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Hann Klüth: Roman cover

Hann Klüth: Roman

Chapter 19: II
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About This Book

Set in a coastal fishing village, the narrative centers on an ailing pilot whose decline is observed by his household and neighbors; through interwoven domestic vignettes it traces the daily work, gossip, superstitions, and mutual care of sailors, women, children, and visiting tradespeople. The story follows family obligations, poverty, and community responses to illness and hardship while evoking the rhythms of maritime life and generational change; scenes move between the pilot's cramped room, boats, and quays, revealing characters' resilience, tenderness, and local folklore.


Zweites Buch
»Frau Welt«


I

Ich zweifle, ob ihr wißt, daß es noch Götter auf der Welt gibt. Aber ihr könnt es glauben, es ist so.

Mein Vetter Walter, der Student in Leipzig, hat dort eine Schenkmamsell entdeckt, die ihm vertraulich gestanden, daß sie in Wahrheit die alte Venus sei. Und als er ihr allerlei Bedenklichkeiten ausdrückte, da hat sie ihm einfach ihren Knaben gezeigt, einen kleinen, dreijährigen Strolch, der richtig mit einem Flitzbogen den Passanten des Salzgäßchens die Hüte vom Kopfe schoß.

Daraufhin hat der Vetter Walter alles eingesehen und sich über die Bekanntschaft sehr gefreut.

Dieses steht fest, das hat er mir eigenhändig geschrieben. Einen anderen, sehr interessanten Gott hab' ich selbst gekannt. Ich weiß nicht, ob er noch lebt. Aber als ich noch nicht seßhaft war, da habe ich ihn zwischen Greifswald und Moorluke getroffen, darauf will ich einen Eid leisten.

Ein Jahr war gerade im Abtröpfeln, ein Jahr, das ich wieder damit hingebracht, gesunde Glieder und eine warme Brust an den Dornen und Hecken wund zu reißen, hinter denen im Schlosse Phantasia das deutsche Dornröschen schlummert. Aber als des Jahres letzte Henkerstündlein schlugen, da hatte ich genug, da machte ich den Berliner Herren und Damen meine Verbeugung, packte mich in einen Eilzug und stand ein paar Stunden später auf einem dick verschneiten, abenddämmerigen Felde, über das ein Weg nach Moorluke führen sollte. Doch der Pfad mußte eine Frühlingssage bilden. Jetzt war er längst versunken. Inzwischen brach die Nacht ein — es war Silvester 1896 — ringsherum wirbelte dicker Schnee, über die toten Felder heulte der Wind, und das Eis unter meinen Tritten stöhnte und ächzte, als ob die Erde in ihrem Winterschlaf schwer träume, — da — täuschte ich mich? Nein, es knarrte aus der Schwärze ein langer ungefüger Wagen heran, ein Pferd wieherte, ein merkwürdiges rotes Licht zuckte auf, und gleich darauf wollten zwei mächtige Schimmel ihr Fuhrwerk an mir vorüberziehen. Da rief ich sie an: »Heda!«

Vorn auf dem hohen Bock regte sich etwas. Eine vermummte Gestalt im weißen Schafpelz, die eine Tüte mit einem Licht darin in der Hand hielt, leuchtete mir ins Gesicht.

»Fährst du schon lange, Alter?« fragte ich hinauf.

»Lange,« antwortete eine trockene, hüstelnde Stimme.

»Wohin?«

»Gradeaus.«

Das klang merkwürdig, und halb ohne Überlegung fragte ich, ob ich mit nach Moorluke fahren könne?

Der Schafpelz rückte wortlos zur Seite, und nachdem ich neben ihm Platz genommen, warf ich einen Blick hinter mich, um mich zu erkundigen, was der Alte für Ladung führe.

»Dung.«

Wieder beschlich mich ein seltsames Gefühl, aber wie ward mir erst, als jetzt beim Schein des Tütenlichtes der Mistkutscher mir sein Antlitz zukehrte. Aus tausend eingekerbten Furchen tränten zwei müde, schwarze Augen heraus, und bis unter die dürre ragende Hakennase über den zahnlosen Mund hinweg buschte sich ein verworrener, zottelweißer Bart, der sich erst unter dem Schnee, welcher den Schafpelz bedeckte, verlor. Der Mann war unbestimmbar alt. Und plötzlich überkam mich die schreckhafte Erinnerung, wie mein Freund, der Professor Asmus in Greifswald, welcher über seinem eigenen Werk »Die immanente Philosophie der Menschheit« verrückt geworden sein sollte, in einer geistreichen Spekulation nachgewiesen, daß sich zwischen Moorluke und der Stadt ein alter Mistkutscher herumtriebe, der jedoch in Wahrheit ein verschollener Gott wäre und eigentlich Chronos hieße.

»Chronos!« rief ich unwillkürlich laut heraus.

»Wat?« keuchte mein Gefährte und bewegte sein Licht.

Es war kein Zweifel, »oll Chronos«, der wiedergefundene Gott meines armen Freundes Asmus, saß neben mir. Eine Zeitlang blieb es still zwischen uns beiden. Geräuschvoll knirschte der Wagen durch den tiefen Schnee; der Alte hockte vor sich hin und hielt nur zuweilen in dürrer Hand seine Tüte in die Höhe, als ob er den Weg beleuchten wolle. Dann faßte ich mir ein Herz und fragte, ob er meine Freunde in Moorluke kenne, Hann und Line, oll Kusemann und die andern.

»Flocken,« murrte der Alte in sich hinein.

»Wie, oll Chronos?« forschte ich immer verwirrter.

»Was ist das für ein Nam'?« lachte der Mistkutscher so halb verächtlich und schlug mit der welken Hand in das Schneegewimmel, in das die leuchtende Tüte einen roten Lichtkreis warf. Und nachdem ihm ein neuer Hustenanfall beinah alle Glieder verkrümmt, keuchte er etwa folgendes hervor:


II

»Hör! Menschens! — Menschens — Wat sind Menschens? Auf die kommt es gar nicht an! Menschens sind dasselbe, was ich hier fahre. Dung. Sie blühen und sie verfaulen und werden Mist und machen wieder andere blühen! Ohne daß sie dat wissen, und ohne daß sie es wollen. In dem Dung, siehst du, liegt allein die Kraft dazu. Aberst wie sie dahinein kommt, das ist das Geheimnis. Aber eins bleibt merkwürdig. Die richtige Kraft steckt doch nur in dem Alleröbersten und in dem Alleruntersten. Der Mist treibt, und die Blüte oben, die zeugt, — was dazwischen liegt, Jünging, das wird Grummet und Spreu. Aber laß man, eins macht mich doch vor allen Dingen stolz, kuck, in diesen meinen Wagen hier kehrt doch zur Zeit alles zurück, was jetzt wer weiß wie weit verstreut liegt. Ich fahr mal die ganze Welt spazieren. Verstehst du das?«

»Hm,« murmelte ich.

»Du bist doch ein rechter Dummerjahn,« brummte der Alte. »Ihr seid überhaupt alle recht dämlich und bildet euch zuviel ein. Wozu fragst du nun nach Line und Hann, und Bruno und oll Kusemann, nach Siebenbrod und die anderen? Das kommt, weil ihr immer glaubt, jeder lebe nach seinem eigenen Kopf. Prost Mahlzeit, das haben euch bloß eure Büchermacher eingeredet, in Wahrheit verhält es sich ganz anders. Ich will es dir sagen, die Hauptsache sind die Jahren, — verstehst du das?«

»O ja,« versetzte ich bekümmert, obwohl es mir merkwürdig im Kopf summte, denn das Schneetreiben wurde so arg, daß mir die Ohren schon halb verstopft lagen und ich nur noch undeutlich vernahm, wie der Alte müde die Peitsche schwang.

»Also du verstehst mir, mein Jünging,« fuhr er fort, — »hüh, denn man weiter. Ja, also die Jahren bleiben die Hauptsache. Die Jahren kommen einfach zu die Menschens heran und holen sie ab. Zu allerlei Taten. Ob das Menschenkind will oder nicht, das is ganz gleich. Die Jahren wollen. Die sind nun eingeteilt, wie beim Kommiß die Soldaten. Weißt du, welche zuerst kommen?«

»Nein.«

»Zuerst kommen die Traumjahren.«

»Wie meinst du das, oll Chronos?«

Der Alte schüttelte das Haupt, als ob er den Namen nicht gern höre, dann fuhr er fort: »Na, also, die Spiel- oder Einbildungsjahren. Die laufen dir wie die lütten Kinder die Musikusse voran und hantieren dir mit Sonne, Mond und Sternen, ja, sogar mit dem lieben Gott selbst, als ob das Puppen wären. Aber dafür sind die Jahre auch die glücklichsten, denn eine Einbildung macht immer glücklich. — Begreifst du mir?«

Ich nickte. Mein Atem dampfte in dem Schneegewimmel. Es war bitterlich kalt.

Der Gott kroch tiefer in seinen Schafpelz.

»Siehst du,« hustete er, »die Einbildungsjahren hatten Hann und Line grade abgeholt, als du sie kanntest. Nu is das auch schon sieben Jahre her. — Nachher kommen dann die Lehrjahren. Die marschieren am besten, denn die werfen die Beine gewissermaßen noch so unter dem Kommando. Eins — zwei — eins — zwei. Da klappt noch alles. Sieh, bei Line und Hann freilich, da ging das damit schnurrig zu. Was sie war, die Dirn, die hatte den richtigen Heißhunger und auch den Kopf dazu. So kam es denn, daß der spaßige Pastor Witt, den sie damals darum bat, und der das Ding auch gern leiden mochte, ihr eine ganze Menge beigebracht hat. Natürlich alles man so im Vorbeigehn, verstehst du, aber sie weiß doch nun überall Bescheid, von dem alten Fritz und Luthern, und lauter solche Leute; und daß die Erde sich im Kreis rum küseln soll, worüber ich aber lache. —«

»Und Hann?«

»Je, mit dem stand das anders. Als der arme Jung so mit ansehn mußte, wie die Dirn zu Pasters lief, und was sie da alles hörte, und wie sie immer feiner wurde und beinah ein Fräulein, da setzte er sich das in den Kopf, Pastor Witt müßt ihm auch helfen. Dadurch betrieb er die Fischerei leider man recht nachlässig, saß ganze Nächt' in dem Boot wie im Traum da und hat von Siebenbrod, der allmählich ein recht geiziger Filz geworden ist, und der immer nur das Wort im Mund führt »sparen, sparen«, manchmal erbärmliche Hiebe mit dem Tauende bekommen. Aber glaubst du wohl, daß das was nützte? Nicht einen Happen. Der Jung wurd' bloß immer stiller und in sich gekehrter, und eines Sonntags, als er in der Kirche die Predigt mit angehört hatte und sie zu Ende war und der muntere Pastor Witt in die Sakristei ging, wo Küster Bollentin immer mit einem Glas Wein auf ihn warten muß, da ging er ihm nach. Und da stand er nun vor ihm und drehte an seiner Mütze und sagte endlich: >Herr Paster,< fragte er, >is es wahr, was Line sagt, daß sich die Erde dreht?<

»>Ja,< meinte Pastor Witt ein bißchen verwundert, >das hat sie so an sich.<

»Da fragte Hann weiter: >Herr Paster, wie muß ich das anstellen, daß ich von dem Drehen auch was merken tu'?<

»Da hat nun Pastor Witt recht laut und herzlich aufgelacht, was ich sehr unrecht von ihm find', und hat zu Küster Bollentin gesagt: >Kuck Er sich eins den Jungen an. Das ist ein Philosoph.< Und nachher hat er ihm so behaglich auf dem Kopf herumgetätschelt und hinzugefügt: >Hör eins, mein Jünging, ich will dir was sagen, das Drehen kannst du auf dreierlei Arten merken. Erstens, wenn du später auf einen Tanzboden gehst. Oder zweitens, wenn du mir mal helfen wolltest, wenn ich grad meinen Malagawein abzieh' — was? Küster Bollentin, dann merkt man's. — Und am allerbesten, sobald du dich mal in ein recht gelehrtes, unverständliches Buch vertiefst. Sieh, wenn du da nicht die Drähnung kriegst, dann hast du keine Anlage dazu. Aber laß man, ich mach bloß Spaß.<

»>Herr Paster,< hat nun Hann gerufen, und die Tränen traten dem Lümmel in die Augen, und er hielt den geistlichen Herrn ordentlich an seinem Talar fest, >darf ich nicht auch mal mitkommen, wenn Sie Line solche Bücher zeigen?<

»>Ja, warum nicht?< meinte Pastor Witt und kratzte sich ein bißchen verlegen im Haar. >Aber wozu willst du das?<

»>Oh, Herr Paster,< schluchzte Hann, >damit Line nicht so stolz wird, und damit ich wieder mit ihr sprechen kann, so wie früher.< Und dabei schüttelte es ihn durch alle Glieder.

»Sieh, da wurd' der dicke kleine Herr Pastor ganz stutzig und trat zurück und kuckte sich den heulenden Jungen aufmerksam von allen Seiten an und sagte endlich zu dem Küster, aber ganz leise: >Bollentin, weiß Er, was ein Roman is? — Ja? — Na also, hier steckt einer.< Und dann gab er Hann kurz die Erlaubnis und schob ihn sacht zur Sakristei hinaus.«

Hier machte der Mistkutscher eine Pause und horchte über das knackende Feld, über das ein merkwürdig hallender Ton hinwegzog. »Hörst du?« keuchte er und schlug, lang ausholend, auf seine beiden Schimmel ein. »Dort drüben meldet sich all die Dorfuhr. Es ist dreiviertel auf zwölf, und Silvester muß ich an Ort und Stelle sein, — hüh.«

Mit einem Ruck zogen die beiden Gäule stärker an, und der Dampf, der aus ihren Nüstern quoll, umlagerte uns wie eine schwebende Wolke. Rechts und links tauchten jetzt große Schneemassen auf, aus denen Lichter blickten. Das waren aber nur versunkene Häuschen, die aus ihrem Daunenbett herauslugten.

Oll Chronos wies mit seiner Peitsche auf sie: »Da drin brennen sie nun die Tannenbäume vom Weihnachtsabend ab. Ja, ja — allens hat seine Zeit. Anzünden und Auslöschen.«

Inzwischen erreichten wir den Fluß. Scharf fegte hier der Wind über die vereiste Bahn, und unten am Abhang heulte etwas, was wie der Folterschrei eines bösen Geistes klang.

Der Alte lachte: »Das is ein Fuchs,« murmelte er, »graul' dir nicht — das Biest hat Hunger.«

Erst als wir die große Biegung hinter uns hatten, wagte ich von neuem an meinen Gefährten die Frage, ob Hann bei Pastor Witt nun wirklich ein Philosoph geworden wäre.

»Je.« Der Alte wiegte den Kopf und schüttelte sich ein wenig, um sich die Flocken abzustäuben: »I, was denkst du? Daraus wurd' ja nichts. Der Paster merkte ja gleich, daß mit richtige Bücher bei Hann nichts auszurichten wäre. Und darin geb' ich ihm auch Beifall. Denn sieh, als der Herr Paster das vortrug, was sie so Schöpfungsgeschichte nennen tun, da wollte Hann davon nichts wissen und kam so beiläufig damit heraus, die Schöpfungsgeschichte hätte einen Fehler. Nu nimm bloß mal an, einen Fehler, sagte der Bengel.«

»Na, und was gab der Herr Pastor hierauf zur Antwort?«

»I, der sah sich zuerst ganz düsig in der Stub' um und kuckte auf Line, die auch ganz rot vor Ärger dasaß, und fragte endlich bloß >wieso?< Na, und was glaubst du nu woll, womit der Lümmel zu Raum kam? — Es hatte sogar ordentlich einen Sinn: >Herr Paster, sagen Sie mich mal,< fing er an, >die Pferde arbeiten den ganzen Tag, und die Kühe geben Milch, und von den Schafen schert man Wolle; und dafür, daß sie das all tun, da haben die armen Kreturen keine Seele bekommen und sind doch auch etwas Lebendiges; aber der Mensch, der sie totschlägt und auffrißt, der hat eine. Herr Paster, ist das auch Güte?< Sieh, da wußt nu Paster Witt nichts drauf zu antworten, und sah bloß in sein Buch und machte den Finger naß und schlug heftig eine Seite nach der andern um, bis er endlich verdrießlich vorbrachte, daß sich über so was ein richtiger Christenmensch keine Gedanken zu machen habe.«

»Ein höllischer Jung,« warf ich dazwischen.

»Ja, Menschenkind, das meinst du woll,« sagte der Gott, »aber als sie nun in der biblischen Religion so allmählich bis zu die Geschicht' von Adam und Eva'n und den Sündenfall vorgerückt waren, sieh, da wollte Hann wieder durchaus nicht mit, indem er verstockt den Kopf schüttelte, so daß sich der kleine Paster jetzt schon ganz ungeduldig danach erkundigte, was denn nu all wieder los wäre. — Und daraufhin packte Hann seine dummen Gedanken in der Art aus, daß er sagte: >Herr Paster, nehmens nicht übel, die Geschichte mit der Rippe von Adamen, und daß daraus Eva geworden, das haben sich die Pastoren wohl bloß eingebildet, denn der Mann hat dabei nichts zu suchen, wir stammen alle von die Frauensleut ab.< Und weil der Bengel dabei nicht merkte, wie der Paster hier ganz erschrocken auf die kleine Line hinblickte, setzte er noch hinzu: >Und bei die Tiere ist das grad so! — Ich war erst neulich dabei, wie Nachbar Piepern seine weiße Kuh ein lüttes Kalb geworfen hat.<

»>Junge,< rief hier der geistliche Herr und stand heftig auf, indem er ihn derb zurechtweisen wollte, aber Hann war noch nicht fertig und fügte noch rasch bei: >Und, Herr Paster, wenn sie auch Adamen und Eva'n aus dem schönen Paradies rausgetrieben haben, wie kommt es, daß wir andern nicht wieder rein können? — Wir haben ja doch keine Äpfel gegessen? Ich mag überhaupt keine Äpfeln, ich ess' Plummen viel lieber. Und denn, Herr Paster, wegen so'n einzigen Appel. — Bei Schullehrer Tollen hängen lauter Äpfeln über den Zaun, und das sind noch dazu Rinetten; aber Herr Toll tut so, als ob er das Mausen von die Schulkinder gar nicht merke, und is doch man en Schullehrer und noch lange nich der liebe Gott.<«

»Ein ganz niederträchtiger Kujohn,« warf ich darein.

»Ja, das meinst du woll,« knurrte der Mistkutscher behaglich und wackelte mit dem Kopf.

»Na, und was wurd' nu draus?«

»Ja, das kannst du dir nicht denken. — Das kam anders, als mit Petrus und Paulussen. Gib Achtung. Zuerst saß der kleine Herr Pastor da und war ganz rot im Gesicht, und man wußte nicht, ob er ärgerlich war, oder ob er lachen wollt. Dann stand er auf und ging mehrmals in der Stub auf und ab, und endlich gab er Hann die Hand und forderte ihn auf, er möchte eins mit ihm mitkommen. Da standen sie nu beide draußen vor dem Pastorhaus, und es war so ein recht stiller, frischer Vorfrühlingstag; an allen Bäumen lag noch fußhoch der Schnee, und die Birken an dem Kirchhof trieben doch bereits ihren ersten grünen Schuß in die Höhe. Da sagte der geistliche Herr und strich Hann dabei gütig über die Backens: >So, mein Jung, nun kann ich dich nicht mehr länger unterrichten. Du gehörst zu ganz andern Lehrern.< Und als Hann mit großen Augen fragte, was das für welche wären, da zeigte Pastor Witt so unbestimmt umher, bald auf die liebe Sonn' und bald auf den Fluß, ja wahrhaftig sogar auf Coeur, seinen schwarzen Pudel, und erklärte endlich: >Ja, die mein' ich. Die können dir viel mehr sagen als ich. Und die verstehst du auch besser. So, mein Jünging, und nun laß dir von meiner Frau noch eine Pflaumenmusstulle geben. Und damit Gott befohlen und Adschö.<«

Als oll Chronos bis hierhin erzählt, krümmte er sich unter der Last des Schnees zusammen und schien in seine eigenen Gedanken versinken zu wollen. Wenigstens lallte er unverständliche Worte vor sich hin und hob öfter schief das Haupt gegen den eisigen Wind, wie wenn er lausche.

Von vorn kam dem Wagen eine dunkle Gestalt entgegen; die rief uns durch Nacht und Schneetreiben etwas zu:

»Prost Neujahr!«

Allein der Rosselenker schüttelte mißmutig den Kopf: »Is noch nich soweit, das weiß ich besser.«

Wir fuhren fürbaß. Die Tüte leuchtete matter und matter, das Licht zuckte im Verenden. Der Alte holte aus der Tasche ein neues hervor und besah es sich. »Wieder ein anderes,« murmelte er, »wird auch nicht besser brennen.« Mir aber war vor dem Mistkutscher jede Scheu so gewichen, daß er mir gar nicht mehr gespenstisch erschien. Und als die ersten Lichter von Moorluke vor uns aufblinkten, da hatte ich so ziemlich alles aus ihm herausgefragt.

Hann ist in den sieben Jahren ein Träumer geblieben. Das, was er nicht gelernt hat, und worauf er nun überall selbst kommt, das steckt ihm schwer in den Knochen, das hat ihn ungelenk und ungenießbar gemacht. Siebenbrod verwendet ihn meistens dazu, die Fremden auf dem Bodden spazieren zu fahren. Zu etwas anderem ist er nicht recht zu gebrauchen.

»Aber Line?«

»Ja, die is nu all seit zwei Jahren bei einer Cousine von Hollander in der Stadt. Dewitz, glaub' ich, heißt das olle Fräulein. Bei die ist sie ja woll so ein Stück Gesellschafterin, und die Alte soll ihr ja noch immer weiter unterrichten und hellisch fein machen.«

»Line muß doch bildschön geworden sein?«

»Schön?« Der Alte begann zu kauen und grinste. »Je, darin seid ihr alle ja so furchtbar dumm. Sie ist in den Brunstjahren.«

Hier unterbrach ich den Alten und fragte nach Bruno.

Der arbeitete bereits seit drei Jahren in einer Filiale des Konsuls in Hamburg. Aber jetzt mit dem neuen Jahr sollte er zurückkommen. »Das is en pikfeiner Bengel geworden. Mit Prinz-Albert-Rock und weite Hosen und braune Glacés!«

»Und Paul?«

Chronos schüttelte sich. Die Art mochte er nicht leiden. Der Kandidat hatte sich richtig mit Privatstunden durchs Examen gehungert. Von keinem hatte er etwas angenommen. Jetzt harrte er der Anstellung. »Ein richtiger Schwarzrock,« knurrte der Mistkutscher.

»Achtung!«

Wir kamen über die Moorluker Brücke. Und plötzlich legte mir der alte Gott seinen Arm um den Hals, daß eine niegefühlte Kälte durch meine Brust schnitt, und flüsterte mir ins Ohr, als gälte es ein Geheimnis: »Jünging, die Brunstjahren, vor die hüt dir, das sind die stärksten, da hab' ich meinen meisten Spaß dran. — Dann kommen die Schaffensjahren, und ganz zuletzt, zu allerletzt die Wartejahren. Weißt du, was die sind? Dann is es richtiger Winter, und ich komm' wieder angefahren und hol' dich ab, aber dahinten — kuck, hier.«

Er zeigte auf seine Ladung.

Ein Windzug löschte das Licht aus. Bim — bum hallte es verschlafen vom Moorluker Kirchturm.

»Zwölf,« sprach der Alte aus der Dunkelheit.

Wir hielten vor oll Kusemanns hell erleuchtetem Häuschen. Der Lügenlotse selbst stand im Hausflur, in der einen Hand hielt er seine Laterne hoch in die Nacht und schwang in der andern ein Bowlenglas: »Jünging, Jünging, Prost Neujahr — Prost Neujahr — komm rein, hier drin bei mir sitzen alle Professoren von der Universität. Und dich kann Alwining auf ihren Schoß nehmen, ich erlaub's.«

»Steig ab,« forderte der alte Gott.

»Und du?« fragte ich, nachdem ich herabgeklettert.

»Na, ich fahr noch ein Stück.«

Er trank ein Glas Bowle, das ihm oll Kusemann heraufreichte, entzündete an der Laterne des Lotsen sein neues Licht, und bald sah ich, wie der Wagen um die nächste Ecke bog.

Der Alte knallte mit der Peitsche.


III

»Die Hyazinthen blühen,« rief Line, während sie an dem dick vereisten Fenster die Gläser mit den aufbrechenden Knollen zurechtrückte: »Sehn Sie bloß, Fräulein, die letzte ist auch rot geworden. Jetzt haben wir nur rote und weiße.«

Es war Neujahrsmorgen.

In dem gemütlichen Stübchen lag heller Wintersonnenschein. Alles prangte in dem Altjungferzimmer von Sauberkeit; der braunlackierte Fußboden, die gelblackierten Korblehnstühle, der Mahagonitisch, welcher ebenfalls Lackglanz ausstrahlte, ja selbst die Fensterbretter redeten in ihrem weißen Schimmer davon, daß das alte Fräulein Dewitz die Eigentümlichkeit besaß, nach jedem Besuch den etwa entweihten Glanz ihres Schmuckkästchens durch eine allgemeine Lackierung wieder aufzufrischen.

Und nun erst die beiden Betten, die man nebenan aus dem Alkoven hervorschimmern sah. Es schien beinah unmöglich, daß sich an diesem schneeigen Weiß jemals Menschenhände vergriffen haben sollten.

Die allergrößte Sauberkeit jedoch, nein, förmlich eine Art Leuchtkraft der Reinlichkeit strahlte die Besitzerin dieser lackierten Räume selbst aus.

Da saß sie in ihrem Korblehnstuhl, in dessen gelbem Lack freundlich die Sonne widerglitzerte, trug eine blankgeputzte Brille auf dem Stumpfnäschen und las Neujahrsgratulationen, die auf ihrem Schoß unwillkürlich ein höheres Weiß angenommen hatten.

Lange murmelte sie so halblaut vor sich hin. Dann wurde sie gestört.

»Sehn Sie bloß, Fräulein,« rief Line noch einmal. »Diese schönen Farben und wie sie duften; das ganze Zimmer ist voll davon!«

»Du sollst nicht Fräulein sagen,« verwies die grauhaarige Dame und schüttelte zwei große Locken, die einen glatten Scheitel flankierten.

»Tante,« verbesserte sich Line.

»Gut — so klingt es liebevoller. — Zwar, wenn wir allein sind, dann höre ich es auch gern, wenn du mich >du< nennst. Vor Fremden freilich bleibt das >Sie< mehr am Platz. Denn bei der heutigen Jugend, meine ich, muß man auf Respekt halten. Das ist nötig.«

»Gewiß,« bestätigte Line, die gar nicht gehört hatte, jedoch der alten Dame nie widersprach. »Darin hast du ganz recht, Tante.«

»Ja, ja,« fuhr das gute Fräulein fort und befeuchtete sich ihre Unterlippe, was sie wohl in ihren langen Dienstjahren als Handarbeitslehrerin angenommen, »du bist nun die letzte, die ich erziehe. Gott ja, wenn ich so zurückdenke, — und am Neujahrsmorgen kommt einem das so unwillkürlich — dreißig Jahre hab' ich all die kleinen Mädchen vor mir sitzen gesehn und habe sie nähen, stricken und sticken gelehrt — jede hatte ihren eigenen Knäuel, den sie bei mir kaufen mußte — und ich rechnete genau dasselbe dafür, was er mich selbst kostete. — Lieber Gott, es ist wahr, manche stellte sich gar zu ungeschickt an; aber schließlich — lernen mußten sie es eben, denn damals wurde das nicht allein von der Familie, sondern auch vom Staat verlangt. — Ja, siehst du, mein Döchting, ich hab' oft darüber nachgedacht, damals legte man noch mehr Gewicht darauf, daß in den kleinen Dingern so allmählich eine rechte Stille und Ruhe groß würde, und dazu — das weiß ich gewiß — dazu war grade mein Fach so recht geeignet. Wenn sich die frischen Gesichter beim Häkeln herabbeugten und dabei zählen mußten: >Eins, zwei, drei — feste Masche — eins, zwei, drei — Stäbchen —,< siehst du, dann kam ordentlich etwas Hausmütterliches in sie hinein. Es war rührend anzusehn. Jetzt ist das alles anders.«

Das alte Fräulein seufzte ein wenig, befeuchtete die dicke Unterlippe mit der Zunge und vertiefte sich in einen neuen Brief, den sie eben entfaltet hatte.

Eine Zeitlang hörte man nichts als das Murmeln von Fräulein Dewitz und das frische Knacken der Holzklötze, die in dem blankgescheuerten, weißen Ofen lustig brannten.

Dann klang ein halbes Kichern durch den Raum, und Line, die noch immer abgewandt am Fenster lehnte, reckte ihre schlanke Gestalt.

»Lachtest du?« fragte das alte Fräulein, erstaunt von ihrem Briefe aufsehend.

»Bewahre,« beteuerte Line, während sie mit ihrem Finger ein kleines Guckloch in die Eisscheiben malte.

»Aber es klang doch so.«

»Ich habe nur gehustet,« versetzte das junge Mädchen ganz ruhig, indem sie jetzt bereits durch den kleinen Kreis auf die Straße hinausblinzelte.

»Ja, ja, du mußt dich vor Zugluft in acht nehmen,« ermahnte die Tante. »Vom Zuge kommen alle Krankheiten. Viele meiner älteren Bekannten tragen dagegen auch stets ein paar Katzenhaare in der Tasche.«

Wieder setzte sie das Murmeln fort, und so merkte die alte Dame nichts mehr davon, wie sich das Mädchen geschmeidig vorbeugte, wie durch die angespannten Glieder ein kurzes, unterdrücktes Lachen bebte, und daß sich über das Gesicht jener seltsame belebende Zug verbreitete, ein Aufstrahlen, das die Lehrerin nun schon seit Jahren als unbegreiflich bei dem sonst folgsamen Geschöpf zu unterdrücken bemüht war.

Auf der anderen Seite der Straße wanderte zur selben Zeit eine untersetzte stämmige Gestalt auf und ab, ungelenk, in blauer Düffelschifferkleidung, einen ungeheuren grauen Schal um den Hals, und bis unter die blaue Mütze mit Sommersprossen bedeckt, die auch im Winter nicht abblaßten. Unter beiden Armen aber trug die Gestalt je einen mächtigen Korb, deren Deckel sie ab und zu lüftete, um dann, nach einem Seitenblick auf das wohlbekannte Blumenfenster, rasch wieder beschämt vorüberzutraben.

Das war Hann Klüth, der gegen den Widerspruch des geizigen Siebenbrod alljährlich am Neujahrsmorgen eine hochgepackte Sendung Blut- und Leberwürste sowie zwei schneeweiße, lebende Gänse in diesen Körben zu Fräulein Dewitz beförderte. Allein jedesmal bedurfte es größerer Energie, um ihn das schmale Holztreppchen hinaufzubringen. Bei Fräulein Dewitz war alles so vornehm, und wenn das alte Fräulein ihn mit wohlwollender Herablassung in einen ihrer gelben Lehnstühle niedernötigte und Line ihn lachend fragte, ob er die Gänse auch selbst gestopft hätte, oder wann er wieder einen Hecht unter dem Eise stechen würde, dann empfand Hann stets eine Unbehaglichkeit, eine innere Erniedrigung, die er sich selbst nicht gern eingestehen wollte.

Warum Line ihn wohl so fragte? — Und weshalb sie stets die Lippen zu solch eigenartigem Lächeln verzog, so oft sie seiner ansichtig wurde? Ja, ja, es war richtig, sie war bei Fräulein Dewitz eine wirkliche junge Dame geworden, die auf dem Kapitänsball und bei dem Studentenball getanzt und sehr viel gelernt hatte, aber er — Hann Klüth — das wußten alle andern man nich — und dabei lachte er während des Hintrabens wehmütig-stolz auf das schneebedeckte Trottoir hinab — er war auch gar nicht so dumm geblieben. Ja, das ahnten sie man alle nich, wieviel er ebenfalls sich herausgeklüstert hatte, während der langen Boddenfahrten bei Tage und bei Nacht. Er hatte so seine eigene Ansicht über das meiste, was man sehen und denken konnte. Sie brauchte zwar nicht die richtige zu sein, das nicht; aber er hatte doch eine. Und das Denken, — das von eins auf zwei kommen, und von da in die großen Zahlen hinein, das war nun mal sein einziges Vergnügen. Das hatte er gegen all die Püffe von Siebenbrod und die Tränen von Mudding und mit alleiniger Unterstützung des Lügenlotsen oll Kusemann durchgesetzt.

»O je — nehmens nich übel,« stotterte Hann aus seinen Gedanken heraus und starrte erschrocken auf den schlanken Studenten mit der blauen Korpsmütze, mit dem er eben während seines Trotts zusammengestoßen war.

»Donnerwetter — Mensch — nehmen Sie sich doch in acht,« schnauzte der junge Herr aufgebracht, denn es war ihm sofort klar, daß Line, welcher er gegenüber wohnte und der er um diese Zeit stets eine kleine Fensterpromenade schnitt, das lächerliche Zusammenprallen mit diesem Bauerntölpel bemerkt haben müsse.

»Nehmens nich übel,« entschuldigte sich Hann noch einmal, »ich habe Ihnen nich gesehn.«

Doch der Musensohn mußte den armen Fischer erst noch etwas gründlicher seine Überlegenheit fühlen lassen: »Was geht mich das an?« schimpfte er fort, während sein brauner Neufundländer wütend gegen Hann zu knurren begann, »soll ich Ihnen vielleicht zuerst ausweichen?«

»Je, wenn Sie mich zuerst sehen?« meinte Hann ehrlich.

»Dummkopf Sie,« schrie der Student, der es in der »natürlichen« Philosophie noch nicht so weit gebracht hatte, »wenn Sie nicht solch ein Schafskopf von einem Esel wären — — —«

»Ich weiß woll, studiert hab' ich nich,« sprach Hann gelassen dagegen, und nachdenklich setzte er hinzu, »ich dacht' mich bloß, die offenbare Straße wäre für jedwereinen da, denn wozu wäre sie sonst so breit? Und wenn ein feiner Herr von einem gewöhnlichen Mann nicht gestoßen werden möcht', daß es dann besser wär', er ging' ihm aus dem Weg.«

Das war nun eine Probe des gewundenen Denkens, das Hann sich angewöhnt hatte, für das aber ein Lehrstuhl an der kleinen Universität noch nicht existierte. Sein Gegner warf ihm deshalb auch nur einen einzigen wütenden Blick zu, und in dem Bewußtsein, die Gattung des Korbträgers jetzt erst felsenfest fixieren zu können, rief er noch verächtlich: »Kamel,« und stürzte triumphierend davon.

»Je, wieso?« sprach Hann in sich hinein und sah dem blauen jungen Mann zweifelnd nach. »Ein Kamel, als wie sie es damals in der Menagerie hier zeigten, das is ja doch ein Vieh, wie sie es in den großen Wüsten zum Transport gebrauchen, und was ja auch, wie oll Kusemann sagt, einen natürlichen Wassersack haben soll. Warum sie nun aber wohl so einen nützlichen Tiernamen als Schimpfwort anwenden? Das möcht ich wissen. — Auch >Hund< und — —« Aber weiter kam er nicht in seinem Hinsinnen. Denn oben an dem Blumenfenster öffnete sich ein Flügel und eine helle Stimme rief halblaut herunter: »Hann!«

Der Schiffer zuckte zusammen.

Diese Stimme hatte noch immer für ihn etwas Weckendes, Alarmierendes. Allerdings in den langen Jahren, in denen er nun schon von Line getrennt lebte, hatte er längst eingesehen, daß der Abstand zwischen ihnen beiden ein unermeßlicher geworden. Sie, eine Stadtdame, die bei Konsul Hollander zu Tisch aß — und er, der Bootsmann von Siebenbrod, der für eine Mark die Studenten auf dem Bodden spazieren fuhr. — Ne, ne, die Zeiten, wo sie seine Braut war, wo oll Kusemann sie beide im Abendnebel getraut, und wo sie Hann vor Angst zitternd geküßt hatte, die waren vorüber. Für immer. Bloß das Drandenken, das blieb schön. Und das tat er auch. Ohne daß einer es ahnte. An den langen Winterabenden, wenn Mudding, Siebenbrod und er neben dem Herde in der Küche saßen und Netze flickten und der scharfe Fischgeruch sich mit dem Torfbrodem mischte, dann sann er und sann. Und wenn dann eine Möwe an der Mauer mit scharfem Flügelschlag vorüberstrich, dann glaubte er, die flinke, kleine Line husche wieder durchs Haus; und wenn er die Reiher auf dem Eise tanzen sah, dann dachte er daran, wie Line tanzen konnte. Auch an den Tanz in der Schenke, ein paar Wochen nachdem der Vater gestorben, mußte er sich erinnern. Ja, ja, wie hübsch ihre Röcke damals wirbelten — hm —

»Hann,« rief die helle Stimme noch einmal. Hann fuhr zum zweiten Male empor und begann sich heftig zu schämen. Richtig, jetzt hatten ihn die »verfluchtigen Gedankens«, die so oft über ihn kamen, jetzt hatten sie ihn auf offener Straße in ihre Gewalt bekommen, so fest, daß er beinah vergessen hatte, weswegen eigentlich die Körbe an seinen Armen hingen. Nun half es nicht länger, jetzt mußte er hinauf. Ohne den Blick zu erheben, lüftete er die Mütze vor Line und stieg die schmale, gewundene Holztreppe in die Höhe.

»Oh,« rief Fräulein Dewitz, nachdem er mit einem Kompliment die Körbe vor ihr niedergesetzt, »Lining, sieh her, ich glaube gar, das ist ein Geschenk für uns. Was das wohl sein mag?«

Line antwortete nicht. Mit ihrem leisen verhaltenen Lächeln stand sie noch immer am Fenster und sah mit an, wie Hann ungeschickt in den Korb griff, um eine der Gänse am Halse in die Höhe zu bringen.

»Ei der Tausend — eine Gans,« verwunderte sich Fräulein Dewitz, obwohl dieser Transport in ihrem Haushalt schon lange vorher berechnet war. Aber die gute alte Dame glaubte den Spendern durch ihr jedesmaliges Erstaunen eine Freude bereiten zu müssen. »Und was mag wohl in dem andern Korb sein?« fuhr sie fort und leckte sich im Vorgeschmack die Lippen. »Das sind doch nicht etwa — — —?«

»Ja, Madamming,« unterbrach Hann, »Würste.«

»Nein, wie aufmerksam,« lobte die Handarbeitslehrerin, und dann machte sie mit ihrer gepflegten weißen Hand eine einladende Bewegung, damit sich Hann in den Korbstuhl ihr gegenüber niederlassen möchte.

Allein das war der gefürchtete Moment. Hann blieb stehen, versuchte wieder eine Verbeugung und begann davon zu sprechen, daß heute Neujahr sei, und daß er herzlich gratuliere.

»Ich danke Ihnen — ich danke Ihnen aufrichtig, lieber Herr Klüth,« sprach die alte Dame wohlwollend und vollführte nochmals ihre Handbewegung, die Hann jedoch nur von neuem erröten ließ.

Und bei alledem stand Line und lächelte. Mit der linken Hand hatte sie nach dem oberen Riegel des Fensters gegriffen und lehnte den dunklen Kopf an den Arm. So bot sie ein hübsches, anmutiges Bild. Ein paarmal hatte Hann nach ihr hinübergeblinzelt, jetzt erst wagte er die Augen aufzuschlagen. Er erstaunte. Nein, was sah sie doch schlank und vornehm aus in dem enganliegenden blauen Tuchkleid. — Wie groß war sie geworden, wie hatte sie sich entwickelt.

»Gratulierst du mir nicht auch?« fragte sie ein bißchen gönnerhaft.

»Ja, Lining — dir auch,« brachte er hervor. Das »du« wollte ihm gar nicht recht aus der Kehle.

»Dann gib mir doch die Hand,« forderte sie, wobei das Lächeln nicht von ihrem Antlitz weichen wollte.

Da machte Hann einen Schritt vor, und als sie nicht näher trat, noch einmal einen und streckte zögernd den Arm nach ihr aus: »Da, Lining.«

Mit einem mutwilligen Ausruf griff sie zu, heftig seine Hand schüttelnd: »Wie geht es der Mutter?« forschte sie rasch.

»Oh, bis auf die Füße is sie noch ganz gut zu Weg.«

»Und Siebenbrod?«

»I, der hat ja kurz vor Neujahr drei Schweine zu unseren dazu gekauft. Wir haben ordentlich den Koben ausbauen müssen.«

Wieder tönte von den Lippen des Mädchens ein kurzer, spöttischer Ton.

Aber die alte Dame wies sie zurecht. Dabei wäre nichts zu spotten. Siebenbrod sei nur zu achten, weil er so sparsam sei und die Wirtschaft vermehre.

»Ja, gewiß Tante,« lenkte Line sofort ein, die die alte Dame einen Moment vergessen hatte, und dann fragte sie in ihrer Eilfertigkeit Hann weiter, wie es ihm selbst ginge.

»Oh, so weit ja ganz gut, Lining, bloß —«

Er stockte.

»Nun, was denn?«

»Ich muß mich nämlich nun zu den Soldaten stellen.«

»Du?«

Mit einer plötzlichen Bewegung steifte sie ihren Arm und drehte Hann dabei etwas herum, als wünsche sie den künftigen Krieger von allen Seiten zu betrachten.

»Nun, darauf freuen Sie sich wohl schon sehr?« warf die Tante dazwischen. »Es ist doch eine Ehre, dem Vaterlande zu dienen — wie?«

Aber Hann schüttelte den Kopf und sah bekümmert auf den Fußboden: »Ne, Madamming, das tu' ich nich!«

»Nicht?« riefen beide Frauen nun wie aus einem Munde.

Hann erschrak und schlug seine hellen Augen nieder. Er merkte, daß hier etwas vorginge, was ganz gegen die Ansichten des alten Fräuleins verstoßen mochte. Anstatt jedoch nun seine Gedanken klarzulegen, wie er sie so oft bei sich selbst gehegt, etwa in der Art: »Soldaten? — Ne — werden die nicht extra dazu angelernt, wie man andere Leute ihre Kinder totschießt? Und dann — wenn ich in meinem Schifferrock einen umbring', dann werd' ich geköpft — aber in solch blau und rotem Rock krieg' ich dafür noch einen Orden. Da stimmt doch etwas nicht?«

Statt all dieser guten Gedanken brachte er nur scheu hervor: »Nein, ich möcht' lieber nich unter die Soldaten.«

Das alte Fräulein erhob sich: »So?« versetzte sie kühl. »Das ist ja sonderbar — hm —« Und mit den Worten: »Ich will nun doch mal nach der Küche sehn,« ging sie mit ihren langen, ehrbaren Schritten hinaus.

Die beiden Kinder von Moorluke blieben allein. Langsam kauerte sich Line in den verlassenen Korblehnstuhl nieder, lehnte sich zurück und ließ ihre Stiefelspitzen leise gegeneinander klappen. Dann glitt wieder einer ihrer taxierenden Blicke über den ungelenken Besuch fort, und plötzlich lud sie ihn mit einer bestimmten Bewegung ein, ihr gegenüber Platz zu nehmen.

Hann wagte es nicht. Er behielt seine Mütze in der Hand und blinzelte ehrerbietig zu ihr hinüber. Nein, wie überaus fein und zierlich er alles an ihr fand. Diese kleinen Halbschuhe, aus denen die schwarzen Strümpfe hervorlugten, und dann die schwarze Atlasschürze, die so glatt über den Hüften abschloß — — und wie sie sich jetzt kaum merklich hin und her wiegte, das schwarze Köpfchen seitlich an die Lehne gedrückt, während ihre dunklen Augen ab und zu zu ihm herüberblitzten, das erfüllte den großen Burschen schließlich mit solcher Freude, daß er immer wohlgefälliger mit dem plumpen Haupte nickte und mit der freien Hand wohlig am Knie auf und nieder fuhr.

Mit einem Male beugte sich Line hastig vor, daß Hann beinah' einen Schrecken bekam, stützte die beiden Ellenbogen auf ihre Knie, wie sie es als Kind stets gepflegt, und über ihre Lippen kam es kurz und überlegen: »Sag', Hann, hast du schon eine Braut?«

Hann hielt den Atem an und starrte ihr grenzenlos verdutzt, ja bekümmert in das feine Antlitz. O je, wie sollte er wohl zu einer Braut kommen? Wußte sie denn gar nicht, daß er nicht auf so was ausging, ja, daß er alle Frauen ängstlich vermied, weil — ja weil — —

Er schüttelte mit einem wehen Zug um den groben Mund den Kopf und scheuerte wieder an seinem Knie auf und nieder.

»Lining — oh —«

»Na, was wär' denn dabei?«

Ihr schien die große Verlegenheit des armen Menschen Freude zu bereiten. Und dann — immer mit dem angelehnten schmalen Gesichtchen plauderte sie weiter, leise, flüsternd, damit es das gute Fräulein Dewitz in der Küche nebenan nicht vernehmen könnte. Oh, es war doch ein so lang entbehrter Genuß, endlich wieder einmal unbeobachtet, jung und frisch und ungeniert necken und schwatzen zu dürfen.

»Hann, da sind doch aber die beiden Töchter von Schullehrer Toll. Und die älteste, die hübsche, von der sie sagen, daß sie Krankenschwester werden will, die hat neulich hier erzählt, wie du mit ihr getanzt hast.«

Hann rückte hin und her.

»Lining — das wohl — ich konnt' mir auch nich anders helfen.«

»Aber die wär' doch was für dich,« fuhr sie fort. »Denk mal, wenn die nun bloß deinetwegen Krankenschwester werden wollte?« Und plötzlich faßte sie seine beiden Hände und brach in ein langes, fröhliches Lachen aus. Die Idee, Hann als Bräutigam der hübschen Schulmeisterstochter zu sehen, schien sie mit ungemeinem Behagen zu erfüllen. Merkte sie nicht, wie der arme Bursche immer blöder den Boden suchte, fühlte sie gar nicht, wie ihre Worte sich ihm immer enger und drückender ums Herz legten?

Endlich erhob er sich; er überwand sich und sagte mit gepreßter Stimme: »Lining, das alte Fräulein kommt wohl nicht wieder. Da wird es Zeit, daß ich geh'.«

Und wieder wagte er nicht, sie anzublicken, sondern stand und knöpfte langsam sein blaues Schifferwams zu.

Line erhob sich. Mit leichten Schritten ging sie um ihn herum, immer ihn messend, als wäre des Spaßes noch nicht genug. Plötzlich huschte sie dicht an seine Seite, hob ihm kräftig das Kinn auf und zwang ihn so, sie anzublicken. Seine blauen Augen sprachen förmlich von zurückgedrängtem Kummer.

»Sag' mal Hann,« begann sie, »wenn es Klara Toll nicht ist, dann möchtest du wohl lieber mich? Wie? — Weißt du noch, wie wir uns verlobt haben, und wie oll Kusemann uns eine Molle voll Goldstücke aus der untergegangenen Stadt zur Hochzeit schenken wollte?«

Ihre Hand strich an seiner Backe hin und her, etwa wie man einen großen, treuen Hund streichelt, aber als sie seinem ehrlichen, betrübten Blick begegnete, hielt sie inne.

»Na, laß gut sein, Hann,« brach sie schonend ab.

»Ja, Lining,« brachte er mit Anstrengung hervor, »wir waren eben noch Kinder und sehr dumm.«

»Ja, ja, Hann,« sagte sie stiller, und nach einer Weile setzte sie hinzu: »Aber die Molle voll Goldstücke, die wünsch' ich dir. Wenn du so die untergegangene Stadt finden könntest, dann —«

Ihre Augen vergrößerten sich, sie zeigte ihre spitzen Zähnchen. Dabei sah sie aus, als ob sie den Besitzer der untergegangenen Stadt mit ihren unermeßlichen Schätzen wohl liebhaben könnte. Doch Hann zerstörte den Traum.

»Kuck, Lining,« murmelte er achselzuckend, »das mit der Stadt, das is auch man so, wie alles andere. Sieh, als ich noch ganz klein war, und als du noch bei uns draußen wohntest, ja, da sah ich sie manchmal ganz deutlich unter dem Wasser. Zuweilen auch bei Nacht. Da zeigte mir oll Kusemann ordentlich erleuchtete Fenster und so was. Aber dann später, je älter man wird, desto weniger sieht man sie. Ich glaub', das is auch man so 'ne Kinderstadt —«

Damit wollte er ihr die Hand zum Abschied bieten, doch Line starrte ihn noch verwundert über seine letzten Worte an. Und achtungsvoller als sonst drang es endlich über ihre Lippen: »Hann, was du da sagtest, das war gar nicht so dumm.«

»O Lining,« wehrte er bescheiden ab, »ich dachte das bloß so — Und nun adschö.«

Er nickte, raffte die Körbe in die Höhe und wollte gehen.

Da faßte sie ihn noch einmal rasch bei der Hand und nahm gewandt einen der Briefe vom Tisch, die das alte Fräulein Dewitz uneröffnet hatte liegen lassen. »Hann,« flüsterte sie, »sieh den — weißt du, von wem der is?«

Hann schüttelte den Kopf. Wie konnte er das erraten? Der Brief war ja noch zu.

»Und die Schrift, kennst du die auch nicht?«

Hann betrachtete nochmals die feinen Schriftzüge und las den Poststempel, der Brief kam aus Hamburg. I, woll, der konnte von seinem Bruder Bruno stammen.

Eifrig nickte Line: »Ja, ja — und weißt du, was drin steht? Heute morgen erwartet ihn der Konsul schon. Er ist vielleicht bereits hier.«

»Bruno?«

Sie nickte, strich sich über die Haare und warf einen Blick in den Mahagonispiegel in der Ecke.

»Ja — aber woher weißt du denn den Inhalt?« fragte Hann ganz betroffen.

Line zuckte zusammen, blickte sich blitzschnell nach der Tür um und atmete endlich tief auf. Und während ihr das Blut die Wangen glühend färbte, bezwang sie sich und versuchte zu lachen: »Mußt es nicht weitersagen, Hann,« stotterte sie, — »ich — war so neugierig — du weißt ja — und da hab' ich den Brief in der Küche über dem Wasserdampf ein bißchen geöffnet — bloß ein bißchen. Dabei is doch nichts? Was? — Aber nicht weitersagen! — Hörst du?«

Allein Hann stand ganz niedergedonnert vor der lieblichen Verbrecherin. Er schämte sich derartig, daß er zitterte, als hätte er selbst das Unerhörte begangen.

»Aber Lining,« murmelte er, »wie konntest du das bloß — — wie —«

»O, das war doch nur Spaß.«

»Ja, aber wenn nu einer aus Spaß stehlen wollte?« sprach er in seiner philosophischen Methode weiter.

Jedoch Line war bereits wieder ganz getröstet. Sie versetzte ihm mit ihrer kleinen Faust einen neckischen Puff in die Seite, und während sie ihn lachend zur Tür hinausschob, rief sie ihm in ihrer gedämpften, kaum hörbaren Art über die Treppe nach: »I, du bist nicht klug, du dummer Junge. — Und nun grüß alle zu Haus. Auch Klara Toll. Und bring uns bald wieder was Gutes zu essen. Hörst du?«

»Ja, gern, Lining,« sprach der Schiffer vor sich hin, während er noch halb befangen die Treppen hinuntertappte. »Und wenn du mir's erlaubst, dann komm' ich auch bald wieder; aber — aber —«

Damit blieb er vor dem Hause stehen und sah noch lange bekümmert zu dem Fenster hinauf, an dessen Scheiben sich so silberne Eisblumen rankten und hinter welchem die Hyazinthen so süß geduftet hatten.

»Ja, ja,« seufzte er endlich aus seinem Traum tief auf: »Das is auch nichts anderes als so 'ne untergegangene Stadt aus den Kinderjahren. Ja, ja — aber will man nach Haus gehn.«


IV

Es war ein sehr einfaches, beinahe ärmliches Stübchen, in dem der Konsul Hollander an diesem Neujahrsmorgen seinem Hamburger Vertreter auf einem derben Holzstuhl gegenübersaß. Er selbst steckte noch in seinem weiten orientalischen Schlafrock, unter dem sich die weißen Unterhosenbänder lustig über ausgetretene grüne Pantoffeln herabschlängelten; auf dem Haupte trug er eine schwarzseidene Mütze, und von Zeit zu Zeit fuhr er sich verdrießlich über seine unrasierten, stoppeligen Wangen, als ob er sich heute ganz besonders unbehaglich fühle. Und doch hatte er nicht den geringsten Grund zu dieser üblen Laune. Befanden sich doch die Abrechnungen des jungen Herrn mit dem hübschen braunen Schnurrbart und der streng englischen Toilette in bester Ordnung. Und wenn auch die Reisespesen des Vertreters ungewöhnlich hoch waren — — — »Schockschwerenot — nobel, nobel,« murmelte der Konsul, während er heftiger seine Stoppeln rieb, so brachte er doch auf der anderen Seite Abschlüsse und Bestellungen für die Werft heim, wie sie der Chef schon so lange nicht mehr in Händen gehalten hatte.

»Sieh mal an! — Die asiatische Linie bestellt also doch den Sechstausend-Tonnen-Schraubendampfer? Hm — und die Holländische Heringskompanie zehn Fischerkutter!? Puh — schockschwerebrett.«

Dem Konsul träufelte das Auge. Er wischte es mit der Hand und sah wieder auf das Blatt. Aber die Bestätigungen der Abschlüsse blieben stehen; aufrecht, in der schönen, lateinischen Schrift Brunos verzeichnet.

»Merkwürdig.«

Und wieder blinzelte der Werftbesitzer über das Blatt fort auf seinen jungen Untergebenen, der ihm so frisch und adrett gegenübersaß, und wieder faßte ihn die Unbehaglichkeit so stark, daß er sich fast die Backe wund rieb.

»Akzeptable Preise,« murmelte er von neuem und spuckte aus. Dann warf er die Papiere auf den schmalen Klapptisch, der seinem Feldbett gegenüber an der Wand angebracht war, und fuhr seinen Angestellten mit voller Grobheit an.

Länger konnte er sich nicht mehr bändigen.

»Sagen Sie mal, wie machen Sie das eigentlich?«

»Wie ich das mache, Herr Konsul? Ich verstehe nicht recht.«

Um Brunos frische Lippen zuckte ein Lächeln. Hollander verzog die Stirn.

»Mir ist ganz ernsthaft zumute. Ich meine, wie alt sind Sie denn nun eigentlich mit der Wurzel?«

»Vierundzwanzig, Herr Konsul.«

»Nicht zu glauben — also ganze vierundzwanzig — So!? — Kuck mal an! Ja, hat sich denn im Ernst die Welt so verjüngt, oder sind Sie wirklich der Ausnahmemensch, für den Sie sich ja, wie ich Ihnen früher immer gesagt habe, heimlich halten?«

Bruno blieb ruhig sitzen, während der Konsul mit flatternden Hosenbändchen in der Stube auf und nieder schlurfte. Und doch färbten sich die Wangen des jungen Mannes glühend rot, seine Augen erhielten förmlich einen fieberischen Glanz, denn jetzt äußerte endlich, endlich, der grobe, massive Mann dort offen und ehrlich, was während Brunos langer Lehrzeit stets wie eine kalte Wolke zwischen ihnen gelagert hatte. Dieses stille, heimliche, lauernde Mißtrauen, das sich vergrößerte, je schneller und überraschender sich die spielende Tüchtigkeit des Lehrlings entfaltete, je mehr ihn die anderen Angestellten bewunderten und anstaunten. Aber warum? Warum? Das konnte sich Bruno, den es stets mit Gier, mit Unabwendbarkeit vorwärts gezogen, auch heute nicht entschleiern.

Glühend rot überzog es seine Wangen, mit zitternder Stimme und lächelndem Munde sagte er: »Herr Konsul, Sie sagen mir das in der ersten Stunde meiner Heimkehr von dem Posten, auf den Sie mich selbst gestellt. Ich muß also annehmen, daß ich niemals Ihre volle Zufriedenheit besessen habe und sie auch heute noch nicht besitze.«

Der Konsul blieb stehen, zupfte abgewandt an seinem Bett herum, klappte mit den Pantoffeln und schlug endlich ungeduldig auf das Kopfkissen. — — »I was, Zufriedenheit,« knurrte er barsch heraus. »Was brauchen Sie sich aus meiner Zufriedenheit zu machen? — Sie leisten ja das Ihrige. — Das ist es eben. — Na, ich muß mir mal Luft machen, Sie nehmen mir das nicht übel, oder, wenn Sie's tun, dann kann ich mir auch nicht helfen. — Also kurz und gut, Sie leisten genug, verstehen Sie, ich meine, was den Erfolg betrifft; diese beiden Abschlüsse zum Beispiel hier, besonders der aus Holland, an dem haben andere Angestellte von mir durchaus vergebens herumgedoktert; aber Sie? — Sie kommen einfach und haben so eine Art, den Leuten Geschichten vorzuerzählen, die Vorsichtigsten so zu blenden, daß — — —«

Bruno klopfte das Herz. Was er da von seinem Charakter vernahm, erschreckte ihn unwillkürlich: »Herr Konsul,« unterbrach er stockend, »Sie wollen mir doch nicht vorwerfen, daß ich Ihre Kunden durch lügenhafte Berichte täusche?« Seine Rechte schloß sich dabei krampfhaft um die Ledermappe.

»I bewahre, fällt mir gar nicht ein,« fuhr der Werftbesitzer fort, während er wieder auf das Kissen schlug — »Lügen!? — I wo, so dumm werden Sie doch nicht sein. Nein, aber Sie besitzen so eine Einbildungsgabe, so eine — na, wie drück' ich mich aus? — solch eine Kraft in Ihren Schilderungen, daß Sie einen ordentlich zwingen, alles das zu sehen, was Sie sich selbst dabei vorgestellt haben.«

»Und das wäre etwas so Schlimmes?« brachte Bruno staunend hervor.

Er wollte die Achsel zucken. Aber er vermochte es nicht. Immer enger und drückender legte sich ihm die Unruhe ums Herz, ein leises Frösteln überlief ihn. Er konnte sich durchaus nicht mehr zwingen, alles das kindisch zu finden, was der verbitterte Mann dort vorbrachte.

»Schlimmes?« wiederholte Hollander ärgerlich, wandte sich nach ihm um und ließ sich schwerfällig vor dem jungen Mann auf den Holzstuhl nieder. »Ja, das weiß ich auch nicht. — Es ist vielleicht nur der Anfang. Ich will Ihnen, lieber Klüth, mal ganz reinen Wein einschenken. Während Ihrer ganzen Lehrzeit hab' ich Sie beobachtet. Das wissen Sie. Und da frage ich Sie: Haben Sie jemals ordentlich gearbeitet? — Nein! War auch nicht nötig. Ihnen ist alles angeflogen. Warenkenntnisse, technische Erfahrung, Handelsrecht, Sprachen und so weiter! Alles so im Handumdrehen! Von einem Posten zum anderen sind Sie aufgerückt. So im Flug — wenn auch heimlich gegen meinen Willen. — Aber ich konnte nicht recht was Stichhaltiges dagegen einwenden. Und nun kommen Sie nach der Hamburger Vertretung, die auch gut ausgefallen ist — sehr gut sogar, in mein Geschäft zurück, und wenn mich nicht alles trügt, dann haben Sie es jetzt auf die Prokura abgesehen. Sie möchten also jetzt mein Vertreter werden, dessen Unterschrift gilt wie die meinige. — Nicht wahr, Sie wollen jetzt auch unterzeichnen: >Johann Christian Hollander<? Sagen Sie mal aufrichtig, Klüth — ist es nicht so?«

Bruno sprang auf. Er fühlte, daß er an sich halten müßte, daß nur kalte, geschäftliche Nüchternheit hier zum Ziele führen könnte, allein die verletzende Art des Mannes, sein unverhohlenes Mißtrauen, das den Jüngeren all die langen Jahre hindurch immer und immer wieder aus diesen grauen Augen umlauert hatte, das ließ ihn jetzt alle Mäßigung vergessen. Was hatte er auch zu fürchten? Was sich vorzuwerfen? Waren nicht alle seine Gedanken stets auf den Vorteil dieses alten Sonderlings und seines Geschäftes gerichtet gewesen?