpujarras nach dem Verlust von Granada, verbindet schroffe Natur- und Klimaelemte mit alltäglichen Details wie Herdenpflege und kargen Behausungen. Im Fokus stehen persönliche Beziehungen, die Sehnsucht nach einer Rückkehr und die religiösen und kulturellen Traditionen, die Gemeinschaft zusammenhalten. Lebhafte Landschaftsbeschreibungen wechseln mit Momenten innerer Erinnerung, Hoffen und praktischer Fürsorge, während Figuren Armut, Treue zu Gebräuchen und die Hoffnung auf politische Wiederkehr abwägen.

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Wenn die wunderschöne Königstochter vorbeireitet, ist es, als zöge ein Meteor über den granadinischen Himmel. Alles gafft und starrt. Die bronzene statuarische Gestalt auf dem weißen Zelter gleicht einem Beduinenmädchen, das ruhevoll durch die Zeltgassen ihres Stammes zieht. Man spricht in den vornehmen Häusern der Christen von dem Reiz dieses Mädchens mit demselben Eifer, den man Maurenkämpfen, Turnieren und Stiergefechten widmet.

Der Graf Tendilla brachte ihr die Huldigung der andalusischen Ritter in der Form eines goldenen Standkreuzes. Übergetretene Fakis beglückwünschten das neue Taufkind und granadinische Christenmädchen tanzten vor der Alcazaba an schönen Abenden den Fandango.

Doch so ruhig die Stadt schien — draußen in den Alpujarras erhob sich dräuend das Gespenst des Aufruhrs. Die Beni Mossad, hieß es, seien nicht ausgewandert, sondern befänden sich mit ihrem Anhang in den Bergen, wo sie die Monfis sammelten, um den geliebten Imam zu befreien. Tatsächlich hielt Maria de Calabreña heimlich Verbindung mit dem Gebirge, es kamen als Bettler und Händler verkleidete Vertraute in den Alkazar und gaben dort ihre Briefe ab, die dann Doña Maria in den Turm der Cautiva schmuggelte.

Das Königskind litt an seiner Liebe. Ihr Herz unterschrieb nicht, was ihr Verstand ausklügelte. Oft horchte sie hinaus in die Nacht, die schon auf ihren Schwingen Frühlingsvorschauer hereintrug, und ihr war, als müßte sie aus dem Turm fliehen, weit, weit weg, um dann ihr Schicksal fern von der Alhambra zu beweinen. Es kamen sonnenwarme Tage, aber sie belebten das Gemüt Reijas nicht. Selten sah sie den Grafen de Mora. Nur durch Saffana erforschte dieser die Seelenstimmung des Mädchens. Auch er war von dunklen Gewalten hin und her geworfen, die alte Dienstbeflissenheit war erstorben, seine Strenge gab sich gequält, sein Ordnungssinn war erschüttert.

Eines Tages stand wieder Hernando de Rojas vor ihm, das Freundesherz beladen mit Sorge. Don Pedro hielt ihm freudestrahlend einen Zettel mit Versen hin.

Hernando riß die Augen auf. „Die Welt hat ein Loch bekommen.“

Der Freund errötete wie ein Knabe. „Ich versuchte, in der Überschwenglichkeit ihrer Sprache etwas Liebes über sie zu sagen. Sei nachsichtig.“

Aber der Gelehrte konnte es nicht sein. „Das ist nicht die Ausgeburt arabischer Phantasie, und ich bezweifle, daß dieses Kunstwerk auf persischer Seide in der Kaaba von Mekka unter den Muallakat hängen wird. Es ist kein Maß darin, aber Maßlosigkeit ist das Zeichen der Verliebtheit. Du verglosest langsam und wirst eines Tages jämmerlich zu Asche werden. Mach’ ein Ende, indem du einen Anfang machst. Du kannst so dem König nicht weiter dienen.“

„Man dient hier in Granada nicht dem König mehr, sondern Ximenes. Wohin geht Spanien? Sollten wir es erleben, daß Ximenes Schlachten liefert, während der Feldherr Gonsalvo den Rosenkranz betet?“

„Es ist in Wahrheit nicht das, was dich flügellahm macht.“ Hernando warf sich in den Wust arabischer Felle. „Deine Augen leuchten nicht mehr morgendlich wie die eines Phöbus. Deine Stimme tönt nicht mehr hell, dein Gehaben ist nicht frei und offen. Gradheraus — willst du Doña Reija zum Altar führen? Sie ist die natürliche Tochter eines Königs. Zugegeben, daß dein Geschlecht sie aufnimmt, aber auf deinen Kindern haftet der Fluch der Mutter, die nur Neuchristin ist. Überlege alles, aber dann endlich eine Tat!“

Der Graf raffte sich lächelnd auf. „Worte, Worte! Ich habe Doña Reija um eine Unterredung gebeten. Ich will sie bitten, daß sie — auswandert.“

Hernando sprang auf. Dann sprühte ein Gelächter von seinen Lippen. „Daran glaubst du selbst nicht.“

Verärgert drängte der Graf den Freund zur Tür hinaus. Es kam die Stunde, da Reija gewöhnlich aus der Stadt in die Alhambra geritten kam. Nun mußte Saffana jeden Augenblick erscheinen und ihn bitten —

Er brauchte nicht lange zu warten. Die muntere Sklavin rief ihn zu ihrer Herrin. Er umgürtete sich nach Ritterart und ging in den Turm der Cautiva.

Schon auf der Treppe empfing ihn der Wohlgeruch arabischer Spezereien. Eine Tür, dann ein schwerer Vorhang, den Saffana zurückschlug.

In der Mitte des Gemachs stand wie ein Schattenriß die Gestalt Maria de Calabreñas mit dem Rücken gegen die Kerzenflamme. Der Graf konnte die abgedunkelte Haut des Antlitzes mit dem geraden Spalt der festgeschlossenen Lippe und die schwarze Haarkrone sehen. Saffana warf den Vorhang hinter ihm zu.

„Salam Alaika!“ Die Granatblüte zwischen ihren Zähnen fiel zur Erde. „Der Engel Israfil behüte den Schritt deines Fußes! Esch chabar? Was gibt es Neues?“ Sie wies ihm den Schemel an.

Er blieb stehen. Er fühlte, wie das Gewirr der gemusterten Wandflächen mit ihren verschlungenen Linien, Sternen, Figuren und Ranken und das Farbenspiel der Decke seine Gedanken abschnitt. Er knetete den schwarzsamtnen Hut in der Hand und drückte ihn zum Gruß an seine Brust. „Der Gefangene ist doch wohlauf?“ fragte er.

„Er ersehnt den Tag, da seine Freiheit keine Gefahr mehr für Spanien bedeutet.“ Es klang müde und kühl.

Der Graf nahm sich ein Herz. „Es ist die Meinung des Grafen Tendilla, — daß — der Gefangene — mit einer Sklavin sein Auslangen finden könne.“

Maria de Calabreña sah ihn mit gelindem Schreck an. „Soll das heißen, daß ich hier nicht mehr kommen und gehen darf?“

Der Graf machte eine jähe Bewegung. „Man — bittet Euch, die Alhambra nicht mehr zu betreten.“ Wie schwere Gewichte fiel ein Wort nach dem andern.

Reija drückte die Hand aufs Herz. „Die Gründe, Feta, die Gründe! Der Gobernador bittet mich? O welch ein Caballero!“

Der Graf sah ihr Gesicht im Schein der Kerze spöttisch aufblitzen. Eine glühende Blutwelle schlug über sein selbstquälerisches Herz, bis hinauf in seinen Hals, wo sie ihm den Atem nahm.

Maria de Calabreña lag mit morgenländischer Ungebundenheit auf dem Diwan, die Glieder etwas gestrafft, den Oberleib leicht aus den Hüften gebogen, die schönen Arme wie schlanke Säulen als Stützen nach rückwärts gesteift. Ihre Augen sahen umflort vor sich hin in den Schoß. „Warum quält man den alten Mann und — mich? Was soll ich noch tun? Ich bin Christin geworden und bete zum Gott der Spanier —“

„Findet Ihr — Erquickung im neuen Glauben?“ Es war, als schösse er einen Pfeil nach ihrem Herzen.

„Man will spanische Christen haben, das übrige ist doch gleichgültig. Fragt den Schmetterling, der gewohnt ist über Blumen zu schaukeln, ob er sich im kahlen Zimmer wohl fühlt. Leon macht es uns nicht leicht, an den starren Gesetzen des Glaubens Gefallen zu finden. Aber seid Ihr dieser Sorge wegen gekommen? Bi nefsi, Ihr seid gütig.“ Sie warf den Oberleib nach der Ecke hinüber, als wäre sie müde.

Da schleuderte er es wie eine Überlast von sich: „Ihr müßt die Alhambra verlassen.“

„So will ich’s eben tun — Bismi allah!“ Sie sagte es mit der trotzigen Dunkelheit im Ton, die dem Grafen immer alle Sinne nahm. „Wann soll es geschehen?“

„Morgen — — heute — —“ Don Pedro würgte an den Worten.

Sie durchsprühte sein Gesicht wie ein witternder Wolf. „So schnell will mich der Graf Tendilla forthaben?“

„Nicht er — ich selbst will es.“

Wie ein Steinwurf flog es in ihre Brust. „Was hab’ ich getan — daß Ihr — mich so —?“ Sie stockte unter kaum verhaltenen Tränen.

Ihm war, als müßte er sich mit einem Tigersprung an ihre Seite stürzen und ihre Hände an sich reißen.

„Seid bedankt — für die Milde — mit der Ihr — uns —“ Wieder schnitten ihr Tränen das Wort entzwei.

Das letzte verzweifelte Wehren brach in ihm zusammen und mit dem aufgewühlten Schmerz des Scheidenden trat er auf sie zu und ergriff heftig ihre Hand. „Bevor Ihr geht — seht mir ins Auge.“

Sie wandte sich um. Ein weher Strahl aus ihrem verschluchzten Auge traf ihn.

Er brach ins Knie und küßte die heiße Hand des Mädchens mit schmerzlicher Glut. „Hier — hier liegt mein wahres Gesicht — schlagt mir die Würde aus dem Leib — ich kann nicht anders — so, so liebe ich dich!“

Ihre Hand griff ans Herz. Dort brannte und loderte es wild auf. O war dies noch dasselbe Herz, das auf Verderben und Trug sann? Was für Speere zerstachen nun diesen Klumpen Fleisch in ihrem Leib, den sie Herz nannten? Wandelte sich nicht die Wildnis in ihr zu einem Garten, in dem ein Meer von duftenden Rosen leuchteten? Speere und Rosen zugleich? Ach, war das wirklich der Liebe schmerzlich-feierliche Berührung, die sie aus einer gewohnten Welt emporhob in eine neue, in der noch jeder Atemzug Bedrückung war? Flog ihr eigener entbundener Geist nun einer Hölle oder einem Paradiese zu? Tropfte da wirklich der Liebe schweres Leid aus seiner Seele, die sie bisher verkannt? Und wie die wilden Bergbäche in den Barrancos überstürzten sich jetzt Gefühle und Gedanken, und haltlos schien ihr Körper dem Andrang mächtiger Gewalten zu erliegen. „Feta — Feta — nun weiß ich — daß ich gehen muß.“

Wie glühender Hagel fielen seine Küsse in ihre zitternden Hände. „Eure Nähe versengt mich — geht oder bleibt — ich bin verloren.“ Erschütternd strömte die Wollust des Schmerzes von seinen Lippen.

Seine Hilflosigkeit gab ihr Stärke. Sie entzog ihm langsam die bebenden Finger. „Was — hast du getan? Auf dem Triebsand einer flüchtigen Liebe willst du —? o Gott mit den neunundneuzig Namen — die Ehre des Königskindes — in den Staub — flieht mich, denn ich fürchte Unheil.“

„Fliehen — bleiben — das Unheil kommt!“

„So bleib!“ Aus dem Überschwang des vollrauschenden Glücks klang es in sein Ohr. Und ihre Hand fiel wie segnend auf seinen Scheitel.

Aus den Schlingen des Schmerzes riß er seinen wunden Menschen und warf ihn an ihre Brust. Gewaltig wie ein Rolandstreiter den Feind umarmt, zog er das Mädchen an sich, daß die aufgebrochene Rosenblüte ihres Mundes vor ihm lag. Dürstend sog sie die Glut seiner Küsse ein. Unbehilfliche Liebesworte drängten sich erschütternd in das wilde Geben und Nehmen. „Gott — was hab’ ich — getan? Wer wird mich vor mir selber retten?“ keuchte ihr zuckender Mund.

Aber der Graf jubelte auf: „So trotz’ ich tausend Maurenschwertern! Ich habe eine Christenbraut!“

Über das mittönende Gemüt des Mädchens lief ein Schatten. War ihr Christentum nicht nur Schein und Maske? Trotzte nicht eine ganze Glaubenswelt in ihr gegen das innere Erleben des Christengottes? Wußte sie denn überhaupt, was sich im Wirbel in ihr drehte? Flog nicht eben erst ihr Liebestraum wie ein junger Adler aus dem Horst und lag nicht erst das neue Luftmeer vor ihm, in dem er heimisch werden sollte? Sollte sie die Sonnenlichter des neuen Glücks durch die Wolken ihrer zweifelnden Gedanken trüben? Zerstören, was sich kaum als lichter Tempelbau aus ihrer Seele hob? Christin! „In Gottes dreimal geheiligtem Namen!“ stammelte sie überselig. „Liebster — Feta du — Feta der Sonne — war es dein, unser Gott, der den Haß an der Liebe zerschellte? Ach, haßte ich dich denn je, du Heißgeliebter? Nein, Unglück ließ mein Glück keimen — Insch’allah!“

„Und ich haßte, als ich dich sah, auch deinen Gott nicht mehr,“ sagte er bewegt.

„Geliebter! Hast du mir Liebe geraubt? Gegeben? Habe ich sie mir genommen? Dir gegeben? Quillt sie aus meinem, deinem Herzen? O welch ein Wirrsal ist sie!“

„In meinen Armen ein Königskind!“ brach aufs neue der Jubel aus seiner Seele. „Nimmer darf mein Geschlecht ein Königsblut verdammen, und mein Adelsbrief ist gewichtig vor dem König, meine Verdienste stützen, was auch ohne sie schon Wert besitzt.“

„O mein Herz! Du Spiegel der Höflinge, der Tapfern Tapferster, du Stürmer in der Schlacht — aber bei den Müttern der Gläubigen! Ich will kein Königskind mehr sein! Deine Geliebte will ich sein — deine Taube, Rose, dein Schmetterling — gib mir die Liebesnamen deines und meines Volkes.“

„Engel des Herrgotts bist du mir!“ Er küßte ihre Wimpern, die wie eine zarte Palisadenwehr ihre Augen schützten, und das schwarze Haar, aus dem der warme Hauch balsamischer Südnächte stieg. Und dann nannte er sie wieder bei dem alten Namen, der ihm durch der Liebe Erwachen geheiligter erschien: „Reija!“

Bei diesem Klang rauschte ihr Inneres wie eine Feuergarbe auf. „Nenn mich immer so,“ bat sie rührend. „Ach, wieviel hab’ ich dir zu vertrauen, Freund meines Herzens!“

Und er zog in Überseligkeit seine Verse heraus, die der Freund gescholten. Reija machte große Augen und las sie verzückt. Aber auch sie rümpfte ein wenig die Nase über den verliebten Dichter. „Weißt du, Habib, mein Freund, deine Bilder sind zuwenig maurisch. Du mußt die Zähne der Geliebten mit Hagelschloßen vergleichen, ihre Wangen mit Rosenwasser, ihr Auge mit Narzissensternen, das Schönheitsmal auf ihrer Wange mit der Ameise, die nach dem Honig des Mundes schleicht.“

„O Meisterin des Worts! Belehre mich mit Blick und Lippe,“ bat er innig.

„Weißt du, was Ibn Chaldun der Dichter sagt? Wer Verse machen will, lebe der Einsamkeit.“

Don Pedro schüttelte unmutig den Kopf. „Das will ich nicht.“

„Er muß sich unter Blumen am Wasser der Träumerei hingeben.“

„Das will ich nicht.“

„Was willst du also, unwilliges Labsal meines Auges?“ lachte sie.

„An deiner Seite weilen, du bist mir Blume, Wasser, Einsamkeit und Traum.“ Er verwühlte sich in ihre Seide.

„O du ungeduldiger Liebling der guten Dschinnen! So wirst du ein besserer Liebhaber als Dichter werden!“

„Mag’s drum sein!“ brach er in hellen Jubel aus. „Du bist mein, mein! Und die Welt lacht im freundlichsten Schein! In deinem frühern Leben war das Frauenherz eine Ware, ein Geschenk, ein liebenswerter Gegenstand, aber keine Perle, um die man ringt. Als Christin erst hast du deinen Wert erhalten.“ Er sah ihre umflorten Augen. „Was hast du, Rose von Andalus?“

Sie schmeichelte ihren vertrauerten Kopf an seine Brust. „Nenn mich so. Werda heißt sie auf maurisch. Deine Werda will ich sein. Sieh, ich bin aufgewachsen im maurischen Wesen und will nicht ganz vergessen, was mir einst teuer war. Und wenn ich in Sitten und im Glauben strauchle, hilf mir mit deiner Liebe auf — richte nicht gleich — hab’ Mitleid mit mir.“

Er drückte ihre zarten Glieder an sich. „Nicht siebenmal, sondern siebenmal siebzigmal will ich dir verzeihen, wenn deine Gedanken wanken, ich will Verteidiger deiner Schwäche, nicht ihr Stürmer sein. Ist mir doch, als müßten deines Jugendgottes Kräfte herrlich gewesen sein, da sie soviel Reinheit und Tugend schaffen und bewahren konnten. Aber sieh, du bist herausgehoben aus der zweifelhaften Gnade deines Allah und brauchst nicht mehr bekennen: Ich bin Mohammeds! Der Gruß deiner frühern Schwestern ist ein scheuer Gruß und deiner frühern Brüder Blick zum Himmel ist dunkel. Der Christenglaube erglänzt im Nimbus über ganz Spanien. Wie arm wärst du gewesen, hättest du das Schicksal maurischer Frauen erfahren. Hingeopfert zu werden der Laune eines Mannes, verhandelt zu werden an den Meistbietenden, der dich selbstherrlich ins Brautbett zerrt, um bald darauf eine zweite, dritte hineinzubetten. Heilig ist uns die Frau und heilig bist du mir. Im Licht des neuen Glaubens badest du deine Seele, sprichst durch des Priesters Vermittlung mit Gott, hast Schwestern, Brüder, die in gleicher Andacht dem Höchsten dienen, dein Gemüt erlabt der süße Gesang der Chöre, Heilige hast du als Fürsprecher vor dem Thron, hast Maria, die Jungfrau voller Gnaden im Bilde nah, und in Demut wandelst du zwischen gleichgesinnten Menschen zur Kirche.“

Aber sie warf sich in der Aufgewühltheit ihrer Gefühle an sein Herz. „Ach, ich will ja so gern glauben — um deinetwillen — aber ich flehe dich an — hasse mein Volk nicht!“

Er glühte es mit feierlichem Schwur auf die Lippen: „In deiner Liebe begrub ich längst meinen Haß.“

„Und willst mir helfen, das Los meiner Mauren zu lindern?“ Ihre Augen rückten bang von ihm weg. Ihr war, als träfe sie jetzt eine Enttäuschung.

„Ich will meine schwache Kraft in den Dienst der Liebe stellen.“

„So stärke Gott der Erhabene diese Kraft!“ rief sie beseligt aus. Und im Drang, die Gunst des Augenblicks zu benützen, flüsterte sie: „Es schmachten so viele Unglückliche in den Kerkern — sie verzehren sich nach Freiheit und Licht — sie wollen auswandern — Eswer Ben Zerragh ist darunter —“

Der Name fiel wie Eis in die Glut seines Herzens. „Reija! Hier unter den ersten Schauern der Liebe schwöre mir, daß dieser Name dir nicht teuer ist.“

Sie wehrte sich mit leuchtenden Augen. „Der Name ist mir teuer. Die Abencerragen halfen meinem Vater auf den Thron. Doch der Mann, der den Namen trägt — er liebt mich, aber ich — liebe ihn nicht.“ Wie eine schöne, schwere Brautgabe legte sie es vor seine Eifersucht hin. „Den Reichtum meines Herzens dürfen nicht zwei teilen, denn was ich gebe, bin ich selbst, meine Art, mein königliches Blut. Wie sollte ich zwei damit beglücken können!“

Noch glaubte er diesen beschwörenden Blicken nicht. Zu heftig loderte die Eifersucht in ihm. Da drängte sie weiter: „Ich will ihn nicht sehen, wenn er frei ist. Er soll entkommen, wohin er will, nur nicht in meine Nähe. Triffst du ihn in Granada, sei er dir verfallen. Ich will ihm schreiben, er möge nie gegen die Spanier kämpfen. Und du —“ ihr heißer Blick wurde lauernd — „du läßt den Zettel hineinschmuggeln — und ich sorge dafür, daß eines Nachts die Wache unter dem Velaturm ein verkleideter maurischer Soldat hält, der für gewisse Dinge kein Auge hat.“

„Bist du wahnwitzig?“ fuhr der Graf in die Höhe.

Ihre Finger zitterten heißerregt an seinem Hals hinauf. „Pedro — mein Pedro. Hast du mir nicht versprochen, die Leiden meines Volkes zu mildern? Ach, wie könntest du mich lieben, wenn du in der ersten Stunde des Glückes den Wunsch deines Mädchens verwirfst! Du liebst mich nicht — liebst — mich — nicht —“

Ihre Tränen perlten auf seiner Hand. Und Don Pedro, der einst Weibertränen als listige Maurenwaffen verlacht hatte, brannten diese kostbaren Perlen wie Feuer ins Gebein. Mitleid, der Liebe so nah verwandt, stieg in ihm auf. Aber konnte er die Tat vor seinem Gewissen verantworten? Und wenn er ihr alles selbst überließe? Ihrer weiblichen List das Schicksal des Gefangenen auslieferte? Wenn er kein Helfer, sondern nur ein Blinder, Tauber wäre? Und hatte nicht der König selbst Verträge gebrochen? Warum sollte des Königs Untertan nicht das Unrecht wieder gutmachen, das an den Mauren begangen wurde? War diese Befreiungstat nicht eine schwache Wiedervergeltung gegenüber dem großen Volksleid der Auswanderung und der gewaltsamen Bekehrung? Wenn dieser eine flüchtete, blieb nicht noch tausendfach schweres Unrecht zurück? In diesen Augenblicken seligster Hingebung an sein Mädchen, wo alles, was die Geliebte forderte, mit dem Nimbus der Gerechtigkeit umstrahlt war, umnebelte die Liebe alle seine Begriffe, sie verwischte ihre Grenzen und taghell leuchtete nur die Nacht in den geliebten Augen.

So rang sie ihm ein Versprechen nach dem andern aus der Brust, schmückte ihre List mit hundert süßen Zutaten aus und handelte ihm endlich die Zusage ab, daß in jener gefährlichen Nacht unter dem Turmfenster Eswers nur die Wache stehen würde, die dem Herzen Reijas angenehm war. Völlig berauscht von dem abenteuerlichen Sinn seines Mädchens, der dem seinen nah verwandt war, erschien ihm der Plan beinahe gerecht.

Aufatmend löste sich Reija von ihm los. „Unsere Liebe scheue noch den Tag und die Menschen, bis die Zeit ruhiger geworden. Komm morgen um diese Stunde wieder. Ich will dir Lieder singen und unsere Leila tanzen, wie sie die Beduinenmädchen am Feuer springen. Pater Leon wartet auf mich —“

„Du gehst zu ihm?“ Jeder Männername durchzuckte ihn mit dem Stachel der Eifersucht.

„Ich muß. Ich sehe Jesus, Maria, Heilige und Propheten in freundlicherem Licht. Deine Gottesmutter ist süß, und das Leben aus dem Tod des Nazareners fängt an, einen Sinn für mich zu bekommen. Und weil du an Maria glaubst, will ich’s auch tun.“

„O unser Glaube ist schön,“ schwärmte er, „und er kann dem Reinen Wonnen öffnen, wie er dem Sünder Höllenqualen erschließt. Aber wie könntest du sündigen, du selbst ein Engel Gottes?“

„Nur in allzu großer Liebe zu dir, Pedro!“ Sie drängte ihn sanft zum Vorhang, zur Tür und hinaus in die Nacht.

Und gleich darauf weinte sie am Herzen Saffanas ihr junges Glück aus.

Die muntere Sklavin schluchzte hell mit und lachte dann unter Tränen. „Kismet! Kismet! Er war ein Nimr, ein grimmer Panther. Aber nun klingen dir seine Worte lieblich wie das Getrappel der schönen Gazellen an der Tränke. Kismet alles!“

Reijas Gedanken stürmten in einen ambraduftenden Traum hinein, in dem der Name Don Pedro de Solar wie schwingende Morgenröte in ihr halbbetäubtes Ohr klang.