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Granada in Flammen

Chapter 39: Siebenunddreißigstes Kapitel
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About This Book

Die Erzählung schildert das Leben maurischer Flüchtlinge und Hirten in den Alpujarras nach dem Verlust von Granada, verbindet schroffe Natur- und Klimaelemte mit alltäglichen Details wie Herdenpflege und kargen Behausungen. Im Fokus stehen persönliche Beziehungen, die Sehnsucht nach einer Rückkehr und die religiösen und kulturellen Traditionen, die Gemeinschaft zusammenhalten. Lebhafte Landschaftsbeschreibungen wechseln mit Momenten innerer Erinnerung, Hoffen und praktischer Fürsorge, während Figuren Armut, Treue zu Gebräuchen und die Hoffnung auf politische Wiederkehr abwägen.

Siebenunddreißigstes Kapitel

Der Schrecken der Glaubensverzerrung geht um. Was die Menschheit adelt, liegt zerschlagen unter den erbarmungslosen Schwertern eines Geistes, den das unheilige Rasen des Fanatismus sturmartig über ganz Spanien fegt. Unter dem Zeichen der himmlischen Barmherzigkeit gebärdet sich die Hölle wie toll.

Nach der traurigen Semana santa, der heiligen Woche, bereitet Lucero von Cordoba den frommen Andalusiern einen furchtbaren Ostersonntag. Die Ehre des Herrn über allen Welten muß herhalten, die Heiligkeit der Verdammnis begründen zu helfen. Granada steht unter den Schauern des ersten großen Autodafé, des Glaubensgerichtes, das nach dem Willen der Kirche ein irdisches Abbild des Jüngsten Gerichts sein soll und das als frömmstes Werk des Glaubens zur Ehre Gottes in die Welt geschrien wird. Das Schauspiel soll dem Volk den Abscheu vor dem Ketzer einflößen und es in der wahrhaftigen Frömmigkeit stärken. Vor dem Wahn des reinen einheitlichen Glaubens muß das Recht der freien Menschheit in den Staub sinken, und damit der Gedanke der dreieinigen Gottheit die Welt beherrsche, muß dieselbe Gottheit durch den frevelnden Spruch haßverseuchter Richter beleidigt werden.

Seit Mitternacht ist das Tragen von Waffen, das laute Singen, das Reiten verboten. Gestern abend schon ging die große Prozession durch die Stadt: Kreuzträger, Bruderschaften, Kohlenbrenner, Mönche, Comisarios und Familiares der Inquisition zogen in langen Reihen durch die von Fackelschein gespenstisch erhellten Gassen nach der Bibarrambla, wo das Gerüst und der Altar gehämmert wurden.

In aller Morgenfrühe drängt das Volk nach dem Quemadero. Die Vega schiebt ganze Haufen der bäuerlichen, frisch angesiedelten Christen durch die vierzehn Tore der Stadt, und bald fluten erregte Menschenströme zwischen den weißen Häuserufern aus allen Richtungen einem einzigen Ziele zu: dem Quemadero, der Richtstätte.

Mit goldener Festespracht steigt die Ostersonne aus dem Schneegebirge, ihr Glorienschein fällt auf die hölzernen Tribünen, die an den Längsseiten des Platzes errichtet sind, umstellt von den Spalieren der königlichen Wachen, er erhöht die Farbenzier der Fahnen, Bänder und Teppiche, die die Balkone, Fenster, Mauern und Türme schmücken. Vor dem Haus der Miradores, wo die Tribüne des Primas von Spanien, mit Zweigen geschmückt, prangt, laufen scharlachrote Bänder vom Gesimse bis zum Boden herab, sinnbildliche Andeutungen des Feuers, das der Ketzer harrt. Über den Dächern erheben sich metallne Kreuze in die Sonne, die die siegende Macht des Christentums künden sollen.

Unter einem Baldachin steht der Sitz des Inquisitors Lucero, umstellt von dem Lanzenwall der erzbischöflichen Leibwache, hinter welchem das Gewoge des Volkes anhebt. Der größte Andrang herrscht bei dem schwarzüberflorten Gerüst, das für die Verurteilten bestimmt ist. Unmittelbar davor ragen zwei Kanzeln auf, eine für den Prediger, die andere für den Urteilsverkünder. Ein Altar, von Rosen umglüht, erhebt sich in der Nähe davon, damit das Menschenopfer zur Ehre Gottes die nötige Weihe erhalten könne. Hier knien schon die ganze Nacht hindurch psalmodierende Dominikaner und beten für das Seelenheil der Ketzer, auf daß sie reuig in den Schoß der heiligen Mutter zurückkehren könnten. Hintereinander aufsteigende Sitzreihen für die Granden und ihre Familien füllen den übrigen Teil des Platzes aus. Um die Zuseher vor den sengenden Strahlen der Sonne zu schützen, spannen Stadtknechte von Dach zu Dach weiße Riesentücher, die in Wasser getaucht sind. Schwarze Maste mit Trauerfahnen in den Ecken des Platzes sollen den Schmerz der Kirche über ihr ungewolltes Vernichtungsamt kennzeichnen.

Die Erregung wächst von Minute zu Minute. Man spricht von fünfzig Verurteilten. Die Mehrzahl sind Moriskos, die im neuen Glauben wankend geworden. Aber auch das Gerücht hat sich — trotz aller Geheimhaltung — Bahn gebrochen, daß sich der Graf de Mora unter den Ketzern befinden soll. Die Nachricht brennt in alle Herzen und macht die Köpfe wirbeln. Aber man wagt nicht laut darüber zu sprechen aus Furcht vor den Schergen, die in der Menge verteilt sind.

Kommt der König? Die Königin? fragt sich da und dort die Neugier weiter.

„Die Königin kann keine bleichen Gesichter sehen,“ belehrt ein Schuhflicker ein paar Zudringliche.

„Es ist eine Abwechslung nach den Stierkämpfen und Ringelrennen,“ freut sich ehrlich ein biederer Bauer der Vega. „Nur erbarmen sie mich in der Seele in ihrem Schandkleid! Glaubt Ihr wirklich, daß welche brennen werden?“

„Ihr seht doch dort das Holz.“

„Es sollen sechs brennen —“

„Nur einer, höre ich.“

„Wenn wir nur nicht enttäuscht werden,“ ängstigt sich ein anderer, ein Kaufmann, der nicht gern um seinen Spaß kommen möchte. „Bleibt Ihr bei der Verbrennung, Gevatter?“

„Man will’s doch gesehen haben,“ antwortet der Nachbar. „Wer bleibt nicht?“

„Tragt ein wenig Holz zum Scheiterhaufen bei, und ihr könnt einen ausgiebigen Ablaß haben,“ ermahnt ein Kerzendreher die Leute.

„Das läßt sich hören, man lebt doch viel ruhiger.“

„Man soll’s nicht erzählen,“ wispelt ein Seidenhändler einem andern zu, „aber wer kann den Mund halten, wenn es einem das Herz abpreßt. Der Herzog von Osuna soll nach Toledo geschafft worden sein —“

„Auch den Grafen von Orgaz hat man in der Nacht reiten gesehen, bewacht von königlichen Reitern. Auch ein gelehrtes Licht, Don Hernando de Rojas, ist nicht mehr in den Gassen zu sehen.“

„Es bereitet sich was vor, es liegt am Tage.“

„Seht, sie pflanzen das grüne Kreuz auf! Gott rette uns!“

„Ich gehe, ich gehe — der Weihrauch drückt mir in der Kehle. Vielleicht macht mich auch das dicke Blut so furchtsam.“

„Die Dominikaner sagen, wer nicht dableibt, ist nicht rein im Glauben.“

„So bleib’ ich denn, aber ich will wegsehen. Gott steh’ mir bei!“

„Gleich wird die Messe beginnen!“

„Wo ist Ximenes? Nun werden wir Lucero sehen, den Cordobaner. Gottes Licht liegt in seinem Namen.“

„Er ist ein wahrhaftiges Licht, das den Glauben reinigt und alles Unrechte verbrennt.“

„Aufgepaßt! Königliche Reiter! Als ob wir nicht genug davon hätten! Eh — drückt nicht so, Frau! Habt Ihr einen darunter, weil Ihr so weint?“

„Gott weiß, wie rein unser Haus ist. Aber muß man nicht weinen um ihre armen verführten Seelen?“

„Die Moreria hat ihr ganzes Gelichter ausgeworfen, es ist alles voll von Burnussen. Unsere Priester könnten den ganzen Genil als Taufwasser über sie schütten, sie würden doch Mohammeds Paradies glauben.“

Reiter schaffen Platz für den Zug. Da und dort ein Aufschrei aus einer allzu bedrängten Brust. Angst und Neugier spannen die Gesichter. Die Glocken beginnen zu läuten. Das Stimmengewirr sucht den Schall zu übertönen. Beim Eingang einer Gasse senken sich die Standarten der königlichen Reiter — Ximenes naht!

„Der Primas! Der Gobernador! Da seht — Talavera! Ah! Ah! Er hält sich kaum aufrecht! Ximenes kommt! Ximenes!!“

Der Erzbischof ist bleich wie Wachs, aber sein Auge brennt, als wollte er mit diesem Feuer allein zehn Ketzer versengen. Im schlichten Franziskanerkleid schreitet er daher, ganz langsam, das Haupt gesenkt, die Lippen bewegen sich im Gebetmurmeln, ringsherum flirren die Rüstungen seiner Leibwache. Wie eine Meereswoge wirft sich das gaffende Volk von rückwärts an die Soldatenmauer heran, um den Streiter für den Glauben zu sehen. Die Sombreros fliegen vom Kopf, die Hälse strecken sich, hinter dem Wall von Lanzen wogt es hin und her. Dem Toledaner folgt die granadinische Klerisei, paarweise, Gebete murmelnd. Dann kommen die Granden, geführt von dem andalusischen Geschlecht der Herzöge von Medina-Sidonia, alle in den schwarzen, enggeschnittenen kastilischen Trachten, von Knappen begleitet, während die Frauen in einer eigenen Gruppe, von den Ehrendamen flankiert, in hochgeschlossenen Gewändern, den Hals von der steifen Krause umengt, mit züchtig gesenkten Augen daherwandeln.

Unter ihnen schritt auch Doña Leonore de Uceda. Das schöne Antlitz war von dem Laster des Neides und den Qualen der Selbstanklage entstellt. Jeder Schritt schmerzte sie in den Knien, und sie glaubte unter der Last ihrer Schuld zusammenzubrechen. Neben ihr ging mit stolz erhobnem Haupt der Graf de Castro, ihr neuer Liebling, der sich über ihre leidenschaftliche Liebe zum Grafen de Mora mit dem Lächeln des Stoikers ebenso hinweggesetzt hatte, wie über die durch eine Königsliebe beschädigte Tugend des Weibes.

Das Glockengeläute schwillt neu an. Ohnmächtige Frauen sinken im Gedränge nieder, man kümmert sich nicht um sie, Augen und Hirne spannen sich nach dem Gassenloch. „Sie kommen!“ Wie aus Grabestiefen erklingt jetzt mißtönig der klagende Gesang des Miserere. Ein Glutwind schwingt plötzlich seine Peitschen über die Stadt.

Aus dem Schattenwinkel des Platzes bohrt sich der dunkle Wurm. Zwei Kohlenbrenner, mit Lanzen bewaffnet, in schwarzen Leinenkleidern, wie Gesellen des Teufels zu schauen, eröffnen den Zug. Fackeltragende Dominikaner unter Anführung des Kreuzes folgen den schwarzen Riesengestalten. Dann schaukelt die rote Damastfahne der Inquisition mit dem lorbeerumschlungenen Degen aus dem Schatten ins Licht. Dann wieder Granden und Familiares des Tribunals — und nun doppelt umreiht von Lanzenknechten die von der Kirche verdammten, meist armen Moriskos im grauen Sanbenito, auf dem Haupt die spitze Inquisitionsmütze. Auf dem fahlen Schandkittel flammt grellrot das Andreaskreuz über Brust und Rücken, in den Händen tragen alle brennende Kerzen, zuerst gehen die gelinde Verurteilten, dann kommen die zu Geißelnden, die mit der Galeere und dem Gefängnis Bedachten, drei Särge, in denen die Gebeine derjenigen ruhen, die aus der Friedhoferde gescharrt wurden, weil sie nach ihrem Tod der Ketzerei schuldig erkannt wurden und nun als Tote verbrannt werden sollen.

Und jetzt — die Gemüter sieden, die Stirnen schwitzen vor todeslüsterner Neugier, und über die Rücken rieseln die Schauer — jäh prallt die Masse an die Spaliere heran — er kommt!!

Zwischen zwei Dominikanern, gefolgt von zwei Familiares, hinkt, ein Bild des Jammers, ein harlekinisch gekleideter Mensch. An seinem gefolterten, zum Schreiten fast untauglichen Leib hängt ein weitgeschnittenes Sanbenito, das mit Teufelsfratzen und Flammen bemalt ist, und auf dem schwarzhaarigen Haupt sitzt die hohe kegelförmige Coroza aus Pappe, ebenfalls mit Flammen bemalt. Das Antlitz ist verwildert, durch die Tortur entstellt, von Jammer und Gram zerfressen. Niemand kennt ihn, bis aus der Gruppe der Granden sich der Ruf losschnellt: „Mora! Mora!“ Der Name züngelt von Mund zu Mund, und bald summt und wispert und schallt es über den Platz: „Mora! Mora! Mora!“ Herzen zittern, Augen füllen sich mit Tränen, Gewissen hämmern, Angst jagt von Brust zu Brust. Die grausige Gewißheit, durch das Flammen-Sanbenito besiegelt, wirft ihren Brand in alle Herzen. Was muß er verbrochen haben, um so verdammt zu werden! Frauen schluchzen beim Anblick ihres entstellten Lieblings, den sie wie den Cid durch die Gassen reiten sahen, heldenhaft, ernst und streng. Und nun alles durch Kerkerqual und Tortur gebrochen, der ganze Mensch eine halbe Leiche, der daherwankt, gestützt von dem Helferarm eines „liebenden“ Bruders in Christo.

Und nun fahren Kreuzigungsschauer durch die bebenden Herzen der Massen: Lucero inmitten seiner Dominikaner! Ein scharfgeschnittener gebräunter Kopf mit der andalusischen Adlernase sitzt raubvogelartig über der Kutte, stechende kalte Augen sind die Schilder seiner Verstandeskraft, der harte Mund kündet die Unerbittlichkeit seiner Entschlüsse, die hohe Stirn verrät Geist und Tatkraft, und seine Haltung spricht jeder mönchischen Demut Hohn. Die blutvollen Lippen murmeln Todesgebete, die klanglos im Gesumme der begleitenden Priester ersterben. Alles in allem ein ungebändigter Geist, der gewohnt ist, an den Gebilden des Hasses zu weben.

Auf allen Lippen schwebt es: das ist er! Mit knapper Not ist er vor wenigen Wochen dem großen Rächer Tod entschlüpft. Als er einen Brief öffnete, fiel weißer Staub heraus, der ihn beim Einatmen bewußtlos machte. Wie gnädig war da Gott!

Die Verurteilten werden auf der Tribüne zu einem Klumpen zusammengepfercht. Die Glocken schweigen. Aus einer Menschengruppe ertönt Schluchzen: Angehörige und Freunde eines Ketzers klagen um den geliebten Mann, der da oben, ewiger Schmach preisgegeben, im Schandkittel steht. Angst flattert durch die Brüste, und bang steigt die Frage auf: Werde ich das nächste Mal nicht auch da oben stehen?

Das Glöcklein zur Missa aurea erklingt. Ein Dominikaner bringt das Altaropfer unter dem bangen Schweigen der Menge. Nach dem Evangelium liest Ximenes an Königs Statt den feierlichen Schwur, alle Ketzer auszurotten und die Inquisitoren zu unterstützen. Nie flog ein Eid inbrünstiger himmelwärts, des Erzbischofs Augen leuchten, als hätte sie Gottes heiliges Feuer entzündet. Das Volk hebt die Hände auf und schwört mit seinem Seelenhirten, die Ketzer vertilgen zu helfen zur größeren Ehre Gottes. Amen.

Ein neuer Dominikaner besteigt die Kanzel, Glaubensfeuer sprüht aus seinen Augen, sein Haupt umstrahlt voller Sonnenschein, als wöbe der Himmel seine Gloriole um den Streiter. Er spricht beredsam von den Gnaden des ewigen Gottes, von der Unverletzbarkeit der niedrigsten Seele im Liebesbereich der Allmacht, von der Barmherzigkeit der Kirche, die aber nicht umhin könne, die Augen offen zu halten für das Zerstörungswerk des Teufels. Er tischt mit tränenerstickter Stimme Bibelstellen auf, die die Verfolgung der Ketzer heischen, und verdammt die Zweifler, die in das dreieinige Gottheitsdogma nicht den Weg finden wollen. Er bittet Gott um Erleuchtung der Irrenden, um Vergebung für die Bereuenden und um Segnung der Buße. Und dann strotzt sein Predigerwort von erbarmungsloser Härte, es zielt wie hundert Dolche nach den Brüsten und stöbert die Furcht in den Herzenswinkeln auf, daß sie den ganzen Menschen durchrüttle. Katholischer Glaube, Reinheit und Einheit der Religion — mit diesen Wesenheiten durchsättigt er seine Erbauungspredigt, wirft aber zum Schluß aufs neue die Gewitter seiner Glaubenstollheit in die erregten Hirne, daß sie vom Übermaß haßerfüllter Vorsätze zu bersten scheinen. Die Opfer auf der Tribüne der Verdammnis weinen still vor sich hin, denn sie fühlen den Stachel in ihrem Herzen wühlen, der gegen ihr Tun und Treiben gerichtet ist. Wie ein Rudel Lämmer stehen sie zu zusammengeklumpt, zweiundvierzig verurteilte Männer und Frauen und ein vierzehnjähriges Kind, das „Gott gelästert“.

Der eine aber, der Narr und Verbrecher zugleich schien, stand abseits des Klumpens, und das zermarterte Gesicht, das die Sonne erbarmungslos überglühte, verklärte sich mählich unter dem Abglanz hoher Gedanken, die nicht durch des Dominikaners Wortgeißel aufgepeitscht wurden. Die Schande, grell ins Licht des Tages gerückt, rührte sein wundgeschlagenes Herz nicht mehr. Tröstlicher als die wütend zuschlagende Rute des Priesters war für ihn der Gedanke an seine unversehrte Liebe und an die Rettung Reijas. Mit tauben Ohren stand er da, aufrecht mit seinen zerbrochnen, zerschundnen Gliedern, die blutgeschrammte, gefolterte Stirn furchtlos dem Geschick entgegenstreckend, das man über ihn verhängt. Und während von der Kanzel die Eifererschläge hallten, öffnete er sein Herz dem Heilandswort, das in ähnlich düsterer Stunde der Verlassenheit einst schmerzlich-anklagend erklungen war: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Auch diese hier haben dein Gesetz verkehrt und deinen göttlichen Tag zur Höllennacht gemacht. Mit des Hasses verwirrendem Getränk haben sie dein heiliges Blut durchsetzt und haben in deinem von Barmherzigkeit triefenden Namen Gericht gehalten über nie bestandene Schuld. O Herr, den ich geliebt wie vielleicht keiner dieser Priester, laß dein Sonnenauge auf mir ruhen, wenn die irdische Nacht beginnt, und entlocke mir keine Träne der Verzagtheit! Was sagte einst Abu Atir? Jeder Mensch geht aus dem Ist in das War. Warum also schrecken wir vor dem Natürlichen zurück?

Wie eines brausenden Bergbachs Getöse donnert das Predigerwort an seinem Ohr vorbei. Sein Geist erhebt sich in die Hochgefilde seliger Erinnerung. Reijas Bild schwebt wie aus gottesklaren Sphären herab. Das irdische Paradies, das sie ihm geschaffen, verklärt sich in ein himmlisches, das fast islamitische Züge trägt, denn einer Huri Lichtgestalt winkt ihm und scheint ihm ein seidnes Lager im heiligen Auengrün zu bereiten, wo Bäche rauschen, sanfte Lüfte wehen und das leise Geflüster in den Iraksträuchern wie süße Musik klingt. Das greifbar schöne Bild zaubert auf sein entstelltes Gesicht den alten Schimmer von Schönheit, und unter der Schmachmütze lächelt sein Mund, als neigten sich tröstende Geister zu ihm herab. Er sieht den Platz, wo er das vom Hufschlag getroffene Königskind auf der Erde zum erstenmal erblickte, den Bücherhaufen, vor dem er Reija mit dem Degen vor einem blindwütenden Priester geschützt, er hört ihre tiefkehlige Stimme tönen, schaut ihre Gazellenschlankheit im Patio der Alcazaba inmitten der Frauen im Mondlicht wandelnd, sie lächelt ihn an, hingestreckt im weichen Pfühl, umduftet von Storax und Ambra, er entsinnt sich ihres fröhlichen Geplauders im gelinden Gefängnis der Alhambra, er begleitet sie zur Taufe, die ihr morgenländisches Wesen kaum berührt, verliebt sich in die Ungebundenheit ihrer Kinderseele, in ihr Zwitschern und Lachen und in ihren gespannten Ernst, wenn es um große Dinge ging. Ja, ihr Herz stammt aus dem Garten ewiger Jugend und ist gesegnet von dem Lächeln Gottes. Engelsschön hebt sich ihr Edelleib aus dem Nichts, und die Nacht singt jubelnde Choräle zum Preis ihrer Schönheit —

Plötzlich Stille. Das Wort des Gottesredners ist verhallt — Graf de Mora schnellt aus dem wachen Traum. In den Massen hebt eine Unruhe an, wieder tönen Jammerrufe — dazwischen Ostergesang von Knaben, die vor dem Altar knien, auf dem der erstandene Heiland mit der weißroten Fahne des Sieges steht. Osterfest! Pas-cha! Bedeutete das Fest nicht einst den Hebräern die Befreiung vom Tod durch den Würgengel? Wo das Lammblut an die Türpfosten gestrichen wurde, dort ging der grause Seraph an der Erstgeburt vorbei. Heute ist des Grafen Stirn mit seinem eigenen Marterblut gezeichnet, und der Würgengel wird nicht vorüberziehen.

Ein Dominikaner besteigt die zweite Kanzel und verkündet den vierzigtägigen Ablaß für alle, die dem Autodafé beiwohnen. Dann liest er Namen vor — die Häupter der Verurteilten schrecken empor.

„Abbas Ben Kahir ist der Ketzerei überführt, hat aber die Sekte der Ketzer verlassen und wird in den Schoß der Kirche aufgenommen. Es wird derselbe an drei Sonntagen mit nacktem Oberleib vom Elvirator bis zum Tor des Albaycin durch Diener der Inquisition gepeitscht. Auch wird ihm die Buße auferlegt, sein Leben lang weder Fleisch noch sonst etwas, das aus dem Tierreich stammt, zu essen, zum Zeichen des Abscheues vor seiner Ketzerei. Auch wird er zum immerwährenden Tragen des Sanbenitos verdammt. Das Vaterunser und den Glauben hat er um Mitternacht täglich zu beten. Die Pfarre von San Juan wird Brief und Urteil zur Überwachung erhalten.“

Ein dumpfer Aufschrei, und ein kleiner, altersschwacher Morisko fällt einem Mönch in die Arme. Er ist mit der Kirche „versöhnt“. In der Menge heult ein Weib auf.

„Osmin Ben Jesid ist der Ketzerei überführt ...“

Eintönig geht die Verlesung weiter. Furchtbare Strafen fallen auf die Häupter der schuldig Befundenen. Zweihundert Geißelhiebe mit dem geknoteten Lederstrick, zehn Jahre Galeere, Gefängnis, Gütereinziehung, Bann, Verlust aller Würden — das spitzfindige Mönchshirn hat die grausamsten Erniedrigungen und Demütigungen ersonnen, durch die das Leben des Verurteilten für immer zerbrochen ist. Schmach und Schande folgten von nun an dem Unglücklichen bis an sein Lebensende. Das Sanbenito sorgte für die Kenntlichmachung des Ausgestoßenen. Selbst die de levi Verurteilten verloren ihr Vermögen, das dem königlichen Schatz und der Kirche anheimfiel.

Eine Stunde lang dauerte die Verlesung der Urteile. Wie flammender Löwenatem fuhr der Glutwind über den Platz. Die durch Angst und Folter zermürbten Jammergestalten fielen wie die Fliegen um, noch bevor sie ihr Urteil gehört.

Da — eine grauenvolle von Schreckensstille erfüllte Pause — dann tönt der edle Name, hallend und scharf: „Don Pedro de Solar Graf de Mora —“

Die Leiber wogen an die Spaliere der Stadtknechte heran, die Augen aller starren nach der im flammenbemalten Gewand steckenden Gestalt des königlichen Hauptmanns. Jetzt tritt er vor, kniet nieder und faltet die Hände vor der Brust.

Hell wie eine Glocke klingt das Urteil über den Platz: „... ist der Ketzerei überführt und ist darin als ein Negativo beharret bis zur Stunde. Die Kirche stößt den Ketzer aus im Namen des Herrn Jesu Christi und übergibt ihn dem Arm der weltlichen Gerechtigkeit mit der Bitte um Schonung.“

Auf der Frauentribüne fällt eine Edeldame in die Arme einer andern. Ihre verglasten Blicke starren nach dem Unglücklichen. Sie sieht die Dornenkrone über seinem Haupt schweben, die sie ihm selbst geflochten.

Graf de Mora steht reglos, die schwarzen, verklärten Augen, wie beschattet von den Fittichen des nahenden Todes, auf den siegenden Heiland am Altar gerichtet.

Die zwei Dominikaner an seiner Seite sprechen in ihn ein, sie wollen ihn noch einmal zur Abschwörung der Ketzerei bewegen. Wie Schlangen züngeln die Worte an sein Ohr. Er drängt sie gelassen zur Seite und will sprechen — da hält ihm einer der Mönche den Mund zu.

Leonore de Uceda erhebt sich aus den Zuckungen der Reue. Ihr neuer Geliebter, der Graf de Castro, flüstert ihr erregt ins Ohr: „Doña Leonore — der Graf stand Euch nahe —“

Und sie würgt mit vorquellenden Augen die Wahrheit aus der Kehle: „Mein Haß — treibt — ihn — in den — Tod —“

Der Graf schaudert zurück. „Ihr habt — ihn —?“

Sie nickt mit verzerrten Zügen. „Führt mich zum König —“

Kalt, mit ertöteter Liebe im Herzen, erwidert Castro: „Der König wird nicht gewillt sein, ein haßerfülltes Geschöpf anzuhören. Lebt wohl, Doña Leonore.“

Die Verlassene bricht lautlos zusammen.

Durch das dampfende Volk geht ein flüsterndes Wogen und Wallen. Aus den dichtgeballten Haufen jagen Schreie in die stickige Luft. Auf die Tribüne tritt der weltliche Corregidor und verkündet im Namen des Königs das Urteil: Verbrennung auf dem Scheiterhaufen. Gleichzeitig donnert eine Drommete, wie vom Sendling des Todes geblasen.

Der Graf steht unbeweglich, noch immer die Augen auf den Heiland gerichtet. Es ist, als öffne sich durch seinen Blick die Seele und als dringe ihr Gebet durch die schwarzen Leuchten ins Herz der Christusstatue. Der Herr hat die Scheiterhaufen der heiligen Martina, Columba und Katharina durch Regen gelöscht, er wird ein Wunder tun an dem Bekenner seiner Allmacht, glüht der Glaube in dem Märtyrerherzen. Aber der Himmel blaut erbarmungslos auf das furchtbare Gericht herab, das seine sinnbildliche Klarheit schändet. Über dem Haupt des Grafen ringt sich schon der Nimbus wunderbarer Reinheit aus dem irdischen Leib, und seine Augen verklären sich aufs höchste.

Da stößt ein Schrei aus der Menge: „Ein Rosenvogel!“

Während das schauerliche Miserere erklingt, fliegt über die Dächer der Steinpaläste ein seltsamer Vogel, dessen Gefieder rosenrot im Azur leuchtet. Die Augen der Moriskos blicken nach der wildflatternden Riesenrose empor. Ist es der Vogel Phönix, der aus wohlriechender Asche flog? Ist es ein Gottgesandter für die Seele des Grafen? Bedeutet er Befreiung vom irdischen Staub? Seht — er fliegt in die Sonne — in den Himmel hinein — nein, er senkt sich auf die Dächer herab — oh! Ay! Magier und Deuter her!

Alles starrt dem taumelnden Flug des Wundervogels nach. Ein seltsames Gefühl des Grauens steigt plötzlich aus geheimnisvollen Tiefen auf und bemächtigt sich der bangschlagenden Herzen. Unerklärliche Geräusche erregen die bis zum Übermaß gespannten Nerven. Der flatternde Vogel hat die Gemüter von der Tragödie des Wahns abgelenkt, und alles steht unter dem Druck einer bangen Ahnung.

Wieder zischen eigentümliche Geräusche auf, denen man keinen Namen geben kann, wieder wächst die Unruhe in dem Meer der Köpfe, wieder schreit es aus den Ecken auf, wehklagend und geisterhaft —

Da — in einem Winkel des Platzes, wo schwarzverhüllte Männer Holzscheite ordnen, zuckt eine grelle Fackel auf.

Aber was ist das? Warum schwillt die Stickluft an? Welch siedende Hitze! Und da drüben in der Luft — Rauch — stinkender, auftaumelnder Rauch — und der rosenfarbene Vogelleib hebt sich leuchtend von dem qualmenden Untergrund ab.

Mit einemmal zuckt es wie ein aufschreiender Blitz aus einer Gasse: Feuer! Nar! Fuego! Gellendes Geschrei, tierartiges Brüllen aus angstgepackten Brüsten, Getöse, Krachen und Splittern der hölzernen Tribünen, klagendes Geheul, Wimmern, Jammern — ein leinener Schutzdachstreifen reißt ab und peitscht mit seinem Ende die Köpfe der Sitzenden — Schreien, Verwirrung, Getaumel — Fuego! Nar! Gequetsche und Geknäuel unter anschwellendem Getöse — die Sonnenglut verdunkelt sich durch aufsteigende Rauchsäulen —

Da zuckt wie ein Pfeil aus dem Dächergeschiebe im Sonnenwinkel die erste giftgelbe Flamme auf. Feuerfanfaren treiben die aufgewühlten Köpfe in Angst und Entsetzen.

Ximenes, bleich wie eine Leiche, starrt in den geisternden Qualm. Will mir der Himmel in die Arme fallen? fährt es durch sein Gewissen. Soll das Werk der Gerechtigkeit nicht getan werden? Ist dies das Erdbeben, das die heilige Lucia vor der Marter rettete? Von Grausen erfaßt, bekreuzigt er sich. Dann ruft er in die ratlos auf und ab wogende Inquisitionswache: „Helft löschen!“ Unter Anführung von Rittern quetschen sich ungeordnete Soldatenhaufen durch die tobende Menge nach den Gassenöffnungen.

Häusernamen tönen durch die Luft — Christen, Mauren drängen sich heulend in die halbverstopften Gassen, Scharen von Wächtern drängen ihnen nach.

Lucero schreitet zu den Gefangenen und ermahnt die Wächter, deren Reihen sich gelichtet haben, an ihre Pflicht.

Stickiger Qualm würgt die Kehlen zusammen — über niedergetretene Frauen und Kinder, über tote und jammernde Leiber wälzt sich der Menschenstrom.

Himmel und Erde! Ist die Hölle los? Hier und dort und dort und hier, überall Rauchwirbel und Funken — wie aus unsichtbaren Schlünden aufsteigender, den Himmel verdüsternder Qualm, untermischt von rotbraunen und gelben Flammenfetzen, die gespensterhaft hin und her torkeln — in die Siedehitze prasselt und knistert es wie Höllenfeuer, das die Sonne entzündet hat — qualvolle Laute sirren durch die Luft, ersticken jäh — Todesschreie — die Menschenhaufen verstopfen die Ausgänge des Platzes — prallen mit ohrenzerreißendem Geheul zurück —

Aus der Schattengasse des Zacatin wälzen sich Burnusse heran, scharenweise, Fäuste schnellen in die Luft —

„Wache!“ schreit Ximenes erblassend.

„Wache!“ brüllt Lucero. Und von allen Seiten dröhnt das Echo: „Wache!“

Der Gobernador reißt mit starker Faust ein paar Wächter mit sich und schleudert sie Ximenes hin. Näher und näher leuchten die weißen Maurenhaufen, wie Kugeln rollen sie heran, durchbrechen den Wall der Menge und den der Soldaten, stürzen sich auf die gefangenen Moriskos. Verzweifelt wehren sich die Granden.

Der Corregidor zerrt den entgeistert stehenden Grafen de Mora an sich heran: „Kommt!“

„Wohin?“

„Ins Gefängnis zurück!“

„In die Freiheit!“ schrillt eine knabenhaft weiche Stimme aus dem Maurenknäuel jäh auf. Und ein Hirtenjunge schleudert sich dicht an den Corregidor heran, und in seinen Händen blitzt die Navaja. „Freiheit oder Leben!“ Der Richter taumelt zurück. In dem Augenblick reißen braune Fäuste den Grafen aus dem Getümmel, das zwischen den Agarenos und den herankeuchenden Inquisitionsknechten anhebt. Die Dominikaner springen über das Tribünengeländer in die Menschenhaufen hinein. Auf und ab flutendes Gewoge von Leibern, Kreischen und Jammern — alles umhüllt von dem erstickenden Rauch des ringsum über die Häuserdächer herandrohenden Feuers. Granada ist zu einem einzigen Quemadero geworden.

Graf de Mora liegt am Boden, umringt von fäusteschwingenden Mauren, den Montesinos aus den Alpujarras. Ehe er sich’s versieht, reißen sie ihm das Schandgewand vom Leib und werfen ihm den Burnus um.

Der Hirtenjunge mit dem vermummten Gesicht krallt seine kleinen Hände in des Wehrlosen Leib. „Geliebter!“

Mora glaubt zu vergehen. „Himmel — Heerscharen —“

„Mir nach in den Zacatin!“ klingt es wieder wie Heilandston an sein Ohr. Und ringsum ein Haufen geballter weißer schützender Leiber, die mit Faustschlägen und Messerstichen dem neuen Agareno den Weg durch die verzweifelten, niedergerungenen Kämpfer bahnen. Ehe die Gedanken zu jagen beginnen, sieht sich der Graf hinweggeschleppt über liegende Körper — der Platz verdunkelt in Rauch und Aschenregen, die Granden scharen sich zu einem verzweifelten Ringen zusammen — die Ketzer reißen sich von der Tribüne los und werfen sich in die dichtgeklumpten Massen der Kämpfenden, wo sie ihre Schandkleider in Fetzen zerstückeln, verschwinden dann in Kampf und Getöse.

Unter dem Schein der brandroten Glut über den Dächern, geschützt durch die Masse grell leuchtender Burnusse, schleppen zarte Frauenarme in der Hirtenjacke den wie von Wundern bedrückten Dulder von Stelle zu Stelle, in die Enge des Zacatins, wo die geschlossenen Basare und Khane stehen. Hinter ihnen sirren qualvolle Laute in Rauch und Dampf, vor ihnen flüchten sich fluchende Knäuel von Christen, von Schauder und Angst gepackt und gepeitscht, in Tore und Türen hinein, Schreie des Wahnsinns flattern rechts und links auf, wachsen zu wüstem Gebrüll an — da und dort prasselt Gebälk von oben herab, flammende Scheite stürzen und entzünden eine tobende Hölle in den Gassenlöchern.

Auf der Bibarrambla lodert plötzlich neuer Schrecken auf. Wie ein weißer gespenstischer Feuerreiter auf brandrotem Roß sprengt eine Mosesgestalt mit fliegendem Bart, das maurische Schwert in der Rechten, über Steine und Leiber daher.

Ximenes, unter dem dreifach gereihten Schutz spanischer Wachen, starrt auf den grausen apokalyptischen Reiter. „Abu Atir!“ haucht seine in Rauch und Asche verdorrte Kehle. Mit verglasten Blicken sieht er den weißen Riesenspuk im verqualmten Loch des Zacatins verschwinden. —

Reija hat sich mit ihrem Beuteschatz durch Tore und Höfe geschlagen. Ihr Hirtenkittel schleift zerfetzt im Staub, ihre Hände bluten, das Rot besudelt Gesicht und Kleid. Über Kalkschutt und verkohltes Holzwerk, an schreienden Menschenhaufen vorbei ringen sie sich weiter. Der halbzerbrochene Körper des Grafen kann ihr nur mühsam folgen. Eine menschenverlassene Gasse öffnet sich, fern von Kampf und Brand — dann noch ein Tor — und sie stehen in einem Patio, in dessen Winkel drei gesattelte Pferde den Boden stampfen.

Auf den Stufen einer Treppe sinkt Don Pedro wie ein gemähter Grashalm hin. Reija neigt sich über ihn und küßt seine qualgezeichnete Stirn. Ihre Liebe strömt in seine Leere und füllt sie mit neuem, quellendem Leben. Seine Arme umschlingen ihren Hals, sein Haupt bettet sich auf ihre Schulter, und er starrt, noch vom Rettungswunder übermannt, in die geliebten Augen, die wie Gottes Sterne lächeln, hinter denen Paradiesesfluren leuchten. Langsam lockert sich sein zusammengepreßtes Denken. „Du — du — Retterin —“

„Ich war es nicht allein —“ lächelt sie weh. „Alle Agarenos haben geholfen, und Abu Atir hat sie geführt. Und es fiel einer um dich — Eswer Ben Zerragh —“

Da krampft sich sein Herz zusammen vor soviel Entsagung. Seine Augen werden feucht, und Reija spürt, wie seine Finger sich in ihre Gelenke verkrallen. „Gesegnet sei sein Angedenken immerdar — er starb, daß wir uns lieben können — Allah akbar! Allahuma su bahana hu! Der Wille des Herrn geschehe!“ Mit verzückten Augen starrt sie in den blauüberleuchteten Hof, als senkte sich dort die Herrlichkeit des Himmels herab, während über Granadas Gassen der Höllendampf dunkelt.

Hufgepolter vor dem Gitter des Patio. „Er ist’s!“ jubelt Reija.

Hinter dem maurischen Eisentor steigt der Imam vom brandroten Tier. Jeder Schritt des Greises dröhnt wie Sieg und Gewalt. Er schreitet zur Treppe. Reija stürzt an seine Brust, und er beweint über ihrem Scheitel den schwer erkauften Sieg um sein Königskind. „Viele Mauren sind erschlagen — sie sehen das Paradies im Glanz des Herrn, denn sie meinten für ihren König zu kämpfen. Für ihn wollte ich Granada wiedergewinnen — aber unsere Kraft ist ermattet, Gott will es nicht — wir sind Schahhad geworden — Bettler —“ Und er blickt mit warmem Blick auf das zerschlagene Stück Menschenleben auf der Treppe. „Wird dein Habib reiten können?“

Schwach nickte der Graf, indem er seine Hand dankend dem Prophetenpriester entgegenstreckte.

„Die Zeit ist kostbar — solange sie auf der Bibarrambla kämpfen und das Feuer wütet, könnt ihr fliehen. Aufgerafft! Die Stirn gegen den Glutwind gerichtet! Ihr werdet einen heißen Ritt haben bis ans Meer. In Salobreña auf der Burg warten Saffana und Muza Ben Maradschun, der Freund deines Vaters. Sie führen euch ins maghrebinische Land. Deines Bleibens ist hier nicht mehr, Don Pedro. Dort drüben kann ich euch helfen, ein neues Nest zu bauen, wenn Gott mir aus dem Kampf hilft. Vielleicht, daß bessere Zeiten kommen, wo der Geist der Duldung weht, sie werden euch dann den Weg nach den granadinischen Fluren öffnen. Solange Ximenes atmet, wird dieser Geist, dessen Streiter du warst, Don Pedro, erstickt werden. Aber Gott läßt Meere aufwallen und stürzt Berge. Was soll der Dämon Wahn, der im Namen der sanften Lichtreligion Isas in spanischen Hirnen wütet, seinem großen Willen anhaben? La illaha illa illahu! Der Araber sieht sich nicht nach seinem Zelt um, wenn er verreist. Wenn du auf dem Hügel von Padul stehst, sieh dich nicht nach Granada um, willst du eine glückliche Heimkehr erzwingen. Leb’ wohl! Gottes friedsamsten Engel über dich und ihn! Zu Roß!“

Unter dem Klang ferner Fanfaren, die die Wendung des Kampfes dem christlichen Volk künden sollten, nahmen sie Abschied von dem Imam. Noch eine letzte schmerzliche Umarmung — dann schwang sich der Alte aufs Pferd und flog wie ein junger Pfeil in die Gasse. Reija schrie auf. Sie fühlte, daß sie ihn nie wiedersehen werde. Tränen schossen aus ihren Augen. Erst ein Blick auf den Leidgenossen brachte sie zu sich. „Allah akbar!“ jubelte sie zwischen den Zähnen.

Sie stiegen auf, ritten aus dem Tor, an den geknebelten Lanzenmännern vorbei, die von Burnussen umringt waren, stürmten durch die Gassen wie windgejagte weiße Flammen. Die Geißeln peitschten auf die Flanken der Rosse. Durch das in Rauch und Ruß gehüllte Mühltor ging es hinein in die padulischen Hügel. Hinter ihnen brannte, ein Quemadero der Rache, Granada, die von einem Irrgedanken der Menschheit besessene Christenstadt.