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Halbtier: Roman

Chapter 11: 10.
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About This Book

A densely crowded city is described under oppressive heat, where a sudden thunderstorm and the accidental unearthing of human bones at a market unsettle everyday routines. A young woman observes a skull from her window, while the household interior reveals divided tastes and vanities. Family life is strained as a father withdraws to seek inspiration outside domestic ties, leaving children puzzled by his distance. Public curiosity, private longing, and the collision of ritualized social habits with reminders of the past produce a mood of claustrophobic yearning and uneasy revelation.

Den Salon ließ sie mit einer weiß und goldigen Tapete neu herrichten. Die Thüren wurden auch in Weiß und Gold gestrichen.

Die Leute sollten Augen machen!

An die alten Vorhänge setzte sie neue Spitzen. Bis tief in die Nacht hinein arbeitete sie daran mit ihrer Maschine. Ihre Pulse flogen bei dieser Arbeit und sie war vor Anstrengung ganz außer sich.

Am andern Morgen wurden die Vorhänge aufgemacht, nicht vom Tapezier. Sie selbst stand auf der Leiter.

Auf den Gedanken, einen Tapezier zu holen, wäre das an Plage gewöhnte Weib nie gekommen.

Jeden Nachmittag kam sie mit Marie hochbeladen aus der Stadt wie im Rausch, ganz aufgeregt. Da hatten sie alles Denkbare gekauft, was Mama seit Jahren sich ersehnt hatte.

Bar gezahlt wurde nichts; alles auf Rechnung.

Er brachte erst den Reichtum mit heim.

Ob Mama sich vorstellte, daß dieser Reichtum etwa wie ein Kohlenwagen vor der Thüre abgeladen werden würde?

Jedenfalls dachte sie: ‚Um Gottes Willen, wohin damit?‘

Sie wußte schon von Banken etwas, aber Steuern und Zinsen und all dergleichen ging, wie gesagt, bös bei ihr durcheinander.

Sie hatte auch nichts damit zu thun, so etwas besorgte er, — und von höheren Dingen sprach er nun einmal nicht mit ihr.

*

Unter den Kostbarkeiten, die Mama und Marie fieberhaft erstanden, waren ganz sonderbare Dinge. Die unglaublichsten Bürsten und Bürstchen, allerlei ganz außerordentlich pfiffige Einrichtungen zum Putzen von den verschiedensten Gegenständen, spitze Pinsel und stumpfe Pinsel, allerlei geheimnisvolles Küchenhandwerkszeug, das hatte sie sich alles immer gewünscht und nie war sie zum Besitz gekommen.

In der Küche sah es aus, wie in einem Arsenal, als wollte sie gegen den Hunger der ganzen Welt zu Felde ziehen. In dieser Küche hatte sie so namenlos gelitten!

Hier konzentrierte sich alles.

Die Schneiderin saß auch im Haus, wie eine Henne auf Eiern, Tag für Tag. Mamas und der Mädchen alte Kleider wurden hergerichtet.

Wertvolle Besätze und Gott weiß was kaufte sie, um den alten schlecht sitzenden Plunder wieder aufzustutzen ……

Die alte Geschichte vom Hirtenjungen, was der thät, wenn er König würde.

Mama und Marie kehrten jeden Nachmittag nach den Besorgungen bei dem Konditor ein, und Mama verdarb sich regelmäßig den Magen und hatte an Migräne greulich zu leiden.

Die beiden Söhne profitierten auch am Freudenrausch und der ganz naiven Art, Einkäufe ohne Geld zu machen.

*

Tief in der Nacht erscholl ein Läuten durch das stille Haus. ‚Der Vater!‘ dachte Marie und ebenso dachte es die Mutter. Beide waren außerordentlich erregt und konnten nirgends ein Streichholz finden.

Inzwischen läutete es auf eine unaufhörliche, nervenerregende Weise.

„Um Gotteswillen, was ist geschehen!“ Das sagte die Mama wohl zwanzig Mal, während sie im Dunkeln tappte und suchte und die Läuterei kein Ende nahm.

„Vielleicht ist alles wieder aus! Du lieber Himmel!

So kann es nur läuten, wenn ein Unglück geschehen ist, so läutet kein vernünftiger Mensch!“

Sie tappten und tappten.

Endlich!

Wie im Fieber, zähneklappernd, mit angstvollem Herzschlag huschte Mama in Nachtjacke, Bambuschen und grauem Flanellrock die Treppe hinab.

Bebend, mit zitternden Gliedern, schloß sie auf, öffnete die Thür, — da fiel ihr Lateinschüler und Sorgensohn Karl ihr in die Arme, mit dem Kopf voran, total bezecht.

„Herr des Himmels!“

Mit Karl war garnichts anzufangen. Er benahm sich störrisch und lärmend wie ein Ferkel, das nicht will, was es soll. Dabei schien der dicke Knabe schwerer und plumper zu sein, als man es sich hätte von ihm vorstellen können.

Mama mußte ihn unten an der Hausthür lehnen lassen.

Zwei Stufen auf einmal nehmend, stürzte sie hinauf, um Marie zu holen.

„Daß nur derweilen niemand kommt!“

Dann versuchten sie es mit vereinten Kräften.

„Na, Alte,“ brummte Karl, als Mama ihn unter den Arm zu packen versuchte, „vorsichtig, vorsichtig!“

Marie wagte es gar nicht, ihn anzufassen. Sie hatte einen grenzenlosen Ekel vor ihm. Sie weinte.

„So nimm ihn doch,“ sagte Mama.

„Hennenhirn!“ brummte der dicke Knabe, ganz wie der Vater, nur war diese junge Prophetenstimmen noch rund und etwas schleimig — hatte keine Ecken und Auswüchse.

„Weibsvolk, albernes!“

Marie weinte bitterlich.

„Dös, wenn der Vater wüßt’, wie ihr euch anstellt!“

„Karl!“ wimmerte Mama weinerlich.

Karl that einen scharfen, kurzen Schmatz mit den Lippen. Sein Mund spitzte sich. Darauf täschelte er seiner Schwester ins Gesicht.

Die schrie schluchzend auf.

Karls stierende Augen richteten sich verdutzt auf sie.

Marie war ganz auseinander.

Die beiden Frauen schleiften ihn wie eine tote Masse die Treppe hinauf.

„Wenn ihn nur kein Lehrer gesehn hat!“ wimmerte Mama.

„Recht geschäh’s ihm!“ meinte Marie; „das, wenn der Vater erfährt!“

Mama gedachte einer Nacht im vorigen Jahr, als er ihr schon einmal so nach Hause gekommen.

Sie war eben dabei gewesen, ihrem Mann den schwarzen Kaffee zu kochen und bebte in Todesangst, daß Karl noch nicht daheim war.

Da kam er, das heißt, er versuchte zu kommen. Und wie heute war sie die Treppe hinuntergelaufen und hatte sich dann den Vater zu Hilfe holen müssen.

Sie hatte gefürchtet, der würde ihn kurz und klein hauen.

Merkwürdigerweise nichts davon.

Im Benehmen ihres Mannes hatte sie, zu ihrem höchsten Erstaunen, eine gewisse Rührung konstatieren müssen.

Nie hatte sie ihn so sorgsam gesehn, bei keiner der vielen Krankheiten im Haus war er so hülfreich gewesen, so sachverständig.

Wie er ihr zur Hand ging, wie behutsam er Karl ins Bett half.

So viel Gemüt wie damals, hatte er bei keinem Familienereignis entfaltet.

Mama war es auch vorgekommen, als behandelte er Karln Tags darauf mit einer kameradschaftlichen Schonung und Diskretion.

Damals zog er ihn auch bei einer Angelegenheit mit in den Familienrat.

Es handelte sich darum, ob Isolde doch nicht noch zur Lehrerin ausgebildet werden solle.

Den Familienrat pflogen Papa, der älteste Sohn und Karl, der kurz vordem die erste Weihe als vollwichtiger männlicher Mann empfangen hatte.

Alle drei beschlossen einmütig, daß Isolde kein Blaustrumpf werden dürfe, trotzdem die Familie so gut wie kein Vermögen besaß und jeder nach dem Tod des Vaters auf sich selbst angewiesen war.

All’ dies kam Mama wieder lebendig in die Erinnerung, als sie mit Marie ihren dicken Sprößling die Treppe hinaufbugsierte.

Oben angekommen, machte sie sich daran, Karl einen schwarzen Kaffee zu kochen.

Inzwischen beängstigte dieser im Zimmer seine Schwester Marie, die auf ihn Acht haben sollte, daß er mit der Lampe nichts anrichte.

Und wie ein heiliges Vermächtnis seiner Ahnen und Vorgänger, war diesem angehenden Jüngling in seiner Beneblung und Hilflosigkeit die Weibverachtung als das Nächstliegende erschienen. Die Schwester hatte in dieser Stunde etwas vor ihm voraus; das paßte ihm nicht. Er fühlte den dunkeln Trieb, die Hand gegen sie zu erheben, als sie ihm irgend etwas wehrte, — und machte Anstalt dazu.

Da schrie sie auf, warf sich vor einen Stuhl nieder, preßte ihren Kopf in das Polster und schluchzte angstvoll.

„Dumme Gans,“ sagte Karl. „Ich, wenn jetzt ein Madel hab, — beim ersten Mucks — raus damit! — Giebt ihrer genug, — Gott Lob!“

Marie fürchtete sich vor ihm. Sie fürchtete, daß er sie anrühren könnte. Ihr war zu Mute, als wäre sie mit einer tollen Bestie im Zimmer.

„Mutter! Mutter!“ schrie sie jetzt laut.

Da kam Mama hereingestürzt.

„Was ist denn?“

Karl lachte auf.

„So ’ne affektierte Gans!“

Die Mutter trat auf ihn zu mit der völlig gleichgültigen, abgestorbenen Miene, die sie zum großen Ärger ihres Gatten so unübertrefflich anzunehmen wußte.

Vor dieser Miene duckte sich auch Karl. Damit wußte er nichts zu machen, die verstand er nicht.

Da war sie auch ihm über.

„Vorsichtig, Alte, vorsichtig!“ lallte er und ließ sich auf Vaters breiten Arbeitsstuhl niederdrücken.

Diesen Abend kroch Marie in Mutters Bett. Sie war ganz außer sich.

Das mußte man Mama lassen, ihre beiden Mädels hatte sie zu behüten verstanden. Sie waren gerade so weltfremd, wie andere höhere Töchter auch.

Die kleine geheimnisvolle Welt im eigenen Hause kannten sie so wenig wie die große draußen.

Vor der kleinen, wie vor der großen Welt, hatte Mama sich wie mit ausgebreiteten Röcken gestellt.

Ob sie dachte, daß sie einmal recht überrascht werden sollten? Oder was sie dachte?

Kurzum, es war ihr einziges: „Daß die Mädels nur nichts erfahren!“

Vor ihren Töchtern schwieg sie wie das Grab. Wenn ihr das Leben das Herz abdrückte, keine Offenheit den Töchtern gegenüber.

Wie gern hätte sie manchmal den müden, dumpfen Kopf an Mariens Schulter gelegt, um da Verständnis und Trost zu finden.

Wie vor einem Unrecht aber war sie jedesmal zurückgeschreckt.

Nein, das Kunststück wollte sie auch fertig bringen, wie andere Mütter, ihre Mädels sollten „von nichts“ etwas wissen; darein setzte sie gewissermaßen ihren Stolz.

Sie hatte auch „von nichts“ etwas gewußt.

Dann waren die Überraschungen gekommen!

Weshalb das so sein mußte, wußte Mama nicht. Es war hübsch so — und anständig. Alle Mädchen aus gutem Haus mußten so ins Leben hinausgehen.

Und dafür hatte sie das große Opfer gebracht, daß sie den Kindern fremd geblieben war, fremd in ihrem dumpfen, schweren Leid. Wenn sie dennoch etwas wußten — sie war unschuldig daran, das konnte sie mit bestem Gewissen sagen.

Ihre Mädchen hatte sie gut erzogen!

So lag auch heute Marie stumm am Halse der Mutter und weinte, und Mama klopfte ihr den Rücken und murmelte, wie sie es bei ihren kleinen Kindern gethan hatte, um sie zu beruhigen. „No — no — no — no — no!“

*

Mrs. Wendland hatte von dem großen Umschwung der Verhältnisse ihres Freundes Doktor Frey gehört. Sie wußte auch von dem Glück der beiden Mädchen, daß sie im Besondern von ihrem Onkel bedacht worden waren. Die Besitzerin einer Summe von dreimalhunderttausend Mark konnte sich schon sehen lassen. Die Mädchen würden jetzt die Auswahl haben.

Mrs. Wendland hatte wirklich eine Freude über diese Nachricht gehabt.

Sie hatte sich im stillen immer gedacht: ‚Was sollen diese beiden Kinder mit ihrer großen Schönheit? Dummheiten — Dinge werden geschehen.

Für arme Mädchen ist es viel besser, wenn sie nicht sind schön.‘

Sie hatte über Freys Glückswechsel auch zu Henry Mengersen gesprochen, der ihr wenige Tage darauf mitteilte, daß er eins dieser Mädchen zu heiraten beabsichtige.

Mrs. Wendland war nicht ohne Erstaunen.

„Sehr einfach,“ sagte Mengersen, „ich habe mir alles überlegt: Meine künftige Frau muß wohlhabend sein, jung, schön, anspruchslos. Diese Dinge trifft man selten beisammen. Hier ist dies der Fall. Bitte, dich zu überzeugen.“

„Ich halte Isolde durchaus nicht für anspruchslos, lieber Henry,“ sagte Mistreß Wendland. „Isolde ist ein Rassegeschöpf, die sind an und für sich ……“

„Die andere aber halte ich für vollkommen anspruchslos,“ unterbrach Henry Mengersen. „Die ist ganz, was ich suche.“

„Die andre?“ fragte Mrs. Wendland verwundert.

„Und weshalb nicht?“ meinte er scharf und dachte: ‚Hat Isolde geplaudert?‘

Mrs. Wendland blickte gedankenvoll vor sich hin.

„Isolde ist bei weitem interessanter.“

„Mag sein. Beste Mary, — eine interessante Frau? Dazu kunstsinnig, mitempfindend, nachempfindend — Gott weiß, was noch! Alle Achtung! Nein — nicht um die Welt! Und außerdem ist Fräulein Isolde auch in anderer Beziehung nicht mein Geschmack. So etwas heiratet man nicht. Sie ist herb, wie eine junge Quelle? Nicht wahr?“ Er lächelte fein und kühl. „Und ich behaupte, sie ist ein kleiner, frecher Dachs, dem es recht gut thun wird, wenn sie sieht, daß man ihre Schwester ihr vorzieht. Ich glaube, diese Erfahrung ist außerordentlich wichtig für das Mädchen.“

Mrs. Wendland lächelte: „Also aus erzieherischen Gründen wollen Sie Marie die Resten von Ihr Dessert geben und nicht Isolden? Sie werden ein ganz reizender Ehemann werden. Cold as charity — kalt wie die Barmherzigkeit, man sagt. O, ich möchte mich nicht mit Ihnen heiraten, lieber Henry. Mich friert, holen Sie mir, meinen kleinen Shawl, bitte.

Ach und nun werden Sie also philiströs; ein Mann, was hat gelebt, wie du, ist so komisch als tugendhafte Ehemann zu denken!

Nun, also heiraten Sie sich die kleine Frey.

Sie machen immerhin ein ganz gutes Geschäft.“

Henry Mengersen dachte: ‚O, meine gute Mistreß, — also doch nicht ganz angenehm überrascht?‘

„Und Sie sind der erste, der sich von dem neuen Geld der Freys kaufen läßt?“ fragte sie und beugte sich in ihrem Lehnsessel vor mit einem amüsierten Ausdruck. „Und Sie wollen die kleine Mary wieder eingeladen sehn bei mir? Sie brauchen gar nichts zu sagen, ich weiß schon.“

Henry Mengersen küßte ihre Hand.

„Du bist schon ganz in der philiströsen Maske eines keuschen, würdigen, deutschen Bräutigams, mit seinem gut bürgerlich schlechten Gewissen. — Du bist mir nun langweilig!

Nicht deshalb, wie du denkst. O, nein, gar nicht deshalb! Sie brauchen nicht zu lächeln, Henry.

Nein, weil nun eine große, langweilige Lügengeschichte angeht, wie bei allen Männern. Bei dich lächelt es mich noch mehr, als bei den andern, weil ich dich kenne, wie mein Taschentuch!

Für Sie, Henry, wünschte ich, Sie hätten Isolde gewählt. Vor ihr hätten Sie müssen doch ein wenig gêne haben. Sie könnten mit ihr nicht so ganz sans façon sein.

Doch deshalb nehmen Sie sie ja nicht. Nun, ich wünsche Glück zu dieser Dudelsackehe.

Kommen Sie heut abend zum Thee, Henry, wir trinken auf der Veranda.“

*

Marie Frey verlebte bei Mrs. Wendland traumhafte Tage.

Sie war es gewohnt, von Studenten und den Brüdern ihrer Freundinnen verehrt zu werden; aber dieser Herr Mengersen war doch ganz etwas andres.

Sie traute der Sache nicht recht. Es kam ihr alles zu unwahrscheinlich vor.

Aber Henry Mengersen verstand sich darauf, sie zu überzeugen, trotzdem ihm eigentlich solch’ eine weltfremde, höhere Tochter ein sehr unheimliches Ding war.

Er überschüttete sie mit Zartheit.

Ein Bouquet, ganz aus Moosrosenknospen, was mußte das solch’ einem Geschöpf nicht alles sagen! Und was sagte es ihr nicht alles!

Henry Mengersen konnte sich viel Müh und Geist sparen.

Ein Garnichts, zarte Farben, zarte Formen thaten mehr für ihn, als er je für sich hätte thun können; dazu seine tadellose Wäsche, die vornehme Reinheit seiner Person, das imponierend elegant sitzende Schuhwerk.

Er mußte auf so ein Ding wirken, ohne daß er sich im geringsten anzustrengen brauchte. Dazu sein Ruhm und die Art, wie man ihm begegnete.

Nie hatte das blonde Mädchen einen vertrauenerweckenderen Menschen gesehn.

Die instinktive Sorge, daß der Mann brutal, roh in seiner Übermacht ihr gegenübertreten könnte, kam hier nicht auf. Die weltfremden Sinne waren noch so kindlich, so ganz vom Äußeren hingenommen. Wie Blasphemie wäre ihr ein Zweifel an diesem Menschen erschienen. Ja, es gab Augenblicke, da schämte sie sich ihrer selbst, ihrer Plumpheit, wie sie ihre Ungewandtheit nannte, ihrer Hände. Man sah ihnen das fleißige Schaffen im Hause an. Es waren reine, junge, kräftige Mädchenhände, aber nicht blütenweiß und die Nägel waren kurz gehalten.

Sie konnte ihre Hand garnicht neben der seinigen sehn. Wie hoch stand dieser Mann über ihr!

Und als er sie mit weicher Stimme bat, sein Weib zu werden, war es ihr zu Mute, als tanzten Erde und Himmel durcheinander. Ein ganzes Chaos von Glück, Stolz, Überraschung und Verwirrung.

Sie hatte ihrer Mutter und niemandem sonst ein Wort über Henry Mengersen geschrieben, auch Isolden nicht, — und nun war sie Braut, die Braut eines Mannes, zu dem sie nie die Augen erhoben hätte.

8.

Isolde erfuhr die Verlobung ihrer Schwester unvorbereitet.

Sie kam von Berlin zurück, eingehüllt in ihre große, tiefe Liebe wie in eine Wolke von Sehnsucht.

Die Mutter empfing Vater und Tochter freudestrahlend, wie es die Tradition will, und verkündete ihnen die Nachricht schon auf der Treppe.

Mit einer plumpen, die Kniee zusammenbrechenden Wucht, wie ein großes Raubtier auf sein Opfer, sprang die Verzweiflung auf Isolde.

Nicht Zeit zu einem Schrei!

Da war’s geschehn.

Da hatte sie ihr Teil.

Sie wollte sich an ihren Vater halten um nicht zu fallen.

Ihr kam es aber vor, als griff sie in die Luft.

Und die Mutter war auch nichts als ein Gespenst — ein Nichts.

Da war kein Körper, der irgend etwas galt.

Ihre Hände hielten sich zwar, — aber sie fiel doch. Ihre Seele fiel und hörte gar nicht auf zu fallen in Dunkelheit hinein — endlos — endlos.

Und zu derselben Zeit, in der sie so tief und endlos fiel, fühlte sie, wie sie in das Zimmer trat und hörte sprechen und sah dies und das.

Ein dumpfes Rauschen umgab sie. Wie aus weiter Ferne hörte sie den Vater ungeduldig schelten.

„Was zum Teufel ist denn das?“

Doktor Frey stand mitten in dem weiß und goldenen Salon mit den frisch gewaschenen mit neuen Spitzen besetzten Vorhängen.

„Das ist die reinste Verrücktheit!“

Er sperrte ganz verblüfft Augen und Mund auf.

„Stellst du dir vor, Alte, ich laß mein gutes Geld von dir zum Fenster hinauswerfen? Läßt die gekündigte Wohnung neu herrichten! Daß i net lach!“

Er war in großer Wut.

„Gekündigt hast du?“ — fragte Mama ganz betreten und zittrig. „I du meine Güte, davon weiß ich ja garnichts!“

Doktor Frey riß die Thür zum andern Zimmer auf, um zu sehn, wie es dort stand.

„So — na! — Merkwürdig!“

Er war einigermaßen beruhigt.

„Freilich ist gekündigt. Glaubst du etwa, ich bleib’ in dem Loch? Und was ist denn noch geschehn, wenn ich bitten darf?“

Nun kam ein Sündenregister.

Doktor Frey ging erregt im Zimmer auf und nieder.

„Daß i net lach! Daß i net lach! Das war auch besonders nötig, daß eine von den Bamsen sofort an den Esel, den Mengersen … Nun, ich werd’ euch auf die Finger passen, ihr! Das ist ja ein reizendes Willkommen!“

*

Als Isolde endlich allein in ihrem Zimmer war, schloß sie die Thür und warf sich auf den Fußboden.

Draußen schalt der Vater weiter und die Mutter weinte einmal laut auf.

Langgestreckt lag Isolde; — ein Schwindel erfaßte sie.

So tief, so tief, so dunkel und sie mitten darin!

Heute sollte sie ihn noch sehen und auch die Schwester — da griff sie mit den Armen in die Luft, da wollte sie wieder etwas fassen.

Auf den Boden warf sie sich vor ihr Bett und biß in den Fuß des Bettes, und verbiß sich darin, wie ein wundes Tier, das mit dem Tode kämpft.

Ihre Augen fielen auf das Konsol mit dem Schädel darauf. Da hockte sie sich zurecht, die Arme um die Kniee, und starrte dem Schädel in Verzweiflung in die leeren Augenhöhlen und starrte und vergaß die Zeit.

Sie wollte denken — aber es ging nicht. Es war ja auch alles ganz gleich. Sie fing an zu singen, einen leierigen Gassenhauer.

Wie mit einem Messer schnitt sie dies Singen; — dann sang sie weiter übermütig lustig.

Wie that das?

*

Am Abend kamen sie wirklich beide. Er hatte seine Braut nach München begleitet. Isolde trat ihm ruhig entgegen; es gelang ihr ohne Mühe, weil doch alles eins war. Das eine that so weh, wie das andere.

Marie war hingebend weich und selig.

Henry Mengersen schien der Situation völlig gewachsen zu sein. Er hatte allerdings erwartet, daß Isolde sich mit „Kopfschmerzen“ entschuldigt haben würde.

Nun war sie doch da, eine freche, kleine Bestie — und hatte einen ruhigen, undurchdringlichen Gesichtsausdruck.

Er aber war gerüstet auf alle Fälle; umsonst hatte er sich nicht einen Giftzahn wachsen lassen. Von einem Mädchen, das sich erniedrigt hatte wie Isolde — und vergeblich erniedrigt, stand alles zu erwarten. Er hatte sie in der Hand, da war ihm andres schon geglückt. Die Ruhe war nur Maske. O, er ließ sich nicht täuschen; er kannte diese Sorte.

Ein unpassendes Wort seiner Braut gegenüber, und Isolde würde ihn kennen lernen.

*

Durch einen Zufall standen sie beide in des Vaters Arbeitszimmer allein am Fenster.

Die Hängelampe warf ihren Schein grell in die Mitte des Zimmers und um diesen Lichtkern war eine weiche Dämmerung.

Isolde sah ihm ruhig in die Augen.

„Eine Bitte, Fräulein Isolde,“ sagte er eisig; „über das, was zwischen uns vorgegangen ist, kein Wort — nicht wahr? Es gilt das Lebensglück Ihrer Schwester. Sie verstehen mich doch? Und was mich betrifft, seien Sie meiner ganz sicher — ich bin Gentleman. Ich darf mich ja Ihnen gegenüber aussprechen.“

Aber wie er mit sicherem, vornehmem Blick den ihren streifen wollte, fuhr er leise zurück. Nicht mehr Isolde, das rührende, liebende Mädchen, — ein vornehmes, ruhiges Weib stand ihm da gegenüber. Und aus ihrem Mund tönten ruhige Worte:

„Ich empfand Ihre Kunst — ich liebte sie — ich that es. Ich will es auf offenem Markt sagen.

Sehen Sie darin etwas Schlechtes? Ich habe mir nicht denken können, daß ein großer Künstler schmutzig ist. — Ist es so — so gehören Sie zum Haufen.“

Isolde wendete ihm den Rücken.

Henry Mengersen war zum ersten Mal in seinem Leben verblüfft.

*

Doktor Frey hatte Champagner auffahren lassen und es wurde eine Verlobung nach allen Regeln der Kunst gefeiert.

Doktor Frey war schließlich beim Sekt mit Mengersen ganz einverstanden.

Mein Gott, ist es der eine nicht, ist es der andere, im Grund gleichgültig, wen so ein Mädel kriegt. Dem Weib gegenüber ist so ziemlich einer wie der andere.

Eine Gans, so ein Mädel! — könnte jetzt das schönste Leben haben und giebt ihr gutes Geld und ihre Schönheit einem Esel in die Hand, der sie doch nur auslacht.

Doktor Frey war ganz gerührt. Auf seine „Bamsen“ hielt er etwas. Er reichte Mengersen die Hand über den Tisch, hob sein Glas und sagte weinselig:

„Daß du sie mir gut in Obacht nimmst, mein herrliches Kind!“

Mengersen schüttelte würdig die Rechte seines künftigen Schwiegervaters und küßte seiner Braut ritterlich und zart die Hand.

*

Diese Nacht lag Isolde still wie eine Tote in ihrem Bett.

Maries ruhige, sanfte Atemzüge berührten hin und wieder ihr Bewußtsein.

Marie war so selig müde gewesen am Abend und wie ein Kind entschlummert. Das große Glücksgefühl ermattete sie. Sie trug wahrhaft daran wie an einer Last. Nun war ihr Schlaf tief und ruhig.

Isolde lag auch in ihrem tiefen Weh wie in einem schweren Schlaf, in einer großen Betäubung.

Der Mond schien ins Zimmer, der Schädel schimmerte. Die Augenhöhlen glichen zwei dunkeln, runden, tiefen Flecken.

Und in diese leeren Augenhöhlen mußte Isolde unverwandt sehen. Das war ganz was sie brauchte.

Dieser leere Blick ohne Trost! Wohl that er ihr!

Es war ihr als wäre etwas Reines, Gutes in dieser Leerheit.

So tödlich war sie verwundet worden! Seele und Körper zugleich.

Auch ihre Seele lag ganz still und unbeweglich.

Und von einem beschimpfenden Schlag war sie so verwundet —

Der, den sie über alles liebte, den sie wie einen Gott in Anbetung liebte, hatte ihr den Schlag ins Gesicht versetzt.

Des feinen, klugen, großen Henry Mengersens Roheit hatte die allerzartesten Fäden ihres Daseins unheilbar verletzt und zerrissen.

Das war Isolde nicht mehr, das heißempfindende Kind, das Glück und Leid mit übersprudelnder Lebenskraft faßte und das Leben wie einen großen, blühenden Rosenstrauch an die Brust drücken wollte, ganz in Blüten versinkend.

Auf alles, was sie sah und was sie fühlte, starrte sie mit einem grenzenlosen Ekel. Gab es denn gar keine Möglichkeit zu zeigen, daß man rein ist!

Konnte sie denn nicht einfach sagen: „Da bin ich — da!“ —

Ihr junges Menschentum war noch so ganz in sich zusammengefaßt, so einfach, so rein aus Gottes Hand hervorgegangen.

Das dumme, dumpfe, ins Ekelhafte gesteigerte Weibgefühl haftete an ihr noch nicht, das Gefühl, ein Wesen zweiter Ordnung zu sein — ein Wesen, das nicht Mensch, sondern Weib ist, ein Wesen, das nicht wie ein Mensch fühlen und handeln kann, das nur geschlechtlich ist.

Welcher Ekel faßte sie, welche Scham!

Welchen Blick that sie da!

Ja, sie hatte ihn geliebt! ja! ja! ja! Sie hatte ihm das Schönste gegeben, das Einzige, ihre Schönheit, die sie selbst liebte, die sie kannte und die sie selig und froh gemacht hatte. Seiner heiligen, großen Kunst hatte sie sich geben wollen, als Mensch — und als Weib.

Wahrhaftig nicht nur als Weib — und auch als Weib; — ja, sie hatte sich gesehnt, daß er sie küssen sollte, — heiß, hinsterbend gesehnt.

Er hatte ihr ja gesagt, daß er sie liebte, — oder hatte er nicht?

Gleichgültig, jetzt ganz gleichgültig!

Und doch und doch — welche Leere!

Alles erloschen! — einsam — verlassen — verstoßen — getreten — mißkannt — mißachtet — das Ärmste auf Erden!

Und beschmutzt — ihre reine, frohe Seele! Sie wußte, daß ihre Seele den Körper umhüllt hatte. Ihre Seele hatte nichts mit Schmutz zu thun.

Wie ein Sturm ging es durch ihren Körper. Glaubte er, daß sie mit einem Wort erinnern würde? Glaubte er — das?

Wie konnte er so schmutzig sein — — so dumm?

Ach, ein Ekel, eine unsäglich Qual packte sie, wie sie mit einem Blick überschaute. Das Weib ist nicht Mensch, nur Weib für ihn — etwas Geistloses — ohne Feinheit — ohne Freiheit — etwas so Brutales — das nur Körper ist! —

Zum Sterben! — ein Ekel zum Sterben!

Als sie ihm von seiner Kunst gesprochen, wie sie ihn in ihr Herz hatte sehen lassen — und die große Liebe gestand zu dem, was er schuf — da hatte er so sonderbar gelächelt.

Pfui! pfui! pfui! es war ihm gewesen, als hätte ein Tier ihm das gesagt — ein freches, dummes Tier.

Grad so komisch und lächerlich war’s ihm gewesen. Sie durchschaute jetzt alles — alles mit einem Male, wie hellsehend.

Das, was sie ihm gab, hatte er auf seine Weise geschätzt.

— Und da dachte sie in fieberhafter Angst über „das Weib“ nach.

Eine so heiße, heiße, brennende Angst stieg in ihr auf.

Was war denn das?

Alles, was je gedacht, war vom Manne gedacht worden; alles, was je gethan, war vom Manne gethan worden.

Nie war ihr das noch klar geworden, — ganz neu starrte sie das an.

Das Weib und das Tier haben nichts gethan und nichts gedacht, von dem man weiß.

Bis in den innersten Grund ihrer Seele erschrak sie.

Da lag sie wie gebrandmarkt.

Hatte er nicht recht?

Lächerlich war es, wenn sie von Kunst zu ihm sprach; was hatte sie damit zu thun? Was ging sie die Kunst an?

Freilich mußte er lachen!

Ihr war, als sollte sie ersticken.

Und da fühlte sie die ganze Verachtung, die auf dem Weibe liegt. Wie einen schweren, bleiernen Druck empfand sie diese große Verachtung, die Stolz und Freudigkeit nimmt.

Was war sie? — Zu wem gehörte sie? Sie hatte wahrhaftig kein Recht, stolz und froh zu sein.

Ein dumpfes Stöhnen entrang sich ihr, ein erstickter Schrei, als wäre sie geschlagen.

Und sie hatte geglaubt wie ein Mensch zum Menschen sein zu dürfen.

Was hatte denn Mrs. Wendland gesagt? — Da fiel ihr allerhand ein, was sie damals garnicht verstanden.

Die also auch, die kannte all’ die Gedanken, die so neu, so schmählich über sie jetzt herfielen. Nach dem, was die gesagt hatte, müßte die ja auch leiden.

Fühlten alle Weiber, wie sie jetzt fühlt? Und war denn das möglich, daß sie noch nie etwas derartiges empfunden hatte?

Und ihre Mutter? — und — ihre Freundinnen?

Ja, was war denn das?

Wußten denn die Weiber garnichts davon, wie verachtet sie sind?

Ihr zarter Körper wurde von einer tödlichen Erregung gemartert.

Da lag sie, getreten, beschimpft, beschmutzt, vereinsamt und gehörte zu der verachteten, dumpfen, gedankenlosen Hälfte der Menschheit, die nicht das Recht hat, voll Mensch zu sein.

Da lösten sich Thränen aus ihren Augen, brennende, schmerzhafte Thränen, die wie Blutstropfen aus einer Wunde flossen.

9.

Isolde geht an einem blütenschweren Maienmorgen in ihrem Atelier gedankenvoll auf und nieder.

Das Atelier liegt in einem Garten still versteckt, ebenerdig.

Frischer, herber Laubgeruch strömt zu den Atelierfenstern herein, die in der großen Glasfläche weit geöffnet stehn.

Der blaue, leuchtende Himmel schaut durch das Oberlicht zu ihr nieder.

Schwalben ziehen ihre schrillen Sommertönchen im schnellen Flug wie feine, glitzernde Fäden über den blauen Ätherraum hin. Sie weben im Kreuz- und Querflug ein Netz von diesen süßen, spitzen Lauten. Ein Zug Tauben fliegt über das gläserne, kuppelförmige Dach. Die Flügelschwingungen hören sich so fein, so fließend an, so durchdringend frei, ohne jede Erdenschwere.

Isolde ist ganz in sich selbst versunken. Sie bewegt sich in dem starken, mächtigen Licht, in dem großen, kahlen Raum wie im Freien.

In ihrer Hand hält sie achtlos den Grabstichel.

Auf einem kleinen Tisch liegen zwei geöffnete Briefe.

Gipsabgüsse stehen längs der Wände, Abgüsse nach der Natur, Glieder, Häupter, Totenmasken.

Der Schädel, der Isolden durch fünf Jahre begleitet hat, ist das einzige im Raum, was gewissermaßen als Schmuck auffällt. Er trägt eine schimmernde Narrenkappe aus einem alten, köstlichen Goldstoff und darüber einen braunen Lorbeerkranz.

Sonst im ganzen Atelier kein Schmuck, weder ein Teppich, noch sonst ein Luxusgegenstand.

Unter der Kuppel, jetzt ganz von Licht übergossen, ein wunderlich fremdartiges Werk, eine sitzende Buddhastatue aus fleckenlosem Marmor:

Isoldens Werk.

Um den Sockel der meterhohen Gestalt stehen diese Worte:

Inbrünstig bin ich gewesen,

Inbrünstig wie noch kein Andrer.

Rauhsinnig bin ich gewesen,

Rauhsinnig wie noch kein Andrer.

Wehmütig bin ich gewesen,

Wehmütig wie noch kein Andrer.

Abgelöst bin ich gewesen.

Abgelöst wie noch kein Andrer.

Und diesen Spruch einzugraben, war Isoldens Morgenwerk. Ja, und es war ihr gewesen, als läge in dem sonst geneigten Buddhahaupte der große Friede, — der große Friede der Erkenntnis, der vornehme, ganz von mächtigem Menschengeist durchdrungene und gehaltene Friede, nicht der demütige, unselbständige.

Wie ein Jubel, wie eine erstickende Seligkeit war es über sie gekommen. Es schien ihr gelungen, was sie gewollt hatte.

In dem Buddhahaupte lag das Königliche, das ganz Souveräne, die große, seltene Menschenmajestät, die noch über dem Menschenschmerz steht, der das Größte auf Erden und über der Erde ist.

Du ungeheurer Todesschmerz, Leidens- und Lebensschmerz, du bist zu besiegen!

In Isoldens Augen waren heiße Thränen gestiegen. In Wahrheit, ihr erschien das Haupt das zu sein, was es sein sollte, wie sie es in langer leidenschaftlicher Hingebung ersehnt hatte.

Schien es ihr nur so — oder war es wirklich so?

Im Augenblick — jetzt in dieser Stunde war es so.

Sie glaubte, wenn sie auch im voraus wußte, daß sie wieder zweifeln würde.

Sie ging wie über der Erde schwebend in ihrem lichtvollen Raum auf und nieder.

Keine Schwere!

Und es hob sie, daß das Werk für diese beiden Menschen bestimmt sei — für ihre liebsten Menschen auf Erden. Für ihn und sie! Daß sie das ihnen geben durfte und konnte.

Was waren ihr in diesen Jahren Helwig und Lu Geber geworden.

O, ihr lieben, wahren, einfachen Menschen! dachte sie.

Und wie würde Lu sich freuen, wie würde es ihr warm ans Herz greifen, wenn sie die schönen, stillen Züge ihres Mannes und seine Seele im Buddhahaupte wiedererkennen würde?

Was alles hatte Isolde ihm zu danken! was für schöne, tiefe Stunden hatten sie zu dreien miteinander erlebt!

‚O, ihr weltentrückten Menschen!‘ dachte Isolde, ‚in eurem schönen, stillen Heim — auf eurer Insel der Seligen — mitten in der schmutzigen Welt!‘

Wie liebte sie diese beiden! Bei ihnen hatte sie menschenwürdig fühlen und denken gelernt.

Was mit ihnen zusammenhing, war so zweifelsohne!

Daß es etwas so Wahres gab, wie diese Leute!

Wie freute sie sich, beide in ihr Atelier zu führen und zu sagen: „Das danke ich euch! Dir danke ich es, du weiser, guter, abgeklärter Mann, der du so anders bist als andre, von niemandem draußen in der Welt verstanden, du stiller Großer du!“

*

Isolde ist schöner geworden, vornehm, streng im Stil. Sie neigt zu der Art Erscheinungen, wie Mrs. Wendland in ihrer ersten Jugend einst gewesen sein mochte, schlank, bleich, das mächtige, lockige Haar wie eine dunkle Wolke über der Stirn, tiefe Augen, über denen es wie ein Schleier liegt.

Ihre Art sich zu kleiden, ist völlig ungesucht; doch was diesen Körper berührt, wird vornehm.

Isolde ist heute in Feierstimmung. Sie denkt heut nicht mehr daran, etwas zu thun. Sie hört jetzt auf die Schwalben, die hoch oben am blauen Firmament mit ihren seidenen Tönen wie mit Fäden weben und wirken.

Da steht ihre Schwester Marie geistig ihr vor Augen.

Was für ein kleines Gesicht hat der arme Sammtaffe bekommen.

Das Sammtige, Volle ist von ihr geschwunden.

Isolde sieht sie vor sich, wie sie oben in Mengersens Sommervilla, die er sich in der Nachbarschaft von Gebers gebaut, in dem schönen Waldgarten mit einander spazieren gingen, hoch über dem Ufer der Isar.

Marie war damals Mutter ihres ersten Kindes, dessen Geburt ihr fast das Leben gekostet hatte. Seelisch und körperlich konnte sie sich davon lange nicht erholen. Ihr Kind gedieh, aber sie selbst hatte etwas wie vom Frost Getroffenes, etwas Mattes, Stilles, Banges.

Das Kind mochte ein halbes Jahr alt sein, als sie damals mit einander unter den dichtbelaubten Bäumen gingen. Da hatte sich Marie mit einemmal an Isolde geklammert und ihr etwas zugeflüstert, ein Geständnis — ein so banges, schweres, daß sie wieder der Qual und dem Tod entgegenginge, und Isolde war von den fassungslosen, verzweifelten Thränen der Schwester naß am Hals geworden.

Die beiden jungen Geschöpfe hingen an einander und wagten sich nicht in die Augen zu sehen.

Marie weinte trostlos und Isolde wußte nicht, was sie sagen und fühlen sollte.

Es war so peinlich.

„Ide,“ schluchzte Marie, „er kann mich doch gar nicht lieb haben! Wie kann er denn? Er weiß ja wie es war, wie entsetzlich! — er weiß doch alles.

Ide, wenn das Liebe ist!“

Marie schrie wie entsetzt auf und warf sich ins Gras, und lag mit dem Gesicht an die Erde gedrückt, hörte und fühlte und sah nichts vor Weinen.

Isolde kniete neben ihr.

„Sterben, zu Tode gerissen und gemartert werden — alles, wenn es sein muß! alle Qual — alle Todesangst — und alles — alles — alles! — aber Ide, — er ist ja nicht mein Freund!“

Diese arme wehe Stimme! Isolde hörte sie jetzt noch mit voller Deutlichkeit.

„Nichts bin ich ihm! Gar nichts! das, was ich ihm bin, haß’ ich!

Ich weiß, ich bin dumm — ich weiß! — aber, wenn er mit mir spräche, ich würde es doch verstehen, schon weil ich ihn so lieb hab’. —

Ide, glaub mir, ich würde klug aus Liebe. — Ganz gewiß — ich weiß.

Was er Schönes hat, verschweigt er vor mir. Nichts was er denkt, sagt er mir. Wir sind ganz getrennt.“

Sie klagt rührend in die Erde hinein.

Das alles hörte und sah Isolde im Geiste wieder vor sich, so lebhaft, so ergreifend, wie eben erst geschehen.

Sie sah sich selbst, wie sie unbeweglich neben ihrer Schwester kniete.

Und was Marie sprach, schluchzte sie immer noch wie in die Erde hinein: „Ein ganz einsamer Mensch ist nicht einsam, aber ich bin so einsam!

Glaubst du, daß er Mitleid mit mir hat?

Nein sag ich dir! Gar nicht — keine Spur.

Es muß halt so sein, denkt er. Das ist ganz in der Ordnung so. Dafür ist sie eine Frau. Er denkt ich brauche nichts andres — essen, trinken — und sein Weib sein.

Ach was sich so ein Mann denkt — so ein fremder Mann. Und dann glaubt er, daß er unsinnig geduldig zu mir ist, wenn er mich einmal anhört. Aber seinem Gesicht seh ich’s an. — Er ist immer schon mit allem fertig. Einfach meint er, das gehört so mit dazu, daß ich klage.

Siehst du, daß ich nun wieder Mutter werde: das ist so eine Schmach — so ein Elend für Leib und Seele.

Ein Wort, wenn er mir aus seiner Seele gäbe — dann trüg’ ich alles — alles — auch den Tod — auch alles Leidenmüssen.

Die Hände würde ich ihm küssen, wenn er mit mir sprechen würde, wie mit einem Freund. Alles ertrüg’ ich — alles.

Nein, — und ich hab’s mal versucht — mehrmals. — Nie mehr Ide — nie mehr!

Wenn er nicht selbst kommt — ich kann nicht wieder kommen —“

Ihr Körper war von wilden, leidenschaftlichen Thränenfluten erschüttert und gepeinigt.

„Siehst du Ide — die Mutter — der Mutter ists gerade so gegangen! Du hast mal gesagt, du glaubst sie wäre dumm —

Ach Ide — nein! Dumm nicht — verprügelt — abgestorben. — Geschlagen hat er sie nicht — — aber doch verprügelt — mit Worten — mit Gedanken. So eine ewige Mißachtung ist wie ein grauer Regentag. Dabei stirbt die Seele.

Ich fühl’s — ich werde wie Mama.

Was er nur glaubt das ich bin?

Ob er glaubt, daß ich mich wohl fühle?

Ob er überhaupt einmal über mich nachdenkt? — — — Ich weiß nicht!“

Sie war ratlos.

Isolde kniete damals in wahrer Todesangst neben ihr und hielt ihre festgeballte kleine Hand in der ihren.

Und wie Isolde ihre von Weinen ganz entstellte Schwester ins Haus zurückgeführt hatte, kam Mengersen eben aus seinem Atelier.

Er trug, wie immer im Haus, einen weißen Flanellanzug.

Man sah ihm an, er hatte mit Glück gearbeitet und befand sich geistig und körperlich außerordentlich wohl, blies behaglich die blauen Wölkchen seiner Cigarette in die Luft, da bemerkte er die beiden Schwestern.

„Was ist geschehn, Marie?“ fragte er kurz. „Hast du dich wieder gehen lassen? Du sollst ja nicht, bedenke doch deine Lage, und verschone mich etwas, wenn es dir möglich ist, mit diesen Launen. Ein wenig kannst du dich ja wohl zusammennehmen.“

Er war unangenehm berührt. Isoldens Besuche bei ihrer Schwester mochten ihm auch fatal sein. Sie fühlte, daß sie ihn irritierte.

Ihm gegenüber hatte sich bei ihr ein ganz sonderbarer Ton herausgebildet, der ihrer Natur fremd war, eine leichte, kühle Ironie.

Dem Schädel, ihrem einstigen Symbol, hatte sie nicht ohne Sinn eine goldne Narrenkappe aufgesetzt und nicht umsonst den Lorbeerkranz.

Henry Mengersens Kunst war und blieb ihr das Anbetungswürdige, das Große, das sie liebte. Die Liebe zu diesem Inbegriff von Kunst hatte sie zur Künstlerin gemacht. Eine Anerkennung von ihm war ihr heute noch von höchstem Wert und er konnte sie ihr auch nicht versagen. Sie hatte es erreicht: Er anerkannte ihr Talent und ihren Fleiß und das Ziel, das sie wollte.

Wie hatte sie diese Jahre gearbeitet! Als sollte sie sich mit der Arbeit rein waschen von aller Schmach, die ihrer Seele anhaftete.

Nur das konnte heilen und reinigen. Und hätte er ihr zu Füßen gelegen und um Verzeihung gefleht — nichts — nichts hätte das geholfen.

Aber, daß er sie anerkennen müßte!

*

Asketisch hatte sie diese Jahre gelebt, als gäbe es für sie keine Jugend, keine Schönheit und keinen Reichtum.

Daheim, in dem luxuriös ausgestatteten Haus ihrer Eltern, in der Leopoldstraße, bewohnte sie ein kleines, unscheinbares Zimmer, schlief auf einem harten Feldbett, Winter und Sommer bei offenem Fenster, badete täglich kalt, litt nichts Weichliches — nichts Zärtliches in ihrer Umgebung; bei Wetter und Wind machte sie weite Gänge.

In ihr war das Gefühl lebendig: die Schmach abwaschen! die Schmach, die er ihr angethan, rein werden, stark werden, arbeiten, erreichen, Mensch werden.

Daß sie so schön war, freute sie.

Wie sie ihre eigne Schönheit verstand und liebte!

Und sie wurde reiner und reiner. Ihre Seele wußte nichts mehr von Schmach — von eigner Schmach.

Ein solches Gefühl von Starksein, von Schönsein, von Können, von Macht erfüllte sie jetzt oft.

‚Ja, das glaub ich,‘ dachte sie hin und wieder. ‚Ihr möchtet mich einfangen, einkasteln. Einer möchte mich selbst besitzen, meine Schönheit, mein Vermögen und damit schalten und walten nach Gutdünken.

Daß i net lach!‘

Das alles ging ihr jetzt durch den Sinn, als sie in ihrem hohen, weiten Atelier auf- und niederwandelte.

Was war aus ihr geworden in diesen Jahren — etwas so Freies.

So, wie in eine andre Luft, war sie gekommen.

Zum ersticken, wenn sie an ihre Schwester dachte, an ihre Mutter.

Die Nacht, in der sie still wie eine Tote in ihrem Bett gelegen hatte, war unvergessen, war eingebrannt in ihr Bewußtsein.

In ihrem innersten Sein bedeutete es nichts, daß es ihr selbst wohl erging.

Sie gehörte doch zu denen, die tief unter dem Begriff Mensch stehen, zu den Körpern ohne Geisteskraft, die beschimpft, mißachtet, ohne Menschenwürde leben, zu der dumpfen, gedankenlosen Hälfte der Menschheit, die nicht das Recht hat, voll Mensch zu sein.

Sie stand jetzt vor dem Tisch, auf welchem die zwei Briefe lagen, einer, der heute gekommen war und ein anderer, der seit drei Wochen hier schon gelegen hatte.

Sie nahm den älteren Brief in die Hand und las ihn wieder.

Von ihrer Schwester Marie aus Berlin ist er, die schreibt ihr nach der Geburt eines Kindes.

Ein wirrer, mit Bleistift gekritzelter Brief:

„Ide, Todesqual, vierundzwanzig Stunden lang — wie jedes Mal, von Anfang bis zu Ende entsetzlich.

Nur mein Wille, meine armen Kinder nicht zu verlassen, erhielt mich am Leben. Nicht chloroformiert, weil Kind sonst absterben — — schon angegriffen.

Sonst alles in Ordnung. Henry an Vater geschrieben. Denk an mich.

Einsam! Einsam!

Weißt noch?

Ade.“

O ja, sie wußte!

Sie wußte auch, was Henry, Schwager „Weißröckchen“, wie sie ihn nannte, geschrieben hatte:

„Alles vortrefflich! Das kleine Ungeheuer ist, was man so einen „prächtigen Jungen“ nennt! Schwere Entbindung, wie wir das nun einmal in der Gewohnheit haben. Marie befindet sich nach ihren Strapazen jetzt mehr als gut. Der Arzt ist außerordentlich zufrieden. Nicht die geringste Ursache zu Besorgnis.“

Und der heutige Brief. Isolde hatte ihn schon mehrmals gelesen. Sie überflog jetzt noch einmal diese und jene Stelle:

„Mein Mann reist jetzt, weil er ästhetisch gequält ist. Der Herr Wöchner leidet schmerzlich darunter, daß ich meine Mutterpflichten an dem Jüngsten erfülle, — noch schmerzlicher aber darunter, daß ihm jetzt so viel unpoetische Dinge unverhüllt entgegentreten.

Dieser Realitäts- und Wahrheitsfanatiker kann nämlich absolut nicht die Wirklichkeit vertragen.

Und da ich noch vollkommen erschöpft bin, sehr wenig außer Bett sein darf, so kann ich mich nicht mehr als gnädig verhüllende Wolken zwischen ihn und die Wirklichkeit schieben.

Körperschwäche und Ammendienst halten mich von allem zurück. Die einzige Person, die um mich besorgt war, mußte leider sehr bald zurück. Sie war anderweitig engagiert. Die biß für mich etwas Ruhe heraus.

Schade, daß du wegen der armen Mama nicht zu mir kommen durftest. Welcher Trost wäre mir das gewesen!

Seitdem die Wartfrau fort ist, werde ich wieder als „Nützlichkeitstier“ von allen behandelt. Wenn ich mich auch kaum bewegen kann vor Schwäche, muß ich doch mindestens ein Kind warten und häufig noch eins dazu beaufsichtigen.

Dann kommt der Gatte und schimpft, daß immer Kinder bei mir sind und klagt den Himmel an, daß er Familienvater ist, dann versuche ich einige seiner Schmerzen zu lindern, bis die meinen zu stark werden. So vergehn im Wechsel meiner Pein die Tage. Ich halte mich an meinen alten Trost: die Zeit steht nicht still. Also muß ein Wechsel kommen.

Henry hat recht, — so komisch es klingt — eine Frau, die ein Kind erwartet, sollte nicht im Hause bleiben. Er ist so sehr empfindlich darin. Es beleidigt seinen Schönheitssinn, mich in diesem Zustand zu sehn. Es ist ihm unerträglich. Ich weiß das. Zuerst erschien es mir ein grausamer Wahnsinn, wie er es sagte; — mir war, als thäte sich ein Abgrund vor mir auf.

Er sprach es so ganz naiv aus, als Künstler, weißt du.

Aber wie alles nun einmal ist, hat er von seinem Standpunkt ganz recht.

Wundert mich, daß es nicht ein solches Gesetz giebt. Für die Frau wäre es im Grunde auch besser.

Meine Ide, schreib mir doch recht bald einen lieben, langen Brief.

Mich verlangt stürmisch danach, denn ganz inwendig sitzt bei mir etwas Heißes — Feuchtes. Das sollst du fortwischen, du hast den Zauber der Liebe, du kannst es.

Vergiß mich ja nicht, Ide! Von dir kommt mein Leben. Was meine Seele auf Erden hat, hat sie von dir! Einzig von dir. Mit dir wachs’ ich und denk’ ich. Du hältst mich. Laß mich nicht ganz fallen.“

10.

Als Isolde spät abends in dieser Maienzeit mit dem letzten Zug aus Ludwigshöhe nach Haus zurückgekehrt war, befand sie sich in einer wunderlichen Stimmung.

Sie hatte heut ein Stück aus dem Werke ihres guten Freundes gehört.

Das war nicht die Arbeit eines modernen Menschen. So mochte Angelus Silesius gearbeitet haben.

Das war die Offenbarung eines Menschen, der wie die Natur schafft, ohne Eitelkeit, ohne Ehrgeiz, ohne Hast. Das, was er erkannt hat, legt er nieder in einer Form, die mit dem Inhalt in eins wächst, ein ganzes Leben der Erkenntnis.

Wie schön war es da oben gewesen, auf der Insel der Seligen!

Wie glücklich hatten sie zusammengesessen! Lu in ihrer rührend überirdischen Liebe die Hand ihres Mannes haltend, als er las. Dann war sie leise zu Isolde gegangen und hatte deren Kopf an ihre Brust gedrückt.

Wie konnte diese Frau schön sein, wenn es ihr in ihrer großen Liebe wohl auf Erden wurde.

Jede Bewegung von einer süßen, tiefen Zärtlichkeit; in jeder Silbe Wonne und lebendiger Frieden.

Isolde hatte daran gedacht, daß Mrs. Wendland einmal sagte: „Wenn ich die Lu mir vorstelle, seh ich, daß sie genagelt ist an ein Kreuz, mit tausend Rosen überdeckt, ein Golgatha, ganz in Rosen.“

Isolden erschien es immer, als würde der Haushalt da oben in Ludwigshöhe von einem großen Kinde geführt.

Nachdem sie so weltentrückt bei einander gesessen und eine Stunde erlebt hatten, wie sie schöner und reiner auf Erden nicht zu denken ist — Isoldes Buddha hatte auf sie niedergeblickt und wie ein Licht im Zimmer geleuchtet — da war Frau Lu mit einer Schüssel voll Schlagsahne aufgetaucht und einer Kanne holländischen Kakao. Schlagsahne und Kakao gab es da oben immer in der größten Seligkeit und auch wenn sie Kummer hatten. Es war eine ganz naive Art zu leben, die von Frau Lu ausging. Ihren Mann behandelte sie auch so naiv mütterlich; jedenfalls für sie die bequemste Form, ihre strahlende Wärme auf ihn zu richten.

Er wendete sich auch in allem an sie wie an eine Mutter.

Von ihrer Arbeit stand sie auf, kam ganz unvermittelt herein zu ihm und fragte: „Bist du auch wirklich gut zu mir? Hast du mich lieb? Wird alles gut?“

„Es ist alles gut,“ sagte er dann.

„Verzeih,“ sie durfte nicht fragen. „Ist dir auch ein bisserl wohl? Und das wollte ich noch fragen: Nach dem Bad fühlst du dich doch etwa wie nach einem Spaziergang? — so wie neu? Was?

Weißt du, du mußt mir das immer sagen, dann bin ich nachher viel froher.“

Sie lebte immer in der großen Sehnsucht nach Sonne, nach Sorglosigkeit.

Isolde kam so warmen, weichen Herzens von ihren Freunden zurück, so erfüllt von allem Guten.

Dazu heute der milde duftende Maiabend. Schwere bange Wolken am Himmel, Sternaufflimmern und ein Rauschen der neuen Laubmassen.

Sie fuhr in offener Droschke vom Bahnhof nach Hause.

Mama schlief schon, der Vater war auswärts.

Isolde seufzte auf. Seit Mama die Sorgen losgeworden, war sie immer leidend und oft weinerlicher, kleinmütiger Stimmung. Isolde hatte es nicht leicht mit ihr.

Mama war eine so unbewegliche müde Seele geworden, die sich wie ein Bleigewicht an eine junge Kraft hing. Der Vater lebte, wie er es von je her gethan hatte, nur andern Stils jetzt.

Er hatte sein Heim in Berlin, wie in München, und genoß den Umschwung der Vermögensverhältnisse seiner Frau auf das Energischste.

Der Frau selbst waren die Fähigkeiten, zu genießen, abgestorben, so gar der gute Appetit. Mama war meist leidend und mußte knappe Diät halten.

Die Kräfte aufgebraucht, die Sinne stumpf, so stand sie dem Schicksal gegenüber, wie der Mann ohne Löffel, wenn es Brei regnet. Das war, wenn auch unbewußt, der Grund eines tief innerlichen Mißmutes.

Isolde trat in ihr stilles, ganz von lauem Maienduft erfülltes Zimmer. Vom englischen Garten brachte die feuchte Nachtluft ganze Wolken frischen Laubatems. Sie legte die Hände übers Haupt. Wie empfand sie heute das Frühjahr so stark! Es war etwas Beseligtes in ihr und in dieser Beseligung eine so wehe, weiche Sehnsucht. Sehnsucht nach Liebe, nach zärtlichen Händen, anschmiegen, Eins-werden mit dem andern. Sie wollte tief, tief lieben; nur nicht etwas Halbes!

Ein arbeitendes Weib ohne Liebe! O, nein! Sie lächelte. Nein, sie wollte das ganze Leben haben, das volle, das bis an den Rand volle.

Sie sah ihr Gesicht im Spiegel. Wie beruhigend, welcher Trost, daß sie schön war. Jetzt sollte der kommen, der sie lieben würde — den sie lieben würde. Sie war bereit.

Sie stand fest, da wo sie wollte. Nein, von hier verdrängte sie nichts mehr.

Jetzt konnte sie lieben! Wie jung sie war! Solch eine Jugend, die schwer an all dem trug, was sie besaß, wie eine beladene Biene, die aus Blumenkelchen kommt. So viel Macht und Willen — und ihr Können! — und die göttlichen selbständigen Stunden! Diese Seelenräusche, die einsamen, in denen ihre Seele untertauchte und badete, und denen sie glückselig und stark entstieg.

Ein Jubel in ihr!

Sie hielt immer noch die Hände über dem Haupt gefaltet.

Ja, jetzt durfte er kommen, der, den sie lieben würde, — jetzt!

Ihr Leben sollte reich und schön werden.

Da kam ihr die Erinnerung, wie sie als Kind vor Henry Mengersens Radierungen gestanden, zum ersten Mal vom großen Geheimnis der Liebe rein berührt, nach jenem frühlingshaften Koboldstreiben unter den Schulmädchen; und wie sie nach Haus gelaufen war, das arme junge Herz zerspringend voll von dem Gefühl: das Herrlichste auf Erden ist Weib sein! — sich opfern!

„Ja, ja,“ sagte sie leise, „nur anders. Noch größer muß das Opfer sein. Menschlicher, schöner, bewußter.“

Da lag ein Brief, den sie übersehen hatte.

Sie nahm ihn, schaute auf die Adresse. Eine fremde Hand. Eine Bangigkeit stieg ihr wie von diesem Briefe auf — etwas sie Überschauerndes, Sonderbares.

So erregt war sie in diesen dunkeln Frühlingsstunden!

Eine Frauenschrift — eine gelenke Schrift ohne Charakter, mit blaßbrauner, gewässerter Tinte geschrieben.

„Ein Bettelbrief,“ sagte sie sich und öffnete ihn:

„Liebes, hochgeehrtes Fräulein!“ las sie.

„Verzeihen Sie einer Ihnen ganz Unbekannten, daß sie sich an Sie wendet. Eine feine junge Dame, wie Sie, lebt so anders wie unsereins und wird sich sehr verwundern. Mißachten Sie mich nicht, ich bitt’ Sie recht herzlich darum. Ich steh ganz allein und, liebes Fräulein, ich bitt Sie noch einmal recht herzlich, sein Sie so gut und denken Sie nicht schlecht von mir. Ich bin ein armes Mädchen. Es ist mir immer schlecht und knapp im Leben gegangen. Ich bin Ladnerin und auch Buchhalterin bisher gewesen und kenne Sie auch, gnädiges Fräulein. Sie haben manchmal unser Geschäft besucht.

Ich bin in Hoffnung, damit ich’s nur gesagt hab. Ich hab keinen Pfennig Geld in der Hand und meine Entbindung kann ich jede Stunde erwarten. Glauben Sie mir, nur in der größten Not und Angst wend ich mich an Sie. Die Hebamme, wo ich seit ein paar Tagen wohne, will mich nicht behalten, weil ich ganz mittellos bin. Sie will mich in die Anstalt in der Sonnenstraße schaffen.

Du lieber, guter, barmherziger Gott! Haben Sie Mitleid mit mir!

Ich weiß nicht aus und ein vor Angst. Ich bin guter Leute Kind. Die Eltern sind gestorben. Retten Sie mich, gutes, liebes Fräulein, daß mir das nicht geschieht. Ich stürb vor Scham. Thun Sie was für mich! Der Vater von meinem Kind will nichts mehr von mir wissen. Er hat jetzt eine Andre.

Ach daß er’s zuläßt, daß ich dort niederkommen soll! so nackt und bloß vor aller Augen. Die Hebamme sagt, der Kopf wird einem verdeckt! — Es ist doch auch sein Kind, er hat mich doch einmal gemocht.

Liebes, gutes, barmherziges Fräulein, thun Sie was für mich! Ich bitt Sie so sehr ich kann, mit aufgehobenen Händen. Gott lohns Ihnen, liebes Fräulein.“

Hier folgte die Adresse der Hebamme und als Nachschrift stand: „Fragen Sie nur nach dem blonden Mädchen aus Aussee.“

Ja, von diesem Brief stieg es bang und schwer auf. Als wenn zwei arme, zitternde Hände sie faßten und zur Thüre drängten, so empfand sie’s:

„Geh — geh — ach geh doch!“

Sie fühlte sich wie nicht allein in ihrem Zimmer. Das, was aus dem Briefe aufgestiegen, erfüllte es ganz und gar, war leibhaftig da, so weh, so hilflos, hilfesuchend.

Und sie ging.

Da stand sie im Vorhaus, warf im gehen ihren leichten Abendmantel um. Ihr Käppchen stülpte sie auf.

Unter den hohen, flüsternden Pappeln der Leopoldstraße schaute sie noch einmal zum Hause zurück und bemerkte in dem Zimmer ihres Bruders Licht. Der war merkwürdiger Weise schon um diese Zeit zurückgekehrt. Die Fensterflügel standen offen.

Er hatte die Hausthür wohl gehen hören, war ans Fenster getreten und mußte sie bemerkt haben, denn er bog sich hinaus und schaute ihr nach, rief ihren Namen mit einer ganz sonderbaren Betonung, die sie lächeln machte. Jetzt beschleunigte sie ihre Schritte, denn sie fürchtete, er könnte auf den Gedanken kommen, ihr zu folgen.

Am Odeonsplatz nahm sie eine Droschke und fuhr durch die stillen, nächtlichen Straßen; im langsamen Trab ging es vorwärts. Ihr Herz klopfte der fremden Not entgegen.

Vor einem Hause in der Buttermelcherstraße ließ sie halten. Die rote Laterne einer Hebamme leuchtete dort.

Auf Isoldens Läuten öffnete sich die Hausthür und eine starke Person in einem verschabten Prinzeßmorgenkleid, das sie mit einer ordinären Petroleumlampe beleuchtete, trat halbwegs auf die Straße hinaus.

Isolde fragte nach dem Mädchen.

Die Augen der Frau bohrten sich in Isoldens Erscheinung ein, als wollten sie mit einem Blick durchschauen, wie das vornehme, junge Mädchen mit der armen Ladnerin zusammenhing. Was wollte die denn jetzt?

„Wohnt nicht mehr hier?“ fragte Isolde enttäuscht.

„Ich habe sie heut in die Sonnenstraße gebracht, gnädiges Fräulein. Da ist sie wohl aufgehoben, besser dran als bei mir. Sehn Sie, unsereins muß oft mehr herhalten als recht ist. Die jungen Mädchen, — wie das so ist, — sparen thuns net, mit ei’mal stehns vor der Bescherung. Da soll die Hebamme herhalten. Wenns irgend angeht, hat er sich bei Zeiten gedrückt. Wissens Fräulein — verzeihens; wir sind doch auch net da, um alles auszubaden. Für solche ist eben die Anstalt in der Sonnenstraße. Möcht wissen für wen sonsten, wenn net für die!“

Die Frau war noch in dem Eifer, den sie angewandt haben mochte, um das unglückliche Mädchen loszuwerden und anzubringen.

„Ich zahl für sie,“ sagte Isolde. „Holen Sie sie wieder zu sich. Benutzen Sie gleich meine Droschke. Fahren Sie sofort.“

Isolde war es, als wenn wieder zwei arme, arme Hände sich an sie legten und sie rührend drängten.