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Hann Klüth: Roman cover

Hann Klüth: Roman

Chapter 28: XI
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About This Book

Set in a coastal fishing village, the narrative centers on an ailing pilot whose decline is observed by his household and neighbors; through interwoven domestic vignettes it traces the daily work, gossip, superstitions, and mutual care of sailors, women, children, and visiting tradespeople. The story follows family obligations, poverty, and community responses to illness and hardship while evoking the rhythms of maritime life and generational change; scenes move between the pilot's cramped room, boats, and quays, revealing characters' resilience, tenderness, and local folklore.

»Wer will unter die Soldaten,
Der muß haben ein Gewehr,
Der muß haben ein Gewehr,
Das muß er mit Pulver laden
Und mit einer Kugel schwer.«

XI

Da ward aus Abend und Morgen der andere Tag.

Der Mittelarrest hatte, wie alles Leid auf der Welt, auch sein Gutes. Hann fand, daß er noch niemals so ungestört hätte nachdenken können wie hier. Denn immer wurde er in Moorluke davon aufgescheucht, einmal von Siebenbrod, oder von Mudding, am meisten jedoch durch oll Kusemanns unzeitige Späße.

Hier aber, ja hier hatte man solche Leute woll ordentlich lieb. Draußen auf dem Gange patrouillierte sogar direkt ein Aufseher auf und nieder, damit nur alles hübsch still bliebe, und nichts ihn störe.

Ja, ja, für die Gedanken war das doch eigentlich ein wunderhübscher Raum. Man brauchte nichts zu arbeiten, und wie pünktlich dabei noch für einen gesorgt wurde.

Da stand schon wieder der Krug mit frischem Wasser und daneben ein neues halbes Kommißbrot, und der Gefangene streifte sie mit einem dankbaren Blick.

Nur etwas kalt war es ja, den Ofen hatte man wahrscheinlich vergessen, allein dafür blieb ihm schließlich die wollene Schlafdecke. Und er schlug sie um sich und hockte nun, bis zur Nasenspitze eingehüllt, auf der Pritsche und sah aufmerksam in die eine graue Ecke, wo sich eine Spinne ein dickes Gewebe gebaut hatte.

Langsam, langsam, wie Wanderer, die mühsam über ungepflasterte Landstraße dahertappen, kamen und gingen die Gedanken.

Was da allmählich für schnurrige Gestalten vorbeizogen. Der liebe Gott und oll Kusemann, der Kaiser und Line, Malljohann und die Spinne.

Und Hann saß da und nickte nachdenklich hinter ihnen her, und während von unten wieder die Kommandorufe: »Das Gewehrrr über — Gewehrrr ab — das Gewehrrr über!« herauftönten, da merkte der Einsame gar nicht, wie er im Grunde schwere Arbeit verrichtete, eine, die sehr selten geworden, nämlich das Hauptbuch des Lebens umblättern und addieren und subtrahieren und schließlich zu einem Resultate gelangen. Zu einem wirklichen Fazit, das dann wieder ins Leben umgesetzt wird.

Freilich, das kann nicht jeder, es fehlen den meisten ein paar unumgängliche Posten dabei, nämlich Wahrheit und Bescheidenheit.

Aber der eingesperrte »Sozialdemokrat« Hann Klüth, der hatte das Glück, diese friedensstille Zelle zu finden, die sein Vorhaben so sehr begünstigte.

Und so vermochte er's.

— — — — — — — — — — — — — — — —

Jetzt is man so alt geworden, und doch is meistens allens schiefgegangen, was man sich in die Kinderjahren und auch später noch vorgenommen und vorgeträumt hat.

Erst hat man sich's im Elternhaus so recht mollig sein lassen wollen, ja, prost Mahlzeit, da is Dietrich Siebenbrod dazwischen gestiegen — nachher hat man doch für sich selbst so'n bißchen was ins Trockne bringen mögen — aber, allens Dummheiten, wie kann ein abhängiger Bootsmann was aufs Trockne bringen? — Zuletzt hat dann das dumme Herz noch was abkriegen sollen, da hat es sich aber zu hoch verstiegen und muß zusehen, wie ein anderer die »sie« im Schlitten abküßt, wenn auch man im Schlaf. — Nee, das muß nun alles hinter einen liegen, einmal muß man doch Schluß machen und vernünftig werden, und jedes Ende hat auch was, so recht was Beruhigendes. Da kann einen nichts mehr irrig machen, denn das Ende is eben — das Ende.

Na ... aber was soll man dann hinterher?

I, Jünging, das is doch ganz einfach — der Mensch muß ebend nach seinem Glück aussehn.

Ja, aber — hum — was is denn nu eigentlich das Glück?

I, das muß doch rauszukriegen sein, was soll es denn groß vorstellen?

Kuck — ich hab's all, dagegen wird keiner was anreden: das Glück is ein großer Haufe Talerstücke.

Jawoll, das is sicher, wer auf so'n mächtigen Haufen sitzt, der sitzt auf einem verdeuwelt hohen Berg, von dem aus er über die ganze Welt fortgucken kann, wenn's ihm Spaß macht. Und wer weiß, ob der Berg, auf den der Deuwel einst unsern lieben Heiland geführt hat, nich auch so ein Haufe Geld war, denn wer das hat, das is doch klar, der hat das Glück einfach so in Wispelsäcke stehen und —

Halt, Jünging — stopp, nich so fix — alles kann man sich schließlich auch nich kaufen. Zum Beispiel die Gesundheit und dann einen anschlägigen Kopf und dann — Liebe. Nein, das is wahr. Die sackermentsche Liebe besonders nich. Wenn ich auch auf einem Wispelsack mit Talerstücken säß, so hoch wie Hollandern sein Speicher, Line würd mich deswegen doch nich lieber haben. — Und dann, was sagen woll die alten, weisen Sprichwörter dazu? »Reichtum macht nich glücklich.« — Kuck, da haben wir's ja. Ich werd' doch nich so dumm sein, gegen ein Sprichwort anlaufen zu wollen. Ne!

Aber, was nu weiter?

Das Glück muß also doch wo anders stecken. Na, wollen eins sehen. — — —

Da fällt mich so ein, wo kommt überhaupt der Reichtum her? Sieh, das is doch 'ne schnurrige Frag'. Der Reichtum is doch nich von Anfang an dagewesen, bei den sechs Tagewerken kommt er nich vor. Er muß also doch erst so allmählich in die Welt gekommen sein, als der liebe Gott die Menschens zur Arbeit verflucht hat, was ja eigentlich gar nich väterlich von ihm war — — — Holl eins an — — — die Arbeit, stopp, Kinding, stopp, das is mir denn doch ganz einleuchtend, daß aus der Arbeit sich eigentlich erst all der Reichtum herschreibt. Und wenn Konsul Hollander so viel Säck' mit Talerstücken stehn hat, wie er hat, dann hat er eigentlich lauter Säcke mit Arbeit dastehen, mit unsre Arbeit, mit fremde Arbeit. Ja, überleg dich mal, darf denn das der Mensch? Darf einer, und wenn er dreist Konsul is, die Arbeit vom andern wegnehmen und auf seinen Speicher stellen? — Pfui, ich würd's nich tun. Ne, mit dem Reichtum bleib mir einer vom Leibe.

Aber nun vielleicht mit der Arbeit?

Vielleicht steckt's darin.

Denn, daß der liebe Gott mit ihr eine Strafe gegen das menschliche Geschlecht hat ausüben wollen, i, das mag ja auch woll bloß so ein Läuschen[1] vorstellen; ich frag man, wozu hätt' der liebe Gott sonst am Anfang von alle Geschicht selbst so hart geschuftet, daß er ja eigentlich richtig als der erste Wochenarbeiter gelten kann. Ne, die Sache muß ihm doch höllischen Spaß gemacht haben, und deshalb wollte er den Menschens vielleicht auch von der Art Spaß was zukommen lassen.

Na, und is es nun nich möglich, daß in der Freud' an dem Spaß das Glück stecken tut? — —

Hier sah Hann, wie in der grauen Ecke das Spinngewebe erzitterte, und daß die Bewohnerin, einen langen Faden ziehend, hin und her lief. Er schüttelte das Haupt.

Ne, Hanning, was redst und redst du auch heute. Kuck doch erst eins hin. Was arbeitet da das Biest? Eine Bettstell' baut es sich und frißt's dann wieder auf, wenn Not an'n Mann is. Und was arbeit't der Mensch? — Nun, er baut ein Haus, damit er drin wohnt, und er zimmert einen Tisch, damit er dran ißt, und er haut Holz, damit er sein Essen daran kocht, und er fängt Fisch', wie ich, damit auch was zum Kochen da is. Also der Mensch arbeitet bloß um das gewöhnliche, gemeine Leben. Um weiter nichts. Aber daß den Maurer das Hausbauen und den Fischer das Fischfangen so besonders glücklich macht, das hätt' ich auch noch nich erlebt. Wenigstens bei uns in Moorluke is das nich so.

Zwar die Pasters sagen, daß Arbeit besser machen soll. Spaß. — Ich frag man: bünn ich denn so'n Musterspiegel, weil ich alle Tag' ein paar Wall von arme Heringen aus'm Wasser zieh' und sie um mich herum krepieren seh'? — Und für wen is denn schließlich all die Rackerei? Doch bloß für den Schwamm und den Wurm. Denn was nich verfault, das zermürbt. Ne, das seh ich woll, das Glück von die Arbeit is auch bloß solch ein Trostmittel vor die Menschheit. Wollen uns doch lieber nach was anderem umkucken!

Aber zuerst will ich nu schlafen! —

— — — — — — — — — — — — — — — —

Da ward aus Abend und Morgen der dritte Tag.

Als Hann seiner Spinne freundschaftlich »Guten Morgen« geboten und nun feierlich auf seiner Pritsche thronte, da wurde auf dem Hof ein helles Signal geblasen. Fröhlich schmetterte es ringsum, die starken Luftschwingungen stießen sich förmlich an den Mauern.

»Was is?« fragte Hann unwillig über die Störung.

»Rataplan — Ratatata —«, wirbelten ein paar Trommeln zur Antwort. »Ratatata.«

»Was nu? — Nu kommt woll der Kaiser?«

Aber bald hörte der Eingesperrte an den dröhnenden, klappernden Tritten, daß nur eine Truppenabteilung zum Tor hinausmarschieren müßte.

»Man gut, daß sie fort sind,« dachte Hann, der dies Trommeln und Blasen für einen Eingriff in seine Rechte betrachtete. »Man gut.«

Alles war wieder still, Hanns Gedanken jedoch waren ehrfürchtig neben dem Kaiser stehengeblieben. In seinem Geist nahm er den Hut ab.

»Ja, das is noch was,« sagte er. »Das nenn' ich noch 'ne Stellung.«

Er bedeckte sich wieder.

Ne, bei uns Niederen, da steckt es nich, aber bei solch einem Herrn, der die Macht hat, da is woll's Glück zu Hause. — Ich kann mir man denken, so einer pfeift — hüh — und dann gleich zehn Dieners schmieren ein Butterbrot, — und pfeift wieder, und — hast du nich gesehn — zehn andere ziehen ihm die Stiebeln aus. Ja, das laß ich mir noch gefallen — Aber — hm — ne, wie is das denn mit den Attentaten? Ich besinn' mich doch, wie oll Kusemann einst vorlas, mit den russ'schen Kaiser? Da soll es so 'ne Sorte geben, die es für ehrenvoll halten, so 'nen hohen Herrn mit allerlei Mordwerkzeuge auf den Leib zu rücken? Ich trink 'ne Tasse Kaffee, und dann is da Gift drin, ich drück' jemandem freundschaftlich die Hand, und die Karnallge stößt mir zur Antwort ein Brotmesser ins Genick. Pfui Deibel, mir könnten sie ja solche Kaiserstellung umsonst anbieten. Und was so 'ne arme Kaiserfrau zu Hause woll vor Angst aushalten muß — Ne, das wär ja rein zum Verzagen.

Aberst, das merk ich schon, mit allens, was unsre menschlichen Augen rund um sich herum sehen können, da bin ich nu durch. Is aber überall das Glück nich dabei gewesen. Na aber — daß mir das zuletzt noch einfallen muß — vielleicht verhält sich das mit dem Glücke nich anders wie mit dem lieben Gott; — es is unsichtbar. —

Hier schlug er vor Freude über den Einfall schallend auf die Pritsche, daß das Spinngewebe in der Ecke erzitterte. Und da er grade beim »lieben Gott« angelangt war, so fuhr er fort: Ja, es mag wohl in den innerlichen Geschichten liegen, vor allen Dingen in der Frömmigkeit. Wer fromm is, dem sind ja alle Seligkeiten versprochen.

>Selig ist — — —<, na, ich hab das auch nicht mehr so im Kopf, aber das is wahr, wer so recht fest an oben hängt, der kommt sich wohl zum Schluß vor, als ob ihm an Händen und Beinen ein langer Faden angebunden wär', wie bei die Hampelmänner auf dem Weihnachtsmarkt, und oben wird nun bei jedem Schritt gezogen, so daß man am Ende gar nich fehl gehen kann. Wahrhaftig, das wär doch recht sicher! — Und is das nicht auch beinah' so, wie bei den neumodischen Feuerversicherungen? Da heißt's: >Laßt ruhig zu Haus brennen, die Feuerversicherung Phönix zahlt nachher doch.< Sieh, dies Stück könnt' mir eigentlich gefallen.

Na ja, wenn bloß der lahme Krischan nicht hinterher hinkte.

Wer nämlich so eine himmlische Versicherung hat, wird sich der nich fix auf die faule Seite legen? — Und dann — gegen die Bettelei haben sie Vereine gegründet; wird jeder gleich eingesperrt. Zu dem lieben Gott aber gehen dieselben Vereine hin und betteln da ganz ausverschämt. — Denn was is Beten anders als Betteln? Und um was für Dinge belästigen sie nun den lieben Gott? Der eine wegen sein krankes Schwein, der andere um eine Nacht bei einer hübschen Dirn', und Bauer Haberkorn auf Poggenpfuhl hat den liefen Gott ganz andächtig gebeten, ob er seine Frau nich an einem giftigen Pilz draufgehn lassen wollt'. Und wenn nun der erste am selbigten Tag um Regen und der zweite um Sonnenschein bittet, was soll der Herr da anfangen? — Da is gar keine Menschenmöglichkeit.

Ne, mich is das grad'zu entgegen, wenn ich so die vielen Menschen wie Spitzbuben in die Kirch' schleichen seh', um den lieben Gott was aus der Tasch' zu ziehen. Ich hab' mich immer gedacht, hinbringen müßten sie was, hinbringen, und wenn's die lumpigste gute Tat wär', zum Beispiel einen Betrunkenen nach Haus tragen, damit er kein Elend anricht't. Und nich immer bloß die off'nen Bettlerhänd' hinhalten. Denn was muß das auf den lieben Gott woll auf die Dauer für einen Eindruck machen? — Ne, wenn ich Er wär', ich hätt' all längst das Schild >gegen Bettelei< an der Kirch' anschlagen lassen.

Ja, aber nun überhaupt mit dem lieben Gott —

Diesen Satz beendete Hann Klüth jedoch nicht, sondern erschrak und zog scheu die wollene Decke enger um sich, denn die Abenddämmerung war bereits niedergesunken.

Er fröstelte zusammen.

Oll Kusemann meint ja, man könne gar nich wissen, ob — — hm — — — ne, ne, oll Kusemann, den lieben Gott laß ich mir nich ausreden, man braucht ja bloß die Augen zuzumachen oder in eine recht wüste Gegend zu gehen, dann fühlt man ja ordentlich, wie nah er is.

Aber — aber ich sagte doch von Wissen.

Ob das ganz genaue Wissen von allen Dingen, wie es hier die Professors in der Stadt haben, ob das die Leut' nu wohl sehr glücklich macht?

Darüber muß ich nu direkt lachen. Denn die Studentens, die ich auf dem Bodden spazieren fahr', die sagen doch immer, was der eine von die Professors weiß, davon weiß der andere just immer das Gegenteil. Und wenn der eine rausklüstert, alles Leben käm' aus der Luft, dann find't der andere, es käm' aus dem Wasser — und Professor Römer sagt, es käm' aus dem alten Testament. Und wie düsig muß wohl den Studentens zumute werden, wenn die drei ihnen das so hintereinander einremsen.

Ne, vor so'n Elend bewahr' mich der liebe Himmel —

»Maul halten!« schrie auf dem Gange der Wachthabende und klopfte an die Tür. Und Hann mußte sich auf seinem Lager ausstrecken, während sein Atem regelmäßig in der Kälte ausdampfte.

*     *     *

Da ward aus Abend und Morgen der vierte Tag. — — »Nun wird mich das aber mit der Zeit recht ungemütlich,« sprach Hann Klüth. »Ich frier hier ja, wie ein Schneider, und all' meine Glieder werden mir lahm. Soll ich denn nu fürs Vaterland auf immer hier eingesperrt bleiben? Das halt' ich wohl gar nicht mehr lange aus. Und das Kommißbrot liegt mir auch schon wie Steine in'n Magen. Dazu das kalte Wasser, das schuddert mich durch den ganzen Leib.

»Ich hab' ja eigentlich gar nichts getan? Weshalb ist man bloß so streng zu mir?«

Er erhob sich schwerfällig und schlurfte mit steifen Beinen in die Ecke zu seiner Freundin im Spinnenhaus. Aber wie erschrak er, als er das Tierchen mit eingezogenen Füßen, erstarrt, eine Art Krümel, vorfand.

»Herr im hohen Himmel,« stotterte er. »Die is also auch bereits so weit? Erfroren? Und bei mir kann's auch jeden Moment kommen, denn mir is all recht elend.« Ganz zerschlagen wankte er wieder auf seine Pritsche, dort sank ihm sein Kopf schwer auf die Brust, und die Kälte senkte immer größere Müdigkeit und Erstarrung auf ihn.

»Merkwürdig, ganz merkwürdig,« murmelte er, »weshalb eigentlich die Menschen so schlecht zueinander sind? Und dabei gibt es doch nichts Besseres, als wenn man jemanden recht lieb haben kann.

»Aber was geht mich das an? — Ich werd' keine mehr lieb haben, und mich wird auch keiner mehr lieb haben, denn ich leg' mich nu hin, wie die Spinne, und steh nich wieder auf.«

Damit bettete er die graue Decke über sich, richtete die blauen Augen nichtssagend auf das Traillengitter, durch das der frostige Tag gleichgültig hereinsah, und lag regungslos.

Da erhob sich ein Gepolter an der Tür. Das bärtige Gesicht erschien wieder in der Klappenöffnung und schrie, Hann möchte ihm den Topf abnehmen, er sei sehr heiß. »Extraration,« setzte er erklärend hinzu, »vierter Tag. Um ein Uhr Ausgang.«

Da saß nun Hann, lachte über das ganze Gesicht und atmete neubelebt den Dampf ein, der ihm aus dem heißen Napf entgegenquoll.

I, das waren ja Bohnen und Schweinefleisch, na, nu sieh bloß mal, und wie warm, wie schön warm.

Und nachdem er heißhungrig sein Mahl längst beendet, saß er noch immer und streichelte dankbar den Napf.

»Kuck,« sprach er zu dem Topf, »zu Haus, bei Mudding, eß ich so was aus verschiedenen Gründen, die ich hier aus Anstand nich anführen will, gar nich gern. Aber hier? — hm! Wenn ich mir überleg', wie leicht, wie kindsleicht hat es nich ein Mensch, gegen andere Menschen gut zu sein. Mitunter tut's sogar, wie hier, ein Topf mit heiße Bohnen.

Pfui Deibel, — aber gut war's doch.

Ja, aber nun hab' ich solang über das menschliche Glück nachgedacht, und dieser Topp mit Bohnen belehrt mir nu, daß ein bißchen Liebe doch eigentlich das Hauptstück bleibt. Und wenn einem so'n Bohnentopp nun noch von eine liebe Hand gereicht wird und nich bloß von so'n Schweinigel, dessen Geschäft das is, ja, ich glaub', das hätt' solche Wirkung, daß man sich beinah einbilden könnt', es wär eigentlich Kartoffelsupp' mit Wurscht, was ich so sehr gern ess'.

Ja aber, wen soll man nun lieb haben?

Den lieben Gott?

I, das wär ja so selbstverständlich, als wie die eignen Eltern, und wär woll trotz alledem nich das eigentliche. Denn zu einer richtigen Liebe, mit Aussprache und Umarmung kommt's da doch nich. Dazu ist zuviel Respekt.

Und alle andern lieben, wie's unser Herr Jesus Christ von uns verlangt hat? sieh, das würd' ich nun für mein Leben gern tun, aber sie meinen ja jetzt, wie ich man neulich von oll Kusemann gehört hab', dann wär man ein verfluchter Sozialdemokrat, und man vernachlässigte auch sein Eigens zu sehr dabei, wenn man allen anderen in die Töpfe kucken wollt'. — Ne!

Was bleibt also übrig?

Na, Hanning, du schämst dich ja bloß, nu sag's doch, es bleibt eben das übrig, wovon Line das Allerschönste is — die Frauensleut.«

Hier seufzte er tief auf.

»Ja, ja, die müssen wohl zuletzt doch das Glück sein, denn man steht ja allerwegen, wie man zuletzt doch nach ihnen greifen tut. Und aus welchem andern Grund hätte sonst wohl Müller Pökel in Moorluke bereits die fünfte, als deshalb, weil man ohne so was nun mal nich leben kann. Nu is aber die Frage: besteht mit die Frauensleute das Glück einfach in dem Kinderkriegen, wie oll Kusemann meint? Oh, das wär' woll zu wenig. Oder in dem Immerzusammensein mit ihnen? Ne, dagegen sagt wieder das Sprichwort: >Allzuviel is ungesund<.

Das kann es also auch nich sein.

Ich glaub' man, es geht wohl den meisten damit so, wie es mir geht; es is die Sehnsucht, ja, die Sehnsucht nach einer; das is wohl das Schönste, das is wohl das Glück.«

Hier seufzte er wieder zum Erbarmen tief und schwer in sich hinein. Denn wohin seine Sehnsucht bereits in der Kindheit gezogen, das wußte er wohl. Und ebenso fest stand es, daß dieses Gefühl überwunden werden müßte, wollte er nicht dulden, daß man ihn verspottete oder gar verlache.

»Ne, ne,« ermannte er sich bekümmert, »Klara Toll — Klara Toll, ich sag's noch mal, damit ich mich den Namen recht fest ins Herz schreib', Klara Toll, die is für mich, und ich bin für sie! Die is still und ruhig, und mit der wird meine Sehnsucht woll allmählich auch still und ruhig werden. Ja — ja, und in der Meinung hab' ich schon ordentliche Sehnsucht nach Klara Toll.«

Und er murmelte noch mehrmals wie einer, der etwas auswendig lernt: »Klara Toll — Klara Toll.«

Und damit glaubte er am Ende seiner Einsicht zu stehen.


XII

Es dämmerte sacht, als ein Unteroffizier in Hanns Zelle trat, um ihm mitzuteilen, daß sein Arrest abgelaufen sei. Hann wurde über den Hof geführt, der Posten am Tor wechselte mit seinem Begleiter ein paar heimliche Worte, dann ächzte das schwere Holz, und der Befreite befand sich auf der dunklen Straße. Ein tiefer Atemzug, dann faßte er sich an den Kopf. »Ja, ja, er hatte doch manches da drinnen erlebt. Was war noch das Letzte gewesen? — Ach richtig, die Frauensleut', und besonders Klara Toll; ja, ja die besonders.«

Da legte sich eine Hand auf seine Schulter.

Als er sich überrascht umwandte, stand sein Bruder Paul vor ihm; und hinter jenem — ja, wer war denn das schlanke Mädchen mit dem Tuch über den Haaren und dem Körbchen am Arm? Das war doch nicht etwa? — Hann wollte das Herz klopfen, doch als die Gestalt näher trat, erkannte er, daß es die Schulmeisterstochter wäre.

Er senkte das Haupt.

Das waren also die beiden einzigen, die an seinem Schicksal Anteil genommen.

Der Kandidat sah ernst aus. Nichtsdestoweniger klopfte er Hann leicht auf den Rücken, während er davon anfing, daß der Gefangene es hinter den Mauern wohl nicht besonders gut gehabt hätte.

Es sollte ein Scherz sein, der dem Fischer über die Befangenheit forthelfen sollte, die der Theologe bei ihm voraussetzte; da Hann jedoch gutmütig lachend beistimmte, zog der Kandidat verletzt seine Hand zurück. So scherzhaft faßte er den Zwischenfall nicht auf: »Es ist für uns nicht besonders ehrenvoll,« sagte er, »daß die Sache mit dir so abgelaufen ist, aber, hm —« er sah seines Bruders unschuldiges, bekümmertes Antlitz und lenkte sofort wieder ein, »aber es ist eben jedem nicht so gegeben. Na, nun gib mir die Hand. Ich wollte mich nur davon überzeugen, daß du dir's nicht zu Herzen nimmst. Und nun adieu, Hann.«

Damit nickte er ihm mit seinem hageren Gesicht aufmunternd zu und verschwand um die nächste Ecke.

Hann befand sich mit dem Mädchen an der Kasernenmauer allein.

Drinnen übte auf seiner Kammer ein Hornist Signale: »Zum Ausschwärmen.«

Tarattata — tarattata.

Leise verschwommen klang es heraus, auf sie herab fielen wenige, müde Schneeflocken, die Luft war milder geworden, und es dunkelte stark.

Hann kratzte sich hinter dem Ohr: »Ja, ja, Klara,« begann er endlich, »daran hab' ich noch gar nicht gedacht, es is nich ehrenvoll für mich.«

Leichtfüßig trat sie ihm näher, ihre dunklen Augen standen voll Tränen. »Oh, Hann, laß das doch, bei uns draußen fragt da kein Mensch nach.«

»Das is wohl wahr. Das tun hier bloß die Gebildeten, Bruno und — Line.«

»Na, laß sie.«

»Ja.«

Und nach einigem Nachsinnen fügte er hinzu: »Wollen wir fortgehen, Klara.«

Langsam ausschreitend ließen sie das Gemäuer hinter sich. Es sank in die Dunkelheit zurück, und damit wich auch etwas von der Bedrückung, die den Burschen gefangen hielt.

Die Schulmeisterstochter stieß ihn sanft mit dem Körbchen in die Seite. Sie hatte ihm mit Wurst belegte Semmeln mitgebracht, und ein kleines Fläschchen Kognak.

»Weil ich meinte, du müßtest sehr hungrig sein, Hann.«

»Oh, Klara, du bist doch gut.«

»Na, da nimm.«

Die Semmeln mundeten ausgezeichnet, und der Kognak machte ihn warm und mutig.

Langsam streichelte er während des Hinschreitens an ihrem Arm herunter: »Klara, du bist doch sehr gut,« wiederholte er.

Sie nickte ihm zu und sah zu Boden.

»Also, du machst dir nichts draus, daß sie mich eingespunnt haben?« fing er wieder an.

»Nicht das mindeste,« erwiderte sie, »besonders, seit ich von oll Kusemann weiß, daß du nun frei bist.«

»Ja, das bin ich,« bestätigte Hann und warf sich in die Brust. »Ein Fuß von mir is kürzer.«

»Und daß sie dich nicht nach Afrika schicken.«

»Bewahre, ich bleib' nun hier.«

»Ja, jetzt bleibst du,« sagte sie zufrieden.

Sie versuchten, sich anzublicken, doch sie konnten in der Dunkelheit nur wenig voneinander entdecken.

»Klara Toll!« murmelte er plötzlich.

Es war, wie wenn er sich an etwas erinnere.

»Was sagst du da?« forschte sie.

»O nichts — ich will hier bloß, eh' wir mit der Hafenbahn nach Haus fahren, was in Ordnung bringen. Gib mir deine Hand, Klara.«

»Hier, Hann.«

Sie standen vor dem kleinen, schmalen, trüb erleuchteten Schaufenster eines Goldarbeiters der Hafenstadt.

Der Philosoph besah sich die Hand angelegentlich und nickte dann mehrfach bekräftigend: »'s is recht — aber nun — —«

Er wühlte in seiner Tasche herum, schien nichts zu finden und wurde unsicher.

»Zu dumm, aber darauf war ich nich vorbereitet; aber sag mal, Klara, könntest du mir vielleicht ein paar Taler leihen?«

»I, gern,« bejahte sie mit Hast, »hier ist ein Goldstück, das ich immer bei mir trag. Ist's auch genug?«

»Je, ich hab' keine Erfahrung in solche Sachen, aber der Mann wird ja nich unbescheiden sein. Und nun wart' hier eins einen Augenblick.«

Damit trat er unsicher in den Laden, und als er nach einiger Zeit wieder zurückkehrte, glühte Aufregung in seinem Gesicht, und Klara bemerkte, wie er eine kleine Schachtel zwischen den Fingern drehte.

»Du erhältst noch zwei Mark zurück,« stotterte er atemlos, »hier — und nun komm.«

»Ja, aber Hann, was — — —?«

»Ne, ne, nich hier; wenn wir allein sind.«

In Eile zog er sie fort; auch ihr begann das Herz zu hämmern, sie wußte nicht warum, bis sie an der offnen, vereisten Bahn des kleinen Flusses angelangt waren.

Ein kalter Wind wehte ihnen hier entgegen, aber Hann achtete nicht darauf, sondern drängte seine Gefährtin über die Geleise der Hafenbahn fort, hin nach der einzigen Pfahllaterne, die von einem hohen Rinnsteinbord aus eine kümmerliche, zuckende Helle verbreitete.

Hier mußte man warten.

»Die Hafenbahn ist noch nicht da,« sagte Klara Toll, der allmählich ängstlich zumute wurde.

»Ja, aber man hört sie schon läuten,« gab Hann verwirrt wieder, » — hörst sie?«

»Ja.«

»Nun is sie keine fünf Minuten mehr weit,« fuhr er fort.

Sie nickte.

Hann hielt sich an dem Laternenpfahl fest, seine Zähne klapperten gegeneinander, es war ihm, als ob er auf einem schaukelnden Boot stände. Mit einem Mal griff er nach Klaras Hand.

»Herr Gott,« schreckte sie auf, »was is?«

»Nichts — nichts — ich wollt' bloß sagen, jetzt sieht man schon die Lichter,« stammelte Hann.

»Ja, das sind sie.«

»Klara?«

»Ja?«

»Wer weiß, wie viel Menschen in dem Waggon sitzen? Und nachher — willst — willst dir nich mal ansehen, was hier in der Schachtel liegt?«

Er streckte ihr mit schwankender Hand die Hülle hin, und sie warf einen halben Blick darauf. In dem zuckenden Licht sprühte ihr ein rotgoldener Funke entgegen.

»Herr des Himmels!« rief sie und schlug die Hände zusammen.

Er klammerte sich fester an die Laterne und murmelte: »Ich würd' sehr froh sein, wenn du ihn von mir annähmst — und — und es is auch gleich Zeit zum Einsteigen.«

Jetzt griff auch das Mädchen nach dem Pfahl, und da standen sie nun, wie Kinder, die Ringelreihen spielen wollen.

»Hann,« flüsterte sie mit ihrer wohllautenden Stimme, »sag' die Wahrheit, hast du mich lieb?«

Der Bursche stockte, er setzte zweimal an, bevor er das Wort fand: »Ich bin dir sehr gut, sehr gut, Klara, weil, ja weil du selbst so gut und ruhig bist — Und du?«

»Ich?« —

Nun errötete sie und zupfte an ihrem Korb. »Ich hab' dich auch sehr lieb, weil du's so treu und ehrlich meinst, Hann.«

»Oh, — Klara, das is schön von dir — das — das hätt' ich wirklich nich geglaubt, weil ich doch noch gar nichts bin, aber von jetzt an will ich mir Mühe geben, so, und nun nimm auch den Ring — nein, nich umarmen, das is unpäßlich auf der Straße; und hier kommt auch schon der Zug.«

Und als er sie unbeholfen mit einem ritterlichen Versuch in den Waggon gehoben, und als das Abteil ganz leer war, und der Zug polternd durch die Dunkelheit weiterrollte, da beugte er sich zu ihr und sagte feierlich und ernst: »Nu küss' ich dich als dein Bräut'jam, Klara.«

Leise zitternd hob sie ihre Lippen zu ihm empor.

Beide schwiegen.

Und erst nach geraumer Zeit ermannte sich Hann zu dem Satz: »Und im ganzen bin ich dir nun achtzehn Mark schuldig.«

Da suchte sie verstohlen nach seiner Hand, aber er sah nicht ihre roten, bebenden Lippen, noch das liebliche, erhobene Gesicht, nein, aus seinem philosophischen Gemüt sprach es nachdenklich heraus: »Es is mir doch heil komisch, daß du jetzt meine Braut bist, Klara.«

»O Hann.«

Er fuhr auf.

»Ja — ja — willst du was von mir? Ich meinte nur so. Und da hält auch unser Zug. Komm, Klara, der Schnee ist hier zu tief, ich heb' dich runter.«


XIII

Rastlos knarrten die Räder.

Oll Chronos hatte Schnee und Winter in seinem Wagen von dannen gefahren; und eines schönen Tages kam er wieder und hatte Maien an seinen Karren gebunden.

»Nu is Frühling,« murmelte der alte Mistkutscher dabei in sich hinein; »kuck, was sich die Menschheit freut, grad, als wenn ich das erste Mal solch grünen Plunder zur Stadt brächt'; dummes Volk, die Hauptsache bleiben die Jahren.«

Der Konsul Hollander merkte das Grünen und Blühen daran, daß sein neuer Prokurist Bruno in einem hellgrauen, eleganten Frühjahrsanzug in dem Bureau erschien.

»Menschenskind,« rief Hollander süß-sauer, »was haben Sie da wieder für ein schönes Gebäude. Ist das nach Ihrer eigenen Zeichnung entworfen? — Die Adresse von dem Schneider müssen Sie mir geben.«

Auch bei Fräulein Dewitz meldete sich die milde Jahreszeit freundlich an.

Der Bursche des Weinhändlers Kroll stellte sich nämlich in der Küche der Lehrerin ein und übergab dem erstaunten Fräulein zehn Flaschen Maibowle, die Bruno aus spezieller Verehrung für die alte Dame gesandt hatte.

Auf einer beigefügten Karte stand außerdem zu lesen: »Daß der Spender, wenn er nicht fürchten müsse, das hochverehrte Fräulein zu stören, sich gern erlauben würde, den Abend des ersten Mai in ihrer gemütlichen guten Stube zu verleben, als letzten Ausklang der von dem Fräulein während des Winters so umsichtig geleiteten Leseabende.«

»Sieh — sieh,« räusperte sich die Handarbeitslehrerin nach der Lektüre dankbar und wohlwollend und warf noch einen raschen Blick auf die in Reih' und Glied aufgestellten Flaschen, ob es auch wirklich zehn wären, »sieh — sieh — ja, es stimmt — nein, dieser Herr Bruno ist wirklich — Gott, wie sag' ich — wie solch ein Kavalier aus dem ancien régime. Und, ja, ich kann mich gar nicht genug darüber verwundern, Lining, wie du darauf verfällst, gerade ihn so schlecht zu behandeln. Mir kam es manchmal vor, als legtest du es absichtlich darauf an, ihn zu kränken. Und dabei war er es doch, der dich darauf brachte, wie schön du zu lesen verstündest, und der, anstatt wie andere junge Leute sich leichteren Vergnügungen hinzugeben, diese anregenden und bildenden Leseabende mit uns abhielt. Ich wenigstens, ja ich muß mich noch immer an euch beide als Luise und Ferdinand erinnern, wie du vorlasest: >Der Himmel und Ferdinand reißen an meiner Seele< — sieh, da hast du mich wirklich direkt gerührt.«

Line hörte der guten Dame regungslos zu und nickte, aber um ihre Lippen spielte ein vieldeutiges Lächeln. — —

Oh, sie war klug, sie dachte selbst oft, eigentlich wäre sie wohl solch schwarze, kleine Hexe, die es den Männern mit einem gemurmelten Spruch antun könnte. Und wie ihr das wohltat, wie es ihr alle Glieder mit Wohlbehagen durchlief. Oh, sie wußte ja besser, was den hübschen Bruno so oft, so beharrlich die engen Treppen zu Fräulein Dewitz hinauftrieb. — Der Kuß — dieser eine brennende Kuß — und sie lächelte hinterlistig — den sie geleugnet hätte, würde man sie daran erinnert haben, denn er war ihr ja im Schlafe gestohlen, er, ja er allein war das flammende Zaubersiegel, das dem flatterhaften Menschen aufgedrückt war, und das sich nun weiterfressen mußte bis ins Hirn, bis ins Herz, bis alle seine Gedanken nichts mehr kannten als ihren Namen. Line, Line — und niemals Dina. Ah, das war ihre Todfeindin. — Nur sachte, sachte, sie wußte schon, wie Netze gelegt werden müßten, nicht umsonst war sie eine Fischertochter — und die andre, was war sie weiter als eine kalte, dummstolze Geldprinzessin —? Nein, die konnte keinen Mann behexen, ihn nicht zu allerlei Tollheiten verführen und ihn quälen und wieder glücklich machen und wieder quälen, ganz wie es geschehen mußte, bis man seiner völlig sicher war. Und hatte sie ihn nicht bereits halb und halb im Besitz?

Oh, wenn Dina, ja, wenn selbst Fräulein Dewitz geahnt hätte, zu welchen Tollheiten sie Bruno schon gebracht. Aber leise — leise — still, daß ja keiner hört! Da lagen in den Kästen ihrer Kommode, tief unten versteckt, allerlei Ringe und Armbänder und Halsketten von roten Granaten, die sie sogar schon einmal des Nachts vor dem Spiegel auf ihrer weißen Haut schimmern gesehen, und Gürtel mit bunten Steinen, und das allerschönste war ein winziges Glasdöschen voll mit Goldstücken, es konnten gewiß fünfzehn sein, die sie manchmal, wenn sie allein war, verstohlen durch die Hand laufen ließ.

Das alles hatte er heimlich, Stück für Stück gebracht, grade wenn sie recht unartig gegen ihn gewesen, recht schnippisch, recht verständnislos gegen das, was ihn nicht mehr zur Ruhe kommen ließ, und dem sie auswich, glatt wie eine huschende Schlange.

Ja, ihr Hexenmittel würde schon wirken — bald — bald. — —

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Auch in Moorluke wollte man trotz Frühlingsanfang in Liebesdingen sichergehen. Ein paar Monate nach Hanns Gestellung — man fuhr bereits wieder fleißig zum Fischfang — hatte Siebenbrod eines Sonntags vormittags, während er sich ein Paar neue Wasserstiefel aufmerksam eintrante, in der Küche folgendes Gespräch mit seiner Frau, die ihr Gesangbuch auf dem Schoß liegen hatte, weil sie ihrer geschwollenen Füße wegen die Kirche nicht mehr besuchen konnte: »Mudding, weißt was? — Mit Hann stimmt was nich.«

Die kleine Frau ließ ihr Buch sinken.

»Wieso, Siebenbrod?«

»Es is was mit Liebe,« fuhr Siebenbrod fort, wobei er eine große Portion Tran auf das Leder goß — »er singt.«

»Hann? — Was singt er denn?«

»Trauriges — solche Lieder, wie: Ich weiß nich, was soll es bedeuten! und andere Dinger. Aber dann is es soweit. Das kenn' ich.«

»Lieber Gott, aber wen glaubst du wohl?«

»Je, 's muß eine von den Schulmeisterdirns sein. Welche, weiß ich nich. Is mir auch egal. Aber ich merke es daran, daß Lehrer Toll seit einiger Zeit mich beim Bier immer was spendiert, und daß er dich 'ne Kruke Honig geschickt hat; ganz umsonst — und daß ich der einzigste bin, den er noch nich wegen seiner neuen Hagelversicherung rankriegen wollte. — Na, Mudding, in die Sache hab' ich aber auch noch ein Wörtchen mitzureden.«

»Du?«

Mudding erschrak und blickte mit ihrem bewegungslosen Antlitz den Fischer starr an, der ungestört und ruhig an seinem Stiefel weiterbürstete.

»Jawoll, Mudding,« brummte er endlich, wobei er behaglich an dem Leder roch; »kuck mich nich so verwundert an. Jetzt haben wir doch ein bißchen was, und da denkt sich Lehrer Toll, der so'n alter Siebenkluger is, da werd' ich eine von meine Dirns fein los! — Aber Essig! — Wenn er Hann nich ein paar Hundert Taler mitgibt, daß ich davon ein Motorboot bauen kann, dann tret' ich Hann keinen von meine Zesner ab, und von die Liebe allein kann er nich leben. Was, Mudding? Von die Liebe allein haben wir auch nich gelebt. Nich so?«

Von diesen äußeren Anfechtungen ahnte das Moorluker Pärchen freilich kaum etwas, und dennoch vollzog sich die innerliche Annäherung der beiden auch ohne dies nur außerordentlich tastend und zagend. Denn Hann war ein gar zu schwerfälliger Liebhaber. Mochte er der ruhigen Schönheit des Mädchens und ihrem sichtbaren Verlangen gegenüber, sich ihm zärtlich anzuschließen, noch eine zu große Schüchternheit empfinden, oder drückte ihn sonst etwas Unausgesprochenes, er sah sie manchmal, wenn sie des Abends in der Dämmerung am Bollwerk zusammenstanden, mit solch erstauntem, suchenden Ausdruck an, als wundere er sich immer von neuem darüber, daß das Schicksal sie beide zusammengeführt. Selten wagte er, ihre Hand zu streicheln, von einer Liebkosung hatte er, seit jenem Verlobungsabend, überhaupt abgesehen, und doch umgab beide, wenn sie so nebeneinander auf dem Bollwerk hockten oder in der Dunkelheit an den nebeldünstenden Seewiesen wandelten, eine so stille, friedliche Ruhe, daß sich alle Wünsche und Hoffnungen wie in wohltätigen Schlummer eingesungen fanden.

Manchmal standen sie in der Dämmerung, denn am Tage wagten sie noch nicht, sich miteinander zu zeigen, auf der äußersten Spitze der Mole und blickten auf die unter den Abendschleiern erzitternde Flut, in die der Mond Millionen zappelnder Goldfischchen geworfen hatte.

Dann konnte Klara Toll mit ihren sinnenden Augen hinausstarren, weit, weit, bis dahin, wo sich Dunkelheit und Meer verschlangen, und halb im Traum vor sich hinsagen: »Sieh, Hann, da hinter dem Wasser sieht man nichts mehr. Und doch liegt da noch Land. So ist's wohl auch mit unserm Leben.«

Das war nun so dunkel, daß es dem Philosophen mächtig behagen mußte.

Leise drückte er ihre Hand, und während der Westwind anhob zu summen, lehnte Klara ihr Haupt ein wenig an seine Schulter.

Es geschah das erste Mal und Hann stand regungslos.

Aber dunkler nur und schützender sank die Nacht, Hanns alter Freund, der Mond, lachte dazu gerade auf beide herunter.

Da holte der Fischer tief Atem und versuchte, mit seinen plumpen Fingern ganz zaghaft über die Haare des Mädchens zu streicheln.

In dem unsicheren Mondlichte blickte sie zu ihm auf, ihr Mund verzog sich zu einem stillen Lächeln.

»Klara,« begann Hann während des Streichelns und wälzte sich etwas von der Seele, was ihn schon lange mit Scham erfüllt hatte, »nun sag' ich endlich unsern Eltern, was mit uns is, denn dies Verschweigen is für dich nich gut.«

Das Wort schien ihr wohlzutun, und doch schüttelte sie langsam das Haupt.

»Nein, tu's nicht,« entschied sie endlich und streichelte ihm sacht die Wange. »Noch nicht.«

»Aber warum nich?«

Wieder zögerte sie und strich ein paarmal über seine Hand.

»Weil — weil es noch nicht gut ist — nur noch eine kurze Zeit. Hörst du?«

Diese Weigerung, die Klara schon öfter vorgebracht, vermochte er nicht zu begreifen: »Ja, aber,« stammelte er, »willst du mir denn nie erklären, warum — —?«

Er unterbrach sich, denn das Mädchen hatte wiederum ihren Kopf an seine Schulter gelehnt und hielt ihm die Hand vor den Mund, damit er nicht weiterforschen sollte.

»Ich erklär's dir schon mal,« beschwichtigte sie ihn, »vielleicht bald — — vielleicht sehr bald.«

Das war ihm nun unfaßlich und nicht im entferntesten ahnte er, welch feiner Regung der Entschluß seiner Verlobten entsprang. Sie war überhaupt ein nachdenkliches Wesen.

Davon erhielt er manchmal sonderliche Proben.

Inzwischen war Pfingsten herangekommen. Die Seewiesen funkelten von Tautropfen und gelben Marienblumen. Der Landwind führte Heideduft über das atmende Meer. Als Hann am ersten Feiertagsmorgen durch das wogende, tiefe Gras schritt, da entdeckte er an einer zum Bodden abfallenden Stelle zwischen Strandsteinen und Heideblumen einen braunen Kopf hervorlugen.

Den kannte er. Er hielt inne.

Sie saß ihm abgekehrt, plätscherte mit nackten Füßen in dem anspielenden Wasser, und während ihre Hände ruhig auf dem Schoß ruhten, summte sie, halb gedankenlos, ein paar Liedstrophen: