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Granada in Flammen

Chapter 37: Fünfunddreißigstes Kapitel
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About This Book

Die Erzählung schildert das Leben maurischer Flüchtlinge und Hirten in den Alpujarras nach dem Verlust von Granada, verbindet schroffe Natur- und Klimaelemte mit alltäglichen Details wie Herdenpflege und kargen Behausungen. Im Fokus stehen persönliche Beziehungen, die Sehnsucht nach einer Rückkehr und die religiösen und kulturellen Traditionen, die Gemeinschaft zusammenhalten. Lebhafte Landschaftsbeschreibungen wechseln mit Momenten innerer Erinnerung, Hoffen und praktischer Fürsorge, während Figuren Armut, Treue zu Gebräuchen und die Hoffnung auf politische Wiederkehr abwägen.

Fünfunddreißigstes Kapitel

Das abendliche Dunkel hüllt die Berge in ein Büßergewand. Der Mond bleicht über dem Barranco de Poqueira und über den hängenden Triften von Cañor.

Reija liegt auf dem Espartogras vor der Höhle, von wo sie einst den Koran geholt. Um ihr geängstigtes Haupt schweben noch immer die Geister der Verfolgung, und ihre Seele schreit nach dem Geliebten. Könnte sie ihren Schmerz im Tau seiner Lippen kühlen! Sie werden ihn nun auf die Folter spannen, damit er seine Mitwisserschaft an dem Mord bekenne! Sie werden ein furchtbares Schuldgebäude errichten, das seine geschwächten Kräfte nicht mehr tragen können, und sein gemarterter Geist wird bekennen, was er nie gewußt.

Aber dann spielen ihre Gedanken mit Fluchtmöglichkeiten. Sie sieht sich geborgen unter dem Dickichtmantel des Irakstrauches, überschirmt von dem Friedlicht der Sterne. Der Schrei eines Hirten am Hang zerreißt das Trugbild.

Hier liegt sie nun seit Tagen, im Retiro der Mauren, wo die Saumpfade himmelan streben, Geier hausen, schwarze Ziegen auf smaragdnen Weiden grasen, Hirten bei dem Feuer sitzen und Jäger über das Geröll schleichen. Saffana und Malik wechseln einander in der Wache ab. Der Sklave durchbohrt mit seinen Falkenblicken das Dunkel, und seine Mausohren durchhorchen die Felseneinsamkeit nach jedem kleinsten Geräusch. Aber es ist still in den Bergen. Nur Hirten tauschen von Hang zu Hang ihren eintönigen Gruß aus, und wenn der Wind günstig ist, dringt aus der Tiefe von Cañor ein verirrter Gebetsruf herauf. Noch also ist keine Gefahr. Auch die vier Maurendörfer am Talhang bilden eine lebendige Schutzwehr, die keinen Verrat kennt. Alle Monfis wachen über das Leben des Königskindes, das ihnen durch Boabdils Vaterschaft heilig geworden ist. Reija kennt dieses Hirtenvolk, dessen Seele Abu Atir noch betreut, als er dem Maurenkönig den Koran las. Diese Schäfer haben Treue und Glauben als Gesetzeshüter, sie sind muskelgewaltig und stählern, in ihnen pulst noch das Blut der Wüstensöhne, wenn sie auch den Sand mit dem Felsen getauscht. Es sind zungenkarge Männer, selten hallt die dörfliche Trift von ihrem Lachen, und ihre Freude ist dem Ernst der todesstarren Steinmasse angepaßt. Aber wenn der kriegerische Zorn in ihnen aufglüht, dann schaffen sie Taten voll Adlergrimm.

Die Abenddämmerung graut, Schatten steigen aus dem Tal, und bald liegt der Mondglanz wie ein bleicher Heiligenschein über den Steinwarten.

Reijas Leid bricht stromweise aus den Augen. Ihre Brust stöhnt unter der ins Bewußtsein rückenden Qual. In dieser mondbeschienenen Einsamkeit, wo die Natur am Herzen Gottes zu schlafen scheint, fühlt ihr empfindsamer Sinn doppelt die eigene Verlassenheit. Ein alter Glaube sagt, wenn Gottesfürchtige weinen, zählen zwei Engel, die die Taten der Menschen aufzeichnen, ihre Tränen. So werden ihre Engel viel zu tun haben, um ihrem Schmerz das Maß anzulegen. Wüßte Abu Atir um ihr Schicksal, er ritte mit der Geschwindigkeit des Wüstenrosses in die Berge. Nichts weiß sie von ihm. Hat er sein Maghreb erreicht? Ist er noch in Salobreña? Und so hat Reija ihr Leben auf eine trostlose Gegenwart gestellt, und vor ihr liegt eine verschleierte Zukunft.

Auch von Granada kommt keine Nachricht; die Stadt scheint von einer undurchdringlichen Mauer umgeben zu sein. Was bereitet sich vor?

An einem sonnenschweren Spätnachmittag keucht Taleb der Hirte den Felshang herauf. Er erzählt: „In Granada hat man den ermordeten Mönch bestattet. Die ganze Stadt war auf den Füßen. In die Maurendörfer schicken sie spanische Reiter und durchsuchen die Häuser. Aus Cordoba ist der neue Inquisitor angekommen, Lucero heißt er, die Moriskos nennen ihn den christlichen Teufel.“

Die Angst zersägt Reijas Herz. Nun wird Don Pedro gefoltert! Vielleicht in diesem Augenblick. Qual und Furcht greifen in ihre Glieder und lähmen sie. Saffana schleppt die Herrin vor die Höhle und bettet sie auf einen Stein. Vor ihr liegt die tagdurchglühte Berglandschaft unter dem andalusischen Azur, gegen Süden zu deckt der durchsilberte Dunst die Weite über dem Meer, zu ihren Füßen kriechen die ersten abendlichen Schatten an den Hängen hinauf, sie gleichen gespenstischen Armen, die nach ihr langen. Langsam verblutet im Westen die Kraft der Sonne hinter rostroten Dünsten. Hoch oben segelt eine goldumsäumte Wolke durch das dunkelnde Blau in der Richtung gegen Granada. Blaßflimmernd gräbt sich der erste Stern aus dem Nichts.

Da blickt der scharfäugige Wächter Malik hinter einem Felsblock nach dem Felssteig. Seine Miene spannt sich, seine Hand greift nach der Armbrust. Saffana späht hinab — erschrickt —

Ein Mann klettert herauf, wie gehetzt von bösen Dschinnen. Saffana durchfährt es blitzartig — das ist — „O Rose von Andalus,“ flüsterte sie über das starrende Gesicht der Herrin hin — „bade dein Antlitz im Licht des Glückes — es kommt jemand —“

Reija drückt die Hand jäh ans Herz. „Eswer Ben Zerragh!“ Wie warme Meerwellen flutet es über sie hin, löst etwas in ihrem ermatteten Leib, daß er sich aufrichtet in gespannter Neugier. Ist er’s wirklich, dessen Bild von Zeit zu Zeit in ihrem Geist aufgetaucht war, umglüht von der Erinnerung an den Zauber der scheuen Werbung? Wo trieb er sich rastlos irrend umher? Wer wies ihm den Weg herauf? Sucht er, ein Verfolgter, wieder die Höhle auf oder weiß er, daß sie hier? Verwirrt eilt sie in die Höhle und gibt Saffana ein Schweigezeichen.

Der Maurenjüngling klettert durch den abendlichen Schatten heran — schwingt sich über Fels und Platte — erklimmt den letzten Steinabsatz vor der Höhle. Und nun starrt er in die schreckfrohen Augen der Sklavin. „Du —?“ Er tastet mit den zuckenden Händen nach ihrem Kleid. Da gewahrt sein Adlerblick den Wächter hinter dem Felsblock. „Bei Gott dem Erhabenen, wem gilt die Wehr und Wache?“

Saffanas stummer Blick sagt ihm alles.

Der Abencerrage kriecht auf den Knien an die Höhle heran. Seine Augen sind voll Wasser, sein Gesicht brennt von Glutwellen. „Ich weiß, was dieser Tage in Granada geschehen —“ bebt er leise, wie in Ehrfurcht.

„Darum darfst du hier nicht weilen, Eswer Ben Zerragh.“

„Er darf,“ klang es jetzt weich und traurig aus der Höhle. „Es steht geschrieben — Allah akbar.“ Am dunklen Eingang der Höhle leuchten Reijas Augen. Schwach wie eine Binse lehnt ihr schlanker Leib am Gestein.

„Wer ist der Mann?“ fragt der Abencerrage, beunruhigt auf den alten Waffenmann zeigend.

„Der Treuesten einer,“ sagte Reija. Und ihr Blick überfliegt die verwahrloste Gestalt des edlen Kömmlings. „Gottes Wille hat dich Wege des Unheils geführt, deine Wangen sind hohl —“

„Ich habe wenig zu essen in den Bergen und flüchte von Höhle zu Höhle, immer höher dem Eis nach. Die Ratschaften verbergen mich, so gut es geht, vor den spanischen Schergen. In Almeria ist man auf meine Spur gekommen, eben als ich nach Afrika hinüber wollte. Ich mußte zurück in die Alpujarras — aber was soll mein armselig Schicksal — die Tochter meines Königs ist in Not —“ Mit der Überschwenglichkeit seines jungen Lebens warf er sich zu ihren Füßen hin. „Man verfolgt dich — die Maurendörfer sind voll davon — du hast den Priesterteufel Leon erwürgt —“

Das Grauen stieg Reija in die Kehle und sie schrie auf. Die furchtbare Nacht erhob sich aus dunklen Tiefen. „Leon — hat unsre Seelen — gemordet — ich hab’ — seinen Leib —“

„Die Tat ist groß,“ erschauerte Eswer in Bewunderung. „Laß uns stark werden, und wir werden es dir danken. Du bist Christin geworden, Tochter Boabdils?“

„In meinem Herzen loht der Glaube und das Blut meines Vaters. Der Christenglaube machte mich elend. Er ist schön, aber den, der ihn mir predigte, hat Schaitan vernichtet.“

In der Höhle brannte das Feuer, beizender Rauch schlich aus dem Gestein. Reijas Leib löste sich als Schattenriß aus der rötlichen Glut der Höhlenöffnung. „Warum bist du hierhergekommen, Eswer Ben Zerragh?“

„Ich ahnte, daß dein Weg hierher führe, und bin gekommen, dir zu dienen.“

„Wie willst du mir dienen, der du selbst verfolgt bist?“ staunte sie ihn an.

„Du hast recht — wie soll ich dir dienen? Was helfen jetzt Hikmet, die Lehren der Weisheit? Aber laß mich sinnen — vielleicht läßt uns Gott einen Ausweg finden.“ Er setzte sich auf den Felsblock und stützte das Kinn in die Hand.

„Weißt du etwas von Abu Atir?“ fragte sie hastig.

„Er ist wie von Gottes Hauch weggeblasen aus der Welt,“ sagte er traurig.

„Oh, wenn er die Berber aus Maghreb übers Meer führte! Sein Glaube macht aus Wüstenhasen Löwen. Wenn er wüßte, was ich leide, er würde Heere aus dem maghrebischen Sand stampfen. Insch’allah!“ Ihre Augen glänzten in rührender Not. „Eswer Ben Zerragh — dein Geschlecht ist hehr und groß, bei dem Ehrennamen deines Geschlechtes — hilf einem Menschen aus schwerer Gefahr!“

Eswers Brust hob sich gewaltig. „Einen Almansor will ich aus mir machen, diene ich dir damit, Königskind!“

„Almansor war nur ein Schlachtenheld, du sollst mehr tun, du sollst dich selbst besiegen, Abencerrage. Höre, es geht nicht um mich.“

Da schnellte er empor. Selbst im schwachen Licht des Mondes sah sie sein verstörtes Gesicht. „Es ist der Feta, von dem gesprochen wird, daß Gott sein steinernes Herz weich gemacht hat wie Wachs.“ Reija wandte sich erglühend ab. Da wußte er es und flüsterte traurig: „Ist es also, daß du mit ihm fliehen möchtest ins süße Tal von Mohabera, wo Liebende nichts als ihre Stimme hören? Du liebst den Feta, den Habib deines Herzens?“

Durch ihren Körper zuckte der Schmerz, durchsüßt von Liebesglück. „Ich liebe ihn — Don Pedro de Solar — und solange Adler ihre Kreise ziehen, werde ich ihn beweinen. Aber ich will ihn befreien.“ Ihre Hand griff nach seinem Arm.

Sein Gemüt durchwogte Leid. Und er warf es offen vor sie hin. „O Rose, süße Königin der Menschenblumen, weißt du es nicht, daß mir deine Wimpern Dolche wurden und deine Blicke Pfeile? Ich sah dich und stand in Flammen wie Jakob, als er Rahel sah.“

„Unselig ist mein Wesen, denn es badet die Menschen in Leid,“ jammerte Reija, und durch ihre Schultern zuckte der Schmerz.

„Dein Wesen ist Maessema, das himmlische Wasser. Es brachte mir Erquickung im Leid der Verfolgung. Und ich flehte zu Gott in stillen Stunden, daß er mir schenke deine Hände, deine Brüste, deinen Schoß. Vor dieser Höhle sog ich einst deines Atems süßes Ambra ein, während du schliefst, und deiner Locken Pracht umnachtete mich, und von deinem Mund zogen Ströme von Glück in mein jubelndes Herz, nimmer dürstete ich nach dem Tau der Paradiesesmädchen und nach ihrer Brüste lockendem Spiel. Und als du am andern Morgen nach Granada zogst und mein Elend zurückließest, sandte ich dir meine Lieder nach, gesammelt aus den Tränen der Liebe, und ich trotzte der Gefahr und stieg verkleidet in die Raubtierhöhle Granada und sang vor dem Alkazar mein sehnendes Herz aus in der Nacht —“

„Ich weiß es, Eswer Ben Zerragh,“ sagte sie leise, von Mitleid durchrüttelt.

„Und ich tötete einen für meines Volkes heiligen Glauben, wurde ergriffen und schmachtete im Turm —“

„Und wer befreite dich, Maurenfürst?“ Im hellern Mond leuchtete ihr Auge auf.

„Du warst es — und das gab meiner Liebe neue Nahrung.“

„Nimmer hätte ich’s tun können, wäre er nicht gewesen. Don Pedro de Solar litt es um meinetwillen. Er warf seine Eifersucht auf dich und ließ es doch geschehen. Er nahm Schuld auf sich im Übermaß der Liebe und befreite seinen Nebenbuhler. Sag’ das den maurischen Männern, wohin du kommst. Er ist so groß und hehr. Und nun öffne dein Herz — wie will es ihm dieser Nebenbuhler danken?“

Der Maure fühlte, wie sich sein Herz zusammenkrampfte. „Bi nefsi! Gott lenkt wunderbar,“ flüsterte er betroffen.

„Das tut er, aber du sollst dir doch den Mund waschen, bevor du seinen Namen aussprichst, denn du bist undankbaren Herzens, wenn du nur Worte machst.“

„Der Allmilde erhob sein Auge und rettete mich vom Tod und sandte einen leibhaftigen Engel — und ich haderte mit ihm und goß meiner Seele Unrat in die Tränenschale. O Mädchen, du lehrst mich einen seltsamen Weg wandeln, an dem wenig Blumen stehen.“

„Soll dich ein Christ mit Großmut schlagen?“ fachte sie seinen Stolz an. „Er hätte dich töten lassen können, aber er schloß die Augen, auf daß dein Fuß frei gehen, dein Herz jauchzen könne, wiewohl er wußte, daß du mich liebst. Und nun willst du einer von den Fossaha sein, den Wohlrednern, die sich auf keine Tat verstehen?“

Eswers Herz lag im Bann des edlen Gedankens, und doch wütete der Liebesschmerz darin. „Mädchen, wer sagt dir, daß mir Gott die Kraft geben würde zu solcher Tat, vor der alle Liebhaber zurückschauderten? Ibn Chazim bin ich, der vergebens liebte und seinem Mädchen doch nicht zürnen konnte, weil sie ihn verschmähte. Er folgte ihr wie ein Hund und sang seine Lieder in die des andern hinein, der glücklicher war als er. Sang, bis seine Seele todmüde war von Liebesschmerz. Segne deinen Ibn Chazim! Er wird sich erniedrigen, der Mohadschil deines Brautbettes zu sein, der bei eurer Liebesnacht Wache hält. Das gereichte Honigbrot soll ihm das Fieber des Herzens stillen. O Mädchen, was soll ich tun? Soll ich den Pfeil schnitzen aus dem Hirmbaum und seine Peiniger töten aus dem Versteck? Soll ich seine Wächter des Nachts überfallen und die Türen seines Kerkers sprengen? Soll ich die Mauren aufrufen zum Kampf für einen Christen? Werden sie ihre Lanzen mit Blut röten? Mohammeds Glaube beflügelt keinen Geist und keinen Fuß, wenn es den Kampf für einen Ungläubigen gilt.“

Reija machte zornig eine abwehrende Bewegung mit dem Arm. „Schweig, Besonnener. Die List kehrt nicht bei stumpfen Geistern ein. Laß unsere Gedanken ruhiger gehen. Morgen kommt Jusuf, ein Hirte aus Granada. Don Pedro de Solar hat einen wackern Freund, zu dem habe ich ihn geschickt. Ich bin erschöpft. Laß uns essen. Sei zart zu mir, denn ich bin hilflos.“ Sie wandte sich nach der Höhle.

Bald darauf aßen sie von dem Ziegenbraten und den Garbanzos, den Kichererbsen. Es war das Hirtenmahl für ein Königskind. Dann hüllte Saffana die weichen Glieder der Herrin in die Schlafdecke. Im schwanken Feuerschein wechselte das Licht auf dem leidgezeichneten Gesicht der Maurin. Der letzte Qualm rauchte auf, verringelte und erstickte, Menschen und Gestein versanken in Nacht.

Der Abencerrage legte sich wieder vor die Höhle hin wie damals, da er ihres Atems Hauch zum erstenmal eingesogen. Der Schmerz um seine verlorene Liebe flocht dunkle Kränze in sein Gemüt. Über ihm kreisten im ruhigen Geleise die Sterne um den Pol und der Mond ließ sein Silber in die Nacht tropfen. Es war so still, als ginge Gottes Odem fühlbar über die Berge.

Da gebar die Nacht einen funkensprühenden Stern, der sich in erhabenem Bogen über das halbe Firmament schwang und dann in dem Gefels zerbrach. Eswer deutete das Himmelszeichen als einen Hoffnungsstrahl, den Gott gesandt. —

Als Eswer die Augen öffnete, saß schon die Sonne zwiegespalten auf dem gegenüberliegenden Grat. Bald darauf kletterte der Hirte Jusuf die Felsen herauf. Der Bergwind nahm die Backen voll, als wollte er alles Gestein zerschlagen, er splitterte scharfe Brocken vom Leib des Gebirges ab, rauschte durch die einsamen Stauden, daß sie wie arme Sünder am Totenpfahl hin und her baumelten. Der Schweiß perlte über des Hirten Stirn. Er warf sich vor Eswer nieder, den er als alten Bergfreund erkannte.

Reija flog ihm vom Lager entgegen. Ihr Blick versuchte ihm die Worte vom Mund zu reißen. Jusuf vermochte kaum Atem zu schöpfen. „Die Christen — feiern — Ostern — hört ihr’s alle? Da sollen nun — Ketzer brennen.“

Ein herzzerreißender Schrei durchschnitt die Bergstille. In den Armen Saffanas lag, zitternd an allen Gliedern, das Königskind. Eswer sprang angstvoll heran.

Der hastige Schwätzermund kramte alle Neuigkeiten heraus. „In den Carceles liegen die Gefangenen. Man kennt noch keine Urteile. Aber auf der Bibarrambla zimmern sie Gerüste. Quemadero nennen sie den Platz, wo die Scheiterhaufen stehen sollen.“

„Daß dich Schaitan! Schweig, du Affenreiter, du stinkiges Kamel, siehst du nicht —?“ Eswer stieß den Hirten unsanft weg.

Doch Reija wand ihren Leib aus der Schreckenslähmung. „Alles will ich wissen. Spricht man — unter den Moriskos — von dem Grafen — de Mora?“

„Er soll auch — unter ihnen sein.“

Ein erstickter Schrei — ihr Arm tastet nach seinem —

Da versteht der Hirte. „Die Moriskos reden gar viel — Gott erkennt die Wahrheit.“

„Was — reden sie — über den — Grafen?“

„Sie wünschen ihm zehn Hürden vollgepropft mit Kamelen. Sie beten für ihn, daß er nicht ins Feuer muß.“

„Hörst du es, Eswer — sie — beten — für ihn, daß er nicht —“ jedes Wort würgt sich langsam aus der Kehle. „Und einst — hat er sie — gar hart geschlagen — aber nun hat er — für sie — gesprochen — das vergessen sie ihm nicht —“ Und plötzlich fährt es wie ein Sturm in sie und sie springt auf. „Und wir liegen da in den Bergen und wehklagen — Eswer Ben Zerragh — zu Ostern brennen Scheiterhaufen in Granada. Sollen wir im Gebirge den Widerschein am Himmel sehen und ohnmächtig auf den Knien liegen? Gebet und Tat retten ihn!“ Ihre verschluchzten Augen strahlen in Begeisterung.

„Was verstehst du unter Tat?“ fragt Eswer bestürzt.

„Ihn befreien — oder mit ihm untergehen.“

„Wahnsinnige! Hast du die Künste eines Magribi, eines Zauberers, gelernt, um so Unmögliches zu vollbringen? Wo ist unsere Stärke?“

„Unser Wille ist sie!“ flammt Reija auf. „Gott läßt Gnadenströme über einen guten Willen fließen.“ Sie schüttelte sich wie ein Fohlen, das die Kandare abwerfen will, und ihre Gebote, von der Gewalt ihrer Vorsätze getrieben, brachen gleich Bergwässern aus ihrer Brust: „Saffana! Malik! Jusuf! Die Maultiere gepackt! Mir ein ledernes Kleid! Alpargatas! die Faja um die Hüften, den Dolch! Ihr alle mit als Maultiertreiber! Oder als Schahhad! Wir führen Erz oder Obst aus der Sierra, wir verstecken unsere Absichten, unsere Geldtasche, unsern Weg.“

Da bäumte sich Trotz und Eifersucht in dem Abencerragen auf. „Du darfst nicht von hier fort, Königskind!“

„Feiger Feta! Ich will dich zu einem Abu Turab machen, zum Vater des Staubes. Ich jage dich mit der Navaja in diesen Abgrund, wenn du mich hinderst. Meinen Geist leitet Thar, die Rache!“

„Es ist Wahnsinn, was du treibst. Wie willst du die Ringe von Wachen zerbrechen?“

„Hernando wird helfen — er war sein Freund — Osuna und Orgaz, Freunde der Mauren, und gewaltig im Wort und mit den Waffen —“

„Sie sind machtlos gegenüber Priester und Königen, es geschehen keine Hirtensiege Davids mehr, die Schwachen müssen unterliegen.“

„Ihr sollt zu Gewappneten des Herrn werden durch meinen Willen. Ich will mich durchschlagen bis zu den Tyrannen, sieh, meine Hände rauchen noch vom Blut des Würgengels, ich will Fackel und Dolch in die Rüstkammer meiner Rache stellen, will das von den Blutsaugern gepeinigte Gewissen der Moriskos aufrufen in den Gassen des Albaycin, daß sie zur Waffe greifen wie damals, als man den Müttern die Kinder vom Herzen reißen wollte. Ich will ihnen nach alter Weise mit Safran die Kampflust in die Glieder zaubern, will sie kleiden wie Halimé ihre Helden vor der Schlacht und eigenhändig salben zum Rachewerk, will sie beschwören, ihren Weibern nicht beizuschlafen, bis nicht der Mann befreit ist, der für sie vor dem König gesprochen. Ich will zur Haruritin, der wilden Kämpferin, werden, und wer mich mit einem Finger anrührt, dem triefe er von Blut. Saffana, wie heißt das Kampflied der lakhmitischen Frauen?“

Die Sklavin sang es in Schweißangst. „In der Hand den scharfen Speer, dessen Spitze ingrimmschwer, lechzend den Propheten bitten sie zu enden, was sie litten — Sieh das Blut von Schlachtgewittern triefend, daß die Locken zittern —“

„Daß die Locken zittern!“ rief Reija begeistert in das Feuer des Liedes hinein. „Mord dem Mord! Thar glüht in mir, die heilige Thar! Sie ist mein Posaunenruf, sie soll die Zaghaften zur Vergeltung aufstacheln, bis ihre Tränen sich in Wasserströme wandeln, die die Menschenungeheuer ersäufen sollen. Gott! Hilf mir! Du bist einzig und allmächtig, du hast nicht gezeugt und bist nicht gezeugt worden, niemand besteht neben dir! Und willst du nicht an seine Hilfe glauben, Eswer Ben Zerragh, so brenne dein Herz in der Hölle und nähre sich von der Rinde des Sukuum! Oh, Abu Atir! Wärst du hier, dein Bart würde brausen im Sturmgedanken der Erlösung für deine Charka, dein Schoßkind. Und du, der du mich zu lieben vorgibst, willst zaudern? Wir sind nur Gäste auf der Welt, sagt der Imam, und alles Leben ist geliehen. Gib es zurück, wo Leben keinen Wert mehr hat. Komm, komm, wir müssen eilen, es soll ein Weltgericht werden, als rasten die Völker Jadjudj und Madjudj über die Erde. Und wenn Granada, das neue Damaskus, dabei versinkt, so soll wenigstens keiner mehr zur Totenklage übrigbleiben. Packt auf!“

Die von ihrer Leidenschaft beschwingte Glut riß den Abencerragen mit sich fort. „Du machst Löwen aus Gazellen, Reija! Ich folge dir und wiegle die Mauren auf. Der Graf soll mein Nedim werden, mein Trinkgenoß.“

Stürmisch flog sie an seinen Hals. „Allah akbar! Gott hat deinen Geist geweckt. Almansor billah will ich dich heißen, den von Gott Geschützten, wenn du ausharrst.“ Sie zog ihn in die Höhle, wo Saffana und die beiden Männer den Braten herrichteten. „Hört alle an. Ihr sammelt aus dem getreuen Cañor die listigsten Söhne Mohammeds, die geschicktesten Läufer, die durch die Gassen jagen können wie Ssaba, der Morgenwind, dann die Mauren von Adra, Buñol Purchena und Orgiva, sie lechzen nach Pfeilschüssen und werden uns folgen. Sagt ihnen, Reija, die Werda von Andalus, rufe sie. Erzählt ihnen mein Leiden, ihr Herz wird daran erglühen. Wenn das Osterfest kommt und die Inquisition ihre Opfer zum Autodafé schleppt, zünden wir die Stadt bei den vierzehn Toren auf ein gegebenes Zeichen an.“

„Das Zeichen?“

„Ich lasse meinen Flamingo von der Alcazaba aus in die Lüfte steigen. Im Augenblick, da er über die Dächer kreist, legt ihr die Feuer an, truppweise, daß Verwirrung und Schreck in ihre Glieder fahren. Man wird die Opfer in die Kerker zurückführen wollen, dann stürzen sich die Moriskos vom Albaycin auf das eiserne Geleite des Grafen de Mora. Das übrige laßt meine Sache sein. Ich halte Roß und Verkleidung in der Nähe der Bibarrambla bereit.“

Gierig lauschen die Männer. Frage und Antwort fliegen auf. Morgen früh soll der Ritt aus Cañor gewagt werden.

Die schleierlose, grünsilberne Nacht leuchtet in eine gefestigte Seele, die den Jammer mit der Kraft der Verzweiflung vertrieben hat. Reija starrt unausgesetzt in die Tiefe des Barrancos hinab, wo morgen der Weg der Erlösung beginnen soll. Drei Männer hüten ihren Leib, morgen aber wird ein Wall von Hütern aus den Bergen wachsen. Wie sprungbereite Tiger liegen die Wächter vor der Höhle. Im Maurendorf verkündet der Hornstoß des Türmers die Zweiteilung der Nacht, die ruhevoll ihren Gipfel ersteigt.