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Granada in Flammen

Chapter 33: Einunddreißigstes Kapitel
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About This Book

Die Erzählung schildert das Leben maurischer Flüchtlinge und Hirten in den Alpujarras nach dem Verlust von Granada, verbindet schroffe Natur- und Klimaelemte mit alltäglichen Details wie Herdenpflege und kargen Behausungen. Im Fokus stehen persönliche Beziehungen, die Sehnsucht nach einer Rückkehr und die religiösen und kulturellen Traditionen, die Gemeinschaft zusammenhalten. Lebhafte Landschaftsbeschreibungen wechseln mit Momenten innerer Erinnerung, Hoffen und praktischer Fürsorge, während Figuren Armut, Treue zu Gebräuchen und die Hoffnung auf politische Wiederkehr abwägen.

Einunddreißigstes Kapitel

Im Patio de Mexuar wimmelt es von Mönchsgestalten. Verwunderte Blicke begleiteten Maria de Calabreña auf dem Weg zu den Zimmern des Dominikaners. Hier finden die peinlichen Verhöre statt, hier werden die Anzeigen entgegengenommen, die Beamten der Inquisition gehen ein und aus, Bittsteller, verweinte Frauen, Zeugen unter Bewachung von Alguaciles, vornehme und verdächtige, lumpige Gestalten drängen sich aneinander vorbei.

Ein Mönch gibt dem schön geschmückten Mädchen mit dem verstörten Gesicht zu wissen, daß Pater Leon heute vor Abend nicht zu sprechen sei, denn es sei eine große Prozeßsache im Gang. Ein Stich trifft sie ins Herz. Sie verlangt den Namen des Inquisiten zu wissen — der Mönch schweigt mit einem kühlen Gesicht. Sie reitet niedergeschlagen heim und der Tag wird zu einer Qual, die ihre Messer in die Seele der Gepeinigten stößt. Sie hungert in Seide und Schmuck, und jedes Wort, das man zu ihr spricht, sägt ihr Hirn entzwei.

Am Abend läßt man sie vor. Im dämmrigen Hof verschleichen sich die letzten Gestalten.

Der bleiche Dominikaner empfängt sie mit schleppenden Schritten und führt die Unglückliche in die Nische neben den Beichtstuhl. Ihre Hand fühlt sich an wie lebendiger Alabaster.

Maria de Calabreña wirft die Mantilla weg und zeigt ihm ihr verschluchztes Gesicht. Schmerzerstarrte Augen blicken ihn an. Ein paar sinnlose Worte lösen sich von ihrem Mund, die den Mönch beinahe erschüttern. Endlich ein Stammeln: „Was — habt — Ihr — getan —?“ Sie kaut die Worte und schluchzt. „Der Graf — ist — unschuldig.“

„Ihr wißt es also schon? Unschuldig, mit den Augen der Liebe gesehen — doch mit jenen des Glaubens — nein. Ich sehe Euch schmerzgebeugt, und es ist verständlich, Doña Maria — aber wie konntet Ihr Euer Herz an einen Ketzer hängen?“

Da schlug ihr Haupt von der Tischkante auf. „Er — ein Ketzer?“

Der Priester warf die Maske der kühlen Verwunderung um. „Eure eigenen Worte stempeln ihn dazu.“

„Mei —?“ Das Wort erstickte wie ein Feuerhauch ihre Kehle. Sie griff nach dem Herzen.

„Ihr habt doch meine Fragen so beantwortet, daß kein Christ mehr zweifeln kann. Der Graf steht nicht mehr auf dem Boden des reinen katholischen Glaubens, er ist Häresiarch.“

„Eure — Fragen — oh, die Sinne brechen mir — Eure Fragen? — Was für Fragen?“

Der Dominikaner zog umständlich ein Blatt Papier aus einem Schriftbündel. Davon las er ein paar Antworten zusammenhanglos ab.

„Das — soll ich — gesagt haben? Oh, du barmherziger Gott!“

„Seine Haltung gegenüber dem Erzbischof Ximenes läßt Eure Aussage noch an Wahrheit wachsen. Es ist kaum ein Zweifel mehr möglich. Wißt Ihr, was Ketzerei bedeutet? Thomas von Aquino lehrt in der Summa theologiä: Die Ketzerei ist eine Sünde, die nicht nur die Exkommunikation durch die Kirche erfordert, sondern auch den Ausschluß des Sünders von der Welt durch den Tod. Bleibt der Ketzer bei seinem Irrtum, dann sorge die Kirche für das Heil der übrigen Menschheit, indem sie den Sünder durch ein Exkommunikationsurteil aus ihrem Schoß ausschließt; das übrige aber überlasse sie dem weltlichen Gericht, damit dieses ihn von dieser Erde verbanne. Der Tod der von Gott Abgefallenen ist das höchste Glück der Gerechten.“

Doña Maria warf sich wie eine Rasende vor seine Füße hin. „Mensch, Mensch, wollt Ihr zum Richter werden über diesen? Er glaubt an Gott, an Christus, an die heilige Jungfrau — er hat nie mit den Propheten übereingestimmt —“

„Das klingt hier auf dem Papier anders. Da habt Ihr es.“

Ihre Augen irrten verloren von Buchstabe zu Buchstabe. „Das habe ich gesagt? Sie preßte den Kopf in die zitternden Hände. „Das — ist — ja — nicht — wahr — das habe ich nicht gesagt!“ Und wie ein Wimmern klang es: „Das — habt — Ihr gesagt — Priester —“

Er sah sie mit durchdringendem Blick an. „Doña Maria, überlegt jedes Wort, Ihr seid im Secreto der Inquisition.“

„Ich weiß — hier foltert man Sinne, Seelen, Glieder —“

„Nur mit dem eigenen Weh. Die Kirche ist das geduldigste Lamm, aber von ihrem Pflichtweg kann sie nimmer abirren. Ich verstehe Eure Fürsprache, aber wenn sie zu weit ginge, müßte man annehmen, daß auch Ihr seine Anschauungen über Gott, Dreieinigkeit, Mohammed und viele andere Dinge teilt.“

„Ihr habt eine Liebende vor Euch — seht meine verweinten Augen — mein zerbrochenes Herz — ich will mich wie der Balsamstrauch verwunden lassen, um seine Wunde zu heilen mit meinem Blut. Habt Mitleid mit uns beiden. Seht, ich habe Perlen, Gold, und diese Schrift, ein leeres Blatt noch, aber es kann Euch Aufschluß geben, wo Schätze meines Vaters vergraben sind —“ sie reichte ihm das gewichtige Papier hin — „alles soll Euch gehören, wenn Ihr uns —“

„Seid Ihr von Sinnen?“ fuhr der Mönch auf. „Bestechung des Inquisitors? Wer weiß, welch gefährliches Waffenlager neben dem Geldschatz zu finden ist!“

„Ihr glaubt doch nicht —“ Ihre Augen weiteten sich entsetzt.

„Ein leeres Blatt — sonderbar — wo liegt der Schlüssel zu dem Geheimnis?“

„Ich allein besitze ihn.“

„Dann werdet Ihr wohl bekennen müssen.“

„Sobald Don Pedro frei ist.“

„Wir haben Mittel, Euch zu zwingen,“ sagte Leon, bedenklich den Kopf schüttelnd.

Sie rang verzweifelt die Hände. „Oh, ewiger Erbarmer! Hör’ mich, rette mich! Was hat er denn getan?“ Sie rutschte auf den Knien zu ihrem Peiniger hin.

„Er hat den wahren Christenmenschen verleugnet.“

„Wann hätte er ihn verleugnet? Er hat mich gelehrt, Christus zu lieben. Oh, wie mußte er sich Mühe geben, daß ich alles verstand. Wie sträubte ich mich zuerst gegen die unbekannte Lehre, die mein ganzes Denken umwarf.“

„Ihr sträubtet Euch?“ horchte der Dominikaner auf.

„War es verwunderlich? Und er hatte doch soviel Nachsicht mit mir. Ach, guter, ehrwürdiger Pater — er weiß, daß ich ihn ins Gefängnis gebracht?“

„Nein, er wird es auch nie erfahren. Niemals erfährt der Beschuldigte den Namen seines Anklägers.“

„O fürchterliches Gericht! Und das im Namen des barmherzigen Propheten Isa?“

Wieder hob Leon den Kopf. „Ihr nennt Jesus einen Propheten? Und Isa? O über Euer altes, noch immer irrgläubiges Wesen!“

Maria zerriß sich in der Verzweiflung die Haut der Arme mit den Fingernägeln. „Was peinigt Ihr mich denn? Ich hab’ Euch doch nichts getan. Oh, wie war ich glücklich im alten Glauben —“

„So seid Ihr jetzt unglücklich im Christentum? Das kann doch nur der sein, der nicht darin feststehen will, der ängstlich hinüberschielt nach den alten Säulen, die längst geborsten sein sollten.“

„Es waren Säulen, die mich stützen konnten — ach, Pater, Pater —, ich habe keine Stütze mehr, wenn Ihr mir Don Pedro de Solar von meinem Herzen reißt.“

„Ihr habt Christus den Herrn, den getreuen Freund, an ihn klammert Euch!“

„Ich fasse ihn nicht — so nicht, wie Ihr ihn mir gezeigt.“ Sie klagte es mit völlig zerrissenem Herzen und unter Tränen. „Ach, ich bin ja ein Samenkorn, vom Sturm auf fremden Boden verweht — laßt mich doch nur erst Wurzel fassen.“

„Könnt Ihr auch Maria, die heilige Jungfrau, nicht begreifen?“

„Sie ist groß und gütig — aber sie kann mir ja doch nicht helfen, ihn zu befreien.“

Des Mönches Feder hielt die Worte rasch auf einem Papier fest. „Weder Christus und Maria können Euch helfen? Ein schweres Wort, ein entsetzlich gewichtiges Wort, Doña Maria. Und die Heiligen?“

„Kenne ich doch kaum ihre Namen.“

„Ihr kennt kaum ihre Namen — das hättet Ihr nicht sagen sollen, Doña Maria.“ Das Schreibrohr kratzte.

„Ich weiß ja nicht mehr, was ich sagen darf, was nicht. Ihr zermartert mir den Kopf — das Herz —.“ Sie fiel wie gebrochen zusammen.

„Richtet Euch auf — an mir!“ Mit der Hast jagender Sinnlichkeit lechzte er es heraus. „Ich will Euch den wahren Glauben lehren.“ Seine Blicke glühten verstohlen nach ihrer Brust.

Auf den Knien liegend, tastete sie mit der Hand nach seiner weißen Kutte. „Ich kann nicht glauben an die christliche Liebe, die so viele Unschuldige in den Kerker wirft. Oh, bei meines Vaters teuerm Leben — laßt mich wieder zurück in den Glauben Mohammeds —“

Den Priester erfaßte Entsetzen. „In den alten Glauben zurück?“

Wieder flog das Rohr über das Papier.

„Ich beschwöre Euch bei dem, was auf Salomonis Siegel geschrieben steht —“

„Das ist der Schwur des Irrglaubens! Weh Euch! Ihr seid verloren!“

„Hinter Eurer Marter lächelt kein Gott — siebenfaches Elend ist mein Glaube, er wurzelt nicht in meiner Brust — aber Ihr seid schuld daran — Euer Christus ist nicht der, den wir Christus nennen — ja, Ihr zwingt mich, wieder zu beten mit dem Gesicht nach Mekka gewendet —“

„Unselige! So wohnst du nicht mehr in der geheimnisvollen Arche der Kirche, und dich begraben die Gewässer des Unglaubens? Du neigst dich dem Propheten wieder zu, willst Christum nicht erkennen und begehrst den Barrabas los? Das ist Ketzerei de vehementi!“ Seine Kutte flatterte nach der Tür, die er aufriß. „Alguaciles! Bringt Doña Maria de Calabreña in den Kerker der Inquisition!“

Wie aus einem Nichts heraus schnellten zwei schwarzgekleidete hagere Gestalten ins Zimmer. Sie hatten leichte Arbeit, denn sie trugen eine ihrer Sinne Beraubte auf den starken Händen hinaus. Über ihre zermarterte Seele wehte der Hauch des Entsetzens.

Aus der priesterlichen Brust schienen Dämpfe zu steigen, das Gift seiner Seele enthaltend. Der Triumph glühte in seinen tückischen Blicken. Sein Hirn sprang aufgeschreckt in einen Gedanken hinein: Der Inquisitor von Toulouse, Fulco de Saint Georges, hatte einst Frauen im Gefängnis verführt und wurde gestäupt. Was warf sich diese Erinnerung plötzlich in seinen brennenden Jubel?

„Den Fiskal der Inquisition, Pater Juan Collades!“ befahl er einem Mönch. Er sollte die förmliche Verhaftung der neuen Ketzerin vornehmen, die durch den Inquisitor selbst entlarvt wurde. Ihre Worte glichen einem Bekenntnis.

Pater Collades kam. Ein Mensch mit kühlem Herzen, ruhevoll in seinen Gebärden, gleichgültig in den Mienen. Er setzte sofort die förmliche Clamosa auf, den Antrag auf Verhaftung. Man arbeitete bis spät in die Nacht, wiewohl der Fall einfach lag, da die Äußerungen vor dem Inquisitor selbst gefallen waren. In den nächsten Tagen mußte die Summaria, das Ermittlungsprotokoll, den Konsultoren vorgelegt werden, die als weltliche Richter nur beratende Stimmen hatten.

„Glaubt Ihr, daß dieses Mädchen die Aussagen widerrufen wird?“ fragte Pater Collades.

„Ich werde sie zum Bekennen zwingen. Und am Ende“ — er dämpfte die Stimme und sein Herz klopfte gewaltig —, „wir haben das Mittel der Tortur. Jedenfalls werde ich Doña Maria de Calabreña noch einmal sprechen. Ich erinnere mich da der Worte des heiligen Bernardus: ‚Wenn du etwas Böses hörst, verurteile deinen Nächsten nicht sogleich, entschuldige ihn lieber. Vielleicht hat er es aus Unwissenheit oder Übereilung getan.‘ Ich will ihr den Weg aus dem Kerker nicht ganz verrammeln.“

„Das ist aber, soviel ich weiß, nicht die Gepflogenheit in Cordoba,“ sagte der Fiskal augenzwinkernd.

„Wir aber leben in Granada,“ entschied Pater Leon selbstbewußt. Er fand in seiner Verworfenheit noch den Mut zu einer heuchlerischen Verbrämung seiner Missetat.