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Halbtier: Roman

Chapter 7: 6.
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About This Book

A densely crowded city is described under oppressive heat, where a sudden thunderstorm and the accidental unearthing of human bones at a market unsettle everyday routines. A young woman observes a skull from her window, while the household interior reveals divided tastes and vanities. Family life is strained as a father withdraws to seek inspiration outside domestic ties, leaving children puzzled by his distance. Public curiosity, private longing, and the collision of ritualized social habits with reminders of the past produce a mood of claustrophobic yearning and uneasy revelation.

Er behielt sie im Auge und sah an diesem Abend ein stilles, rührend schönes Kind, das in seinem duftigen Kleid einer großen, weißen, träumerischen Blume glich.

Er sah, wie sich Arthur Wendland um sie bemühte — und wie sie nichts bemerkte, nichts sah und verstand, was um sie hervorging.

Schon bei seinem: „Guten Abend, Fräulein Isolde,“ war er fürs erste wenigstens über ihr Betragen beruhigt.

An diesem Abend wurde verabredet, daß alle miteinander Frau Lu am nächsten Morgen nach Hause begleiten und erst am Abend zurückkehren sollten.

Als Henry Mengersen zu später Stunde seine ausführliche und sorgsame Nachttoilette machte, mochte seine Phantasie genug Beschäftigung haben.

Ob er wohl eine Ahnung davon hatte, welch süßes, reines, ganz entflammtes Herz heut an seiner Brust geschlagen?

5.

Der Morgen, an dem Frau Lu nach Hause begleitet werden sollte, war unsäglich taufrisch und wollte ein Sommertag von Gottes Gnade werden.

Blaue, weite Schatten, breite Lichtflächen, kühle Nebel, über dem Wasser schimmerndes Aufleuchten.

Die stille Frau Lu mit dem ernsten Kindergesicht, den schönen Augen, dem kleinen Kopf und der vollen, schlanken Gestalt, schien allen in diesen Tagen nicht viel näher getreten zu sein.

Und doch empfanden sie die Anwesenheit dieser Frau, wie man etwa eine blühende Reseda im Zimmer empfindet.

Bei einer Gelegenheit sagte Mrs. Wendland zu ihr:

„Eine berühmte Frau und ist wie nicht da! Wenn du dich nicht selbst in Szene setzt, — Lu, wer wird dich in Szene setzen?“

Mrs. Wendland wurde oft ungeduldig über sie.

„Man darf sie nicht aus ihrem Haus nehmen, sie ist wie ein Fisch. Sie schwimmt nur in der Liebe von ihre Leute.“

Doktor Frey dagegen hob gerade das zurückhaltende, sich selbst verschweigende Wesen seiner Kollegin lobend hervor.

„Sie ist wenigstens nicht aufdringlich,“ sagte er. „Mir sind schriftstellernde Frauen wie jedem zuwider; aber sie behelligt einen Gottlob nicht, und ihre Leistungen — ausnahmsweise alle Achtung!“

Mrs. Wendland äußerte sich ein andres Mal wieder über ihre Freundin: „Sie ist eine Nachtigall. Im Dunkeln schlägt eine wehe selige Stimme, so wie das Herz der Nacht. Und man lauscht, und wer versteht, legt die Hände auf seine Brust und sagt: O du großes Leid! Alle tragen dich und wissen nicht — leiden und verstehen nicht, wie sehr sie leiden — und dieser unscheinbare Vogel weiß.

Zwischen einem Mann und seinem Leid steht seine nützliche Kraft; die läßt es nicht so nah zu ihm.

Zwischen einer Frau und dem Leid steht nichts.

Eine arme nackte Frauenseele wird nie so erstaunt fragen wie ein Mann: Wie ist das Böse in die Welt gekommen? Sie sieht und fühlt die Welt ganz anders.“

Mrs. Wendland hatte Lu Geber vor einem Jahre aufgesucht, nachdem sie ihr mit ein paar liebenswürdigen Zeilen gesagt hatte, wie sehr sie von ihr verstanden würde.

Und Mrs. Wendland hatte es nicht bereut, ihrem Impuls nachgegeben zu haben. Sie hatte in Lu und deren Mann Freunde gewonnen und zwar so eigenartige Freunde, wie es ihr Trieb nach Eigenartigem nur wünschen konnte. Beide waren Menschen, über die man sehr viel redete und die viel mißverstanden wurden. Nachdem mit großen Schwierigkeiten Helwig Gebers erste Ehe getrennt worden war, hatte er die junge Schriftstellerin geheiratet, die er schon kannte, als sie fast noch Kind war.

In seinem Hause war sie jahrelang ein- und ausgegangen. Er hatte das begabte, junge, wildaufgewachsene Ding arbeiten und denken, ungenutzte Kräfte brauchen gelehrt und hatte Verehrung und Unterwürfigkeit von dem ungezügelten Charakter des Mädchens dafür eingetauscht, hatte einen Kameraden in ihr gefunden, der wie ein treuer Hund zu ihm stand, immer bereit, ihn zu verteidigen, das Leben für ihn zu lassen. Sie hatte einen Gott in ihm gefunden, von dem sie alles hoffte, an den sie glaubte, zu dem sie heranwuchs. Sie wollte ihm ebenbürtig werden.

Ihre ganze Jugend war eine große Herzenserregung gewesen. Jahrelang hatte es gewährt, bis sie wußte, daß sie ihn liebte.

Und wie ein Todesurteil war dies Bewußtsein über sie gekommen. Sie waren einander unentbehrlich geworden — und mußten sich trennen — und wollten sich trennen.

Da, — wie ein Wunder trat ein fremder Wille dazwischen.

Sie war es, die eigne Frau, die in Trennung und Auflösung hinein das Wort vom Einanderangehören sprach.

Sie hatte dem Manne schon in den ersten Jahren ihrer Ehe Scheidung angetragen und jetzt bot sie ihm wieder ruhig Scheidung an — und Verbindung mit der, die er liebte.

Eine Wundermähr in all die Todestraurigkeit hinein.

Zwei, die sich aufgaben, stehen schon bereit, den Tod im Herzen — und eine Stimme kommt und spricht: „Bleibt beieinander. — Ihr — ihr dürft es und ihr könnt es. Ich wirke das Wunder.“

Sie glaubten nicht, konnten nicht glauben.

Wozu die Qual des Aufschubs?

Und die Stimme kam wieder, ruhig, eindringlich, überzeugend, bis sie glaubten — und mit einer großen Lebenswonne glaubten.

— Alles, was niedergehalten war, erwachte — alle Sinne thaten die Augen auf.

Die Liebe, die wie ein unaussprechliches Geheimnis geschwiegen hatte, jauchzte in beider Herzen — und die Dankbarkeit der Freigelassenen, der Sklaven die Herren wurden.

Und die Stimme kam wieder und wieder, festigte den Glauben, die Liebe und die Hoffnung.

Und es verging eine gute Zeit.

Die Stimme versprach und hielt die Hoffnung am Leben.

Aber die gottgesandte Stimme hatte etwas so Spielerisches, Gedankenloses bekommen.

Ja — ja — und: Ja — ja — ja — und dabei blieb es.

Es geschah nichts.

Dann kam eine Zeit, da wurde die Stimme spöttisch, so von oben herab, spielte wie ein Raubtier mit seinem Opfer — und gellte von hartem Spott.

Ein Lachen kam in die Stimme, in der Machtbewußtsein und böses Gewissen wie mit scharfen, mißgestimmten, schrillen Glöckchen klangen — eine Stimme, die aus einem heiligen Gelübde einen tollen Scherz machen wollte.

Und so riß sie Jahr und Jahre zwei unglückliche Menschen an tausend gemarterten Nerven, tanzte wie mit scharfen Füßen über mattes, müdgearbeitetes Hirn.

Dann kam eine Zeit, in der die Stimme tödlich wurde, wie eine Peitsche sausend und zischend, auf das Höchste peinigend.

Da fand sich ein Ausweg. — Unter andern Gesetzen Scheidung und Ehe.

Rettung! Rettung für alle, auch für die arme, peinigende, selbstgepeinigte Stimme.

*

Über die aber, die sich mit letzter Kraft gerettet hatten, fielen die Menschen her.

Der Lauf der Welt ist so. Die Massen wollen nicht Zuschauer einer Rettung sein. Sie wollen Untergang. Rettung befriedigt sie nicht; langweilt, enttäuscht und empört.

Und die Zuschauer rächen sich, fallen selbst über die Geretteten her, um, was noch am Leben blieb, ihrerseits zu zerreißen. Eine Sturmflut böser Nachrede, Verläumdung, Haß, Vernichtung ging über die Geretteten hin und warf sie krank und matt gehetzt ans Ufer.

Sie waren auch jetzt nicht untergegangen. Sie lebten. Ihre Liebe lebte.

Mächtiger als alles waren sie gewesen.

Gebrochen an Leib und Seele — — aber ohne Reue! Im tiefsten Herzen unsagbar glücklich! Jubelnd vor Wonne, daß sie beieinander geblieben waren.

Lachen konnten sie über das was die Welt „Liebe“ nennt, diese kleine civilisierte Liebe! Dies Hündchen mit der Steuermarke um den Hals.

Sie hatten die löwenstarke Liebe kennen gelernt, die königliche, über die nichts auf Erden Macht hat. Die noch nie eine Kette litt! Die noch immer entkam. —

Krank, sterbenskrank lagen sie einsam, arm im Krankenhaus einer großen Stadt, dem Tode nahe.

Kein Mensch kannte sie. Niemand fragte nach ihnen. Niemand half ihnen. Und wer etwa von ihnen wußte, verachtete sie.

Sie hatte sich an sein Bett tragen lassen und er hielt ihre Hand in der seinen. — Beide totkrank.

„Was sind wir doch für glückliche Menschen!“ sagte er.

Das war die feierliche Stunde der Erlösung, die Stunde des Triumphes.

Von da an gesundeten sie.

Aber ihr Leben bisher war wie ein Leben auf der Folter gewesen. Die zertretnen Herzen mußten erst wieder heilen und heilten langsam. Oft schien es, daß es nicht zur Heilung käme — aber sie heilten.

Und nun waren sie wie Menschen, die, schon einmal gestorben, wiedergekehrt sind.

Sie hatten sich immer an den Händen gehalten, und das hatte sie gerettet.

Jetzt gingen sie wieder unter den andern und es war, als ahnten diese, das etwas Königliches in beiden lebte.

Sie fanden Freunde und man kam ihnen entgegen.

Und nun endlich, nach Jahren, lebten sie in einem kleinen Haus für sich, das in einem wunderschönen Garten stand.

Viele lebten auch wie sie und schöner und reicher. Aber die beiden kamen doch aus einer andern Welt, ihre Liebe war eine andre Liebe, ihr Verstehen ein andres Verstehen.

Sie waren die Wiedergekehrten und sie hatten aus dem Jenseits etwas mit herübergebracht.

Sie waren die schon einmal Gestorbenen.

Und zu diesem ganz in Laub vergrabenen Heim begleitete Mrs. Wendland mit ihren Gästen, Frau Lu.

Eine köstliche Fahrt über den See. Dann eine Wanderung, ein wundervoll sommerlicher Gang durch stille Buchenwälder.

In einem kleinen Nest wurde von Mrs. Wendlands Diener serviert, genau so erhaben und feierlich in dem Bauernwirtsgarten wie daheim.

Es machte den Eindruck als ignorierte der ausgezeichnete Mann einfach den Wechsel der Umgebung. Unnahbar für alles, nur für die Würde des Hauses nicht, manöverierte er mit der ländlichen Suppenschüssel auf eine großartige Weise.

Von da fuhren sie am Nachmittag mit der Bahn bis zu einem Vorort Münchens, mitten im Wald gelegen, am steilen Ufer der Isar.

Das ferne München lag in einer leuchtenden Dunstwolke. Und dieser Dunstwolke zu rauscht die Isar, einen lebendigen, starken Gebirgshauch mit sich führend.

So nah einer Großstadt war kein frischeres, ursprünglicheres Fleckchen Land zu finden, um ein stilles, in die Natur eingewachsenes Heim zu gründen.

Nur wenige, durch bequeme Wege abgeteilte Waldparzellen, hatten ihre Eigentümer schon gefunden. Hie und da lugte aus dichtem Buchengrün ein rotes Dach.

Henry Mengersen kannte die Gegend noch nicht und war von der Eigenartigkeit der Landschaft ganz überrascht.

„Jetzt werden wir dem guten Philosophen über den Hals kommen,“ sagte Mrs. Wendland. „Ist ihm sehr recht, er lebt zu bequem.“

„Nein — nein, er weiß schon,“ sagte Frau Lu.

„Natürlich diese beide sind immer unter einander einverstanden. Wir wollten ihn doch überraschen.“

Mitten auf dem breiten Waldweg kam ein winziges, drei Spann hohes Bürschchen in einem roten, faltigen Kittel gewackelt.

„Brüderchen!“ rief Frau Lu.

Da waren sie beieinander.

In Frau Lus Kleid wühlte sich der runde, blonde Kopf des festen Bürschchens ein.

Hinter ihm drein kam ein nettes, freundliches Dienstmädchen gelaufen. Das Bürschchen war ihr offenbar entwischt. Es zappelte und wühlte mit dem Köpfchen und hing an seiner glücklichen Mutter.

„Brüderchen!“ in ihrer Stimme klang eine so unmittelbare Seligkeit, so etwas urkräftig Warmes, — Frohes.

„Wie gehts dem Herrn?“ fragte sie das Mädchen.

„Ganz wohl, gnädige Frau haben schon Besuch bekommen. Es sind mehrere Herrschaften da.“

„Natürlich,“ sagte Mrs. Wendland, „man kann nie zu euch kommen, ohne so und so viele Zeugen.

Da wird wohl die Oriflamme sein mit ihrer Governeß?

Ist die Komtesse gekommen?“

„Ja, und das andere Fräulein ist auch dabei.“

„Dann ist der biologische Mensch auch nicht weit.“ Mrs. Wendland war ärgerlich.

„Ist Herr Meyer auch gekommen?“ fragte Frau Lu lachend.

„Ja, auch,“ das Mädchen lächelte bescheiden, wie es sich ein bessrer Dienstbote erlauben darf.

„Dann,“ sagte Mrs. Wendland, „sind auch die Adepten da!“

Ja, die Adepten waren auch da: ein Professor mit Frau und Kindern, eben die Adepten.

„Lu,“ sagte Mrs. Wendland, „ihr solltet nicht mit allen diesen Leuten verkehren! Ich habe immer gesagt, ihr solltet nicht.“

Mrs. Wendland ging mit Isolde und Frau Lu, die ihr Bübchen trug, voraus.

„Das sind Leute, die es nicht zu euch wohl meinen können. Dein guter Mann sagt ihnen alles Beste und Höchste, was er weiß. Sie verstehen nicht — und dann kommen die Geschichten.“

„Die Adepten sind ganz harmlose Leute,“ meinte Frau Lu. „Ja, aber was thut das, ich weiß, es ist nicht gut.“

„Ich sage dir, die Oriflamme wird so lang mit deinem guten Mann kokettieren, bis sie finden wird, daß sie sich kompromittiert hat, dann werden die beiden Vestalinnen, die Flamme und die Governeß, Lärm schlagen. Du und dein Mann seid viel zu harmlos für solche Menschen.

So eine Jungfrau ist jeden Augenblick bei ihr ‚j’y pense‘. Spricht er von ein Stuhlbein — — sie versteht von ihr Bein und ist empört —

O, diese älteren Jungfrauen mit ihr ‚j’y pense‘!“

Jetzt traten sie durch eine grüne Gartenthür mit grünüberwachsenem Bogen.

Frau Lu begrüßte hier als Wirtin ihre Begleiter, Doktor Frey, Henry Mengersen, auch Isolde, die während des ganzen Wegs sehr stille war und gern zurückgeblieben wäre, wenn sie es hätte möglich machen können.

Sie war den ganzen Weg nicht von Mrs. Wendlands Seite gegangen.

„Wie schön!“ sagte Isolde. „Wie entzückend!“

Es war das erste Mal, daß sie heute lebendig wurde.

Frau Lus Garten war wohl eigenartig genug. Ein Stück Wald, kräftige kleine Tannen und hin und wieder ein schöner hoher Baum. Der Waldboden: Heide, die sich schon zum Blühen anschickte. Und mitten in diesem Heideboden Rosenstöcke, Levkojen, Feuerlilien. Neben einer kleinen dichten runden Tanne ein blühender Mohnbusch, von dem großblumigen, mächtigen.

Um die hohen Tannenstämme schlangen sich Clematis mit tausend kleinen und großen violetten Blüten, Kresse, Reseda, Verbenen — es war ein entzückendes Durcheinander und wahre, wirkliche Waldluft, harzig und würzig.

Aus der Thür des dunkeln, norwegischen Blockhauses tritt ein schlanker Mann im blauen Anzug. Etwas Ruhig-Gutes liegt in seiner Haltung und seinem Blick.

Frau Lu eilt auf ihn zu. Sie hält noch immer das Bübchen im Arm.

Er giebt ihr die Hand und sieht sie an und klopft dem Bübchen auf die Wange.

Sie haben kein Wort miteinander geredet — aber sie haben sich wieder. Sie sind beruhigt. — Es ist nun gut. — Sie ist wieder da. Das liegt in seinen Augen, noch als er die Fremden begrüßt.

Und sie, sie ist eine ganz andere Person geworden. Die Augen strahlen. Es ist etwas Leichtes, Heimisches in ihre Bewegungen gekommen. Sie sieht viel jünger aus. Es ist als wenn sie einen tiefen Atemzug gethan hätte. Da ist sie wieder in der Atmosphäre, in der es sich so tief, so rein atmen läßt.

„… Ich habe alles zum Thee mitgebracht, du brauchst dich gar nicht zu bemühen, Lu,“ sagt Mrs. Wendland und giebt dem Diener einen Wink; der schließt sich dem Mädchen an.

„Ja,“ sagt Frau Lu, „wie lieb von dir.“

*

Unter einer großen Buche im Garten wurde der Thee serviert. Der Dichter, Reichstagsabgeordnete und Prophet Frey und Henry Mengersen kommen hier mit einer Reihe Leuten zusammen, die ihnen in ihrem Wesen und ihren Zielen vollkommen fremd waren.

Mit Helwig Geber war für sie ein Verständnis möglich, trotzdem er im Gespräch weder auf Kunst noch Politik besonders einging. Er lebte in einer Welt, die andre kaum streiften. Philosoph so durch und durch, so ganz und gar, daß es ihm schwer fiel, von etwas anderem zu reden.

Fand sich ein Mensch, von dem auch nur ein Funken Verständnis zu erhoffen war, so gab er sich dem offenherzig hin, war unermüdlich darin, zu überzeugen und grundehrlich wie ein Kind.

„Sehen Sie, wie wunderbar das ist,“ sagte er dann und wollte, der andre sollte auch empfinden, was er empfand.

Er arbeitete an einem Werk, für das gewissermaßen dies kleine Haus, in dem die beiden lebten, der Tempel war.

Das Werk ihres Mannes, war Frau Lus Lebenshoffnung, auch ihre Lebensfreude, wie es die seine wohl sein mochte.

An Erfolg dachten sie beide nicht; aber es sollte sich etwas gestalten, etwas Neues, Einfaches, Großes, und mochten noch Jahre hingehen, mit forschen, vergleichen, prüfen.

Das Werk wuchs. Kamen wieder und immer wieder lange Krankheitszeiten, so mußten sie ertragen werden, bis er endlich wieder mit Hoffnung an die Arbeit gehen konnte.

Frau Lu wäre es lieber gewesen, er hätte nie mit einem Menschen über das gesprochen, was ihn unablässig beschäftigte; trotzdem er Anhänger gefunden hatte, prächtige Menschen, fand sich auch viel sonderbares Volk, dessen Neugierde durch die Eigenartigkeit des sich geistig hingebenden, schönen Mannes, erregt wurde, die, Verständnis heuchelnd, eine Weile sich zu ihm hielten um dann, als sie alles gründlich mißverstanden und mißdeutet hatten, abzufallen mit Geschrei und Klatsch.

Das Paar hatte schon manches derartiges erlebt.

Frau Lu war es müde, diese Leute bei sich zu empfangen, von denen sie nichts hoffte und hinter denen sie auch nichts suchte.

Die Komtesse kam abends hin und wieder allein, ohne ihre Begleiterin, dann löste ein Zufall ihr das mächtige Haar, sie hörte knieend zu, was ihr philosophischer Freund sprach, grub seinen Namen mit einem feinen Messerchen in die Tische ein, that unbeschreiblich hilfreich, war hingebend, fast demütig.

Sie hatte etwas so vestalisch, keusch Kokettes. Eine ganz eigentümliche Mischung.

Jetzt, als sie alle um den großen Theetisch unter der Buche saßen, hörte sie überhaupt schmelzend, schmachtend auf alles, was gesprochen wurde.

Der Professor mit Frau und Kindern waren auch insgesamt komische Käuze. Sie sprachen mit Vorliebe über das, was man essen sollte, um seine geistigen Fähigkeiten zu entwickeln. Sie waren beide Theosophen und machten sich mit tausend Dingen das Leben sauer.

Frau Professor hatte heute zum Beispiel ganz auffallend zerstochene und geschwollene Hände, weil sie die Mücken nicht hatte verscheuchen wollen, in dem Gedanken, keinem lebenden Wesen zu schaden.

Sie war eine liebliche, bleiche, dunkelhaarige Frau. In ihren Augen lag viel Ernst und Aufrichtigkeit.

Sie hatten jetzt gerade eine Zeit, in der sie nur Früchte aßen und lobten diese Art sich zu ernähren ganz außerordentlich. Der Frau jedoch schien sie miserabel zu bekommen. Die größte Marter aber, die sie sich auferlegt hatten, das waren ihre beiden Buben, in denen sie mit klarer, sicherer Voraussicht schon jetzt künftige Adepten ahnten.

Aus welchem Grund das Ehepaar annahm, daß diese zwei allerliebsten, dicken Bürschchen, die augenblicklich in einem abgelegenen Teil des Gartens, unter Aufsicht des netten Dienstmädchens dem „Brüderchen“ Gesellschaft leisteten, so außerordentliche Fähigkeiten in sich verschlossen hielten, ist nie bekannt geworden.

Sie hatten eben einfach innerlich geschaut, daß diese beiden Knaben wiedergeboren waren als Adepten, daß sie schon keimende Adepten seien.

Auch in „Brüderchen“ ahnten sie so etwas und redeten jetzt wieder Frau Lu zu: das wunderbar schauende Kind, „weihevoller“ zu erziehen. Das heißt, es schon jetzt als vollgiltigen Menschen zu behandeln.

Sie selbst thaten das bei ihren Rangen und wären entsetzt gewesen, hätten sie gesehen, daß das nette Dienstmädchen beiden ein paar Tüchtige auswischte, als sie die Adepten dabei ertappte und wie sie darauf bestanden, dem Brüderchen Erde in sein kleines Maul zu stopfen.

Die Eltern hörten aus der Entfernung das Geschrei mit Beunruhigung. Die Frau stand auf, um nachzusehen, was Atman und Mitra, so heißen beide, betroffen haben mochte.

Sie kamen tief erregt wie von einer Heiligtumsschändung zurück und sprachen einige ernste Worte mit Frau Lu, die ihrerseits meinte, ein paar wohlgemeinte Kläpse schadeten selbst Adepten nichts.

Die Eltern von Atman und Mitra waren nicht angenehm berührt.

„Na, hören Sie mal,“ sagte Doktor Frey, „Ihre Bamsen thun sich aber leicht!“

Mrs. Wendlands Diener ging ab und zu mit Thee und köstlichen englischen Kuchen. Es war, seinem Betragen nach, anzunehmen, daß er wiederum nicht wußte, wo er sich befand. Der Wechsel der Umgebung hatte für ihn nicht das geringste zu bedeuten. Er blieb überall der, der er war.

Den Adepten kam jetzt in den Sinn, sich an Frau Lus schönsten Clematis zu vergreifen.

Frau Lu sprang auf um zu retten was zu retten war.

„Lassen Sie! lassen Sie!“ bat die zarte Frau, die Mutter der Adepten mit dem tiefen, treuherzigen Blick, „erschrecken Sie sie nicht.“

„Ja, um Himmels Willen!“ Frau Lu schaute ganz entsetzt und ratlos.

„Wir sagen den Kindern alles zu einer bestimmten Stunde, meine Frau notiert sich ihre Versehen,“ begann der Professor, „und dann teilen wir Atman und Mitra unser Urteil vollkommen leidenschaftslos mit, oder wir setzen uns in Rapport mit ihnen, wenn sie schlafen.“

„Na, dann vergessen Sie’s nur auch mit den Clematis nicht und versuchen Sie mal jetzt, zu einer Ausnahmsstunde, es ihnen begreiflich zu machen, daß sie die Blumen in Ruh lassen sollen.“

Frau Lu war etwas ungeduldig; aber doch sehr belustigt.

„Ja, das werde ich,“ sagte der Professor ruhig.

„Lassen Sie mich, liebster Herr Professor,“ bat die Komtesse flehend, „ich bitte Sie.“

„Nun, versuchen Sie’s, Komtesse. Ruhig sich konzentrieren. Sie müssen sich ein „Blank“ schaffen, eine absolut stille Fläche in der Seele. Sie wissen ja.“

Die Komtesse saß schon und konzentrierte sich.

„Lassen wir jetzt unsere liebe Freundin,“ sagte der Professor.

Die Komtesse versank buchstäblich in sich selbst, erhob sich dann in ihrer ganzen imposanten Länge, schritt mit starren Augen auf die Adepten zu, die sich um die abgerissenen Blüten und Ranken rauften, und wollte sie stumm beeinflussen.

Sie stand mit dem geradesten aristokratischen Rückgrat vor Atman und Mitra, die Augen unbeweglich, einen ungeheueren Frieden auf dem Gesicht. Das erschreckte aber die Adepten; sie starrten ihrerseits auf die merkwürdige Erscheinung und Atman fing zu heulen an.

Da machte sich ungeheißen noch eine Gestalt auf, Herr Meyer, der „biologische Mensch“, wie er hier genannt wurde, und ging eben so konzentriert, mit einem ebenso ungeheueren Frieden auf dem Gesicht auf die Adepten zu, um sie mit zu beeinflussen, und um seiner verehrten Freundin und Schwester im Geiste beizustehn.

Das begab sich alles gewissermaßen ganz unauffällig, hatte auch ganz wenig Erfolg.

Herr Meyer, die Komtesse und das Professorenpaar übten sich immer in solchen Dingen. Sie waren ihnen ganz alltäglich.

Sie sprachen untereinander von schwarzer und weißer Magie, wie andre Leute von Konzert und Gott weiß von was und waren sich absolut nicht mehr bewußt, daß ihre Gespräche doch nicht ganz unauffällig waren. Sie dilettierten in allen möglichen occulten Dingen und befanden sich sehr wohl dabei.

Jetzt wollten sie ein vegetarisches Speisehaus ins Leben rufen und warben auf das eifrigste bei Mrs. Wendland dafür, die ihrerseits sehr kühl war und sagte: „Weshalb? Man kocht Gemüse sehr schlecht in Deutschland, weshalb wollen Sie die armen Leute krank machen?“

Die Komtesse hatte sich seit geraumer Zeit damit beschäftigt, ein Armband aus Grashalmen zu flechten, jetzt bat sie um Gebers Hand und streifte es ihm über. Sie sagte gar nichts dabei, that es gewissermaßen mystisch, vestalisch, spielerisch und hielt seine Hand merkwürdig lang in der ihrigen.

„Was für eine eigentümliche Hand; ich muß ihre Linien einmal prüfen.“

Er entzog ihr die Hand und führte das Armband im Scherz an seine Lippen.

„Unverschämt,“ dachte die Governeß. „Natürlich, jede Gelegenheit nimmt so ein Mann, so ein ‚brute‘ wahr.“ Alle Männer erschienen ihr gleichmäßig sehr verdächtig. Das Weib hielt sie für unsäglich rein. Aber jetzt hatte sie ihn einmal wieder, diesen Philosophen: Auf den harmlosen Scherz der Komtesse diese Plumpheit! Seinen Blick hatte sie dabei sehr wohl verstanden, — o, sie durchschaute!

*

Die Theosophen verabschiedeten sich heute früher als sonst. Sie wollten etwas miteinander bei der Komtesse lesen.

Frau Lu fiel ein Stein vom Herzen, als sie gingen. Sie sagte auch etwas derartiges.

Ihr Mann verwies es ihr leicht.

„Es nimmt sich alles Menschliche sonderbar und lächerlich aus, wenn man nicht selbst darin steckt. Das, was die wollen, ist besser als alles andre.“

„Sie wollen ja gar nichts,“ sagte Frau Lu, „sie spielen.“

„Mögen sie spielen, wenn es sie freut, die kleine Frau hat sich doch ihre Pfoten zerstechen lassen. Sie hat wirklich versucht, wie es thut, das „Sichselbstaufgeben“, das „Tat wam asi“ der alten Inder, das „das bist du“! Der kleine Zug ist rührend in unserer Welt, dies gut sein wollen.“

Mrs. Wendland reichte ihrem Freund über den Tisch hinüber die Hand. „Danke Ihnen,“ sagte sie, „Sie haben recht.“

In diesem blumenreichen Garten, in dem sich Reseda-, Rosen-, Verbenenduft mit abendlichem Waldesodem mischten, war eine ganz eigentümliche Stimmung über die Gäste gekommen. Frau Lus guter Philosoph hatte diese Stimmung gebracht.

Sie sprachen über Dinge, über die moderne Menschen selten nachdenken, und hörten auf einen Mann, der anders dachte als andere, tiefer, einfacher und sich nicht scheute, seine Gedanken auszusprechen. Ja, er hatte den Mut, sich zu geben wie er war.

Henry Mengersen ließ diesen Abend auf sich wirken. Er war zu sehr Künstler, als daß er den Eindruck einer in sich ausgeglichenen Persönlichkeit nicht empfunden hätte, trotzdem er, seiner Natur nach, weder Frau Lu, noch deren Mann je näher treten konnte.

Er sah auf Isolde. Isolde hörte mit großen Augen zu. Sie war bleich. In der Abenddämmerung hatte die weiße, zarte Gestalt, etwas so Unbestimmtes, Weiches.

Henry Mengersen empfand etwas Scheues, Schuldbewußtes in ihr.

Und wie er so auf sie blickte, zieht ein leichtes Lächeln um seine Lippen, ein verächtliches Lächeln.

Ihm ist’s, als fühlte und sähe er die Gedanken unter der jungen Stirn; ihm ist’s, als fühlte er die erregten, verlangenden Blutwellen in ihren Gliedern.

Sie muß wie im Fieber sein! Ihre Nerven müssen zittern und beben — ein Schauer nach dem andern muß sie durchfahren.

Er hat als Künstler und Mensch über das Problem „Weib“ nachgesonnen, als Künstler hat er es auf seine Weise gelöst.

Er ist müde und gelangweilt vom Weib.

‚Entsetzlich,‘ denkt Henry Mengersen und sieht wieder auf Isolde, ‚das Weibliche in der Natur! Dies blinde Sich-ins-Elend-stürzen-wollen, dies Gedankenlose, Nie-die-Folgen-überschauende. Egoistisch wie der Mann, aber so unsäglich dumpf, unbewußt, so instinktiv, so elementar.

Wie unangenehm großgezogen ist es in ihnen dies langweilige, aufdringliche Sich-opfern-wollen, die Bestimmung erfüllen wollen.

Wie sie sich hindrängen, wie eine dumpfe Herde — ekelhaft!

Das Weib hat die Natur überboten, sich selbst unterboten. Die Natur hat es dem Unfreien, dem Dulden näher gestellt als den Mann — und es hat seinen Vorteil darin gefunden! Es ist sich selbst zur Ware geworden. Das was es leiden muß, ist ihm vorteilhaft. Es schachert mit seinem Leiden! Widerlich!

Ein Tier, das gejagt wurde wie das Weib gejagt wird, dem wüchse irgend etwas, ein Horn, ein Giftzahn — dem Weib wuchs nichts. Es wurde zahm und zahmer, widerlich zahm, das Haustier im vollsten Sinne!

Wäre Fräulein Isolde Ladenmädel, würde ich sie zu meiner Geliebten machen. Weshalb nicht? — und sie davonjagen, wenn sie mir unbequem würde — vielleicht zu kunstsinnig — kunstsinnige Weiber! — gräßlich! —

Wie selten hat ein Künstler die Freude am schönen Weib.

Hier wär sie, die Freude.

Schade!‘

Henry Mengersen blies gedankenvoll die blauen Wölkchen seiner Cigarette von sich.

Isolde hatte des geliebten Mannes Blicke wohl empfunden.

Ja, er hatte recht. Sie erschauerte, im Gefühl ihm anzugehören. Sie war ganz in sich verstummt.

Das große Geheimnis des Weibes, wie sie es damals verstanden hatte, als sie zum ersten Mal seine Kunst ganz in sich aufnahm, lag über ihr.

Ja, das ist das Größte auf Erden, ein Weib sein — sich opfern.

Henry Mengersen hatte ganz recht mit dem, was er vom Weib dachte.

Das aber wußte er nicht, daß unter den Frauen auch freie Geschöpfe leben, freier als je ein Mann frei ist, mächtige Seelen, Seelen, die dem großen Zug der Natur, die in ihre Geschöpfe nur den Trieb zum Fressen legt, entgegenstehen, die der Natur zum Trotz sind, wie sie sind, lieben, wie sie lieben — und sich grenzenlos opfern, als stammten sie aus einer Welt mit anderen Gesetzen.

6.

Ein uraltes Märchen giebt es:

Eine reine Jungfrau wollte sich für ihren Herrn opfern, auf daß er von der Miselsucht genesen sollte.

Lebend wollte sie sich für ihn das Herz aus der Brust schneiden lassen.

Und als er durch die Thürspalte blickte, da ersah er sie bloß, wie sie zur Welt geboren war, nackt in ihrer großen Schönheit, wie sie geduldig dem Arzt die Brust bot, damit er schneiden sollte und ihren Herrn retten.

Da erbarmte sich seine Seele.

*

In dem stillen, hohen Raum stand sie, wie die im uralten Märchen, die ihren Herrn retten und sich für ihn das Herz lebend aus der Brust schneiden lassen wollte, da stand sie nackt, wie sie zur Welt geboren war, in ihrer großen Schönheit.

Sie hatte ihrem Herrn versprochen, ihm einen Wunsch zu erfüllen.

Henry Mengersen saß ganz versunken und entrückt über seiner Zeichnung.

Große Stille im Raum.

Draußen Juliwärme, Julisonne, ungeheure Laubmassen, schneeweißleuchtende, ziehende Wolken auf tiefblauer Wolkenbahn.

Sommerliches Treiben, Sommerlaute, Sommerdüfte, Sommerblumen, der Glanz von einem weiten, ruhigen Wasserspiegel — heiliger, warmer Sommerzauber.

Drinnen, in dem stillen Raum, der ganz in seine Arbeit versunkene Mann, arbeitend wie an einer Offenbarung.

Etwas Ersehntes, etwas Notwendiges war es, was ihm da geschah.

Keine Minute, keine Sekunde verlieren!

Wie eine hellleuchtende Blume steht sie regungslos und totenbleich.

Er hat hin und wieder auf den Lippen zu sagen: sie soll ruhen.

Er will sie aus ihrer Stellung erlösen — aber er wagt es nicht.

Was denn? — Was kann die nächste Minute bringen?

War er seiner sicher?

War er ihrer sicher?

Er arbeitet ohne Zeitmaß — heftig, widerstandslos.

Ungespaltenen Willen für seine Arbeit!

Die wundervollen Formen ohne Nebeneindrücke!

Er stellt sich kühl vor, daß sie ein bezahltes Modell sei — und es gelingt ihm.

Jetzt erst kann er ganz in sich selbst versinken.

Wie einfach ist alles zugegangen!

Ihr leises Kommen, — ein so rührendes Anschmiegen.

Er hat sie auf die Stirn geküßt.

Vorsichtig war er gewesen vom ersten Augenblick an.

Dann hat sie still und ernst die Kleider abgelegt.

Ja, und da war ihm das aus dem Märchen vom armen Heinrich gekommen.

Märchenhaft, weltfremd, jede Bewegung von ihr wie tief träumend und der große reine Ernst wie bei einem heiligen Opfer.

Wundervolle Rosen standen in einem weiten Korbe, die hatte er vor ihr ausschütten wollen.

Er wagte es aber nicht.

Den Kopf nicht verlieren!

Von vollendeter, junger Schönheit war ihr Körper. Ein Geschenk, eine herrliche Erfahrung.

‚Dem Schöpfer Dank, daß das Mädchen so leichtsinnig war, daß sie ihrer großen Schönheit froh werden wollte, und daß sie ihn gewinnen wollte — alles beiseite werfend.

Unerhört raffiniert ist ein kluges Weib, das auf Beute ausgeht.

Diese rührende Gestalt, dieser Ausdruck des völlig bleichen Gesichts!‘

Als Künstler nahm er das Eigentümliche ihres Wesens bereitwillig auf, als Mensch fühlte er sich davon fast abgestoßen. Er sah als Mensch tiefer.

Er empfand das Märchenhafte.

Aber welchen Wert hatte das?

Kann ein Weib, das so rücksichtslos wirbt und auf sein Ziel losgeht, wahr sein?

Wie steht das in Einklang mit solcher Reinheit der Bewegung, solcher Unantastbarkeit? …

Lächerlich!

Nicht verblüffen lassen!

Du kluges, schlaues Weibchen.

Er blickte über alles Äußere hinweg, in die eitle, beutegierige Weibesseele hinein.

*

Im alten Märchen heißt es:

„Da erbarmte sich seine Seele.“

*

Henry Mengersen war ein kluger Mensch. Was die Natur etwa versäumt hatte in seinem Charakter praktisch einzurichten, dem hatte er nachgeholfen.

Sein Empfinden als Mensch ist vortrefflich geschieden von seinem Künstlerempfinden. Seine große Kühle und Vorsicht ist ganz etwas für sich. Als Künstler kann er leidenschaftlich, warm, groß sein. Er ist sich dessen auch vollkommen bewußt. Er hat sehr viel über sich selbst nachgedacht, beurteilt und behandelt sich gewissermaßen wie ein Kunstwerk.

Er hat sich zur Kunst trainiert, wie andere es zu irgend einem Sport thun, genau so kühl und berechnend. Er will sich seine Kunst intakt halten, seine Person, seine Toilette. Alle diese Dinge behandelt er auf das Sorgfältigste. —

Und wer im geringsten auf eins dieser Dinge störend einwirkt, den belehrt er.

Er hat gefunden, daß die kühle Belehrung eine ganz außerordentliche Waffe sei — eine verblüffende Waffe. — Kühl, ganz kühl belehren.

Es giebt für den andern in gewissen Momenten nichts Beschämenderes.

Ja und während der Arbeit, als er nicht wußte, wie jetzt enden, wie ein ruhiges Ausklingen des sonderbaren Abenteuers möglich sei, so daß er sich nicht den geringsten Vorwurf zu machen hätte, sonderte sich in ihm schon der Belehrungsstoff ab — wie das Gift in einem Giftzahn.

Der tödliche Biß aber erfolgte nicht.

Es war nicht nötig.

Unauffällig, still, ernst, wie sie gekommen, ging sie wieder.

Er wollte sprechen, war verwirrt, etwas verlegen, ja, er war dabei, aus Verlegenheit zärtlich zu werden.

Er sprach etwas ungeschickt von Dank. Da sah er, wie sie den Finger flehend auf ihren Mund legte und ihn dabei anblickte.

Dann sah er die Gestalt in dem weißen Kleid durch den Garten gehen, ruhig und langsam, nicht scheu und eilig.

Nicht ein Wort hatte sie bei ihm gesprochen, stumm war sie gekommen, stumm gegangen.

*

Als er an diesem Abend zu Mrs. Wendland kam, war Isolde nach München abgereist.

*

Mama hielt sich noch bei dem schwer erkrankten Bruder in Berlin auf und Isolde fand die Schwester ganz allein daheim. Der Vater hatte seinen Kegelabend.

„Wo kommst denn du her?“ sagte Marie ganz erstaunt, als sie ihrer Schwester öffnete.

In dem dunkeln Korridor war es ganz beklommen.

Nach der herrlichen, weichen Seeluft drängt es sich hier wie erstickend in die Lungen.

„Ist was geschehn?“ fragte Marie, „was fällt dir denn ein? Jesus, statt froh zu sein, kommt die Suse hier an! Willst du was?“

„Ich will heim,“ sagte Isolde.

„Bist du triste?“ fragte Marie weich.

Da schlang Isolde ihre Arme um die blonde Schwester und gab sich wie ein krankes, abgemattetes Kind.

Marie war so lieb zu ihr, goß ihr Thee auf, deckte den Tisch zum Abendessen.

Isolde ging bei allem, was Marie that, ihr nach wie ein Kind seiner Mutter.

„Ist dir doch was?“ wiederholte Marie hin und wieder ihre Frage.

Zu ihrer Schwester sammtner Weichheit war Isolde von Kindheit an geflüchtet, wenn sie seelisch fror, wie in einen Sonnenstrahl hinein.

Marie war es so gewöhnt, Isoldens unruhiges, flackerndes Gemüt in ihre stille Natur aufzunehmen.

Sie machten beide nicht viel Worte, aber das Zueinanderschlüpfen der jungen Geschöpfe, die gegenseitige Wärme das war so gut.

Marie wollte ihr Bettzeug holen, um bei Isolde zu schlafen. Sie hatte ihr Lager in einem andern Zimmer aufgeschlagen, des Schädels wegen. Von seinem Postament hatte sie ihn nicht nehmen wollen und hätte auch nicht gewußt, wohin damit. Und allein mit ihm im selben Zimmer — nicht um die Welt!

„Geh, bleib nur wo du bist,“ sagte Isolde, dann ging sie schlafen.

Sie legte sich mit großen Augen nieder, ließ das Licht brennen und starrte vor sich hin.

Was für ein Weh stieg in ihrer Brust auf — so fremd, so nagend.

Sie verstand es nicht.

War das Reue?

War das entsetzlich, was sie gethan?

Es nagte — nagte — nagte.

Aber weshalb sie so fremd, so geheimnisvoll litt, verstand sie doch nicht.

Ein Erstarren ging durch ihre Glieder und durch ihre Seele — ein schreckliches, tötliches Erstarren.

War das Zweifel?

War das ……

Sie fand keine Worte, keine Gedanken — aber sie litt.

Sie fühlt, als grübe ein Messer in ihrer Brust und suchte nach ihrem Herzen.

„Du Mensch aller Menschen hast es verlangt!“ und wie damals legte sie die Hände wie im Gebet zusammen und blickte auf den Schädel. „Du hast es verlangt, weil ich dein bin, weil du mein bist und weil ich dir helfen soll.“

Sie flüsterte wie in großer Schmerzensnot.

„Du wirst kommen — und du wirst mich nicht wieder verlassen!“

‚Also doch ein wohlberechneter Heiratsplan, sehr — sehr schlau,‘ würde der Schädel denken, hätte er das Glück, Henry Mengersens Hirn in seiner Höhle zu haben.

Eine ungeheure Sehnsucht erfüllte sie.

„Hätte er mich doch geküßt — geküßt!“ ein tiefer Seufzer wie ein Schrei. Sie erzitterte durch alle Nerven. Dann ein Aufschluchzen.

„Nun weiß ich, wie ich bin! Er ist besser. Alles hat er — alles kann er. Was für ein Mensch ist er! — und auch besser als ich!“

Ein zorniges empörtes Gefühl.

Stundenlang tobte es in ihr auf und nieder. Ruhelos, friedlos — und so unsagbar weh!

Dann kam ein dumpfer Schlaf, und dumpfe, tiefe Träume.

Sie stand auf einer Bühne und sollte singen und wußte nichts von dem, was sie singen sollte und hatte nie ein Wort davon gehört.

Im Hemd stand sie vor allen Leuten, als müßte es so sein — und doch war etwas versteckt, dumpf Schmachvolles dabei — als müßte es doch wieder nicht so sein. Und Heinrich Mengersen ging an ihr vorüber in seinem weißen Flanellanzug, so unantastbar vollendet gekleidet — und lächelte nachsichtig — da wachte sie auf.

Ihr Herz schlug — und es war ihr, als hätte das Lächeln sie gebrandmarkt, ja, als hätte er in Wirklichkeit so gelächelt.

Sie hob die Hände zum Schädel auf. „Du liebst mich — ich bin dir das Liebste auf der Welt — wie du mir. Dann ist alles gut. Du hättest ja sonst auch nicht bitten können.“

Das fremde, geheimnisvolle Weh lag dennoch auf ihrer Seele und über ihrem Körper, wie etwas, was sie ersticken wollte.

*

Am Morgen trat Marie ein mit einem Korb voll der herrlichsten Rosen.

Das war genau so ein Korb, wie er bei ihm gestanden hatte.

„Du, das ist für dich gekommen,“ sagte Marie. „Von wem wohl?“

Isolde saß auf ihrem Bettrand, bleich, mit selig gespannten Zügen. Und ihr war, als flöge ein mächtiger, grauer, weicher Vogel, der sich mit ausgebreiteten Flügeln an sie angedrängt hatte, von ihr ab. Sie konnte nicht sprechen. Sie blickte nur mit großen, weitgeöffneten Augen.

„Ein Briefel ist nicht dabei, garnichts; — ich hab schon geschaut. Der Dienstmann hat’s für Fräulein ‚Isolde Frey‘ gebracht. ‚Isolde‘ hat er gesagt. — Für dich. — Von wem nur?“

Jetzt hatte Isolde den Korb auf dem Schoß, ihre beiden Hände lagen wie zitternd liebkosend über den Rosen. Sie saß regungslos.

„Rosen,“ sagte sie langsam. „Rosen!“

„Das sind mindestens für fünfzig Mark welche,“ meinte Marie, „so ein Haufen! Herr Gott, Isolde, von wem nur? Du weißt’s!“

Isolde schüttelte wie geistesabwesend den Kopf.

Wie ein weicher, warmer Wind zog Frieden über sie hin.

„Nun ist alles gut.“

Aus den taufrischen Rosen stieg Seligkeit auf und Hoffnung und ihr eigenes Selbst ganz reingebadet, schön, und ohne jede Schmach — — und gut.

Den ganzen Vormittag machte Isolde sich mit den Rosen zu thun. Gläser und Vasen füllte sie damit und stellte sie so und so, und schaute sie an und nahm diese und steckte sie zu jener und sagte: „Wenn sie doch nicht welken würden. Weißt du, Marie, wenn die immer blieben, Winter und Sommer, dann säh’ unser Zimmer wie ein Garten aus.“

Die Rosen hatten alle Qual von ihr genommen.

*

Dieser Morgen, der Isolden die Rosen gab, brachte der Familie Frey einen höchst merkwürdigen Tag. Kein Familienglied vergaß ihn je.

Um halb zwei Uhr saßen Doktor Frey, Karl, Marie und Isolde bei Tisch.

Das Mädchen brachte die Zweiuhrpost: Die Probenummer einer neuen Zeitschrift, einen Geschäftsbrief, eine Rechnung, die Ankündigung eines neuen Tabakladens in der Nachbarschaft und einen Brief von Frau Doktor Frey.

Dieser Brief war es, den der Doktor vor allem zuerst ergriff.

Marie hatte in diesen Tagen im stillen die Bemerkung gemacht, daß kein Bräutigam auf die Briefe seiner Braut so erpicht sein konnte, wie der Vater auf Mamas Briefe.

Zu jeder Tageszeit, wenn er heim kam, das erste: „Ist Nachricht von Mama da?“ —

‚Das, wenn die Mutter wüßt’,‘ dachte Marie manchmal.

Und wenn er einen solchen Brief öffnete, mit welcher Hast!

Und heute? Was war denn das?

Kaum, daß er in den Brief gesehn, lief Doktor Frey ganz blaurot an. Ein Stöhnen folgte.

Isolde bemerkte es zuerst und fuhr entsetzt auf.

„Vater!“

Die Augen waren ihm aus den Höhlen getreten. Er sah mit einem mal erdrückend groß und schwer aus.

Die drei Kinder hatten mit den Suppenlöffeln innegehalten und starrten auf ihn.

Er stöhnte wieder und wieder, als könne er keine Luft bekommen. Seine Farbe wurde beängstigend.

Mit einemmal erhob er sich und ging schwerfällig im Zimmer auf und nieder, griff nach seinem Taschentuch und fuhr sich über die Stirn.

„Vater?“ fragte Marie ängstlich.

Da stellte er sich vor sie hin. Sein Blick war immer noch starr.

„Schwär reich!“ kam es undeutlich, fremd, heiser heraus.

Seine Kehle war ihm wie zugeschnürt.

So sieht das Glück aus!

Die Kinder starrten.

Sie wußten nicht mehr, was sie sagen und denken sollten. Seine Seele und sein Körper waren wie von einem Krampf gepackt.

Er war wie ein Tier, das in ein Riesenfaß Wein oder Syrup gestürzt ist. Es muß im Überfluß mit dem Erstickungstod kämpfen.

„Ist denn der Onkel tot?“ fragte Isolde.

„Mausetot,“ sagte Doktor Frey.

Da kam es wie ein Luftstrom über ihn und er konnte wieder atmen.

Er wurde wieder er selbst.

Der tödliche Geldblutdurst, der wie ein häßlicher Krampf ihn überfallen hatte, ließ einen freien Augenblick jetzt wieder in ihm aufkommen.

„Ja, da bin ich nun ein schwerreicher Mann!“ sagte er mit der bekannten und berühmten Doktor Frey’schen Prophetenstimme. „Mama hat geerbt.“

*

„Na, Alte, nun hast du einen reichen Mann!“

So empfing Doktor Frey scherzend seine Gattin, als sie nach dem Begräbnis ihres Bruders nach München zurückkehrte. Er trug eine Trauerbinde.

Die Mädchen hatte er ins allererste Konfektionsgeschäft geschickt und ihnen Trauerkleider machen lassen, aus dem „ff“ wie er sagte.

Und wie die beiden im Zimmer geschäftig hin- und wiedergingen, um für Mama den Kaffeetisch zu richten, war in dem einfachen Raum mit seinen altmodischen, verbrauchten Möbeln ein zartes Rauschen und Knistern, so eine intime flüsternde Harmonie zu spüren, die die Bewegungen der beiden jungen Geschöpfe umgab.

Doktor Frey wanderte im Zimmer auf und ab und lauschte andächtig auf das süße, seidige, zarte Schürfen, das von den beiden Bamsen ausging.

Frou-Frou,“ sagte er.

Wie geschmeidig sahen die jungen Körper in den stumpfen seidenunterfütterten schwarzen Kleidern aus.

Donnerstag! das war ’was andres, als was die Alte mit der „Störminna“ fertig bekam! Er fühlte sich gehoben und war stolz auf seine Vaterschaft.

Zwei gute Partien im Haus!

„Ja, Bamsen,“ sagte er, „heute seid ihr eigentlich erst geboren. Ein guter Schneider ist halt doch mehr wert als die beste Mutter.“

Er sprach im Prophetenton und schien großartiger Laune zu sein, dampfte und schnob Lebensfreudigkeit von sich, wie eine Lokomotive. Etwas Mächtiges war in ihm; der Raum, in dem er sich befand, schien unbedingt zu eng für ihn und seine kraftvolle Freudigkeit zu sein.

„Na, Alte, nun hat die Sache ein andres Gesicht bekommen!“

Triumphierend, wie ein Eroberer, schaute er auf seine Frau, die, ermüdet von der Reise, still auf ihrem gewohnten Platz saß.

Ihr Trauerkleid war in keinem ersten Geschäft gemacht. Es war ihr etwas hergerichtetes, altes schwarzes Sonntagskleid, und ein geschmackloser Trauerhut, mit steifem, grauschwarzem Schleier, der sicher aus einem Ausverkauf stammte, lag neben ihr auf dem Sofa.

„Hennenhirn!“ sagte Doktor Frey und befühlte den starkgeleimten schwarzen Krepp.

„Daß i net lach!“ sagte er.

Zum Begräbnis seines Schwagers war der Dichter nicht nach Berlin gereist. Darin hatte er etwas Goethisches. Durch und durch Optimist, ließ er, wenn es irgend anging, nichts, was diesen Optimismus unangenehm berühren oder in Frage stellen konnte, an ihn heran, denn nichts auf der Welt muß so vorsichtig behandelt werden wie ein guter Optimismus. Mama sprach im wehleidigen Ton vom Hinscheiden ihres Bruders.

„Die Sterbesakramente hat er empfangen, Gott sei gelobt, mehrmals sogar.“

Sie sprach in dem leierigen Ton, den manche Weiber annehmen, sobald von einem Sterbefall die Rede ist.

„Sonst ist er recht ergeben hingegangen. Ganz dem seligen Vater glich er im Tod — du mein Gott, wie die Zeit vergeht! Und ausgestanden hat er ganz erschrecklich.“

„Verschon’ uns, Alte,“ sagte Doktor Frey und klopfte sie auf die Schulter. Er war sehr gnädiger Stimmung und schenkte seiner Frau eigenhändig, zum größten Erstaunen der Kinder, die zweite Tasse Kaffee ein, stellte sich aber so ungeschickt an, daß er den meisten Kaffee auf das Tischtuch brachte.

Marie wollte etwas des großen Fleckes halber thun.

Die Mutter wehrte ihr aber.

Es war, als ob ihr dieser Fleck wohlthäte, als ob sie ihn gern sähe, als sollte alles so bleiben, wie es war, wie er es zu thun für gut befunden hatte.

In Mamas Benehmen lag etwas verschämt Verlegnes. Tausendmal getreten und einmal dann in die Wangen gekniffen — ihr war das Weinen nah.

„Ja, — so viel Geld!“ sagte sie gedankenlos „— so viel Geld! — Und was in den Häusern steckt!“ da kam sie wieder zu sich.

Später, als sie mit ihrem Mann allein im Zimmer war, nahm sie ihn beiseite und faßte ihn zaghaft am Ärmel seines Flausrocks, um ihm etwas zu sagen.

Es wurde ihr, so schien es, nicht leicht sich zusammenzufassen.

„Ein komischer Mensch,“ sagte sie.

„Wer denn?“

„Der selige Bruder. — Weißt du, was er sagte, daß er Marie und Isolde extra bedacht hat? ‚Deine Mädel sollen gute Partien werden, die sind viel zu schön, um arm zu sein.‘ Na ja, das ist ja zu verstehen. Dann aber sagte er, was ich sehr sonderbar fand bei einem so ordentlichen Menschen, wie mein seliger Bruder war.

Ich hab das Weib so oft in seiner Erniedrigung gesehn, daß mir’s wohl thut, wenn ich zwei schöne Mädel sicher auf die Füße stellen kann.“

„Na, da wird er wohl so arg ordentlich net gewesen sein,“ sagte Doktor Frey ungeduldig.

„So ein Ausdruck von einem ordentlichen Menschen!“ meinte Mama. „Wieso denn erniedrigt? Was wird er denn gethan haben, anderes als andre Männer? — Da müßten ja alle ……“ Mama hatte sich unbedingt in ihrem Gedankengang verwirrt. „Ich meine,“ sagte sie, „es ist doch alles ganz gesetzlich und in Ordnung, wie es ist. Gott verzeih mir, — ein Verbrecher wird er doch nicht gewesen sein?“

„I bewahre, mach dir deshalb keine Sorge.“

„Ich hab’s eben nicht verstanden. Ich weiß schon, es giebt etwas wie liederliche Mädchen,“ sie errötete; „aber das ist gesetzlich, nicht wahr, das muß doch so sein?

Weißt du, dir kann ich’s ja sagen, daß ich davon überhaupt etwas weiß.“

„Ungeniert,“ sagte Doktor Frey lachend.

„Meint er denn die?“ fragte Mama.

„Wie gesagt, mach dir deshalb keine Gedanken. In seinen alten Tagen wird er etwas bedenklicher Natur geworden sein — ein Schwärmer, so etwas.

Sancta Simplicitas.

So eine Henne lebt doch wie mit ausgeschnittenem Hirn. Daß i net lach!

Sucht das Weib in seiner Erniedrigung und kann’s net finden!

Na, hochentwickelte deutsche Hausfrau, mach’ dir halt keine Sorgen.“

„Der selige Bruder wird sich eben reichlich seine Gedanken gemacht haben, als es zu Ende ging. Ein reputierlicher Mensch ist er ja sicher gewesen, wie sie es von jeher in der Familie waren und was soll er denn groß anderes gethan haben als andre anständige Männer? Wenn es auf den Tod hinausgeht, werden die Leut’ halt ängstlich!“

7.

Doktor Frey reiste Tags darauf mit Isolden, seinem Liebling, nach Berlin ab, um in Mamas Namen manches zu erledigen.

Isolde war schweren Herzens gegangen. Ihre Rosen blühten noch in den Gläsern.

Mittlerweile geschahen Wunder und Zeichen in der Frey’schen Wohnung.

Mama hatte im Koupé wahrhaft kühne Pläne geschmiedet; auch Mama waren die Flügel gewachsen. Mama, die in ihrer langen Ehe nie aus der Bedrängnis gekommen war, aus Bedrängnissen, die von Kind zu Kind, von Jahr zu Jahr gewachsen waren, Mama wollte jetzt ihres Glückes froh werden.

Es war ihr Geld — ja — das war es doch? Der Bruder hatte es ihr vermacht — doch ihr?

Nun konnte sie einmal alles nach eigenem Gutdünken thun. Wie gut, daß er jetzt nicht daheim war.

In ihrem Hirn hatten sich, so lang sie dachte, die schwierigsten Probleme gewälzt: ‚Fett oder Schmalz? Was giebt mehr aus? Wie dehn’ ich’s am besten? Heut nehm’ ich um ein Bröckel weniger, dann reicht der Rest morgen noch halbwegs — und übermorgen — da schöpf’ ich’s von der Suppe.‘

Und die unheimlichen Kunststücke mit Fleisch und Butter, daß alles ausreiche. — Und das Hangen und Bangen in den letzten Tagen des Monats, wenn das Geld trotz alles Quälens und Marterns nirgends mehr langte; — und die ewige Unzufriedenheit, daß nichts gut genug war — und das Schuldbewußtsein, die Angst, wenn sie antreten mußte, um das Wirtschaftsgeld zu erbitten — auch wenn es pünktlich um die vorgesetzte Stunde war — er war doch immer entrüstet. Wie eine Verbrecherin, eine Geldfortschlepperin hatte sie vor ihm stehen müssen — ein Mal wie das andre Mal.

Da konnte sie sich bis aufs Blut gepeinigt haben und wie ein Raubtier hinter allem drein gewesen sein. Das war alles gleich — immer dieselbe Operation.

Ach, wie sie alles dessen müde geworden war — schon längst — längst müde, wie ausgesogen.

Als junges Mädchen hatte sie recht gern gelesen, hatte sich Gedichte abgeschrieben und schöne Aussprüche. Davon war nie mehr die Rede gewesen.

Nach jeder Wäsche Gebirge morschen Leinenzeugs und von früh morgens an das Sinnen und Kämpfen, daß es zum Mittagessen lange, und daß mit den lächerlichsten Mitteln etwas Anständiges auf den Tisch komme.

Kaum war gegessen, hieß es: „Und was zum Abendessen für all’ die Leut?“

Und wie das Geld unter den Fingern fortglitt! — Immer derselbe Schreck — immer dieselbe Aufregung. Plötzlich waren von allen Seiten die Rechnungen wie losgelassen.

Das Mädchen brachte sie kühl mit heim, vom Bäcker, vom Metzger, von Gott weiß wem!

Der Mama gab eine jede solche Rechnung einen Stoß in die Nerven. Woher nehmen? — Wie kann denn das wieder zusammenkommen!

Diese Hetz bis aufs Blut, bis ins innerste Mark.

Und dann die Jahre, als die Kinder kamen.

Welche Sorgen!

Und immer so hilflos und trostlos, wie ein bis zu Todesmattigkeit getriebenes Tier.

Das ohne Kraft und Mut sein. Das Überbürdete!

Und die ganze entsetzliche Qual immer wieder gleichmäßig von Anfang bis zu Ende.

Nach jeder Geburt die ungeheure Arbeitsanhäufung, der sie widerstandslos matt in größter Schwäche gegenüberstand!

Wie oft hatte sie sich gewunden vor aufgeregter, entsetzlicher Übermüdung, in Verzweiflung sich in die Finger gebissen, vor Ratlosigkeit geweint! — Und das alles Tag für Tag — nie ein Aufatmen, nie, daß die Seele sich ihrer selbst einmal bewußt geworden wäre — nie eine Erholung — nie eine Anerkennung.

Geistig wie tot und körperlich zerschunden. Und so Jahre lang, Jahre lang ……

Ein Tier! ein armes, armes Tier!

Drei Kinder waren ihr gestorben nach langer Krankheit. Alle Qual umsonst. Für den Tod hatte sie sie geboren.

Wie gut war es ihr, als sich so eine schwere Dumpfheit über sie gelegt hatte — wie gut war das, als fast nichts mehr weh that!

Die ersten Jahre hatte sie nach Anerkennung gedürstet wie verschmachtet; dann war es ihr gleichgültig geworden. Um aber diese Gleichgültigkeit zu kaufen, hatte sie alles hergeben müssen was Leben heißt, was Denken heißt, was Menschsein heißt.

*

Jetzt aber gedachte sie es sich wohl sein zu lassen.

Ja und sie begann mit Trotz, der halb mit bösem Gewissen versetzt war, dieses Sich-wohl-sein-lassen zu genießen.

„Und ich thu es eben! — Ich thu es!“

Sie that es.

Ihre Speisekammer ließ sie weißen und ging in den Konsumverein mit ihrem alten, etwas fettigen Büchlein, um sich Vorräte zu kaufen. — Vorräte!

Ihr Herz, ihre Nerven erzitterten vor Erregung.

Sie wählte und wählte, von diesem und jenem — vom Besten — und sann wie ein Kind:

„Was noch? Was noch?“

Und dann kam eine ganze Ladung ins Haus, als wollte sie ein Wirtshaus eröffnen.

Ganz allein saß sie lange Zeit mitten unter ihren Schätzen und ein Friede kam über sie, wie aus einer andern Welt; oder als wäre sie nach schwerer langer Wanderung endlich in ein Obdach gekommen. Ganz erschöpft so im Gefühl der Sicherheit sitzt sie und hört den schweren, stechenden, klatschenden Regen, dem sie so lang ausgesetzt war. Sie hört ihn — und hört ihn — und denkt wie es gewesen und fühlt ihre schwere Mattigkeit und daß sie nun ……

Und jetzt nimmt das müde, arme kindliche Weib ihr Büchel vom Konsumverein und berechnet, wie viel das, was sie geholt hat, zu Neujahr an Zinsen — Steuern nennt sie’s — geben wird.

Und da ergiebt es fast zwanzig Mark.

„Das hat einmal ausgegeben!“ Da lächelt sie — lächelt — lächelt.

Ja, und die Geschichte mit dem Konsumverein macht ihr mehr Eindruck, als die ganze Erbschaft und das ganze Erträgnis der fabelhaften Berliner Häuser.

Hier ist es ihr nah getreten, hier ist ihr Glück ihr begreiflich geworden.

Und sie sitzt und träumt sich in ihre eignen Gefühle hinein und wundert sich.

Ja, da hat sie doch eigentlich recht schwer und unglücklich gelebt — recht unglücklich! War ihr denn das nie recht ins Bewußtsein gekommen?

Sehr deutlich nie.

Alles dumpf, ganz dumpf.

Aber eben das Dumpfe, das ist das Schreckliche, das Menschabgewandte.

So einsam wie in ihrer seelenertötenden langen Ehe, so ohne jedes Verständnis, ohne jeden mitempfindenden Blick auf ihre große Weibesqual und Arbeit und Mühseligkeit — so einsam war sie auch jetzt in ihrer Befriedigung.

Einsam, ganz für sich — in sich selbst verkrochen — eine kleine, bange, dumpfe, unendlich schmerzvolle Welt für sich.

Isolde hatte damals das Nachttierhafte in ihrer Mutter gespürt, das Nachttier, dessen Dasein allen ein Rätsel ist, dessen Dasein niemand kennt, und das selbst die Tageswelt nicht kennt.

*

Von einem fieberhaften Eifer war Mama jetzt besessen, das zu thun, was sie thun wollte.

Es mußte durchaus geschehen sein, ehe er zurückkam.

Die alten abgenutzten Küchenmöbel ließ sie himmelblau streichen, die ganze Küche rosig tünchen.

All’ ihre innersten, tiefsten Herzenswünsche erhoben froh ihre Häupter.

Die Flickwäsche gab sie aus dem Haus und handelte um jedes Stück mit der Flickerin auf Tod und Leben.