Einleitung.
1. Die Stellung der Logik im System der Philosophie.
Was Philosophie ist, was Philosophie soll, darauf gibt es fast ebenso viele Antworten, wie es Philosophen gegeben hat. Wer die Geschichte der Philosophie aufmerksam durchgeht, von den Tagen der Griechen bis auf die neueste Zeit, der steht wohl staunend vor der bunten Mannigfaltigkeit von Auffassungen, die Wesen und Zweck des philosophischen Denkens im Laufe der Jahrhunderte gefunden hat.
Nur der oberflächliche Betrachter vermag aus dieser Tatsache einen Einwand gegen die Existenzberechtigung der Philosophie herzuleiten. Es sind erfahrungsgemäß nicht die unfruchtbarsten Wissenschaften, die ihr spezielles Untersuchungsgebiet, den ihnen eigenen Standpunkt der Betrachtung und die dazu gehörige Methode erst spät finden; und alle Wege zur wahren Einsicht führen über Irrtümer und Täuschungen.
Dennoch gibt es heutzutage eine Anzahl Forscher, meist Vertreter der Naturwissenschaften, die der Philosophie mit mehr oder minder offen eingestandener Mißachtung gegenüberstehen und ihr den Rang einer Wissenschaft aberkennen wollen. Sehr zu Unrecht! Denn wer so denkt, übersieht ganz und gar die eigentümliche Stellung, welche die Philosophie bisher in der Geschichte der Wissenschaften eingenommen, und die außerordentlichen Leistungen, die sie für Ursprung und Fortschritt der wissenschaftlichen Erkenntnis vollzogen hat. Gerade die Philosophie ist es (die Geschichte bietet dafür die bündigsten Beweise), die fast alle anderen Wissenschaften, insbesondere die von der äußeren Natur, gewissermaßen geboren und an ihrer Mutterbrust großgezogen hat. Zur Zeit des Aristoteles, des größten Forschers des Altertums, gibt es nur eine Wissenschaft, die Philosophie, und alle besonderen Erkenntnisse sind Zweige und Äste dieser einen. Dieselbe Auffassung findet sich der Hauptsache nach auch noch zu Anfang der Blütezeit der neueren Philosophie, im 17. Jahrhundert, bei Bacon, bei Gassendi, Hobbes und Descartes, nur daß hier bereits Wissenschaften wie die Theologie und Mathematik sich zum Teil emanzipiert haben, und die Philosophie selbst sich in einzelne Disziplinen zu sondern beginnt, wie Hobbes z. B. eine „philosophia naturalis“ und „philosophia civilis“ (Natur- und Bürgerphilosophie) unterscheidet, und wenig später in der englischen Philosophie des 18. Jahrhunderts (mit den Bezeichnungen „natural philosophy“ und „moral philosophy“) die Scheidung in die Philosophie des Geistes und der Natur aufkommt. Nennt doch auch selbst Newton sein großes wissenschaftliches Hauptwerk noch „philosophiae naturalis principia mathematica“ (Mathematische Prinzipien der Naturphilosophie, erschienen im Jahre 1687). Das 18. und das 19. Jahrhundert sind die Epochen der Differenzierung der Wissenschaften, d. h. der allmählichen Loslösung der Einzeldisziplinen von ihrem philosophischen Mutterboden, und zugleich Blütezeiten philosophischer Arbeit. Und gerade jetzt, in unseren Jahrzehnten, erleben wir wieder das Schauspiel, daß Wissenschaften, die bereits als Teile philosophischer Erkenntnis eine jahrhundertelange Geschichte aufweisen, nun sie genügende Reife erlangt haben, sich aus dem Schoße der Philosophie entfernen und zu selbständigen Forschungen heranwachsen: die Psychologie und die Ästhetik.
Diese allmähliche fortschreitende Absonderung philosophischer Disziplinen von ihrer Mutterwissenschaft ist nun freilich nicht einer völligen Trennung gleich zu erachten, dergestalt, daß die Philosophie, nachdem sie alle ihre Zweige und Äste zu selbständigen Einzelwissenschaften erhoben hätte, zuletzt selbst gleichsam leer und ohne Gegenstand ausginge. Vielmehr bleibt zwischen der Philosophie und den Einzelforschungen ein eigentümliches Verhältnis derart bestehen, daß die Philosophie die Einzelwissenschaften zwar nicht ihrem Inhalt, wohl aber ihrer Form nach als Objekte der Forschung beibehält. Die Philosophie als Mutter aller wissenschaftlichen Erkenntnis ist in ihrem theoretischen Teil zugleich Wissenschaft aller wissenschaftlichen Erkenntnis. Ihre Gegenstände sind das wissenschaftliche Denken und Erkennen, das wissenschaftliche Untersuchungs- und Begründungsverfahren schlechthin, kurzum das geistige Instrument, dessen sich der Forscher in seinem Wirken bedient, das er selbst aber als gegeben hinnimmt und zumeist nach Bestand und Voraussetzungen ununtersucht läßt.
Alle Wissenschaften bedürfen, um zu Resultaten zu kommen, als Mittel dazu des Denkens und des Erkennens. Ist die Philosophie Wissenschaft der wissenschaftlichen Verfahrungsweisen, so ist sie damit Wissenschaft vom Denken und Erkennen. Nun aber sind das Erkennen und Denken bereits Gegenstände einer anderen Wissenschaft, der Psychologie, die diese wie alle anderen psychischen Vorgänge nach ihrem Bestande und Verlaufe analysiert und ihre gesetzlichen Beziehungen untereinander sowie zu den physiologischen Korrelaten festzustellen sucht. Wozu bedarf es außerdem noch einer Philosophie, die das Denken und Erkennen zum Gegenstande besonderer Forschung macht?
Dieser naheliegende Einwand löst sich sofort, wenn wir den Begriff der Philosophie auf eine genauere Formel bringen, als es bisher geschehen ist. Philosophie ist (nach ihrem theoretischen Teile betrachtet) nicht schlechthin die Wissenschaft vom Erkennen und Denken. Sie untersucht diese nicht wie die Psychologie auf die tatsächlichen Elemente ihres Aufbaues; sie ist vielmehr die Wissenschaft von den im Denken und Erkennen immanent liegenden allgemeinen Regeln und Gesetzen, die allem speziellen Denken und Erkennen Gesetz und Regel vorschreiben. Diese allgemeinen Gesetze und Regeln bleiben in den sogenannten positiven Einzelwissenschaften ununtersucht; sie gelten als selbstverständliche und darum unerörtert gelassene Voraussetzungen aller Wissenschaft. Solcher Voraussetzungen gibt es zweierlei Art: Voraussetzungen des Erkennens und des Denkens. Voraussetzungen des Erkennens sind z. B. die Annahme einer vom Wahrnehmen unabhängig-realen Welt von Körpern, die Annahme der objektiven Realität und Dreidimensionalität des Raumes, der Gültigkeit der Anwendung von Zeit, Zahl und Kausalbegriff auf die als real vorausgesetzte Körperwelt u. a. m.; wir nennen diese mit B. Erdmann (Logik I2, S. 18) materiale Voraussetzungen der Wissenschaft. Voraussetzungen des Denkens sind die Annahme der absoluten Allgemeingültigkeit der Formen unseres Urteilens und Schließens und deren ungeprüfte Anwendung in den Methoden der Wissenschaften; wir nennen diese — im Gegensatz zu den materialen — formale Voraussetzungen der Wissenschaft. Entsprechend dieser Unterscheidung zerfällt die Philosophie (wenn wir, wie es hier geschehen ist, sie nur in ihrem theoretischen Teile betrachten) in zwei Hauptdisziplinen: sie ist, wo sie die materialen Voraussetzungen untersucht, Wissenschaft von der Erkenntnis oder Erkenntnislehre; wo sie die formalen Voraussetzungen prüft, Wissenschaft vom Denken oder Logik.
2. Über Begriff, Aufgabe und Einteilung der Logik.
Betrachten wir das an die Funktionen der Sprache geknüpfte Denken nicht nach seinem Ursprunge und Verlaufe, sondern nach seinen gedanklichen Ergebnissen, den Urteilen und Fragen, so können wir an allem Gedachten unterscheiden zwischen der Materie (Stoff, Inhalt), welche gedacht, und der Form, in der das Gedachte uns zum geistigen Eigentum wird. Um das an einem Beispiel zu erläutern: Nehmen wir die Urteile: „Friedrich der Große regierte 6 Jahre länger als Maria Theresia; Das spezifische Gewicht des Wismuts ist in flüssigem Aggregatzustande höher als in festem; Die Lichtstrahlen pflanzen sich in der Luft im allgemeinen ungefähr eine Million mal so schnell fort wie die Schallwellen“, so ist leicht zu ersehen, daß diese drei zwar einen verschiedenen Inhalt, aber die gleiche Form haben. Sie sind sogenannte „quantitative Relationsurteile“, deren logisches Prädikat (P) das logische Subjekt (S) in ein bestimmtes Größen- oder Maßverhältnis zu einem im Prädikat bezeichneten Vergleichs- oder Beziehungsobjekt rückt. Und doch ist das eine dem Bestande der Geschichte, das andere dem Bestande der Chemie und das dritte dem der Physik entnommen. Geringe Überlegung lehrt demnach, daß das Denken zwar über unendlich viele verschiedene Stoffe, aber nur über relativ wenige Formen verfügt, in denen es diese gedanklich fixiert. Es dürfte daher ganz treffend sein, das Denken etwa mit einer Art Münze zu vergleichen, in der die verschiedensten Metalle in verhältnismäßig wenigen festen Formen geprägt werden.
Wäre die Logik schlechthin die Wissenschaft vom Denken, untersuchte sie also sowohl den Inhalt des Denkens wie dessen Formen, so müßte sie offenbar dem Inbegriff aller Wissenschaften identisch sein. Mit anderen Worten: sie wäre eine Art Universalwissenschaft, und der Logiker müßte, wollte er zu Werke gehen, vorerst die Ergebnisse aller bisherigen wissenschaftlichen Arbeit beherrschen. Damit aber wäre sie eine überflüssige und fruchtlose Betätigung, abgesehen davon, daß sie in diesem Sinne ein für den Einzelmenschen unmögliches Unterfangen darstellte. Gegenstand der logischen Untersuchung ist nach dem Gesagten aber nicht der Inhalt des Denkens, sondern dessen Form. Die Logik ist mithin die Wissenschaft von den Formen des Denkens, also eine formale Wissenschaft. Das ist sie aber nicht in dem Sinne, in dem Kant sie definierte, daß sie nämlich von allem und jedem Inhalt des Denkens schlechthin abstrahiere. Form und Materie sind nur in bedingtem Maße voneinander zu trennen; denn wie die Form nicht ohne Inhalt, so ist der Inhalt nicht ohne Form möglich. Beide bedingen und ergänzen einander dergestalt, daß der Inhalt sich die Form schafft, und die Form wiederum dem Inhalt das logische Gepräge gibt. Die Logik kann also — obschon eine formale Wissenschaft — nur von allem besonderen und bestimmten Inhalte abstrahieren, nicht aber vom Inhalte des Denkens überhaupt und im allgemeinen (vgl. Drobisch, Neue Darstellung der Logik, 1863, § 5). — Die Formen des Denkens sind es, die diesem — gegenüber seinen mannigfachen Materien — einen festen, gesetzlichen Charakter verleihen. Sie sind das Stetige im Flusse; der ruhende Punkt in der Erscheinungen Flucht; das Beharrende, Bleibende und Unveränderliche des Denkprozesses gegenüber dem wechselvollen Inhalte unserer Gedanken. Sie bilden mithin Gesetz und Regel des Denkens. Ist der Inhalt dasjenige, was wir denken, so die Form das, wie wir denken. Und diese Formen festzustellen, in den einfachsten wie in den kompliziertesten Denkprozessen, ihre Beziehungen zueinander, die Bedingungen ihrer Gültigkeit sowie ihre Bedeutung und ihren Wert speziell für die wissenschaftliche Forschung — das ist die Aufgabe, die die logische Untersuchung des Denkens zu leisten hat. Danach ist die Logik — als die Wissenschaft von den Formen des Denkens — zugleich die Wissenschaft von den Gesetzen des Denkens.
Mit dem Gesagten ist die Begriffsbestimmung der Logik noch nicht erschöpft. Als Wissenschaft von den Formen (und dementsprechend von den Gesetzen) des Denkens ist die Logik eine Disziplin, welche ihren Gegenstand in der Erfahrung vorfindet, ihn dort analysiert und auf Grund der Ergebnisse dieser Analyse durch synthetisches Fortschreiten zu den von ihr gesuchten Resultaten gelangt. Mit der Erreichung dieses Zieles sind die Aufgaben, die der Logik gestellt sind, erfüllt. Diese Auffassung widerspricht nun einer weitverbreiteten Annahme, der zufolge die Logik nicht bloß eine feststellende, sondern vielmehr eine lehrende (normative) Disziplin sei. Nach dieser bestehe ihre Aufgabe darin, dem ungeübten Denker wahres und falsches Denken zum Bewußtsein zu bringen und ihn darüber zu unterrichten, wie man beides unterscheide und zu sicheren Resultaten im Denken gelange. Vornehmlich die deutschen Logiker des 18. Jahrhunderts, (so Christian Wolff und seine Schüler), haben diese Definition mit aller Entschiedenheit zum Ausdruck gebracht und demzufolge die Logik als eine „Vernunft-lehre“, „Vernunft-kunst“ oder auch geradezu als „Kunst-lehre“ (Schule) des Denkens bezeichnet. — In dieser Aufgabebestimmung steckt gewiß insofern ein richtiger Kern, als die Logik — mehr vielleicht denn andere Wissenschaften — die Eigenschaft hat, die Fähigkeit des Denkens bei dem, der sich mit ihr beschäftigt, zu schärfen. Ob sie indessen in dieser Hinsicht mehr zu leisten vermag als die Mathematik, ist zum mindesten sehr zweifelhaft. Und es wird gewiß keinem einfallen, etwa die Mathematik wegen ihrer das formale Denken fördernden Wirkungen eine normative Wissenschaft zu nennen. Der normative Charakter der Logik wird damit im Prinzip zugestanden; aber dieses Zugeständnis geht nicht weiter als bis zu der Behauptung, daß die Logik ihrem Wesen nach zunächst eine feststellende Wissenschaft sei; und daß ihre Eigenschaft, darüber hinaus noch die Fähigkeit des Denkens zu stärken, nicht die Erfüllung einer ihrer unmittelbaren Aufgaben, sondern nur einen aus ihrem Wesen resultierenden Nebenerfolg darstellt.
Um Begriff und Aufgabe der Logik noch genauer zu kennzeichnen, ist es zweckmäßig, ihr Verhältnis zur Erkenntnistheorie, zur Psychologie des Denkens und zur Grammatik kurz zu beleuchten. Die Erkenntnistheorie untersucht, wie oben gesagt, die allgemeinen, von den Einzelwissenschaften ununtersucht gelassenen Voraussetzungen des Erkennens, ihrem Wesen nach die materialen; die Logik die von den Wissenschaften ungeprüften Voraussetzungen des Denkens, ihrem Wesen nach die formalen. Was sind nun Erkennen und Denken, und wie verhalten sie sich zueinander? — „Erkennen“ bezeichnet im logischen Sinne den Inbegriff derjenigen Vorgänge, durch die ein Bestandteil des Bewußtseins als Gegenstand erfaßt wird. Einen Bewußtseinsbestandteil als Gegenstand erfassen heißt aber: ihn nach seinem wesentlichen Inhalt bestimmen als das, was er ist, und ihn als von seinem Vorgestelltwerden unabhängig wirklich voraussetzen. Nun ist ersichtlich, daß sowohl das „nach seinem Inhalt bestimmen“ wie das „als unabhängig wirklich voraussetzen“ Funktionen sind, die Urteilscharakter tragen. Da ferner alles Denken ein Urteilen ist, und danach das Erkennen selbst eine — und zwar komplizierte — Form des Denkens bildet, so sind die Voraussetzungen des Denkens (die formalen) auch zugleich mittelbare Voraussetzungen des Erkennens, die des Erkennens (die materialen) aber nicht solche des Denkens. Demzufolge ist die Logik als Grundwissenschaft der Philosophie zu bezeichnen, die der Erkenntnistheorie ihrem Wesen nach notwendig voranzugehen hat. (Über die Probleme der Erkenntnistheorie vergl. man August Messer, Einführung in die Erkenntnistheorie, Leipzig 1909.)
Die Psychologie des Denkens hat — wie bereits oben angedeutet — die Aufgabe, den Ursprung und Verlauf des Denkens nach seinen grundlegenden Elementen, deren Verhältnis zum Vorstellen, Sprechen und Fühlen sowie zu den physiologischen Korrelaten im Zentralnervensystem gesetzlich zu bestimmen. Sie betrachtet die Produkte des Denkens, also das Gedachte, nur insoweit, als sie festzustellen hat, in welcher Gestalt des Erlebens uns dieses zu Bewußtsein kommt, und in bezug auf etwaige emotionale oder physiologische Begleiterscheinungen. Eine abstrahierende Scheidung zwischen Form und Inhalt des Urteils kennt die Psychologie nicht: sie nimmt das Urteil als Ganzes und untersucht es als seelischen Vorgang auf seine Entstehung, auf seinen Bewußtseinsbestand, seine Korrelate, nicht aber auf seine Form im Unterschied von seinem Inhalt. Die Psychologie des Denkens fragt: Was geht in uns vor, wenn wir denken?; die Logik: wie, d. h. in welchen Formen denken wir? — Damit ist das Wesen der Psychologie des Denkens und der Logik genügend unterschieden; aber es fragt sich noch, wie sich der Logiker zu seiner Schwesterwissenschaft, der Psychologie des Denkens, zu stellen habe. Der Logiker ist kein Psychologiefeind. Je klarer und bewußter er die Aufgaben seiner Wissenschaft von denen der Psychologie zu scheiden weiß, mit um so größerem Nutzen für die eigene Forschung wird er sich der Psychologie hingeben und sich von ihr belehren lassen. Nur eine Vermengung muß beiden Wissenschaften Schaden bringen. Reinlich auseinandergehalten befruchten sie einander gegenseitig und fördern eine der anderen Bestand. Namentlich für den Logiker ist die Kenntnis der psychologischen Analyse des Denkens und Sprechens, speziell des Vorgangs der Begriffsbildung, der Abstraktion, der Urteils- und Schlußfunktionen ungemein wichtig, wenngleich es nicht unbedingt erforderlich ist, daß jeder Darstellung der Logik ein Abriß der Psychologie des Denkens vorhergeht. Andererseits ist auch die gänzliche Ausschaltung alles Psychologischen aus der Logik unzweckmäßig, weil die Erörterung psychologischer Tatsachen — als solche streng geschieden von den eigentlich logischen Fragen — das Verständnis der logischen Probleme in mancher Hinsicht fördert und hebt.
Das Verhältnis der Logik zur Grammatik kann hier nur im allgemeinen behandelt werden, da für eine genauere Betrachtung eine eingehendere Erörterung über das Verhältnis von Sprechen und Denken Voraussetzung wäre. Die Grammatik kann definiert werden als die Wissenschaft vom elementaren Aufbau der Sprachen. Als solche bildet sie den systematischen Teil der allgemeinen Sprachwissenschaft; sie untersucht die Laute, die Stämme und Wurzeln, die Flexionen, die Syntax der verschiedenen Sprachen auf ihren Bestand und vergleicht sie miteinander innerhalb eines und desselben Sprachstammes und mit anderen Sprachstämmen (allgemeine und vergleichende Grammatik). Demzufolge gibt es ebenso viele verschiedene Grammatiken wie es Sprachen gibt: eine Grammatik des Angelsächsischen ebenso wie eine des Althochdeutschen, des Hebräischen wie des Chinesischen. Daraus erhellt der Unterschied zwischen der Logik und der Grammatik: es gibt viele Grammatiken, ebenso viele wie Sprachen, aber nur eine Logik. In und vermittels welcher Sprache man auch denken und seine Gedanken zum Ausdruck bringen mag, die Formen des Denkens bleiben dieselben. Es ist für den logischen Aufbau eines Urteils gleich, ob man es in einer germanischen, romanischen, slawischen oder etwa gar in einer der mongolischen Sprachen formuliert, vorausgesetzt, daß in allen diesen Formulierungen derselbe Sinn zum Ausdruck gelangt. Das sprachliche Gewand des Denkens kann mithin wechseln, aber das Denken und seine Form selbst bleibt sich gleich. Damit ist erwiesen, daß die Logik nicht nur gänzlich verschieden, sondern auch gänzlich unabhängig von der Grammatik ist, wenngleich auch hier anregende Wechselbeziehungen zwischen beiden als in reichem Maße vorhanden zugegeben werden sollen.
Die übliche Einteilung der Logik richtet sich nach ihrem Begriff und ihrer Aufgabe. Als allgemeine Wissenschaft von den Formen des Denkens — des unwissenschaftlichen sowohl wie des wissenschaftlichen — ist sie eine Elementarlehre des Denkens überhaupt. Als solche untersucht sie dieses auf seine einfachsten formalen Elemente, als die sich ihr — nach einer zuerst von Petrus Ramus aufgestellten Einteilung — die verschiedenen Arten der Begriffe, Urteile und Schlußweisen ergeben. Als spezielle Wissenschaft von den methodischen Formen des wissenschaftlichen Denkens ist sie eine Methodenlehre der Wissenschaft; als solche untersucht sie, welche Anwendung und Bedeutung die in der Elementarlehre aufgezeigten Elemente in dem Verfahren der Wissenschaft haben, und analysiert den formalen Aufbau der wissenschaftlichen Methodik auf seine grundlegenden Faktoren, als die sie die verschiedenen Formen des wissenschaftlichen Untersuchungs- und des wissenschaftlichen Beweisverfahrens voneinander unterscheidet.
3. Die geschichtlichen Voraussetzungen der neueren Logik.
Die Logik als Wissenschaft ist eine Schöpfung des griechischen Geistes. Angelegt in den Spitzfindigkeiten des genialen Zenon aus Elea (um 500 v. Chr.) und in den dialektischen Streitigkeiten der Sophisten, die zuletzt eine allgemeingültige Wahrheit überhaupt leugnen und damit die Frage nach dem Wesen einer formell-richtigen Beweisführung im Gegensatz zu den beliebten Trug- und Fangschlüssen ihrer Zeit zum Problem erheben; vorbereitet ferner durch die Sokratisch-Platonischen Gespräche über das Wesen des Begriffs (λόγος), der Begriffsbestimmung und der Einteilung eines Begriffes, über das Wesen der Wissenschaft (ἐπιστήμη), das Verhältnis von Denken und Empfinden (νοεῖν; αἶσθησις, δόξα) sowie von Denken und wirklichem Sein (νοεῖν, εἶναι), findet die Logik in dem größten Forscher des Altertums, in Aristoteles, ihren Begründer und Meister.
Aristoteles (384-322 vor Chr.) ist der erste, der die Logik als wissenschaftliche Disziplin selbständig und ausführlich behandelt. Die Bezeichnungsart „Logik“ freilich rührt nicht von ihm her. Erst Spätere nennen die von ihm begründete und zunächst als Analytik bezeichnete Wissenschaft eine λογικὴ τέχνη (sprich: lŏgikḗe tĕ́chnēe), d. h. eine Kunst des Denkens oder Vernunftkunst; und zur Zeit Ciceros ist der Name „Logica“ bereits völlig üblich. Aristoteles selbst hat die von ihm zuerst erkannten logischen Probleme in einer Reihe von Schriften behandelt, die er je nach der Besonderheit ihres Inhalts als „Analytika protera und hystera“ (Erste und zweite Auflösungen), als „Topik“ (Beweislehre), als Schrift „über die Kategorien“ (Arten der Aussage) [Echtheit angezweifelt], als „sophistische Widerlegungen“ bezeichnet. Seine Schüler haben alle diese ihrem Gegenstande nach zusammengehörigen Schriften gesammelt und unter dem gemeinsamen Titel „Organon“ (Werkzeug; im Sinne eines Werkzeuges zur Erkenntnis der Wahrheit) vereinigt. — Im Mittelpunkt der Aristotelischen Logik steht die Frage nach den richtigen Formen des Beweises, also das Problem des gültigen Schlußverfahrens im Gegensatz zu den absichtlich-täuschenden Trug- und Fangschlüssen der Eristen und Sophisten. Diesen widmet er eine besonders gründliche Untersuchung, um die ihnen innewohnenden logischen Fehler aufzudecken und sie für immer zu entkräften. Im Gegensatz dazu stellt er drei grundlegende Arten des gültigen Beweisverfahrens auf, die sog. syllogistischen Figuren (οχήματα), die zeigen, wie man von allgemeingültigen Wahrheiten auf besondere Tatsachen schließen dürfe. Nur von hier aus und unter dem Gesichtspunkte dieses Problems behandelt Aristoteles auch die anderen uns heute geläufigen Probleme der Logik: die Fragen nach dem Wesen des Begriffs, nach Wesen und Arten der Urteile, die Fragen der Methodenlehre. Nichtsdestoweniger kommt er auch über diese zum Teil zu tiefgründigen Einsichten. Aristoteles bereits entwickelt Ansätze zu einer Kategorienlehre; er stellt den Satz des Widerspruches und den vom ausgeschlossenen Dritten auf; er berührt und erörtert das Problem der Induktion, die er „ἐπαγωγή“ (Ĕpagōgḗ) nennt; und er ist ebenso der erste, der das Wesen der Definition und Klassifikation einer tiefergreifenden Untersuchung unterzieht. Nur eines hat Aristoteles der Logik in ihrem Aufbau mitgegeben, das ihr in ihrer späteren Entwicklung verhängnisvoll werden sollte: d. i. die Vermengung der logischen mit der metaphysischen Fragestellung. Aristoteles nämlich betrachtet die Begriffe, in denen wir die Dinge denken, schlechthin als Abbilder des Wesens der Dinge, mithin die Formen und Gesetze des Denkens (Kategorien, Axiome) als die Formen und Gesetze des Seins. Damit hat Aristoteles, der Vater der formalen Logik, auch die sog. metaphysische Logik ins Leben gerufen und so zwar die Logik begründet, aber sie bereits von vornherein in ihrer eigenen Entwicklung gehemmt, wie denn ihre Befreiung von der Metaphysik erst einer späten Zeit unter schweren Kämpfen gelingen sollte.
Die Entwicklung der Logik nach Aristoteles im Altertum und Mittelalter zeitigt keine Ergebnisse von besonderer Bedeutung. Seine Schüler — Theophrast, Eudemos, Andronikos von Rhodus, Alexander von Aphrodisias u. a. — begnügen sich im allgemeinen damit, die Lehre des Meisters zu kommentieren und zu verbreiten; nur einige von ihnen ergänzen sie durch unwesentliche Einzelheiten. Sowohl die Epikureer wie die Stoiker und Neuplatoniker beschäftigen sich mit logischen Fragen. Insbesondere die Stoiker (Zenon, Chrysippos) erweitern die Aristotelische Schlußlehre um die Arten der hypothetischen und disjunktiven Schlüsse und stellen eine neue reifere Kategorienlehre auf. Dennoch bleibt das Fundament der Aristotelischen Logik im wesentlichen unberührt und unverändert. Nicht viel anders liegen die Dinge während des gesamten Mittelalters. Selbst die bedeutendsten Vertreter der Scholastik (Albertus Magnus; Thomas von Aquino; Duns Scotus) schöpfen wie in der Metaphysik so in der Logik aus den Schriften des Aristoteles und vermengen mehr noch als dieser selbst — (der gesamte Universalienstreit ist dafür der beste Beweis) — die logischen Fragen mit metaphysischen und grammatischen. Dennoch hat das Mittelalter das unbestreitbare Verdienst, die Aristotelische Logik im Bewußtsein der denkenden Menschheit lebendig erhalten zu haben. Besonders Petrus Ramus (aus der Übergangsepoche zwischen Mittelalter und Neuzeit) ist hier zu nennen, der der Logik als erster eine Einteilung gegeben hat, die zum Teil noch bis heute die gebräuchliche geblieben ist.
Die Geschichte der neueren Logik beginnt mit der Geschichte der neueren Philosophie. Bacons großangelegtes Programm einer neuen Wissenschaft auf Grund einer neuen wissenschaftlichen Methode (vgl. sein Hauptwerk „Novum Organon“, 1620), sein Kampf gegen die Herrschaft des Aristoteles bleiben im Stimmengewühl der Zeit nicht ungehört. Und wenn Bacon selbst auch nur umzustürzen, nicht aufzubauen versteht, so verbindet er sich doch dem Geiste nach mit denen, die den Ruf nach Reformen im wissenschaftlichen Denken nicht nur laut werden lassen, sondern auch in die Tat umsetzen. Auf dem Boden des Cartesianischen Rationalismus, in Verbindung mit der altaristotelischen Tradition, und befruchtet durch den englischen Empirismus, besonders durch Locke und Hume, wächst wie die neuere Philosophie auch die neuere Logik[1].
Descartes selbst hat der Logik kein besonderes Werk gewidmet; dennoch beschäftigt er sich in fast allen seinen Schriften — so besonders in der ersten, betitelt: „Regulae ad directionem ingenii“ (Regeln zur Leistung des Verstandes) — mit logischen Fragen und weist damit seine Schüler unausgesprochen direkt auf ein neu zu schaffendes System der Logik hin. Tatsächlich erwachsen aus der Cartesianischen Schule drei Logiken von Bedeutung: 1. die sog. „Logik von Port-Royal“, als deren Verfasser Antoine Arnauld und Pierre Nicole gelten (zuerst erschienen 1662); 2. die Logik des als Okkasionalisten bekannten Arnold Geulincx und 3. die Logik des als deutschen Cartesianers bekannten Johannes Clauberg. Die speziellen Anregungen, die Descartes für eine Reform der Logik gegeben hat, gehen fast durch den ganzen Bestand seines Systems hindurch. Descartes untersucht den Begriff der Wahrheit und stellt als Kriterien der wahren Erkenntnis die klare und deutliche Einsicht auf. Er untersucht die Methoden der wissenschaftlichen Forschung und unterscheidet als solche die Intuition, Deduktion und Induktion: die Intuition als Quelle absolut-gewisser, weil unmittelbar-einleuchtender Wahrheiten; die Deduktion als Ableitung spezieller Erkenntnisse aus allgemeinen und die Induktion als eine Art vollständiger, methodisch-geordneter Aufzählung (enumeratio) von Gegenständen (die Epagoge des Aristoteles). Er entwickelt ferner eine eigene Theorie des Urteils und des Irrtums (die im Kern freilich mit ähnlich-gewendeten Gedanken bei Augustin übereinstimmt), wonach nicht der Verstand das eigentlich urteilende Element in uns ist, sondern der Wille, der das vom Verstande klar und deutlich oder auch verworren bzw. dunkel Erkannte bejaht oder verneint.
Andere wesentliche Anregungen kommen der Logik etwa gleichzeitig aus England. Dort beschäftigt sich Thomas Hobbes (1588-1679) mit logischen Problemen, so mit der Frage nach dem Wesen des Denkens, das er als eine Form des Rechnens (Addierens und Subtrahierens von Begriffen und Definitionen) faßt, ferner mit dem Verhältnis von Sprechen und Denken, wobei er die Worte (terms; nomina) als Zeichen oder Symbole der Vorstellungen deutet. Von größerer Bedeutung als er ist für die Entwicklung der Logik John Locke (1632 bis 1704[2]), der diese durch seine grundlegenden Untersuchungen über Ursprung, Arten und Gewißheit der Erkenntnis in mannigfacher Weise bereichert, wenngleich er — infolge der von ihm auch gegenüber logischen Problemen angewandten psychologischen Methode — ungewollt der eigentliche Begründer der sog. psychologisierenden Logik geworden ist, einer heute noch nicht erstorbenen Richtung, die die Logik entweder ganz in eine psychologische Disziplin umzugestalten sucht oder doch zum wenigsten die oben gekennzeichneten Aufgaben der Psychologie des Denkens und der Logik nicht reinlich voneinander scheidet. Psychologisierend ist, was die Logik betrifft, auch das Verfahren David Humes (1711-1776); dennoch hat Hume in der Entwicklung der Logik das große Verdienst, in seinen grundlegenden Untersuchungen über das Problem der Kausalität die moderne Theorie der Induktion vorbereitet zu haben, als deren unmittelbarer Vorläufer, wenn nicht gar Begründer, er darum bezeichnet werden muß (vgl. B. Erdmann, Logik I2, S. 781).
Auch die deutsche Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts weist eine reiche logische Entwicklung auf. Dem im Geiste Descartes’ gehaltenen Werke Claubergs folgt wenig später die auch Spinozistische Einflüsse verratende „Medicina mentis“ (Gesundheitslehre des Geistes) des Grafen Ehrenfried Walter von Tschirnhausen; und zur gleichen Zeit etwa beginnt auch Leibniz durch den gewaltigen Bau seines philosophischen Systems auf die Entwicklung der Logik befruchtend einzuwirken. Leibniz (1646-1716) selbst hat zwar ebensowenig wie Descartes die Grundlagen der Logik systematisch abgehandelt; aber er hat doch fast alle logischen Probleme der Zeit, wenn nicht direkt erörtert, so doch zum mindesten gestreift. Er fügt dem von Aristoteles aufgestellten Satz des Widerspruchs den sog. logischen Satz vom zureichenden Grunde hinzu und scheidet entsprechend diesen beiden Grundsätzen die wissenschaftlichen Erkenntnisse in zwei Gruppen: in die „vérités de fait“ (Tatsachenwahrheiten) und die „vérités de raisonnement“ (Vernunftwahrheiten). Er nimmt Stellung zu dem Descartes-Lockeschen Problem der angeborenen Ideen und Wahrheiten; er klassifiziert — gründlicher als vor ihm Descartes und Locke — die Erkenntnisse in klare und dunkle bzw. deutliche und verworrene und betont nachdrücklich die für die Logik zu begründende Lehre von der Wahrscheinlichkeit.
Was die Verfasser der Logik von Port-Royal gegenüber Descartes, dasselbe leistet Christian Wolff (1679-1754) gegenüber Leibniz. Wolff bringt die Gedanken, die er bei Leibniz gefunden hat (wobei übrigens auch gewisse andersher gerichtete Einflüsse nicht übersehen werden dürfen), in ein System. Durch die breite, ausführliche, das Wesentliche wie das Unwesentliche gleichermaßen erschöpfend behandelnde Darstellung, die er der Logik sowohl in seinem lateinischen Werke „Logica“ (zuerst 1728) wie in dem deutschen, betitelt: „Vernünftige Gedanken von den Kräften des menschlichen Verstandes“ (zuerst 1712), angedeihen läßt, popularisiert er die Grundlagen des logischen Lehrbestandes seiner Zeit und wird damit zum Urheber einer ausgebreiteten logischen Literatur, die zwar ihre Wissenschaft nur wenig zu bereichern oder zu verbessern vermag, aber sie doch zum Gemeingut aller in jener Zeit wissenschaftlich interessierten Kreise der Bevölkerung macht. Aus der Reihe der Logiker dieser Epoche, die übrigens die Logik fast ausnahmslos als eine normative Disziplin abhandeln, deren Aufgabe darin bestehe, richtiges Denken zu lehren, ragen als die bekanntesten hervor: Georg Friedrich Meier; Hermann Samuel Reimarus; Gottfried Ploucquet; Johann Heinrich Lambert sowie Christian August Crusius.
Es muß beinahe als eine besondere Eigentümlichkeit in der Geschichte der Logik angesprochen werden, daß gerade die Männer, die diese Disziplin am meisten angeregt und gefördert haben, ihr selbst kein besonderes oder doch zum mindesten kein größeres Werk gewidmet haben. Wie das für Descartes, Locke und Leibniz gilt, so auch für Kant[3]. Wie durch Kant für die Philosophie überhaupt, so beginnt auch für die Logik eine neue Epoche. Kant selbst hat zwar vermeint, daß die Logik bereits durch Aristoteles einen so vollendeten Ausbau gefunden habe, daß sie seitdem weder einen Schritt vorwärts habe tun können noch auch einen Schritt zurück habe tun müssen. Nichtsdestoweniger ist gerade er es, der die Logik weit über Aristoteles hinaushebt. Kant betont in erster Linie den formalen Charakter der eigentlich und so zu nennenden Logik, die er als allgemeine von der sog. transzendentalen Logik scheidet. Die transzendentale Logik, die er in der „Kritik der reinen Vernunft“ abhandelt, untersucht das Erkenntnisvermögen des Menschen auf seine apriorischen Elemente, soweit diese dem Verstande angehören, d. h. auf diejenigen Elemente der Erkenntnis, die als reine Verstandesbegriffe unabhängig von der Erfahrung sind und als solche dieser Gesetz und Regel vorschreiben; eine Disziplin, die zu einem Teil etwa der heute sog. Erkenntnistheorie entspricht. Die allgemeine Logik, die Kant des öfteren in Vorlesungen an der Königsberger Universität behandelt hat (unzulänglich herausgegeben von Jäsche, 1800), ist demgegenüber die Wissenschaft von den formalen Regeln alles Denkens — es mag dieses apriorisch oder empirisch sein — und untersucht das Denken, indem sie von allen Objekten der Erkenntnis und ihrem Unterschiede abstrahiert, so daß der Verstand es in ihr mit nichts anderem wie mit sich selbst und seiner Form zu tun hat. Sie erörtert und prüft also die Formen des Denkens (Begriff, Urteil, Schluß), ferner die formalen Kriterien der Wahrheit (den Satz der Identität und des zureichenden Grundes, des Widerspruches und des ausgeschlossenen Dritten). Ungeachtet dieser strengen begrifflichen Scheidung gehen die Anregungen, die Kant der Logik gegeben hat, mehr von der in der Kritik d. r. Vern. entwickelten Transzendentalphilosophie als von den Vorlesungen über die formale Logik aus. Kant stellt in der Elementarlehre der Kritik d. r. Vern. wie eine Tafel der Urteile, so auch eine Kategorientafel auf, indem er die letztere aus der ersteren ableitet. Das Schema der Urteile hat noch bis in die Gegenwart hinein für die meisten Logiker als grundlegende Einteilung der Lehre vom Urteil gegolten.
Die Geschichte der nachkantischen Logik ist von dem gleichen wechselvollen Charakter wie die Geschichte der nachkantischen Philosophie überhaupt. Fichte betrachtet die formale Logik durch die Transzendentalphilosophie, die er seinerseits durch die Wissenschaftslehre ersetzt, als überwunden (vgl. die Vorlesungen Fichtes über das Verhältnis der Logik zur Philosophie, 1812, Nachgel. Werke I). Hegel stürzt das bis dahin mühsam aufgerichtete Gebäude der Logik um, indem er diese von neuem mit metaphysischen Erörterungen durchsetzt (metaphysische Logik auf der Grundlage der Identität von Denken und Sein). Und Fries macht den Versuch, die logischen Probleme ganz und gar zu psychologisch-genetischen (nach Friesscher Terminologie: zu anthropologischen) zu gestalten. Erst Herbart und seine Schüler (besonders Drobisch) bemühen sich wieder, die Logik von ihrer Vermengung mit der Psychologie und Metaphysik zu befreien, und betonen nachdrücklich ihren formalen Charakter.
In der neueren Logik — etwa seit der Mitte des 19. Jahrhunderts — sind wieder alle Richtungen vertreten, die auch in der älteren Geschichte miteinander um die Palme ringen. Neu zu nennen sind nur gewisse Versuche in der englischen Logik seit William Hamilton und George Boole, die allerdings in älteren Denkern wie Raymundus Lullus, Leibniz und Ploucquet Vorläufer haben, die Logik im Sinne einer der Mathematik verwandten Wissenschaft abzuhandeln, worin an Stelle der Zahlen und Größen die Begriffe treten, eine Auffassungsart, die man als algebraische, arithmetische oder auch allgemeiner als mathematische Logik (Lehre vom logischen Kalkül, vom logischen Algorithmus) zu bezeichnen pflegt. In Deutschland haben diese (durch Jevons und andere in England und Amerika weitergeführten) Versuche, die das Wesen der Denkoperationen eher verdunkeln als erhellen, nur wenig anregend und fördernd gewirkt (vereinzelte Anhänger sind Rob. Graßmann, Joseph Hontheim, besonders Ernst Schröder); um so mehr jedoch andere aus England kommende philosophische Strömungen, wie z. B. die grundlegenden Untersuchungen von John Stuart Mill, dem Hauptvertreter der sog. induktiven Logik, sowie von Herbert Spencer und William Stanley Jevons zur wissenschaftlichen Methodenlehre.
Wie das Problem der Methode so steht auch das Problem des Urteils im Mittelpunkte der neueren logischen Untersuchungen. Die Frage nach dem Wesen des Urteils, d. h. nach dem Sinne der prädikativen Beziehung zwischen Subjekt und Prädikat, wird zum Hauptproblem der Elementarlehre. Aber ihre Erörterung begegnet durch die immer wieder nachhaltende, vornehmlich von Husserl mit Erfolg bekämpfte Vermengung der psychologischen mit der logischen Fragestellung zunächst großen Schwierigkeiten. Die psychologisierende Logik zeigt ihren Einfluß auch gegenwärtig allerorten; sie findet sich nicht nur herrschend bei solchen Denkern, die wie ursprünglich Theodor Lipps sich offen zu ihr bekennen, sondern auch zum Teil bei solchen, die mit gutem Glauben vorgeben, eine psychologiefreie formale Logik zu vertreten. Anderseits aber tritt an Stelle der metaphysischen Logik im Sinne Hegels neuerdings die sog. erkenntnistheoretische Logik, die zwischen der erkenntnistheoretischen und logischen Problemstellung keinen prinzipiellen Unterschied anerkennt (Trendelenburg; Überweg; Schuppe; ebenso Wundt; in anderer Hinsicht auch: Cohen und Natorp). Gegenüber diesen Richtungen haben die Vertreter der formalen Logik im Sinne der Kant-Herbartschen Tradition nicht immer leichten Stand. Die fundamentalen Hauptarbeiten dieser Richtung sind die Werke von Chr. Sigwart und B. Erdmann. So sehr auch diese wiederum in wesentlichen Punkten voneinander abweichen, so ist doch das ihnen richtunggebende Ziel das gleiche: die Ausschließung alles Metaphysischen aus der Logik und die möglichst reinliche Trennung der logischen von der erkenntnistheoretischen und psychologischen Problemstellung. Diesem Ziel ist von den zuletzt genannten Denkern B. Erdmann am nächsten gekommen. Darin vor allem sowie in der von ihm aufgestellten Theorie des Urteils, des Syllogismus und der Induktion, liegt das besondere Verdienst Erdmanns; in der mannigfachen Förderung der wissenschaftlichen Methodenlehre das besondere Verdienst Sigwarts um die Fortbildung der Logik.
[1] Über die Entwicklung der neueren Philosophie im allgemeinen vgl. Ludwig Busse. Die Weltanschauungen der großen Philosophen der Neuzeit (ANuG Bd. 56).
[2] Zum folgenden vergleiche man P. Thormeyer, Locke, Berkeley, Hume (ANuG Bd. 481).
[3] Man vergleiche zum folgenden Oswald Külpe, Immanuel Kant (ANuG Bd. 146).