I. KAPITEL. [←]
ZUR VORGESCHICHTE DER BUCHDRUCKERKUNST.
Älteste Spuren der Vervielfältigung. Die Manuskripte. Der Metall- und Holzschnitt. Die Kunstschulen. Die xylographischen Werke. Die Vorbedingungen für die Erfindung der Buchdruckerkunst.
der Erfindung.
IST es auch bei jeder Erfindung, bei welcher ja der Zufall und der Blitz des Geistes eine so wesentliche Rolle spielen, eine schwer zu beantwortende Frage, warum sie gerade zu „der“ Zeit oder bei „dem“ Volke entstanden, so lässt sich andererseits doch nicht leugnen, dass jede Erfindung in der Zeit wurzeln und im Zusammenhange mit dem Geiste der Zeit stehen muss, wenn sie nicht ein Embryo bleiben soll. Ein Denker, der seiner Zeit vorauseilt, empfängt vielleicht die Idee; ist jedoch das Zeitalter für sie nicht reif, so bleibt sie in dem Kopfe des Empfangenden ruhen, oder letzterer wird, wenn er sie ausspricht, als ein Phantast oder gar als ein Wahnsinniger betrachtet, bis er in dem vergeblichen Kampf gegen den Unverstand wohl gar schliesslich ein solcher wird.
Es kann auch keineswegs als eine blosse Zufälligkeit betrachtet werden, dass die Kunst mit beweglichen Typen zu drucken von den Alten trotz der hohen Kulturstufe, auf welcher sie standen, nicht erfunden wurde, obwohl ihre Kinder durch Schablonen schreiben lernten und mit geschnittenen, zu Worten zusammenzureihenden Buchstaben spielten. Eben so wenig kann man es jedoch als ein Spiel des Zufalls betrachten, dass die Erfindung der Buchdruckerkunst in das fünfzehnte Jahrhundert, das Jahrhundert des Wiedererwachens der Poesie, der Wissenschaft und des Kampfes für die kirchlich-religiöse Freiheit, fiel. Die Zeit brauchte die Waffe für den grossen geistigen Kampf und der Geist der Zeit schaffte sie, als die Reife einmal gekommen war.
In dem Gesagten liegt schon, dass wir es hier nicht mit einer urplötzlich aus dem Kopfe des Erfinders entsprungenen, bereits vollständig gewaffneten Erscheinung zu thun haben. Viel eher passt der einfache Vergleich mit einem, schon in den ältesten Zeiten gelegten Samenkorn, das, sich selbst überlassen, zwar gekeimt und Blätter getrieben hatte, aber erst unter der aufmerksamen Pflege des verständigen Gärtners die schönsten Blüten spendete.
Versuchen wir es in dem Folgenden in Kürze die Spuren des Entstehens und des Wachstums der Pflanze zu verfolgen.
In Stein gehauen, in Erz gegraben, in Thon eingedrückt oder in Wachstafeln geritzt, sind von den Völkern des Altertums die ersten Dokumente auf uns gekommen: Regententafeln, Gesetze und Nachrichten über denkwürdige Ereignisse oder bedeutende Persönlichkeiten. Als die Kultur stieg, schrieb man auf Papyrusblätter oder auf Pergamentrollen und ganze Werke wurden auf diese Weise der Nachwelt erhalten. Die Autoren hielten sich ihre Schreiber, die entweder Sklaven oder Freigelassene waren. Es bildete sich die Klasse der Abschreiber und wir finden sowohl bei den Griechen wie bei den Römern Buchhändler, welche die Bücher-Rollen (volumina) in grösserer Zahl entweder zum Verleihen oder zum Verkaufen abschreiben liessen und reich assortierte Bücher-Lager hielten. Selbst Spuren des Farbendrucks, sowie der Vervielfältigung der Illustrationen durch Schablonendruck, trifft man an.
„Es brennt“, heisst es im Kinderspiel, wenn Einer nahe daran ist, den versteckten Gegenstand zu finden. Und so konnte man auch hier sagen „es brannte“, denn man war der Kunst der mechanischen Vervielfältigung durch Typen und Druck nahe; doch gefunden ward sie nicht, denn die Zeit drängte nicht auf die Erfindung hin. Die wohlfeile Arbeitskraft der Abschreiber und die gute Organisation ihrer Arbeit genügten vollkommen für billige und rasche Herstellung der Werke. Das freie öffentliche Leben bei den Kulturvölkern des Altertums, der heitere südliche Himmel, das leichte, fröhliche Dasein waren ohnehin nicht geeignet, Stubengelehrsamkeit zu nähren. Man hörte die Dichterwerke öffentlich vorlesen, sah in den, Allen zugänglichen Theatern den Schauspielen oder den Wettkämpfen zu, lauschte den Rednern des Forums. Alle Staatsakte geschahen öffentlich; das ganze politische und geistige Leben gipfelte in der Hauptstadt; man hatte genügende Gelegenheit öffentlich die Ansichten auszutauschen; es fehlte das Bedürfnis, im stillen Kämmerlein, von Büchern umgeben, über das Erlebte nachzugrübeln und sich gelehrten Forschungen hinzugeben[1].
die Manuskripte.
Es folgte die Völkerwanderung und damit die Zertrümmerung des frischen geistigen Lebens. Alle Völker Europas versanken in Barbarei. Die Überreste der Gelehrsamkeit und des Studiums fanden sich nur in den Klöstern vor. Hier entstand nach und nach das Bedürfnis, die liturgischen Bücher und die Lehrmittel zu vervielfältigen. Die Mönche hatten in ihrem beschaulichen Leben Zeit nicht allein zu einem Abschreiben in einfacher Weise, sondern auch, dies zu einer Kunst auszubilden. In roter Farbe ausgeführte Zierrate waren schon bei den Römern gebräuchlich, die sich des Miniums bedienten, um die Überschriften der Bücher oder Kapitel ins Auge fallend zu machen. Das Verfahren verpflanzte sich nach Griechenland und dem Orient, uns ist daraus noch die Bezeichnung „Rubrik“ geblieben. Später wurden die Anfangsbuchstaben der Abschnitte und Paragraphen durch Hinzufügung von roten Strichen bemerkbarer gemacht, oder man malte die Buchstaben ganz rot aus. Im Griechischen Reiche wurde die rote Farbe ganz besonders in Ehren gehalten und zu den heiligen Schriften sogar rotes Pergament verwendet mit Buchstaben in Silber oder Gold. Auch bei den Gothen ward diese Ausschmückungskunst geübt, wie der berühmte Codex argenteus, die Übersetzung des Neuen Testaments von dem Bischof Ulfilas, beweist, der einen Schatz der Universitätsbibliothek zu Upsala in Schweden bildet. Die fränkischen Könige nahmen bald die Pracht der Handschriften an, die in Deutschland durch Karl den Grossen bekannt wurde[2].
Die Mönche gingen in der kunstreichen Abschrift und Ausschmückung der Bücher immer weiter. Es fand eine förmliche Teilung der Arbeit nach den verschiedenen Fähigkeiten statt. Einige schrieben, andere verglichen, korrigierten und rubrizierten. Kunstfertige Brüder (rubricatores, illuminatores, miniatores) malten Anfangsbuchstaben, Randverzierungen und bildliche Darstellungen und oft entstanden auf Pergament geschriebene wahre Prachtwerke mit herrlichen Miniaturen in kostbare Deckel von Sammet oder sogar von edlem Metall, mit Edelsteinen besetzt, gebunden, die mit goldenen Spangen geschlossen wurden. Solche Werke hatten natürlich einen sehr hohen Preis und wurden mitunter mit einem Rittergut aufgewogen, konnten also selbstverständlich nur von Fürsten und reichen Leuten angeschafft werden.
Zu dieser Pracht der Ausstattung passte schlecht die im vii. Jahrhundert aufgekommene Sitte, eine Menge von Wörtern so zu abbrevieren, dass schliesslich eine besondere Gelehrsamkeit dazu gehörte, ein Manuskript zu entziffern. Diese Unsitte wurzelte nicht bloss in dem Wunsch, das teure Pergament zu sparen, sondern wohl auch in der römischen Geschwindschrift (den tironianischen Noten), welche schon zu Ciceros Zeiten gebräuchlich waren.
tenhandel.
Als gegen das Ende des elften Jahrhunderts ein, namentlich durch die Benediktinermönche genährtes, regeres geistiges Leben begann, als die Menschheit durch die Kreuzzüge in eine, bis dahin ungeahnte Bewegung geraten war, als der Geschmack für die Klassiker sich wieder zu zeigen begann und die Nachfrage nach abgeschriebenen Büchern grösser ward, da fingen auch Laien an Bücher abzuschreiben und den Bücherhandel zu treiben. Förmliche Korporationen bildeten sich (stationarii, librarii). In Italien und Frankreich beschränkten sich die Handschriftenhändler auf einige Universitätsstädte; sie waren, wie später auch die Buchdrucker, in Paris Beamte der Universität, und standen, was Ein- und Verkauf betraf, unter Aufsicht der letzteren. Ohne Vorwissen des Rektors durften sie einem Studenten nichts abkaufen, mussten schwören, reell zu sein und dem Käufer nur den 40. Pfennig als Gewinn abzunehmen. Unter den deutschen Städten fand nur in Wien eine ähnliche Kontrolle statt, die, wenn sie auch in Einzelnheiten ihr Gutes gehabt haben mag, doch im allgemeinen nachteilig wirkte. Die Produktion der Manuskripte und der Handel mit denselben entwickelten sich deshalb auch in Deutschland viel freier, manchmal selbst an Orten, wo keine innere Veranlassung vorlag, so in dem Städtchen Hagenau (um 1430). Die Manuskriptenhändler, die noch lange nach der Erfindung der Buchdruckerkunst fortbestanden, besuchten die Jahrmärkte und Messen und selbst in Frankfurt blühte nach der Erfindung der Buchdruckerkunst der Manuskriptenhandel neben dem Buchhandel. Auch die Lehrer verkauften an die Schüler die denselben notwendigen Bücher.
Die Abschriften und das Material für diese war aber immer noch teuer und nur die Auserwählten konnten lesen. Man nahm also, um auf das grössere Publikum zu wirken, seine Zuflucht zu der, Allen verständlichen, in Metall- oder Holzschnitt ausgeführten „Bilderschrift“. Um Heiligen- und andere Bilder herzustellen, entstanden die Zünfte der Briefmaler und Illuministen. Brief (Breve sc. scriptum) wurde jedes einseitig gedruckte einzelne Blatt genannt, es mochte nun eine Spielkarte, ein Heiligenbild, ein Ablassbrief, eine Anordnung o. dgl. sein.
Als bekannt darf das Wesen des Holzschnittes, wodurch dieser sich von dem Kupferstich unterscheidet und der Schrifttype gleichkommt, angenommen werden, nämlich darin bestehend, dass im Holzschnitt das auf den Holzstock gezeichnete Bild stehen gelassen wird, während alle nicht gezeichneten Stellen weggeschnitten werden, so dass schliesslich die Zeichnung erhaben auf dem Holzstock zurückbleibt, während im Kupferstich umgekehrt die Zeichnung graviert oder geätzt wird, also in der Tiefe liegt. Das Material für den Holzschnitt war zu der Zeit, von welcher hier die Rede ist, Linden-, Birn- oder Buchenholz, das in Längenschnitten mit dem Messer bearbeitet wurde, während man jetzt beinahe ausschliesslich nur Buchsbaum in Querschnitten verbraucht und mit dem Stichel behandelt.
Früher war man gewohnt, alle erhaben geschnittenen Formen als Holzschnitte zu bezeichnen. Durch aufmerksame Prüfung kam man jedoch zu der Erkenntnis, dass ein Teil der vorhandenen Abdrücke von Metallplatten herrühren, und dass der Metallschnitt dem Holzschnitt vorangegangen sei. Die Möglichkeit des Unterscheidens liegt namentlich in der Farbe der vorhandenen Drucke, indem die Metallschnitte etwas grauer, griesslicher und weniger gesättigt erscheinen, als die Holzschnitt-Drucke. Öfters kann man auch in den Umfassungslinien Verbiegungen wahrnehmen, die in einer Holzplatte nicht möglich gewesen sein würden; man hat auch heute noch erhaltene Metallstiche vorgefunden.
Wir nähern uns hiermit schon der Buchdruckerkunst. Die erste ausgedehnte Anwendung eines Druckverfahrens ist der farbige Zeugdruck, der in Europa mutmasslich zuerst in Italien geübt wurde. Ohne uns in ältere Zeiten zu verlieren steht es fest, dass schon im xii. Jahrhundert Seiden- und Leinenstoffe durch Formendruck verziert wurden. Eine allgemeinere Verwendung fand der Zeugdruck im xiii. Jahrhundert und erscheint oft auf den Futterstoffen der reicheren liturgischen Ornate. Gegen den Schluss des xiii., namentlich aber zu Beginn des xiv. Jahrh., wurde auch Leder bedruckt und als Tapete verwendet, selbst auf Bucheinbänden findet man farbige Muster auf dünnes Schafsleder gepresst. Die verzierten Tapeten zeigen nicht nur biblische Scenen sondern auch Gegenstände aus dem Sagenkreise; unter die vorzüglichsten gehören die zu Sitten in der Schweiz. Die beim Zeugdruck vorkommenden Farben beschränken sich zuerst hauptsächlich auf Schwarz und Rot, die Goldverzierungen sind durch Bestäuben erzielt. Auf grösseren Gemälden kommt an den Gewändern der Figuren eine besondere Art von Farbendruck vor, indem die Stellen mit einer kreide- oder gipsartigen Masse überzogen und dann mittels Formen mit Mustern bedruckt wurden (Teigdrucke). Auch nach der Erfindung der Buchdruckerkunst wurde der Zeugdruck mit Holz- oder Metallformen fortgesetzt, der in neuerer Zeit in grossartiger Weise als Kattundruck ausgebildet wurde.
drucke.
Die ältesten uns bekannten bildlichen Darstellungen in Metallschnitt reichen nach den gründlichsten Untersuchungen bis gegen Ende des xii. Jahrhunderts zurück, Holzschnitte bis gegen Ende des xiv. Einer der ältesten Metallschnitte ist das, früher in der T. O. Weigelschen Sammlung in Leipzig, jetzt in dem Germanischen Museum in Nürnberg befindliche Blatt „Christus am Kreuze“. Unzweifelhaft beglaubigt ist der Holzschnitt „Der heilige Christoph“ aus dem Jahre 1423. Die Erhaltung dieser, wie mancher anderen alten Drucke ist der Sitte zu verdanken, die Deckel der Büchereinbände durch Aufeinanderkleben solcher auszufüttern oder zu bekleben. Freilich haben wir durch diese Sitte andererseits den Verlust zahlreicher Blätter zu beklagen.
Die bildlichen Darstellungen hatten hauptsächlich religiöse Vorwürfe und das Bedürfnis zeigte sich namentlich in den Zeiten bedeutender religiöser Aufregung, wie zu Ende des xiv. und zum Beginn des xvi. Jahrhunderts. Um die Andacht beim Gebet zu erhöhen, wurden die Angerufenen durch Bilder versinnlicht. So entstanden die zahlreichen Darstellungen der heiligen Jungfrau, der Kreuzigung, der Himmelfahrt, der gesamten Passion, der Heiligen, des Weltgerichts. Gesteigert wurde der Verbrauch durch die religiösen Brüderschaften und die Wallfahrten. Es folgten die zusammenhängenden Bildwerke, die zumteil schon im frühen Mittelalter gezeichnet vorhanden waren, und im xv. Jahrhundert xylographisch und typographisch vervielfältigt wurden. Die Hauptsache ward im Bilde dargestellt und die notwendige Erklärung und die Nutzanwendung in Schrift beigegeben.
Daneben machte jedoch auch das profane Leben seine Forderungen geltend und wurde durch eine Menge, teilweise sittenloser Darstellungen befriedigt. Johann Gerson in Paris, zu Anfang des xv. Jahrhunderts, drang — wie später Luther — auf eine sittliche Umkehr und auf Beseitigung schlechter und sittenverderbender Bücher und Bilder, die sogar in den Kirchen zu Paris an hohen Festtagen verkauft wurden. Es ist jedoch von solchen Erscheinungen nichts auf uns gekommen. Das öffentliche Schamgefühl scheint das Vernichtungswerk gründlich betrieben zu haben. Von profanen Büchern mit achtbaren Zwecken sind einige erhalten worden, z. B. das „moral play“, die „zehn Lebensalter“, das „Glücksrad“.
Neben den Heiligenbildern, ja vielleicht noch vor diesen, war das Buch des Teufels, die Spielkarten, ein sehr gesuchter Artikel, der stark abgenutzt wurde. Schon um das Jahr 1300 wurden die Karten in Italien bekannt, kamen aber wahrscheinlich erst in dem letzten Viertel des xiv. Jahrh. nach Deutschland. Um der grossen Nachfrage zu genügen, benutzte man ein Druckverfahren, durch welches die Figuren (darunter auch Heilige) nach den Farben in Metallblätter ausgeschnitten und die Farben schablonenmässig auf das Papier getragen wurden. Später schnitt man die Umrisse in Holz, druckte diese und malte den inneren Raum aus[3].
Schnitte.
Die Entscheidung über das Alter eines Metall- oder Holzschnittes ist eine schwierige Aufgabe. Kolorit, Technik, Papier, Kleidung der Figuren, die Art das Haar zu tragen, Bewaffnung u. s. w. müssen in Betracht gezogen werden, um den Ort und die Zeit der Entstehung festzustellen. Später kommt der Vergleich mit den wenigen datierten Drucken hinzu. Auch die Mundart der, von den Figuren ausgehenden Sprüche und die Form der, zu diesen benutzten Schrift gewähren Anhaltepunkte, letztere jedoch insofern weniger, als die Mönchsschrift sich ziemlich unverändert das xv. Jahrh. hindurch erhielt. Nach den erwähnten Merkmalen lassen sich die graphischen Kunsterzeugnisse vor Gutenberg in gewisse Schulen einordnen: die Schwäbische (Ulm, Augsburg); die Fränkische (Nürnberg, Nördlingen); die Bayerische (Freising, Tegernsee, Kaisersheim, Mondsee); die Niederrheinische (Köln, Burgund). Von diesen Schulen lieferten die beiden letzteren die besten Zeichnungen; die letzte ausserdem auch noch die besten Schnitte.
der Kunst.
Beim Fortschreiten der Kunst bekommen die Zeichnungen Andeutungen von Schattierung. Auf die einfachen Unterschriften der Bilder folgen ganze Sprüche, gewöhnlich Bibelstellen und Verse; oft in der Form von Devisen aus dem Munde einer Figur hervorgehend. Aus den Sprüchen werden schliesslich ganze Textseiten, die dem Bilde gegenüberstehen. Das Bedürfnis der weltlichen Belehrung führt schliesslich zu einem Buch ohne Bilder, dem Donatus. Aus den Briefmalern werden Briefdrucker (am Rhein printers genannt) und Formenschneider, welche Massen produzieren, von denen leider sehr vieles in der Zeit des dreissigjährigen Krieges vernichtet, einiges aber doch erhalten wurde[4].
Die Zünfte der Genannten standen oft in grossem Ansehen. Als die bedeutendsten sind zu nennen: die in Augsburg (1418), Nürnberg, Frankfurt a. M., Mainz, Köln, Lübeck. In Ulm sind um das Jahr 1410 schon Kartenmacher und Kartenmaler, Formenschneider jedoch erst 1441. In Brügge bestand 1454 eine Brüderschaft St. Johannis des Evangelisten, zu welcher Schreiber, Schulmeister, Buchhändler, Buchbinder, Bildermacher, Bildschnitzer, Illuminatoren, Holzdrucker, Formenschneider und Briefdrucker gehörten und die noch lange nach Erfindung der Buchdruckerkunst blühte. In Italien und Frankreich kannte man solche Vereinigungen erst im xvi. Jahrhundert; sie hiessen im letztern Lande: tailleurs et imprimeurs d'histoires et figures.
Noch druckte man nicht auf einer Presse, sondern das Papier wurde auf die Druckform, welche mit leichter Erdfarbe, später mit einer aus Lampenruss und Firnis gemischten Schwärze eingerieben war, gelegt. Mit einem harten Lederballen, der mit Pferde- oder Kalbshaaren gestopft war, strich man über die Rückseite des Papiers hin und her, ähnlich wie die Holzschneider mittels des Falzbeines ihre Probeabdrücke machen und wie die Chinesen noch heutigentages ihre Bücher drucken. Da der Reiber einen sehr starken Eindruck in dem Papier hinterliess, so konnte man nicht auf die Rückseite desselben nochmals drucken, sondern diese sogenannten Reiberdrucke sind nur einseitige (anopistographische). Um ein Blatt mit bedruckter Vorder- und Rückseite zu bilden, musste das Blatt umgebogen und an den beiden Rändern zusammengeklebt oder geheftet werden, wie es heut zu Tage noch bei den chinesischen Büchern der Fall ist.
Selbst nach Erfindung der beweglichen Typen hört der Tafeldruck nicht ganz auf, namentlich für Sachen, wozu kleinere Typen erforderlich, deren Guss noch zu schwierig war. In dieser Weise vertraten die Holzplatten zumteil die späteren Stereotypplatten. Man konnte die ersteren, deren Material so gut wie nichts kostete, bequem aufbewahren, um nach Bedürfnis Abdrücke zu machen, und hatte nicht nötig, den Aufwand an Papier für längere Zeit im voraus zu bestreiten. Nach Erfindung der Buchdruckerpresse konnte man selbstverständlich beide Seiten des Papiers bedrucken.
schen Werke.
Von den Tafeldrucken in Buchform, speziell Xylographische Werke genannt, sind etwa 30 auf unsere Zeit gekommen, von denen die umfangreichsten gegen 50 Blatt umfassen. Sie sind teils nur Bilder ohne Text, teils Bilder mit Text, schliesslich Text ohne Bilder. Von einigen sind die Federzeichnungen, welche der Anfertigung der Holzschnitte vorausgingen, erhalten, andere sind später typographisch ausgeführt, andere wieder xylographisch auf der Buchdruckerpresse gedruckt. Der grösste Teil ist religiösen Inhalts, der künstlerische Wert gewöhnlich unbedeutend. Wir nennen die hauptsächlichsten:
Ars moriendi. Eine Anleitung, selig zu sterben, in einer kompendiösen und in einer ausführlichen Darstellung (speculum artis bene moriendi). Das Buch schildert die Versuchungen des Menschen durch den Teufel, dem der Schutzengel entgegentritt. Der Stoff war ein sehr beliebter und das Buch wurde in allen germanischen und romanischen Sprachen bearbeitet. Der Verfasser ist nicht bekannt. Ein, früher im Besitz von T. O. Weigel in Leipzig befindliches, jetzt dem British Museum einverleibtes xylographisches Exemplar der ars moriendi gilt als die erste, zugleich die vollendetste Ausgabe. Sie besteht aus 12 Bogen kl. fol., in bräunlicher Farbe gedruckt. Die Schrift ist die Mönchsschrift. Die Konzeption und die Ausführung übertrifft in dem geistigen Ausdruck der Figuren und in kunstgerechter Handhabung des Messers alles, was von Kunstblättern des xv. Jahrh. bekannt ist. Allen Anzeichen nach stammt das Werk aus Köln, wo es auch aufgefunden wurde[5].
schen Werke.
Historia St. Johanni eiusque visiones apocalypticae oder „das Buch der haymlichē Offenbarungē Sant Johans“ war schon frühzeitig der Gegenstand bildlicher Darstellung. Es giebt drei Ausgaben mit 50, drei mit 48 Vorstellungen.
Ars memorandi: Die Kunst, die Erzählungen der vier Evangelisten in Erinnerung zu behalten. Ein ebenfalls beliebtes, öfters aufgelegtes Werk in 15 rohen, mit blasser Farbe gedruckten Holztafeln, und 15 Blättern mit Text.
Biblia Pauperum, „Die Armenbibel“, ist eine Reihe neutestamentlicher Darstellungen von der Geburt der heiligen Jungfrau an bis zum jüngsten Gericht, unter beständiger Hinweisung auf das Alte Testament. Das Buch ist wahrscheinlich niederrheinischen Ursprungs. Die Benennung erklären Einige, als sei das Buch für die geringeren Ordensgeistlichen, die sich Pauperes Christi nannten, bestimmt, Andere nehmen an, es solle damit gesagt sein, sie sei eine Bibel für die an Gütern oder am Geiste Armen.
Speculum humanæ salvationis (holländ.: Spieghel der menscheliker Behoudnisse): „Der Heilsspiegel“, ist ebenfalls eine Reihe neutestamentlicher Darstellungen. Von den vielen Ausgaben dieses beliebten Buches ist nur eine mit in den Tafeln geschnittenem Text, die übrigen sind typographisch ausgeführt. Das Buch ist niederrheinischen Ursprungs und die Holländer erklären dieses späte Produkt für ein von Koster mit beweglichen Typen gedrucktes Werk.
„Der Entkrist“, die Legende von dem falschen Messias. 26 Bl. in kl. fol.
„Die Legende des heiligen Meinrad“, 48 xylogr. Blätter in 8°.
Von den xylographischen Werken weltlichen Inhalts sind folgende besonders erwähnenswert:
„Die Kunst Ciromantia Dr. Joh. Hartliebs“, Leibarzt des Herzogs Albrecht des Frommen zu Bayern, 24 auf beiden Seiten bedruckte Blätter.
„Der Kalender des Magisters Johannes de Gamundia“, die älteste bekannte Ephemeride (gedruckt um d. J. 1470). Das Werk bestand nicht bloss aus der uns allein erhaltenen Tafel, sondern hatte 11 Foliobogen Text.
„Der deutsche Kalender von Magister Johann von Kunsperk“ (Regiomontanus) um d. J. 1473. Von diesem Werke hat man Exemplare, welche nach dem Druck abgeschrieben sind, ein Beweis, dass die gedruckten Bücher damals noch teuer waren und dass man in den Klöstern immer noch Zeit übrig hatte.
Von den Lehrbüchern war namentlich der Donatus sehr verbreitet. Der Verfasser Älius Donatus, welcher um 335 n. Chr. in Rom lehrte, hat mehrere kleine grammatische Schriften hinterlassen, aus welchen man einen Auszug in Katechismusform: Donatus minor bildete, der bis tief in das xviii. Jahrhundert noch im Gebrauch war.
Bodens für
Gutenberg.
Um die Mitte des xv. Jahrh. hebt sich der Sinn für die klassische Litteratur in merklicher Weise. In Italien erblüht ein frisches Geistesleben, durch Dante, Boccaccio und Petrarca geweckt. Die fürstlichen Häuser der Medici, Visconti und Este suchen ihre Ehre in der Beschützung und Pflege der Dichtkunst und der Wissenschaften. Im Norden bilden der Hof von Burgund und die niederländischen Städte Pflanzschulen der Kultur. In Deutschland geht das Lehns- und Ritterwesen zuende und der Bürgerstand erhebt sich mächtig. Die Fragen der Kirche sind auf die Tagesordnung gesetzt: Wiclef und Huss haben der Reformation vorgearbeitet.
Streitigkeiten an der Prager Universität veranlassen die Auswanderung von Lehrern und Schülern, welche die Gründung der Hochschulen zu Wien, Heidelberg, Köln, Erfurt, Würzburg und Leipzig zur Folge haben. Die Zeit war für die Entdeckung der Buchdruckerkunst gereift und die neue Welt des Geistes sollte noch eher, als die neue Welt jenseit des Meeres, ihren Columbus finden. Dieser war: Johannes Gutenberg.