Sechstes Kapitel
Im Hofe des Ayscha-Hauses, dicht neben den Bädern, ergingen sich zuwartend jene Männer, die für eine besondere Aussprache von den Herrschern empfangen werden sollten.
Don Pedro de Solar Graf von Mora schritt mit dem Herzog von Osuna erregt auf und ab. „Der König — wirklich der König?“ fragte Mora ungläubig.
„Ihr möchtet wohl lieber von der Königin empfangen sein?“ lächelte der Herzog.
„Es ist eine Gnade ohnegleichen. Mich auszuwählen!“
Osuna senkte seine Stimme. „Man war heute ungnädig gegen uns. Vielleicht will man es gutmachen.“
„Habt Ihr bemerkt, Herzog, wie der König sich erst meines Namens entsinnen mußte? Mein Geschlecht, sagt man, gelte nicht viel in seinen Augen. Mein Vater stand im Verdacht, allzu eifrig für die Cortes gesprochen zu haben. Das vergißt Fernando nicht.“
Da trat ein Escudero mit einem Brieflein an den Grafen heran. Dieser errötete. Der Herzog aber lächelte wieder. „Glücklicher Mann, der die Gebete des Herzens wie ein Gott empfangen darf.“
Der Graf zerriß das Schreiben, kaum daß er es gelesen. „Es wiederholt sich seit einer Woche jeden Tag. Ein Versegestammel arabischer Gefühle auf gut spanisch. Und der Page ist schweigsam wie ein Inquisitionsknecht. Sicherlich eine Hofdame mit einem Eulengesicht und einem Entengang, sonst würde sie mehr Schleier gelüftet und weniger Verse geschrieben haben.“
Der Herzog von Osuna wurde nachdenklich. „Seit einer Woche, sagt Ihr?“
„Es ist nichts Auffälliges daran.“
„Hm — es ist ebenso lange her, daß die neue Hofdame der Königin, Leonore de Uceda, in Granada weilt.“
Don Pedro de Solar machte eine jähe Wendung. „Leonore? de Uceda? Die Geliebte des Königs? Was sinnt Ihr, Herzog? Sie! Eine königliche Umarmung preisgeben! Sie ist züchtig, scheint es. Sie wandte gestern beim Ritt nach Gonsalvos Hause nicht den Blick vom Kopfputz der Königin, dessen Obhut ihr anvertraut sein soll.“
Osuna lächelte abermals. „Die gespielte Tugend erhöht den Reiz der Weiblichkeit. Und der höchste Reiz gewisser Damen ist nicht, Geliebte eines Königs zu sein, sondern trotz dieser Gebundenheit einen Mann lieben zu können. Den König besitzt sie, den andern aber liebt sie. Frauen machen da Unterschiede. Und Ritter auch. Es wäre doch nicht befremdlich, wenn sich eine Hofdame der Anbetung eines Ritters erfreuen würde. Wir hätten Granada nicht erobert, wenn es nicht soviele verliebte Ritter gegeben hätte, die ihrer Dame zuliebe tapfer sein wollten.“
„Alles gut, Herzog — aber eine Uceda! Und gerade mich?!“
„Graf de Mora wird so lange den Spröden spielen, bis die Frauen es satt bekommen werden, ihm Briefe zu schreiben. Oder ist der Kostverächter nur Maske? Habt Ihr insgeheim ein Seidenbettlein für ruhebedürftige Damen bereit?“
„Krieg und Abenteuer gelten mir mehr als Frauenseufzer,“ sagte kühl der Graf.
„Die Narbe auf Eurer Stirn ist ein besser Zeichen der Tapferkeit als das Kreuz auf Eurer Brust. Und die Fahrt nach den Kanarischen Inseln war ein gewagtes Stück.“
„Mein Blut ist rasch, die Fremde lockt mich bald. Ich will nach dem meerblauen Westen. Der Mauren Kampf lockt mich nicht mehr.“
„Ihr kennt Kolumbus?“
„Ich lernte ihn kennen, als er zu Gast war im Dominikanerkloster in Salamanca.“
„Ihr wart in Salamanca?“
„Ich holte mir auf der hohen Schule Weisheit und Freunde —“
„Man sieht’s bei jedem Schritt; Hernando de Rojas, der Schalk und Weisheitskrämer hängt Euch an, er, der die Celestina schrieb, von der ganz Kastilien spricht.“
„Er ist seit Tagen bei mir, ganz recht.“
Sie wurden unterbrochen. Der Geheimschreiber des Königs rief Don Pedro de Solar zum Herrscher.
Der kühle, mit reichen Arabesken verzierte Gang zu den maurischen Bädern war voll von Hofdienern. Mit Ehrfurcht verbeugte man sich vor dem schlanken Ritter.
Bei einem der Gemächer am Gang war die Tür offen. Don Pedro warf einen Blick hinein. Eine junge Dame im schwarzbenetzten gelben Damast, das baskische blonde Haar hochgetürmt, den schleppenden Mantel um die Schulter geworfen, trat eben heraus und an ihm vorbei. Der Graf grüßte ernst, denn er hatte sie erkannt: Leonore de Uceda. Sie also? Die Geliebte des Königs? Des alternden Mannes, der das Frauenspiel nicht lassen konnte? Vier natürliche Kinder versorgte der König mit einträglichen Ehrenstellen, aber er hatte am Ende noch viele Ämter zu besetzen, und Leonore de Uceda war einer Sünde wert.
Fernando erwartete den Grafen allein in seinem Zimmer. Wieder flimmerte es von den Wänden: farbiger Stuck, Inschriften, Pflanzenornamente und Arabesken. Wie in einer Tropfsteingrotte hing von der Decke ein durchbrochenes Pendentif herab. Eine köstliche Kühle, von unterirdischen Wasseradern erzeugt, strich durch die Luft.
Der Graf küßte nach strengem Zeremoniell dem König die Hand. Dieser stand vor einem mit Schriften beladnen Tisch. Kein Laut drang in diese Zelle, in der wohl einst Kalifenfrauen ihre nackten Glieder in kostbaren Spiegeln beschauten. Diese Stille ängstigte für einen Augenblick den königlichen Hauptmann. Doch der König zerbrach schnell die Bangigkeit des Grafen. „Wirklich ins neue Land?“
„Es ist mein Traum,“ erwiderte Mora.
„Ihr solltet es bedenken. Die neue Christenheit, die sich aus dem Islam gebiert, braucht nicht nur Mönche, sondern auch Ritter, die sie leiten. Graf Tendilla ist müde, wir denken an einen Ersatz —“
Don Pedro de Solar verneigte sich verwirrt. „O mein gnädiger König!“
„Doch — Ihr seid — unbeweibt. Ihr solltet Euern Haushalt erweitern und ihm eine holde Führung geben. Man sagt, Ihr liebt die Frauen nicht.“
„Ich ging bis jetzt an ihnen vorbei,“ sagte Graf de Mora verlegen. „Sie gaben mir nur Blicke, keine Seele.“
„Ob Ihr auch nur versucht habt, in eine hineinzublicken?“
„Und dann“ — der Graf errötete —, „ich bin, was Schönheit angeht, verwöhnt. Ich habe eine schöne Mutter.“
„Wieviel größer wäre die Freude, auch eine schöne Gattin zu umarmen. Und darum denke ich ernstlich, Euch auszuzeichnen. Ich möchte Euch glücklich wissen in der Hut des schönsten Weibes, das meine Augen sahen. Kennt Ihr — Leonore de Uceda?“
Don Pedro de Solar fühlte einen Schlag auf seiner Stirn. Stand er in einem Traum? Wirbelten nicht im Augenblick die Arabesken um ihn, als hätte sie eine Zauberhand in Bewegung gesetzt? Wie konnte der König ihm diese Schmach —? Ein Weib aus des Königs Lustbett? Seiner Reinheit anvertraut als Geschenk?! Über sein Antlitz zog Leichenblässe. „Was — habe ich getan — daß man mich — so zu — ehren sucht?“
„Ein Kriegsmann wird doch auch in den Armen eines schönen Weibes nicht kapitulieren,“ lächelte der König kaum merklich.
„Ich kann dieses — Geschenk nicht annehmen.“
„Es ist die Gnade Eures Königs.“ Der König sah wieder ernst.
„Die Sonne der Gnade verliert ihren Schein,“ erkühnte sich der Graf zu sagen, „und es ist nicht alles heilig, was ein König berührt.“
„Verwegener!“ Der König erblaßte und griff nach der Tischkante. „Ihr verschmäht — was — ich geliebt?!“
„Wie könnte es den erhabenen Ehestifter beglücken, zwei Herzen zugleich unglücklich zu machen? Doña Leonore würde an mir eine Enttäuschung erleben.“
Ungnade verdüsterte die Züge des Herrschers. Er wollte Worte sammeln, die den dreisten Granden zerschmettern sollten, aber er besann sich. Vielleicht daß eine menschliche Erwägung den Ritter gefügiger machen würde. „Ihr habt mir weh getan,“ sagte er leise, „und einer andern auch. Doña Leonore de Uceda wollte nicht durch meinen Willen an Euer Herz geschmiedet werden, sie selbst bat mich, ihr diesen, gerade diesen Mann zu schenken. Hört Ihr, Graf? Ein liebend Weib warb um einen Mann, der ihr Herz bezaubert auf den ersten Blick. Eure Weigerung wird an ein empörtes Frauenherz greifen. Ihr seid an den Frauen vorbeigegangen, so wißt Ihr auch nichts vom beleidigten Stolz. Doña Leonore hat ihren König geliebt —“
„So meine ich, das sei Grund genug, in dieser Liebe zu beharren,“ sagte Graf de Mora.
Der König wurde weich. „Schön gedacht — doch das Leben fordert Entsagungen. Wenn ich mich nun meines Innersten entäußere, so schätzt die Ehre, die Euch zuteil wird. Wenn Ihr plaudert, seid Ihr verloren. Ich habe eine Königin, ein herrliches Weib, ein gutes Weib, erfahren und geschickt, staatsmännisch klug und beim Volk beliebt. Ritter opferten ihr Leben für sie — und dennoch — ich habe neben ihr noch andere geliebt. Ich altere und möchte das Sündenleben abgeschlossen sehen um meiner Königin willen, möchte Gewesenes vergessen sein lassen. Doch will ich nicht dabei verletzen, will erheben, will den schönen Schatz nicht in Klostermauern begraben, sondern ans Herz eines Mannes betten, der Mitwisser meines Leids geworden, aber zugleich Erlöser sein kann. Eures Königs Schuld liegt vor Euch. Ihr habt in einem — darf ich sagen seligen? — Augenblick ein Bild gesehen, das sonst Sterblichen verwehrt ist. Euer König hat sich eines Gefühls begeben, er hat Wunden aufgerissen, die ihn schmerzten. Habt Ihr, Graf, jetzt noch den Mut, Euern Ehrgeiz höher zu stellen als Eure Herzenspflicht?“ Der König sah den Granden durchdringend an.
Don Pedro de Solar sah zu Boden. Er ward zum Zeugen königlicher Reue gemacht. Doch in der Schwäche seines Herrn wurde er selbst stark. Er stand als der Tugendhaftere und deshalb Beneidete vor ihm. Durfte er sich also erniedrigen und eine Hand erfassen, die trotz der Königsliebe unrein war? Die weggeworfene Frucht, wenn sie auch einen König erfrischt hatte, als eine unversehrte hinnehmen? Durfte er Tröster eines weiblichen Herzens werden, das seine Weiblichkeit zerbrochen? Kein Kuß mehr wusch die Schmach der königlichen Umarmung weg. Es gab freilich Beispiele aus des Königs Pedro Zeiten, den Spanien den Grausamen hieß, Beispiele, die dem Ritter alle Bedenken zerstreuen konnten, Beispiele ähnlicher Händel, die doch nicht entwürdigt und die Händler sogar vor aller Welt ausgezeichnet hatten. Aber wer sicherte sie vor dem Fluch der Nachwelt? Und was galten sie vor dem Stolz des kastilischen Edelmannes? Der Graf besann sich nicht lang. „Ihr wollt verschenken, was neben der Königin Euch am teuersten war? Darf ich wagen, Euch zu bitten, Königliche Hoheit, einen andern zu beglücken?“
Des Königs Blick schoß Zorn auf den Ritter. „Und wenn ich Euch zwänge?“
„So müßte ich der Welt wissen lassen, wie sich der König seiner Ritter bedient, um Liebesschulden aus seinem Leben zu tilgen. O meine Königliche Hoheit, ich fühle die Bedrängnis dieses hohen Herzens, doch — Ihr könnt keinen Ungeschickteren wählen. Ich bin hart, streng, versteh es nicht, auf den weichen Saiten einer Frauenseele zu spielen, mein Sinn ist unstet, drängt nach Mannestat. Ich schwöre es, keinem Menschen anzudeuten, was diese Stunde mir geoffenbart.“
„Bei Gott und Santiago — das traf!“ sagte der König klanglos. „Doña Leonore wird das Herz brechen.“
„Sie weiß — von dieser Stunde —?“
Fernando nickte.
„O Gott — die Briefe — Verse —?“
Abermals nickte der König. „Behandelt sie mit größter Achtung, wenn Ihr jetzt zu ihr geht.“
„Ich soll —?“ erschrak Don Pedro de Solar.
„Dies wenigstens werdet Ihr mir nicht versagen,“ bat der König ernst. Er wies nach einer kleinen Tür. „Hier kommt Ihr auf einen andern Korridor. Im ersten Zimmer rechts wartet jemand auf Euch, der Euch die andre Hälfte dieses Apfels weisen wird.“ Der König nahm von einer Fruchtschale die Hälfte eines rotbackigen Apfels. „Es ist ein Zeichen des Verständnisses.“
„Der Gang ist schwer für mich. Doch mein König befiehlt.“ Der Graf verneigte sich und ging. An der Tür hielt ihn der König auf. „Noch eins: Ihr dürft nach Hispaniola segeln.“
„Oh, wie soll ich danken — die unverdiente Gnade —“
„Es ist nur Vorsicht, nicht Gnade. Wir wollen nicht gern dem Menschen in die Augen sehen, der uns schwach erkannt. Geht.“
Don Pedro de Solar stand in einem kleinen Korridor. Er überlegte. Sollte er wirklich mit dem Weibe fertig werden, das so seltsam um ihn warb? Aber er sah ein, daß es ihm ziemte, der Dame, die er verschmäht, Gründe anzugeben, ohne sie zu beleidigen. Doña Leonore hatte Anspruch auf dieselbe Wahrheit, wie sie der König bekommen hatte. Mit klopfendem Herzen näherte er sich der Tür, die halb offen stand. Er wurde also erwartet. Im nächsten Augenblick rieselten ihm süße Schauer durchs Mark.