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Granada in Flammen

Chapter 28: Sechsundzwanzigstes Kapitel
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About This Book

Die Erzählung schildert das Leben maurischer Flüchtlinge und Hirten in den Alpujarras nach dem Verlust von Granada, verbindet schroffe Natur- und Klimaelemte mit alltäglichen Details wie Herdenpflege und kargen Behausungen. Im Fokus stehen persönliche Beziehungen, die Sehnsucht nach einer Rückkehr und die religiösen und kulturellen Traditionen, die Gemeinschaft zusammenhalten. Lebhafte Landschaftsbeschreibungen wechseln mit Momenten innerer Erinnerung, Hoffen und praktischer Fürsorge, während Figuren Armut, Treue zu Gebräuchen und die Hoffnung auf politische Wiederkehr abwägen.

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Der Graf hatte den Imam einvernommen. Des Maurenpriesters Auge leuchtete sonnenklar in Unschuld. „Ich hätte wohl dem Erlöser die Hand zur Flucht gereicht, aber ich wußte nicht, wie nah er mir war.“ Bis spät in die Nacht dauerten die Verhöre bei den Wachen. Man bat um eine Verdoppelung des Postens beim Fenster, denn es wollte niemand mehr der Maurenlist zum Opfer fallen. Allgemein war die Meinung, der kühne Abencerrage sei der Täter.

Die Alguaciles brachten stündlich neue Nachrichten. Bei einem Morisko wurde ein Zettel mit einem aufreizenden Inhalt gefunden: „Wehrt euch, sonst ist das Ende da. Ihr werdet in den Bergen die Weidegerechtigkeit verlieren. Man rühmt eure Geschicklichkeit, doch man wird sie auf seine Weise ausnützen, eure Genügsamkeit, aber ihr werdet dafür nicht viel zu essen bekommen, euern Fleiß, dafür wird man euch bis aufs Blut schinden, eure Bescheidenheit, und man wird euch wirklich nur ein paar Maravedis im Tag geben, eure Bodenwirtschaft, und ihr werdet sie im Joch beweisen müssen.“

Don Pedro ließ den Zettel verbrennen — um des Imams willen, dem er die Aufreizung zuschrieb.

Es war nach Mitternacht, als man auf den Höhen der Sierra Nevada kleine Punkte aufleuchten sah, Feuer, wie sie die Mauren zur Zeit der Sonnenwende auf den Bergen zu entzünden pflegten. Auch bei Gefahr, Aufstand, als Zeichen der Versammlungen brannten diese Feuer. Der Graf wurde stutzig. Er hatte die ergebnislose Untersuchung für heute beendet. Zu Hause angekommen, fiel ihm ein Paket Schriften in die Hand, das er heute von der Mutter gesandt bekommen hatte. Es waren Dokumente seines Vaters, Erinnerungen, wie sie der alte Mann, der nicht nur waffentüchtig, sondern auch gelehrt war, aufgezeichnet hatte. Sie lagen nun zum erstenmal vor den Augen des Sohnes. Die Mutter fühlte sich krank und hatte dem Sohn in einer Anwandlung von Sterbensmüdigkeit die Aufzeichnungen des Vaters geschickt.

Die Erinnerungen spielten in eine ferne Zeit hinein, sie sprachen von Waffenglück und königlichem Dienst, von der Vertiefung in Glaubenssachen —

Da erblaßte der Graf. Er las seltsame Worte: „Beinahe hätte ich die Schmach über mich ergehen lassen müssen, von der Inquisition verfolgt zu werden, weil ich mich infolge eines nächtelangen Studiums in arabischen Schriften mit den Angriffen der Mohammedaner gegen die heiligen Dogmen der Kirche befreundet hatte. Besonders das Dreieinigkeitsdogma machte meinem Geist viel Pein. Nur die Einsprache eines mächtigen Gönners, des Herzogs von Medina-Sidonia, bewahrte mich vor dem Ärgsten.“

Mit zusammengepreßtem Herzen sann der Graf in die Schrift. Sein Vater, der Abgott seiner Jugend — von der Inquisition verfolgt! Nun erinnerte er sich des betretenen Schweigens in den Kreisen der Granden, wenn von der Vergangenheit des Vaters die Rede war. Man wollte ihm, dem Sohn, des Alten Sünde nicht als erblichen Fluch auf die Schultern laden, aber man konnte doch nicht vermeiden, ihn mit einem gewissen Mißtrauen zu behandeln. Die kriegerischen Anlagen des jungen Grafen drängten den gelehrten Sinn zurück, und erst in den letzten Wochen, da sich sein Herz gewandelt, hatte auch sein Geist die Spuren der Gelehrsamkeit in den arabischen Schriften, die ihm Hernando de Rojas verschafft, aufmerksam verfolgt. Er hatte da plötzlich entdeckt, wieviel die Spanier den arabischen Gelehrten, und vor allem den Philosophen, verdanken, wie die Bücher des Averroes über Aristoteles das ganze christliche Denken umformten, wie die Heilkunst auf Grund arabischer Erfahrungen ausgeübt wurde, wie Kriegführung und Rittertum im maurischen Boden wurzelten und die spanische Dichtung sich noch immer der morgenländischen Blüten bediente. Pulver, Papier, Seidenzucht, Ackerbau, alles mußte der Spanier den Mauren entwinden, selbst Kolumbus hätte wahrscheinlich ohne die Erdkarte des Edrisi das neue Land nicht entdeckt.

Waren es Feinde, die den Vater vor das Tribunal geschleppt? Oder hatte er sich selbst unvorsichtig verraten? So war sein Geschlecht durch des Vaters Schuld nahe daran gewesen, von allen Ehren ausgeschlossen zu werden? Und belastete nicht ein von der Inquisition Verurteilter auch Kind und Kindeskinder?

Er hatte in dieser Nacht tief und ernst zu denken. Und mit umränderten, müden Augen sah er dem Morgen entgegen. Die innere Unruhe verscheuchte das Blei von seinen Lidern, und der erste Sonnenstrahl grüßte einen matten Körper und Geist.

*

Im Saal der Schwestern, unter der prunkvollen, tropfsteinartigen Kuppel, die wie ein phantastisches Riesenzellengewebe zu Häupten hing, inmitten der ornamentalen Pracht der Wände, der farbenstrahlenden Türbogen und des abwechslungsreichen Spiels der Formen und Muster, des Goldes und des Dämmerlichts nahmen die Könige die Berichte der Granden entgegen. Am frühen Morgen waren beunruhigende Nachrichten angelangt. Christendörfer in den Alpujarras waren von den Mauren überfallen worden, die Monfis plünderten christliche Hirtenstationen, und man sprach davon, daß sich große Banden um Orgiva und Guejar sammelten, der Name Abu Atir fliege von Mund zu Mund, es sei offenkundig, daß man ihn befreien und zum König ausrufen würde. Die schwere Reiterei, tapfere Lehensmannen und Adelige aus den ersten Geschlechtern, machte sich zum Aufbruch bereit, der große Kapitän Gonsalvo de Cordoba sollte das kleine Heer gemeinsam mit Tendilla gegen die Maurennester führen. Doch zuvor sollte der Graf de Mora die Stärke der Banden erkunden.

Die Wachen vor dem Löwenhof zogen in dreifacher Stärke auf. Fremde Gesandte, geistliche Würdenträger und Bittsteller harrten im Hof. Der Vorsaal der Mozaraber war überfüllt von schimmernden Gestalten, die von den Sekretären der Königin nach Listen geordnet wurden. Ein Gnadenwort aus hohem Mund war Erquickung für den ehrgeizigen kastilischen Ritter. Man witterte Maurenkämpfe und freute sich, denn des Friedens Tatenlosigkeit drückte auf die spanischen Gemüter.

„Ah — der Held von Santa Fé!“ sagte der Graf de Cabra zu einem andern Granden, als sich die Gestalt des königlichen Hauptmanns an der Saaltür zeigte. „Man spricht viel von der schönen Moriska, die Boabdils Tochter sein soll. Aber man nennt selten ihren Namen ohne den seinen. Es scheint da ein Liebesgarten aufzublühen.“

„Ihr meint doch nicht —“

„Was ich meine, wird den Grafen de Mora nicht abhalten, unvernünftig zu sein. Ich weiß nur, daß er die Hand der schönen Leonore de Uceda verschmäht hat.“

„Und das sollte ungestraft von ihr geschehen sein?“ lächelte der Grande.

Cabra machte ein Zeichen des Schweigens. Graf de Mora hatte sich genähert. Er trug das reichgestickte Gewand seines Vaters, den Hut mit dem Federbusch, das golden eingelegte Schwert und den schwarzen Mantel. In seinen Zügen waltete tiefer Ernst. Man erinnerte sich nicht, ihn je so dunklen Gesichts gesehen zu haben. Er gab kurze, aber höfliche Antworten.

„Wer eröffnet die Audienz?“ fragte er den Grafen Gonzalez de Lara, einen würdigen Greis.

„Wer anders als Ximenes und Pater Leon? Die Inquisition hat den Vortritt vor den Granden.“

„Das war nicht immer so,“ sagte Mora mit verfalteter Stirn.

„Man kann zu Euch freier sprechen. Die Cortes sollten die Augen offen halten. Wenn Könige in den Händen der Priester sind, ist es fast schlimmer, als wenn ein König in den Händen eines Weibes ist.“

Der Graf de Mora drückte dem Alten beziehungsvoll die Hand. „Ihr denkt, wie es ist. Wenn’s not tut, erinnert Euch meiner.“

„Auch Ihr, junger Freund, sollt an mir nicht vorübergehen.“

„Gewiß nicht, Lara. Man spricht, höre ich, von Übergriffen der Inquisition.“

„Man spricht wahre Worte. Aber still — da drüben bei der Säule steht ein Familiare der Inquisition. Die Leute bewachen jedes Wimpernzucken.“

„Wird man die Königin allein sprechen können?“

„Schwer. Ximenes horcht die Seelen der Untertanen aus.“

„Man muß doch vor ihr Herz kommen können?“

„Meist nur vor ihr Antlitz. Um ihr Herz legt Ximenes seine Dornenhecke. Doch Ihr habt ein alt Geschlecht, vielleicht zeichnet Euch die Königin aus. Ihr habt Gewichtiges —?“

Er kam nicht weiter. Der große Kapitän Gonsalvo trat mit dem glänzenden Gefolge seiner Hausmannschaft in den Löwenhof, der Gobernador schritt durch die Reihen der Edlen, die alten Geschlechter Mendoza, Villena, Castro, Cifuentes, Ureña, Cabra und andere hoben sich von dem jüngern Adel ab, gekennzeichnet durch die Geschlechtswappen ihrer Herolde, während die hohe Geistlichkeit und die verdienstvollen Mönche getrennt von den Granden eine Insel um die Brunnenschale in der Hofmitte bildeten. Vor dem Eingang zum Saal der Schwestern, der durch einen großen Vorhang abgeschlossen war, standen die Edelknaben der Königin unter der Führung ihres Alcayden Diego von Cordoba.

„Der König ist aufgeräumt und gnädig,“ sagte der Graf Alvaro Nuñez de Castro, der eben herauskam. „Er hat mir einen Teil der Besitzsteuer erlassen.“

„Und die Königin?“ fragte de Mora ungeduldig.

„Sie spricht nur mit Ximenes. Ich konnte keinen Gnadenblick erhaschen.“

Name für Name wurde gerufen, Stunde auf Stunde verrann. Graf de Mora wurde ungeduldig. Der Löwenhof leerte sich, viele Granden wurden für den nächsten Tag bestimmt, und endlich nannten die Sekretäre nur mehr drei Edelnamen: Tendilla, Gonsalvo und Mora.

Bald darauf standen die drei Ritter gleichzeitig vor dem Herrscherpaar. Ihre hohen Gestalten umspielte dämmriges Licht aus der Kuppel. Seitwärts der Königin saß Ximenes, während Leon an einer der herrlichen Holztüren stand, die zu den kleinern Seitengemächern führten. Sechs Granden hielten Wache beim Eingang in den Saal der Ajimezes, durch dessen Erkerfenster man den Strahl des Springbrunnens im Patio de Daraxa in der Sonne blitzen sah.

Der König enthüllte seine Absicht, wie notwendig es sei, den Mauren Ernst zu zeigen. Er wies auf die Vorgänge der letzten Nacht hin, teilte mit, daß die Monfis schon bis zum Hügel von Padul schwärmten, und Gonsalvo legte einen Plan für den Marsch in die Berge vor und erbot sich, das nahegelegene Maurenschloß von Guejar zu stürmen. Auch Graf Tendilla unterstützte den Antrag. Der Graf de Mora wurde beauftragt, Lanjaron, das stark befestigte Bergnest in den Alpujarras, zu nehmen.

Da verneigte sich Don Pedro de Solar vor dem König. „Ich will nach Lanjaron — zum letztenmal meinem König und meiner Königin im Kampf gegen die Mauren zu dienen.“

Unter den Anwesenden entstand eine Bewegung. Fernando blickte aus seiner kühlen Haltung auf. „Hispaniola lockt Euch noch immer?“

Der Graf schüttelte den Kopf. „Darf ich mit meinem König allein sprechen?“ fragte er mit beinahe feierlich gespannter Seele.

Der König blickte verwundert. „Das ist nicht Sitte. Die Königin zum mindesten —“

„Ihr Herz wird meine Sprache segnen,“ sagte de Mora mit leuchtendem Auge.

„Mein Primas wird nicht fehlen wollen,“ bemerkte Fernando, indem er Ximenes einen beziehungsvollen Blick zuwarf.

Der Erzbischof nickte kühl. Leon trat zu ihm und flüsterte ihm etwas zu. Der Königin aber wurde ängstlich zumute. Was hatten sie für Geheimnisse? „Erzbischof, was darf ich nicht wissen?“

Ximenes kräuselte unmutig die Lippen. „Pater Leon bat mich, die Worte des Grafen hören zu dürfen.“

Graf de Mora flehte kühn: „Mein Wort ist nur für die königlichen Hoheiten bestimmt.“

Da entschied der König kurz: „Erwartet mich im Saal der Ajimezes. Ximenes bleibe, der Vikar entferne sich.“

Graf de Mora trat in den Nebensaal. Pater Leon ging verstimmt in den Löwenhof, wo er wie ein lauernder Marder um die Säulen schlich. Alles wich dem Gefürchteten aus, Granden und Kleriker hatten Ursache, mit ihm nicht allzu bekannt zu werden.

Der König ließ sich noch von Gonsalvo Bericht über die verfügbaren Streitkräfte erstatten. Als er dann von den Sekretären hörte, daß für heute nur mehr der Besuch des Hospitals und zweier Klöster geplant war, verabschiedete er die beiden Granden.

Ximenes lehnte beim Fenster und starrte in das Grün der Zypressen. Der König rief ihn nun heran. „Ihr kennt den Grafen de Mora?“

Der Kanzler nickte. „Sein Vater ist nicht ganz ohne Makel ins Grab gestiegen. Aber man hat damals — es sind schon an die fünfzehn Jahre her — noch Gnade mit manchen Zweiflern geübt. Wir schreiben eine andre Zeit.“

Die Königin geriet in Eifer. „Soll der Sohn die Sünden der Väter büßen? Wie soll der Sohn zur Tapferkeit rüsten, wenn er weiß, daß sie um seines Vaters Fehler willen nicht belohnt wird?“

„Und dennoch macht man so die Väter vorsichtig,“ sagte Ximenes. „Auch liegt es im beschworenen Gesetz enthalten. Im übrigen muß man Don Pedro de Solar hören. Er hat sich Verdienste erworben, er hat auch meinen Salzedo aus maurischen Händen befreit, er war ein eifriger Verfolger der Mauren, die Bewachung des Imams lag in seinen Händen. Ob sie immer gut war — hm — wer will es sagen? Auch der Abencerrage flüchtete unter seiner Bewachung. Aber noch scheint der Graf pflichttreu und gewissenhaft zu sein. Nur eins trübt sein gutes Bild. Pater Leon macht mich aufmerksam, daß der Graf nahe daran sei, sein Herz an eine Maurin zu verlieren —“

Der König machte eine jähe Wendung. Er dachte an die herbstliche Abendstunde, da er diesen viel gelobten und nie verliebten Grafen mit Leonore de Uceda verloben wollte. Er hatte den Grafen seither nicht wiedergesehen.

Isabella ereiferte sich. „Eine Maurin? Moriska? Und er will den Raub der losen Liebesfrüchte vor dem Altar heiligen?“

„Man munkelt es.“

„Er hätte seinen Wert für ein würdigeres Herz aufsparen sollen. Die Moriskas machen leicht ihr Herz zum Spielball. Man wird sich hüten müssen, ihn gnädig zu behandeln. Wer ist das Weib?“

„Die natürliche Tochter Boabdils,“ meldete Ximenes eindrucksvoll.

Fernando wurde von seinem Gewissen bedrängt. Er dachte des Mannes als eines, den er oft getäuscht. „Wie kommt die Tochter her?“

„Geheimnisvoll genug. Ihre Mutter, die Gräfin Calabreña, flüchtete vor vielen Jahren an den Maurenhof und verliebte sich in Boabdil. Die Frucht ist dieses Mädchen. Sie wurde vom Vater in Spanien belassen und der Erziehung eines Ratgebers des Königs übergeben, eben jenem ehrwürdigen Imam Abu Atir. Sie ist erst seit vorigem Herbst in Granada. Sie wehrte sich bei der Bücherverbrennung um den Koran ihres Vaters, und es mußte ihr das Buch ausgeliefert werden, damit wir Salzedo dafür unversehrt erhielten. Es war ein erbärmlicher Handel, vom Grafen de Mora vorgeschlagen und nur durch die Not entschuldigt. Damals schon wunderte man sich über die Verteidigung des Mädchens durch den Grafen. Das Kind ist unterdessen Christin geworden. Sie ist wirklich kaum mehr als ein Kind.“

Die Königin wurde nachdenklich. „Warum bekomme ich die Moriska nie zu sehen?“

„Sie lebt sehr zurückgezogen, fast noch auf maurische Art. Sie besucht nur mit unserer Erlaubnis täglich den Imam. Aber man wird von nun an vorsichtiger sein müssen. Die Befreiungsversuche der Mauren scheinen in der Alcazaba eine Stütze zu finden, und wenn mich nicht alles täuscht, hat diese schöne Moriska allen Grund, sich von einem gewissen Verdacht zu reinigen. Pater Leon ist der Beichtvater des Königskindes.“ Der Kanzler machte hinter halbgeschlossenen Lidern kleine Augen.

„Sonderbar!“ sagte Isabella leise. „Aber hören wir den Grafen. Kommt!“

Die Granden öffneten den Vorhang im Türbogen. Prachtvoll fiel das Licht aus dem Patio de Daraxa in den zierlichen Mirador, der den Saal abschloß.

Graf de Mora stand bei einem der Fenster. Nun verneigte er sich tief, ließ sich aufs Knie und küßte die Hand der Königin. Der Vorhang schloß sich wieder.

Die heißersehnte Stunde hatte geschlagen. Der Sonnenschein in den Blicken der Königin trieb den Grafen an, offen zu sprechen, wenn er auch in Fernandos undurchdringlichem Gesicht keine Ermutigung las. Auch das wächserne Antlitz des Primas war keine freundliche Einladung.

„Ihr seid nicht in der Liste der Familiares?“ fragte der König.

„Nein.“

„Warum?“

„Es ist ein Amt, das andre Männer fordert, die weniger Mann sind als ich.“

Ximenes zog die weißen Brauen hoch. „Es stehen die ersten Namen auf den Listen.“

„Doch auch die letzten von ganz Spanien, die man nur in verrufnen Ventawinkeln nennt.“

„Ketzer sind eben in allen Schichten zu suchen. Sie aufzufinden, braucht man die Hilfe eines jeden.“

„Zur Sache,“ warf der ungeduldige König ein. „Ihr wollt nicht nach Hispaniola?“

„Meine Güter verlangen nach dem Herrn. Ich will meinen Herden, den Feldern und der Seidenzucht leben.“

„So jung und schon soviel Sinn für Behaglichkeit?“ verwunderte sich die Königin. „Da werden die andalusischen Schönen trauern, wenn ein Mann wie Ihr sein Licht unter den Scheffel stellt. Ihr seid unbeweibt?“

Dem Grafen klopfte das Herz. „Bis jetzt — ja.“

Der König horchte auf. „Man sagt, Ihr geht gern am Weibe vorbei.“

„Ich habe mich besonnen.“

Isabella tat überrascht. „Die Wahl?“

„Fiel auf ein tugendhaft Geschöpf, das, meine ich, wert ist, den Kranz der Ahnen als neue Blume zu zieren: Maria de Calabreña.“

Die Königin zuckte zusammen. „Der Name ist in unserm Gedächtnis schwarz geschrieben. Die Calabreñas haben vor vielen Jahren eine Verschwörung gegen den Thron angezettelt, man verfolgte das Geschlecht —“

„Und eine der Verfolgten war Ines, die Tochter des Sancho de Calabreña, der dennoch keinen Anteil an der Sache hatte. Sancho rettete sich nach Guadix, wo er starb. Die Tochter aber gewann das Herz des Maurenkönigs. Aus dieser Liebe entsproß ein schönes Mädchen, in allen Tugenden erzogen, wenn auch auf maurische Art, jetzt aber Christin —“

„Bei Gott, das ist gewagt,“ unterbrach ihn erregt die Königin. „Sich wegzuwerfen an eine Moriska!“

„Sie ist Christin so gut wie eine,“ verteidigte sie der Graf.

„Vielleicht nur — Euch zuliebe!“ warf Ximenes wie von ungefähr ein.

„In ihren Adern ist unreines Blut,“ sagte Fernando. „Und Ihr wallt Euer reines — oh, nicht zu denken! Ihr besudelt Euch. Denkt an die Kinder aus dieser Blutmischung. Der Weg zu jedem hohen Amt ist Euch verschlossen, auf Schritt und Tritt fühlen Eure Kinder die Schuld der Eltern.“

„Sie ist eine Königstochter!“ sagte der Graf in wachsender Wärme.

„Eines Königs, dessen Sinnen noch immer ist, uns zu bekriegen, das Verlorene zurückzugewinnen.“

Und Ximenes unterbreitete gewichtig seine eigenen Gedanken: „Boabdil will, daß man in ihr das Andenken an den Vater ehre. Sie taugt dazu und scheint dabei ungefährlich. Doch ist es Zufall, daß sie mit dem Imam nach Granada kam? Soll dieser schlaue Alte nicht — Wegbereiter für den König sein? Unsere Kundschafter bringen Nachricht übers Meer, daß Boabdil sich rüstet, daß die Berber ihr Herz für ihre Maurenbrüder entdeckt haben. Ihr seht die plumpe Falle nicht? Könnte ein Christenritter nicht dazu dienen, zur rechten Zeit schwach zu sein und im Widerstreit zwischen Pflicht und Liebe auf jene zu vergessen?“

Graf de Mora stand betroffen. „Wahrhaftig — darauf — bei Gott und seinen guten Engeln — darauf war ich nicht vorbereitet.“

Ximenes schob die blutleeren Lippen hin und her. „Ich sehe jetzt klar. Darum die Weigerung, Familiare zu werden. Die Moriska könnte — so fürchtet Ihr — im neuen Glauben straucheln, und Ihr müßtet pflichtgemäß ihr Kläger werden.“

„Bei Santiago!“ rief der Graf bestürzt aus. „Auch das? — Ihr wißt Gründe aufzudecken, die erschauern machen.“ Und er wandte sich an die Königin. „Erhabne Frau, käme ich in diesen Fall, ich wäre bejammernswert, allein ich bürge für den guten Willen meines zukünftigen Weibes im Punkt des Glaubens.“

„Ihr nehmt da viel auf Euch,“ warnte die Königin.

„Ich bitte um gnädiges Gehör,“ bat der Graf bewegt. „Darf ich der ersten Frau Spaniens mein Herz zu Füßen legen? Der Frau Isabella? Der Sterbliche naht sonst Eurer Hoheit mit abgemessener, eingeengter Seele. Oh, laßt mich freier sein, wie es dem freien Gegenstand ziemt.“

Ximenes blinzelte mit heimlichem Argwohn nach dem Ritter, und der König schien ungehalten. Doch Isabella fragte freundlich: „Was wollt Ihr also?“

„Ein wahres Christentum!“ rief der Graf warmherzig aus. „Und Menschlichkeit gegenüber den Mauren!“

Die Herrscher horchten auf. Ximenes saß fühllos. „Haben wir die je verleugnet?“ fragte die Königin.

„Alles zittert vor der Unbarmherzigkeit der Kirche — Christen und Moriskos.“

„Der Kirche?“ Der Primas erhob sich aus seiner Regungslosigkeit. „Es ist sonst nicht die Art andalusischer Ritter, das strenge Maß der Etikette zu überschreiten.“

„Wer zwingt uns zu dem Äußersten?“ erglühte Mora. „Aus unserer Seelenangst heraus werden wir zu ungestümen Forderern. Schon schreit Toledo auf, wo man zwanzig Rittern die Daumenschrauben angelegt, in Madrid sind die Kerker mit edlen Namen überfüllt, Valladolid, Burgos, Alcala und Segovia bäumen sich unter dem Druck auf, und nicht der Glaube macht sie beben, nur die Verteidigung des Glaubens selbst. Was will man mit den eingezognen Gütern? Ungläubige dadurch gläubig machen? In ihre Seelen sieht nur Gott. Und sei es um die alten Christen — doch die neuen? Oh, seht zu, was Ihr beginnt!“

Ximenes ließ einen leisen Spott um seine Mundwinkel spielen. „Ich sah es kommen, bei Santiago, darauf war ich gefaßt. Das Weib beginnt Euch zu bedrängen.“

Der Graf geriet in Brand. „Soll eines Weibes edler Einfluß einen Mann verderben können? Rühmt man den spanischen Damen nicht nach, daß sie nach Maurenart sich ihre Ritter erzogen haben zur Galanterie und edler Denkungsweise? Bin ich unmännlich, weil ich von einem Weib Mitleid fühlen lernte? Vor Santa Fé hielt ich’s wohl anders. Fünfmal warf ich, heftig blutend, den Feind vom Wall; und ungezählt sind die Ehrenlanzen, die ich mit maurischen Rittern brach, ich war kein Maurenfreund, ich war besessen von Härte, ein jeder Atemzug in mir war blinder Haß, ein jeder Blick Verachtung der Agarenos. Bis ich sie kennenlernte, ihr kindlich freies Tun, ihr spielendes Gehaben, ihren heiligen Glauben an den Propheten, ihren Fleiß, die Zähigkeit, das gebeugte, willige Untertanenherz, ihr Wissen, ihre Kunst. Unselig, daß ich schwärmen muß! Ich hörte den Imam reden, als geschlagnen, in seinem Glauben zertretnen Menschen, und hörte kein Wort der Verdammung. Als Granada im Aufruhr lag, hat sein Wort die Feuer gedämpft. Der Kerker ist Spaniens Dank dafür.“

Der König war erblaßt und sah die Königin mit großen Augen an. „Das heiße ich kühn, meint Ihr nicht, Isabella?“

Diese sah noch immer freundlich. „Die Liebe hat Euch ein großes Herz gegeben, Graf de Mora. Es greift schon über die Grenzen Spaniens hinaus und — über unsern Glauben.“

„Wie ehre ich den katholischen Glauben!“ rief der Graf flammend. „Und lasset Christus mit der angebornen Sanftheit walten, und Ihr werft mehr Mauren glutbrünstig auf die Knie als mit der fürchterlichen Inquisition.“

Da warf Ximenes das kühle Wasser seiner Seele in die Glut des Ritters. „Wer Christus nur als sanften Hirten kennt, kennt ihn nur halb. Er reinigte mit der Geißel Tempel.“

„Zur Sache, Graf,“ mahnte Fernando. „Was wollt Ihr?“

„Spanien glücklich wissen, bewohnt von Menschen, die ihren Gott nach ihrer Art im Busen tragen dürfen.“

„Verschiednen Glaubens?“ Die Königin schnellte ihren Oberleib vor, während der König den lächelnden Erzbischof stumm ansah.

„Verschiednen Glaubens, doch eines Sinnes: für ihre Herrscher Spanien zum glücklichsten Land der Erde zu machen. Hier wurzelt der Fleiß, die Arbeit blüht, ein reger Geist wetteifert mit dem, der in Italien Wunder schafft. Wir aber haben mehr als Italien: erobernd streckt Spanien seine Hand über eine neue Welt, macht entdeckte Länder urbar und zwingt Europas Völker mit milder Hand zur Ehrfurcht vor dem Forschergeist. Oh, es hieße die Ehre Spaniens beflecken, wenn Ihr die Austreibung fleißiger Mauren noch weitertreiben wolltet. Tausende sind ausgewandert und Tausende werden folgen, Trümmerfelder des zerschlagnen Fleißes lassen sie zurück, unsre Lehrer fliehen vor dem undankbaren Schüler, die Wissenschaft, der Sammelfleiß von Jahrhunderten ging in Flammen auf und uns bleibt nur, von neuem anzufangen, wo wir mit herrlicheren Gaben hätten fortsetzen können. Oh, erleichtert die Last auf den schwerbeladnen Schultern, tut es aus Klugheit, um Granada nicht zu entvölkern. Nehmt in das Register Eurer Glaubenswaffen Duldung auf. Was soll ein Gott mit den verpesteten Gebeten anfangen, die anders klingen, als das Herz sie fühlt? Ihr zwingt die Mauren zum Doppelwesen, und ist es da, wollt Ihr sie dabei packen. Wer Opfer braucht, der wird sie immer finden.“ Und der Graf wandte sein Glutauge zur Königin. „Erhabne Frau, lernt die Sprache Eurer Völker verstehen, sie wollen Frieden, Arbeit und ein menschlich Leben. Glaubt mir! Und nicht der Schmeichelei, die den Thron umkriecht und Euch Erfolge ins Ohr flüstert, die Ihr nur mit Eurem Gewissen erkaufen könnt. Noch ist es nicht zu spät. In der königlichen Gnade gehe aufs neue der Völker Sonne auf.“

Isabella sah den Ritter unsichern Blicks an. Dann gab sie dem Primas ein Zeichen, für die Könige zu sprechen.

Ximenes bedachte sich nicht lang. „Es ist das Vorrecht jugendlicher Männlichkeit, in edler Regung aufzuwallen, leicht ist das Gemüt bewegt, der Kopf das Spielzeug der Phantasie. Dem Alter aber ziemt es, dieselben Regungen mit den Notwendigkeiten des Daseins in Einklang zu bringen. Nicht immer ist der edle Gedanke auch der zweckmäßige. Erst im Alter übersieht man, wie wenig edle Taten der Jugend sich bezahlt gemacht haben. Ihr müßt noch lernen, edler Graf. Ich versteh es, Ihr wollt die Eitelkeit des Ruhms durchkosten, der Retter eines großen Volks zu heißen. Allein hier geht es nicht um Völker, Ritter, um den Glauben! Wie sagt der Herr? Wer nicht glaubt, wird verdammt werden.“

„Von Gott doch nur, doch nicht von Menschen!“ eiferte Mora. „Maßt Ihr Euch an, des Herrgotts Amt üben zu dürfen? Wer weiß, wie nötig wir die Gnade haben!“

„Ganz recht. Sie und die Demut,“ sagte Ximenes scharf und bitter. „Doch sagt, wie stellt Ihr Euch die Erkämpfung der Glaubenseinheit vor? Wollt Ihr Blumensiege erfechten? Ich kenn’ Euch nicht mehr, Graf. Man sollte meinen, das langgeübte Waffenhandwerk hätte Euch rauher gemacht.“

„Rauh bin ich noch, wenn ich den Feind als Feind erkenne. Doch diese Mauren sind nicht unsre Feinde. Nur Ihr wollt sie zum Feind haben, Ihr, die Ihr aus freien Menschen falsche Gläubige machen wollt.“

Ximenes wehrte mit einer schneidenden Handbewegung ab. „Sie werden an unsern Herrgott glauben lernen. Laßt dafür die Inquisition sorgen.“

„Schrecklich, wenn Ihr damit Gläubige schaffen wollt. Der Haß wird diesen blutigen Sieg erfechten. Doch wer sich zu sehr in des Hasses trauriges Geschäft vergrübelt, kommt schwer aus ihm heraus. Den sichern Mäher nennt man Euch, der ganze Länder umwirft, um eine Saat des Hasses auszustreuen, aus der nur wieder Haß entsprießt. Oh, laßt Euch rühren durch die Christenblume Mitleid, schafft mit einem einzigen Edikt glückliche Menschen! Ihr seid ein großer Geist. Man spricht davon, daß Ihr in Alcala der Wissenschaft die Stätte bauen wollt, die sie zur Sammlung aller Kräfte braucht. Wollt Ihr über dem Tor das Wappen der Engherzigkeit nageln? Soll das Christenzepter des Geistes zugleich ein Schwert sein, das Andersdenkende tötet? Wollt Ihr das Wissen grausam nützen, um damit zu schaden?“

„Man wird die Wissenschaft dort lehren, die die Kirche dulden kann,“ sagte Ximenes. „Die Denker, die aus der Vormundschaft der Kirche herauswollen, haben weder in Alcala noch sonst in Spanien etwas zu suchen. Sie sind es, die wir am meisten fürchten müssen, ihre Gedankengänge sind feindliche Bastionen, die fallen müssen, soll nicht die Kirche fallen. Drum laßt uns, wenn es sein muß, grausam sein.“

„Eines großen Priesters weiser Sinn sollte sich so verkehren können? Sein Amt, meine ich, verpflichtet ihn zur Mäßigung und Duldung.“

„Ihr irrt, Graf! Mäßigung ist Lässigkeit bei Ketzern! Und Duldung ist Verbrechen gegen Gott. Der ist mein Richter, nicht ein schwacher Mensch, der die Weltgeschichte mit seines Herzens sanfter Schwärmerregung berichtigen will. Spanien wird diese Weltgeschichte machen, und der katholische Glaube wird die treibende Macht sein. Weh uns, wenn wir genügsam sein wollten, ein arbeitswilliges Volk zum Untertan zu haben. Der Glaube sei der Schatz, mit dem der König wuchere.“ Der Kanzler näherte sich dem Grafen mit der Gebärde des warnenden Freundes. Leise, fast milde sagte er: „Mich dünkt, Ihr habt Gründe, Euern Glauben doppelt heiß zu lieben.“

„Ich lieb’ ihn auch! Er ist so schön, daß ihn kein Priester ungestraft verunstalten darf.“

„Ich meinte es anders,“ sagte Ximenes. „Euer Glaube ist in Gefahr, scheint mir.“ Er ließ wie in Nachdenklichkeit die Wimpern fallen.

„Ich — versteh — Euch nicht.“

Der Erzbischof sah das schweigsame Königspaar an, als wollte er mit den Augen bitten, an der Peinlichkeit des Gegenstandes rühren zu dürfen. Wieder gab ihm die Königin einen Wink, den er verstand. „Graf de Mora,“ sagte er ernst, aber weich, „man hat in Eurem Geschlecht schon einmal so ähnlich gesündigt, daß die Hüter des Glaubens aufmerksam werden mußten —“

„Meinen Vater meint Ihr?!“ Der Graf erbleichte, seine Augen senkten sich. Aber gleich darauf rief er die warme Kindesliebe zum Mitstreiter auf. „Ich weiß — seit heute weiß ich es: mein Vater war daran, vor Menschen schuldig zu werden. Doch sein Angedenken ist geheiligt in meinem Herzen. Was hat er getan? Das Dogma durchgrübelte er in seiner gelehrten Weise und unterschrieb nicht blindlings, was die Priester lehrten. Jetzt erst versteh ich seine verweinten Augen, jetzt erst fühl ich den Druck der magern Hände, die mir die Schuld abzubitten schienen, die der teure Vater auch auf mich abzuladen wähnte. Aber wer kann ihn schuldig nennen? Wer beschwören, daß nicht Neid und Haß die Kläger waren? Wer sagen, daß er geirrt?“

„Er hat geirrt!“

„Hat er den Irrtum bekannt?“

„Er starb, bevor die Qualifikatoren die Akten geprüft. Es hängt nur von dem heiligen Offizium ab, ob man nachträglich dem Toten Recht oder Gnade gibt.“

Der Graf bäumte sich auf. „Einen Leichnam wollt Ihr verdammen? Oh, dieses Recht würfe die Gottheit in den Staub. Mein König, vor Euch wollte ich mein Herz erleichtern, nicht vor dem strengen Reichsverweser Gottes.“

Da erhob sich der König. Sein Antlitz war müde, in seinen Zügen lag der Ausdruck der Unentschlossenheit. „Ich ehrte Euern Vater, und Ihr seid mir um Eurer Verdienste willen teuer. Ihr werdet mir helfen, die Alpujarras zu reinigen. Sehen wir noch länger zu, dann füllen sich die Täler mit afrikanischen Horden. Ihr geht mit starken Kräften nach Lanjaron, Graf Tendilla wird Euch die Befehle geben.“

Der Graf warf sich mit mutigem Schritt der Königin entgegen, die sich ebenfalls erhoben hatte. Sein Herz zitterte in heiliger Begeisterung. „Noch einmal, Erhabne, bitte ich um Milde. Hört den Rat der erbgesessenen Granden, nicht nur Eure Mönche!“

Isabellas Brust bebte. „Wollt Ihr argwöhnen, daß — wir haben unsre Priester gar wohl geprüft, bevor wir sie nach Granada sandten.“

„Und dennoch — schließt die Granden nicht aus. Denn freier regt sich in unsrer Brust das allgemeine Leben, besser sieht unser Auge das Bedürfnis der Menschen, richtiger fühlt unser Herz des Volkes Wünsche. Oh, übereilet nichts, laßt dieses Priesters vernichtende Gewalt nicht Euer großmütiges Herz überwuchern —“

„Mein König — diese Sprache!“ Ximenes sprang auf. Aus seinem Gesicht wich das Blut.

Fernando reckte sich, daß das Panzerhemd klirrte. „Der Diener der Kirche ist geheiligt im Antlitz der weltlichen Majestät. Dankt es Eurem großen Namen, wenn ich nicht Euern Degen fordere. Man wird Euch künftig weniger vertrauen. Wer mit so hellem Eifer den Mauren goldne Brücken baut, taugt wenig, sie zu bekämpfen. Ich will die Stunde vergessen — wenn ich’s kann. Ihr seid entlassen.“

Der Graf neigte sich zum doppelten Handkuß. Gnadenlose Blicke gingen über ihn hinweg. Als sich der Vorhang hinter ihm schloß, wußte der Graf, daß er vor den Königen verspielt hatte. In seiner Brust gärte das Erlebnis dieser Stunde. Er schritt über den Löwenhof, wo die blitzenden Wasserschwerter aus den Tiermäulern gegen die Rinnen sprangen. Da sah er den Vikar Leon bei einer Säule stehen. Er wollte an ihm vorüber, doch der Mönch hielt ihn auf. „Ihr seid in Gnaden entlassen?“ forschte er mit gierig gestrecktem Hals.

„Ich habe den Königen Wahrheit gegeben, das ist alles.“ Der Graf ging durch den Schwarm der Höflinge. Wie Sumpfbrodem lag es auf seiner Seele, erfüllte ihre Tiefen mit Giften der Qual. Seine Gedanken glitschten aus, als gingen sie über Quallen hinweg. Der Dominikaner sah ihm mit verwunderten Augen nach. Er fühlte, hier trieb man ihm sein Wild in den Bogen.

Im Saal der Schwestern trat Ximenes vor den König hin. „Dieser Mensch ist gefährlich,“ sagte er im Feuer nachlodernd.

„Wir wollen den Brand in ihm löschen,“ sagte der König ernst.

„Erlaubt, daß die beleidigte Kirche das Wasser liefert,“ bat der Primas. „Wenn man solche Köpfe allzu edel denken läßt, haben Könige alle Ursache, das Schicksal Granadas zu beklagen. Welch ein Stürmer! Wie rücksichtslos und vermessen! Wo käme Spanien hin, wenn man mehrere solcher eigenartiger Entdeckungen machte? Er sprach es nicht aus, aber ich fühlte es: sein Hirn rüttelt an den Grundfesten der Kirche und der Inquisition. Nimmer darf es sein, daß ein Geist auf Kosten des heiligen Wesens sein Füllhorn leert. Er könnte mit lärmendem Fanfarenschall die Welt aufhorchen machen. Wo bleibt dann Spaniens Devise: ein Glaube, eine Menschheit? Wenn solche Keile sich dazwischen schieben? In jeder Hungerstunde meiner Aszese, in jeder durchwachten Nacht klang der Ruf Gottes an mein Ohr: für Euch, Könige! Mein eiserner Wille band sich an Christus, und seine härtesten Forderungen wurden mir Labsal und werden es bleiben, solange ich atme. Soll dieser Grande mir die Wege zu Gott verrammeln dürfen? Die ich für die Menschheit ebnete? Ihr dürft es nicht dulden. Sonst könnte es geschehen, daß dieser Graf ein größerer Fürst werden würde als Fernando in Kastilien. Glaubt an die Gabe der Voraussicht. Sie ist ein Gottesgeschenk, der Staatsmann muß sie haben. O diese Sprache, die er redete!“

„Auch andre sprachen für die Mauren,“ sagte begütigend die Königin. „Graf Tendilla, Talavera —“

„Dort sprach die Klugheit, hier aber spricht ein Herz. Das ist gefährlicher. Er hat weniger Geist als Gefühl. Sein Widerstand kann leicht Anklang finden. Er besitzt Ahnenstolz und hat die Sucht, sich einen Namen zu machen. Wehe, wenn sich solche Feuerherzen gegen unsern Geist zu wehren beginnen, wehe, wenn sie ihre umstürzlerischen Freiheitsgedanken offen predigen dürfen! Ich rate Euch, ihm die Freiheit dieses Denkens zu kürzen, damit er sein Retteramt minder scharf übe.“

„Ich habe keinen Grund, ihn verhaften zu lassen,“ sagte der König unentschlossen.

Da hob Ximenes die Augen mit einem bezwingenden Blick auf. „So laßt die Kirche Gründe suchen, die Inquisition ihren Weg gehen. Ihr habt sie beschworen.“

Die Königin erschrak. „Ihr wollt —?“

„Seine verliebte Seele zittert in Unruhe, bald wird auch sein Gedanke über Gott und Glauben wankend werden. Liebe ist nachsichtig und verurteilt nicht leicht, und die Moriska ist sicherlich befangen im alten Glauben. Auch der Graf kann da in gewissen Dingen leicht entgleisen, weil er liebt. Gelingt es, ihn in einem solchen Augenblick zu packen, dann hat die Inquisition freie Hand.“

Der König strich sich mit der Hand über die Stirn. „Ximenes — das ist nicht weise Vorsicht — das ist ein Spiel mit einem — Menschenleben.“

„Es ist die Eingebung einer höhern Macht, die da noch hilft, wo Könige verzagen,“ sagte Ximenes gelassen.

Die Königin zitterte in Mitleid. „Ich fürchte, wir verarmen an Talenten und an Herzen, wenn wir so edle Regungen unterdrücken.“

„Das überlasse Eure Hoheit der Kirche. Zudem — der Hof braucht Geld — der Graf ist reich — Ihr versteht.“

Die Könige erbleichten. Aber sie schwiegen vor der entsetzlichen Kraft dieser Rechtsbegründung aus Priestermund. Endlich fand Isabella das erlösende Wort. „Nur weil ich der Kirche Hoheit erkenne, sag’ ich ja. Aber wie wollt Ihr in die geheimsten Kammern des Herzens dringen?“

Der Erzbischof lächelte überlegen. „Darüber mag sich der Dominikaner den Kopf zerbrechen. Gelingt es ihm, die Könige vor Gefahr zu bewahren, dann schreibt seinen Namen auf die Tafel der Verdienste. Der Graf darf nicht länger so denken, sonst mästet Ihr Euch einen zweiten Cid heran, der seinem König wieder gefährlich werden kann. Alle Ricoshombres, die unzufriednen andalusischen Granden, werden ihm folgen und Kastilien und Aragonien bedrohen, ja, er könnte, ein zweiter Graf Julian, die Mauren aus der Berberei zu Hilfe rufen und die schwer erkämpfte Einheit Spaniens furchtbar zertrümmern. Schon mehren sich die Zeichen, daß der Adel nicht übel Lust hat, den starken Händen der Regenten zu entgleiten. Der kastilische Hidalgo haßt mich, und der Herd des Hasses ist nicht nur in Toledo zu suchen. Auch hier braut man die Unzufriedenheit zusammen, am Pestherd des Prophetenglaubens. Bald werden auch die alten Christen schwankend, wenn sie den Adel mit solchen Köpfen an der Spitze in offener Empörung gegen die heiligen Gesetze sehen. Habt ein Augenmerk auf den Herzog von Osuna, auf den Grafen von Orgaz, auf Priego de Cordoba, ja selbst auf Medina-Sidonia.“

Die Könige sahen einander erblassend an. „Mit welchen Bildern schreckt Ihr unsern Geist?“ bebte Isabella.

Fernando stampfte mit dem Fuß. „So weit können sie es treiben wollen?“

„Ist es erst so weit, hat es dieser Graf bewiesen, daß er’s kann. Wir müssen schneller sein. Eure Ungnade wird ihn vorsichtig machen. Gebt mir freie Hand.“

„Macht ihn unschädlich,“ rief die Königin bedrängt aus. „Aber — schont ihn, im Grunde ist es nur ein irregeführter Mensch, ein Unglücklicher, den Gesetzen der menschlichen Natur unterworfen.“

„Ob Härte oder Schonung — überlaßt das dem barmherzigen Sinn der Inquisition, die für die Reinigung der ketzerischen Seele sorgt. Sie wird den durch die Sünde Abgefallenen wieder mit der Kirche versöhnen.“ Er verneigte sich und empfing den Handkuß der Könige.

In der prallen Sonne des Löwenhofes blickte er suchend um sich. Der Dominikaner glitt aus dem Schatten eines von Säulen getragnen Pavillons und schlich demütig gebückt zu ihm hin. Der erste Faden für das Netz, das den Unseligen umgarnen sollte, wurde in die Seele Leons gesponnen.