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Granada in Flammen

Chapter 36: Vierunddreißigstes Kapitel
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About This Book

Die Erzählung schildert das Leben maurischer Flüchtlinge und Hirten in den Alpujarras nach dem Verlust von Granada, verbindet schroffe Natur- und Klimaelemte mit alltäglichen Details wie Herdenpflege und kargen Behausungen. Im Fokus stehen persönliche Beziehungen, die Sehnsucht nach einer Rückkehr und die religiösen und kulturellen Traditionen, die Gemeinschaft zusammenhalten. Lebhafte Landschaftsbeschreibungen wechseln mit Momenten innerer Erinnerung, Hoffen und praktischer Fürsorge, während Figuren Armut, Treue zu Gebräuchen und die Hoffnung auf politische Wiederkehr abwägen.

Vierunddreißigstes Kapitel

Durch Granada braust auf Windesflügeln das Grauen. Aus dem Inquisitionsgefängnis stürzt es sich im Schimmer des Morgens und brüllt die Schläfer aus dem Traum. Leon ermordet! Katl! Mord! El Zalim, der Tyrann, ist tot! Das Unheil, das die zarten, würgenden Hände angerichtet, läßt sich in seiner Größe noch nicht ermessen. Es ist erst geboren, und seine Ungeheuerlichkeit muß wachsen mit jedem Flug von Ohr zu Ohr.

Die Lanzenknechte der Carceles secretas marschieren vor dem Gefängnis auf und halten die aufgeregte Menge von den Toren fern. Berittene Boten sprengen nach der Alhambra, wo die Könige wohnen, und nach dem Palast des Ximenes — der Primas ist vor drei Tagen aus Toledo gekommen —, nach dem Gerichtsgebäude und den Kirchen und Klöstern. Von ihren Lippen schnellt es während des Rittes los: „Mord an dem Inquisitor!“ Und in den Brüsten der Bedrückten glüht und heult es heimlich auf: Der Wolf ist tot! Er hat uns und unsre Kinder vom Herzen des Propheten gerissen, hat unsre Seelen zerschlagen, unser Jammer hat Gott erbarmt, und er hat uns eine Judith gesandt, die das reißende Tier mit Kinderhänden erwürgt. Allah akbar! La illaha illa ilahi! Jubelnd will das Wort aus der bedrängten Brust, aber beim Anblick der reitenden Fähnchen bleibt es in der Kehle stecken. Die schwarzen Augen glühen in Erwartung des Kommenden. Werden sich die Brüder in den Bergen aufraffen? Wenn man es ihnen durch Feuerzeichen mitteilen könnte: der Tyrann ist tot!

Im Albaycin stürmt der Mordlärm von Haus zu Haus und weckt die reichen Moriskos aus dem Schlaf. Und aus den erschreckten Gesichtern glüht die Freude: das Königskind ist entkommen! Und sie preisen Gott mit dem teuern Namen und grüßen die Sonne, die aus den heiligen Gefilden Mekkas steigt.

Aber dann kriecht wie auf Spinnenbeinen in die edle Begeisterung das Gespenst der Sorge heran. Ein altes Prophetenwort klingt in die Ohren der Ernüchterten: Als Mohammed von seiner Wallfahrt des Abschieds heimgekehrt war, wandelte er zwischen medinischen Gräbern und sprach zu den Toten: „O Freunde, vor welchen Übeln hat euch Gott bewahrt? Es nahen Stürme, die wie Teile einer finstern Nacht aufeinanderfolgen, einer schlimmer als der andere. Auf das erste folgt das letzte und das letzte ist immer schlimmer als das erste!“ Auf Leon folgt ein anderer, der schlimmer sein wird als er, und er wird das Entsetzen in unser Gebein jagen.

In der Alhambra fuhr der Schreck erst spät in die königlichen Glieder. Als das zeremonielle Despartimento, das Erwachen des Königs, herannahte, trat der Geheimsekretär vor seinen Herrn und brachte die Schreckensbotschaft.

Fernando erblaßte. Sein erstes Wort war: „Ximenes!“ Ohne diesen Helfergeist gab es für ihn keinen Entschluß. Die Königin aber traf die Botschaft als Katholikin ins Herz. Das Königskind als Mörderin tauchte vor ihrem Geist in einem Meer der Verruchtheit unter. Es mußte in den Augen der Agarenos zur Heldin emporwachsen. Das durfte nie und nimmer geschehen. „Was gedenkt Ihr zu tun, Fernando?“

Des Königs Stirn glich einer Gewitterwolke. Er schürfte tiefer als die Königin in die tote Seele des Dominikaners. Er kannte ihn. Aus seinen Händen hatte er den lilienweißen Leib der Leonore de Uceda empfangen. Und man flüsterte sich auch sonst allerhand Böses über den so lauter scheinenden Mönch zu. Wenn er versucht hätte, an dieses maurische Mädchen mit seinen wildjagenden Sinnen heranzukommen? Die Möglichkeit durchfuhr blitzartig das Hirn Fernandos. Aber er durfte der Königin seinen Argwohn nicht unterbreiten. Der hilflose Fürst flüchtete sich wie seine Gemahlin an das Herz des einzigen Erlösers: „Wir müssen Ximenes hören.“ Man erwartete von ihm beinahe das Wunder einer Auferstehung des Mönchsleibes.

Der bleiche Hohepriester traf mit den stechenden Blicken den Herrschern ins Herz. Sein Inneres hatte der Mord aufgewühlt. Er kannte den Inquisitor, aber er getraute sich doch nicht, die wahren Gründe seiner Vernichtung zu durchdenken. Der heilige Eifer ward bis ins tiefste durch diese grause Tat beleidigt, und Ximenes ahnte mit seinem weitblickenden Verstand die Verwicklungen für die Kirche, wenn die unzufriednen Granden aus diesem Unheil Vorteil zu ziehen verstanden. Die Zeiten der Grandenempörungen erstanden im Geiste des Staatsmannes. Was konnte diesen andalusischen Hitzköpfen willkommener sein als das Versagen der Inquisition, vor der sie bisher gezittert hatten und die ihrem ganzen Wesen nach das Hemmnis aller freien Geistesentwicklung war? Das heilige Tribunal konnte mit geschickter Ausnützung seiner Verfolgungsmittel auch die weltlichen Gelüste der hohen Herren eindämmen, und die Inquisition brauchte nicht in die Lage zu kommen, mühsam Luft schöpfen zu müssen. Nein, nimmer durften die Säulen untergraben werden. Ein Mann mußte her, der diesem Tod dreifach trotzte. Für Ximenes gab es keinen Zweifel mehr, wer dieser Mann war.

„Es ist Ungeheuerliches geschehen, das nur mit Ungeheuerlichem beantwortet werden kann. Dieses Mädchen war königlichen Blutes, aber es hat gemordet. Die Reiter meiner Leibwache verfolgen ihre Spur, die nach den Alpujarras führt. Man hat drei Reiter, darunter eine Frau, verhüllt durch das Mühlentor reiten sehen, kaum als sich die Nacht gelichtet. Kein Zweifel, daß sie es war. Schickt königliche Truppen nach Lanjaron und Orgiva. Die Spanier müssen es endlich lernen, auch mit Bergen zu kämpfen, und sollte der maurische Schlupfwinkel im Eis des Mulahacen zu suchen sein, welcher spanische Fuß würde zögern, dort vorzudringen, wenn die Pflicht zu Gottes Ehre ruft? Die Inquisition von Granada ist verwaist, eine schreckliche Hand, um so schrecklicher, als sie einem Weibe angehört, hat blutige Arbeit getan. Wir können nur schrecklich darauf antworten: Lucero von Cordoba muß hierher!“

Der Name rührte den Königen gewaltig ans Herz, denn sie kannten seine Vernichtungskraft. Aber es blieb keine andere Wahl mehr, wenn dieser hier dazu riet.

„Er möge kommen,“ entschied der König so schnell, als wäre es sein eigener Gedanke. Doch im nächsten Augenblick stemmte sich etwas in ihm gegen die Raschheit: „Wie nun, wenn dieses Mädchen, bedrängt durch gewisse Forderungen des Dominikaners —“

„Wie meint Ihr das?“ lauerte Ximenes.

Fernando warf einen versteckten Blick nach Isabella. „Der Dominikaner liebte die Frauen — es ist kein Geheimnis mehr —“

Des Kanzlers Gesicht überlief ein Schatten grimmigen Hohns. „Das also wäre es? Und wenn es Wahrheit wäre“ — er drängte hastig an den König heran —, „wer wird beweisen können, daß er sich vergreifen wollte? Wollt Ihr der verzweifelten Wehr einer Ketzerin Glauben schenken? Kein Mittel wird ihr zu schlecht sein, sich zu retten. Verleumderisch wird sie alle Schuld auf ihres Peinigers Brust laden. Und Ihr könntet wirklich der Welt das Schauspiel geben, daß ein König seinen Inquisitor fallen läßt, um eine beschuldigte Ketzerin zu retten? Das hieße gegen Gott eifern.“ Er bohrte seine bezwingenden Blicke in das Herz der Königin.

Da lenkte auch Fernando ein. „Bei Gott und Santiago! Ein stummer Mund kann sich nicht mehr verteidigen, der lebende aber hat Gott geschändet. Lucero komme! Doch — wenn sich Boabdil regt?“

„So regt sich Spanien auch. Sie muß sterben! Es fielen spanische Ritter unter Maurenschwertern wie Halme unter dem Sensenschnitt. Und diese sollte leben? Die gefrevelt gegen einen Diener Gottes, die einen unserer Ritter zur Abkehr von dem alten Glauben verlockt? Die insgeheim gefrevelt gegen ihren neuen Glauben? Schon liegt ihre Schuld in Akten versiegelt, wir übergeben sie dem Arm der weltlichen Gerechtigkeit.“

„Wenn wir sie haben!“ sagte der König hämisch lächelnd.

„Und kriegen wir sie nicht, so müssen wir die andern Schuldigen fassen. Dieses Mädchens Raserei wurde durch fremde Macht zur Tat getrieben. Bedenkt es wohl: sie saß nicht allein im Kerker. Der Graf de Mora, ihr heimlicher Bräutigam, ist desselben Verbrechens des Gottfrevels angeklagt wie sie. Überlaßt alles dem Lucero, das Unheil, in seinem Verlauf wohl fürchterlich zu schauen, wandelt sich für Eure Majestäten in Heil.“

„Womit spielt Euer Gedanke?“ fragte Fernando erregt.

„Mit der Gnadenlosigkeit des Inquisitionshirnes. Laßt es arbeiten, wie es eben arbeitet, verlangt keine Rechenschaft oder besondere Beweggründe, schreckt nicht zusammen, wenn Eure Vorstellung von der Nächstenliebe einen grausamen Stoß erhält, es geschieht doch alles für Altar und Thron. Lernt Euch selbst an Flammenopfern begeistern, auch wenn diese Opfer des Adels Hochzier im Geschlechterwappen tragen sollten. Die Inquisition hat Namen bereit, die fürchterlich werden können, wenn man sie schont. Ein warnendes Exempel schrecke den Adel ab. Leon hat eine bittre Hinterlassenschaft an Akten, die Dinge enthüllen werden, vor denen das blinde Vertrauen Eurer Hoheiten jämmerlich in Brüche gehen dürfte. Wenn wir nicht handeln, furchtbar handeln, dann kommt uns der Adel zuvor und wir haben Verschwörungen zu unterdrücken —“

„Ximenes!“ stieß die Königin entsetzt aus.

„Es gleiten schon böse Nebel durch Andalusien. Die Ricoshombres wollen, so raunt man sich zu, den Grafen de Mora befreien, gewaltsam, hört Ihr wohl, wenn die Bitten vor Eurem königlichen Ohr vergeblich sein sollten. Ja, es wäre nicht unmöglich, daß sie den Gedanken hegen, sich mit maurischer Hilfe wie einst gegen den eignen König zu wenden —“

Fernandos Herz legte seinen Schrecken bloß. „So weit sollten sich die Granden vergessen können? Ximenes!“

„Es ist ruchbar geworden, wo die Köpfe des Anschlages zu suchen sind. Hernando de Rojas, ein junger Gelehrter, dem die Schule von Salamanca geholfen, allzuviel eigene Weisheit großzuzüchten, hat den Herzog von Osuna und den Grafen von Orgaz, beide lange bekannt als gefährliche Maurenfreunde, für den Bund gewonnen. Ein Großteil der Hidalguia ist geneigt, den heißen Einflüsterungen Gehör zu geben.“

Isabella erbleichte. „Ximenes — rettet uns!“ Tränen glänzten in ihren Augen. Der furchtbare Eifer des Priesters bestach ihr Gemüt, und hätte er ihr blutige Leichen zum Geschenk gemacht, sie hätte über dem Spender seine Grausamkeit vergessen.

„Gebt mir blindes Vertrauen zu der Zweckmäßigkeit meiner Handlungen,“ forderte der unerbittliche Kanzler. „Und laßt Lucero handeln. Sein geschickter Eifer wird den weltlichen Handel in einen geistlichen verkehren.“

„Verhaftet Osuna und Orgaz!“ befahl der König mit scheinbarer Gewichtigkeit.

„Noch rate ich nicht dazu. Die Anhaltspunkte sind zu gering. Wir müssen den Verdacht zur Gewißheit machen, müssen Schuld auf Schuld häufen und dann die Eisen zuschlagen lassen. Nur eines, Hoheiten: fallt uns nicht in die Arme, wenn wir den Grafen de Mora der weltlichen Gerechtigkeit übergeben.“

„Relaxierung?“ fuhr der König empor.

„Wir können nicht mehr daran vorbeigehen. Seine Verfehlungen sind keine Vergehen de levi mehr. Es ist beinahe erwiesen, daß die Befreiung des Imam Abu Atir durch seine Sorglosigkeit, wenn nicht durch sein Dazutun möglich geworden ist. Er wollte wohl, ein zweiter Graf Julian, durch diesen gefährlichen alten Scheich die Mauren aus dem Maghreb zu Hilfe rufen, um Boabdil wieder einzusetzen. Empörung gegen den König heißt das andere Verbrechen, das weltliche Richter zu verurteilen hätten, wenn nicht schon das größere Verbrechen der Ketzerei die Vernichtung des Schuldigen durch die Kirche fordern würde. Der Graf hätte heute die Folter erleiden sollen. Wir müssen damit zuwarten, bis Lucero zugegen ist. In drei Tagen kann dann der Prozeß zu Ende sein. Die Bestätigung durch den Supremo in Toledo dürfte längstens in einer Woche erfolgen. Deza wird nicht zögern, ganze Arbeit zu tun. Dann naht Ostern, und wir können das Fest verherrlichen durch die öffentliche Verdammnis der zusammengesparten Ketzer. Es sollen an die fünfzig leichte Fälle, fünf schwere sein. Der Graf führt den traurigen Reigen an. Vor Gott gilt sein Adel nicht mehr, er ist getilgt aus dem Buch der göttlichen Ehre und eingetragen in das der Schmach. Rachedürstend könnte sich der andalusische Adel gegen die Macht wenden, die er als Schirmerin des heiligen Gerichts erkennt: die Krone.“

Fernando ließ den stahlkalten Blick ins Leere gehen. „Ihr bereitet also zu Ostern ein Autodafé?“

„Verherrlicht es durch Eure Gegenwart,“ bat der Primas.

„Nimmer!“ rief die Königin bestürzt aus. „Wir können nicht Menschen brennen sehen.“

„Ketzer!“ klang die eisige Berichtigung aus dem Zelotenmund. „Sie haben Menschliches von sich geworfen. Wer Mitleid mit ihnen hat, übt es auch leicht gegen ihre Taten. Es würde der heiligen Inquisition zu größerm Ansehen gereichen, wenn selbst die Könige der Verdammnis beiwohnten.“

„Schont mein Gemüt!“ bat inbrünstig und händeringend die Königin.

„Auch ich bitte drum,“ sagte Fernando. Er hatte Angst, in die sterbenden Augen jener zu schauen, die zu retten seine königliche Macht zu klein war. Mit einem Stachel im Herzen fühlte er der Kirche Riesenkraft über seine Krone wachsen, aber er hatte keinen Beistand, dieses Wachstum zu verhindern, denn er selbst hatte den Adel, den einzigen, der ihm helfen konnte, zur Ohnmacht verdammt.

Ximenes bebte am Leibe. Dickwülstig traten die Adern auf der Stirn hervor. „Es ist schade um dies große Schauspiel, das Ihr dem gläubigen Volk entzieht. Allein ich weiß die Seelenfurcht, die zarte Regung königlicher Naturen, zu würdigen und will den Andalusiern nicht den Anblick der besinnungslosen Herrscherin vermitteln. Doch als Ersatz verlange ich ausreichende Vollmacht.“

Der König zögerte. „Noch einmal, Primas, bedenkt es wohl: der Geist, den Ihr in diesem einen Menschen tötet, lebt vielleicht in den andern fort, und was der Stürmer selbst nicht vollendet, vollbringt die Trauer um den Mann.“

„Wir wollen es erproben, königliche Hoheit. Ist es an dem einen nicht genug, so fallen mehrere Köpfe. Der Schrecken schafft die Ruhe, die wir brauchen.“ Mit soldatischer Wuchtigkeit unterbreitete er den Herrschern sein letztes Mittel. „Wir haben die katholischen Spanier, die Städte hinter uns — die neugefügte Macht muß doch auch Gelegenheit haben, sich zu bewähren. Und hilft auch das nicht, hilft zuletzt ein Wunder, man muß die Leute nur dran glauben lassen.“

Die Königin durchschauerte es. „Ximenes — wollt Ihr das alles — mit dem heiligen Evangelium verantworten?“

Der Primas streckte sich in den Gliedern. „Die Kirche über dem heiligen Evangelium! Wie bekennt der heilige Augustinus? ‚Ich würde selbst dem heiligen Evangelium nicht glauben, wenn nicht das Ansehen der Kirche mich dazu zwänge.‘ Hoheit — für dieses Ansehen der Kirche ist kein Opfer zu groß.“

„Gott erhalte Euch uns lange,“ sagte der König tiefbewegt. „Wir könnten mit unserer schwachen Urteilskraft so viele Leichname nicht auf uns nehmen. Geht und handelt, wie es Euch Euer stärkeres Gewissen vorschreibt.“

Von den Schauern der eigenen Größe umweht, verneigte sich Ximenes vor seinen Puppen.