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Hann Klüth: Roman cover

Hann Klüth: Roman

Chapter 13: VIII
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About This Book

Set in a coastal fishing village, the narrative centers on an ailing pilot whose decline is observed by his household and neighbors; through interwoven domestic vignettes it traces the daily work, gossip, superstitions, and mutual care of sailors, women, children, and visiting tradespeople. The story follows family obligations, poverty, and community responses to illness and hardship while evoking the rhythms of maritime life and generational change; scenes move between the pilot's cramped room, boats, and quays, revealing characters' resilience, tenderness, and local folklore.

»So, so?« lachte Hollander kurz und stieß sich mit dem Knopf gegen das Kinn. »Untergeordnete Bücher? Sehr hübsch! Untergeordnete Bücher, das ist ein guter Anfang. In einem anständigen Betrieb gibt es überhaupt keine untergeordneten Bücher. Aber damit Sie es gleich wissen, mein liebes Jünging, Sie fangen eben so an, wie ich auch begonnen habe. Also zuerst schließen Sie früh morgens sieben Uhr hübsch die Kontore auf, dann fegen Sie die Dielen auf. — Sollte Ihnen das nicht passen, dann wollen wir gar nicht erst beginnen. Dann wischen Sie Staub ab. Den Papierschrank in Ordnung halten und kopieren lernen, das ist schon die nächste Stufe, und so geht es weiter. Immer in Bescheidenheit, so fängt der Deutsche an. Das Feine, so mit englischer Tischzeit und so weiter wollen wir den Herren in London überlassen. Haben Sie sich alles so vorgestellt?«

Bruno machte eine Verbeugung und versicherte mit Herzklopfen, daß er sich große Mühe geben würde.

»Schön,« meinte Hollander, »wollen sehen. Wohnen und essen werden Sie zunächst bei mir, und morgen früh schicke ich meinen Wagen heraus, damit er Sie und Ihre Sachen abholt! Gut — abgemacht!«

Er streckte ihm die Hand hin, drückte sie gewichtig und ging dann fest auf Frau Klüth zu.

»Haben Unglück gehabt,« sagte er, »braver Mensch gewesen, Ihr Mann, hat mir lange Jahre, als ich selbst noch nichts war, treu gedient. — Na, wollen sehen, kann dafür vielleicht aus Ihrem Jungen was machen. Komm, Dina!«

Die beiden Damen verabschiedeten sich, indem sie jedem der Anwesenden die Hand reichten.

Als Dina die Finger der kleinen Line in den ihren hielt, wandte sie sich erfreut zu der Rokokotante und flüsterte »Wie hübsch!«

Dann verbeugten sie sich und bestiegen wiederum die Equipage, deren Schlag von Siebenbrod aufmerksam und ehrfurchtsvoll gehalten wurde.

»Nach Hause,« befahl Hollander, nachdem er sich wieder auf seinem Platz befand. Und als er Brunos unter den Fenstern noch einmal ansichtig wurde, blickte er ihn nochmals prüfend an und murmelte: »Na also — wollen sehen!«


VIII

Mächtig verhaltene Aufregung war über die Familie gekommen. Kaum hatte der Konsul das Haus verlassen, da begab sich die Mutter auf die Bodenräume und begann klopfenden Herzens Brunos Sachen in einen Koffer zu verpacken.

Siebenbrod half ihr dabei; er wollte auch etwas Väterliches leisten.

Inzwischen hatte sich der Wind gelegt. Warme Abendsonne lag über dem Dörfchen, und überall waltete eine Frische, die alles Ferne nah und klar erscheinen ließ.

Da litt es den aufgeregten Bruno nicht länger in der weiten, niedrigen Stube, eine Furcht war über ihn gekommen, die er sich selbst nicht erklären konnte. — Wenn nur die Rede des Konsuls über seine neuen Pflichten nicht gewesen wäre!

Eine merkwürdige Ahnung der Zukunft beschlich ihn. Er fühlte, etwas Unfertiges, Halbes war in ihm, er war zu wenig gerüstet, der Welt, die er nun bezwingen sollte, entgegenzutreten.

Unbestimmte, ferne Dämmerungen taten sich vor ihm auf. Und immer wieder plagte ihn der phantastische Eindruck, als höre er drinnen aus der Stadt, von der er nur die Türme ragen sah, Tanzmusik, Goldklingen und Mädchenlachen. Das war gräßlich. Aber er vernahm es immerfort. Halb verzweifelt bedeckte er sich mit dem modischen Hut, der auch bereits in der Stadt gekauft war, und lief hinaus.

Ah, hier war doch Bläue, Frische, Abendsonnenschein.

Was kümmerte es ihn, daß auch die beiden Kleinen, Line und Hann, mit ihm zugleich aus der Tür traten? Als sie ihm nachriefen, rannte er nur umso schneller dahin.

Nein, nein, er mußte erst mit diesen törichten und doch quälenden Dingen, die er nur aus unreifen Büchern aufgelesen haben konnte, fertig werden.

»Bruno — nimm uns mit!«

Er hörte nicht.

So schlichen denn die beiden dem Voraufgegangenen nach, immer nach ihm ausspähend, doch beide von dem einen Ehrgeiz besessen, mit dem erwachsenen Bruder diesen letzten Abend noch gemeinsam verbringen zu dürfen.

Gegenüber von der gemütlichen Krugwirtschaft, aus der gerade Gesang von Studenten schallte, überschritt Bruno eine baufällige Brücke, die in das Nachbardorf hinüberleitete.

Und immer auf die fernen Türme der alten Hansestadt starrend, die im Abendflimmer wuchsen und sich verbreiterten, schritt er weiter. So war er in den uralten Wald gelangt, in jenen dunklen Götterhain, der seit grauen Zeiten ein Wahrzeichen der Gegend bildet.

Unter riesigen Eichen ragten hier Ruinen und zerstörte Kreuzgänge eines alten Zisterzienserklosters auf, und da hatte auch Bruno seinen Lieblingsplatz. Aus roter, zertrümmerter Mauer brach in halber Manneshöhe eine mächtige, verwitterte Grabplatte hervor. Gott allein wußte, welch weltfremder Abt hier bestattet liegen mochte. Die Schriftzüge der Tafel waren lange verwischt; nur unten sprang in groben Buchstaben ein Wort hervor: »Mors.«

Dort ließ sich der Sekundaner nieder. Eine Weile blieb er allein, dann hallten Tritte durch den Wald.

Verwundert merkte er, daß die beiden Kinder mit ihm waren.

»Was wollt ihr?« fragte er gezwungen lächelnd, denn hart und verletzend wie sein älterer Bruder konnte Bruno sich niemals geben.

Treuherzig antwortete Hann: »Bei dir bleiben!«

Da ließ er sie beide neben sich auf den steinernen Sitz. Und stumm und ohne sich viel zu rühren saßen die drei nun nebeneinander.

Durch die dunklen Bäume schimmerte das Blau der See, durchschnitten von ungeheuren, blutroten Brücken, die die scheidende Sonne über die Fläche gezogen hatte. Und über diese Stege sahen die Geschwister tausend und aber tausend bunter, perlender Kugeln auf sich zu rollen.

Ein stiller — klarer — deutscher Abend!

Über ihnen, in einem der zerstoßenen Fenster des Klosters nistete eine Meisenfamilie. Die schwirrten in scharfem unhörbarem Flug den langen Hauptgang herunter, verschwanden im Dunkel des Laubes und kehrten sausend zurück.

Aus dem Binsensumpf kurz vor der See drang ein Surren und Summen. Sonst schwieg alles, wie die drei auf dem Stein.

Auch der Wald regte sich nicht. Er sann und träumte wie sie.

*     *     *

Aber einer war unter ihnen, der war bereits dazu bestimmt, einem Beruf anzugehören, der ihn immer wieder hart und rauh aus solch goldenen, undurchdringlichen Jugendträumen herausriß.

Von der Seite, wo das zerstörte Bauwerk mit dem Dominium zusammenstößt, drängte sich durch die Eichengebüsche eine große, vierschrötige Gestalt.

»Hann!« schimpfte Siebenbrod, der sich mühsam auf die Spur der Kinder gefunden hatte und nun entrüstet war, mindestens eine Stunde Zeit zu verlieren.

»Jung! Was ist nun wieder? Was sitzst du hier und kuckst in die Luft? Weißt du nicht, daß wir raussegeln müssen? Bist ja ganz dumm, Bengel. Steh auf, hier ist es nicht hübsch.«

Damit packte er ihn bei der Hand, und ohne daß er die beiden anderen eines Blickes gewürdigt oder zugelassen hätte, daß Hann sich auch nur verabschiede, zog er seinen Schutzbefohlenen mit sich fort.

In dem dämmrigen Kreuzgang wurde es wieder ruhig. Dann bemerkten die beiden Zurückbleibenden, wie ein einzelnes Boot sich von der Mündung löste und mehr und mehr die See gewann.

Die braunen Segel blähten sich, undeutlich gewahrten sie hinten am Steuer einen plumpen Kopf, der nach dem Hain und den roten Ruinen sehnsuchtsvoll zurückzuspähen schien.

Dann wurde der braune Punkt winziger und verging.


IX

In dem Walde wurde es neblig. Line fröstelte. Sie saß noch immer in dem weißen Kleidchen, von dem die rosige Schleife in Hanns Augen so wundervoll abgestochen hatte.

»Ob er nun nicht bald nach Hause geht?« dachte das Mädchen, für das der neue Lehrling mit seiner geschmeidigen Figur und den immer gut und städtisch sitzenden Anzügen von jeher einen vornehmen Herrn bedeutet hatte. Unwillkürlich legte sie dabei ihre Hand auf seine Finger.

Die fröstelnde Haut brachte den Nachdenklichen zu sich.

»Was willst du eigentlich hier, Kleine?« fragte er freundlich, während er ihr leicht über die Haare strich.

Er sah sie an.

Das Verhältnis zu der niedlichen Pflegeschwester war immer nur das eines erwachsenen Jungen gegen ein unbedeutendes spielendes Ding gewesen.

»O nichts,« versetzte sie ein bißchen schnippisch, »kümmere dich nicht um mich.«

Dabei führte sie den Finger an die Lippen und ließ sie leicht gegeneinanderschnellen.

Das sah liebenswürdig und trotzig zugleich aus. Bruno gefiel das so sehr, daß er plötzlich hell auflachte und die Kleine bat, dieses Spiel noch einmal zu wiederholen.

Sie jedoch schüttelte verwundert das Haupt. »Wozu?« versetzte sie gekränkt. »Ich bin kein Kind mehr. Das mußt du nicht glauben.«

»So? — Ach was? — Sag mal, wie alt bist denn eigentlich?«

»Das weißt du nicht?«

Ihre Stimme nahm einen immer verletzteren Klang an, doch den Lehrling schien dies nur in seiner heiteren Laune zu bestärken.

»Das weißt du nicht?« wiederholte sie heftig, während sie auf der Steinplatte herumkratzte.

»Nein, nimm's nicht übel, Kleine, ich hab' nicht so genau aufgepaßt.«

»Schön, dann will ich dir's sagen. — Ich bin tausend Jahre alt,« platzte Line heraus und stieß ihn mit der kleinen Faust zornig vor die Brust. »So, nun weißt du's.«

Ihr Körper krümmte sich dabei zusammen wie der einer geschmeidigen Katze, mit einem Satz war sie von der Platte herunter.

»Ich geh nun nach Haus!«

»Dummes Zeug!« rief Bruno verblüfft. »Wozu? — Was soll das?«

Dennoch mußte er hinter ihr herrennen.

Sie wirbelte wie ein weißer Schatten durch den Klostergang.

Die Blätter raschelten zu ihren Füßen.

»Line — Donnerwetter — steh doch.«

Da war sie verschwunden.

Wohin?

Eingesunken, von der Erde verschluckt. Eine Sage ging, daß oft Namenlose, von denen keine Pergamente melden, ehemals bei den Mönchen so verschollen seien. Verwirrt blickte Bruno nach allen Seiten.

»Line,« lockte er nochmals.

Kein Laut!

Nur die Eichenkronen schüttelten sich und an dem bröckligen Mauerwerk lachte die Abendröte.

Ein Eichhörnchen hockte in einer Fensternische und zog ihm eine Nase.

Unvermittelt erhielt er im Rücken einen Stoß, so daß er vorwärts taumelte. Eine Baumwurzel krümmte sich vor seinen Füßen. Die ließ ihn stolpern.

Er kniete jetzt.

»So wird's gemacht,« klang hinter ihm Lines schadenfrohe Stimme, »du bist doch nicht klug genug.«

»Teufel nochmal, Ding; woher kommst du?«

»I, ich wollte dir bloß zeigen, daß ich auch manches kann, was du nicht weißt.«

Sie weidete sich einen Moment an dem Knienden und zeigte ihre weißen Zähne.

Plötzlich schrie sie auf.

Der Sekundaner war auf die Füße geschnellt und preßte mit einem festen Griff ihre Hände in den seinen.

»So,« forderte er atemholend, »nun bitt' ab.«

»Nein,« widersprach Line.

»Kleine, sei artig,« ermahnte der Lehrling. »Solche Wildheit muß dir abgewöhnt werden. Immer friedlich, Wurm.«

Allein sie sträubte sich, und er gab sie nicht frei. Bei dem Winden und Drehen stieg ihr das Blut in die Wangen, der geschmeidige Körper bog sich wie eine schlanke Gerte. Eine kurze Zeit, dann verließ sie die Kraft, und allmählich drängten sich ihr ein paar große Tropfen in die Augen.

»Tu ich dir weh?« forschte Bruno gespannt.

Line verbiß den Schmerz.

Er aber zog hastig seine Hände von ihr zurück und gab sie frei.

Merkwürdig — jetzt hätte sie entwischen können. Doch sie blieb und ging von jetzt an ruhig neben ihm her.

So waren sie bis an die niedrige, verfallene Feldsteinmauer gelangt, welche die Ruinen der Landstraße abschließt.

In der Abendsonne wand sich hier die Chaussee wie eine goldene Schlange vorbei, zur Seite schob der Wald seine dunklen Massen weiter ins Land hinein, und ganz hinten aus den nebligen Äckern, umquollen von den sich hebenden Abenddünsten, rollte unter undeutlichem Läuten die Sekundärbahn heran.

Bruno blieb stehen. Ihm kam der Gedanke, daß er das alles heute für lange Zeit zum letztenmal sehen würde.

Leise vor sich hinsummend, ließ er sich auf dem Mauerwerk nieder und starrte in die weite, nebeldampfende Ebene hinein. So merkte er erst nach einer Weile, wie das Mädchen unschlüssig neben ihm verharrte, weil sie sich scheuen mochte, in ihrem weißen Festkleid ebenfalls auf der schmutzigen Mauer Platz zu nehmen. Da zog er sie einfach an sich.

»Komm!«

Und ohne viel Umstände, kindlich und natürlich setzte sie sich ihm auf die Knie. Er schlug seinen Arm um sie, und sie rückte sich zurecht.

Nach geraumer Zeit erst äußerte der Sekundaner: »Das ist hübsch.«

Und Line nickte ernsthaft dazu und sagte: »Ja, das ist es.«

Dazu lag still und warm und rot die scheidende Abendsonne auf ihnen und aus den herbstlichen Bäumen raschelten braune Blätter auf ihre Häupter.

Da wandte sich Line nach ihm zurück. Als sie ihn ansah, bemerkte sie mit Erstaunen, daß in dem hübschen braunen Gesicht des Pflegebruders ein dunkles Schnurrbärtchen auf der Oberlippe zu sprossen begann. Das war ihr neu. Und aus ihren Augen und aus dem sich langsam öffnenden Munde sprach so viel Bewunderung, daß Bruno, der wohl fühlte, daß etwas Schmeichelhaftes für ihn darin lag, das kleine Ding plötzlich lachend und doch mit Hast an sich riß.

Sie sträubte sich gar nicht.

Ganz eng schmiegte sie sich an ihn, ja, sie verkroch sich geradezu an seiner Brust, so daß er deutlich empfand, wie weich und fest zugleich ihre Glieder sich fügten.

Eine schülerhafte, scheue Begierde stieg in ihm auf, auch ihren Mund zu berühren. Die roten Lippen leuchteten ihm so dicht!

Aber nein — nein, das wagte er nicht.

Es war überhaupt das erste Mal, daß er so kosend nah sich einem Mädchen fand. Und nun noch gerade diese! —

Nein!

Er schämte sich, fürchtete sich und lächelte doch ein wenig unwillig über sich selbst.

Ein merkwürdiger, angenehmer Schauer begann ihn dabei zu überrieseln. Und sie wand sich immer wohliger in seinem Arm. Noch war ihr unklar, warum, doch immer tiefer nistete sie sich bei ihm ein, blinzelte verstohlen zu dem Schnurrbärtchen empor und spann vor Freude, wie eine kleine Katze vor dem Schlummern.

Wieder wiegten sich beide einen fröhlichen Moment. — Dann surrte die Sekundärbahn mit ihren drei schwarzen kreischenden Waggons heran, und ein schriller, durchdringender Pfiff weckte beide auf.

Sie sahen sich an.

Dann mußten sie lachen. Keiner wußte den Grund.

Es war das Lachen zweier blutjunger Menschen, die sich entdeckt haben.

Aber sie wußten es nicht.

*     *     *

Langsam schlich der Abend über die Landstraße. Rechts und links fing er in seinem schwarzen Sack die letzten Sonnenstrahlen, die wie goldene Mäuschen über den Weg huschten.

Überall stiegen Schatten an Mauern und Bäumen empor und griffen nach der Röte, die dort noch ruhte.

Die Sekundärbahn, die am Fluß entlang auf die Stadt zustrebte, fuhr wie in einen dunklen Tunnel hinein. — Nur ihre roten Augen, die sie auf dem Rücken besaß, glimmten noch eine Weile nach dem einsamen Paar zurück.

Da wand sich Line von Brunos Knien herab und streckte den Arm nach den roten, blinzelnden Augen aus. »Morgen abend bist du auch da drin,« begann sie beinah anklagend.

»Ja, morgen abend schlafe ich schon in der Stadt,« entgegnete er rasch.

Hastig atmete er dabei auf.

»Was wirst du in der Stadt anfangen?« fragte sie weiter.

Er sah sich um, ob ihn auch niemand höre. Dann schlüpfte ganz heimlich das Unterste, Verborgenste aus ihm heraus.

Der Traum, der tief in der Seele im verschlossenen Kämmerchen auf weichem Bette geschlummert, der stieg scheu und schämig auf die Erde.

»Reich will ich werden, Line.«

»Reich?«

»Sehr reich. Unermeßlich reich.«

»Wozu willst du das?«

Mit einem Ruck hatte er sie wieder an sich gezogen. Doch sie setzte sich ihm nicht mehr aufs Knie. Stehend, von seinem zitternden Arm umschlungen, während ihr Ohr fast seinen Mund berührte, hörte sie alles mit an, sog es in sich ein, was er ihr nun mit fiebernder Hast, mit ausbrechender, üppiger Knabenphantasie vormalte.

Ein eigentümliches Beben ging durch seine flüsternde Stimme.

Ja, das mußte jahrelang in ihm geschafft und gewirkt haben. — Was vernahm sie nicht alles? — Das Gold, das sei der Schlüssel zu aller Macht und Herrlichkeit. Diese blitzenden Goldstücke hingen wie Sterne über jedem irdischen Menschenhimmel. Manchmal regne es von dort oben in weiten Strömen. Dann wüchsen aus dem getroffenen Acker Schlösser, Paläste, Gärten mit seltenen Blumen, Kleider, Livreen, schnelle Pferde und die seltensten Braten hervor. Freilich, nur ein paar Auserwählte seien es, die das Geheimnis ergründet hätten. Hollander gehöre dazu. Der hätte es. Und von dem alten Manne müßte er es auch erlernen. Sonst käme er nicht wieder, ganz gewiß nicht, sonst stürze er sich irgendwo in die See, wenn er das nicht erreiche. Denn sonst lohne es nicht, zu leben. — Aber er würde es erreichen, jede Nacht beinah hätte er ja davon geträumt, ja manchmal hätte er ganz deutlich gehört, wie es vor seinem Bette seltsam geklungen und geklappert hätte.

Ganz deutlich.

»Klipp — klapp.«

»Das ist fein,« flüsterte Line, der es wie Feuer durch die Adern brannte.

Die schönen Kleider und die Schlösser hatten es ihr angetan.

»Ja, aber es ist schwer,« murmelte er bekümmert.

Nun tastete langsam der Mond über die Baumkronen herauf.

»Und wenn du dann reich bist?« forschte sie mit verhaltenem Atem weiter, »dann —?«

»Ja, dann — —«

Ganz berauscht, toll von dem Klang der eingebildeten Schätze preßte er die Stehende an sich, bis er die Schläge ihres erregten Herzens hämmern hörte. Seine Knabenaugen leuchteten in den ersten Mondesstrahlen gleich einem Paar prachtvoller Edelsteine.

»Kann ich auch reich werden?« forschte sie plötzlich mit aufwachender Gier.

»Du?«

Er lächelte.

»Warum lachst du? Warum schüttelst du den Kopf?«

»Du nicht.«

Da riß sie ihre Hand ungestüm von ihm zurück. Ihr Mund zuckte. »Warum nicht?« rief sie verzweiflungsvoll.

»Weil du nicht genug gelernt hast,« erklärte er begütigend und erhob sich, um sie mit fortzuziehen. »Aber, das schadet ja auch nicht, Liebling. Wenn man so hübsch ist wie du. — Komm.«

Halb im Taumel ließ sie sich von ihm leiten. Alles summte in der aufwachenden Seele durcheinander, die Liebesworte und der Goldklang. Und immer wieder, fast bettelnd, suchte sie den Großen davon zu überzeugen, wie sie am Ende doch nicht so wenig gelernt hätte. Dabei ergab sich, daß sie die unregelmäßige Dorfschule monatelang überhaupt nicht gesehen, ja, wie dies dem alten verbummelten Lehrer Toll nicht einmal als etwas Besonderes aufgefallen wäre.

Spitzbübisch wollte sie die Lippen bei dem losen Streiche spitzen. Doch ganz ohne Übergang fuhr sie zusammen und begann laut vor sich hinzuschluchzen.

»Herrgott, Lining, was weinst du?«

»O nichts!«

Damit schüttelte sie sich die Tränen ab und warf ihr Köpfchen kräftig in den Nacken.

»Ich kann nicht reich werden, ich hab' nicht genug gelernt,« ging es durch ihre Gedanken. Und dann blickte sie wieder mit heimlichem Neid auf ihren Gefährten, der nun bald in diesen goldenen Gärten spazierengehen würde.

Plötzlich griff sie in der Dunkelheit heftig nach seiner Hand, und beinahe zornig stürzte es aus ihr heraus: »Sag' mal, kommst du nun bei Hollander auch mit lauter solchen Menschen zusammen, die was gelernt haben?«

Das bejahte er. Lachend über ihre kindliche Wut, und geschmeichelt, daß sie ihn augenscheinlich gleich einem höheren Wesen verehre.

Nun standen sie vor der Brücke. Unten gurgelte und sang der Fluß, vom jenseitigen Ufer blinkten die erleuchteten Fenster der Krugwirtschaft herüber. Und da! — Was war das?

Grobe Tanzmusik drang über das Wasser, hinter den angelaufenen Fensterscheiben huschten blasse Schatten vorbei!

Kling — kling — plump — plump — trala!

Line griff nach dem Geländer der Brücke und wurzelte an. Ihre Augen saugten sich an den kleinen, leuchtenden Fenstern, die so wunderliche Lichtstrahlen in die Finsternis hinaussandten, förmlich fest; ihre Zähne biß sie scharf zusammen.

»Nicht doch! — Was soll das? — Komm, Kleine.«

»Bruno?«

»Ja.«

»Sieh da, bei Gastwirt Krügern da tanzen jetzt die Studenten mit den Fischerfrauen und den Mädchen.«

Auch er warf einen verlangenden Blick hinüber und streckte dann die Hand nach ihr aus.

»Ja, ja — aber was soll das? — Du mußt nach Haus.«

»Du, da drüben möcht' ich auch hin.«

»Da drüben?« Er hielt sie fest. »Hör', — da gehören keine Kinder hin.«

»Ich bin kein Kind mehr. Das sollst du sehen.«

Mit einer schlangenhaften Wendung wischte sie ihm unter der Hand fort.

»Jetzt lauf ich rüber.«

Er geriet in Angst.

»Lining — bedenk doch — wir haben ja Trauer.«

»Oh, bei so einer, die nichts gelernt hat, schadet das nichts. Nein, nein, da schadet das gar nichts. Ich will bloß zusehen.«

»Um Gottes willen, bitte, tu das nicht — mir zuliebe! Ja?«

Seine Stimme zitterte so flehentlich, daß sie stehen blieb und zögerte. Über die hohen Schwebebalken der Brücke glitt der Mond, so daß sich beide genau betrachten konnten. Da öffnete sich drüben in der Schenke eine Tür. Ein Strom von Musik und Gelächter schoß heraus.

Kling, kling, plump, plump, trala!

Das entschied.

Line zitterte vom Kopf bis zu den Füßen. »Bloß zusehen,« rief sie noch einmal mit geschnürter Stimme, »du kannst auf mich warten!«

Im nächsten Moment flog sie über die Brücke, und wie von unsichtbarer Hand zurückgehalten starrte ihr Bruno nach. Seine scharfen Augen verfolgten die Fliehende, bis sie gleich einem weißen Pfeil durch den Wirtshausgarten schoß. Dann griff er sich an die Stirn und sah sich um. Rechts von ihm ruhte die unendliche, finstere Masse des Meeres, links glitzerte im Mondenlicht der silberne Fluß, und weiterhin zuckte am Himmel ein breiter leuchtender Schein. Unter diesem lag in der Ferne die Stadt, in der er morgen schon wohnen und wirken sollte.

»Line!« rief er laut und ängstlich in unerklärlicher, aufsteigender Bangigkeit.

Aber nichts antwortete ihm.

Nur zwischen den nahen, glitzernden Fenstern glaubte er den weißen Schatten des Mädchens in das Innere des Hauses schlüpfen zu sehen.

Da brach auch bei ihm unvermittelt alle Überlegung zusammen. Die Trauer und den finsteren Ernst des Lebens, der dahinten lag und auf ihn lauerte, alles vergaß er. Er wollte nur die Kleine holen — nur sie überwachen, das unerfahrene Ding, das so hübsch auf seinen Knien gesessen. Noch fühlte er die heimliche Wärme. »Ja, nur sie holen.«

Ein paar leichte Sprünge.

Er war bereits jenseits der Brücke. Ganz nahe drang durch geschlossene Türen die Musik — hinter ihm versank still und schweigend die Stadt, in der er morgen einziehen und leben sollte.

Er sprang in den Saal.

Und draußen tauchte alles wieder in nächtliche Versunkenheit; die Ufer und die Landstraße und die raschelnden Binsen am Moor. — Nur unten, wo der Strom um die Brücke gurgelte, da sah Malljohann, der zur selben Zeit nachdenklich auf dem Dach seiner Kajüte hockte und zu dem Mond hinaufmurmelte, wie sich vorsichtig ein winziges Männchen aus dem Wasser hob, und wie es in die Hände klatschte und in ein scharfes Kichern ausbrach.

Das war nichts Menschliches.

Und Malljohann wußte recht gut, so lachte nur der Klabautermann, den ja Line für ihren Vater ausgab, und der sich nun über sein flinkes Dirnlein freute.


X

Der Mond tanzte auf den Wassern.

Durch den schwarzen, glatten Spiegel streckte er überall sein feuchtes Gesicht hindurch, zwinkerte mit den Augen und spie goldene Funken nach Hann.

Es war gerade um die Zeit, als Line mit feurigen Wangen das erste Mal durch den Saal schlich.

Siebenbrod war eingeschlafen, er schnarchte. Kein Lüftchen regte sich; mitten auf der toten Fläche stand das Boot unverrückbar still.

Die großen Stellnetze waren bereits eingezogen, ein paar andere hatten sie ausgelegt; mitten in dem Boot schillerte fast fußhoch ein dicker Haufe zappelnder Heringe.

Die zuckten und sprangen und leuchteten einen fahlen, blauweißen Glanz.

Von fernher hallte ein einsamer Glockenschlag. Dann kroch wieder dieses ungeheure tote Schweigen über den Spiegel. Der Junge, des Nachtdienstes ungewohnt, hockte vorn am Bugspriet und kämpfte gegen den Schlaf. Zuweilen neigte sich sein plumpes Haupt schwer gegen den Bordrand, doch ein letzter verlöschender Blick auf den Stiefvater, der, das Steuer im Arm, zu einer unförmigen Masse zusammengesunken schien, ließ ihn immer wieder zur Höhe taumeln.

Der Bootsmann hatte ihm anbefohlen, wach zu bleiben. Und die Furcht wirkte stärker als die Müdigkeit.

Allmählich aber begann er zu zittern. Ein eisiger Frost stieg aus der schwarzen Tiefe auf und legte sich wie ein enger Mantel um seine Brust.

Voller Angst und in der Sucht, sich an etwas festzuhalten, an etwas Lebendigem, blickte er überall umher.

Dort der Mond. — Er kam und ging.

Es war, als wenn er sich wasche und immer um das Boot herumschwimme!

Was war eigentlich der Mond?

Der Junge rieb sich den Kopf, aber das Richtige sprang nicht heraus. Er fuhr mit der Hand in die glitzernde Scheibe, aber das Wasser war so eisig, daß er zusammenschrak.

Immer toller grinste das Gesicht aus den Fluten. Deutlich sah der Einsame, wie die großen Augen auf und zu klappten. Dazu verzog sich der Mund und wies blitzende Zähne.

Herrgott — Herrgott — was war eigentlich der Mond?

Das Gesicht wurde immer deutlicher und runder. Jetzt hob es sich aus dem Wasser, jetzt tauchte es unter, im nächsten Augenblick klappte das Maul auf und fing an zu reden.

»Jesus!«

Der kalte Schweiß lief Hann herunter. Er war der Nacht und dieses fürchterlichen Schweigens noch ungewohnt.

»Siebenbrod — Siebenbrod!« schrie er auf.

Vom Steuer tönte ein Ächzen, dann rührte sich nichts mehr.

Nein, er mußte wissen, was der Mond war. Die Unwissenheit bedrückte ihn, wie kurz vorher Line. In wildem Schrecken versuchte er fortzusehen, doch kaum gedacht, schwoll das Haupt riesengroß an, ein Zischen quirlte um es her, und dann grinste es wieder tückisch unter der zitternden Flut.

Da kam Hann ein Gedanke.

Er wollte sein Abendgebet hersagen, denn seine Furcht war groß. So faltete er die Hände:

»Ich bin klein,
Mein Herz ist rein,
Soll niemand drin wohnen
Als Gott allein.«

Er betete es noch immer, obwohl er ein großer Junge geworden. Er hatte kein Gefühl für die Lächerlichkeit.

Als er den Spruch gesagt, schielte er von neuem auf seinen Feind. Der hatte sein Antlitz in tausend goldne Runzeln gezogen und lag grämlich und zitternd da.

Und immer wieder ging es durch den dummen Jungenschädel: »Was ist eigentlich der Mond?«

In der Schule war er so weit nicht gekommen. Ob Line das wohl wußte? Ja, wenn er heute nacht nach Hause kam, dann wollte er doch an die Nebenwand klopfen, hinter der sie schlief, um einmal anzufragen. Ja, ja, Line hatte es gut. Die lag nun weich in ihrem Bett.

Gutmütig nickte er.

Das war auch ganz in Ordnung, daß sie nicht mit auf der schwarzen See weilte. Sie sollte nicht arbeiten. Dazu war sie zu fein.

Und als er von neuem in das glitzernde Gebilde starrte, kam es ihm vor, als ob sich dort drin etwas verändere, als ob ein ganz kleines Püppchen darin herumtanze.

Wahrhaftig, so warf Line die Beinchen.

Freudig reckte er sich vor, so daß das Boot schwankte. Alle Bangigkeit war vergangen. Statt des gespenstischen Hauptes nahm er mit einmal eine goldene Stube wahr, in der Line herumhuschte.

»Ja, ja,« wohlgefällig lachte er dazu, und ganz hinten am Steuer, wo die formlose Masse des Bootsmanns hockte, räusperte sich etwas, und Siebenbrods knastrige Stimme fragte gemütlich: »Wat is de Klock?«

*     *     *

Um Mitternacht fuhr das Boot in Moorluke ein. Eine Viertelstunde später stießen die beiden Fischer auf Frau Klüth, die in der Dunkelheit vor dem Lotsenhäuschen stand und die Hände rang. Als Siebenbrod sich erkundigte, erfuhr er, daß Line und Bruno diese Nacht nicht nach Hause gekommen wären. Paul, der Student, sei bereits trotz Nacht und Nebel in die Klosterruinen gelaufen, wo man die beiden zuletzt gesehen.

»Und dabei soll es da drüben spuken,« jammerte Frau Klüth.

»Na, sie werden sich wohl wieder zufinden,« tröstete Siebenbrod in ziemlicher Ruhe und gähnte mächtig. »Die Hauptsache is nu, daß wir schlafen gehen. Puh — ich schuddere man so durch den ganzen Leib. — 's is niederträchtig kalt. —« Und während er die Witwe und Braut an die Hand nahm, murmelte er noch: »Leg dich man auch nieder, Frau Klüth. Es sind ja große Gören.«

Die kleine Frau ließ sich nach einigem Sträuben ins Haus ziehen.

Hann aber stand vor der Tür und zitterte vor Frost. Mit blödem Blick und schweren Augenlidern sah er in die Nacht hinein.

Hatte er das geträumt? Spukte der Mond noch vor seinen Augen.

Line war weg?

Schwerfällig schüttelte er den Kopf, als wär' ihm das Merkwürdige noch immer nicht klar, dann schauerte er wieder zusammen, und alle seine Glieder zuckten vor Kälte.

Line war weg?

Plötzlich überkam ihn eine seltsame Wut; die Mattigkeit wich von dem jungen Körper, mit voller Wucht schlug er mit der Faust gegen die Hausmauer, immer fester, immer ärger, als hätten die Steine nicht genügend über die Kleine gewacht.

Warum kam sie denn nicht wieder? — Wo war sie? Wenn sie nun beide, Bruno und das Mädchen, im Rick lägen? Laut heulte er auf und hieb wieder auf die Steine ein.

Aus der Hand sprang Blut.

Da klappte etwas auf der Dorfstraße.

Dicht am Rick entlang kam eine Fischersfrau in Holzpantoffeln daher. Es war die Frau des taubstummen Klaus Muchow, die ihren Mann aus dem Krug nach Hause holen wollte. Als der Junge in der Dunkelheit auf sie zufuhr, erschrak sie.

»Huching.«

»Line — Line is weg,« stammelte er.

Die Frau dachte nach. »Ne,« berichtete sie dann, »die hab' ich bei Gastwirt Krügern gesehn, mitten unter die Studenten.«

»Bei Gastwirt Krügern?« echote Hann, der es nicht glauben konnte, und riß den Mund auf.

Warum schlug ihm das Herz dabei so gewaltig an die Rippen? Noch war sein Verstand zu dumpf, um ihm das zu beantworten.

»Na, ich sag man, die tanzt fein,« meinte die Frau und lachte. Dann machte sie den Vorschlag, daß Hann sie begleiten solle, sie würde ihn mit hineinnehmen.

»Darf ich denn da hin?« stotterte Hann.

Die Frau warf ihm einen zweifelnden Blick zu: »I ja, warum denn nicht?« entschied sie, »wenn ich mit dabei bin — komm man, mein Jünging.«

»Na, denn nehm' ich's an,« brachte der Junge halb betäubt hervor und schüttelte sich, um sich zu erwärmen. »Dann hol' ich Line.«

»Ja, das tu man.«

»Es is wegen der Trauer,« entschuldigte Hann voller Scham.

»Ja, ja, das ist auch so.«

Und dann verschwanden die beiden.

— — — — — — — — — — — — — — — —

»Line, jetzt komm nach Haus,« drängte der Sekundaner wiederum.

Er hatte sie einen kurzen Moment an der Hand, doch sie entzog sich ihm wieder.

»Gleich — gleich, Bruno.«

»Nein, du gehst jetzt.«

Sie lachte wild: »Ich tu ja nichts«

Dabei schimmerten ihre Wangen in heller Röte, aus dem leicht geöffneten Munde stieß kurz und rasch der Atem, und in den schwarzen Augen züngelten hundert glänzende, kleine Feuer.

Ihre Füßchen trippelten ungeduldig, und jetzt, jetzt wo die Musik wieder einsetzte, da wiegte und dehnte sich der Körper so leicht, so frank und frei, als wäre das weiße Kinderkleidchen längst von ihr abgeglitten, als stände sie nackt und aller Hüllen ledig und würde bald einen unerhörten Tanz beginnen.

»Line — Line.«

»Laß mich doch, Bruno, ich tu ja nichts.«

»Du hast mit dem großen Studenten da drüben getanzt.«

»Das ist nicht wahr — laß mich jetzt los — bitte, bitte.«

»Nein, du darfst nicht mehr.«

»Oder tanz du selbst mit mir.«

Er erschrak über ihr Verlangen und starrte sie an. In ihrer Stimme lebte soviel kindliche Leidenschaft. Hinter ihm paukten und schmetterten ein paar Musikanten, die aus der Stadt herausgekommen waren, scharrendes Geräusch schleifender Füße mischte sich drein.

»Hopsa — hopsa — hopsasa,« sang plötzlich oll Kusemann neben ihnen, der in seiner Extralotsenuniform bei jedem Ball die Stellung eines Tanzkommandeurs bekleidete, »hopsasa,« sang er und hob das rechte Bein unternehmend in die Höhe: »Komm, Dirning, tanz mit mir! — Ich hab' spanische Korken in die Stiefel — siehst du so.« Er sprang hoch in die Luft. »So ein paar Dinger schenk, ich dir auch, wenn du hübsch artig bist und mir einen Kuß gibst — fix, Marjelling.« Hoch nahm er sie in seine Arme und schwenkte sie weit in der Luft herum.

Ihre Röckchen wirbelten, die schwarzen Zöpfe rasten um sie herum, von der einen Wade war der Strumpf heruntergestreift und entblößte die braune, seidige Haut.

»Huch,« schrien die Fischerweiber schamhaft.

Solchen Tanz hatten sie noch nicht gesehen. Der taubstumme Riese Klaus Muchow lachte dazu, daß die Wände dröhnten, während die Studenten ihre Seidel schwangen, um Line ein donnerndes Hoch auszubringen.

»Line — hurra,« schmetterten die jungen Stimmen.

»Line hurra,« knatterte es aus allen Winkeln.

»Line hurra,« greinte oll Kusemann und spitzte seiner Tänzerin, die noch nicht den Erdboden berührt hatte, die Lippen entgegen.

»Ich will nicht mehr,« keuchte die Kleine, vor deren Blicken alles verschwamm, und begann mit dem Lotsen zu ringen. »Ich will runter.«

Ihre Fußspitzen suchten den Estrich.

Oh, und Bruno mußte oben von der Terrasse der Musiker, wo er krampfhaft einen Stuhl gepackt hielt, alles mit ansehen, mußte die entblößte Wade schauen und die tastenden Zehen, mußte auch knirschend beobachten, wie der taubstumme Riese sich erhob, um dem angetrunkenen Lehrer Toll pantomimisch vorzumachen, wie er das Ding auf seinen Arm setzen wolle und dann auf den Kopf.

Dazu erhob er taktmäßig die mächtigen Beine, grinste schlau und drehte sich komisch im Kreise umher.

»Solch ein Kerl,« murmelte Bruno in erstickter Wut. »Solch ein Kerl.«

Wie kam es, daß die Gestalt des alten verstorbenen Lotsen plötzlich vor ihm auftauchte, seines Vaters, der erst wenige Wochen in seinem Grabe ruhte, und der doch Line wie sein eigenes Kind gehalten?

»Wie ist das möglich?« — schnitt es ihm durch den Sinn, »wie ist das bloß möglich? — Hab' ich denn das Ding noch gar nicht gekannt?«

Ein merkwürdiges Gefühl, von Grauen und Verlangen gemischt, wühlte in ihm herum, keinen Blick konnte er von der Kleinen abwenden, und jetzt, jetzt trug sie oll Kusemann schleifend und zierliche Winkel drehend wieder in seine Nähe.

Wie er zitterte, wie er sich schämte, und er hatte sie doch erst vor wenigen Stunden weich auf seinem Schoß gehalten. —

»Dirning,« hörte er den Lotsen schmunzeln, »leg' mich deinen Arm um den Hals, sonst fällst du.«

Und was antwortete sie?

»Du alter, häßlicher Kerl.«

»I, Lining, das ist grade was Apartes. — Au, Kind, wozu kratzt du denn? Ich wollt ja bloß sagen: Hann liegt jetzt auf der See.«

Line schlug mit der Hand durch die Luft. »Wo Hann liegt, das ist mir ganz gleich.«

»Na, du gehst gut, du Racker,« wollte der Lotse eben belobigen, da fühlte er unvermittelt, wie etwas an ihm herunterglitt; dadurch verlor er das Gleichgewicht und purzelte, sich überschlagend und unter dem dröhnenden Gelächter der Studenten, gerade auf den Schoß seiner Gattin Alwining.

Die zog ein strenges Gesicht und kniff ihn heimlich in den Arm.

»Alwining,« flüsterte oll Kusemann und griff seiner Frau unter das Kinn: »Sei ruhig, ich weiß, was du denkst. — Aber die kleine Krabbe ließ mir gar nicht in Frieden. Du weißt ja, aus der wird nichts Gutes! — Sollst sehen, Alwining. — Ich kenn' meine Leute.«

*     *     *

Sie forderte zu trinken, als sie nun atmend und glühend neben ihrem Pflegebruder auf der Terrasse stand.

Aber er verweigerte ihr alles. Eine tiefe Verachtung gegen dies tolle Ding war in dem feinen gebildeten Jungen aufgestiegen. Fast mit Gewalt hatte er sie in eine Ecke hinter die Musiker gezogen, und nun schüttete er dort sein Herz vor ihr aus. Wie sie sich benommen, wie sie ihn blamiert hätte, und was die Mutter zu Hause dazu sagen würde. Den Abschluß bildete immer der eine Satz: »Du hast nichts gelernt, du gehörst eben unter die Fischer.«

Doch sie antwortete nichts.

Ihre schwarzen Augen, die so seltsam auf dem blauweißen Untergrund schwammen, lugten noch immer gierig nach allen Seiten. Die Musik und der Tanz hatten sie offenbar betäubt. Immer noch blinzelte sie nach den sich drehenden Paaren.

»Line, verstehst du mich denn nicht? — Ich trag dich mit Gewalt raus, wenn du nicht von selbst gehst,« flüsterte er mit neu aufbrausender Wut.

Verständnislos — kindlich und doch mit einem merkwürdigen, bewußten Zug um die Lippen lächelte sie ihn von unten herauf an. Dann streichelte sie ihm schmeichelnd über die Wange, um gleich darauf das Haupt zu neigen und mit ungeheucheltem Erstaunen auf ihre entblößte Wade herabzublicken.

Jetzt bemerkte sie es erst.

Auch der Sekundaner mußte diesem Blick folgen. Das Blut schoß ihm dabei ins Gesicht, er verachtete sich selbst, weil er sich nicht sofort abwenden konnte. Doch er verharrte und blinzelte hinunter. Und Line lachte über den Unfall, während sie tiefgebeugt über ihrem Strumpf nestelte. In diesem Augenblick nahte sich ein junger, schlanker Student, Jahn mit Namen, derselbe, der vorhin das Hurra auf diese jüngste Tänzerin kommandiert hatte, und streckte einfach die Arme nach ihr aus.

Schon berührten seine Finger die Schulter der Gebückten, als Bruno sich nicht mehr mäßigen konnte. Er riß sie empor, daß sie förmlich in die Höhe zuckte, beide flogen von der heftigen Bewegung die wenigen Stufen hinunter, und dann — hatte er begonnen oder Line?

Keiner wußte es später.

Aber die schlanken Arme, mit denen sie ihn unwillkürlich umschlungen, löste sie nicht, und dann war es Bruno, als ob alles um ihn herumwirbele. Die Wärme, die heiße Glut, dieser erste Lebenstaumel des jungen Wesens an seiner Brust hatten es ihm angetan —! Er tanzte! — Nein, er riß sie rasend mit sich fort. Er sah nichts als die aufblitzenden Augen und die weißen Zähne, die hinter den schmalen Lippen glänzten. Immer herum — immer weiter, wenn es ihm auch war, als ob er über spitze Messer tanze, wenn ihm auch eine flüchtige Erscheinung kam, als stände sein Bruder Hann draußen an den Fensterscheiben und stiere blöden Sinnes herein. Schneller, wilder, dieses sich immer gleichbleibende, beglückte Lächeln der Tänzerin berauschte ihn und hetzte ihn weiter.

»Oh,« murmelte Line, »noch länger — noch länger.«

»Ja — ja.«

»So gut wie du tanzt doch keiner, Bruno.«

»Aber du auch — du auch, Line.«

»Ja, das hab' ich gelernt,« flüsterte sie stolz, während sie ihn leise in den Arm kniff.

Doch ehe er noch antworten konnte, kam das, was ihn zur Besinnung brachte, vor dem er floh, als hätte er ein Verbrechen begangen.

Wie eine Erscheinung, unvorhergesehen, stand es da.

Leise, aber entsetzt schrie Line auf.

Was war das für eine breite, nasse Hand, die sich auf ihren Arm legte? — Weshalb stürzte plötzlich ihr Tänzer fort, als ob er sich verfolgt wähne?

Wer war das eigentlich, der sie festhielt und mit ihr sprach?

Erst mußte sie sich die Haare aus der Stirn streichen, eh sie ihn erkannte. Dann blickte sie sich wirr im Saale um. Ihr Herz begann krampfhaft zu pochen, eine schneidende, überwältigende Angst durchfuhr sie.

Wie kam sie denn hierher? — All die fremden Leute? Die Fischerweiber, die mit Fingern auf sie zeigten, und die Studenten, die so vertraut mit ihr taten?

Zitternd und zerknirscht blieb sie vor dem Schifferjungen in dem nassen Rock stehen. Der sah sie mit seinen dumpfen blauen Augen bekümmert an und sagte mit kaum merklichem Vorwurf: »Ich such' dich, Lining.«

»Hann,« stotterte sie.

Da faßte er sie fester am Arm und meldete ernsthaft: »Ich soll dich nach Haus bringen.«

»Ja — ja,« stieß sie scheu hervor, während sie sich an ihn drängte: »O komm bloß, ich will mit dir.«

Er ließ ihr keine Zeit zur Besinnung, bevor sie es selbst recht bemerkte, hatte er sie aus dem tabakdurchqualmten Saal geleitet und führte sie nun durch die stockfinstere Nacht.

»O Lining,« murmelte er nur einmal mit tiefem Kummer, »was hast du gemacht?«

Hastig atmete sie auf. »Ich weiß auch nicht,« brachte sie dumpf hervor, aber dann setzte sie halb voll Angst hinzu: »Aber ich glaub', es kommt davon, weil ich so wenig gelernt hab'.«

»Ja, ja, das mit dem Lernen,« stimmte Hann beklommen bei.

Er dachte immerfort daran, wie sein feiner Bruder, der doch morgen in die Welt sollte, und dies kleine Mädchen zusammen getanzt hatten, getanzt, während der alte Lotse in seiner Grube kaum kalt geworden.

Das war greulich.

Aber er sprach darüber kein Wort. Etwas Unbestimmtes, Ängstliches hielt ihn von der Schwester fern.

Endlich waren sie an der Seite des murmelnden Flusses bis vor die Tür des Lotsenhäuschens geschlichen.

»Hann,« begann Line hier, der das Schweigen Pein verursachte, »wacht Mutter noch?«

Er schüttelte das Haupt.

»Bist du allein auf?«

Er nickte.

»O Hann« — sie drängte sich in ihrer schmeichelnden Art an ihn — »sprich doch mit mir — ich will's ja nie wieder tun, hörst du? — aber sprich mit mir.«

Wieder schüttelte er das plumpe Haupt. Ihm war so trostlos zumut, daß ihm keine Worte einfielen. Da wurde die bohrende Verzweiflung in Lines Brust übermächtig, heftig sprang sie an dem Jungen in die Höhe und drückte ihm einen heißen, bittenden Kuß auf den breiten Mund. »Ich will's ja nie wieder tun,« hauchte sie dazu, »ganz gewiß, nie wieder — aber sag hier zu Haus nichts davon, hörst du? — sag kein Wort.«

Noch stand sie einen Augenblick vor ihm. Durch die tiefe Nacht glaubte er das Weiße ihrer Augen zu erkennen. Dann hörte er etwas über die Treppe huschen, und über die Stelle, wo sie gestanden, säuselte der Nachtwind.

Es war stockfinster und Hann auf der Landstraße allein.

Da senkte der dumme Junge langsam den Kopf in seine groben Hände und begann unhörbar vor sich hinzuschluchzen.


XI

Zur selben Zeit saß Line im Hemd auf ihrem Bette.

Die nackten Füße ließ sie hinabhängen, die Hände hielt sie auf dem Schoß krampfhaft ineinandergefaltet, und so bohrte sie ihren Blick unverrückbar auf die nahe Bretterwand des Verschlages, als wäre dort in der Schwärze irgendeine helle Stelle und sie vermöchte auf ihr etwas Merkwürdiges zu erspähen. Sie fror nicht, sie zitterte nicht, aufgerichtet und mäuschenstill hockte sie, und alle ihre Gedanken schienen sich wie Pfeile in ein einziges Ziel einzuspießen.

Endlich seufzte sie tief auf, griff nach dem Stuhl, auf dem ein Lichtstümpfchen stand, und entzündete es. Behutsam hielt sie die Hand vor das Flämmchen, so daß ihre Finger wie in Blut getaucht erschienen, und schlich dann verstohlen mit ihren nackten Füßen in die Ecke hinter dem Bett, in der eine ehemalige Zuckerkiste stand.

In diesem Behälter wühlte Line heftig herum. Bald holte sie ein paar alte Bücher und einige vollgeschriebene Schreibhefte heraus, bald blätterte sie emsig in einem zerrissenen Volksschulatlas, immer erregt dazu murmelnd und buchstabierend. Zum Schluß band sie um alles einen Bindfaden und schlug leicht mit der Faust auf das Päckchen, als hätte sie einen festen Entschluß gefaßt.

Den Atlas aber behielt sie bei sich, eng an den Leib gedrückt. Und als sie ins Bett huschte, legte sie die verstreuten Blätter erst sorgfältig unter ihr Kopfkissen.

Licht aus.

Still lag sie da, lang ausgestreckt, die großen Augen weit offen, nur ihre regelmäßigen Atemzüge verrieten, daß sie lebe.

*     *     *

»Das ist ein ekliger Qualm,« hustete Siebenbrod und spie ein paarmal aus, »pfui Deibel.«

»Ja, das is, wie wenn Satans Großmutter verbrannte Milch auf die Erde gießt,« brummte oll Kusemann, dessen Konturen ebenfalls zuweilen durch den weißen Brodem sichtbar wurden. Manchmal schien es auch, als tanzten die Köpfe von Malljohann und Frau Dörthe Petersen um ein paar Pferdeschnauzen herum, doch alles verschwand gleich wieder hinter dem feuchten, bleiernen Linnen.

Da brummten Glockenschläge aus der Höhe, und durch die Nebel ging ein Zittern.

Acht Uhr.

Die Equipagenpferde des Konsuls wieherten laut und durchdringend.

»Mudding — nu mach fix,« mahnte Siebenbrod. »Nu mußt du die Hände von Bruno und Paulen loslassen.«

Doch die kleine, stille Frau konnte sich noch nicht trennen. Immer wieder griff sie nach den Fingern ihrer beiden Ältesten, die nebeneinander auf dem leichten Korbwagen saßen, und nur die milchigen Gespinste verhinderten, daß nicht alle bemerkten, wie dicke, schwere Tränen über die Wangen der Witwe rollten.

»Mudding,« drängte Siebenbrod, »die Pferde friert.«

»Wo ist Hann?« fragte des Studenten harte Stimme.

»Und wo Lining?« beeiferte sich oll Kusemann ironisch hinzuzusetzen.

Zur Seite des Wagens, dicht unter dem Bollwerk knirschte etwas. Dort hatte Hann bis jetzt in seinem festgebundenen Boot gesessen und schwerfällig in sich hineingesonnen. Viel, viel lieber wäre er hinter der dicken Nebelwand versteckt geblieben, als jetzt seinem Bruder Bruno die Hand zu reichen, gegen den er seit gestern so Schweres auf dem Herzen trug. Doch auf den Ruf des Theologen trottete er folgsam heran.

»Adieu, Hann,« sagte der Student, während er ihm rasch über das Haar fuhr, »achte auf das Grab von Vater — versprich mir das.«

»Ja, ja — Pauling,« heulte Hann los.

»Adieu, Hann,« verabschiedete sich jetzt auch der andere, »bleib gesund und besuch mich bald mal — hörst du?« Er reichte ihm zögernd die Hände.

Der Schifferjunge drückte sie aus Leibeskräften. In seiner Rührung hatte er längst den Groll vergessen. »Bleib immer gut zu Weg, Bruno — immer gut zu Wege.«

»Du auch.«

»Aber wo ist Line?« schrie oll Kusemann dazwischen, der seine Tänzerin durchaus dabei haben wollte.

Keiner wußte es.

Nur Malljohann, der zuweilen etwas sah, was kein anderer bemerkte, stand unaufhörlich in seiner schlotternden Haltung da und glotzte schweigend und mit dem breiten Maul merkwürdige Kaubewegungen ausführend nach dem kleinen, kreisrunden Giebelfenster. Und je mehr die andern riefen, und je lauter sie sich wunderten, desto deutlicher erkannte Malljohann mit grinsendem Behagen, wie dort oben aus dem dunklen Kreise der Kinderkopf unbeweglich durch die Milchnebel hindurchsah.

»Hüh!« rief der Kutscher.

Die Peitsche knallte, die Pferde zogen an, laut knackten die Räder in dem feuchten Lehmboden.

»Adschö, meine lieben Kinder,« rief die Mutter mit erhöhter Stimme.

In einer Sekunde hatte das weiße Nichts das Gefährt verschlungen. Das Rollen allein tönte noch heraus und nach diesem sich verlierenden Geräusch bog Line weit, weit den schlanken Leib aus der Bodenluke, bis sie fast auf den qualmenden Kissen zu ruhen schien. Die Hand warf sich vor, ihre Finger bogen sich, als wollte sie nach etwas Verlorenem greifen.

Alle gingen sie darauf ihren gewohnten Tagesbeschäftigungen nach. Malljohann spielte die Handharmonika, oll Kusemann verzog sich in die Wärterhütte, Siebenbrod flickte in der Küche an einem Segel, und Hann saß mit dumpfem Kopf und schweren Gedanken in seinem verankerten Boot, wo er ein Brettchen an eine der Schiffsrippen zu schlagen hatte.

Über alle aber warf der Nebel seine dichten wallenden Decken. So kam es auch, daß niemand wahrnahm, wie Line mit dem Bündel, das sie in der Nacht verschnürt, vorsichtig aus dem Hause witschte.

Geradeswegs ging sie in das Pfarrhaus, das neben dem Kirchhof lag. Und als der geschäftige winzige Pastor, der gerade mit seiner korpulenten Frau auf dem rot gepflasterten Flur damit beschäftigt war, ein Fäßchen Malaga abzuziehen, als der muntere, weinlustige Herr ihr vergnügt die Haare kraute und sich nach ihrem Begehren erkundigte, da streckte sie ihm wortlos, jedoch mit einer wilden Bewegung und klopfendem Herzen, das Bündel Bücher entgegen.

»Ich will was lernen.«

»Hm,« murmelte der Pastor und sah verdutzt von der Kleinen auf den Käse, den er gerade zum Abprobieren in der Hand hielt, »ach so — ja, ja — hm, hm.«

Und dann reichte er ihr auf jeden Fall ein Glas von dem goldbraunen, spiegelnden Malaga.

Ende des ersten Buches