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Halbtier: Roman

Chapter 13: 12.
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About This Book

A densely crowded city is described under oppressive heat, where a sudden thunderstorm and the accidental unearthing of human bones at a market unsettle everyday routines. A young woman observes a skull from her window, while the household interior reveals divided tastes and vanities. Family life is strained as a father withdraws to seek inspiration outside domestic ties, leaving children puzzled by his distance. Public curiosity, private longing, and the collision of ritualized social habits with reminders of the past produce a mood of claustrophobic yearning and uneasy revelation.

„Ein paar Stunden, wanns früher gekommen wären. Jetzt glaub i net. — I mein mal net.“

„Ich zahl für sie,“ wiederholte Isolde noch einmal. „Mein Name ist Isolde Frey.“

Da stutzte die Frau eigentümlich.

„Erlaubens, Frey? wenn ich recht gehört habe?“

„Ja, Frey, Leopoldstraße.“

Die Frau schaute Isolden ganz perplex an, schloß die Hausthür, die noch ein wenig offen stand, stellte die Lampe auf den Fußboden neben sich hin und sagte: „Also vom Herrn Bruder geschickt?“

„Von meinem Bruder?“ fragte Isolde verständnislos.

„Herr Studiosus Karl Frey?“ fragte die Frau noch einmal.

„Das ist mein Bruder.“

„No also! Und der ist auch der Vater von dem Mädchen seinem Kind. So weit als ich die Kleine kenne, ist sie ganz a sauberes Madel, das was auf sich hält. Also da hat er doch noch ein Einsehn gehabt. Ja, die ganz jungen Herren die sind a Kreuz für’n Mädel.“

Isolde war in der größten Verwirrung. „Ich fahr zu ihr, ich bring sie!“ sagte sie heftig. „Kommen Sie nach.“ Sie drückte der Hebamme zehn Mark in die Hand. „Alles wird gezahlt.“

*

Als Isolde mit zitternder Hand nach der Klingel an dem eisernen Gitterthore des roten Hauses in der Sonnenstraße suchte, schlug ihr das Herz zum zerspringen. Sie war wie im Fieber.

„Unmöglich!“ sagte sie immer von neuem leise vor sich hin. — „Unmöglich — unmöglich!“

Ein Grausen vor ihrem Bruder stieg in ihr auf.

Dies blonde, joviale Gesicht — das breite Lächeln, die Wohlbehäbigkeit, die Überhebung in jedem Wort, die herablassende Höflichkeit gegen die Mutter und sie selbst!

Und nichts hatte man diesem Gesicht angesehen, diesem breiten, frechen Gesicht. So behaglich wie immer hatte er dieser Tage ausgesehn, dieselben dummen, faden Witze, dasselbe rekeln und dehnen daheim.

Und seine plumpen Fäuste hatten sich von solch’ einem armen, unseligen Herzen losgemacht und seine plumpen Füße waren über ein Menschenwesen hingegangen, das sich ihm in Liebe gegeben hatte!

Als die Thüre geöffnet wurde, konnte Isolde nicht sogleich zu Worte kommen. Dann erfuhr sie das „zu spät“.

„Die müssens schon jetzt hierlassen.“

Isolde stand ratlos.

Die Thüre wurde geschlossen.

Isolde zahlte dem Kutscher. Sie wollte nach Hause gehen. Ja, sie mußte gehen, ihre eigenen Füße gebrauchen, um weiter zu kommen.

Das Kind ihres Bruders wurde da drin in dem Haus geboren von einem armen, ganz verlassenen, preisgegebenen Geschöpf. Weil sie arm war, mußte sie alles über sich ergehen lassen, was an Entsetzen auszudenken ist; weil man ihr Barmherzigkeit erwies, mußte sie mit dem Einzigen, was sie hatte, mit der Scham ihrer armen Seele überzahlen.

Ihre Schmerzen, ihre Todesnot wurden kühl beobachtet, notiert, vielleicht belächelt. Welche Einsamkeit!

Das hatte ihr Bruder der angethan, die er geliebt! die ihm jetzt sein Kind gebar.

In Isoldens Seele wurde etwas starr. In ihren Schläfen hämmerte es vor Empörung. Sie ging, als berührte sie den Boden nicht.

Jeder Blick, den sie heute ins Leben that, in das, was die Menschen „Leben“ nennen: Ekel!

Eine Welt für Bestien, für Raubtiere, die einander würgen und die dann fragen: „Wie ist das Böse nur auf unsre gute Welt gekommen!“

Da dachte sie an ihren Freund, der seine Lebenskraft gab, um diesen wunderlichen stumpfen Hirnen die Sinne zu öffnen, dadurch daß er das Wunder und Geheimnis enthüllte, wie das Gute auf diese Welt des Fressens und Gefressenwerdens gekommen ist. Ein Wunder ohne gleichen!

*

Am andern Morgen, nach einer schlaflosen Nacht, wurde Isolde zur Mutter gerufen, die sich nicht wohl befand.

Es gab da zu trösten und zu ermutigen.

Die Mutter litt oft an einer plötzlichen nervösen Herzschwäche und war dann in tausend Ängsten um ihr Leben.

„Fühl nur, Isolde, wie der Puls wieder geht, fühl!“

„Garnicht so übel, was willst du denn, wie soll er denn gehn?“

„Meinst du?“ fragte Mama aufatmend, „mir war, als wenn er ganz aussetzen thät. Geh bitt’, reib mich mal ein bissel in der Herzgegend. Nimm aber Öl an die Finger. — Und dann die Hände — auch reiben — da zuckts und druckts bis in die Fingerspitzen. Ah — ah.“ Mama stöhnte.

Isolde rieb und tröstete.

„Die Angst! die Angst! — ach Isolde! So was kannst du dir nicht vorstellen, wie das ist! Geh, gieb mir mein Brompulverl.“

„’s ist ja keins mehr da, du weißt ja.“

„Dann laß es in der Apotheke schnell machen; aber schnell ein bissel.“

Isolde ging, um es einem der Mädchen zu übergeben. Auf dem Vorsaal hörte sie im Speisezimmer ihren Bruder schelten.

Das Zimmermädchen, das den Theetisch zu besorgen hatte, kam aus der Thür.

„Der Lachsschinken für den jungen Herrn ist net vom Dallmeier geholt,“ sagte sie.

Da that sich die Thür auf und Karl erschien auf der Schwelle. Er hatte Isolde gehört. „Möchte wissen,“ rief er, „wie oft ichs noch wiederholen muß, daß ich keinen andern Schinken mag. Ich dächte Isolde, du thätest dir auch kein Bein ausreißen, wenn du den Dienstboten ein bissel besser auf die Finger passen thät’st!“

Isolde starrte den kauenden Bruder wie eine unbegreifliche Erscheinung an. Er wollte eben die Thüre wieder schließen. „Übrigens wo warst du gestern Abend?“ fragte er barsch.

Isolde wendete ihm den Rücken. Karl schloß die Thüre heftig. Als Isolde endlich von allem, was diesen Morgen sie bedrängt und aufgehalten hatte, frei gekommen und bereit war, dahin zu gehen wohin es sie wie mit Händen zog, hörte sie ihren Bruder behaglich mit dem Vater lachen und plaudern.

Die Stunde nach dem Morgenthee verbrachten Vater und Sohn gewöhnlich im Frühstückszimmer, Zeitung lesend und rauchend. Isolden grauste es vor der vollen männlichen, sorglosen Stimme ihres Bruders, in der so viel Wohlbefinden lag.

Die behagliche Stimme verfolgte sie noch auf der Straße und trieb sie wie mit einer Peitsche an.

*

Und jetzt stand sie wieder vor dem stattlichen roten Haus und drückte wieder bang in schwerer Erregung auf die Klingel.

Sie that ihre Frage und bekam etwas zur Antwort, etwas, das ihr das Blut wie einen Strahl zum Herzen trieb, und die Augen verdunkelte.

Sie hatten das Mädchen auf die Anatomie gebracht.

„Wie?“ fragte Isolde verwirrt. „Ich will hin,“ sagte sie.

„Heut könnens auch hin,“ meinte die Person, die geöffnet hatte. „Aber ich möchts Ihna net raten.“

*

In einem öden, breiten Gang, wie sie offiziellen Gebäuden eigen sind, stand sie, bis eine Art Hausmeister sie in den Saal führte.

Ein kahler Raum, die untere Hälfte der Fensterscheiben mit weißer Ölfarbe verstrichen.

Die Wände grauweiß, lange graue Tische, grauer Steinboden — dort um den Tisch, da standen sie dicht gedrängt.

Da lag ihres Bruders Weib nackt vor kalten Blicken. Neben der Mutter, ihres Bruders Kind, wie eine welke Blütenknospe, formlos, schlaff. Isolde drückte sich an die graue Wand und starrte auf die Gruppe junger Männer in weißen Röcken und auf den langgestreckten, nackten, zermarterten Leib.

Ein weißes, starres Gesicht mit geschlossenen Augen, die Stirn von blonden Löckchen umrahmt, lag wie im tiefen, reinen Schlaf, einen wehen, eisernen Schmerzenszug um die blauen Lippen.

Isolde starrte auf diesen Zug. Der Brief des armen Dings knisterte noch in ihrer Tasche. Sie faßte danach. Sie hielt ihn fest in der Hand, wie ein wichtiges Dokument.

Da fuhr ein furchtbarer Schnitt über Brust und Leib des toten Weibes. Das stille reine Gesicht mit den schweren, starren Augenlidern lag teilnahmlos, voll rührender Hoheit über all dem Entsetzen, dem blutigen Gräßlichen, was da geschah.

Da traf Isoldens Ohr ein Lachen, ein so widerlicher Witz. Der krallte sich in ihre Seele ein und haftet da, ein Witz, so voller Weib-Verachtung.

Das jammervoll zerrissene, zermarterte Geschöpf hatte dazu herausgefordert. Der zu Tode gepeinigte Körper predigte vom Leiden des Weibes, von seinem Opfer.

Die Weißbeschürzten fühlten sich im Besitz strotzender Kräfte, strammer Jugend. Da lag der ganze Jammer des Weibes vor ihnen, war ihnen preisgegeben; und das stille Gesicht in seiner Hoheit, das die Welt und den Schmerz überwunden, was wollte das? Was sagte das?

‚Du Schmerzenshoheit, du Todeshoheit!‘ dachte Isolde, ‚wie stehst du doch über allem, bist größer als alles!‘

Sie hätte sterben mögen vor Ekel und Entsetzen, wäre dies stille Gesicht nicht gewesen.

Der zerrissene, unverhüllte Körper, der hier vor frechen kalten Blicken lag, war das Weib, dem alles ohne Scheu geboten werden konnte, das Weib, das nie zur Menschenwürde noch gelangt war.

Etwas wie fanatischer Jubel regte sich in Isolde, weil sie zu den Niederen, den Erniedrigten gehörte.

Die Witze galten ihr! Sie teilte sich darein mit dem zerfetzten Leib dort!

Aber das stille, unberührte Antlitz mit dem furchtbar starren Zug leuchtete wie ein Licht unter den gemeinen, rohen, lebendigen Gesichtern.

Ihres Bruders kauendes Gesicht wurde überstrahlt wie von einer Sonne.

Da war etwas in dem Totenantlitz, etwas Sieghaftes. Und dies Sieghafte fühlte sie in sich selbst.

Sie preßte die Hände an ihre Brust.

Wie ein Schatten, wie in sich selbst verkrochen, stand sie ganz entrückt.

Es war ihr, als hörte sie ihren eignen Namen da an dem Tische mit Entrüstung aussprechen. ‚Es wird mich einer oder der andre wohl kennen‘, dachte sie kühl.

Ja, da ist etwas groß geworden im Weibe, — unüberwindlich, groß durch Schmach. Mitten in dem dummen, albernen, unentwickelten ist eine Kraft gewachsen, die Kraft, die durch Leiden, Verachtung, Verstoßung wächst.

Hellsehend überschaut Isolde das rechtlose, zum Halbtier herabgedrückte, geistberaubte, schmerzbeladne Weibtum dieser Welt.

Das lallende, unbewußte, demütige, dumme, niedere, das alles hinnimmt ohne Gegenwehr wie der blutige Leichnam dort.

Aber das heilige Weibantlitz, das unerschütterliche in diesem Antlitz, das war das Begeisternde — das Lebendige, die große Hoffnung.

Als vier Fäuste den Leichnam achtlos, ohne jede Barmherzigkeit, die der junge, schmerzzermarterte, verlassene Leib als heiliges Recht hätte verlangen dürfen, in eine Kiste warfen, wie etwas völlig Abgethanes und das Kind auf den Körper der Mutter fallen ließen, und der flache Kistendeckel, der zum Sarg der Aller-Allerärmsten gehört und den sie den „Nasentetscher“ nennen, darüber gelegt wurde, da war die Tragödie zu Ende.

In Isolden stieg einen Augenblick der Gedanke auf, daß sie einen menschenwürdigen Sarg für den armen toten Leib besorgen wollte. — — Aber nein, daran nicht rühren! Sie ging, die ganze Seele voller Weltliebe, bereit sich zu opfern, — bereit, mit ihrem Leben einzustehen gegen die ganze Welt.

Und draußen war voller Frühling, Werdelust und Werdekraft in der warmen, sonnendurchströmten Luft.

Sie atmete tief, tief auf und ging an den gedankenlosen, hetzenden Menschen wie an Larven vorüber. Bis in die kleinste Faser war sie jetzt lebendig und wach, sich ihrer selbst bewußt, ihr Wille so mächtig. Alle Alltagsgesichter, die ihr begegneten, waren ihr wie durchsichtig, das dumpfe Befangensein in diesen Köpfen fühlte sie. Wie Tote erschienen sie ihr alle, im Gegensatz zu sich selbst.

Sie aber lebte!

*

Sie blieb über Mittag in ihrem Atelier. Unmöglich hätte sie heut ihrem Bruder gegenübersitzen können.

In dem großen, weiten Atelier wanderte sie auf und nieder, durchmaß breite Strecken in diesem stundenlangen, unaufhörlichen Sich-hin-und-her-bewegen.

Über ihr webten und wirkten wieder die Schwalben mit ihren seidenen Tönen Fäden über den blauen Himmelsraum.

Wie sie ihr zu Herzen drangen, diese Sommerlaute!

Und immer dieses starke, weite, alles überwindende Lebendig-sein! Dieser große Wille, dies Sich-opfern-wollen!

*

Erst am Abend wagte sie sich zaghaft nach Haus.

Im Wohnzimmer traf sie auf ihren Vater. Noch immer war er eine stattliche Persönlichkeit, mit einer Weltzufriedenheit im Auge jetzt, ein zufriedener Prophet.

Er trat auf sie zu, legte ihr die Hand weich auf die Schulter.

„Déesse! Extravaganzen! Du bist — da — heut gesehen worden, bestes Kind!“

Isolde blickte ihren Vater mit großen Augen an.

„Karln ist es mitgeteilt worden. Déesse! — Kind!“

Eine Würde sondergleichen ging von der mächtigen Persönlichkeit aus.

Isolde erwiderte mit keinem Wort.

Der Vater schwieg auch.

Seine volle, lebendige Hand lag noch immer auf Isoldens Schulter.

„Sag mal, Kind,“ begann er wieder, „was ging das dich eigentlich an? Wie kommst du darauf? Weißt du, Déesse, das ist im vollen Sinn eine Taktlosigkeit! Mir vollkommen unverständlich, wie du darauf gekommen bist. Spionierst du vielleicht? Kontrolierst du vielleicht auch ……“ Doktor Frey sprach nicht aus.

„Weißt du, mein Kind, Karl ist ein junger Mann — kein Pensionsmädel, braucht keine Governeß.

Hat der arme Junge Unglück gehabt — laß deine Finger davon. Laß ihn! Karl ist wild über dein Betragen. Meinst du denn, daß es ihm angenehm war von deiner Anwesenheit — dort — zu hören? Junge Leute untereinander! Teufel auch! Davon verstehst du nichts. — Was für ein Gesicht soll er denn machen, wenn das von dir erzählt wird?“

„Ja, — weißt du, Isolde, das ist denn doch zu toll!“ das war Karl, der das sagte. Er stand in der Thür, voll, breit, schwerfällig, empört. Die Weste stand ihm offen. Sein Gesicht war stark gerötet. „Fahr du nur so fort mit deinen Überspanntheiten, du verrücktes Huhn, das wird noch gut werden, du kannst so bleiben! Heirat endlich, damit man Ruh hat!“ Er trat in das Zimmer zurück, aus dem er gekommen war und warf die Thür mit voller Gewalt ins Schloß.

„Ein ander Mal laß ihn ungeschoren,“ sagte Doktor Frey. „Kein Mensch hätte von der Affaire gehört. Nicht eine Stunde wär der Frieden gestört, — und nun! Du weißt, daß ich Ärger im Haus nicht ertragen kann.“

Mama machte die Thür vorsichtig auf. „Ach Gott — was ist denn?“

Isolde steht bleich, in sich zusammengefaßt, wie eine Weltdame, die in einer leichten Unterhaltung gestört wird.

„Garnichts, liebe Mama. Nicht der Rede wert — etwas ganz Alltägliches.“

11.

Sie hatte so in sich selbst verschlossen gelebt — in ihrer Arbeit.

Sie hatte gewissermaßen nicht für ihre eigene Person erstrebt, was sie nun anfing, zu besitzen.

Das Weib in ihr war es, was sich mühte, was rang, was ein Ziel verfolgte, was tief erregt bei jedem Mißlingen verzweifelte, was aufjauchzte bei jedem Gelingen.

Sie wollte den Begriff Weib in sich selbst umwerten, umgestalten. Erlöser-Seligkeit und Schmerzen standen ihrer Seele nach.

Weltfremd, jahrelang nur von einem fanatischen Arbeitsgeist besessen, war ihr vieles jetzt so neu.

Wie mit wunden Nerven hatte sie seit jener Nacht vor fünf Jahren das Weib-sein empfunden. Das Geschöpf zweiter Klasse sein, das Ausgeschlossen-sein von allem geistig Lebendigen, das Stehengebliebene, Unentwickelte — nur Körperliche.

Es war so etwas Trauriges — um das Weib …

Sie arbeitete fanatisch, sprach aber zu keinem von ihrer Arbeit — kein Wort über Kunst! Taktlos — albern von einem Weib. Wozu? Einfach lächerlich!

Wo sie hinblickte, traf sie auf eine schmähliche Kränkung.

Jedes Buch, das sie aufschlug, bestätigte was sie empfand.

Begeisterte sie sich an einem großen Geist der Vergangenheit, mußte sie vergessen und darüber hinwegsehen, daß dieser Geist nicht über die Erde gegangen war, ohne daß er dem Weib ein neues Schandmal aufgedrückt hatte. — Wie ein Fluch traf sie es, als sie auch durchschaut hatte, daß Buddha, der Wundervolle, der Tiefste der Tiefen, der Welterlöser, Leidensüberwinder, das Weib ausgeschlossen hatte — ausgeschlossen aus ihrem ureigensten Reich der Leidensüberwindung und Erkenntnis des Leidens.

Wohin sie sah, Schmach!

Sie litt unter der scharfen Einsicht in ihrer Lage — der Lage des Weibes.

Wie ein leidenschaftlicher — verzweifelter Fanatismus ergriff sie es oft.

Ihre Seele war so eine freie und frohe. Stolz, ausgelassen, freiheitstrunken wäre sie gern gewesen — wenn sie nicht immer alles gesehen und durchschaut hätte.

Wie Peitschenhiebe fuhr es oft über sie hin.

Sie konnte nicht so dumpf leben wie die andern — so breit, behaglich, angebetet und verachtet. Das stille, starre Totengesicht mit dem Zug der Weltüberwindung, der Schmerzüberwindung verließ sie jetzt seit Wochen nicht. — Sie wollte und mußte dies Antlitz in sich schaffen. —

Sie wollte etwas bilden. — Das Antlitz des Weibes.

In dieser Zeit hörte sie zum ersten Mal mit Bewußtsein von der unglaublich wunderlichsten Sklavenbewegung.

Das Weib begann zu revoltieren, das Weib, das, so lang es Menschen auf Erden giebt, sich geduckt hatte. Das unüberschaubare Zeiten sich hatte treten und mißhandeln lassen, das wie ein hungriges Raubtier seit Jahrtausenden was es wollte, erlistet und erschlichen hatte.

In einer kleinen Provinzstadt, in einer Kochschule war ein sonniger Saal mit Tannenguirlanden und frischen Laubgewinden, Blumensträußen und Fähnchen dekoriert. Da kamen die Frauen zusammen.

Isolde trat etwas spät, von der Reise ermüdet, in den Saal ein, als schon alle versammelt waren.

Eine heiße, sonnige Luft.

Das welkende Laub strömte betäubend duftend seine Säfte aus. So etwas Mattes, wie Herbstgeruch in der schwülen Luft.

Kleiderstoffe, ein ganzes Feld von Hüten aller Arten und Formen. —

Häßlich, wie jede Menschenansammlung, eine Anhäufung von Lappen, die alles Menschliche versteckt, etwas Formloses, Totes, Trocknes.

Diese vielen Frauen, in ihren vielen Kleidern, bedrückten und verstimmten Isolde.

Aus all dem Wust die kleinen, welken, dummen, vom Leben angekränkelten Mondchen, die menschlichen Gesichter.

Was für ein Angefaultes, Angefressenes ist so eine Menschenmenge! — so etwas Trauriges, Schauriges, kümmerlich Verdecktes.

Vor weißverhangenen, sonnenbeschienenen Vorhängen saßen die Frauen vom Vorstand, kräftige Matronen; ein schmaler, langer Tisch vor ihnen. Die weißen, blendenden Vorhänge hinter ihnen ließen sie wie kompakte, schwarze Schatten erscheinen.

Die Versammlung wurde in würdiger Form geleitet.

Ein Präsident konnte den Reichstag nicht vortrefflicher eröffnen.

Aus der Menge erhob sich hin und wieder aufgefordert eine und sprach, mit einem befangenen Stimmchen, von ungeheuren Dingen, unter denen die Menschheit seufzt.

Sie faßte diese Dinge bei einem kleinen Zipfel und zeigte ihn wie ein winziges Pröbchen von einem ganz wunderbaren, riesigen Stoff, in den ungeheure Gestalten, geheimnisvolle, mächtige Muster eingewirkt sind.

*

Isolde kannte ein altes Kloster in Südtirol, das hoch auf einem Felsen liegt, ein Kloster zur ewigen Anbetung.

Sie hatte einen Winter mit ihrer Mutter in Südtirol zugebracht und am Allerseelentag war sie zu diesem Kloster in der Dämmerung hinaufgestiegen.

Weißverhangener Himmel, als wollte schon Schnee kommen; Regen rieselte, und Nebel stiegen dicht aus dem Thal auf und schieden das Kloster zur ewigen Anbetung von aller Welt ab, so daß es von keinem Auge mehr gesehen wurde. Geheimnisvoll, wie eine Gralsburg, schimmerte, wenn der Nebel ein wenig riß, ein Turm, eine Fensterreihe, wie mitten aus Wolken.

Eine unsagbare Einsamkeit war da oben — eine herzbeklemmende, bange Einsamkeit.

Und hoch vom Felsen, aus der kleinen, im tiefen Nebel verborgenen uralten Klosterkirche heraus kamen zwei Stimmchen, wie im unendlichen Raume schwebend — so traurig, so weltverlassen. So körperlos mystisch, so übermenschlich weh sangen die Stimmchen am Allerseelentag vom Tod und vom Leiden der Welt.

Dieselben Stimmchen, im Raume schwebend, drangen jetzt wieder zu ihr, rührend, weltfremd, schmerzbeladen, ihre Seele bedrängend. Dazu parlamentarische Würde und Sicherheit, ein ganz wunderliches Gemisch. So etwas Strammes, als hätten die mächtigen dunkeln Schatten der Frauen am Vorstandstisch, vor dem grellen Hintergrund, Boden unter den Füßen und könnten auf eignem Grund sich regen, so etwas Gesetzmäßiges, Wichtiges, als wären die Gesetze schon da, um besser, menschenwürdiger zu leben.

Dazu der Saal mit den Guirlanden und Fähnchen! so unbeholfen sicher. Ein ganz eigner banger Eindruck.

In Isoldens Seele war das reine Totenangesicht wie eingebrannt. Das Gesicht, das mit seinem Ausdruck des Großgewordenen durch Leiden, wie eine Sonne alle lebendigen, befriedigten Gesichter überstrahlte. Es wurde ihr hier schwerer an dies Gesicht zu glauben, als irgendwo sonst.

Und doch — in den weltfremden, weltverlassenen Stimmchen zitterten Laute, so rührend und lallend sie auch klangen, in denen das ganz Tiefe, das große Wollen lag — das Wollen, das sich Bahn bricht, sei es wie es sei.

*

Isolde träumte, während die kompakten Schatten Bericht erstatteten, was in Sache der Frauen in diesem Jahr geschehen und nicht geschehen war. Gut bürgerliche Vereinsbefriedigung lag währenddem über ihnen.

Isolde träumte, daß sie aufgestanden und an den Tisch vor den gelben Sonnenhintergrund getreten wäre und in die Blendung hinein und zu den mächtigen, dunkeln Schatten gesprochen hätte:

„Würdige Frauen, laßt doch eure Barmherzigkeit jung sein!

Jung und stark.

Laßt sie nicht alte ausgekrochne, ausgeschlichne Geleise schleichen.

Thut doch etwas ganz Erstaunliches! Etwas, worüber die Welt in Lachen ausbricht, in Zorn und Wut. Weil ihr zu trotten versucht, wie der Mann trottet, so schwer und bedächtig — glaubt ihr, ihr habt es schon erreicht, was ihr wollt — oder werdet’s erreichen? — O weh, etwas Altes!“

Aber das klagende Stimmchen im Raum ist noch so jung.

„Ich beschwöre euch, thut etwas Königliches, etwas Freies! Nichts Althergebrachtes. Nichts Kluges — nichts Vernünftiges — laßt die That der Frau wie eine lang verschüttete, eingeengte Quelle mächtig rücksichtslos hervorsprudeln — thut etwas, das davon zeugt, daß ihr den großen Willen habt, den weltüberwindenden Willen. Breitet eure großen Flügel aus wie Glucken. Bereitet dem jungen starken Weib ein Nest.

Ein eignes Nest mitten in der harten, frechen Welt. Baut eine uneinnehmbare Veste aus eurem Willen. Ohne daß ein Funke von Verachtung in eurem Blick aufsteigt, laßt in unangetasteter Reinheit das junge Weib ein Kind ihr eigen nennen dürfen. — Ein Kind und Arbeit! Gebt ihnen Arbeit, bei der ihnen die Seele weit wird, und ein Kind, das ihnen das Herz froh macht. Seht ihr — ich gebe euch den großen Willen — nehmt ihn!

Laßt sie nicht in der Arbeit, nach einem Kind hungernd, wie ein Raubtier verlangen.

Macht etwas Ganzes aus ihr!

Breitet eure großen Flügel aus wie Glucken und laßt ihnen nichts geschehn!

Schützt sie, und sie sind geschützt, sagt, sie sind ehrbar — und sie sind ehrbar.

Schlagt ihn, er hat keinen Freund!

Aber hat er einen Freund, wer will den Menschen dann berühren? Wer kann ihm ernstlich schaden?

Des Menschen Wille schafft die Welt! Weshalb dem jungen Weib nicht ein Nest, worin es werden kann, was es werden will und werden muß, wenn es einmal mit beiden Lungen frei atmen kann, wie ein Geschöpf Gottes und beides hat, ein Kind und Arbeit. Und aus diesem kleinen Nest wird eine neue starke Menschheit kommen — allen zum Trotz, die eine Menschheit von Sklaven und Haustieren wollen.

Achtung wird das Weib unter der Sonne genießen.

Lachen und jubeln wirds!

Die ungeheure Gesetzeslast und die Mißachtung hat die Frau mit einem leichten Fußtritt bei Seite geschoben wie durch ein Wunder, und wieder wie durch ein Wunder ist sie nun frei geworden — und sieht, daß sie nie gefangen war.

Streicht ihr über die verwirrten Augen mit sanften, klugen, wollenden Mutterhänden! und breitet die großen Flügel aus wie Glucken.“

So hatte Isolde, im Stuhl zurückgelehnt, thöricht geträumt, gerade als die würdigen Frauen am Vorstandstisch die Frage aufwarfen: „Soll die Frau den Titel des Mannes führen oder nicht?“

Und dann kam wieder eine andre sehr vernünftige, untadelhafte Frage — sehr korrekt.

Isolden war es zu Mute, als müßte draußen ein dunkles, starkes Gewitter ausbrechen.

Es schien aber helle, grelle Julisonne, kein Wölkchen am Himmel. Schwüle, erdrückende Schwüle im Saal. Die Laubguirlanden strömten ihre Säfte aus.

Es duftete nach sterbendem Laub und heißen Körpern, eine einschläfernde Atmosphäre.

Und doch stieg aus dieser drückenden Atmosphäre etwas Starkes, Lebendiges auf. Für eine feine Seele voller Weltliebe war es auch zu spüren.

Aber was ein Sturm sein sollte, war noch ein kleiner, spitzer Luftzug wie aus einer Fensterritze.

12.

Es war in diesem selben Jahr, Weihnachts-Heiligerabend. —

Der Zusammenschlag aller Herzen, alter und junger, trauriger und fröhlicher, durchzieht wie ein mächtiger Strom die Stadt, liegt wie ein leuchtender Nebel über den Häusern, klingt von den Türmen in vollen, schweren Tönen, hallt in den Schritten der Menschen, die durch die Straßen eilen.

Weihnacht! Weihnacht! Weihnacht!

Der großen Weihnachtsstimmung kann kein Herz entfliehen und wenn es sich in seinem Weh bis in den dumpfsten, tiefsten Keller vergrübe. Es müßte mit hinein in den Zusammenschlag.

Da fühlt ihr’s einmal: das „All-Eine“. Das Zusammenfließen der Seelen, das Empfinden, Früchte an einem Baum zu sein.

In allen Heimstätten feiern sie Weihnachten.

Aus den Fenstern der Häuser an der Leopoldstraße strahlt es festlich in die Nacht hinaus, glänzen die lichtvollen Weihnachtsbäume wie Sterneninseln.

Draußen leichter, schon hart getretener Schnee und doch ein milder Winterabend, zwischen Gefrieren und Tauen. Die hohen, kahlen Pappeln ragen schattenhaft zart in den blanken Sternenhimmel hinein.

Stadtgeräusche klingen heut anders als sonst, so scheint es jedem. Die Pferdebahn kommt so eilig, weihnachtlich daher. Die Droschken fahren, als führen sie irgend eine Überraschung zu irgend einem Ziel.

Ja, lebendiger ist alles, als sonst und heimlicher.

Einer scheint dem andern noch bekannt. Man freut sich mit denen, die sich freuen können und freuen. Das fremde Leid greift zum Herzen und nicht nur an die Nerven, und auch nicht nur zum Herzen, nein, bis in den Geldbeutel hinein, der tiefer und unzugänglicher beim menschlichen Geschöpf sitzt als Herz und Nieren.

Ja, ein schöner Abend, ein sehr merkwürdiger Abend, der Abend der Weihnachts-Heiligennacht.

Bei Doktor Freys waren sie auch in Feststimmung und Festerwartung.

Die Mutter, Isolde und Bruder Karl sitzen im Salon und warten auf den Vater, um im Speisezimmer den Weihnachtsbaum anzuzünden und dann während des Lichterglanzes ein kleines, festliches Abendessen miteinander zu verzehren — und Frau Doktor Frey ihr Haferschleimsüppchen.

Um den Weihnachtsbaum stehen von Tüchern verdeckte Tische mit Geschenken.

Es ist alles bereit. —

Das Hasten und Eilen des ganzen Tages ist einer leichten Abgespanntheit gewichen. — Der große schöne Baum hell erleuchtet. Tannennadelduft mischt sich mit dem frühlingszarten Atem von Maiglöckchen, Hyazinthen und Tulpen, die in einer schönen Schale, wie ein ganzes Blumenbeet, auf dem großen Tisch im Salon unter der Hängelampe stehen und ihr zu früh erwecktes Leben in die heiße Zimmerluft ausströmen, statt in hellen Maiensonnenschein hinein.

Isolde geht ab und zu in das Weihnachtszimmer, schlingt noch ein paar glänzende Fäden über einen Tannenstrauß mit Rosen, oder ordnet etwas an den Geschenken. Die Ausschmückung des Zimmers zu Weihnachten ist immer ihr Werk gewesen.

Wie fremd sind sich doch die drei wartenden Menschen in dem Salon — komisch fremd.

Mutter, Sohn und Tochter. Fremd wie sich nur Familienglieder sein können. Wie kennen sie jede Äußerlichkeit aneinander, jede Angewohnheit!

Sie kennen sich bis zum Überdruß, das heißt: jedes die Larve des andern.

So sitzen sie und hängen ihren Gedanken nach.

Was weiß Mama von dem inneren Leben ihrer Tochter und Isolde von Mamas innerem Leben?

Sie sieht Mama sitzen in ihrem schwarzseidenen Kleid. So fein ist die Gestalt, das müde Gesicht mit dem leidenden, etwas stumpfen Ausdruck. In Mamas Gesicht ist etwas Ausgelöschtes.

Wer hat das ausgelöscht?

Das Leben?

Jedenfalls. Mama wird doch schon alt; noch nicht gar so alt — — nein. Sie ist aber wie mitten im Leben eingeschlafen. Gerade als es anfing gut zu werden.

Isolde denkt, wie Mama sich früher geplagt hat, eigentlich so stumpf wie eine Magd, die fürs Leben gekauft ist, der der Herr kein freundliches Wort zu geben braucht. Er ist ihrer sicher.

Sie kann sich nicht eines besonders liebenswürdigen Ausdruckes erinnern, den der Vater je an Mama gewendet hätte.

‚Na Alte‘, so ganz gedankenlos hingesagt — das hört sie in der Erinnerung, so ein klein wenig Ironie dabei — so von oben herab.

Mamas Heirat war eine Liebesheirat gewesen, gegen den Willen ihrer Eltern.

„Ah“ — Isolde dehnte sich im Stuhl und streckte die Hände von sich. ‚Triste! … Gott behüte einem vor so etwas.‘

Mama ist ein Kind geblieben, ein armes unwissendes Kind: — müde gearbeitet, ohne Liebe, ohne Sonne.

Isolde hat das Gefühl, sie möchte zu ihr hingehen und sie küssen und streicheln; dann fängt aber Mama immer zu klagen an um alles Mögliche — und auch darum, daß sie zu nichts Appetit hat und nichts vertragen kann.

Isolde weiß das schon.

Es ist für Mama nicht gut, zärtlich mit ihr zu sein. Sie kann damit nichts mehr anfangen.

Isolde denkt daran, wie Papa vor Jahren Mrs. Wendland den Hof gemacht hat. Er hat immer irgend eine Flamme gehabt.

Komisch, wie eigentlich Mama sich damit abgefunden hat. Sie weiß von Mamas Art zu denken und zu fühlen gar nichts. Und jetzt ist’s mit Papa auch nicht so ganz geheuer. Er ist gar zu vortrefflicher Laune.

Isolde erinnert sich daran, wie damals Papa sich vor Mrs. Wendlands Thür in einen Gentleman verwandelt hatte und wie Marie und sie selbst darüber entsetzt waren.

Ja, das war sehr sonderbar gewesen, unvergeßlich sonderbar. Sie hatten jetzt fast immer einen wohlsoignierten, blühenden, jovialen Papa, gutgekleidet, jugendlich, von bester Gesundheit und vortrefflich im Betragen.

Allerdings hatten sie dies Vergnügen nicht allzu oft, denn er hielt sich viel in Berlin auf und auch in München war er, wie immer, der Vielbegehrte.

Aber merkwürdig daß er heut nicht kam, heut am Weihnachts-Heiligenabend.

Mama saß ganz still wie vor sich hinbrütend. Ungeduldig hatte Isolde Mama überhaupt nie gesehen, und eigentlich kannte sie Mama zumeist nur wartend, — auf den Vater wartend. Auch nachts wartete sie — lang, lang, das wußte Isolde ja. Mama wartete von jeher nachts und schlief nicht eher ein, bis der Vater kam.

Was mochte wohl Mama ihr Lebtag diese vielen, vielen Stunden gedacht haben?

Schrecklich.

Wie in sich verschlossen sie doch war. Ganz geheimnisvoll — Nachttier-haft, rührend ihre eignen dunkeln Wege gehend. Wie sah Mamas Leben aus, wenn man es mit ihren eignen Augen betrachtete?

Isolde konnte die Blicke von Mama gar nicht weg wenden.

Karl hob sich aus seinem Fauteuil, in den er sich hineingerekelt hatte — zog seine Uhr — „Neune schon!“

Seine Stimme war erregt. Karl hatte auch heute Abend außer der Familienfeier etwas vor.

Natürlich.

Er ging ein paar Mal im Salon auf und nieder, griff nach der Abendzeitung zum so und so vielten Mal und versank wieder in dem weichen, bequemen Polster, die Hand in seinem dicken Haarschopf vergraben, die Blicke gedankenlos über das Zeitungsblatt hinschweifend. Mit der Spitze seines Fußes klopfte er ungeduldig im Takt auf das Parkett.

So ein harter trockner Ton.

Isolde wurde ganz nervös davon.

Mama sagt: „Heut kommt Papa aber spät. Das Abendessen wird uns verderben.“

Dann saßen alle drei wieder ganz still eine lange Zeit.

„Karl, klopf nicht so mit dem Fuß auf,“ bat Isolde.

Draußen an der Hausthür schellte es auf eine eigentümliche Weise.

„Das ist Papa nicht,“ sagt Isolde.

Alle drei schauen wie erschreckt, wie unangenehm berührt.

„Nein, das ist Papa nicht,“ sagt Mama auch. „Bewahre.“

„Na, und dreiviertel auf zehn wär’s jetzt glücklich.“ Karl war sehr ungeduldig geworden.

*

Da that sich die Thür auf. Das Zimmermädchen erschien in blendend weißer, festtäglicher Schürze. „Nun,“ — Isolde wollte weiter fragen, da sah sie in ein paar wirre entsetzte Augen, in ein erdfahles Gesicht.

Sie fragten jetzt alle drei beunruhigt: „Nun? Was denn? Was ist denn?“

Das starre, erdfahle Gesicht über der weißen Schürze veränderte sich nicht. Die Lippen bewegten sich, um zu sprechen, brachten aber keinen Ton hervor.

„Nun,“ fragte Karl, „was ist denn eigentlich los?“

Und da kam es — in abgerissenen, unklaren Worten:

Dem Herrn war was passiert.

Alle drei hatten sich von den Stühlen erhoben und standen und starrten im ersten Augenblick.

Das Hirn will das Schwere nicht ins Bewußtsein aufnehmen, das Leben soll behaglich sein, gleichmäßig. Nur keinen Schreck, keine schlimmen Überraschungen, das empört, das lähmt.

Da drangen Geräusche bis in den Salon, ungeschickte, schwere, fremde Schritte.

Karl stürzte zur Thür.

Bebend, flüsternd sagte Isolde etwas und faßte heftig nach der Hand des Mädchens.

Die starrte ohne Erwiederung — aber der Druck ihrer Hand sagte alles.

Da wendete Isolde ihre Blicke auf die Mutter. Die stand noch unbeweglich — nach irgend einem Halt mit ratlosen Augen suchend.

Isolde trat zu ihr, schlang den Arm um ihre Schultern, um sie zu stützen.

Karl hatte das Zimmer verlassen.

Die Thür war angelehnt geblieben, die Schritte draußen drangen jetzt deutlicher schwer in den Salon.

„Soll der Herr in sein Schlafzimmer gebracht werden?“ fragte das Mädchen.

Mama ging jetzt, auf Isolde gestützt, zur Thür hinaus. Es lag etwas Hausfräuliches in der Art, wie sie das that, etwas Geschäftiges — ihre alte Weise. Es gab für sie zu thun. Es mußte für einen Gast gesorgt werden.

Drei Männer hatten Doktor Frey aus der Droschke die Treppe heraufgebracht. Ein Droschkenkutscher, ein Dienstmann und ein Herr hielten den schlaff herabhängenden Arm des Toten gefaßt.

Die Hand des Toten hielt ein mit weißem Wollpelz überzogenes Schäfchen mit rotem Halsband, ein Spielzeug, umklammert.

„Er soll in sein Schlafzimmer gebracht werden,“ sagte Mama langsam, völlig klanglos.

Karl stand verblüfft, der Schreck und der Schmerz ließen seine Züge merkwürdig dumm und ratlos im Ausdruck erscheinen.

Die drei Männer folgten Frau Doktor Frey und Isolde.

Jetzt hatte auch Karl seinen Vater mit angefaßt und blickte in das bläuliche, schlappe Gesicht und auf den haltlosen Körper, der einer großen, schweren Masse glich.

Der Droschkenkutscher sagte etwas, um seine Teilnahme auszudrücken, etwas von einem „bösen heiligen Christ“ — das klang schaurig, wie die Stimme aus einem alten Märchen.

Mamas in sich gekehrtes Benehmen stach wunderlich gegen das Betragen aller übrigen Personen ab.

Das Hausgesinde war so außer sich, daß ein lautes Schluchzen und Heulen den Raum erfüllte.

Karl hatte das Dumme, Ratlose, Verblüffte in den Zügen.

Isolde war vor Entsetzen ganz überwältigt, wich keinen Schritt von ihrer Mutter — nicht mehr sie zu stützen, um von ihr gestützt zu werden. Und da war über Mama wieder das Nachttierhafte, Geheimnisvolle gekommen, vor dem Isolde vor Jahren sich so gefürchtet hatte.

Wie oft hatte Mama in der langen Ehe ihren Mann tief in der Nacht empfangen, wenn er zu ihr zurückgekehrt war, ohne daß ihr von seiner Seele, seinem Wesen auch nur ein Teilchen mehr gehört hätte, als jetzt. Sein Körper war zu ihr zurückgekehrt — sein für sie toter Körper, nicht anders als heute — nein — nicht anders.

Ihre Ruhe war die Ruhe langen, stummen Leidens, einer langen, schweren Erfahrung.

Sie hatten ihn auf sein Bett ausgestreckt und der Herr, der sich als Arzt vorstellte, versuchte das weiße Wollschaf aus der Hand des Toten zu lösen. Es war ein so ganz unmöglicher Anblick, die gelbe Totenhand um das lächerliche Ding geklammert zu sehn; so leidenschaftlich geklammert, wie der Mensch die lächerlichen Dinge des Lebens umklammert hält.

Es gelang ihm nicht Doktor Frey von diesem komisch grausigen Anhängsel zu befreien.

„Lassen Sie doch,“ sagte Mama. Sie hatte den Blick nicht von dieser gelben, armen Hand mit ihrem Spielzeug gewendet.

Jetzt sprach der Arzt mit Karl, gewissermaßen als mit dem männlichen Oberhaupt der Familie. Er bot seine weitere Hilfe an und that allerhand geflüsterte Fragen. Dann ging er, ein Mann in Amt und Würden, der augenblickliche Beistand der schwer getroffenen Familie.

Isolde lag erschüttert in einem Stuhl, das Gesicht in die Hände vergraben.

Karl ging im Zimmer hin und her und schaffte den Rock des Vaters, den dieser vor dem Ausgehen über den Stuhl vor dem Bett geworfen hatte, stumpf und unbewußt beiseite. Darauf goß er ein halbgefülltes Wasserglas gedankenlos ins Waschbecken. Er machte, wie es schien, Ordnung. Seine Züge verloren für keinen Augenblick das Verblüffte.

Mama kniete neben der Leiche ihres Mannes nieder, nahm die schwere Hand des Toten sanft in die Höhe und versuchte den starren Fingern das Spielzeug zu nehmen. Durch einen Zufall wohl, gelang es ihr leicht. Isolde schaute entsetzt ihrem Thun zu, auch Karl.

Jetzt legte sie die Hand still behutsam zurück und blickte auf.

Ihre beiden Kinder sahen in ein bleiches, rührendes Gesicht, auf das der Schmerz oder sonst ein Gefühl, einen Jugendhauch gelegt hatte.

Es war der Ausdruck einer weltfremden Nonne, die von Dingen sprechen sollte, die ihr nicht über die Lippen wollten, von sündhaften, schweren Dingen. Die Lippen regten sich wohl schon, — die Worte fehlten noch. Wie hilfesuchend blickte sie auf Karl und Isolde.

„Laßt es ihn nicht entgelten,“ sagte sie leise bittend, — „der Vater hatte da was Liebes. Es ist da auch ein Bübchen.“

Sie zeigte auf das kleine Schäfchen wie zur Erläuterung.

So kniete Mama vor ihren Kindern. Die Hände legten sich ihr bei ihrer großen Bitte wie zum Gebet zusammen.

Isolde stürzte mit einem Strom von Thränen zu ihr hin und schlang die Arme um sie und erstickte Mama fast mit ihrer Liebe.

Nun kannte sie Mama. Da lag die arme Seele vor ihr, geläutert wie reines Gold — ganz ausgeglüht. — Weltfremd.

Ihr Lebtag bedrückt und mißachtet, haftete nichts an dieser Seele von Wissen und Macht, nichts, wovon sie irgend eine Ehre hätte; — aber stärker schien da etwas zu sein, als alles Starke auf Erden: das große Welt- und Schmerzüberwindende lag in ihr. Es war in ihr etwas geworden, durch Bedrückung und Mißachtung, etwas so Junges in dieser alten Welt, in der alle Kräfte beladen und ausgenutzt sind, etwas so Unbelastetes.

Isolde hing schluchzend wie in einer erlösenden, seligen Extase an Mama. Ihre Seele verschmolz mit Mamas Seele.

Das war so rein und stark, was sie da in Mama verstand und empfand, so vornehm.

Nichts Größeres auf Erden als Weib sein!

Sie empfand die Kraft ihrer armen Mama, als könne solche Kraft, die alte, müde Menschheit, wenn sie sich frei und bewußt über sie ergösse, erlösen und verjüngen; die Kraft, die in ihrer unscheinbaren, gedrückten Mama verschüttet und begraben war.

13.

Ein dumpfer, bedrückter Winter folgte jenem Weihnachts-Heiligenabend, an dem die Lichter am Baum nicht entzündet wurden.

Der Tod hatte die Lebendigen angestarrt und wie vom Frost gerührt schienen sie eine Zeit lang welk und schlapp geblieben zu sein, bis neuer Lebenssaft aufstieg, neue Triebe die welken, verkümmerten überwuchert hatten. Dann wurde es wieder, als wäre nichts geschehn.

Henry Mengersen zog dieses Frühjahr von Berlin mit Frau und Kindern hinaus in seine Villa nach Ludwigshöhe. Mama freute sich, Tochter und Enkelchen so in nächster Nähe zu wissen.

Marie stand ihr so viel näher als Isolde. Marie war das Weib, das die Wege ging, die sie selbst gegangen war.

Sie konnte Maries Leben mitleben. Marie brauchte garnichts zu sagen. „Das ist nu ma’ so, ja, siehst du — das ist nu ma’ so.“ Das konnte sie immer von Mama hören, wenn sie nur den Mund aufthat, um Mama etwas zu klagen oder zu erzählen.

Mama wußte alles immer schon im voraus.

Sie sah gewissermaßen behaglich zu, wie Marie das Martyrium des jungen Weibes trug, die Extasen des jungen Weibes.

Die Extasen hatten bei Mama nie eine große Rolle gespielt.

Schwere Entbindungen, lange, qualvolle Schwächezustände, kranke Kinder, Geldsorgen, große Müdigkeit — weiter war ihr nicht viel in der Erinnerung hängen geblieben.

Viel geduldiger als Marie war sie gewesen, dessen entsann sie sich — und das sagte sie auch Marien oftmals — und das kam davon, daß Marie doch nicht so selbstlos war, wie eine Frau sein müßte. Marie war eben auch Papas Tochter. Beide Töchter hatten leider etwas so Aufrührerisches, wenn gleich Marie nicht annähernd wie ihre jüngere Schwester. Aber heute noch konnte Marie ganz verzweifelt Mama um den Hals fallen, solcher Dinge halber, deretwegen eine Frau gar kein Wort verlieren darf, die sich von selbst verstehn. Die Frau hat sich eben nach dem Mann zu richten, und wie der ist, so ist er, und was der thut, das thut er.

Dafür ist er das Haupt der Familie.

Ja und das sagte denn Mama ihr tüchtig.

Das aber war gleichgiltig, Marie nahm nichts an und wenn Mama noch so recht hatte.

In Marie blieb etwas so Wehes, etwas so Sehnsüchtiges. Eine Mutter von fünf Kindern, die Geschichten machte mit Idealen und so etwas!

Nein, Mama hatte auch mit Marie viel Sorge.

Da lobte sie sich Henry Mengersens Schwägerin, Pauline, die in Ludwigshöhe mit Mann und Kindern neben Henry wohnte. Das war eine Frau nach ihrem Sinn. Wenn eine von Mamas Töchtern so geworden wär’. So drall und fidel wie die Frau war! Und so eine bekommt ihre Kinder wie nichts. Frisch vordem, frisch nachdem. Und diese prächtigen Ammen und Wartefrauen und Kinderfrauen, die sie hatte, — ein ganzes Regiment Weiber war da immer im Haus. Und diese Wäsche! Und wie im Hause gegessen wurde! Ja, die verstand was aus sich zu machen. Vor der hatte der Mann auch Respekt.

Ach ja, Mama hatte es nicht leicht mit ihren Töchtern.

*

Dies Jahr gab es einen warmen, schönen April.

Es hatte sich oben in Ludwigshöhe in einer Nacht über die Wälder wie zarter, grüner Nebel niedergelassen. Der war wie von den Wäldern eingesogen worden, hatte sich schmeichelnd um die rötlichen, knospenden Buchenkronen gelegt und war daran haften geblieben in Millionen zarter grüner Blättertröpfchen.

Ein Leuchten ging von diesem jungen Grün aus, ein durchsichtiges, unsäglich zartes Schimmern, das die Seelen wie in ein grünes, helles Bad tauchen ließ, die armen, rußigen Winterseelen. Und der blaue Maienhimmel dazu, der endlich als helle Sonnenbahn hervorgebrochen war.

Ja, es wurde da oben jetzt schön. Die prächtigen Waldgärten mit ihrem knospenden Buchenlaube, der feuchtbraunen Blätterdecke unter den Bäumen, aus der das frische Leben in tausendfältiger Gestalt brach. Hier ein Himmelsschlüssel, ein zerschlissenes dürres Eichenblatt um den Stengel, dort hebt eine Familie blauer Leberblumen ein ganzes Stück Laubdecke in die Höhe. Wie ein blauer Blick schaut es aus dem Erdreich.

In Gebers Garten blüht es wie jedes Jahr auch heuer an allen Ecken und Enden.

Sie waren die ersten Ansiedler hier oben gewesen. Bei ihnen hatte sich schon so mancher Obstbaum heimisch eingewurzelt und blühte zwischen den kleinen Tannen und zarten Birken und Buchen. —

Frau Lu hatte so ein paar liebe rosige Kerlchen, gefüllte Kirschbäume gepflanzt, die blühten, als wollten sie sich in ungezählten tausend und abertausend rosigen Blumenbüscheln auflösen; und Apfelbäume, die ihre ersten Knospen jugendsicher trugen.

Aus dem grünen Gras schauten weiße Narzissen und allerhand altmodische Bauernblumen, blaue Träubchen und Goldlack.

Henry Mengersens und seines Bruders Garten haben diesen intimen Reiz nicht, den Frau Lu ihrem Stück Land gegeben hatte; aber in ihrer Art sind sie prächtige Besitztümer, groß und schattig.

*

Isolde war, weil Marie es brennend wünschte, auf einige Tage hinauf zu ihr nach Ludwigshöhe gekommen.

Sie hatte da oben, wenn sie ihre Schwester zu besuchen kam, ein kleines Zimmer in dem Gartenhäuschen einer Nachbarvilla als Absteigequartier.

Henry Mengersens Gastfreundschaft anzunehmen vermied sie, wenn es sich thun ließ.

Es war da auch etwas, was sie in seinem Hause bedrückte und erregte. Sie konnte das unermüdliche Werben ihrer Schwester um sein Sich-geistig-ihr-mitteilen auf die Länge nicht ertragen.

Quälend war es Isolden von jeher gewesen, Marie im Atelier zu beobachten, wenn Henry einem Gast eine neue Arbeit zeigte. Marie ließ es sich bei solchen Gelegenheiten nicht nehmen, ein wenig die Sachverständige zu spielen.

„Henry rück es doch so — siehst du, hier fällt das Licht nicht gut darauf. — — Und das ist von allem mein Liebling, da liegt etwas darin was einem zu Herzen geht. —

Ich hab dir doch gesagt daß die Leiste zu dem rohen Eichenholz nicht hübsch aussieht — nun findet es Isolde auch — siehst du.“

Sie rückte etwas an einer Staffelei — sie machte ihn aufmerksam, dies oder jenes zu zeigen.

Und jedesmal traf sie derselbe spöttische Blick, sie kühl in ihre Grenzen zurückweisend.

Über Maries Gesicht ging dann der tief wehe Zug, so gekränkt, so überaus demütig.

Isolde wußte sich bei einer solchen Scene kaum zu beherrschen. Ein Gefühl von Haß gegen ihn stieg in ihr auf und zu gleicher Zeit etwas wie Verachtung gegen ihre Schwester, Verachtung und Mitleid.

In den letzten zwei Jahren hatte Isolde bemerkt, daß Marie schwerfälliger in der Art sich auszudrücken geworden war, auch ihr gegenüber.

Bis dahin war in Marie ein leidenschaftlicher Zug gewesen, mit der Schwester weiter leben zu wollen. Jetzt stand sie Isolde eigentümlich fremd gegenüber; oder kam es ihr nur so vor? Marie fragte nicht recht was Isolde getrieben, unterhielt sie von Dienstbotenmisere, von Kinderwäsche, klagte endlos über ihr letztes Wochenbett und lobte ihre Schwägerin Pauline, von der sie das letzte Mal gepflegt worden war.

Henry hatte immer gewünscht, daß Marie sich ihrer Schwägerin anschließen möchte, war aber auf Abneigung von Maries Seite gestoßen.

Jetzt war das anders geworden. Marie hatte von ihrer Schwägerin, wie es schien, mancherlei profitiert. Man aß dies Jahr ganz vortrefflich bei Mengersens. Paulinens Hand war überall zu spüren, ein barscherer Ton schien auch in den Verkehr mit den Kindern gekommen zu sein, die Leibwäsche des Kleinen hingegen war um vieles feiner und luxuriöser geworden.

*

Kurz ehe das jüngste Kind bei Mengersens geboren worden war, hatte es eine wunderliche Szene zwischen Mann und Frau gegeben.

Marie, in der Empfindlichkeit ihres Zustandes, war bei einem abweisenden Blick Mengersens nicht demütig, traurig verstummt, sondern in lautes unaufhaltsames Weinen ausgebrochen, war ihrem Gatten zu Füßen gefallen, hatte verzweifelt seine Hände gefaßt und diese Hände heftig geküßt und dabei geschluchzt: „Verstoß mich nicht, — ich bin doch auch ein Mensch!“ Und das hatte sie wie sinnlos immer von neuem wiederholt.

Henry Mengersen war diese Szene unbeschreiblich peinlich gewesen.

Was wollten sie denn?

Dieses ewigen ungeschickten Einmischens von ihr in seine eigensten Angelegenheiten war er unendlich überdrüssig geworden.

Sie hatte etwas von einer Fliege an sich, die Geduld und Beharrlichkeit einer Fliege.

Henry Mengersen wußte gar nicht, was er ihr antworten sollte. Er wollte sie nicht erregen, aber er wollte auch nicht schweigen:

„Marie,“ sprach er, „was willst du eigentlich? Hast du etwas zu klagen, — so sag’s. — Aber dies ewige Nörgeln!“

Er ging heftig im Zimmer auf und nieder und sagte mit unterdrückter Erregung: „Wenn ich offen sein soll, mir ist in einer Künstlerehe, und in einer Ehe überhaupt, der weibliche Abklatsch vom Mann in der Seele zuwider — einfach unerträglich! Bin ich nicht so weit Herr im Hause, daß ich mir gestatten darf, einer Idiosynkrasie, die ich nun einmal habe, auszuweichen? Weshalb ist es denn durchaus nötig, daß du dasselbe, was ich sage, noch einmal verdünnt nachsprichst? Darauf kommt es ja doch hinaus. Sag mal, findest du das so durchaus notwendig, daß du deshalb wieder und wieder kommst und mich peinigst? Ihr habt nun einmal, wie soll ich sagen, — die tierischen Funktionen im Leben zu erfüllen. — Nun, so erfüllt sie.

Jeder das Seine.

Sag doch, was hast du geleistet, das dir das Recht gäbe, mitzureden oder mitzuhandeln? Das was ich errungen habe, rechnest du dir das etwa mit an? Meinst du, man teilt sich in so etwas, wie in eine Torte oder wie in ein Vermögen?

Bitte, mach dir das einmal klar. Die Frauen berühmter Männer versäumen es gewöhnlich, darüber nachzudenken.

Du hast deine Kinder, bist dabei, sie so ziemlich gedankenlos zu erziehen, du stehst deinem Hausstand erträglich vor, läßt mich bei jeder Gelegenheit aber unter deinen Nachlässigkeiten leiden. Erfülle deine Pflichten und laß alles Übrige auf sich beruhen. Nimm dir ein Beispiel an Paulinen, die ist wie eine Frau sein soll. Haben wir uns nun endlich einmal verstanden, Marie?“

Er sah in ein bleiches, thränenloses Gesicht.

„Ja,“ sagte sie.

In diesem Augenblick klammerte sich ihre verachtete Seele an die Liebe zu ihren Kindern, und diese Liebe wurde zu einer Extase, die jede Marter des Herzens überwuchs.

*

Von diesem Tage an warb sie nicht wieder um die geistige Zugehörigkeit zu ihrem berühmten Gatten. Er hatte von diesem Tag an Ruhe vor „der Fliege“, hatte von diesem Tag an sich eines tadellosen Hauswesens zu erfreuen.

Der Einfluß der Schwägerin Pauline begann zu regieren.

Henry Mengersen lernte jetzt das breite, behagliche Weibtum in seinem Hause kennen, das wie eine Walze alles niederdrückt, was ihm nicht paßt. Aber vorzügliche Mahlzeiten gab es, tadellose Wäsche, geputzte Kinder, ein schwerfälliger Ernst — und das Kleinste war zur Wichtigkeit erhoben.

Ein zarter, zudringlicher Geist, der mit erhobenen Händen unermüdlich gefleht hatte: ‚Nimm mich mit, laß mich nicht verschmachten‘, war verstummt. Diese arme, bittende Seele drängte sich nicht mehr an ihn heran. Ob er das wohl bemerkte?

Den ganz kleinen Kindern vertraute Marie sich an, nahm sie auf den Schoß und klagte es ihnen leise in die Öhrchen, was ihr gethan worden war.

Auch Isolden sagte sie kein Wort. Die fühlte nur eine große Müdigkeit und Stumpfheit in ihrer Schwester, ähnlich der Müdigkeit und Stumpfheit, die sie in Mama empfand. ‚Triste‘! dachte Isolde wieder, ‚Triste! Gott bewahr einen vor so etwas.‘

Sie war dieses Frühjahr selbst so schwer gestimmt, so schwer wie noch nie.

Es war doch der Tod des Vaters und der Tod selbst, der ihr das Leben so bedeutungslos, so unnötig erscheinen ließ.

Und was für ein Leben lebte sie denn eigentlich selbst? Es spielte sich in ihrem stillen, hohen Atelier ab; da lebte sie — ja — das nannte sie „Leben“, was sie da that.

Zu einer rechten Liebe hatte sie es seit der leidenschaftlichen Anbetung Henrys nicht wieder gebracht, hatte kein einziges Mal warm wieder als Weib empfunden, so viel sie auch begehrt wurde.

Ihr lieber Freund, Lus „Guter“ ja, der liebte ihre Seele, dem gegenüber durfte sie sich ganz geben wie sie sich selbst empfand. Ein wunderbares Verhältnis, das sie zu diesem seltnen Mann hatte, so wohlthätig bis in die innersten Nerven.

An dieser Freundschaft war sie gesundet. Bei ihm fühlte sie sich als freies, vollgültiges Geschöpf.

Hier wagte sie zu hoffen, daß sie in ihrer Kunst nach Großem streben dürfe.

„Schaff dir deine Welt; wie du sie schaffst, so ist sie. Sie ist nur in dir selbst, in deiner Vorstellung. Schaff sie dir und glaub an deine Welt!“

Ja, sie hatte an ihre Welt geglaubt.

Wie sie gearbeitet hatte! Ernst und glühend, um die Seele von Schmach zu reinigen.

Henry Mengersen hatte ihr von ihr selbst ein so tief gemeines Bild gezeigt. Ihre junge, heilige Liebe zu ihm, ihr großes Opfer hatte er wie etwas Schmutziges mit dem Fuß beiseite geschoben, so wenig Umstände mit ihr gemacht, wie mit der gemeinsten Straßendirne. Er hatte sie mit seiner Beschimpfung vergiftet, daß sie bis heute nicht wieder gesund hatte werden können, wie andere Leute, die ihre Jugend gedankenlos genießen. Ein tiefer, ungestillter Haß gegen Mengersen war im Grund ihrer Seele.

Jahrelang hatte sie es mit angesehn, wie er ihrer Schwester, seinem Weibe, dasselbe that wie ihr einst, wie er Maries Seele verleugnete und danach schlug, wie nach einem zudringlichen Tier. Er der hochentwickelte Geistesmensch konnte es nicht ertragen, neben sich ein Geschöpf zu dulden, dessen Seele leben wollte. Weil das Geschöpf Weib war, konnte er es nicht ertragen.

Unter solcher Mißachtung leben müssen, fühlen müssen, Kinder gebären müssen!

Ja, schaff dir deine Welt und glaub an deine Welt.

‚Und so schuf ich sie mir!‘ dachte Isolde, ‚eine so feine Welt! Und meine lieben Nächsten schufen sich die Gegenvorstellung zu meiner Welt. So ziehen die Träume der Menschen gegeneinander zu Felde und vernichten sich gegeneinander. Nur die Träume der Menschen! — und doch welches Leid — welche Qual!‘

Auf Isolde wirkte in diesem Frühjahr alles so schwer und trostlos.

Sie zweifelte an sich.

Stand das, was sie in ihrer Kunst erreicht hatte, irgendwie mit dem großen Fleiß, ihrer großen Hingebung in Einklang?

War es doch nur das elende Mittelmäßige?

Weshalb sollte gerade sie etwas Außerordentliches leisten?

Selten, selten, so viel sie wußte, nur in ganz wenigen Ausnahmefällen, hatte das Weib mehr als Mittelmäßiges geleistet.

Nun, und weshalb sie? — Und wenn auch sie — so war sie eben eine armselige Ausnahme im günstigsten Falle.

Das Widerlichste, das Unerfreulichste auf Erden ist das Mittelmäßige.

Ja, sollte man nicht das Weib mit Feuer und Schwert verfolgen, wenn es die ungeschickte, unbegabte Hand an die Kunst legt?

Isolde empfand den großen Fluch, der auf dem Weibe liegt; erdrückend, atemberaubend.

Nein, es war keine Freude mit klaren Sinnen, geistig so unheimisch auf Erden zu leben.

Das, was sie in jener Nacht empfunden, was ihr den Jugendmut genommen, hatte sich ihr ins Bewußtsein wie eingegraben, daß sie zu der Hälfte der Menschheit gehört, die von allem Geistigen auf Erden ausgeschlossen ist, zu der verdummten, stehengebliebenen, unentwickelten Hälfte der Menschheit, die nur Körper ist, — die nur Körper sein soll, für die Geist etwas Krankhaftes, Widernatürliches, Unanständiges ist, zu der Hälfte der Menschheit, die sie die zarte nennen — und die im Grunde die robuste, die ungegliederte ist, die allem Feinen, allem Lebensprühenden, Lebenswerten, allem was Geist und Erkenntnis ist, fremd, feindlich, dumm gegenübersteht.

*

Isolde machte in dieser Zeit weite Spaziergänge in der Umgegend, währenddem sie dumpf und doch leidenschaftlich vor sich hinbrütete.

Henry Mengersen schien von diesem einsamen Umherschweifen seiner jungen Schwägerin nicht angenehm berührt zu sein.

Er untersagt es ihr.

Sie standen miteinander in seinem Atelier, als er das that.

Es war in diesen langen Jahren keinmal vorgekommen, daß sie ihm Zeit gelassen hatte, sich ihr gegenüber mit ihrer Person zu beschäftigen.

Er hatte ihre Nähe nicht wieder empfunden, seit sie, wie im uralten Märchen, in ihrer großen Schönheit nackt, wie sie zur Welt geboren war, vor ihm gestanden hatte, wie die, die ihre Brust geduldig dem Messer bot, damit ihr Herr genesen sollte.

Nicht um einen Schritt hatte er ihr sich wieder nähern können, als Künstler wohl — und oft — nie als Mensch.

Isolde blickte ihn daher jetzt mit kalten, erstaunten Augen an. Sie würdigte ihn keiner Antwort und verließ daß Atelier.

*

An diesem Abend fand sie in ihrem Zimmer, als sie spät in der Nacht aus dem Haus ihrer Schwester kam und sich schlafen legen wollte — es waren Gäste bei Mengersens gewesen — ein kleines Paket und einen Brief.

Henry Mengersen schrieb ihr:

„Verzeih, Isolde,“ — sie nannten sich ‚du‘ auf Mariens ausdrückliche Bitte — „mich beunruhigen deine weiten, einsamen Spaziergänge. Du gestattest mir leider keinen Einfluß auf dich, sonst würde ich dich ersuchen, diese Gänge einzustellen. Ich bitte dich, führe wenigstens dies kleine Ding mit dir, zu deiner Sicherheit. Verstehst du damit umzugehen? Es ist geladen! Sei vorsichtig!

Schwager Henry.“

Isolde löste das Paket und nahm aus dem Kästchen einen kleinen, zierlichen Revolver.

‚Sonderbar,‘ dachte sie.

Und aus diesem „Sonderbar“ spann sich eine lange, lange Kette von Gedanken und Gefühlen.

Eine schwere, drückende Kette.

Auf die Kniee war Isolde wie von einer Last niedergezogen; den Kopf an den Tischrand gestützt, so blieb sie lange unbeweglich, den kleinen glatten Revolver zwischen den Fingern. Die Thür ihres ebenerdigen Gartenzimmers stand noch weit offen.

Die herbe, frische Luft, die die schäumende Isar mit sich bringt, drang zu ihr ein.

Da draußen reckte und streckte sich jedes Blättchen, ungeheure Massen zarter, grüner Lebewesen. Es lag ein Werden, ein mächtiges Gedeihen, ein Sich-ausbreiten-wollen im Dunkel.

Die Luft war wie berauscht von all dem jungen Atem, den sie in sich trug.

Isolde schluchzte wild und bitterlich auf.

Was hatte sie im Leben?

Wen hatte sie im Leben?

War denn das, was sie lebte, das Leben? Das wirkliche, wahrhaftige, lebendige Leben?

„Ah — einsam!“ Sie reckte die Arme, als wäre sie ans Kreuz geschlagen — und blieb so lange, lange Zeit wie im Schmerz erstarrt.

Über ihr Gesicht rannen langsam Thränen.