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Hamsun / Flaubert: Zwei Reden cover

Hamsun / Flaubert: Zwei Reden

Chapter 4: Kasimir Edschmid im zeitgenössischen Urteil.
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About This Book

Two public addresses combine literary criticism and cultural commentary: the first places a prominent novelist within the European literary landscape, compares regional traditions and influences, critiques the absence of a unified national novel in some areas, and praises northern literary traits while calling for a new synthesis of divergent spiritual and artistic tendencies. The second honors a major stylist by examining his strict aesthetic, narrative restraint, and meticulous craft, arguing that his formal rigor and concentrated style created a model for the modern novel and left a durable example for later writers.

Es ist zwar keine Sache von dem Umfang eines Cervantes, der Breite des Rabelais, der wilden Gestuftheit des Shakespeare, so große Bauten schafft nur dies oder jenes Jahrhundert, das mit Kathedralen und göttlich durchkreisten Stilen sein Weltgefühl instrumentiert. Aber Flaubert schuf für die Dünne seiner Epoche ein Gebilde, das jeder Bedeutung angemessen, in seiner Strenge erstaunlich, mit seiner Konsequenz bewundernswert, und durch seine Größe ein stolzes Signal über dem Jahrhundert ist.

Seine Wichtigkeit ist international. Es gibt keinen Romanzier nach ihm, der ihn zu übertreffen vermocht hätte, aber es gibt kaum einen von Bedeutung, der ohne ihn auch nur denkbar wäre.

Der hellste Kämpfer der westlichen Gesittung, unseres europäischen Formwillens und agressiven Talentes hat sich hier gegen das mit barbarischen Kämpfern des Geistes nahende Rußland aufgerichtet.

Die Raumweite und die Süße des Mittelalters hat er in seinen Tag hinein gespannt, aber er hat auch verstanden, die Schnelligkeit und die Blitzschärfe und die flache Glätte unserer Zeit zu der wahrhaften Souveränität zu gestalten, die die westliche Kultur in ihren höchsten Punkten sicher inne hat.

Auch hat Flaubert diesem Werk einen festen Unterbau gegeben. Seine Genauigkeit kannte keine Grenzen. Er las ein Buch von vierhundert Seiten über Zypressen, weil er den Garten eines Astartetempels damit bepflanzen will. Er liest Dutzende von militärischen Büchern, weil er neue Effekte aus der antiken Kriegskunst, aus der klassischen Infanterie herausholen will. In vier Zeilen muß er ein Arbeitshaus in Lyon erwähnen, darum schreibt er einen langen Brief mit Fragen über die Lebensform, die Instrumente, er läßt sich eine Zeichnung anfertigen; er macht eine Reise, um eine Gegend anzusehen, die er in drei Zeilen als Rahmen um eine seelische Auseinandersetzung legen will. Er läßt den Helden der „éducation sentimentale“ von Fontainebleau während der Barrikadenkämpfe zurückkehren, er entfaltet ein großes Fragen, ob damals die Bahn existiert hätte, ob es wahrscheinlich sei, daß sie gesperrt gewesen sei, ob der Held den Wagen als das Natürlichere wohl nehmen könne oder ob nicht. Er läßt denselben Burschen Börsengeschäfte machen, aber er erkundigt sich in langen Briefen, welche Spekulationsobjekte zwischen Mai und Juni die gängigsten seien.

Er ist ein großer phantastischer Autor, er brauchte von alledem kein Wort.

Aber er will es wissen, er will auch dies beherrschen, er will hier wie überall das festeste Fundament. Er weiß, daß die letzte Grundlage der Kunst die Natur und das Tatsächliche ist, und daß von da erst die Himmelfahrt in das Dichterische beginnt. Er ist ein Pedant der Phantasie, ein klarer Errechner der Visionen. Aber . . . er beherrscht auch dies Geringe, und das Bewußtsein des Fundaments gibt dem Bau die Linie der Stetigkeit.

Er arbeitet jahrelang an „Salambo“, bis er aufbricht, es zu riechen, zu schmecken, und dann, den Duft des Erlebnisses, das Bild der Natur und des glühenden Himmels Karthagos im Hirn, zerstört er, nach Hause gekommen, das mühselig Geschriebene, und richtet sein Werk ganz nach dem Eindruck der Reise. Das Seltsame geschieht, daß der größte Visionär der Prosa einen ganzen phantastischen Roman zurückführt nicht auf die schönen Blitze seines Hirnes, sondern auf die Bilder, die ihn aus den armseligsten Resten gigantischer Historien, aus wahrlich kaum von der Wüste unterscheidbaren Ruinen packten. Um ganz groß und frei zu sein, muß man nämlich alles wissen, um es wieder vergessen zu können. Man beweist Überlegenheit nicht, indem man beiseite schiebt, sondern indem man erprobt.

Flaubert wußte alles, jedes medizinische, chemische, botanische Problem war ihm nah. Er (neben Strindberg) vereinigte das ganze Wissen seiner Zeit noch einmal, aber nicht, um es wie Zola zu beschreiben, sondern um es zu gestalten.

Er brauchte es nicht, aber er besaß es und, wo man auch die Totalität seines Werkes anfaßte, war er auch in den Details ein Könner und sandte die Wissenschaftler, die ihn attackirten, ebenso wie den geschwollenen St. Beuve, die ihn mit Albernheiten angriffen, mit überlegenen Witzen der Sachlichkeit nach Hause. Daß bei der Sitzung der wissenschaftlichen Gesellschaft dieser Romanschriftsteller der einzige war, der Hippokrates gelesen, ist für den Glanz seiner Romane, die nicht wie die von France mit dem dekorativen Fries des Wissens behängt sind, so gleichgültig wie nur etwas, aber es zeigt den Geist, der hinter den Werken stand.

Flaubert ist nie nach außen hin gescheit, aber er verstand es, das Wissen um die Dinge der Welt und die Kreise ihrer Kulturen in seine Bücher so hineinzuformen, daß es unbemerkt darin stand als Teil eines Menschen oder einer Entwickelung, dergestalt, daß ihre Vollkommenheit so groß war, daß sie das Milieu ihres Geistes nicht in Reden, sondern im Wesen hatten. So goß sich schon in den Voraussetzungen wundervoll straff die Struktur der Bücher, für die Marmor als Wort zu wenig und Stahl nicht süß genug für die Kraft ist.

Denn was Hanswurste und Alberne das Artistische an ihm nennen, ist ja nur das Überragende, und daß er eben verstand, alles zu wissen und nichts davon spüren zu lassen, daß er hinter alles zurücktrat und alles laufen ließ, aber dennoch eine Gewalt des Sinnbilds und eine Größe der Persönlichkeit hinter das Geschaffene stellte, die furchtbar in ihrer Intensität und bezaubernd in ihrer Schönheit sind.

Dies alles wird erkämpft, bedroht stets von den Massen der Wochen und Jahre, die vor ihm stehen, und deren Schatten die Werke an die Wand werfen.

Stets wußte er, daß ein Buch vier Jahre von Qualen, ein Kapitel Monate von Schmerzen kosten werde, daß er Nächte hindurch wie ein Toller, während die Fischer ihre Boote nach seinem hellen Zimmer richteten, nach dem Ausdruck in seiner präzisesten Schönheit, nach dem Satz von der vollendetsten und gespanntesten Melodie suchen werde, und daß die Last der Jahre und der ungeheuren Schlachten durch den Wall der Wissenschaften und die Barrikaden der Zeit hindurch ihn fast erdrücken werden.

Dennoch wurde sein Menschliches nicht hart, sein Herz nicht Stein. Maupassant, sein Schüler, den er wie einen Sohn liebt, widmet ihm seine Gedichte so: „Gustave Flaubert, dem berühmten und väterlichen Freunde, dem meine ganze zärtliche Anhänglichkeit gehört, dem untadeligen Meister, den ich vor allen anderen bewundere.“ Und in der Tat, Flaubert hat den Maupassant nicht nur gelehrt, in großem Stil und in wundervoll dichterischer Luft zu schreiben, sondern er war auch der Meister, der ihn anwies, im Menschlichen nicht zu versagen und in dem Zeitalter der Politiker, Schurken und kleinen Wänste ein Kerl zu sein.

Flaubert hat wohl die Masse grenzenlos verachtet, weil er aus der Dummheit heraus den Urfeind für das menschliche Geschlecht kommen sah. Dem einzelnen Menschen stand er mit Wohlwollen, manchem mit burschikoser Güte gegenüber. Seine Freundschaft war unumstößlich von Garantie. Die besten Männer seiner Zeit liebten ihn. Er wußte, daß Freundschaft nicht ein gesellschaftlicher Akt ist, sondern zu beweisen sei. Zu den Premieren der Freunde fährt er nicht aus Prestige, sondern um seine Hände und seine Bravos in ihren Dienst zu stellen. Eine Reise Flauberts aber war ein Losreißen von seiner Arbeit und ein Opfer von Bedeutung schon durch dies. Seine Briefe zeigen ein immer großes Herz.

Der Athlet mit dem Gesicht eines gallischen Kriegers barg, gemischt mit Verstand, ein rührendes Gefühl des Taktes. Welche Anschmiegsamkeit bewies der Unerbittliche den ihm wesensfremden Büchern der fadenfein aristokratisch schwächlichen Goncourts gegenüber, wie schrie er derbe Komplimente über sein freundschaftlich gerührtes Herz.

Das machte aber, weil er larg war und seine Achtung vor dem künstlerischen Willen mit seiner herzlichen Gesinnung zu vereinen vermochte. Er, der so Vieles und so Hohes erstrebte und so sehr wie keiner um die Mühen wußte, hatte, wie jedes Genie, Respekt.

Er war nicht einseitig und eine zu volle und geprüfte Natur, als daß er sich nicht der Bedeutung, wie sie auch immer sei und ihm begegnete, beugte. Alles Glühende, alles Erhabene lockte ihn. Er liebt Byron und Rousseau, Montaigne und Hugo, Voltaire und Baudelaire. Jeder Adel zog ihn an. Aber wie wußte er seine Natur zu zähmen, wo die Achtung seine Empfindlichkeit zu übertreffen hatte. Wie stieß Zola ihn ab, aber wie erkannte er demütig sein Genie an. Wie lächerlich fand er La Biche, doch wie respektierte er das Handwerk selbst bei den Scharlatanen.

Er war souverän genug, anzuerkennen, und groß genug, Tadel zu verwinden. Alles Niedere parierte er mit seinem Lächeln. Seine Ritterlichkeit war die feste Achse seines Wesens. Als eine Zeitschrift Renan, den er verehrte, angriff, zog er seine Mitarbeiterschaft an dem Journal zurück, dem er nah verbunden war, denn es war ihm unerträglich, Bedeutung selbst von Freunden geschmäht zu werden. Er identifizierte sich mit dem Genie, aber er versäumte nicht, es mit Noblesse zu tun. Ja er, der die Menschen verachtete und es auf sich genommen hatte, die ihn zerfleischende Bestie der Kunst allein zu lieben, konnte, wenn es sein mußte, die Rücksichten der Kunst zurücksetzen für seine Freunde, und als er für den bedrängten Maupassant einen Aufsatz in den „Gaulois“ schrieb, den er nicht mehr überlesen konnte, hat er gezeigt, daß auch im Menschlichen zu opfern sein kühnes Herz im Stande sei.

Auch verstand er das Leben genug, um zu wissen, daß Literatur zu machen und Kunst zu lieben nicht genüge, wenn es aus blassen Herzen komme und er, der nichts verachtete als das Gemeine und alles anerkannte außer dem Unedlen, stand genug fest auf dem Boden dieser Erde, um zu verlangen, daß die Dichter so von allen Spannungen zur Höhe durchlaufen seien, daß sie alles beherrschen müßten: den Fischfang und den Seiltanz wie das Gefühl für die Schönheit.

Sein großes Herz ist ohne Echo geblieben wie das aller überragenden. Er wurde ausgenutzt und verlassen, schenkte und erhielt nichts. Der instinktive Haß der Öffentlichkeit, der Presse, der Schreiber gegen das verhüllt Gewaltige bewies ihm Schädigung, nie eine Förderung. Doch er wußte darüber sein grimmiges Lächeln zu lächeln. Er hatte eine Geliebte, die ihn nicht verließ, und er hatte ja sein Dasein selbst gestaffelt und gewählt. Er kannte seine Tragik.

Denn er war mit großem Anspruch an das Leben und zahlreichen Gelüsten geboren. Aber die verdammte Literatur, für die er sich völlig entschieden, hatte sie alle in seinen Bauch zurückgetrieben. Auch kannte er die Arbeit nicht nur als Wollust, sondern er kannte sie bis in ihre verbrecherischsten Tiefen: die Schützengräbenkämpfe um die Kunst . . . und kannte fürwahr die unfruchtbare Last der Tage und Wochen, wo er Kunst beschwor, und wo nichts kam, zu gut, als daß er Enttäuschung im Menschlichen (was doch gering war gegen den Zustand, wo Kunst ihn verließ) nicht leicht und rasch ertragen hätte.

Dennoch war er ein Lebenskünstler wie wenige. Wie die Solidität seiner dichterischen Gesichte war seine Kenntnis der Menschen fest fundiert. Denn durchschaute er sie nicht, wäre seine Unerbittlichkeit nicht so groß.

Er weiß alle Schlechtigkeit, man hat sie, jede, an ihm erprobt. Er weiß alle Sünden, denn alle Versuchungen sind an ihn herangetreten. Und die Welt und die Frauen, die er verlassen hat, und die Schritte der Dromedare in purpurnen Abendhimmeln und die großen Räusche italienischer Buchten und der Segel des Nils sind nicht ohne Größe wahrhaftig an das ihnen verschlossene Haus in Croisset getreten . . . und alle Versuchungen der Welt hat wahrlich nicht nur sein „Heiliger Antonius“ durchlebt.

Er kennt die Kompromisse, die das Leben ausstreckt, und er ist alt genug geworden, zu sehen, wie seine Generation und die Menschen seines Alters sich gehalten haben und er erschrickt. Er gibt nur einen Rat, hart zu sein und dem Edlen nur zu leben, das heißt, unerbittlich nach Kunst zu streben und alles zu verachten, was nicht dahin zielt.

Doch ist er Weltmann genug, die Höflichkeit in das Gebiet der Liebe und nicht in das der Strenge hinüberzuziehen, und er verehrt und liebt seine Freundin, eine bonapartische Prinzessin, obwohl er weiß, daß ihre Äußerung über Geistiges nicht mehr wiegt wie die eines sechsjährigen Kindes, aber er weiß ebenso der Bemühung ihres Salons um Kunst und der Würde ihrer Abkunft den Respekt zu geben, der gehört.

Er weiß auch, daß die Literatur der sicherste Maßstab für die Menschen ist, doch ist ihm auch nicht fremd, daß die Wirklichkeit sich nie dem Ideal beugt, aber daß sie dieses vielmehr bestätigt.

Wer seine Zeit so verachtete, daß er aus seinen modernen Romanen stets wieder in die Glut der antiken stürzte, wer sich erst überwinden mußte, auch das Zeitgemäße zu Würde zu gestalten, kann für Politik, die sein Jahrhundert verdarb, nichts anderes wie Abscheu haben. Er stand wie alle Geistigen zwischen den Lagern. Er hatte Sympathie für die Tradition, soweit sie adlig war, aber er haßte die Reaktion. Doch war sein Blut zu aristokratisch, als daß er die Demokratie in einer Republik aufgeplusterter Mittelmäßigkeiten geliebt hätte. Er hatte soziales Gefühl, aber er war kein Sozialist, ja er haßte diese Masse, die anrückte, wie jedes Publikum.

Er war wie sein großer Vorfahr Cicero und wie Plato für die Herrschaft einer Majorität, die nicht Nummer und Masse ist, sondern durch Generationen aufgeklärt ist, aus der Geschichte gelernt hat und eine legitime Aristokratie abstellt.

Da er aber weiß, daß dies der Brennpunkt aller Dinge ist, und daß hier die Dummheit unbesiegbar scheint und jene Tragik beginnt, die unser Dasein in Krieg und Frieden auseinander reißt, wendet er sich mit der Gebärde der Verachtung ab. Er entscheidet sich für die Kunst, der er treu dient wie keiner, und in deren Sphäre er diese Gegensätze, ohne respektlos sich hineinzumischen, in großen Gestaltungen seiner Hand schicksalshaft und mit monumentaler Geballtheit sich abrollen lassen kann.

Doch war er durch den ewigen Verzicht, sich direkt zu äußern, mit Meinungen bis zum Platzen gefüllt. Er hatte nur immer, statt zu erklären oder zu loben oder zu verurteilen, in die Handlungen seiner Figuren alles karg hineingestopft, und es wuchs glatt in das Ebenmaß ihrer Konturen. Er schrieb für die Ewigkeit und die Dichtung und nahm daher nicht kritisch Stellung, er malte keinen Jahrzehntgott, sondern nur unter Dauergesetzen. Aber manchmal, wenn die Dummheit ihn zu ersticken drohte, entschloß er sich wohl, im Alter, wenn er verdienstlich die großen Werke beiseite gelegt und seine Mission erfüllt hätte, Kritik zu treiben und in den Tag hinein das Schwert seiner Meinung zu tragen.

Er kam nicht dazu. Doch war er so unintellektuell, so unjüdisch gescheit, daß, hätte er geschrieben, nicht der Clown St. Beuve, sondern Flaubert der größte Kritiker seiner Zeit gewesen wäre. Seine Briefe, Muster an kristallener Klarheit, geben die Geschichte seiner Zeit, die Kritik der Literatur und das Urteil ihrer Menschen darin, kurzweilig und furchtbar, derb und gewaltig und in jedem Sinn meisterlich.

Flaubert wußte genau, wo er stand, was das Schicksal von ihm wollte und wohin er strebte. Das ist erstaunlich, mit welchem Anspruch auf Meisterliches und welchem Wissen um die Furchtbarkeit seines Kampfes sowohl wie auch um die vollendete Höhe seiner Mission er auftrat.

Erstaunlicher noch ist, wie die drei Längengrade, die seine Wallfahrt gliedern: die Größe und das Leben und die Kunst, in einer unverwirrbaren Symmetrie sich durch sein Dasein gelegt haben.

Worum verzweifelt die andern ringen, den einen Ausgleich nur zwischen Kunst und Leben sich zu erfinden, das vermochte er, indem er sein Leben hingab, auch noch ohne Erschütterung mit dem Anspruch auf Größe zu vereinen. Die Opfer, die auf dem einen Ufer niedergelegt wurden, haben auf dem andern wundervolle Triumphe gebracht.

Er wußte die unzerreißbare Kette seiner Romane in dieses Dreieck einzuspannen, und was er an Leben hineingab, wuchs ihm an Größe wieder in das Herz zurück, ein beglückender Kreislauf. In ihm ward das repräsentative Werk des Jahrhunderts geformt.

In diesem Sinne ist das bürgerliche Verenden in der „Bovary“ nichts anderes wie der herrische aufgebäumte Untergang in „Salambo“ und die „Versuchungen des Antonius“ haben irgendwo die gleiche Welt wie das furchtbare Grau vor „Bouvard et Pécuchet“.

Flaubert, der immer disponierte und, ein gewaltiger Taktiker der Arbeit, die Laufgräben gegen die Kunst lanzierte, hatte auf einen Samstag das Ende seines letzten Romanes und seine Abreise nach Paris festgesetzt. Er rief noch nach einem Parfüm und starb an diesem Tage auf seinem Divan. Maupassant telegraphierte in die Welt. Zola reiste durch halb Frankreich und traf in der Droschke zwischen Croisset und Rouen auf der Landstraße den Leichenzug, dem wenige Menschen folgten und den im Tod die Treuesten selbst verließen, und der den größten Romanzier Europas ins Grab trug, das wiederum zu klein geschaufelt war, um seinen Sarg fassen zu können, der kopfüber in die Erde stürzte, daß selbst die Menschen, die das Furchtbarste kannten, zu weinen anfingen über die tolle Kraft des Todes, dem auch die erlesene Größe nichts anderes wog wie einen Witz.

Als sie vorher auf dem kilometerlangen Weg durch die Sonne den Gallier mit dem Schnurrbart eines Feldherrn durch seine Vaterstadt Rouen fuhren, standen die Leute vor den Toren, um die Pariser Journalisten und Zola zu sehen. Der Name Gustave Flaubert erinnerte sie nicht an sein Werk, sie erinnerten sich vielmehr dabei seines Vaters, der Arzt in der Stadt gewesen war.

Hier aber trugen sie unerkannt einen der besten Söhne des Jahrhunderts an ihnen vorbei. Voltaire wußte es: „Das Leben ist ein kalter Scherz.“

Aber der Ruhm ist ewig und über alle Dummheit hinaus der Historie angehörig, wenn man solch ein Kämpfer für die Ewigkeit war.

Kasimir Edschmid
im zeitgenössischen Urteil.

*

TIMES (LONDON):

Kasimir Edschmid ist einer der berühmtesten Prosaschriftsteller der zeitgenössischen deutschen Literatur.

REVUE MONDIALE (PARIS):

Edschmid ist ein großer Künstler und gleichzeitig eine der eindringlichsten Intelligenzen seines Landes, wie es seine Aufsätze und sein kritisches Werk beweisen.

GOETEBORGSPOSTEN
(GÖTEBORG):

In der jungen Generation, die in Deutschland die Möglichkeit der Prosa erneuert, nimmt Edschmid eine leitende Stellung ein.

L’ART LIBRE (BRUXELLES):

Im Anblick seines ersten Buches hielt man Edschmid für einen Novellisten. In den „Achatnen Kugeln“ beweist sich nunmehr eine bewunderungswürdige Gestaltung des Romans, und durch seine literarischen Aufsätze hat er den ersten Platz unter den Kritikern in Deutschland eingenommen.

HET GETIJ (AMSTERDAM):

„Die doppelköpfige Nymphe“ ist die Urteilssammlung heftigster Prägung über alles heutige deutsche Dichten und Schreiben, ebenso umsichtig wie verantwortungsbewußt. Eine solche Überlegenheit, daß die Erbübel des deutschen Sagens „Ungefährsein, Träumerei, Zufälligkeit“ fast hinschwinden.

NIEUWE ROTTERDAMSCHE
COURANT (ROTTERDAM):

Ein Blick auf Kasimir Edschmids Werk zeigt mehr wie alles Theoretische über die neue Richtung des Romans. Die Frage, was sie in Deutschland will, kann im Weggehen über die zeitlichen Zusammenhänge und in dem Eindruck von einem gewaltigen, durchdringenden Lebensgefühl durch den Roman „Die Achatnen Kugeln“ glatt beantwortet werden.

PESTER LLOYD (BUDAPEST):

Die „Achatnen Kugeln“ eine mächtige Kurve durch Himmel und Hölle des modernen Diesseits. Ein bis zur Utopie modernes Werk. Übernational nicht infolge Milieus, auch nicht infolge politischen Bekenntnisses, sondern infolge eines köstlichen Mischblutes; hispanisch des farbentrunkenen Auges helldunkle Glut, gallisch der Linienführung federnde Eleganz, germanisch der Gestaltung eiserne Konsequenz, angelsächsisch des athletischen Körpers Zentraleinstellung, skandinavisch aller menschlichen Brandung helle Keuschheit. Des Werkes prägnanteste geistgeschichtliche Definition: der Gegenpol Dostojewskis.

RUDOLF FRANK
(FRANKFURTER NACHRICHTEN):

Schon nach den ersten Abschnitten der „Doppelköpfigen Nymphe“ drängt es Zeugnis abzulegen, daß hier ein Geist spricht, denkt, schildert und scheidet, wie ihn deutsche Literatur nur selten, ganz selten unter ihren zahlreichen Beurteilern fand. Seit Kerrs gesammelten Schriften kam kein Werk, das deutscher Literatur mit so untrügerischem Instinkt, mit so treffendem Verstand, mit so umfassendem, durchglühenden Gefühl und bildnerischer Kraft entgegenblickte als Edschmids „Doppelköpfige Nymphe“. So schreibt ein Dichter Literaturgeschichte. In fünfzig Jahren wird man diesen Edschmid einen deutschen Klassiker nennen.

CARL STERNHEIM
(TRIBUNAL):

Ich habe Ihren Roman „Die Achatnen Kugeln“ in einem Atem gelesen. Sie stehen mir mit seiner Vollendung kameradschaftlich vielleicht von deutschen Dichtern der Gegenwart am nächsten. Eine Elementarkraft deutscher Dichtung. Nicht bravo — aber Hosianna!! Ihre Sprache ist stellenweise zum Weinen schön. Es gibt Sätze, wo ich kein Vergleich mehr bin. Aber Baudelaire ist es. Ich bin glücklich, einem Mitschaffenden sagen zu können: Ich danke. Das ist wunderschön. Indem ich Ihnen dazu, weil ich weiß, welch hohen Ehrgeiz Sie haben, als Älterer die Hand drücke, bin ich sehr mitbeteiligt an der siegreichen Durchdrückung Ihres Werkes gegen die zu erwartende Dummheit und Faulheit deutscher Kritik.

RENÉ SCHICKELE
(FRANKFURTER ZEITUNG):

Reitet er nicht etwa gut, der Edschmid? Reitet er nicht schön? Hat er nicht den Wind der ganzen, sich drehenden Welt im Gesicht? Voller Anmut selbst, wenn er salopp sitzt. Seine Novelle gibt sein volles Maß, sein Wesen, Höhe und Tiefe. Kritiken wie eine kann nur ein ganz starker Dichter schreiben. Ich glaube nicht mehr an die Literatur. Aber ich glaube an Kasimir Edschmid und sein Werk.

PAUL COLIN (PARIS):

Die „Doppelköpfige Nymphe“ ist das Chef d’oeuvre der zeitgenössischen deutschen literarischen Kritik.

HERMANN BAHR
(NEUES WIENER JOURNAL):

Ich nenne Kasimir Edschmid, der durch seinen hochgespannten, edlen Ehrgeiz, die große, priesterliche Gebärde, die Strenge seines künstlerischen Gewissens, sein reines Pflichtgefühl, den weiten Blick für alle Probleme des Abendlandes und wohl auch durch seinen sorgsam verwalteten, klug gebrauchten Einfluß eine fast diktatorische Macht über einen guten, ja vielleicht den besten Teil der gebildeten Jugend hat.

ROBERT MUELLER
(FREMDENBLATT, WIEN):

Edschmid ist eines der stringentesten europäischen Talente.

Von
Kasimir Edschmid
erschienen:

BEI ERICH REISS

Über den Expressionismus in der Literatur
und die neue Dichtung
Kean, Schauspiel in fünf Akten nach
Dumas.

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BEI KURT WOLFF

Die sechs Mündungen, Novellen / Das
rasende Leben, Novellen /
Timur, Novellen.

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BEI PAUL CASSIRER

Die Fürstin, Novellen / Die doppelköpfige
Nymphe, Aufsätze über die Literatur und
die Gegenwart / Die Achatnen Kugeln,
Roman / Frauen, Novellen.

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Bücher aus dem
Verlag Wolf Albrecht Adam

DIE SCHWARZEN BÜCHER:

1. Theodor Lessing: Dührings Haß /
2/3. Kasimir Edschmid: Hamsun /
Flaubert, Zwei Reden / 4/5. H. A. Korff:
Goethe und der Sinn seines Lebens;
Der Geist des westöstlichen Divans.
Zwei Vorträge.

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ÜBERNOMMEN:

Aus dem Verlag Harry Wolff:
Walther Teich: Die Gefangenen, Ein
Spiel in 4 Bildern.

Aus dem
Verlag Der weiße Lotus, Frankfurt a/M.:
W. A. Adam: Weltsymphonie.

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Druck
Th. Schäfer
Hannover
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Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):

  • ... außer Gorki und Anotole France niemand mehr neben ...
    ... außer Gorki und Anatole France niemand mehr neben ...