Achtundzwanzigstes Kapitel
Pater Leon trat mit gesättigtem Herzen in die kühle Dämmerung der Mosala. Das Autillo war ein offenkundiger Sieg, eine Machtentfaltung des Nazarenerglaubens. Der Vikar fertigte die ihn begleitenden Mönche ab und ordnete dann sogleich die Inquisitionsakten in den Schrank ein. Dann öffnete er ein Aktenbündel und holte ein schneeweißes, leeres Papier heraus. Ohne mit der Wimper zu zucken, ergriff er das Schreibrohr und setzte ein paar Worte hin, die den leeren Bogen mit einem schrecklichen Inhalt zu füllen begannen:
„Anklage gegen den königlichen Hauptmann Don Pedro de Solar Grafen de Mora, der beschuldigt wird —“
Hier endigte der Gedankengang des Inquisitors. Die Schuld zu ersinnen und zu formulieren, blieb ihm die Nacht. Die gräßlichen Gedanken entflatterten ihm und er ließ erquickendere in sein Hirn. Vor seinem brennenden Auge wiegte Maria de Calabreña ihren schönen Leib. Wie weit stand sie mit — oh, ihm schauderte. War dieser Leib schon ein fruchttragender Acker geworden?
Draußen tappten Schritte. Der Dominikaner öffnete. „Ah, endlich! Ich habe Euch längst erwartet, Don Silvio.“
Der Mönch führte einen etwas verwachsenen Mann herein, der schon in seinem Äußern zu jenen Menschen zu gehören schien, die zuerst essen, bevor sie beten. Ein olivenfarbiges, verschrammtes Spitzbubengesicht, dessen graue Augen hinter den Lidspalten versteckt lagen, struppiges, aschgraues Haar, die Nase klumpig, die Lippen wulstig und bläulich, die Haltung vernachlässigt, alle Gebärden vorsichtig, als müßte der Mann unausgesetzt vor irgendeiner Entdeckung auf der Hut sein — fürwahr, es stand kein Engelsgebilde vor dem Dominikaner.
„Du kommst von Cordoba?“ fragte dieser.
Don Silvio bejahte mit einer rostig klingenden Stimme. „Der hochwürdige Pater Lucero, Inquisitor von Cordoba, schickt mich.“
„Ich bat ihn um eine geschickte Hand, die in gewissen Dingen nicht in Verlegenheit kommt.“
Der Scherge lächelte eitel. „Auch Jonas verbarg sich vor dem Herrn und dieser fand ihn doch.“
„Du greifst hoch in die Wolken.“
Don Silvio sah sich vorsichtig um. Die Nähe des Altars und der Meßgeräte verwirrte ihn ein wenig. „Darf ich zuerst beten?“ heuchelte er schamlos.
„Tu was du mußt.“
Der Mann kniete schwerfällig beim Altar nieder und schien mit Andacht zu beten. Dann erhob er sich und trat mit dem gleichgültigsten Gesicht an den Tisch. „Was also soll getan werden?“
„Wo wohnst du jetzt hier?“ erkundigte sich der Vikar.
„In einer Venta am Elvirator gleich in der Nähe des Inquisitionspalastes. Es weiß kein Mensch, woher ich komme, und in Cordoba lebe ich versteckt wie eine Kröte bei Tag.“
„Hast du das Dekret des Familiare der Inquisition?“
Don Silvio zog den zerknitterten Schein heraus. Der Vikar prüfte ihn. Das Dokument sagte das Ungeheuerliche aus, daß dieser verkommene Schlaufuchs in der Bruderschaft der Familiares aufgenommen worden sei und daß er geschworen habe, sein Leben dem heiligen Offizium zu weihen und dafür alle Ablässe der Cruce signati empfangen habe und im Besitz des heiligen Kreuzes sei. Einen solchen Bruder brauchte der Inquisitor. Jede spanische Stadt wimmelte von dergleichen Gesellen, die von der Gnade des Tribunals lebten und ihre eigene Zunft hatten. „Weißt du deine Aussagen geschickt zu setzen?“ fragte Leon.
„So daß sie den Schein der Wahrheit haben. Ich streue etwas Angst ein, taste mit den Worten unsicher herum, suche um Himmels willen einen Ausweg, der mir nicht gelingt, um Jesu Barmherzigkeit willen muß ich einfach sagen, was ich gehört, gesehen, ob ich will oder nicht. Und zitternd schreibe ich meinen Namen unter die Zeugenschrift. Ehrwürdiger Pater, ich habe an die hundert Christen vor das Tribunal gezerrt, und wenn die Summe sich rundet, kaufe ich mir ein Häuschen in Andalusien, da wo es am schönsten ist.“
„Hast du — Schriftliches bei dir von Lucero?“
„Nur meinen Mund. Der plappert wie eine Litanei oder schweigt wie ein Sarg. Je nach Bedarf. Der sehr ehrwürdige Pater Lucero wird sich hüten, mir etwas Schriftliches zu geben. Unsereins kommt in der Venta leicht in Händel und da ist jede Schrift in Gefahr, wenn die Messer fliegen. Zur Sache denn, um welchen Fall handelt es sich? Oder ist einer ganz neu aufzubauen? Da müßte man vorsichtig sein.“
„Die Sache liegt eigentlich so offen, daß man nur eines kleinen Beweises bedarf, um die Anklage zu erheben. Ist es geschehen, hast du der Kirche, Spanien, der Königin, dem König, und dem Erzbischof Ximenes einen großen Dienst erwiesen.“
Der Handlanger des Bösen machte gewichtige Augen. „Bei Santiago! Ein ehrenvolles Amt, das manchem Bettler in der Seele kitzeln müßte. Fast möchte ich mir den Zehnten von ganz Spanien dafür ausbedingen.“
„Dein Häuschen in Andalusien dürfte dir sicher sein. Die einzuziehenden Güter der betreffenden Person sind umfangreich, ein Fünftel davon fällt dem königlichen Schatz zu, der Rest der Kirche und dem Staat. Von diesem Teil würde ich dir den Zehnten beim Supremo der Inquisition auswirken.“
„Bietet Ihr mir Sicherheit?“
„Du sollst Dezas Unterschrift haben.“
„Darauf kann ich bei allen Juden Europas Schulden machen. Und wie heißt der große Name, der so viele Gebäude in ihren Festen erschüttert?“
„Don Pedro de Solar Graf de Mora.“
„Der zählt!“ Don Silvio spitzte die Lippen zu einem Pfiff. „Was hat er getan? Oder besser, was für Verbrechen will man von ihm?“
„Er hält mehr als notwendig den Mauren die Stange.“
„Dann also muß man ihn maurisch fassen. Man will ihn, verstehe ich recht, verdächtigen, daß er Spanien oder die Kirche — was ja fast dasselbe ist — verunglimpft.“
„Schärfe dein Hirn,“ drängte Leon ungeduldig.
Der Vertraute biß die Zähne zusammen. Und mit seinen grauen Äuglein schaute er tief nach innen, als wollte er die Rüstkammer seiner Schurkerei durchstöbern. Sein spärliches Haar stand im Wirbel aufrecht, wie von Galgenluft zerzaust. „Laßt sehen! — Geheime Versammlungen? Verbraucht! Man will doch sonst niemand von den Granden unschädlich machen?“
„Das wäre noch zu überlegen.“
„Eine gewöhnliche Lässigkeit nachzuweisen, wäre ein Kinderspiel, aber das paßt nicht für den großen Namen. Der Graf ist wohl, was man so sagt, gläubig?“
„Er denkt tolerant.“
„Hallo! Da sitzt ein Loch, durch das er durchfliegen kann, oder der Topf hat einen neuen Henkel gefunden. Wenn man ihm die Liebe zum Koran ins Blut schießen lassen würde? Könnte man ihn nicht in eine Maurin verliebt machen?“
Die Mönchsaugen leuchteten wie Katzenaugen im Dunkeln „Das hat er schon in aller Wahrhaftigkeit selbst besorgt.“ Und er speiste ihn mit Einzelheiten ab.
„Da brauchen wir für den Stier erst kein rotes Tuch. Maurin, Koran, die Heftigkeit des Ritters, die Toleranz — laßt mich sinnen — ein gefälschter Brief — ein zu gefährliches Mittel — aber der Graf besitzt sicher einen Diener — und der könnte mir es anvertraut haben — ich meine, daß dieses und jenes Wort gefallen —“
„Du ziehst einen armen Teufel mit ins Unheil,“ erschrak der Dominikaner.
„Wie lautet das Sprüchlein des ehrwürdigen Torquemada? Es ist besser, daß tausend Unschuldige sterben, als daß ein einziger Ketzer davonkommt. Man sagt, die Kirche vergißt solche erprobte Sprüchlein nicht gern.“
„Deine Sünden werden Teufel erzittern machen,“ erschauerte Leon. „Geh, geh — ich will ohne dich auszukommen suchen.“
„Das hättet Ihr früher bedenken müssen. Ich weiß schon allzu viel.“ Seine buschigen Augenbrauen zogen sich hoch, während er seinen struppigen Bart strich.
„Es ist nie zu spät, Gedanken zu bereuen.“
„Ob man dieser Reue Glauben schenken wird? Vergeßt nicht, ehrwürdiger Pater, ich habe gut ein Drittel der cordobanischen Prozesse auf meinem Gewissen.“
„Um so sicherer bist du in unserer Gewalt.“
„Oder Ihr in der meinen. Wenn ich plaudere —“
„Glaubt man dir nicht oder macht dich rechtzeitig mundtot. Die Aussagen der Inquisitoren dürfen nicht angezweifelt werden, sie werden sich um ihre Haut zu wehren wissen.“
Mißvergnügt drehte sich der Schurke nach der Tür.
Leon rief ihn zurück. „Du sollst nicht unversöhnt von dannen gehen. Es bleibt dabei. Mach’ dich an den Diener heran. Wir wollen dann den Vertrag schließen. Und noch eins. Wenn du schwören solltest, du habest gehört, daß eine gewisse Moriska dabei ertappt wurde, wie sie betend auf dem Mekkateppich lag, oder daß sie nächtlich den Zambra tanze, sich täglich wasche und das Schweinefleisch verachte — du würdest dich doch nicht lange besinnen?“
Don Silvio rümpfte geringschätzig die Nase. „Für solche Kleinigkeiten hat mein Gewissen noch Platz. Ich kann auch beschwören, daß ich das Weib auf einem Aquelarre, einem Hexensabbat, in San Esteban gesehen.“
„Man wird sich deiner erinnern. Geh.“
Mit einer verzogenen Fratze, die Lippen häßlich zusammengekniffen, die Schultern hochgezogen, schlich der Scherge hinaus. Er war das Feilschen in Cordoba gewohnt. Sollte er hier andre Methoden lernen? Eine Schurkerei, so tief in der heiligen Gerechtigkeit verwurzelt, konnte nicht leicht ausgerissen werden oder der ganze Baum stürzte um. Aber was half es ihm, wenn durch seine Verräterei die Inquisition einen Stoß bekam? Wer würde ihn belohnen? Über die Erlösung würde man den Erlöser vergessen. Er lebte von der Inquisition, nicht sie von ihm. Es waren hundert andere Auswürflinge da, sein Amt zu übernehmen, und er konnte sich die Nägel ausreißen vor Galle, daß er der Klügere sein wollte. Nein, nein, der Pater hatte recht, man mußte Hand in Hand mit den Dienern des heiligen Offiziums gehen, um nicht nackt wie Hiob auf dem Mist zu sitzen. Das waren so seine grauen Gedanken, als er durch das Tor der Gerechtigkeit in der Alhambra schritt.
Pater Leon hatte sich in Instruktionen vertieft. Sein Gemüt war ebensowenig erheitert wie das des davongegangenen Besuchers. War er nicht mit der Belastung eines wildfremden Gewissens zu voreilig gewesen? Aber noch war kein Abschluß des Handels da. Unterdessen mußte ihm der Teufel, den er für Gott hielt, irgendwie zu Hilfe kommen.
Die Zeit schlich. Bald mußte Maria de Calabreña da sein. Er hatte ihr in der letzten Beichte unter anderm auch die Buße aufgegeben, von nun an nach alter Büßerweise barfüßig vor dem Altar zu erscheinen, um so die Demut vor Gott besser zum sichtbaren Ausdruck zu bringen. Er berief sich auf Moses, der, als er vor Gott im feurigen Busch kniete, auch die Schuhe auszog, da er heilig Land betrat. Das Gebot erinnerte Doña Maria an die mohammedanische Fußwaschung vor dem Gebet und sie fand nichts Absonderliches darin. Heute also mußte sie bloßen Fußes —
Leon lief es über den Rücken. Er nahm ein Inquisitionsheft zur Hand, seine Gedanken abzulenken. Da lag ein Zeugenverhör vor ihm, musterhaft und geschickt in der Fragestellung, hingeworfen von einem der Consultores in Cordoba. Es waren Schachzüge mönchischer Spitzfindigkeit, die hier in vielgestaltiger Form mit Menschenleben spielten. Leon hatte sich kaum in das Labyrinth der Fragestellungen hineingetastet, als er den geliebten Schritt draußen hörte. Die Wachsoldaten ließen wie immer die schöne Moriska eintreten.
Der Dominikaner begleitete sie nach freundlichem Gruß zum Altar. Gehorsam zog sie ihre Schuhe und Strümpfe aus und kniete an den Stufen nieder. Der Dominikaner stand hinter ihr, als wollte er ihre Andacht in seinen Segen nehmen. Seine Augen aber verschlangen das nackte, bräunliche Fleisch ihrer gemeißelten Sohle und das bläuliche Geäder der zarten Fessel. Jede Zehe liebkoste er und er hätte stundenlang ihre liebliche Blöße bestaunen können, ohne in seiner Begehrlichkeit zu ermüden. Als sie sich erhob und die Schuhe anzog, beobachtete er jede Linie ihres Körpers, jede Rundung, jeden gefälligen Schwung. Maria fing einen dieser prüfenden Blicke auf und errötete. Etwas verzagt setzte sie sich an das mit Erbauungsschriften belegte Tischchen. Leon ging auf und ab, und seine sonst so strenge, herablassende Miene, vollgesogen vom Dünkel der Kirchlichkeit, verwandelte sich in eine Freundlichkeit, die das Mädchen befremdete. Der Vikar segelte in das Fahrwasser der Kirche und der Dogmen, erklärte die Zeremonien der Sakramente, um dann auf einmal die Belehrung abzubrechen und unvermittelt an das Herz der Jungfrau heranzurücken. „Der Graf — nur unter uns, Doña Maria — er liebt Euch mit derselben Herzlichkeit wie Ihr ihn?“ fragte er wie in tiefer Anteilnahme.
„Er würde mir zuliebe alles tun,“ sagte sie glücklich.
„Das ist ein schweres Wort.“ Des Paters Lippen schmeckten ins Leere. „Gesetzt nun, Ihr wärt im Irrglauben beharrt, meint Ihr, der Graf hätte sich bewegen lassen, den Christenglauben abzuwerfen?“
Sie erschrak. Daran hatte sie eigentlich nie gedacht. Ob wirklich seine Liebe so groß gewesen wäre? „Ich glaube, er hätte sich wenigstens nach und nach mit Mohammeds Gesetzen, mit Koran und Sunna befreundet,“ sagte sie ausweichend.
„Hat er Euch je Beweise zu einer solchen Annahme gegeben?“
„Nein, aber er hätte gewiß erkannt, daß auch Mohammed ein großer Mensch war.“
„Groß kann ein Mensch nicht sein, der so irrt. Aber Ihr schweift ab. Ich meine, hat der Graf Euch Beweise eines so duldsamen Denkens gegeben? Er liebte wohl Eure alte Religion?“
„Lieben? Dann hätte er sie doch angenommen und die seine weggeworfen.“
„Liebende rasen oft über Sünde und Unheil hinweg ins Verderben.“
„Wäre es wirklich ein Verderben für ihn gewesen?“ erschrak sie heftig.
„Ich würde kein größeres kennen. Aber sagt, spricht der Graf oft und viel von der heiligen katholischen Religion?“
„Freilich — er liebt sie doch — nur —,“ sie stockte.
„Nur?“ griff der Priester überhastig in ihre Verlegenheit.
„Ach, nichts.“
„Nein, Ihr wolltet eine Ausnahme einschalten.“
„Ich wollte nur sagen — aber bitte, bitte, blickt nicht finster —, ich meine, auch er ist nicht blind gegenüber den Übertreibungen —“
„Auch er? Also sind auch andere da, die —?“
„Ach, ich meinte nur — man spricht doch das und jenes —, so lächelte er oft, wenn er die Leute, die Frauen stundenlang vor den Altären liegen sah —“
„Da lächelte er?“ fragte der Mönch gespannt. „Und sagte wohl: ‚Ach, wie arm sind diese Frauen?‘ Das sagte er, nicht wahr, Doña Maria?“
„Nicht doch, er sagte es nicht. Aber ich sah es ihm an, wie ihn das Mitleid mit ihnen überlief, wenn sie so vor den Bildern lagen —“
„Er sagte wohl: ‚Das sollte nicht sein.‘“
„Gesagt hat er das nicht.“
„Vielleicht doch einmal? denkt nach.“ Des Priesters Augen stachen in ihre Seele.
„Ich erinnere mich nicht.“
„Aber es könnte sein, daß er es einmal gesagt hat?“
„Vielleicht. Aber ich weiß nichts davon. Er freute sich nur immer, wenn ich ihm sagte, daß ich früher auf dem Gebetsteppich lag und auch ohne ein Bild meinen Weg zu Gott fand. Er nannte dies schön und recht bei den Moslims.“
„Das heißt also, daß der katholische Brauch nicht schön und recht sei?“
„O Gott, das hat er nicht gesagt.“
„Doch folgt es leicht daraus. Er fand demnach in manchem Eure alte Religion viel schöner und richtiger als die unsere?“
„Nicht das, aber es waren doch schöne Stunden, wenn wir den Koran lasen, die Verheißung vom Paradies —“
„Er las den Koran mit Euch?“
„Freilich, das mußte er doch, um zu wissen, wie wir es früher hielten.“
„Und da meinte er wohl auch, daß dieses Paradies schön und erstrebenswert sei?“
Sie nickte unverfänglich. „Ei, wem sollte wohl der heilige Gotteshain mit den vielen Huris nicht gefallen und mit den Quellen der Liebe?“
„Auch ihm gefiel das also?“ Er umspann mit den leicht hingeworfnen Fragen ihr ganzes Denken wie mit einem Netz.
„Ich sagte schon, wem sollte es nicht gefallen?“
„Und sprach er nicht von der Dreieinigkeit manchmal zweifelnd?“
„Das wüßte ich nicht zu sagen, Pater. Aber wozu das alles?“
„Ich nehme eben an allem teil, was Eure Seele bewegt. Der Graf hat also wohl selten von der Dreieinigkeit gesprochen?“
„Fast nie. Das heißt, ja, jetzt erinnere ich mich, einmal — richtig, da sagte er, er könnte mir nichts Bestimmtes darüber sagen, denn er wisse nichts davon.“
„Er wisse nichts von der Dreieinigkeit? Sagte er so?“
„So ungefähr.“
„Merkt doch genau meine Frage: Er sagte, er wisse nichts von der Dreieinigkeit?“
„Ach, das hat er nicht gesagt.“
„Aber so ungefähr. Vielleicht sagte er so: ‚Ich weiß nichts von der heiligen Dreieinigkeit.‘“
„Vielleicht, aber ich weiß es nicht genau.“
„Also — er weiß nichts von der heiligen Dreieinigkeit. Merkt das gut.“
Maria sah ihn groß an. „Das ist doch harmlos wie ein verwehtes Blatt.“
Des Paters Schreibrohr warf ein paar Worte auf das leere Blatt. „Und Jesus? Wie sprach er über Jesum?“
„Er nannte ihn einen großen Menschen.“
„Aber nicht einen Sohn Gottes?“
„Ich kann mich dessen nicht entsinnen.“
„Er hat ihn also nicht einen Sohn Gottes genannt?“
„Das weiß ich nicht. Ich hörte nur nicht, daß er ihn so genannt hätte.“
„Dann wird er wohl der Meinung sein, daß Jesus nicht der Sohn Gottes sei.“
„Das hat er nie und nimmer gesagt.“
„Vielleicht doch, und Ihr könnt Euch nur nicht darauf besinnen.“
Sie zuckte die Achseln.
„Er wird also wohl so gesagt haben: ‚Jesus ist ein großer Mensch und ein Prophet.‘“
„Vielleicht,“ sagte sie, glücklich über den vom Pater selbst gefundenen Ausweg. Sie ahnte nicht, wie sie nach seinem Herzen plauderte.
„Also sagte er: ‚Jesus ist ein Prophet.‘“
„So sagen es die Mohammedaner, und vielleicht freute sich der Graf darüber — ich weiß es wirklich nicht.“
„Also der Graf freute sich darüber, daß die Mohammedaner sagen, Jesus sei ein großer Prophet.“
„Der Sohn Gottes muß doch auch zugleich ein großer Prophet sein.“
„Der Graf wollte also von der Dreieinigkeit nichts wissen —“
„Das habe ich doch nicht gesagt,“ fuhr sie erschreckt auf.
„Wer wenig oder nicht davon spricht, will wohl davon nichts wissen. Wohl aber freute sich der Graf darüber, daß die Moslims Jesum für einen großen Propheten halten.“
„Das sollte ich gesagt haben? Oh, ich bin so ungeschickt im Spanischen —“
„Ihr habt sehr geschickt die Wahrheit gesagt. Nun liegt des Grafen inneres Bild klar vor mir.“
Sie faßte das in ihrem Sinne auf und fügte glücklich strahlend dazu: „Oh, läge es so in Euch, wie es in mir liegt. Der Graf ist ja so nachsichtig und mild, und läge es an ihm, er würde keinem Mauren ein Leid antun.“
„Er ist so nachsichtig? Könnte keinem Mauren —?“ Die Worte flogen aufs Papier.
„Warum nehmt Ihr das alles so groß?“
„Ich möchte eben den Grafen, wie er leibt und lebt, vor mir haben, in seiner ganzen Nachsichtigkeit — ja, über die Hostie sprach er nicht mit Euch?“
„O doch. Daß in einem so unscheinbaren Ding —“
„Sagte er: unscheinbares Ding?“
„So ungefähr. Daß darin soviel Kraft verborgen liege.“
„Er bezweifelte es wohl?“
„Nicht doch. Aber er machte ein so merkwürdiges Gesicht, wenn —“
„Also er nannte die Hostie unscheinbar — ja, ja, machte ein merkwürdiges Gesicht dazu — schüttelte wohl gar den Kopf —“
„O nicht doch — wie sollte er?“ — Sie lächelte.
„Besinnt Euch, vielleicht hat er doch einmal —“
„Ja, einmal — da schüttelte er den Kopf, als ich sagte, so ein kleines Stück, das gegessen wird, ist der Leib des Herrn.“
„Ganz recht — da schüttelte er den Kopf — das unscheinbare Ding — ich verstehe nun alles.“ Er erhob sich. „Wir wollen das nächste Mal darüber weiterreden.“
Nun erst war ihr, als läge ein Gewebe um ihr Herz, das beengt darunter schlug. „Ist heute alles fertig?“ fragte sie, sich erhebend.
„Ja.“
Sie wollte noch sagen, daß sie von nun an über den Willen des Geliebten nicht mehr in die Christenlehre kommen wollte, aber sie brachte es nicht heraus. Wenn der Pater nach ihr schicken sollte, dann wollte sie schon irgendeine Ausflucht suchen.
„Noch eins,“ sagte Leon. „Sprecht mit keinem Menschen über das, was wir heute gesprochen, auch mit dem Grafen nicht.“
Angstbedrückt drängte sie nach der Tür. Altarschauer und Kerzengeruch woben in ihrem Herzen einen engenden Schleier zusammen! Nur heim! In die Alcazaba! Dort wartete das Glück, die Freude, das Leben, die Liebe! Sie schlüpfte wie ein ungeduldiges Kätzchen aus der Mosala in den rosigen Abend hinein.
Pater Leon ging zum Tisch und prüfte noch einmal die Aussagen dieser ahnungslosen Klägerin. So hatte sie das Wild selbst in seinen Pfeil getrieben. Er brauchte eigentlich den zweiten Zeugen nicht mehr, aber es war doch gut, ihn für alle Fälle bereitzuhalten, wenn die Angaben der Maria de Calabreña dem heiligen Tribunal nicht genügen sollten. Aber sie mußten aus diesem Mund, der sonst nur Liebe atmete, doppelt schwer wiegen. Sorgfältig setzte er die einzelnen Punkte zur Anklage zusammen. Gleich darauf griffen seine Gedanken in die feurigen Bilder eines doppelten Besitzes: Leonore de Uceda und Maria de Calabreña. Die erstere war ihm sicher, die langsame Besitzergreifung des zweiten Schöpfungswunders wollte er mit den grausamen Waffen seiner Belagerungskunst durchsetzen. Drohend hing wohl über seinem Haupt das Schwert des Inquisitionsedikts, das verführende Inquisitoren auspeitschte. Aber bis zu dieser Anklage gegen ihn durch Doña Maria durfte es überhaupt nicht kommen. Er wußte Mittel, an denen ein solcher Verzweiflungsschrei zerbrach.
Für den Augenblick war Dringenderes zu tun. „Ruft Morlanes, den Carcelero des heiligen Offiziums,“ befahl er einem der Soldaten vor der Tür.
Bald darauf erschien der Vorsteher der geheimen Kerker. „Es sollen sich morgen um die achte Stunde bei mir einfinden: Pater Miguel und Diego, die beiden Konsulatoren des heiligen Gerichts und die drei Alguaciles. Dann um neun Uhr der Fiskal Don Juan de Collades.“ Der Vogt tappte hinaus.
Der Inquisitor fühlte den Schweiß der Erregung über die Stirn fließen. Klänge und Bilder wirbelten durch sein Gemüt. Es war doch keine Kleinigkeit, dieses Lügengebäude der Anklage zu errichten, wenn er auch wußte, daß er damit der Kirche und dem König einen Dienst erwies. Der Graf hatte sich gegen die Majestät des Herrscherpaares noch nicht so weit vergangen, daß man ihn gerechterweise unschädlich machen konnte. Die Kirche und deren Diener waren beleidigt worden, aber noch war der Glaube selbst unberührt geblieben. Der Ketzer war bisher noch nicht bewiesen. Jetzt aber, durch den Mund der glaubwürdigsten Zeugin überführt, konnte man den Strick um seinen Hals werfen, man konnte das aus ihm machen, was man wollte, um den gefährlichen Gläubigen zu vernichten: einen Ketzer. Der Dominikaner brachte mit dem Ketzer noch einen zweiten, persönlichen Feind zu Fall: den Rivalen. Dafür taugten auch die Waffen der Hölle. Dieser Graf durfte nicht glücklicher werden als er. Zum erstenmal spürte er wahrhaftig den bohrenden Schmerz der Eifersucht, und dieser führte die angefaulte Seele folgerichtig den Weg zur Vernichtung. Diese wunderbare, von Liebesleben erfüllte Mädchenbrust durfte nicht einem andern dienen.
Weit öffnete er das Fenster. Die buhlerisch linde Nacht griff an sein Gemüt und ließ es im Vorschauer künftiger Wonnen erbeben. Der Mond behing die schlafende Stadt mit silbernen Geschmeiden.