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Granada in Flammen

Chapter 9: Siebentes Kapitel
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About This Book

Die Erzählung schildert das Leben maurischer Flüchtlinge und Hirten in den Alpujarras nach dem Verlust von Granada, verbindet schroffe Natur- und Klimaelemte mit alltäglichen Details wie Herdenpflege und kargen Behausungen. Im Fokus stehen persönliche Beziehungen, die Sehnsucht nach einer Rückkehr und die religiösen und kulturellen Traditionen, die Gemeinschaft zusammenhalten. Lebhafte Landschaftsbeschreibungen wechseln mit Momenten innerer Erinnerung, Hoffen und praktischer Fürsorge, während Figuren Armut, Treue zu Gebräuchen und die Hoffnung auf politische Wiederkehr abwägen.

Siebentes Kapitel

Der Graf neigte sein Haupt vor dem Antlitz der schönsten Sünderin. Wieder stand er inmitten dieses sinnverwirrenden maurischen Mosaiks, aus dem der Duft weicher Frauenkörper, der Liebesatem schwelgerischer Favoritinnen zu gehen schien. Dieses System von buntfarbigen Ornamentnetzen war wie eine Falle, in der sich Liebende verfangen sollten. Dazu stimmte auch das geheimnisvolle Licht, das aus mattgläsernen Kugeln aus der Decke brach, und das lebende Bild, das der Graf jetzt mit den Augen trank.

Doña Leonore de Uceda lag mit gespielter Lässigkeit im Polstergestühl hingestreckt. Sie hatte nicht die dunkle Schönheit andalusischer Frauen mit dem kelto-iberischen Einschlag, wie man sie in den Straßen Granadas bewundern konnte. Es überwog in ihr entweder gotisches oder baskisches Blut, das der Haut eine hellere Färbung, dem Haar die goldene Blondheit verlieh, die so seltsam von dem dunklen Reiz der Spanierin abstach. Und doch erinnerte wieder der Gesichtsschnitt und das Feuer in den tiefschwarzen Augen an die Eigenart der Malagueña, die hohe elfenbeinerne Stirn voll Stolz und Eigensinn an die Andalusierin schlechtweg, während die etwas derb geschwungenen Lippen die Sinnlichkeit der Morgenländerin zu verraten schienen. Auf jeden Fall hatte die Gemischtheit des Blutes sie zu einem der reizvollsten Geschöpfe gemacht.

Ein sinnbestrickender Duft strömte von ihr aus, doch weder Kohol noch Henna waren auf ihrer Haut zu entdecken. Das Haar lag in einem von Perlen durchflochtnen Netz gefangen, drang widerspenstig aus den Maschen und ringelte sich über Stirn und Nacken. Rosen flammten an den Schläfen, aber mehr noch brannten diese zwei unruhvollen Augen, für die die spielenden seidenen Wimpern keinen Schutz bieten konnten. Rätselhaft schien auch die Stirn, unter der ebenso Gedanken heftiger Liebe wie Pläne tödlichen Hasses umgehen konnten. Über die zarten Wölbungen der Brüste schwang Doña Leonore jetzt lässig den goldgestickten Fächer und schob den Scharlachmantel über den Schultern zurecht. Als sie die ernst gespannten Augen des Ritters sah, ahnte sie Unheil.

„Don Pedro de Solar?“ Sie spielte frohes Erstaunen. „Ich bin verwirrt — in der Tat — das hätte ich am wenigsten erwartet.“

„Es ist an mir, verwirrt zu sein,“ stammelte Graf de Mora.

Ihre Augen labten sich an dem Bild eines wahrhaftigen Mannes. Keine dreißig Jahre gab sie ihm. Die Wohlgewachsenheit, das schwermütige Auge, die edle Stirn, die festgeschlossenen Lippen und die stattliche Haltung waren Eigenschaften, die ein liebebegieriges Weib entflammen konnten. Sie addierte in Gedanken den reichen Haushalt hinzu, der in Mora zurückgeblieben war, wo Don Pedros Mutter wirtschaftete, den kleinen Hofstaat von Offizianten, Kaplänen, Rechtsfreunden, Sekretären und Hausmeistern, und dies alles zusammen gab eine kostbare Zukunft und verschönte die äußere Stattlichkeit des Ritters. Und für diesen Mann sollte das Wort Frau nicht geschaffen sein? Das Gerücht machte ihn noch fesselnder.

„Don Pedro, es ist das erstemal, daß ich Euch unter vier Augen spreche. Ihr gabt mir bisher nur Worte förmlicher Höflichkeit. Ich gestehe, ich möchte von Euch anders behandelt werden.“ Sie ließ ihre Augen spielen, deren gefährliche Wirkung sie wohl kannte.

„Und — wie wollt Ihr — behandelt werden?“ fragte Mora, langsam zu sich kommend.

„Ihr seid bei Frauen ungeübt, erzählt man sich. Aber man sagt auch, daß sich Euch Frauen ohne Gefahr nähern dürfen. Denn Ihr liebt nur eine an Eurer Seite: die Tizonada des Cid, den Degen.“

„Es ist bei mir wirklich keine Gefahr,“ sagte der Graf befangen.

„Es ist Gefahr,“ widersprach sie mit Betonung. „Setzt Euch, Ritter.“

Aber der Graf blieb stehen. „Verzeiht, Doña Leonore, wer in Gefahr ist, muß sich nicht häuslich niederlassen wollen. Ich bin bei Euch in Gefahr.“

Sie sah mit einem bezaubernden Lächeln auf. „Wirklich? Und Ihr als Kämpfer, Ritter, Soldat fürchtet sie? Ich dachte, Ihr schätzt mich als Freundin ein.“

„Seid Ihr mir’s wirklich, Doña Leonore?“ Er sah fest in die verführerischen Augen.

„Was habt Ihr mir zu sagen?“ fragte sie aus einer gespielten Unruhe heraus.

„Habt Ihr mir nichts zu sagen?“ drängte sein Herz nach einem Ende, kaum daß ein Anfang gemacht war.

„Nicht viel mehr, als daß ich Euch schätze, Graf.“

„Und dazu diese — Apfelhälfte?“ Er wies auf die Fruchtschale.

Doña Leonore fuhr empor. Ihr Kleid rauschte, das Perlennetz klirrte, Erregung strömte aus dem zitternden Körper. „Don Pedro — versteht Ihr so wenig, zart zu sein? Ich höre nicht gern unbesonnene Worte. Ihr wart beim König.“

„So wißt Ihr alles.“

Ihr so leicht zum Spott geneigter Mund verzog sich launenhaft. „Und das ist, was Ihr mir zu sagen habt?“

„Und daß sich der Mann glücklich schätzen müßte, der so viel Schönheit sein eigen nennen soll.“

„Und das sagt Ihr mit einer Leichenbittermiene, die eine Frau zum Rasen bringen müßte, wenn ihr viel daran gelegen wäre.“

„Nun denn — ich beneide den — König.“

Leonore de Uceda floh vor dieser Aufrichtigkeit in den dunkelsten Winkel des Gemaches, wo das helle Muster einer maurischen Vase schimmerte. Ihre Brust ging hoch. Einen Augenblick schwieg sie, dann bebten ihre Lippen: „Ihr habt mir weh getan, Graf. Ich bewundere Eure Verwegenheit. Wenn ich dies dem König sage, könnte es geschehen, daß man die Wache ruft.“

„Der spanische Adel erfreut sich besonderer Freiheiten seit altersher.“

„Die aber nicht so weit gehen können, eine Dame zu verletzen.“

„Doña Leonore — ich schätze Euch — den König, aber ich kann nichts tun, um Euch — glücklich zu machen. Ihr wollt doch den Himmel haben, wie schmerzlich wäre die Erkenntnis, daß Ihr Euch einer Hölle verschrieben habt.“

Da barg Doña Leonore das Haupt an dem Rand der Vase. Durch ihren Leib zuckte das erstickte Schluchzen des verletzten Stolzes.

Der Graf trat bestürzt heran. „O Doña Leonore — es ist ein Unwürdiger, um den Ihr weint. Eure Schönheit verdient bessere Bewahrer, als ich es sein könnte.“

„Die Grausamkeit hätte ich in diesem Antlitz nie gelesen. Geht!“ Ihre sinnlichen Lippen preßten sich beleidigt zusammen.

„Das Opfer ehre den Opfernden. Bringt es um Eurer selbst willen.“

„Tor! Diese Größe bei einer Liebenden vorauszusetzen! Ich liebe Euch! Hört Ihr es? Und ich will nicht um meine Liebe betrogen sein.“ Sie erhob das verweinte Gesicht. „Don Pedro, glaubt Ihr, daß verletzter Stolz, beleidigte Ehre diese Stunde vergessen werden? O mein Traum, genährt an dem Stolz des Mannes, der mir der begehrenswerteste schien! Verwandelte Welt! Eine Frau muß schwärmen, wo sonst Männer vor ihr in Entzücken gerieten und ein König um ihr Herz warb. Soll ich mich in den Duft arabischer Spezereien hüllen, um Euch zu reizen? Soll ich Masken der Gefallsucht aufsetzen? Mit billigen Worten spielen? Ich liebe — liebe Euch, Don Pedro! Da liegt mein Frauenstolz, Ihr könnt mich verachten, aber Ihr könnt es nicht ändern.“

Der Graf war bestürzt über die Maßlosigkeit der Leidenschaft und der Gebärde. Ihre Gestalt lag auf den Polstern des Diwans, das Kleid hatte sich etwas verschoben, die nackten Schultern blühten wie Lilien hervor. „Was soll ich tun, um diese Liebe in Euch zu ersticken?“

„Nie sollt Ihr das! Anfachen sollt Ihr sie mit dem Sturmhauch Eurer Liebe! Ein dunkler Himmel lag für mich über Granada. Der König konnte ihn nicht hellen. Ich hatte Euch gesehen, und ich las in Euren Augen das Ärgste, was ein Weib in des Liebsten Augen lesen kann: Gleichgültigkeit. Oh, wenn es wenigstens Stolz gewesen wäre! Nicht einmal ein flüchtiger Sonnenschein war ich für Euch, meine Schönheit blühte vergebens, mein Herz schlug in Wildheit, und Ihr rittet an mir vorbei mit einem Blick, der Tote begrub. Vielleicht, sagte ich mir, hat dieses abgemessene Betragen ein klügelnder Verstand geboren, nicht das Herz. Er verstellt sich, ist nicht so, wie er sich gibt. Mir mit solchem Hochmut zu begegnen! Das war nicht Gleichgültigkeit mehr, das war Verachtung! Jeder Blick von Euch!“

„Gott weiß es, das war es nicht! Ihr tut mir unrecht. Man muß doch eine Frau nicht verachten, die nicht zu lieben man das Unglück hat.“

Doña Leonore warf ihren Leib mit einem leisen Schrei zurück. „Da ist’s heraus! Oh, daß diese Ehrlichkeit mir den Rest geben muß!“ Und sie zog die Hand Don Pedros, der sich ihr gerührt genähert hatte, an ihre Brust. „Nur diesen Abschied nicht, um aller Heiligen willen! Nicht diesen erbarmungslosen Abschied! Mein Stolz könnte ihn nicht ertragen. Verzeiht mir das kindliche Werben, meine Verse, mein Bitten beim König, mich diesem, diesem Manne zu geben. Oh, ich hätte, da Ihr mein geworden wäret, die Sünden der Vergangenheit mit einem unerschöpflichen Born von Liebe getilgt. Aber das soll nicht sein. Ich hätte es Euch so leicht gemacht, mich zu lieben. Nun müßt Ihr mich wahrlich verachten.“ Wie heiße Lava ergoß es sich aus ihren Augen.

Don Pedro de Solar warf das innigste Mitleid zu ihren Füßen hin. „O Gott — verzeiht mir — Eure Schönheit — ich will — gebt mir Bedenkzeit —“

Sie fuhr beleidigt empor. „Ein Weib wie mich —? Nicht stürmen wollen? Ich trage Euch die Liebe auf den Händen entgegen, und Ihr — o begreift Ihr nicht, daß dieses Bedenken eine Mißhandlung meines Herzens ist? Diese Schmach richte der König!“

Der Graf sprang auf. „Ich komme von ihm. Er weiß alles.“

„Und er?“ Ihre Blicke durchstachen ihn.

„Ich darf nach Hispaniola segeln.“

Da senkte Doña Leonore das Haupt. „Das bricht meinen Stolz,“ sagte sie leise, wie in Wehmut aufgelöst. „Ich ahne nun alles. Ihr liebt eine andre.“

Der Graf schüttelte das Haupt. „Ich liebe kein Weib. Der Verdacht ist begreiflich. Aber dann wäre es mir leicht, Euch auszuschlagen.“

„Was also gefällt Euch nicht an mir?“ Sie ließ mit wollüstigem Begehren die Lippen halbgeöffnet spielen. Durch das Netz der Mantilla schimmerte die wogende elfenbeinerne Haut.

„Ich bin für ein Weib nicht geschaffen. Und wenn Ihr der himmlische Engel selbst wäret —“

„Und das sagt dieser, den die schenkende Natur mit allen Vorzügen des Geistes und des Körpers gebildet! Quäler, besinne dich, ehe ich mich entschließe, auf dich zu verzichten.“ Ihr Auge schillerte in schwärzlichgrünen Lichtern, und der Graf mußte unwillkürlich an die Schlange denken, die ihre Opfer vor dem Anfall bestarrt.

„Laßt die Zeit Helfer sein. In den nächsten Tagen schiffe ich mich ein — Hispaniola soll —“

„Unselig Land, das uns die Besten weglockt! Verflucht sei Kolumbus, der uns Frauen arm macht!“

„Das Leben unter einer andern Sonne muß schön sein. Hier drückt die Luft, zermürbt der soldatische Gehorsam den Menschen. Ich möchte aus der Schule der Manneszucht endlich ins Leben selbst übergehen.“

„Leben ohne Frauenliebe?“ Ihr Wollustatem stöhnte leise zwischen den Zähnen, und sie zerrte an der rosafarbenen Schleife über dem Busen.

„Vielleicht bleibt mir das kostbare Geschenk Liebe für eine Zeit aufbewahrt, da ich es besser zu schätzen weiß.“

Verlangen und Scham kämpften in ihren letzten fordernden Blicken. „Mein Blühen währt nicht ewig. Verwelkte Blumen wird ein Graf de Mora nicht einmal mehr bemitleiden können, wenn er die Kraft nicht hat, die blühenden zu lieben. Verflucht seien meine Reize, wenn sie so machtlos sind.“ Sie sprang auf. „Ihr habt mich würdelos gesehen. Eine Frau vergißt das nicht. Eure Augen waren die Zauberformel für mein Unglück, aber ich werde diese Augen zu vergessen suchen. Weh Euch, wenn ich’s nicht vermag oder wenn ich dahinter komme, daß Euch andre Gründe, verschwiegenere, bestimmten — Gründe des gebundenen Herzens —“

Graf de Mora lachte auf. „Dann kann ich sicher ruhen. Ich liebe kein Weib. Bin ich entlassen?“

Ihre Augen wichen ihm aus. Aber sie gab den Kampf um ihn auf. Mora wollte in einer Aufwallung zärtlichsten Mitleids ihre Hand ergreifen. Sie entzog sie ihm. „Mögt Ihr nie bereuen, diese Stunde so geendet zu haben. Lebt wohl!“

Hinter dem Grafen schloß sich die Tür. Leonore wankte nach einem Sessel. Sie hatte das Gefühl eines fürchterlichen Erwachens. Sie, die eines Königs Liebe besessen, hatte würdelos um eines Mannes Liebe gerungen. Wo war ihr Stolz im chaotischen Sturm der Sinne geblieben? Und doch fühlte sie, daß nur der innerliche Schrei des Tiers, das Aufzucken wilder Mächte in ihr, die ererbte Begierde, die nach dem Manne schlechtweg fieberte, diese Stunde herbeigeführt hatte. Der unersättliche Trieb der Malagueñas loderte in ihr, der im Lande sprichwörtlich war. Man sagte den Frauen aus Malaga nach, sie hätten vom Meer die Wildheit und Wandelbarkeit gelernt. Doña Leonore empfand es als eine Schmach, daß dieser Ritter gegen sich und sie ankämpfte. Dann blieb ihr nur eines mehr: zu hassen, wo sie nicht lieben konnte. Es war der selbstverständliche Schluß ihres weiblichen Gefühls, den ihr Verstand unterschrieb.

Sie ordnete ihr Haar, trocknete die verweinten Augen, salbte ihre geröteten Wangen und wurde wieder eitel. Sie mußte zum König. Aber sie mußte als Stümperin vor seine Augen treten. Der König hatte sich in der Macht ihrer Reize verrechnet. Er würde sie wohl auf eine andre Weise zärtlich verabschieden. Tröstungen der Einsamkeit — die Franziskanerinnen von Santa Isabella haben schöne Gärten — und Kastanienwälder —. Sie schauerte zusammen. Und plötzlich überfiel sie der Gedanke an den Mann, der einst ihre Kleinheit aus dem Schatten zur Größe gehoben hatte: Pater Leon. Sie wollte den halbvergessenen Dominikaner um die Entwirrung ihrer Liebesfrage angehen. Er hatte mehr als ihr Herz in ihrem Leib gesehen. Und ihm verdankte sie die Nächte in einem Königsbett.