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Granada in Flammen

Chapter 29: Siebenundzwanzigstes Kapitel
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About This Book

Die Erzählung schildert das Leben maurischer Flüchtlinge und Hirten in den Alpujarras nach dem Verlust von Granada, verbindet schroffe Natur- und Klimaelemte mit alltäglichen Details wie Herdenpflege und kargen Behausungen. Im Fokus stehen persönliche Beziehungen, die Sehnsucht nach einer Rückkehr und die religiösen und kulturellen Traditionen, die Gemeinschaft zusammenhalten. Lebhafte Landschaftsbeschreibungen wechseln mit Momenten innerer Erinnerung, Hoffen und praktischer Fürsorge, während Figuren Armut, Treue zu Gebräuchen und die Hoffnung auf politische Wiederkehr abwägen.

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Granada glich in diesen Tagen einem Wespennest. Man wütete und stach um sich. Über die Stadt fiel der Gifttau der Inquisition. Das Ketzergericht begann sich über Nacht zu formen. Die Taufe war nicht unter die Rinde des Unglaubens gedrungen. Da und dort entdeckte man Rückfälle in maurische Gebetsbräuche, und wo durch die Einziehung von Hab und Gut ein Gewinn für die Könige und die Kirche feststand, griff man unbedenklich zu. In Belanglosigkeiten, in unbedacht gesprochnen Worten wollte man Flüche auf das Christentum entdecken, scheele Blicke nach der Kirche genügten, um anzuklagen, man zeigte Moriskos an, die das Chrisam von der Stirn der Täuflinge weggewischt haben sollten, andere, welche sich weigerten, Schweinefleisch zu essen, Frauen, die sich mit Henna färbten oder gar zu oft wuschen, was als maurischer Religionsbrauch aufgefaßt wurde. Eifersucht und Haß trieben ihre Blüten. Diejenigen, welche bekannten, wurden gegeißelt und zum Tragen des Schmachgewandes verurteilt, dann ins Gefängnis geworfen. Bis jetzt hatte man elf Fälle zurechtgehämmert. Pater Leon wollte einen schönen Auftakt für das Osterfest schaffen. Unter riesigem Zudrang wurde das Autillo, das kleine Autodafé, in der Moscheekirche auf der Bibarrambla abgehalten. Mit der spitzen Schmachmitra auf dem Haupt, dem Sanbenito am Leib, schleppte man die Opfer zur Kirche, wo ihnen inmitten von Mönchen das Urteil verkündet wurde. Die meisten kamen mit Gebetsstrafen davon, eine Frau wurde verurteilt, täglich siebzehn Vaterunser, einhundertdreiundfünfzig Ave-Maria, sechzehn Gloria-Patri und das Glaubensbekenntnis zu beten. Das Gebet als Strafe! Ein Mann wurde gegeißelt, da er Christus keine Heilkraft der Seele zuerkennen wollte. Er wurde mit einem Strick um den Hals vor die Kirche geführt und mit hundert Hieben bedacht, dann auf einen Esel gesetzt, bis zu den Hüften entblößt, mit der Mütze auf dem Haupt, durch die Gassen geführt, vom Volk verhöhnt und angespien. Neben ihm hieb abermals der Gerichtsvogt mit einem ledernen Strick hundert Streiche auf seinen nackten Rücken. So wurde ihm der Glaube eingebleut und er selbst mit der Kirche ‚versöhnt‘.

Der Graf de Mora, der mit vielen Granden der Geißelung beiwohnen mußte, litt innerlich Qualen. In ihm bäumte sich die Empörung gegen die furchtbare Gewalt auf, die harmlose, einfältige Menschen zu Verbrechern stempelte.

Die Moriskos verkrochen sich in ihre Häuser. Dort flüsterten sie einander die Schrecknisse zu, steigerten sie ins Ungeheuerliche und woben ihre eigene Angst in die der Opfer hinein. So war sie nun da, die cordobanische Inquisition! Die Häscher schlichen sich in die Häuser und horchten die Bewohner aus, suchten nach Gebetsteppichen, und der Schreck warf seine Kreise in die ganze Nachbarschaft. Trotz aller Schwüre der Verurteilten drang es doch an die Ohren der Leute, mit welch unheimlicher Umständlichkeit das peinliche Verfahren durchgeführt wurde, wie man die Beschuldigten ängstigte, indem man ihnen Dinge vorhielt, die sie nie begangen, wieviel Tränen in den Kerkern vergossen und welche Martern in der Folterkammer ersonnen wurden. Mit entsetzlich verstümmelten Gliedmaßen kämen die Gefolterten in die Kerker zurück. Tag für Tag hing das Schwert über jedem Bürger von Granada. Auch die Christen verschonte das Gericht nicht. —

Don Pedro de Solar stieg den Weg zur Alhambra hinauf. Sein Inneres war wie ein ausgetrockneter Schuttbach, und immer wieder stürzten sich böse Gedanken wie Hyänen auf ihn. Neben ihm schritt Hernando de Rojas, in derselben Kümmernis verstrickt. „Ich habe dir etwas Schweres zu sagen. Maria de Calabreña erwartet dich beim Imam. Man hat ihm den Koran weggenommen. Der Alte ist verzweifelt.“

„Wer hat es gewagt?“ flammte Don Pedro empor.

„Zwei Dominikaner im Auftrag des Leon.“

„Das ist der Hammerschlag des Ximenes!“ Er stürmte auf sein Zimmer.

„Du gehst, höre ich, nicht nach Lanjaron?“

„Der König traut mir nicht mehr. Ich bin dem Befehl des Grafen Tendilla unterstellt worden, der morgen nach Guejar zieht, das Maurennest auszuräuchern.“

„Du hast den König und Ximenes furchtbar erzürnt, das vergessen sie dir nie.“

Der Graf verabschiedete sich von dem Freund und eilte über den Hof nach dem Turm der Cautiva. Er fand Reija aufgelöst im Schmerz um den Alten, der bleicher war als sonst, um Jahre gealtert und mit der Schwermut des Entsagens im Auge. Er kauerte auf dem Gebetsteppich und rief mit Hilfe des Musabihha, des arabischen Rosenkranzes, die schönen Namen Gottes in höchster Andacht zum Himmel.

Reija flog dem Geliebten ans Herz. Ihr Mund, vom Salz der Tränen benetzt, küßte ihn wild. Sie klagte ihm den Einbruch der Dominikaner. „Oh, Habib meiner Seele! Nun hat er nichts mehr auf der Erde!“

Der Greis wankte aus dem Gebet. „Wo des Ximenes rauhe Hand hintastet, verdorren die Blumen und versiegt das Wasser. Insch’allah! In alle Ewigkeit! Feta, du liebst diese hier! Ich weiß alles. Um dieser Liebe willen, die auch sie für dich hegt, habe ich sie nicht verstoßen. Ich hätte sie zu den Blinden und Tauben werfen können, die das Gesetz des Propheten nicht sehen und hören wollen, hätte sie mit dem Atem der Pest verfluchen können, aber es sträubte sich etwas in mir. Ich habe Sinn für des andern Gottesweg, Ihr löscht des weisen und sanften Nazareners Duldersinn aus und setzt an seine Stelle den Verfolgergeist des Hasses. Wo aber bleibt die unbegrenzte Liebe? Diese Mönche — haben sie kein Herz im Leibe?“

Mora schüttelte den Kopf. „Such’ bei Steinen Erbarmen, bei diesen nicht.“

„Ihr seid arm, Spanier! Ärmer als wir, trotzdem wir kein Recht auf einen freien Atemzug haben. Gott, dessen Name in aller Ewigkeit groß ist, wird alles richten. Insch’allah!“

Reija schluchzte ihr Herz aus. „Alle Emire und Walis haben Granada verlassen. Und du gehst morgen fort — wir werden ganz ohne Beschützer sein.“

„Vertrau’ auf Gott. Verlaß den Alkazar nicht — ich bin bald zurück.“

Der Imam mahnte mit warmer Herzlichkeit: „Es gehen furchtbare Schrecknisse durchs Land, sagt man, geboren aus den Hirnen dieser Mönche. Das Kind ist eine Moriska, sie kann leicht in euerm Glauben straucheln. Allzu stark ist ihres Vaters Art in ihr, noch liegt ihr Herz in Widersprüchen gefangen. Oh, könnte ich doch beruhigt ins Tal des Schweigens steigen.“ Er versann sich in düstern Gedanken. „Das größte Wunder ist der Tod, denn er soll uns Paradiese schaffen. Komm her, meine Blume von Andalus.“ Er umschlang des Mädchens zarten Leib. „Ist Schönheit wirklich Glück? Wohl hat El Bakali, der Hirte der Erkennenden, gesagt, Liebe und Schönheit hätten mit einander einen Bund geschlossen, daß sie sich nie trennen würden. Nicht nur Glück, auch ein Übermaß von Leid entspringt aus ihr, Haß und Streit wurzeln in ihr, Völker lagen sich ihretwegen in den Haaren, Sorgen windet sie um der Liebenden Haupt, sie macht aus Weibern Männer, aus Männern Weiber und verträgt keinen Dritten in ihrem Bund. Und doch ist sie eine süße Unruhe des Lebens, ein seliger Schmerz, ein zartes Leid. Sieh, ich kann dir deinen Ritter nicht nehmen, Reija, drum halte fest an ihm. Gott ist in dir und über dir, du entgehst ihm nicht, aber er wird deinen Pfad nicht zum Feuerweg machen, wenn du auch im Gebet vor der süßen Mirjam liegst. Glauben heißt am Ende gut sein.“ Er wandte sich an den Grafen. „Du wirst eine harte Sache haben mit den Mauren in Guejar. Himmelragende Felsen müßt ihr stürmen, zwischen den Talwänden werden die christlichen Ritter fallen wie Ratten und stromweis wird ihr Blut fließen.“ Sein Auge erglänzte in alter Kampffreude und sein Bart schien ein Flammenbusch zu sein.

Der Graf drückte ihm die Hand. „Abu Atir, ich wollte solche Feinde haben wie Euch, dann wäre das Leben schön, denn es läge offen vor mir da. Lebt wohl — ich muß tun, was Königspflicht mir gebeut. Ist dieses letzte getan, soll vieles anders werden.“

Da drängte Reija an sein Herz. „Komm heute abend in die Alcazaba. Ich will Abschied von dir nehmen vor dem Kampf.“ Sie sah mit glühenden Wangen zu Boden.

Unendliches Glück erhellte das Auge des Grafen. Mit zärtlicher Liebkosung begleitete sie den Geliebten die Treppe hinab. Dann kehrte sie zu Abu Atir zurück. „Rüste dich, Väterchen, zum letzten Schritt,“ flüsterte sie ihm hastig zu. „Ich habe alles vorbereitet.“ Ihr Auge bekam einen schillernden Glanz. „Wenn morgen die Truppen nach Guejar ziehen, ist die Stadt von Soldaten entblößt. Die Wali Beni Mossad werden mit fünf Pferden in der morgigen Nacht beim Mühlentor halten. Die Wache bei deinem Zimmer wird durch drei andalusische Maultiertreiber überwältigt, die sich noch bei Tag in die Alhambra einschleichen. Spanischer Mantel und andalusische Mütze sind für dich bereit, man wird dich für einen Gelehrten halten. In Begleitung der drei Arrieros gelangst du bis zum Mühlentor, wo die Pferde warten. Von dort reitet ihr über Padul nach Salobreña ans Meer. Ein Schiff trägt dich nach Maghreb zu meinem Vater.“

Der Greis hatte starr-staunend gehorcht. „O Gott — wenn ein Schatten des Argwohns auf dich —“

„Ich weiß von nichts und schlafe ruhig in der Alcazaba.“

„Und du kommst nach? Nach Salobreña?“

„Nein. Mein Geschick ist mit dem meines Feta verknüpft. Ich will ihn beschwören, mit mir nach den Kanarischen Inseln zu fliehen, oder es blüht in Frankreich für uns eine neue Heimat. Nur fort von hier! Der Boden brennt mir unter den Füßen. Nimmer will ich des Grafen Herz täuschen, unsere gemeinsame Kette bricht nur der Tod.“

„Oh, Engel mit dem Schwert des Geistes und der Liebe! So weih’ ich dich für dein Liebeswerk, das du mir und jenem tust. Mögen dich Gottes Seraphim behüten. Hör’ mich an: Geheimnisvoll naht sich morgen gerade die Nacht Kadir, in der der ungeschaffene Koran aus dem siebenten Himmel in den Himmel des Mondes gebracht wurde, um vom Engel Gabriel behütet zu werden. Diese Nacht ist immer von großen Geschehnissen erfüllt, darum glaube ich an ein gutes Gelingen. Ich will dir ein Geheimnis anvertrauen, das mir dein Vater nur in höchster Not preiszugeben befahl. Die Not ist da und du bist sein Kind. Im Turm der sieben Stockwerke in der Alhambra unter dem Getäfel einer Nische im obersten Zimmer, wo der Türmer haust, hatte Boabdil eine Kerze verwahrt, die so hergerichtet ist, daß deren Wachs, am untern Ende angezündet und auf das Pergament getropft, das sich in meinen Händen befindet, eine Schrift auftauchen läßt, welche besagt, wo der letzte granadinische Schatz des Königs in Granada verborgen ist. Von diesem darf ich für dich nehmen, soviel ich will. Hier hast du das Pergament.“ Er schnitt in einer verborgenen Rockfalte eine Naht auf und zog ein zusammengefaltetes Pergament heraus.

Mit höchstem Staunen griff Reija nach dem Blatt. „Ich will’s benützen, wenn die Not am höchsten.“ Sie steckte es zu sich. „Tausend Dank, Väterchen!“

„Gib alles, was du an Geld hast, dem Wali Sareb in Verwahrung. Er ist ein treuer Prophetenknecht. Für mich genügt das nackte Leben. In Salobreña warten Gelder auf mich. Du mußt gehen?“

„Die Arrieros sind für die dritte Stunde heute bestellt. Sie bekommen Ausrüstung und Waffen. Dein getreuer Malik Ben Hossaim hilft mir bei allem. Er ist schlau, verwegen und vorsichtig. Leb’ wohl, Väterchen!“ Sie warf sich die schwarze Mantilla um, zog den Schleier vor und huschte aus dem Turm. Unten wartete Saffana.

Der Frühling begann seine Wunder leise zu entfalten. Mild fächelte die Luft, rosenrote Mandelblüten dufteten von den Hängen, die Blütenstände der Aloestauden prangten wie Tempelleuchter, der Maulbeerbaum und die Granate gingen auf, auf den Hügeln schimmerte der Wein dem großen Blühen entgegen. In der Calle de Gomeres warteten die Maultiere. Durch die engen Gassen der Antequeruela drückten sich verängstigte Moriskengestalten an ihr vorbei, alle Gesichter erregt und bleich unter dem Eindruck des Autillos. Der übliche Gassenlärm war verstummt. Züge von Mönchen und Nonnen, alle unheimlich verhüllt wie Boten des Todes, schlängelten sich zur Alhambra hinauf, lebendige dunkle Girlanden im frühlingsjungen Grün des Berges. Von Zeit zu Zeit tönte durch die Gassen ein weher Ruf, man wußte nicht woher, irgendeine Brust stöhnte wohl ihr Leid in die glühende Sonne. Reija ritt gesenkten Hauptes, von den Wogen ihrer Gedanken bedrängt, durch die geängstigte Stadt, die in wenigen Stunden ihre andalusisch-maurische Fröhlichkeit eingebüßt hatte, gebrochen durch die Posaunentöne des Jüngsten Gerichts.

„Höre, Saffana! Du läufst heute abend in der Alcazaba herum, soviel du willst. Nur in meinem Zimmer laß dich nicht sehen. Rüste mir das Bad und fülle alle Räuchervasen.“

„Werda, Werda, du willst dich schmücken, als ginge es zum Liebesfest.“

„Rosen vergiß mir nicht und flatternde Seidenbänder. Morgen zieht mein Bräutigam in den Kampf. Aber die Monfis sind aus Helden zusammengesetzt, sie werden aus den Christenleibern den Staub der Verwesung machen.“ Ihr Auge, schwarz wie ein Nachthimmel, glühte für den Ruhm der alten Glaubensbrüder. „Was hältst du von den Christen und ihrer Kirche?“

Saffana schüttelte den Kopf. „Ich kann’s nicht begreifen, was diese Fakis tun. Sie zwingen uns, ihre goldenen Bilder anzubeten, sie rufen uns mit Glocken zum Gebet, ihre Predigten hallen von Verboten und Sünden. Und was soll der Wein in ihrem Kelche? Die Fakis deuten es mit Blut. Ich kann’s nicht glauben. Aber es gibt so schöne Ritter unter den Spaniern —“ ihr Auge belebte sich rasch — „man möchte so gern in ihren Armen liegen und ihren Götzendienst vergessen.“

Reija hörte nicht mehr auf ihr leichtes Geschwätz. Ihre Gedanken verfingen sich im Netz der eigenen Liebe. Und in ihrem Geiste loderte der ersehnte Abend in Flammen des Prophetenparadieses.