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Granada in Flammen

Chapter 32: Dreißigstes Kapitel
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About This Book

Die Erzählung schildert das Leben maurischer Flüchtlinge und Hirten in den Alpujarras nach dem Verlust von Granada, verbindet schroffe Natur- und Klimaelemte mit alltäglichen Details wie Herdenpflege und kargen Behausungen. Im Fokus stehen persönliche Beziehungen, die Sehnsucht nach einer Rückkehr und die religiösen und kulturellen Traditionen, die Gemeinschaft zusammenhalten. Lebhafte Landschaftsbeschreibungen wechseln mit Momenten innerer Erinnerung, Hoffen und praktischer Fürsorge, während Figuren Armut, Treue zu Gebräuchen und die Hoffnung auf politische Wiederkehr abwägen.

Dreißigstes Kapitel

Die spanische Christenheit erfüllte ein Freudentaumel. Die Monfis von Guejar waren geschlagen, nachdem sie zuerst den spanischen Rittern schwere Verluste zugefügt hatten. Die Maurenburg des Ortes war erstürmt worden. Gonsalvo de Cordoba hatte als erster die Sturmleiter erstiegen, seine Ritter folgten. Don Pedro de Solar hieb vier Maurenfürsten nieder, gefürchtete Häuptlinge der Banden. Seine Taten entschieden den Kampf, auf Gnad’ und Ungnade ergaben sich die führerlosen Mauren. Ein großer Zug von Gefangenen ging nach Granada ab. Eilboten berichteten den katholischen Königen den Sieg. Die Stadt mußte zum Freudenfest rüsten, von den Miradores und Türmen wehten die spanischen Banner.

Aber ein anderes Ereignis hatte inzwischen die Stadt in Aufruhr gebracht. Der Imam Abu Atir war in einer Nacht entflohen. Wieder waren zwei Wächter ermordet worden und vergebens war die Suche nach den kühnen Übeltätern. Um den Alkazar im Albaycin standen wie um eine feindliche Burg die spanischen Reiter und hielten Wache über das Königskind. Denn hier vermutete man den Sitz des verbrecherischen Anschlags. —

Reija lag auf dem Gebetsteppich mit dem Gesicht nach Mekka gekehrt stundenlang und kleidete auf ihre fromme Art alle Sehnsucht in seufzende Gebetsworte, die bald christlich, bald islamitisch klangen. Ein kastilischer Eilreiter hatte ihr vom Grafen de Mora die Nachricht gebracht, er sei unversehrt, ruhmbekränzt und auf dem Heimmarsch begriffen. Da schwang ihre Seele neu gestärkt dem großen Gott entgegen.

„Mein weinendes Auge erhebt sich zum Schein des Mondes, hinter dem du wachst, o Herr. Sei mein, ich bin dein, du liebreiches Brot und holder Wein, du, der du Welten küßt mit deinem Odem und Länder verheerst mit Glut und Wasserflut, ich arme Rose flehe zu dir: zeige dich mir! Laß den Geliebten in meine Arme sinken, laß mich den Tau seiner Küsse fühlen und scheuch’ alle Feinde von mir und laß unser Haus gesegnet sein unter Palmen am Meer!“

Bei jedem Geräusch flatterte ihre Angst auf. Er ist es! Und immer wieder sank ihr Haupt enttäuscht auf die Brust, wenn Saffana herangeschwirrt kam und eines ihrer hellachenden Trostworte in die Seele der Herrin warf.

Der Abend sank. Reija warf sich von Fenster zu Fenster. Die beginnende Nacht hüllte draußen den Hof in Schatten, die Blumen dufteten betäubend herauf und verworren tönte das Geräusch der Menge in den Gassen herüber.

Sklavinnen kamen, die atemlos den Einzug der spanischen Streiftruppen meldeten. Nun mußte er auch kommen!

Immer tiefer rückt die Nacht vor. Selbst die muntere Saffana verliert die Lust zu scherzen. „Glaub’ mir, Liebling der Engel, er wird zum König gerufen worden sein.“

„Komme ich nicht vor dem König?“ bäumte sich Reijas Liebesstolz auf. Und ihre erhitzte Phantasie beschwerte sie mit Eifersuchtsgedanken. Wenn er in Guejar eine schöne Sklavin gefunden hätte? Sie sprang, gequält von ihrer Ungeduld, auf und ließ sich die Mantilla geben. Gleich darauf hielt sie der Stolz zurück.

Da — Noria eilt mit glänzendem Gesicht herein.

Aus der bräutlichen Brust bricht sich ein einziger Schrei: Er ist’s!

Doch die Sklavin schüttelte das Haupt. „Der andere — sein Freund —“

„Rojas?“ Reija drückt die Hand an die Kehle.

Da steht auch schon der junge Gelehrte an der Schwelle. Sein Gesicht ist bleich, sein Blick gesenkt, der Atem keucht. Kaum daß er Saffana bemerkt. „Doña Maria — verzeiht — Don Pedro — kann nicht zu Euch kommen —“ Er würgt an den Worten.

„Was ist geschehen?“ stöhnt ihre Angst.

„Faßt Euch — noch ist nicht alles verloren.“ Er eilt auf die Wankende zu, sie zu stützen.

Ihre Augen sind eine einzige Frage, die ihre Lippen nicht formen können.

Da bekennt er es herzbeengt: „Er ist — in den Händen — der Inquisition.“

Reija fällt lautlos in die Arme der Sklavin.

Sie bringen sie langsam, durch Besprengen mit Wasser und Riechmittel, zu sich.

Dann erzählt Rojas: „Der Graf von Orgaz und ich erwarteten ihn zu Hause. Er kam todmüde, aber mit glückstrahlendem Antlitz, warf sich in das neue Wams, um sich nach der Alcazaba zu begeben. Kaum hatten wir den Myrtenhof passiert, traten vier Alguaciles auf uns zu und verhafteten den Grafen de Mora im Namen der Inquisition.“

„Ihr habt es — dulden — können —?“

Rojas senkt das Haupt. „Ihr wißt nicht, Doña Maria, was ein Widerstand bedeutet hätte. Wir wären als Mitschuldige verhaftet worden.“

„Weshalb hat man ihn verhaftet?“

„Wer weiß das? Er selbst weiß es nicht.“

Sie rafft ihren geschwächten Leib auf. „Ich muß zu ihm —“

„Er darf mit niemand sprechen. Man weiß nicht einmal, wohin sie ihn geführt haben.“

Reija verkrampfte die Finger in den Polstersamt. „Oh, Gott über den Wolken und Sternen“ — ihr Auge füllte sich mit Entsetzen — „wenn ich selbst — ohne es zu wollen — der fürchterliche Leon — aber das ist ja Wahnsinn — ich habe doch nichts gesagt — er nichts getan — es müßten Engel an der Liebe Gottes verzweifeln, wenn — o Rojas, Rojas — das kann nicht sein.“ Sie schrie es in die Luft. „Helft mir — oh, wenn ich jetzt mein Elend Leon zu Füßen werfe?“

„Versucht es, aber gebt auf Eure Zunge acht, ein unbesonnenes Wort kann neues Unheil bringen. Es muß ein Irrtum sein — er wird sich lösen —“

„Such’ unter den Löwen Erbarmen, bei diesem Priester nicht,“ würgte sie hervor.

„O Gott, seid vorsichtig — die Kreaturen Leons lauern an allen Ecken und Enden. Es geht kein Mensch ungesehen aus einer Gasse in die andere.“

„Ich will zur Königin — sie ist gut und edel —“

„Über sie triumphiert die Härte des Ximenes. Die arme Majestät von Spanien versinkt vor der schrecklicheren des Tribunals. Es können nur Freunde helfen, wenn sie zusammenstehen. Wenn wir ihn befreien könnten, würde ihn Graf de Orgaz auf seinem Grund und Boden bergen.“

„Und Ihr bedenkt Euch noch, ihn zu retten? Ich lohne es Euch mit Gold.“

Rojas wehrte verletzt ab. „Welcher spanische Reiter wird sich Freundschaft lohnen lassen? Sie lebt und stirbt mit dem Herzen. Ich will zu handeln versuchen. Vor allem müssen alle Spuren vertilgt werden, die auf geringste Ketzerei schließen lassen.“

„Er — und ein Ketzer?!“ wehrte sie sich gegen den Verdacht.

„Ich muß eilen — man wird seine Zimmer durchsuchen — lebt wohl, Doña Maria, und Gott stärke Euch!“

Als der Gelehrte fort war, sank Reija hilflos zusammen. Saffana hatte alle Mühe, sie bei Kräften zu erhalten. Auch das Auge der Sklavin war vertrauert, denn die Zeit der Küsse war vorbei; kaum daß sie von de Rojas einen flüchtigen Händedruck erhalten hatte. Sie versuchte, die Herrin zu betten. Aber die Angst um den Geliebten jagte die Unglückliche von Gemach zu Gemach. Mit ihrer noch ungefestigten Seele warf sie sich bald auf den Gebetsteppich hin, bald vor dem heiligen Jakob nieder, dessen Bild ihr der Graf geschenkt. „Auf goldenen Stühlen sollen die Heiligen sitzen und ihre Fürbitte erleichtert dem Gebet den Flug zu Gott,“ sagte sie in einer dumpfen Erinnerung an eine Christenlehre. Dann erschrak sie plötzlich. Heute morgen hatten alle Blätter im Garten bei völliger Windstille gezittert, und das war ein arabisches Unheilszeichen. Im Traum hatte sie auch den Vogel Ghitas um ihr Haupt flattern sehen. Das alles scheuchte sie aus der Gebetssammlung.

Saffana suchte wieder zu trösten. „Zitternde Blätter — der Vogel Ghitas? Was können sie dir antun? Damit soll Gott Unheil künden? Was würde Abu Atir dazu sagen? Armseliger Gott, der Blätter und Vögel als Unheilskünder im Sold hält.“

Das ungewisse Schicksal des Imams schleuderte sich nun zum Überfluß auch noch in Reijas Gemüt. War er glücklich in Salobreña angelangt? Keiner der Arrieros war zurückgekehrt, ihr Kunde zu geben.

Sie stürmte auf den Mirador hinauf. Zu ihren Füßen lag Granada wie in die dunklen Schauer einer Gruft versenkt. Die Gerüchte über das Ketzergericht, die sich überall herumsprachen, vergrößerte ihr Geist bis zur grausamsten Verzerrung. Saffana eilte der Herrin nach und fand sie in Zuckungen auf dem Mirador liegend. Sie trug sie ins Zimmer hinab auf den Diwan. Als der Phosphorstern am Himmel verbleichte, verfiel Reija in einen bleiernen Schlaf, aus dem es ein schweres Erwachen gab. Kaum vermochte sie sich aus der Gliederstarre zu lösen. Endlich riß sie sich aus der Lähmung.

Vor dem Fenster lag blaugoldig der Tag.

„Zu Leon!“ Wie ein Verzweiflungsschrei gellt der Ruf aus ihrer Brust.

Und sie läßt sich kleiden und schmücken, als ginge es zu einem islamitischen Fest. Die Blicke des Dominikaners haben sie in vielem wissend gemacht. Sie belädt sich mit kostbaren Perlen und Gold und steckt die geheimnisvolle, noch im Nichts verborgene Schrift Abu Atirs zu sich, die den Schatz ihres Vaters im Turm der sieben Stockwerke enthüllen soll. So bewaffnet will sie dem entgegentreten, der das Schicksal ihres Freundes wie ein furchtbarer Gott in seinen Händen hält.