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Hann Klüth: Roman cover

Hann Klüth: Roman

Chapter 22: V
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About This Book

Set in a coastal fishing village, the narrative centers on an ailing pilot whose decline is observed by his household and neighbors; through interwoven domestic vignettes it traces the daily work, gossip, superstitions, and mutual care of sailors, women, children, and visiting tradespeople. The story follows family obligations, poverty, and community responses to illness and hardship while evoking the rhythms of maritime life and generational change; scenes move between the pilot's cramped room, boats, and quays, revealing characters' resilience, tenderness, and local folklore.

Mit vollem Feuer, mit blitzenden Augen sprang er auf, und lauter und kräftiger, als wohl je ein Angestellter dem alten Hollander eine Antwort zu erteilen gewagt, rief er mit heißer, zorniger Stimme: »Ja, Herr Konsul, da wir nun einmal so weit halten, so sind mir die möglichen Folgen auch gleichgültig. Jetzt sollen Sie es wenigstens erfahren. Ja, die besten Jahre meiner Entwicklung haben Sie mir verbittert. Sie allein. — Nie ein Wort der Anerkennung, immer dieses Herumspähen, als hätte ich keinen anderen Gedanken, als gelegentlich einmal Ihre Kasse auszuplündern — — —«

»Klüth,« rief der Alte dazwischen, doch der andere achtete nicht darauf.

»Ich kann Ihnen nur sagen: daß ich darüber nicht wirklich schlecht, nachlässig und ein Duckmäuser geworden« — hier erhob sich die Stimme des Heimgekehrten höher, und er trat heftig einen Schritt auf den Werftbesitzer zu, der unbeweglich, mit vorgebeugtem Haupt vor ihm verharrte, »daß ich darüber nicht wirklich ein Duckmäuser geworden, wahrhaftig, das habe ich einzig und allein meiner von Ihnen so geschmähten guten Laune zu verdanken. Sie aber, Sie haben alles getan, um diese Fröhlichkeit zu unterdrücken. Oder glauben Sie, es wäre mir leicht gefallen, wenn Sie mich die ganze Zeit über, die ich in Ihrem Hause lebte, wie einen lästigen Freiesser in meinem Stübchen im Hinterhaus sitzen ließen, während die meisten meiner Kollegen zu den großen und kleinen Festlichkeiten in Ihrer Familie hinzugezogen wurden? Wie oft hab' ich Tanzmusik gehört und hab' allein gesessen. Das hat mich heiße Tränen gekostet. Heute können Sie es erfahren. Das vergaß ich Ihnen nicht, Herr Konsul.«

Die Stimme des Aufgeregten zitterte, seine Brust hob und senkte sich, und der Prinzipal konnte wahrnehmen, wie Tränen in seinen Augen aufstiegen.

Der Alte knurrte etwas, das wie »Dummheiten« klang, doch man sah, daß er noch mehr hören wollte. Eine Weile herrschte Ruhe in dem kleinen Raum. Beide musterten sich. Endlich hob der Werftbesitzer schief das Ohr, plinkerte mit den Augen und fragte scharf und halb spöttisch: »Na, und was nun weiter?«

»Was weiter? — Oh, mir bleibt nur die Frage: ob Sie mir jetzt den Grund angeben wollen, warum Sie mir den Prokuristenposten, der mir gebührt, vorenthalten? Oder ob es nicht überhaupt besser wäre, wenn wir diesem unleidlichen Verhältnis lieber gleich ein Ende bereiteten?«

Der Konsul zog die Augenbrauen in die Höhe: »Sie wollen gehn?«

»Ja.«

»Hm!«

Er wandte sich, zog mit den schlängelnden Hosenbändchen zum Fenster und kehrte ihm dort den Rücken. Leise trommelte er an die Scheiben. Nicht lange, dann hörte er hinter sich ein seltsames Geräusch, ein tiefes Atmen, ein Schlucken, schließlich ein gewaltsam gebändigtes Schluchzen. Überrascht kehrte sich Hollander zu seinem Besuch zurück. Doch wenn er die aufflammende Natur seines Lehrlings, die ebenso leicht zu unmäßigen Ausbrüchen der Freude, wie zu wild hervorbrechenden Klagen neigte, nicht von früher gekannt hätte, so würde er nur an den bebenden Lippen Brunos erraten haben, was durch die Seele des jungen Mannes stürmte.

Denn äußerlich stand die feine Gestalt unverändert da, nur die braunen Augen flammten noch, wie vorher, vor innerer Erregung.

Wieder verzog der Alte die Stirn. Dann ging er langsam auf seinen Besuch zu, und wie in fernen Gedanken nahm er den Jüngeren an einem Rockknopf, an dem er ihn während des Folgenden energisch hin und her zupfte: »Na, nun wollen wir's gut sein lassen, Klüth, nun beruhigen Sie sich man vorläufig, Sie — verstehen Sie?« — Und während er ihn noch energischer bewegte, fuhr er brummig fort: »Daß Sie heute mal ausnahmsweise nicht lauter Zucker und Sirup von sich gegeben, daß Sie mir sogar ordentlich Grobheiten ins Gesicht geworfen haben, na, nehmens mir nicht übel, junger Herr, das hat mir bis jetzt am allerbesten von Ihnen gefallen! — Wahrhaftig! — Vielleicht, na, hm — bloß das Pistol auf die Brust setzen kann ich nun mal nicht leiden. Nun passen Sie auf. Ich sag' Ihnen die Prokura nicht ab — nur Zeit zum Überlegen will ich haben. Verstanden? Das muß ich. Zwingen lasse ich mich nicht.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, schritt er wieder an das Fenster, um von neuem an die gefrorenen Scheiben zu pochen. Er schien mit sich zu kämpfen, dann fiel es noch so über seine Lippen, seine Tochter Dina würde heute abend ein paar Bekannte zum Tee bei sich sehen, und daß es ihn, den Konsul, freuen würde, wenn Bruno sich dazu einstellen möchte. Fräulein Dewitz und das kleine Ding, wie heißt sie noch? —

»Line.«

Jawohl, die wären auch da. Auch der ältere Bruder von Bruno, der Predigtamtskandidat.

»Na, kommen Sie nun?« fuhr der Werftbesitzer plötzlich auf, als sein Angestellter noch immer schwieg.

Da bewegte sich der Angeredete und fragte mit fester Stimme, wann er das Definitive über seine Stellung hören würde.

Diese Zähigkeit, dieses kaufmännische Festhalten schienen dem Konsul zu imponieren. Mehrmals nickte er nachsinnend mit dem Kopf, dann schlurfte er auf Bruno zu und klopfte ihm eifrig auf den Arm: »Na gut — sehr schön — sich nicht durch Nebendinge aufhalten lassen — ganz richtig. In vierzehn Tagen bescheide ich Sie. Aber nun machen Sie auch, daß Sie fortkommen, Klüth, ich will nun doch in meine Büxen hinein! — Morjen, ja, ja, schon gut — hol' Sie der Deuwel, Adieu!«


V

Am Vormittag desselben Tages brachte der Diener des Konsuls die Teeeinladung an Fräulein Dewitz. Hinten auf der englischen Karte stand in der schönen, klaren Schrift Dina Hollanders geschrieben: »Fräulein Line kommt natürlich mit.«

»Hörst du, wie nett sie schreibt?« fragte Fräulein Dewitz wohlgefällig, als sie sich in der Küche die Brille abputzte. »Sie ist wirklich ein sehr wohlerzogenes Mädchen. Du mußt ein bißchen auf ihre Manieren aufpassen, denn in diesen Schweizer Pensionaten lernt man das auf das feinste. — Und nun bind' dir die Schürze um, mein Kinding, damit das schöne, blaue Kleid nicht fleckig wird.«

Und während sich die Handarbeitslehrerin in der halbdunklen Ritze umsah, die »Küche« benannt wurde, weil auf einem sehr weißgescheuerten Tische ein Petroleumofen stand, leckte sie sich wieder befriedigt die Lippen und äußerte endlich halb fragend: »Sollen wir nicht die schönen Schnitzel bis morgen aufheben? Bei Hollanders gibt es immer so viel zu essen. — Und man sollte sich vorher den Magen nicht überladen. Was meinst du? — Ja, und was ich noch fragen wollte, was ziehst du dir denn an?«

»Oh,« entgegnete Line wegwerfend, »für wen sollte ich mich da wohl besonders fein machen?«

Die Lehrerin wiegte zweifelnd das Haupt. Allein sie widersprach nicht. Auch ihr war es immer ein heimliches und behagliches Gefühl, die guten Kleider recht lange geschont im Schrank zu wissen.

*     *     *

Zwischen drei und vier hielt das alte Fräulein im Alkoven ihr Mittagsschläfchen.

Dann herrschte sabbatliche Stille in den blankgescheuerten Räumen. Das Rouleau mit den blauen Bildern war herabgelassen, und hindurch strömte beruhigende Dämmerung. In dieser Stunde schlich Line stets auf Zehen umher, und man hörte nichts, als höchstens einmal das feine Läuten eines Schlittens, der vom Lande durch die Straße klingelte, dazwischen das ruhige Atmen der alten Dame.

Aber, weiß der Himmel, wieso ihr Schlummer heute immer wieder unterbrochen wurde. War es die Aussicht auf den Teeabend im vornehmen Hause des Konsuls, die sie erregte, oder raschelte und rauschte es wirklich so vernehmlich nebenan? Resigniert erhob sie sich nach einer Viertelstunde und öffnete die Tür zum Nebenzimmer.

Verdutzt blieb sie an der Schwelle.

Da bog sich Line vor dem alten Mahagonispiegel hin und her, neben dem sie ein Licht entzündet hatte, um ihre schlanke Gestalt in dem englischen, schwarzen Gewande, das knapp bis an den Hals schloß, besser betrachten zu können. Langsam strichen ihre Hände an der Taille herunter, dann ließ sie weich das Haupt nach hinten sinken. Ihre Brust dehnte sich, ihre Augen schlossen sich, es mußte ein wohliger Traum sein, der das junge Geschöpf entführte.

Fräulein Dewitz tastete nach ihrer Brille, aber sie fand sie nicht. Mein Gott, betrog sie denn der flackernde Lichtschein, oder vollführte Line wirklich dort solch merkwürdige Bewegungen? Der Kopf der alten Dame begann vor Erstaunen leicht zu zittern. »Mein Gott, Lining,« brachte sie endlich hervor, »was machst du denn da?«

Auf den Anruf ging ein unmerkliches Erschrecken durch die Glieder des Mädchens, dann wandte sie sich und um ihre Lippen spielte ihr kindliches, halb verlegenes Lächeln.

»O Tanting, ich wollt' ja nur einmal nachsehn, ob mir das Kleid nicht zu eng geworden. Du meintest doch selbst, daß es bei Hollanders heute so fein zugehn würde.«

»Ja, ja, das wohl.« Fräulein Dewitz schüttelte das Haupt und mußte wieder an die üppigen Bewegungen denken. »Ja, aber ein junges Mädchen sollte doch nicht so eitel sein, ich habe das nicht gern.«

Jetzt flog Line auf sie zu und schlug den Arm um sie: »Tanting, ich wollte dir doch nur einen Gefallen erweisen. Weißt du das nicht?«

»Mir?« Fräulein Dewitz sah ihrer Schutzbefohlenen in das schmale, lebhafte Gesichtchen und wurde versöhnt. Freilich, das war etwas anderes. »Na, denn geh hinaus, mein Kind,« entschied sie endlich, »und mach den Kaffee für uns beide. Nicht zu stark. Aber zuerst puste hier das Licht aus. Das wäre doch wirklich eine Verschwendung.«

*     *     *

In einem kleinen Stübchen in der Rakowerstraße bei der Drechslermeisterswitwe Wilhelmi wurde gleichfalls über die Einladung zum Konsul Hollander nachgedacht. Da stand der älteste Sohn der Klüths, der Predigtamtskandidat Paul, an dem Fenster und blickte auf die enge, krumme Gasse hinaus.

Draußen schwarzgraue Dämmerung, Schneegewimmel, kein Fußtritt hörbar, nur manchmal tickten härtere Flocken gegen die Scheiben, und vom Fluß stöhnte einmal ein Windzug herauf.

Hinter dem hageren Manne mit den verarbeiteten Zügen saß bei einer einfachen Stehlampe ein elfjähriger Junge am Tisch und schrieb mit kritzelnder Feder emsig aus einem Buch etwas ab. Das war einer der vielen Schüler des Theologen, deren Beaufsichtigung ihm das kärgliche Brot für seine Existenz gewährt hatte.

Jahraus, jahrein immer dasselbe. Es war kein Wunder, daß Paul nicht fröhlicher und umgänglicher bei dieser Lebensweise geworden.

An der Wand raschelte etwas an der Kuckucksuhr. Der hölzerne Vogel sprang heraus und rief seinen fröhlichen Ruf: Sechs Uhr.

Um neun war der junge Geistliche zum Konsul gebeten.

Paul verzog die Stirn.

War es nicht seltsam, daß er erst dort mit seinem zurückgekehrten Bruder zusammentreffen sollte? Daß es nicht Bruno, den einzigen, der ihm aus seiner Familie an Bildung nahestand, vorher allein, vertraulich und brüderlich zu ihm gezogen?

Immer schwärzer sank die Dunkelheit in das enge Gäßchen. Und tiefer und bohrender grübelte Paul in sich hinein. Ja, ja, das war gerade das Merkwürdige in seiner eigenen Natur. Ganz deutlich empfand er, wie fremd seinem Innersten eigentlich all die Mitglieder seiner Familie geworden, dieser lebhafte, phantastische Bruno, diese zierliche, unberechenbare Line, aus der er nicht klug wurde; ja selbst Hann, mit dessen Unbeholfenheit er nur ein heißes Mitleid fühlte, und dennoch — ja, das war es — etwas Tiefes, Zwingendes, Angeborenes trieb, nein, geißelte ihn dazu, in jeder Stunde und mit allen seinen Gedanken unaufhörlich an dieser Familie zu haften, sie zu beobachten, zu warnen, zu fördern, und immer wieder zu erscheinen, um ihre Angelegenheiten zu den seinen zu machen.

So hatte er in all den Jahren trotz seines Widerwillens gegen den grobkörnigen Siebenbrod jede Woche einen Abend in Moorluke bei der Mutter zugebracht, so war er während Brunos Lehrzeit fast täglich mit dem Jüngeren zusammengetroffen, und auch in der blanklackierten guten Stube von Fräulein Dewitz hatte er sich — ein von der Lehrerin besonders geschätzter Gast — häufig eingestellt.

Seine Gedanken irrten weiter.

Warum Bruno wohl nicht kam? — Ob er in der reichen Handelsstadt sich nun völlig dem flotten, eleganten Leben hingegeben, das Paul stets mit Mißbehagen an dem Jüngeren bekämpft hatte? Vielleicht war es dem Heimgekehrten überhaupt peinlich, sich den ewigen Vorhaltungen seines ernsteren Bruders auszusetzen?

Oh, wenn das möglich wäre? — Paul biß sich auf die Lippen, während er immer finsterer in die graue, wirbelnde Dunkelheit starrte — nein, es war vielleicht doch unrecht von ihm, daß er sich nicht gleich aufmachte, um zu ergründen, was aus dem Jüngeren geworden. Er wollte — — — — — — — — — — —

Hinter ihm stockte das Kritzeln der Feder.

Der kleine Quartaner, der bis dahin öfter sehnsüchtige Blicke auf die Wanduhr geworfen, stützte schwermütig den Kopf auf, dann bezeichnete er mit dem Finger eine Stelle in seinem Buche und fragte endlich: »Herr Klüth, ist Semiramis masculinum oder femininum

Paul fuhr auf.

»Was? — Was? — Ob die Königin Semiramis —?«

»Ja, denn im Ostermann steht, Semiramis lebte völlig als ein Mann, und da dachte ich — — —«

»Semiramis ist eine Frau,« schnitt der Lehrer, dem der Sinn für Humor abging, kurz ab und stellte sich wieder an das Fenster. Allein, die Kette der Gedanken war gerissen. Wilder stäubte der Schnee durch die Straße, deutlicher stöhnte der Wind um die Ecke, und mißtönend kreischte die Feder, die der Quartaner nun — beruhigt über das Geschlecht der Semiramis — wieder emsig über das Papier führte.

Da wurde kurz an die Tür geklopft.

»Herein!«

Und auf der Schwelle stand ein junger Herr in elegantem Pelz und Zylinder.

Paul erkannte ihn nicht. Er wollte auf den Fremden zugehen und nach dessen Begehr fragen, als eine wohlbekannte Stimme an sein Ohr schlug.

»Na, Jünging, wie geht's?«

»Bruno? Du?«

»Ich, Herr Pastor.«

Das klang so jugendlich, so frisch, daß in Pauls sorgendes Herz für einen Augenblick helle Freude einzog. Ohne seine schwere Eckigkeit, ja, mit einer Hast, die er sonst nicht kannte, stürmte er auf den Heimgekehrten zu, als wolle er ihn in die Arme schließen. Doch unmittelbar vor dem feinen Pelzwerk mußte ihn sein starrer Sinn anders belehren. Nur nach der Hand des Bruders griff er, aber hastig, ungestüm, beinahe sehnsüchtig, und es wurde ihm ordentlich warm, als der andere sie mit voller Lebhaftigkeit schüttelte.

»Bruno,« brachte er stammelnd hervor, »lieber Bruder!«

»Ja, ja, altes Haus,« lachte der andere, »jetzt freu' dich mal.«

»Ja, ich freue mich, — ich freue mich.«

Er sah im Moment nicht mehr die elegante Hülle des Jüngeren, die ihn anfangs befremdet hatte, er erkannte nur die gesunden, ihm so lieben Züge des Bruders und zog ihn weiter ins Zimmer.

Der Ankömmling blickte sich verwundert um. Die Kahlheit des Raumes, der Tabaksgeruch und die derben Möbel schienen ihm wenig zu gefallen.

»Wohnst du noch immer so häßlich?« fragte er ein wenig mitleidig, während er dem Theologen gutmütig die Wange streichelte.

Der andere entzog sich der Liebkosung. Dergleichen schien ihm vor seinem Schüler unpassend.

»Häßlich?« fragte er. — »Es ist doch hier alles recht bequem?«

»Na ja, dagegen will ich nichts einwenden,« lenkte Bruno ein und setzte sich auf den Stuhl am Fenster. Ohne den Zylinder abzunehmen, zeichnete er mit seinem Ebenholzstock ungeduldig auf dem Estrich herum. Es sah ganz aus, als wolle er nur wenige Minuten bleiben.

Paul blickte ihn bekümmert an: »Willst du denn nicht ablegen?«

»Natürlich — gewiß — bloß ich dachte —« er deutete auf den Quartaner, der die Ohren spitzte.

»Oh, ich kann ja auch gehen,« stimmte der Pennäler sehr vergnügt zu und begann seine Hefte zusammenzuraffen. Jedoch eine solche Versäumnis widersprach Pauls Pflichtgefühl. Mit ernster Miene bedeutete er seinen Bruder, daß der Schüler unmittelbar vor der Versetzung stehe und daß das tägliche Pensum nicht unterbrochen werden dürfte. Bruno möchte eine kurze Weile entschuldigen. Dann beugten sich Lehrer und Knabe gemeinsam über den Ostermann, und lächelnd vernahm der junge Kaufmann ihr erregtes Murmeln; längst entwöhnte lateinische Brocken schlugen an sein Ohr, und erst als die Thronstreitigkeiten der Semiramis gänzlich entschieden waren und der Kuckuck »sieben« schrie, da durfte Walter Müller nach Hause eilen.

Er verbeugte sich feierlich vor Pauls Bruder, bevor er sich rückwärts aus der Tür zurückzog.

»Gottlob!« atmete Bruno auf, der sich inzwischen seines Pelzes entledigt hatte und sich nun leicht in eine Ecke des Sofas warf. »Gottlob, daß wir diese Pennälerjahre hinter uns haben.«

»Du bist also jetzt zufriedener?« forschte der Theologe, der sich dem Heimgekehrten gegenüber auf einem Stuhl niedergelassen und jetzt die Lampe beiseite schob, um den Anblick des lange Entbehrten voll zu genießen.

»Zufriedener? Gewiß. Was waren das aber auch für magere Jahre, Paul. Denk' bloß mal nach — wenn wir einen Braten zu Hause rochen, das war ja schon ein Festtag.«

»Hm — daran erinnere ich mich kaum.«

»Ja du — und dann bei dem alten Hollander das Gedrücktsein, diese schreckliche Abhängigkeit, nein, gottlob, etwas weiter haben wir es doch gebracht.« —

Dabei streichelte er beinahe liebkosend das Fell des Pelzes, der neben ihm auf der Sofalehne ruhte. Dann strich er sich das Haar zurück und fuhr lebhaft fort: »Paß mal auf — jetzt kommen wir auch einmal an die Reihe.«

»Wieso? Was heißt das, Bruno?«

»Menschenskind, mach' doch nicht solch erstauntes Gesicht — rauchst du?«

Dabei bot er ihm ein feines, schmales Silberetui.

Aber der Kandidat verneinte. Er rauche nur Pfeife.

»Fi!« Bruno verzog die Nase. — »Sieh, das hier sind russische Zigaretten. Die haben das feinste Aroma. So! — Riech' mal bloß, Kerlchen — diese blauen Wolken! Fein! — Was? Ja, und was ich sagen wollte — — weshalb sollen wir jetzt nicht mal in die Höhe kommen? Das ist doch ein bekannter Prozeß, die Oberen sterben ab, und die Unteren drängen sich an ihre Stelle.«

Als er das sagte, breitete er die Arme aus, so daß sich seine Brust hob, und die ganze Gestalt reckte sich.

Der Theologe stützte den Kopf in beide Hände und sah den Jüngeren immer forschender an. Noch konnte er sich durchaus nicht in das Wesen des andern hineindenken.

»Erzähl' mir, wie du in Hamburg gelebt hast,« bat er.

Das tat der junge Kaufmann.

Und während er sich immer eine Zigarette nach der anderen entzündete, und während er große Wolken blies, die er dann mit der flachen Hand zerteilte, begann er sich an der eigenen Schilderung zu erwärmen.

Da zog es an dem ängstlich aufhorchenden Bruder in bunten, schillernden Bildern vorüber, das Leben und Walten der großen Stadt, das Getriebe der Börse, die Schiffahrt, die nervenspannende Tätigkeit bei Spekulationen und überseeischen Geschäften, und alles, alles klang aus in den einen Jubelruf, daß der Erzähler jetzt selbst bereits ein Einkommen habe, daß es aber größer werden müßte, und immer größer, und wie er dann seine Familie heben wolle, alle, alle — und daß Geld eine Macht sei, ein Zauberstab, der beleben und töten könne.

»Oh, du sollst mal sehn — du sollst mal sehn.«

Da saß er wieder — ja, es war derselbe, der mit dem fieberhaft erregten Kinde auf der Ruinenmauer gehockt und ihm all seine tollen Worte ins Ohr geflüstert, die wie klirrende Goldstücke geklungen.

Und der Ältere blickte auf ihn hin, schweigend, erschrocken, seine Augen vergrößerten sich immer mehr, und er wußte selbst nicht, warum ihm das Herz so drohend und schmerzlich gegen die Brust zu hämmern begann.


VI

»Zum Tee geladen, und dann vier Gänge — warm —. Und zum Schluß Eis,« flüsterte Fräulein Dewitz Line anerkennend zu, als sie sich endlich vom Tisch des Konsuls erhoben, um sich in das Musikzimmer zu begeben. »Und hast du auf die Selleriestauden geachtet? — Dein Bruder Paul fragte mich, wozu man diese brauche? — Mein Gott — aber dein Bruder Bruno — wirklich, er hat recht ansprechende Manieren, es tut ordentlich wohl, wie gut er zu essen versteht. — Ja, ja, daran erkennt man gleich die Lebensart. Und nun gib dem Konsul die Hand, Lining — und sei nicht so still; das bist du doch sonst nicht.«

*     *     *

Man hatte während des Mahls über den Text des Yankee doodle gestritten, von dem Bruno in drolliger Weise berichtet hatte, daß ihn die jungen Damen der ersten Hamburger Kreise seit kurzem auf eine merkwürdige Art zu tanzen pflegten. Der Konsul, der am unteren Ende der Tafel gesessen, neben Fräulein Dewitz, der er stets in überaus höflicher Weise die Honneurs erwies, war über diese neue Torheit der Zeit entrüstet gewesen.

»Werden wohl demnächst Negertänze aufführen — —« hatte er der Handarbeitslehrerin brummig zugeflüstert. Und das alte Fräulein mußte erwidern: »Ja, ja, zu unserer Zeit wurde Menuett getanzt, und höchstens mal ein Schottischer — ach Gott, und es war doch auch schön.«

»Recht — ich besinne mich noch,« pflichtete Hollander bei. »Sie hatten damals einen lütten, zierlichen Fuß.«

»Hm.«

Fräulein Dewitz schluckte an ihrem süßen Wein und begann noch heute ehrlich zu erröten, und der Steuerrat Knabe, der als Schulfreund des Konsuls und alter Junggeselle der einzige Fremde an der Tafel gewesen und Line zu Tisch geführt hatte, räusperte sich und äußerte zum erstenmal ein Wort: »Ja, ich besinne mich auch noch ganz gut.« Und dann zupfte er an seiner altertümlichen schwarzen Halsbinde, zwinkerte in sein Glas hinein und lachte still in den spiegelnden Rheinwein hinunter.

*     *     *

An einem großen amerikanischen Flügel fanden sich die Jüngeren zusammen.

Der Konsul und sein Jugendfreund hatten sich in dem anstoßenden Herrenzimmer ihre Zigarren entzündet, Tante Mathilde, die Schwester des Konsuls, die seinem Hauswesen vorstand, trippelte hin und her, und Dina Hollander lehnte in der Beugung des Flügels und blätterte in einem Stoß Noten. »Nichts —« entschied sie endlich, »in diesem Heft nationaler Lieder fehlt der Yankee doodle.«

In ihrer Stimme lebte etwas Ruhiges, Sicheres, Überlegtes. Wie sie so dastand in dem einfachen weißen Gewand mit ihrem leuchtenden, blonden Haar und der großen, schlanken Gestalt, gleichsam von einem Duft der Reinheit umweht, da erhöhte sich bei Bruno, der ihr Nachbar bei Tisch gewesen, von neuem der Eindruck, daß er vor der Klarheit dieses Mädchens eine Scheu empfinde, ja, daß in der gleichmäßigen Ruhe ihrer Augen eine Art Beleidigung für ihn läge. Es war ein toller Gedanke, aber er hielt ihn von ihr fern, um ihn dann ganz unvermittelt wieder anzutreiben, diese Gleichgültigkeit zu mildern, zu überwinden, oder wenigstens zu entdecken, ob etwa das Mißtrauen des Vaters von diesem auf die Tochter übertragen worden sei.

Aber warum? — Warum?

Ohne daß er es wußte, war dadurch in sein Benehmen eine Art Zwiespältigkeit gedrungen; erst eine Scheu, ein ängstliches Achten auf sich selbst, und dann wieder eine aufspringende Lebhaftigkeit, der Wunsch, mit sich fortzureißen, zu gefallen. Und durch alles hindurch bohrte das Gefühl, daß er unausgesetzt und heimlich von den grauen, unbestechlichen Augen des Konsuls beobachtet würde.

Nein, diese Familie war nicht zu gewinnen.

Während des ganzen Abends empfand er nur eine einzige Unbehaglichkeit, die er gern bannen wollte, und die ihn doch immer wieder zu neuen Versuchen zwang.

»Schade,« äußerte Tante Mathilde, die gerade wieder mit kleinen Mokkatassen hereintrippelte, »ich hätte den amerikanischen Gassenhauer ganz gern einmal gehört. Denn, nicht wahr, in der Familie schadet das doch nichts, liebes Fräulein Dewitz?«

»Wenn Sie gestatten, dann möchte ich Ihnen gern die Melodie vorspielen,« erbot sich unerwartet Bruno, während er der Tante eine leichte Verbeugung machte, jedoch gleichzeitig halb ängstlich wieder auf die Tochter seines Chefs blicken mußte.

Man war allgemein erstaunt. Der Theologe, der in einem unmodernen, schwarzen Rock unter der Gardine des Fensters lehnte, rückte besorgt hin und her. Von musikalischen Fähigkeiten seines Bruders hatte er bis dahin nichts gewußt.

»Spielen Sie denn?« fragte Tante Mathilde nicht unfreundlich.

»Ja — ein wenig nach dem Gehör.«

»Sieh — sieh,« meinte der Konsul, der einen Augenblick durch die Tür lugte. »Das ist ja interessant.« Er winkte seiner Tochter jovial mit der Hand zu und ließ sich wieder bei seinem Jugendfreund nieder, von wo die beiden Alten trotz eifrigen Rauchens aufmerksam auf das Folgende zu lauschen schienen.

Und Bruno löste seine Aufgabe meisterhaft.

Ein frischer, fröhlicher Klang quoll unter seinen Fingern hervor, seine Hände flogen, voll und melodiös, mit rauschender Begleitung, tönte der pikante Gassenhauer durch das Zimmer.

»Yankee doodle went to town.«

Da teilte sich allen die innere Fröhlichkeit mit. Selbst Dina wandte sich langsam und blickte den Spielenden erstaunt an; und der kleine Funke, der ihr Auge vorüberhuschend durchblitzte, feuerte Bruno an, noch mehr zu wagen.

Oh, er mußte diese schweigende Abneigung, die hier gegen ihn wirkte, endlich besiegen, er war doch ein Kind des Glücks, ihm flogen ja sonst die Herzen zu, und hier sollte — — — er begann plötzlich mit seiner hellen Stimme den Text des Liedes zu singen.

»Oh, wie nett,« flüsterte Tante Mathilde, wobei sie Fräulein Dewitz bezeichnend auf die Schulter tippte; auch der Konsul erschien wieder an der Tür, scheuerte sich ein wenig am Kinn und kehrte darauf von neuem zu dem Steuerrat zurück; Dina aber öffnete leise den Mund, und an ihrem flüchtigen Lächeln erkannte Bruno, daß er der Schweigsamen jetzt besser gefalle.

Weiter — weiter, er mußte sich hier Sympathien erringen. Das Gefühl verließ ihn nicht mehr, als ob er um sein ganzes ferneres Leben kämpfe.

Line saß hinter dem Fauteuil der Handarbeitslehrerin und hatte ihr feines Köpfchen so vorgebeugt, daß ihr Kinn fast auf der Lehne des Sessels ruhte. Durch das enge, schwarze Kleid hindurch hätte Bruno, wenn er einen Blick für sie gehabt, das rasche Atmen der jungen Brust wahrnehmen, er hätte schauen können, wie feucht ihre Augen schimmerten, und wie dennoch die kleinen, schmalen Füße, unbewußt einem mächtigen Trieb folgend, nach seiner Melodie auf und nieder zuckten.

Allein Bruno war von seiner eigenen Erregung bereits hingerissen, und nur der Theologe, der noch immer, halb von der Gardine verborgen, schweigend verharrte, beobachtete es allein, und er sah auch, welch ein schneller, dunkler Blick aus diesen Augen gegen die Tochter des Hauses züngelte, die immer ahnungsloser und erfreuter vor sich hin lächelte.

*     *     *

Im Herrenzimmer beugte sich der Konsul zu seinem Jugendfreund heran und raunte ihm etwas ins Ohr.

Daraufhin musterte der Steuerrat sehr ernsthaft die Gruppe am Flügel, dann zog er einen schwarzen Hornkneifer hervor, und nachdem er ihn sorgfältig geputzt, sah er eine Zeitlang angestrengt auf den hübschen, jungen Menschen, der die anderen dort drin augenscheinlich so angenehm unterhielt.

»Na, Julius, was meinst du?« forschte Hollander, indem er sich, beinahe wie ratlos, hinter dem Ohr kraute.

»Ja, Kindchen, was ist da viel zu meinen?« entgegnete der alte Herr leise. Über sein glattrasiertes, feingepudertes Junggesellenantlitz zog ein schlaues Schmunzeln. Das kannte der Konsul. In seinen langen Dienstjahren bei dem Hafenzollamt hatte sich sein Freund daran gewöhnt, den Dingen durch die Emballage zu blicken. Ein durchdringender Menschenkenner.

»Na?«

»Gott, scheinbar ein sehr talentvoller junger Herr.«

»Schön, aber?«

»Was, aber?«

»Menschenskind, ich meinte — gefällt er dir denn?«

Der Steuerrat lachte leise in sich hinein. Die Frage schien ihn zu ergötzen. Dann legte er seinem Schulkameraden sacht die Hand auf das Knie, und mit gutmütigem Spott kam es heraus: »Will ich ihn denn heiraten? Aber sieh dir mal die beiden jungen Damen an. Kuck. Die eine lacht und die andere weint.«

»I, das wäre ja — —« Der Konsul sprang auf und warf seine Zigarre fort.

»Mir gefällt er im übrigen sehr gut,« schloß der alte Junggeselle, ironisch blinzelnd.

*     *     *

Der Konsul schritt in das Musikzimmer und stellte sich breitbeinig an das Instrument, an dem Bruno gerade unter großem Beifall geendet hatte.

»Bravo — Bravo!« klatschte der Werftbesitzer schallend in die Hände.

Bruno stutzte. Die lärmende Anerkennung seines Chefs machte ihn betroffen. Man konnte aus diesem wunderlichen alten Manne nie so recht klug werden. Hatte Hollander seinen Gesang vielleicht unpassend gefunden? Blitzschnell blickte er sich um, um aus den Gesichtern der anderen möglicherweise die Wahrheit zu erspähen. Allein ringsum herrschte nichts als Zufriedenheit.

»Wie frisch und wohllautend Ihre Stimme klingt,« unterbrach Dina die Stille. »Vielen Dank, Herr Klüth.« Sie wollte ihm die Hand reichen, allein ihr Vater schob sich wie unbeabsichtigt dazwischen.

»Schön — schön — ausgezeichnet, lieber Klüth — hätte nicht geglaubt, daß Sie das auch verstehen — na also —« er klopfte ihm auf die Schulter — »Nun wollen wir aber mal den jungen Damen das Feld räumen. Wie —?« Damit schlurfte er auf die kleine Line zu, mit der er stets seinen brummigen Spaß trieb, faßte ihre beiden Hände und zog sie empor. »Na, wie wär's, Sie kleiner Racker? Da über dem Klavier hängen noch die beiden Klappern — Tarantella — wissen Sie noch? Zu meinem Geburtstag — he?«

»Herr Konsul!« stotterte Line.

»Na, weshalb weinen Sie denn, Sie kleine Balletteuse?«

»Ich weine nicht.«

Unmutig schleuderte sie den hellen Tropfen, der ihr noch an den Wimpern hing, fort. Dann eilte sie an das Instrument und nahm hastig das Paar Kastagnetten von der Wand, lehnte sich in die Beugung des Flügels, und ihre Augen suchten Bruno, als harre sie nur auf ein Zeichen von ihm, um den schnellen, schlangenhaften Tanz, den sie vor etwa Jahresfrist gelernt, zu beginnen.

Sie sah keinen anderen mehr in dem Kreis, nur vor ihm, der so oft ihre Gedanken beschäftigt, wollte sie aus gekränkter Eitelkeit ihre Künste zeigen.

»Sieh — sieh,« schmunzelte der Steuerrat, der voller Erstaunen in das Zimmer getreten war, »das wird ja hübsch.«

»Line,« rief Fräulein Dewitz nun strafend, die an den Ernst der Situation nicht glauben wollte, während sie sich langsam aus ihrem Fauteuil erhob. Inzwischen war auch Paul aus seiner Verborgenheit besorgt zu der Pflegeschwester getreten. Deutlich hatte er die merkwürdigen Blicke des Steuerrats und des Konsuls gesehen, sowie das verwunderte, ein wenig überlegene Lächeln Dinas, und wie von ferne hatte er das Gefühl, als ob diese reichen Leute aus seiner Familie eine Schar Gaukler zu machen gedächten.

»Line,« sagte er herb, »der Herr Konsul treibt nur Scherz mit dir.«

»Es ist überhaupt Zeit, daß wir jetzt gehen,« fügte die Handarbeitslehrerin bestimmt hinzu und stopfte ihr Taschentuch in das Gesellschaftstäschchen.

»Schau? Schau?« bedauerte der Konsul und klopfte Bruno auf den Rücken. »Hätte Sie gern noch länger bei uns gesehen. Na, aber ein andermal, lieber Klüth —. Nicht wahr, ein andermal?«

Allgemein brach man auf.

Nur Line verharrte noch einen Moment an dem Flügel und legte langsam, wie im Traum, die Kastagnetten auf die Platte.

»Line!« rief Fräulein Dewitz ungeduldig.

Da schreckte sie auf, flog hinter den anderen her und half dem alten Fräulein, dienstbeflissen wie immer, in den altmodischen Pelzumhang hinein.

Der Steuerrat, der einen vornehmen, grauen Zylinder trug, bot Fräulein Dewitz den Arm.

Da drängte sich in der letzten Minute noch der Konsul in den Flur und händigte Line verstohlen ein kleines Paketchen ein.

»Pst!« bemerkte er und klopfte ihr auf die Backen. »Zum Andenken —« und mit einer plumpen Verbeugung setzte er für alle laut hinzu: »Gut Nacht — gut Nachting — kommen Sie gut nach Hause.«

*     *     *

Paul und Bruno hatten die beiden Damen bis an die Haustür geleitet.

Jetzt schritten sie über den dicken, weichen Schnee ihren Weg wieder zurück. Langsam und schwer fielen die Flocken um sie her. In den engen Gäßchen hallte kein Laut, neblige Schwärze überall, und nur ganz vereinzelt brach gespensterhaft das trübe Licht einer Petroleumlampe durch die dunklen Schleier hindurch.

»Du,« sagte Bruno endlich, der seinen Arm unter den des Älteren geschoben, »wollen wir nicht noch in die Weinstube zu Kroll gehen?«

Jedoch der Kandidat schlug kurz ab. Das sei in der kleinen Stadt nicht Sitte. Er bat auch den Bruder, solche Vergnügungen künftig nicht auf eigene Faust zu unternehmen.

Der andere atmete kurz und nickte dann. Ja, ja, jetzt hieß es ja wieder: »Strecken nach den Decken.«

Zu dumm — wirklich.

Wieder wanderten sie fürbaß.

Der Theologe mit schweren Gedanken darüber, ob sich Bruno bei dem ersten Besuch im Hause seines Chefs nicht zu ungeniert, zu aufdringlich benommen, und dann auch von der Erinnerung bedrückt, warum wohl der Konsul die kleine Line zu dem wilden Tanz animiert habe. Ob er seiner Tochter gegenüber ebenfalls auf diesen Einfall geraten wäre?

Immer tiefer bohrte er sich in diese ihn verletzende Vorstellung hinein.

Bei dem Heimgekehrten hingegen hatte sich der Mißmut über die aufgegebene Weinkneiperei längst wieder verloren. Immer heller wurden seine Mienen, immer freundlicher seine Gedanken, leise begann er den Yankee doodle vor sich hinzusummen.

»Du,« sprach er plötzlich aus seinem Sinnen heraus, »doch eine schöne Erscheinung, diese Dina, was?«

Der Theologe verzog die Stirn. »Ja,« entgegnete er langsam, »sie hat viel innere Vornehmheit.«

Allein der junge Kaufmann überhörte diese Abwehr. Wohlig schüttelte er sich in seinem Pelze und stäubte den Schnee von seinen Füßen ab. »Überhaupt scheint der Konsul ganz in sie vernarrt zu sein. Meinst du nicht auch?«

Ungeduldig bewegte der Theologe den Kopf und zog rasch seinen Arm von dem Bruder fort: »Hier bist du zu Hause,« versetzte er, ohne direkt zu antworten, »schließ leise auf, damit du nicht störst.«

»Ach, richtig, solche Nachtexzesse liebt ja der Alte nicht.«

Nachdem er den Schlüssel in dem alten Holztor umgedreht hatte, reichte er dem Bruder warm die Hand. Dabei fiel ihm im Zurücktreten ein Licht auf, das oben aus einem Seitenfenster rötlich durch den Vorhang dämmerte. Interessiert starrte Bruno hinauf, dann stieß er seinen Begleiter leicht in die Seite.

»Da oben schläft sie.«

Immer peinlicher wurde dem Kandidaten dieses Gespräch.

»Geh du nun zu Bett, Bruno —« ermahnte er, »aber leise, hörst du?«

»Ja — ja — auf Zehenspitzen — War doch heute ein hübscher Abend. — Was? — Na, gute Nacht.«

*     *     *

Einsilbig war auch Fräulein Dewitz in ihr Bett gezogen. Auch ihr wollte die Aufforderung, welche Hollander an ihre Pflegebefohlene gerichtet hatte, nicht aus dem Sinn, und ohne daß sie es selbst wußte, grollte sie der kleinen Line dafür, weil so etwas überhaupt geschehen konnte.

Sie mußte in Zukunft wohl doch besser auf das Mädchen acht geben. Ja, ja, die Kleine wurde jetzt älter, und die Welt war nach der Ansicht aller verständigen Leute seit den Jugendtagen des Fräulein Dewitz erheblich schlechter geworden.

»Ja, ja, also besser Obacht geben!«

Damit faltete sie die Hände, rückte ihr schneeweißes Häubchen zurecht, sprach ihr umständliches Nachtgebet und entschlief.

Kaum hörte Line das leichte Näseln, so schlich sie in die Küche, um die Kleider der Lehrerin zum Reinigen hinzuhängen. Mit wenigen Bewegungen warf sie auch ihr eigenes Gewand ab, dann zog sie rasch das Päckchen aus der Tasche, das ihr Hollander so heimlich zugesteckt.

Noch ein rasches Aufhorchen nach der Schlafstube hin, und dann —

Ah —

Die beiden Kastagnetten.

Ein heißer Funke begann in Lines schwarzen Augen aufzuglimmen. Im ersten Moment fingen die hölzernen Dinger ihre Seele. Unbewußt fast nahm sie das Spielzeug kunstgerecht zwischen die Finger, und ihre rasche Einbildungskraft trug das Mädchen wieder an den feinen amerikanischen Flügel des Konsuls, an den Ort, an dem es sich so gern vor dem Einen hatte zeigen wollen.

Sanft bog sie die Arme, in einem scharfen Schlag knackten die Hölzer gegeneinander.

Line taumelte auf.

Spurlos war der Traum zerstoben.

Dann lauschte sie wieder.

Nein, gottlob, noch drangen die näselnden Töne aus dem gemeinsamen Alkoven.

Mit einem entschlossenen Griff packte sie das Geschenk zusammen, öffnete lautlos das Küchenfenster und warf die Hölzer mit einem kräftigen Schwung in den tiefen Schnee des Nachbargartens.

Einen Augenblick weilte sie dann noch vor dem Fensterspalt. Ihr war es, als ob aus der Ferne eine frische, schmeichelnde Männerstimme herüberlocke. Über ihre junge Brust schnitt die draußen wehende Kälte, Schauer rieselten ihr über den Rücken. Vom Kopf bis zu den Füßen begann sie zu zittern.


VII

»N'abend auch,« wünschte oll Kusemann, als er mit einem höflichen Schwung seines rechten Beines an einem der folgenden kalten Winterabende in die ziegelsteingepflasterte Küche der Klüths trat.

Draußen heulte der Schneesturm und drückte eine Wolke von Kienrauch herab.

Um den Herd, auf dem unter einem Messingkessel ein kräftiges Holzfeuer fauchte, saß die Familie Klüth und flickte eifrig an blauseidenen Stellnetzen herum, die eine ganz besondere Aufmerksamkeit verlangten.

Mudding war viel älter geworden. Ihre Haare hatten sich vermindert und silberweiß gefärbt. Unter ihren Füßen brauchte sie jetzt einen Hüker, denn Muddings Beine schwollen abendlich an und bereiteten ihr Schmerzen.

Siebenbrod dagegen hatte seine Hagerkeit abgelegt. Als Hausbesitzer war er voll und rund geworden; nur seine Hakennase in ihrer roten Pracht erinnerte noch an die Vergangenheit.

»N'abend auch,« wünschte oll Kusemann, während er etwas weiter in die düstere, halberleuchtete Küche hinkte, an deren Ziegelsteinwänden merkwürdig rote Schatten hinaufkletterten. »Ich soll hier auch einen schönen Gruß bestellen.«

Der Lügenlotse zog dabei die Augenbrauen in die Höhe und pfiff, wie wenn er den hohen Rang seines Auftraggebers andeuten wolle. Dann schüttelte er von seinem Lotsenmantel eine dicke Lage Schnee ab und ließ sich prustend und ohne eine Einladung abzuwarten auf einen Schemel nieder.

Eine Weile blieb es ruhig in dem roten Raum. Man hörte das Holz unter dem Kessel platzen und vernahm das Geklapper der Netznadeln.

Oll Kusemann sah verwundert von einem zum andern. Da aber alle still bei ihrer Arbeit blieben, zog er einen Tonstummel aus dem Mantel, klopfte die Pfeife vorsichtig an dem Schemel aus, stopfte neuen Tabak, den er frei aus der Tasche zog, hinein und begann recht zufrieden zu schmauchen.

»Jawolling,« äußerte er endlich behaglich, »einen Gruß.«

»Von wem?« fragte Siebenbrod, der gerade nach einer neuen Spule griff.

Als oll Kusemann sich nach so langer Zeit gefragt sah, stieß er ein befriedigtes Knurren aus und pfiff leise.

»Von einem feinen, feinen Herrn,« gab er wichtig zurück und tat, als ob er ein großes Geheimnis auspacken könnte. »Ich traf ihn auf dem Werftbüro.«

»Wohl unsern Bruno?« warf Mudding rasch dazwischen, ohne daß sich jedoch ihr unbewegliches Gesicht irgendwie verändert hätte.

»Nein, beim Vornamen,« meinte der Lotse wichtig, »würd' ich ihn doch nich mehr so ohne weiteres nennen. Dazu is er mich nun doch zu fein. — Ja —« er hustete, blies ein paar künstliche Ringe und blinzelte durch die Kreise hindurch Siebenbrod verstohlen an. »Ja, was ich sagen wollt', in den verschiedentlichen Büros erzählen sie nämlich, daß er nun bald einer von Hollandern seine Stellvertreter werden wird. — Ja, ja, so was kommt vor. Und dann — — —« Er schluckte und suchte mit seinen schiefgestellten Augen zu ergründen, ob die Klüths nicht doch einmal neugierig werden könnten. Aber die Familie flickte gleichmütig fort.

»Und dann — hm — da is ja noch eine Tochter. Na, die Leute sagen woll bloß so — aberst so was kommt doch auch vor. Nicht so?«

Auch diese Nachricht fing nicht. Alle blieben lautlos bei ihrem Werk. Nur Siebenbrod rührte sich, rückte an dem Kessel und lauschte dann nach draußen, von wo durch den Sturm hindurch Schweinegrunzen laut wurde.

Dann fragte er: »Mudding, haben sie all?« womit er das Futter meinte, und nachdem die kleine Frau bejahend genickt hatte, hörte man wieder nichts als das Klappern der Nadeln.

»Na, wenn sie nicht wollen,« dachte der Lügenlotse gleichmütig, streckte die Beine von sich und fing an, unter mächtigem Dampfblasen für sich allein zu erzählen.

»I, warum sollt' so was nicht passieren? — Ich hab' da man in meine Jugend gelesen — von die Kaiserin Katharina; die hat ja woll — hm — na, ihren Kutscher geheiratet — Und als sie den über hatte, dann alle paar Monat einen andern Kosaken. Weißt woll noch, Hann? — Die so viel Flöh' haben?«

In diesem Augenblick stieß ein mächtiger Windzug in den Schornstein, das Feuer flackerte nach allen Seiten auseinander, und eine ätzende Rauchwolke schlug durch den Raum.

»Puh,« hustete oll Kusemann. »Nu müßt' man einen Grog für die Kehl' haben.«

Auf diese Andeutung blickte Hann schnell zu seiner Mutter hinüber. Doch die kleine Frau schlug ängstlich die Augen nieder, und Siebenbrod hob sein Haupt und zählte.

Nebenan knarrte die Uhr.

Sieben — acht — neun.

»'s wird Zeit ins Bett, Mudding.«

»Ja — ja —«

»Aber der richtige Augenblick wär's für so einen kleinen Schlummerpunsch,« faßte der Lotse nach.

Siebenbrod erhob sich. Dann gähnte er. Er hatte durchaus nicht die Absicht, diesen ewig durstigen Lügner, der ihn mit seiner Sparsamkeit aufzog, zu tränken.

»Ja, oll Kusemann, ich gäb' ihn dir herzlich gern — aber sieh, wir haben so was gar nicht. Was, Mudding?«

Hann zuckte in seiner Ecke zusammen, sprach aber nichts.

»Na, was steht denn aber in der Delikatessenkiste, die euer feiner Sohn aus der Stadt geschickt hat, wie er mir heute erzählte?« fragte oll Kusemann und lachte über das ganze Gesicht vor Freude darüber, daß seine Frechheit durch nichts zu verblüffen war.

»Was darin steht?«

Und Siebenbrod, der noch immer sehr jähzornig war, bekam wirklich seinen roten Kopf.

»Die Kist' is noch zu,« knurrte er. — »Was, Mudding?« Und als die kleine Frau nicht gleich auf ihn zu hören schien, sondern nur Hann ein Zeichen gab, ihr die Fußbank fortzunehmen, weil sie aufstehen wollte, da fuhr er sie heftig an: »Na, Mudding, nu sag' doch was! — Nu tu doch eins den Mund auf — damit er nicht glaubt, ich gäb's ihm bloß nicht gern —. Nu sag' doch, is die Kist' zu oder is sie nicht zu?«

Da warf die kleine Frau auf den Lügenlotsen einen einzigen Blick. Der war so flehend, daß er selbst oll Kusemann betroffen machte und seine Phantasie veranlaßte, schnell auf ein anderes Gebiet zu springen: »Ja, und morgen kommt der feine Herr zu euch zu Besuch,« lenkte er unerschüttert ab. »Morgen — zum Sonntag — hat's mir selbst gesagt. — Na, da würd' ich morgen die Kist' aufmachen. — Is'n Gedanke, wie? Is er denn schon mal bei euch gewesen?«

»Ne,« knurrte Siebenbrod, während er einen schiefen Seitenblick auf seine Frau warf, die eben das Licht genommen hatte, um zu leuchten.

»Also kommt zum erstenmal?«

»Ja,« murrte der Fischer.

»Da freut ihr euch woll sehr?«

»Ja,« schrie Siebenbrod und riß den Leuchter an sich. »Komm, Mudding, wir müssen morgen früh wieder raus. Und du, Hann, paß auf, bis das Feuer aus is. Wir sind nich hoch in die Versicherung. — Fix, Mudding, nicht so langsam.«

»Gut' Nacht auch,« wünschte oll Kusemann, wobei er sich höflich verbeugte.

»Nacht.«

Die kleine Frau schlich auf ihren schmerzenden Füßen voran, ihr Mann klapperte auf seinen Holzpantoffeln hinterher. Dann hörte man die beiden die Treppe hinaufziehen.

»Is eigentlich 'n netter Mann, dein Stiefvater,« meinte oll Kusemann im ernsten Ton. Er schlug die Knie übereinander und schaukelte sich auf seinem Schemel hin und her.

Aber wie erstaunte er, als Hann sich erhob, um an ein kleines Eckspind zu treten, aus dem er eine Flasche hervorzog. In dem Glase schaukelte goldgelbe Flüssigkeit.

»Rum?« forschte oll Kusemann, während er die Lippen zum Pfeifen spitzte.

Wortlos goß Hann aus dem Kessel warmes Wasser in ein Bierglas, warf Zucker hinein und setzte dann das Ganze als steifen Grog vor seinen alten Freund nieder.

»Gott's Blitz —« lobte der und stürzte das Paßglas auf einmal hinunter und hielt es wieder zum Füllen hin. »Das ist ein Nümmerchen, — so — gut — Hann, bist doch ein anschlägiger Kopf — prost — wirst immer klüger. Ja, was ich sagen wollt' — weshalb, meinst woll, daß ich heut' hierherkomme?«

»Wohl wegen meiner Gestellungsgeschichte? Übermorgen muß ich hin,« meinte Hann, der sich inzwischen auf den Stuhl am Herd niedergelassen hatte, wo er sich über den Flammen die Hände wärmte.

»Jawoll,« versicherte oll Kusemann nachdenklich, »das is 'ne böse Geschicht', Jung. Paß auf — dich nehmen sie. Und dann wirst du nach Kiel geschickt, als Matros', und wenn dir dann die wilden Völker im Ozean — Karolinen heißen sie ja woll — nich hinterrücks kaput geschossen haben, denn schneiden dir doch die Mohren in Kamerun ganz sicher den Kopf ab. Anders is das nich.«

»Ja, denn laß das so.«

»Je, Menschenkind — — aber gib mich erst noch so'n lütten Grog — danke — ja, hast du denn das menschliche Leben gar nicht lieb?«

»Oll Kusemann,« sagte Hann und sah mit seinem plumpen Kopf träumerisch in die Flammen, die kleiner und winziger wurden; »ich hab dich all längst eins fragen wollen — aber nu sprich auch ernsthaft — wozu lebt man eigentlich?«

Der Lotse ließ langsam sein Glas sinken und kraute sich dann zweifelhaft hinter dem Ohr. Endlich spuckte er energisch aus, und als wenn ihm etwas einfiele, hob er langsam an: »Je — kuck — das weiß ich ganz genau. Der Mensch lebt, damit er kleine Kinder machen soll.«

»Dazu also bloß?«

»Ja, Hann, kannst mir's glauben, das is seine nobelste Bestimmung.«

Der Angeredete nahm einen kleinen Blasebalg und blies damit in das ersterbende Feuer hinein. Düsterrot zuckte es in der Küche auf.

Dann starrte er von neuem auf die aufspringenden Funken.

»Ich glaub', du hast recht, oll Kusemann,« fing er geheimnisvoll an. »Menschen müssen sein, die dürfen nicht aussterben. Kuck, als ich neulich so in der Kirch' saß und wie ich all die vielen Beter da drinnen so gebückt sitzen sah, da fiel mir das mit einmal ein. — Da dacht' ich, wenn die Menschens nich wären, dann wär' am Ende auch der liebe Gott nicht da. Und all das andere Schöne wär' auch nicht da.«

Allein den Lotsen schien dies feierliche Gespräch ernstlich zu langweilen. Mit lautem Ruf forderte er Grog, und nachdem er mit Genuß genippt, bemerkte er schlürfend: »Hann, weißt was? — Pastor Witt sagt, du bist ein — Phi — —«

» — losoph,« ergänzte Hann, »ja, ich weiß.«

»Na, und wenn sich das so verhält, wie du sagst, denn müssen also ümmer mehr Menschens auf die Welt kommen, das is klar, damit der liebe Gott nicht ausstirbt, sondern recht lange bei uns bleibt — und deshalb, mein' ich, Hann — prost Hann — sehr fein, dein Rum — wie is das nu mit eine Braut? Wie? — Na, wozu sitzt du als Trumpfas und duckst dich unter den Kessel? Eine muß doch hier sein, die en bißchen weinen tut, wenn du zu die Karolinen gehst — oder zu die Mohren? Und auf die kleine Line rechnest du doch woll nicht mehr? Jung, das wäre ja genau so, wie ich vorhin sagte: Die Kaiserin Katharina und ein Kosak mit Flöh'. — Und das willst du doch nicht sein? Na, prost Hann.«

Da schlug draußen auf dem verschneiten Hof der Hund an.

Erst ein wildes Bellen, dann ein kurzes Kläffen, wie wenn er einen bekannten Tritt spüre. Darauf hörte man deutlich das Rasseln der Kette, als das Tier beruhigt wieder in seine Hütte zurückkroch.

»Da kommt wer,« meldete Hann.

Oll Kusemann mußte lachen: »Ganz richtig, aber, um das zu merken, dazu braucht man nicht grad' ein Phi — na, du weißt ja — zu sein.«

An die Tür wurde lebhaft geklopft. Und auf des Lotsen »Herein« lugten zwei Mädchenköpfe durch den Spalt — ein brauner und ein roter. Über die Haare hatten sie dunkle Tücher gezogen, und ihre Röcke wirbelten vor dem nachbrausenden Sturm.

»Huching,« rief der Lotse erfreut. »Hann — sieh, Schulmeister Tollen seine beiden Damens. Na, man immer rein, Kindings — ihr seid gewiß en bißchen hinter mir hergelaufen, weil ich so'n hübscher strammer Kerl bün — komm, Dirning.«

Damit zog er die Kleine, die mit den roten Haaren, kräftig neben sich auf den Schemel, wo das Ding auch ungeniert und die weißen Zähne zeigend sitzen blieb.

Unterdessen hatte Hann die Größere, ein etwa zwanzigjähriges Mädchen, das ein wenig befangen am Eingang stehen geblieben war, ungelenk nach ihrem Begehr gefragt. Und mit Verlegenheit erhielt er die Antwort.

Die beiden Schwestern hatten gehofft, noch Mudding Klüth zu treffen. Zu Hause sei in den Waschkessel ein Loch gebrannt, und da wollten sie bitten, ob vielleicht — — —

»Selbstverständlich,« unterbrach oll Kusemann schmunzelnd. »Da steht ja so'n olles Geschütz. Und wie ich Hann kenne, wird er sich eine Ehre und eine Aufmerksamkeit daraus machen. — Was, Jünging?«

»Ja,« bestätigte Hann.

Nun trat eine Pause ein, während welcher Hann rasch das kupferne Gerät von seinem Riegel hob, als dächte er, solch eine Angelegenheit müsse schleunigst erledigt werden. Doch wieder fuhr oll Kusemann dazwischen. Er führte die wirklich bildhübsche Klara Toll mit der vollen, geschmeidigen Gestalt und den sanften, dunkelbraunen Augen erst an Hanns verlassenem Herdsitz, und nachdem er sie mit einer Verneigung niedergenötigt hatte, erkundigte er sich lauernd, es sei doch Damenwäsche, die man morgen kochen wolle. So hübsche Frauenhemden ohne Ärmel, und mit Krausens oben, und Höschen und schwarze Strümpfe, recht lang, die sähen besonders gut aus.

Da stand Hann mit rotem Kopf mitten in der Küche und sah voller Angst und Scham auf das Mädchen, das sein Antlitz dem Feuer zugewendet hielt, und um dessen rote Lippen soviel bezwungene Verlegenheit spielte.

Was war das? — Ein leichtes Zittern lief über den starken Nacken des Burschen.

»Oh — oll Kusemann,« bat er.

Und wieder streckte er die Hand nach dem Kessel aus, während Klara Toll sich bereitwillig zur Empfangnahme erhob.

»Aber ne,« wehrte oll Kusemann ganz energisch ab, wobei er Hann den Kessel mit Gewalt abnahm — »her damit — erst müssen die jungen Damens ein Glas Grog mit uns trinken. Erstens aus reiner Menschlichkeit, wegen der Kälte, und dann — hört, Kinnings —« er kredenzte jedem der Mädchen ein Glas —»weil dies ein Abschiedstrunk für Hann is. Der wird nämlich übermorgen zu den Karolinen verschickt, wo man so leicht totgeschossen wird, oder zu die Mohren, na, ihr wißt schon, wo die Weibers so schnurrig umlaufen.«

Bei dem Worte »Abschied« bemerkte Hann, wie Klara zusammenfuhr. Sie wandte den Kopf nach ihm. Ihre braunen Augen suchten offen die seinen. Und feucht und immer feuchter begannen sie zu schimmern, bis eine helle Träne hervorperlte. Die glänzte wie ein Leuchtkäferchen in dem Feuerschein. Ohne Scham ließ sie sie zur Erde fallen und griff dann lächelnd nach dem Grogglase.

»Worüber weinst du denn, mein süßes Kinding?« fragte oll Kusemann lauernd. »Er geht ja erst zum April.«

Da überzog wieder ein froher Schimmer das blühende Gesicht, sie trank und lächelte vor sich hin und meinte dann leichthin: »Was geht das mich auch an? — Zum April werde ich Krankenschwester.«

So plauderten und lachten die vier Menschen in der räucherigen Küche noch eine kleine Weile und tranken dazu. Der Lotse rückte enger an die kleine Rosa heran, legte den Arm um sie und sang: