Fünfundzwanzigstes Kapitel
Über die Kaktus- und Aloehecken der Landhäuser strichen die balsamischen Düfte der aufgewühlten Frühlingserde. Das Licht in den engen Gassen wurde klarer und goldener, der Darro brauste jugendlicher am Hang der Alhambra vorbei, in der Vega keimte die junge Saat auf und an den vergitterten Fenstern des Albaycin prangten die ersten Blumen.
An einem goldblitzenden Morgen ging es wie ein Lauffeuer durch die Stadt: Eswer Ben Zerragh ist entsprungen. Der Gobernador fluchte. Man untersuchte das Gefängnis, man vernahm alle Wachsoldaten ein, nur den einen nicht, der entflohen war. In die Gebirge wurden Streifscharen geschickt — ohne Erfolg. In die Barrancos der Alpujarras wagte man sich nicht, da die Monfis zu zahlreich waren. Um so gewisser war es, daß sich der entsprungene Maurenfürst in dieses Retiro geflüchtet.
Das Herrscherpaar wurde erwartet. Die Königin wollte die ‚bekehrte‘ Stadt in ihrem neuen Glaubenskleid sehen. Ximenes ritt ohne Bedeckung durch die Gassen. Das stählerne Gemüt des Kanzlers glaubte sich gottgeborgen. Der Erzbischof Talavera versank neben ihm in ein wesenloses Nichts. Pater Leon, der scharfe Seelenreiniger und -peiniger, ernannte seine theologischen und weltlichen Beisitzer und bald wurden neue Edikte des geheimen Gerichts in den Gassen ausgerufen und es war zu hören, daß eine Unzahl von Handlungen und Unterlassungen durch das heilige Gericht geahndet werden würden: Hexerei, Gotteslästerungen, das Anrufen von Teufeln, das Bezweifeln von Glaubensartikeln, das Beschimpfen und Beschädigen von Kruzifixen, das Verführen von Frauen im Beichtstuhl, die Vernachlässigung der Anzeigepflicht von Ketzern und vieles andere, was ein teuflischer Erfindungsgeist spitzfindig ausgeklügelt. An den Wochentagen zogen die Familiares mit Trompeten und Trommeln unter Anführung des höchsten Alguacil durch die Gassen, und auf den Plätzen wurde das Edikt verlesen. Binnen sechs Tagen mußten die Anzeigen über jene Personen erstattet sein, die sich eines der bezeichneten Vergehen schuldig gemacht hatten. Den Denunzianten wurde völlige Verschwiegenheit zugesichert. Selbst dem Beschuldigten sollte ihr Name nicht genannt werden.
Die Moriskos erschraken vor dieser gräßlichen Rechtsprechung. Wer einen Feind hatte, war ihm wehrlos ausgeliefert. Jeder Haß konnte sich durch die Tür der Inquisition Luft machen, wer einen anderen schädigen wollte, brauchte nur eine falsche Anzeige erstatten und man schenkte ihm Glauben. Niemand war mehr seines Eigentums, seines Lebens sicher. Schrecklicher noch als die aufrechten kastilischen Soldaten des Königs trat jetzt das Gespenst des furchtbaren Gerichts, dessen Vorschauer schon vor Wochen aus Cordoba herübergestrichen waren, unter die bebenden Moriskos. Sie, die kaum eine flüchtige Berührung mit den Dogmen der Kirche hatten und noch unsicher in den Riten herumtappten, konnten jeden Augenblick wegen einer angeblichen Übertretung gepackt werden. Wohl versprach man gelinde Strafen, aber man wußte, was man von spanischen Versprechungen zu halten hatte. Man zitterte um seine kärgliche Habe und vor der bevorstehenden Schmach, verspottet und beschimpft im Sanbenito jahrelang unter den Christen wandeln zu müssen. Alles zog sich furchtsam in die Häuser zurück, wo man wenigstens flüsternd das Leid von der Seele wälzen und dem alten Glauben nachtrauern konnte.
Die Könige kamen, begrüßt von der Moriskomenge, der man die Begeisterung in die Seele gedroht hatte. Vom Leid verdunkelte Mienen, freudlose Augen, verhärmte Wangen — fürwahr, die Königin hatte nicht viel mehr erwartet. Sie warf während des Eintritts beziehungsvolle Blicke nach Ximenes, um dessen Herz der Eisenpanzer der Härte lag. „Was für eine Stadt!“ entfuhr es ihren Lippen. „Das Volk scheint nicht glücklich.“
Der Erzbischof zuckte mit keiner Wimper. „Der einheitliche Glaube ist da.“
„Er ist mit Leid erkauft worden. Verzweifelte Klagen drangen über die Schwelle meines Gemachs. Man erwartet alles von meiner Gegenwart.“
„Wenn diese Gegenwart auch nur ein Haar von dem verrücken sollte, was meine starke Hand erbaut, dann wäre der heilige Eifer umsonst gewesen.“ Er sah die Königin mit einem bezwingenden Blick an.
„Hat die Inquisition Arbeit bekommen?“ fragte Isabella.
„Es ist möglich, daß zu Ostern Scheiterhaufen brennen.“
Die Königin erschrak. „Die Eile wird das Volk rasend machen. Meint Ihr nicht, daß die Barmherzigkeit größer sei als die Gerechtigkeit?“
„Man wird barmherzig sein und oft nur Güter einziehen, wo die Verbrennung angebracht wäre.“
„Große Seelen wachsen durch die Bedrückung. Die Moriskos haben große Seelen. Sollen sie uns noch gefährlicher werden?“
„Dann vollenden kastilische Reiter das, was wir begonnen,“ entschied der kriegerische Hohepriester. — — —
Der Graf de Mora hatte den Weg in die Alcazaba gefunden, wo nun Reija mit ihren Sklavinnen ihr junges Glück durchsann. In seinem Gewissen hämmerte die Schuld. Der Abencerrage war vogelfrei. Der Gewinn war durch ein schuldbeladnes Gewissen teuer erkauft worden. Reija wußte nicht, wohin sich der Maure gewandt. Aber der Graf schalt sich einen Toren, weil er die Flucht seines Rivalen selbst begünstigt. Dann verscheuchten wieder die Liebesbeteuerungen des Mädchens alle Wolken.
Als das Glaubensedikt kam, grübelte sich Reija mit ihrem beweglichen Verstand so gut es gehen wollte, in die Heilslehren hinein, nur bemerkte Don Pedro de Solar an ihr ein verdunkeltes Wesen, wenn sie von den Dogmen sprach. Dann machte er sich selbst Gedanken, wie sie oft den Menschen in den Stunden farbloser Dämmerung zu überfallen pflegen.
Hell brannten die Kerzen im dufterfüllten Gemach der Königstochter. Don Pedro saß neben ihr. Der Wohlgeruch ihrer Glieder wallte um das Gemüt des Liebenden. Er hörte ihren Mund so gern tönen. Sie sprach ihr Spanisch mit vielen arabischen Wörtern untermischt, betonte die Endsilben länger, als es im Andalusischen üblich war, wodurch etwas Singendes in ihre Rede kam, das dem Grafen gar wohl gefiel. Auch das R rollte sie scharf heraus, was ihr eine entzückende Herbheit gab.
Don Pedro schenkte ihr einen Ring mit einem großen Saphir.
Ihre Augen strahlten voll Eitelkeit. „O Liebster, wie weißt du zu schenken! Ich habe nie etwas Schöneres gesehen als diesen Ring.“
„Ich doch,“ lächelte er beglückt. „Die Hand, die ihn jetzt trägt.“
Reija schmeichelte sich an seine Brust heran. „O mein Feta! Weißt du, was mir noch zum Glück fehlt? Abu Atir soll frei sein!“ Es schlich nur so zwischen den Lippen heraus.
Don Pedros Auge verdüsterte sich. „Er tut mir leid, der alte Sid.“
Ihre Wimpern schlossen sich wie in Trauer. „Der Himmel hat einen Verkünder seiner Seligkeit verloren. Ob sein Stern je wieder aufgehen wird?“ Als sie sah, wie Don Pedros Stirn umwölkt blieb, lenkte sie ihre Gedanken auf freundlichere Wege. „Oh, wärest du einer von den Beni Osa! Sie haben den Wüstensand zum Bett gehabt, sagt Abu Atir. Sie haben unter buntbewimpelten Zelten geschlafen, Kamele verkauft und getauscht gegen Waffen und Kleider, haben herrliche Lieder gesungen und Lanzen verkämpft in Schlachten um Mohammed. Oh, wenn du von ihnen abstammtest! Und ich wollte von den Rosen von Iram stammen, die König Scheddad in liebender Glut als das Schönste auf Erden gepflanzt. O sag’, warum hast du uns Mauren einst so gehaßt?“ Sie kräuselte plötzlich ihren Mund.
„In deiner Liebe sühnte ich mein Unrecht.“ Er bedeckte ihre braunen Wangen mit Küssen.
„Wir hatten doch soviel für euch getan. Ja, ja, bi nefsi! An unsern Rittern stärkten die euren ihren Mut, von ihnen lernten sie die Verehrung des Weibes, und von unsern Baumeistern nahmt ihr die schönen Formen — und eure Romanzen und Tänze, sind sie nicht den unsern abgelauscht?“
Don Pedro fing das Wort auf. „Tanz! Tanz! Du sollst mir die Leila tanzen!“
„Das geht nicht, Liebling der Freude! Die Leila tanzen wir nur mit dem Schleier auf dem Leib.“ Sie versteckte schnell ihre Augen.
Der Graf zog sie an sich. „So hüll’ dich in drei Schleier, daß ich nichts erspähen kann.“
„Meine Brüste müßtest du doch sehen.“ Wieder schloß sie die Augen. Ihre Wimpernspeere stachen in sein Herz. „Aber weißt du, ich will dir aus der Hamasa singen. Saffana soll mich begleiten.“ Sie schlug in die Hand.
Die schöne Sklavin holte die Anafine vom Silberhaken. Und Reija hob mit weicher dunkler Stimme zu singen an. Es war ein arabisches Morgenlied.
„Wenn der Morgensonne Gruß die Berge rötet und das Vogellied erwacht, wenn auf Blumengrund der goldne Ferge herzieht und vertreibt die letzte Nacht, weint mein Aug’ um dich, das schon geweint, als die Nacht noch war dem Morgen feind. Aus den goldnen Mähnen fällt der Tau nieder auf die buntgeschmückte Au’, Sonnenwagen kreist um alle Erden — wann wird mir sein Glanz zur Freude werden?“
Verzückt lauschte Don Pedro. „Hernando weiß viele solcher Lieder, aber es klang mir keines so schön.“
„Wo ist der Feta?“ fragte die Sklavin schnell.
Der Graf warf ihr einen schelmisch-drohenden Blick zu. „Er ist dir nicht gleichgültig? Man merkt es wohl.“
Saffana wurde rot. „Er hat wirklich einen hübschen Mund.“
„Er schwärmt auch von deinem,“ lachte Don Pedro.
„Ei, hab’ ich nicht auch alle arabischen Schönheiten, die man Nesib nennt? Oh, sagt ihm doch, Stern der Sterne, ich gehe jeden Abend mit meiner Herrin zur Christenlehre und ich muß zwischen den Säulen einsam frieren, während sie in der Mosala heilige Worte hört.“
Der Graf verstand sie und nickte. „Ich will’s ihm sagen.“
Da huschte die Moriska beglückt hinaus.
Reija schmollte. „Dein gelehrter Freund hat ihr den Kopf wirbeln gemacht. Weißt du, wo die Maurenmädchen ihre Liebsten zu treffen pflegen? An der Tränenquelle. Sie heißt Dinadamar und liegt auf dem Hügel vor dem Elvirator. An dem Rand der ummauerten Quelle stehen Zypressen. Wenn eine Maurin einen Christen liebte, weinte sie dort ihre Tränen um ihn, bis das Wasser ihr zum Halse stieg, und dann geschah es meist, daß der christliche Freund in der Nähe war und seine Chiquilla aus dem Wasser zog.“
„Oh, lägest du dort in deinem Tränenwasser!“ seufzte Don Pedro schelmisch.
Sie hielt ihm den Mund zu. „O Männer! Was ihr im Dunkel der Nacht liebend sucht, schreit ihr bei Tag der Sonne entgegen.“
„Ich bin nicht einer der vielen. Aber nun mußt du tanzen!“
„Wenn du wegschaust,“ lächelte sie gefügiger. Und ohne eine Antwort abzuwarten, flog sie ins Nebenzimmer, um sich zu entkleiden.
Don Pedro atmete die Luft des Entzückens. Wie liebte er sie! Alles, alles an ihr! Das helle Leuchten des Tages und das Dunkel der Nacht in ihrem Wesen. Wuchs sie nicht vor ihm auf wie eine schöne, durch den gesegneten Himmelsstrich erschlossene Blüte, umschmeichelt von der Sonne Zauberkraft, geküßt vom Licht des Mondes, gehätschelt von des Südens weicher Luft? War sie nicht unerschöpflich im Geben und Schenken, in Erfindungen und neuen Gedanken der Schönheit? Sie war Ewigkeit und flüchtiger Genuß zugleich, ein klingendes Lied ihres Volkes, eine der Huris, aus dem Paradies gestiegen, dem Sterblichen ein leises Ahnen von den Freuden zu geben, die seiner warteten. Don Pedro liebte sie nicht mit dem Stachel der Wollust im Herzen, sondern mit dem reinen Gedanken der Besitzseligkeit eines solchen göttlichen Geschenks. Wie eine schöne Fackel sollte sie ihm das neue Leben, in das er durch sie getaucht, erleuchten.
Da öffnete sich die Tür. Maria — nein, Reija schwebte herein. Ihre Reize waren durch rosafarbne dichte Schleier verhüllt, aber Haupt, Schultern, Brüste, Arme und Füße waren frei. In der Türnische setzte sich mit gekreuzten Beinen die Sklavin hin und spielte auf der Anafine eine jener Tanzmelodien, wie sie die Beduinenweiber in den Zelten zu spielen pflegen, bald in rhythmisch wiegenden, bald in langgezogenen Tönen wehmütig hingehaucht.
Reija stand zuerst regungslos, nur die herrlichen braunen Schultern bebten leise. Dann löste sie sich aus der lauschenden Gebundenheit, langsam wiegte sich der Körper nach vorn, nach rückwärts, lockend dehnten sich die gemeißelten Brüste, dann schnellte ihr Oberleib plötzlich vor, ihr Antlitz war schreckgespannt, es war, als lauschte sie fernem Löwenbrüllen in der Wüste, dann erhob sie sich mit beruhigtem Lächeln aus der Stellung des Lauschens, ein sanftes Wiegen des ganzen Leibes drückte die Wohligkeit der Seele aus, und plötzlich, den lockenden Tönen völlig hingegeben, schnellte sich der Körper von der Fessel des Rhythmus los, und wie wenn sie ein Stachel aus dem Innern heraus anspornte, warf sie ihre Glieder in einer wilden, aber immer schönen Regellosigkeit hin und her, als drängte jede Fiber in ihr nach einem geliebten Gegenstand. Immer zügelloser wogte ihre Gestalt hin und her, ein sinnlich betörender Taumel erschien sie zu erfassen — der Geliebte ist da! — ein werbendes Sehnen, ein Wirbeln und Drehen, begleitet von den aufjauchzenden Tönen der Anafine — die Hände schlagen verzückt in die Luft, die Augen und Wangen glühen, der Atem keucht aus dem halb geöffneten Mund, in dem die Zähne leuchten — mit beinahe wollüstiger Hingabe an die Seele des Tanzes schwingt, schlängelt, wiegt und schaukelt sie ihren leidenschaftlich bewegten Körper, ohne je schamlos zu werden, wiewohl es schien, als wollte sie jeden Augenblick den nackten Leib den kosenden Lüften preisgeben.
Da fängt Don Pedro, hingerissen von der sinnzerwühlenden Auflösung des Körpers und von den sprühenden Wundern ihrer morgenländischen Seele, die Geliebte in seinen Armen auf. Ihr Busen brennt im Feuer der Hingabe an seiner Brust, ein schwüler, bestrickender Duft von Blumen und arabischen Spezereien umwirbelt seine Sinne und unter seinen entzündeten Blicken wogen die nackten Brüste des herrlichen Mädchens. Wie ein Trunkener küßt er die aufgeschlossenen, ihm entgegentaumelnden Lippen.
Saffana bricht die brausende Melodie entzwei und läßt das Instrument fallen. Sie heult in einer Ecke bei einem Wandspiegel ihre Freude aus.
Noch brennend von den geheimen Opferfeuern der unterdrückten Sinne, lösen sich die Liebenden voneinander los. Wie ein Erwachender blickt Don Pedro um sich. Auf dem Diwan liegt wohlig hingestreckt sein Mädchen mit geschlossenen Augen und schwer kämpfender Brust. Er will hinstürzen und die Schleier von den Reizen des Schöpfungswunders heben —
Da wehrt sie ihn sanft von sich. „Du sollst mich lieben wie der Dichter Dschemil seine Botheina liebte. Unter Palmen in einsamem Tal legte er ihr nur die heilende Hand aufs stürmisch pochende Herz und berührte sie sonst nicht.“
Das tat er denn auch mit aller Zärtlichkeit, und er war versucht, seine Lippen auf die Granatfrucht ihres Busens zu senken.
Da tönte draußen die Stimme der Matrone. Reija sprang auf und hinter den Vorhang des Schlafgemaches.
Noria trat ein. „Don Hernando ist da.“
Gleich darauf stand der Freund im Zimmer. „Du mußt schnell heim. Die Wache vor dem Fenster Abu Atirs ist ermordet —“
„Nein!“ brauste der Graf auf. Und seine Augen flogen unwillkürlich nach dem Vorhang.
„Maurische List und Tollkühnheit — man wollte es wie bei Eswer versuchen —“
„Da sind Teufel am Werk oder —“ Sein Herzschlag stockte.
„Ein Gesandter des Königs ist bei dir. Du sollst morgen vor Fernando erscheinen. Man will dir den Befehl über die Truppen für die Alpujarras geben.“
Don Pedro starrte ihn an. „Mir — diese Ehre —?“
„Man weiß keinen Bessern. Dazu die Empfehlungen des Ximenes —“
Der Graf zog die Brauen hoch. „Wirklich? Des Ximenes? So werden Heilige zu Sündern. Laß mich hier Abschied nehmen.“
Da schnellte schon der Vorhang zurück. Reija trat mit angstgelähmten Augen heraus. Statt der Schleier trug sie einen Seidenstoff, der sie wie eine Toga umhüllte. Hernando verneigte sich staunend vor der Schönheit des Mädchens.
„Ich — habe — alles gehört,“ sagte Reija. Und sie senkte langsam den Schild ihrer Wimpern über die Augen. Auf ihren Lippen war jedes Lächeln erfroren.
Der Graf reckte sich. „Ich werde die Truppen nicht in die Alpujarras führen.“
Ein Freudenschrei sprang aus der Brust der Moriska. „Alle guten Geister Gottes mögen über deinem Hause wachen!“
Hernando aber sah bestürzt den Freund an. „Womit willst du vor dem König die Weigerung rechtfertigen?“
„Das höre der König allein.“ Don Pedro atmete schwer.
Reija hob den Vorhang. „Tretet einen Augenblick hier hinein, Feta. Ihr werdet hier ein Geschöpf finden, das dieses Geschenk einer glücklichen Stunde zu würdigen wissen wird.“
Der ritterliche Gelehrte war nicht auf den Kopf gefallen. Er erkannte auch gleich das spitze Lachen daneben. Wie ein aufgescheuchter Hase flog er hinein und fiel gleich darauf in weiche, weit geöffnete Arme.
Kaum war Don Pedro mit seiner Geliebten allein, flüsterte ihm diese zu: „Ich weiß, was du denkst.“ Ihre Worte klangen wie durch einen dichten Nebel gedämpft. „Bei den Freuden des Paradieses schwöre ich dir: ich habe hier meine Hände nicht im Spiel.“
Der Graf preßte die Lippen aufeinander, sein Gesicht zeigte Spuren tiefwühlenden Schmerzes.
„Pedro — du glaubst mir nicht? Ich liege vor deinen Füßen — ich umklammere deine Knie — ich bin unschuldig — aber ich ahne, wer es getan.“
„Eswer!“ stürzte der Graf heraus.
„Er ist tollkühn und hängt schwärmerisch an dem Imam.“
„Weil er an dir hängt!“ kochte das eifersüchtige Herz des Spaniers auf. „So dankt er für seine Freiheit! Es kann nur ein Blut für deine Liebe pulsen. Gott gebe, daß ich ihm im ehrlichen Kampf gegenüberstehe.“
„Pedro — du wirst nicht — gegen die Mauren kämpfen?“ Ihre Hände verkrampften sich unter heftigem Schluchzen in seine Arme. „Oh, sprich mit der Königin — sie ist mild und gut —!“
„Ihr Wille ist betört durch die Sprache der Priester, gefesselt durch die Macht der Inquisition. Wer diese Fesseln bräche, gewönne für Spanien den Atemzug der Freiheit wieder. In Toledo schmachten Christenritter in den Kerkern des heiligen Gerichts, in Tiara brennen Scheiterhaufen, Cordoba seufzt unter dem Druck priesterlicher Henker, und nun soll Granada —? Oh, die Könige wissen nicht, wie die Dominikaner Dezas und Ximenes arbeiten. Wer ihnen die Augen öffnete für das Elend der Seelen! Der edle Talavera ist auf meiner Seite, Tendilla, Osuna, Orgaz — die Granden empören sich, daß man ihre Besitzungen infolge der Austreibung maurischer Bauern zugrunde gehen läßt, die Jünglinge des höchsten Adels zittern vor den Familiares — o Mädchen, Mädchen! Die Fackel deiner Liebe hat in mir die der Gerechtigkeit entzündet, und an ihr soll sich die Barmherzigkeit der Könige entflammen.“
„Michael bist du, der Engel der Gerechtigkeit!“ schluchzte sie Freudentränen an seinem Hals. „Wie liebe ich dich, mein Feta!“
Hernando kam mit erhitztem Gesicht. Er packte den seligverstörten Freund bei den Armen und zog ihn hinaus. Hinter den beiden siedete das Glück in zwei Mädchenherzen. Herrin und Sklavin — die Liebe machte keinen Unterschied mehr.
„Oh! oh! oh! Er küßt so heiß!“ lief Saffanas Herz über. Und sie strich sich verwirrt das Kleid über dem Busen zurecht.
Reija aber warf sich auf den Gebetsteppich der Länge nach hin und rief Mohammed und Jesus gleichzeitig um Beistand für ihre Liebesqual an.