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Hann Klüth: Roman cover

Hann Klüth: Roman

Chapter 35: III
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About This Book

Set in a coastal fishing village, the narrative centers on an ailing pilot whose decline is observed by his household and neighbors; through interwoven domestic vignettes it traces the daily work, gossip, superstitions, and mutual care of sailors, women, children, and visiting tradespeople. The story follows family obligations, poverty, and community responses to illness and hardship while evoking the rhythms of maritime life and generational change; scenes move between the pilot's cramped room, boats, and quays, revealing characters' resilience, tenderness, and local folklore.

»Töwt, ick ward juch helpen,«[5] dröhnte der Alte, und schleuderte mit voller Wucht einen Blitz gegen die Brücke, unter der sich die Kleinen gerade verbargen.

»To Hülp — to Hülp.«[6]

»Krach,« ächzte das morsche Holz und stürzte bis auf ein paar Balken kopfüber in den gischtigen Strom.

Die Wetterhexe kreischte laut auf vor Vergnügen.

»Dat's recht — dat's recht.«

»Kiek,« sagte der Donner-Alte, »wat ick oll Mann noch bi Kräften bünn — aberst nu kumm, Ollsching, nu willen wie mal 'n recht schönen Schottischen danzen.«[7]

Und damit hopsten die beiden Alten wieder auf dem Bodden herum.

— — — — — — — — — — — — — — — —

Am Bollwerk standen die Moorluker und redeten darüber, daß es nach dem Einsturz der alten Brücke keine Verbindung mehr zwischen Moorluke und dem gegenüberliegenden Dorfe gäbe.

In Strömen prasselte der Regen dabei hernieder, und über Fluß und Land leuchtete es an diesem Nachmittag blau und schwefelgelb.

»Dat's slimm,« meinte der wassersüchtige Lotse Pagels mit dem verschnürten Bein.

»Wieso?« fragte Siebenbrod und stellte in seinem Kopf bereits eine Rechnung an. »Da kann jetzt einer mit einer Fähre ein schönes Geschäft machen.«

»Schön — schön, das kommt alles davon her,« fuhr der spindeldürre, lange Lehrer Toll dazwischen, »daß das olle Ding nicht versichert war, denn bei Versicherten schlägt's nie ein. — Noch kein Fall dagewesen, Herrschaften. — Na, also.«

Aber ehe diese Anspielung noch recht verstanden wurde, quiekten plötzlich durch den aufklatschenden Regen und das Heulen des Windes Harmonikamelodien hindurch. Es war, wie wenn die Weise aus dem Fluß dränge.

Was war das?

Alles schwieg.

»Herr Gott, Kinder, es wird doch nicht etwa Malljohann sein?« fragte oll Kusemann. »Sein Schiff liegt hier.«

Und durch den Haufen drängte sich ein großes, starkknochiges Weib. — Frau Dörthe Petersen, der weibliche Kapitän.

»Herrgott, was wollt's nich — was wollt's nich,« jammerte sie und rang die Hände. »Bei Gewitter schleicht er sich immer auf die Brücke und sagt, er müsse gegen den Donner aufspielen. — Was kann da einer für?«

»Malljohann — Malljohann!« riefen drei, vier Stimmen, um ihn anzulocken.

»Der Mann hatt' doch nu mal solche Gedanken in seinen Kopf,« klagte das Weib weiter und beugte sich über das Bollwerk verzweifelt gegen die zerrissene Brücke vor: »Huch,« kreischte sie plötzlich, »kiekt — oh, kiekt da — da sitzt was, wie sein Gespenst — o Gott, o Gott, wie ich mich fürcht'.«

Alle drängten sich um sie, alle starrten mit den seegeübten Augen durch Dünste, Gewitterwolken und den Regen hindurch, der wie ein graues Fischernetz alles umwob.

Richtig, da — mitten im Fluß — auf den drei einzelnen, stehengebliebenen Balken, da regte sich etwas Braunes — und jetzt, wo der Donner wieder über die vernebelten Wiesen knatterte, da unterschieden sie von neuem ein schwaches Getön.

»O je — o je,« heulte Frau Dörthe, »hört bloß — hört bloß, jetzt spielt er: Wer nur den lieben Gott läßt walten — Und wie spielt er.«

Nun drängte und schrie alles durcheinander.

Man müsse Bretter bis zu den Balken legen. Aber die würden nicht anhaften. Vielleicht einen Strick hinüberwerfen, allein der Verrückte rührte sich ja gar nicht. Oder ob man es trotz des weißen Strudels mit einem Boot versuchte? —

»Ich würd's tun,« erbot sich oll Kusemann. »Ich hab' all vier Menschen gerettet.«

»Ja woll, oll Kusemann — oll Kusemann,« stimmte alles zu.

»Aberst ich hab' heut grad meinen lahmen Tag,« kam der Lotse hinterher.

»Den wird er wunderbar erhalten,« quiekte die Harmonika durch den Regen.

»Hört bloß — hört bloß,« heulte wieder die Frau.

»Hanning?« rief der Lügenlotse durch den Lärm, »wo is Hann Klüth?«

»Hier — was soll er? — da steht er neben der Frau,« antworteten einige.

Oll Kusemann legte dem Burschen, der tiefsinnig auf das zertrümmerte Brückenwerk hinübersah, salbungsvoll die Hand auf die Schulter.

»Hanning, der Mensch soll für seine Mitmenschen was tun. Nich so?«

Aber der lange Lehrer Toll, der für seinen künftigen Eidam fürchtete, drängte sich aufgeregt und gestikulierend dazwischen: »Schön, Herrschaften, aber das ist ja der reine Unsinn. Es ist doch man einer, der seinen Verstand nicht voll hat.«

»Seinen Verstand nich? Wieso?« sprach Hann Klüth, indem er immer noch nachdenklich zu Boden sah. »Ich frag man, hat er sich nich auf den einzigen Balken gesetzt, der noch steht? Und spielt er nich mitten in den Tod ein geistliches Lied? Wenn er das mit einem kranken Verstand tut, was würd' er erst mit einem gesunden tun? Ne, ich hab' mich all ümmer gedacht, wir verstehen ihn bloß nich. — Um den wär's schad'.«

Mit einer schnellen Bewegung ließ er sich über das Bollwerk gleiten, in ein Boot hinab, das bereits halb voll Regenwasser stand.

Ihm nach kletterte noch eine zweite herkulische Gestalt, der taubstumme Riese Muchow, dem die Sache großen Spaß zu bereiten schien: »Hü — hü,« schrie er erregt und zeigte auf das Pfahlwerk.

Und kaum war das Boot losgebunden, so ward es von der Wucht des Stromes in einer Sekunde gegen den aufragenden Balken geworfen, so daß alle Rippen krachten. Im nächsten Augenblick jedoch umklammerte Hann bereits den Pfahl, zog den Musikanten, der gleichgültig alle Vorbereitungen mitangesehen, an den Beinen in das Fahrzeug und stieß darauf mit so gewaltiger Kraft von dem Balken wieder ab, daß der Nachen knirschend auf den Ufersand schoß.

»Hurra!« schrien die Moorluker entzückt.

Der Taubstumme umklammerte den Harmonikaspieler, hob ihn in die Höhe und warf seine Ladung gleichmütig wie einen Sack ans Land.

Dann sprang er selbst unter allen Anzeichen der Freude heraus. »Hü — hü,« gurgelte er, »Eierkauken.«

»Hurra,« schrien die Moorluker von neuem. »Nun Hann noch.«

Aber was war das? Ein vielstimmiger Ausruf des Entsetzens.

Eine einzige, wütende Woge war es, die das erleichterte Schifflein hoch in die Höhe hob, um es dann mit der Breitseite krachend gegen das Ufer zu schleudern. Hann flog kopfüber hinaus, hieb mit der Stirn gegen den Zacken eines eisernen Ankers, und in seinem letzten Augenblick war es ihm, als ob die Sonne glühend und blutrot vor ihm unterginge.

»Line,« stöhnte er.

»Hann — Hanning — Hann Klüth.«

»Das kommt davon,« sagte Siebenbrod, »der Bengel is immer solch ein Dämlack gewesen. Nu muß ich auch noch die Doktorkosten bezahlen.«

— — — — — — — — — — — — — — — —
— — — — — — — — — — — — — — — —

Es war gegen Abend.

In seiner Bodenkammer hatten sie ihn auf den engen Wandschragen gebettet.

Zwei Frauen saßen bei ihm.

Mudding, die von Siebenbrod mit ihrem Stuhl hinaufgetragen war, und die nun hilflos zusehen mußte, wie Klara Toll neben dem Hingestreckten saß, um ihm unausgesetzt kühlende Umschläge auf den Kopf zu legen.

Sie konnte so gar nichts helfen, das arme, alte Mudding mit ihren geschwollenen Füßen, aber stets wenn das schweigsame Mädchen dort in die Schüssel langte, dann streichelte die Alte langsam über ihre nasse Hand und murmelte: »Lieb's Döchting.«

Es war beängstigend still in dem schmalen, dämmrigen Raum. Nur zuweilen hörte man das Plätschern des Wassers und Klaras tiefe, zurückgepreßte Atemzüge.

Das Fenster stand offen.

Draußen hatte das Gewitter ausgetobt, ein ganz feiner rieselnder Regen fiel noch, aber hinten über den dampfenden Wiesen sah man die Sonne glühendrot hinter blaugrauen Schleiern untergehen. Ein leichter Wind schüttelte die nassen Pappeln vor dem Häuschen, und von überall her erhoben sich die erquickenden See- und Heudüfte.

So mochte wohl eine Stunde vergangen sein.

Hann lag mit starren, offenen Augen, ohne sich zu bewegen, er rührte sich auch nicht, als Klara Toll sich leise über ihn beugte, um ohne Furcht und Scheu vor der alten Frau ihren Mund auf seine Stirn zu pressen.

»Lieb's Döchting,« murmelte die Alte wieder und langte nach der Hand des Mädchens. »Lieb's Döchting.«

Klara Toll wandte sich und sah Hanns Mutter an. Dann streichelte sie behutsam über das schlichte Haar der Matrone. Die Alte schlang ihren zitternden Arm um die Hüfte der vor ihr Stehenden und drückte sie an sich.

»Du bist die Rechte,« sagte sie dann nach einiger Zeit.

Dunkler und dunkler war es inzwischen geworden. In einem weiten Dunstkreis erschien der Mond am Himmel und leuchtete verschwommen durch die nassen Pappelzweige.

Aus dem Garten rief stark und kräftig eine Schwarzdrossel.

»Mudding?« flüsterte Klara.

»Was?«

»Sieh.«

Hann hatte sich aufgerichtet, sah auf die flirrenden Mondlichter, die auf der Wand tanzten, und langte dann nach den beiden dunklen Gestalten.

Hoffnungsvoll gab ihm Klara die Hand.

Erstaunt und lange musterte der Kranke das Mädchen. Dann begann er: »Bist du nun da, Lining?«

»Hann,« rief Mudding erschreckt.

»Still,« verwies Klara, setzte sich zu dem Kranken auf den Bettrand und strich ihm die nassen Haare von der Stirn. Die Berührung schien dem Kranken wohl zu tun. Wenigstens hielt er die Finger des Mädchens fest umspannt.

»So,« äußerte er endlich nach einiger Zeit, »so ist's gut.«

Dann wurde er wieder unruhig.

»Lining,« hob er von neuem an, »ich krieg das nich aus'm Kopf, ich muß immerzu daran denken. Immerzu. Das mit Bruno, Lining« — seine Stimme nahm einen flehenden Klang an: »Es ist doch allens recht und in Ordnung mit ihm? — Ich kann gar nicht mehr schlafen — denk', ich geh Klara Toll immer aus'm Weg — oll Kusemann weiß es auch all — — Ach Lining, wenn du doch immer hier im Haus geblieben wärst.«

»Klara,« rief Mudding erschrocken und beschämt, »er is nich bei Verstand.«

»Ja, er fiebert,« sprach das Mädchen, ohne sich zu rühren und ohne aufzuhören, die Finger auf des Leidenden Stirn zu legen.

»Und wie du getanzt hast, Lining — weißt noch?

»Und die Molle voll Goldstücke aus der untergesunkenen Stadt — Und im Gefängnis, da hab' ich auch immer an dich gedacht — ich krieg dich nicht aus'm Kopf. — Aber die Angst — die Angst —«

Die kleine Frau wand sich in der Dunkelheit in ihrem Stuhle hin und her und rief endlich nach Licht. Man solle Licht anstecken. Es müßte hell werden.

Klara folgte. Nach kurzer Zeit brannte auf dem Stuhl neben dem Lager ein Talglicht. Dessen Flämmchen zuckte vor der einströmenden Luft hin und her. — Wie die Seele des Kranken.

Er sah sich in der unsicheren Helle ungewiß um.

»Klara,« murmelte er endlich.

»Ja, Hann — kennst du mich?«

»Ja, ja — was wollt ich nicht? — Aber — aber war noch jemand hier?«

»Nur Mudding.«

»Mudding — ich dacht' man,« flüsterte Hann und sank zurück, und noch einmal kam es ganz leise: »Ich dacht' man — —«

Dann ward es still.

— — — — — — — — — — — — — — — —

Es war beinah gegen Mitternacht, da saß auf der Bank vor dem Lehrerhaus, vor dem die blühenden Fliederbäume ihre Düfte in die Nacht hauchten, ein Mädchen und hatte das Haupt in beiden Händen verborgen, als sollte es noch dunkler um sie werden, und dachte nach und sann und sann.

Von fernher strich ein Windzug über das einsame Meer, der stieß an die Kirchturmglocke.

Es war, als ob die Nacht über ihre Verlassenheit seufzte. Und das Mädchen stand auf und tastete umher, wie wenn sie etwas suche, was sie nicht finden könnte, und schüttelte den Kopf und sann und sann.


II

Inzwischen zog der Sommer ins Land.

Der Konsul war mit seiner Tochter und ihrem Verlobten in das vornehme belgische Seebad gereist und die Geschäfte ruhten fast ausschließlich in den Händen mehrerer alter erprobter Prokuristen, sowie des unternehmenden Bruno. Und die Zeit forderte gerade in diesem Sommer die Unternehmungslust der Reedereien heraus.

Jenseits des Ozeans, vor Kuba, waren eines Morgens die amerikanischen Kanonen von selbst losgegangen und hatten mit ihrem Donner auch die deutschen Philister aus den Betten gejagt, die kleinen Rentner, die einen Teil ihres Ersparten in spanischen Werten angelegt hatten.

Aber noch lag ein spanisches Geschwader unversehrt in einem Küstenwinkel der Neuen Welt — man wußte nur nicht genau, wo. — Diese Flotte konnte hervorbrechen, konnte den Admiral Dewey überraschen, konnte — — — — die Spekulanten fieberten, die Depeschen flogen. — —

Für Bruno war dies eine gute Zeit. So angespannt, erregt und voll froher Laune hatte er sich noch nie befunden.

Ja, ja, Herzdame war für ihn eine gute Karte. Sie schlug.

Sie schlug wirklich. Er hatte jetzt stets das Portemonnaie voller Goldstücke und die Brieftasche gefüllt mit Scheinen. Zu Mittag, in der vornehmen Weinhandlung von Kroll, trank er jetzt beständig eine halbe Flasche Champagner, und für Line ersann er die zierlichsten Überraschungen.

Ach, was war doch Line für ein reizendes Liebchen. Wie wild, wie selbstvergessen hing sie an ihm, wie unberechenbar und wechselnd waren ihre Launen, die sie doch in seinen Augen nur begehrenswerter erscheinen ließen. Und dann — er merkte es deutlich — in der letzten Zeit war dieses kratzende Kätzchen bereits zahmer geworden, fügsamer; ihr Trotz verschwand. Denn nur so konnte er es sich auslegen, daß sie häufig in den knappen Augenblicken, wo sie sich beide unbelauscht zusammenfinden konnten, kaum die Augen erhob, so schweigsam war und zu dem meisten Beifall nickte.

Nur, wenn er, was er so gerne tat, von der Zukunft sprach, dann konnte sie ihn mit dem feinen Gesicht, das jetzt manchmal so blaß aussah, so dringend, so fordernd ansehen, daß er oft ganz betreten wurde.

Was konnte das bedeuten?

Ja, ja — sie wünschte wohl das Ende, ihre Gedanken hatten sich gewiß in dem langen, wehenden Brautschleier verfangen; und der sollte auch bald um ihr Haupt fließen — aber ihre kleinen Füße mußten dann in goldenen Schuhen wandern, denn in solch kleine Beamtenexistenz würde sich ja dieses lebenshungrige Geschöpf nicht fügen; dazu hatte er ihr die Zukunft schon zu herrlich ausgemalt — und auch er ertrug solche Beschränkung nicht, er sicher nicht; das durfte nicht das Ende sein.

Schließlich gehörte ja nur ein einziger harter Entschluß dazu, den mußte er eben fassen. Alle kleinen Versuche waren ja bereits geglückt!

Und doch!

Wenn er so des Morgens durch die alten Bureaus ging und den leeren Platz des Konsuls mit dem durchgedrückten Lederkissen sah, die abgeschabten verbrauchten Pulte, den erblindeten alten Koloß von Geldschrank, dann befiel ihn Zaghaftigkeit, dann starrte er vor sich hin und seine Kollegen mußten mehrmals fragen, bevor er Antwort erteilte.

Und eines Morgens erhielt er doch in diesem Schwanken eine Nachricht, die ihn hätte alarmieren müssen.

Ein jüngerer Beamter trat vor ihn.

»Wissen Sie schon?«

Keine Antwort.

»Die amerikanischen Schiffe sollen durch feindliche Minen total vernichtet sein —«

»Was? — was sagen Sie?«

»Hier — Depesche aus London.«

Bruno taumelte auf.

Da war es! — Da war der Moment, der ergriffen werden mußte.

Aber er stand und sah mit zitternden Händen auf die Gesichter der Beamten, sah auf die alte verräucherte Tapete, hörte auf das Knarren der Drehböcke und richtete seinen Blick verwundert auf den Verschlag, hinter dem der Kassierer, ein gebücktes, zitterndes Männchen mit blauer Brille, seit Jahrzehnten die Häufchen der Kassenscheine schichtete und den Abgang mit Kreide auf den Zähltisch schrieb.

Langsam sanken ihm die erhobenen Hände, die Depesche flatterte zu Boden, ein leises Stöhnen entrang sich der gequälten Brust.

Das um ihn herum, das Alte, Solide hatte noch einmal seine Macht geübt. Der Brauch, die Gewohnheit erwies sich noch einmal als der Stärkere.

Er stand und lauschte ängstlich auf das Kritzeln der Federn, das Rauschen der Folioseiten und das Ächzen des alten Geldschrankes, als sollten ihm alle diese etwas Tröstliches sagen. Und von dem Platz des Konsuls schien eine spöttische Stimme zu dringen: »Na, Klüthchen, wieder mal so tief in Gedanken?«

— — — — — — — — — — — — — — — —
— — — — — — — — — — — — — — — —
— — — — — — — — — — — — — — — —

»Lining,« sagte Fräulein Dewitz an demselben Nachmittag, »du gehst so viel hin und her, mein Kind, ohne recht eine Arbeit anzufassen; die Strümpfe zum Beispiel, die du für mich stricken sollst, liegen nun schon seit ein paar Tagen unberührt auf dem Nähtisch; was ist dir denn? — Du siehst auch so bleich aus und lachst gar nicht mehr, wie früher.« — Sie rückte sich ihre Brille zurecht und blickte das Mädchen forschend an: »Fehlt dir etwas?«

Die Gefragte blieb stehen und verzog den Mund zu ihrem alten Lächeln: »Nichts,« erwiderte sie gleichgültig, und doch ballten sich ihre Hände fast krampfhaft und öffneten sich wieder, ohne daß sie es selbst fühlte.

Die Handarbeitslehrerin, die auf dem Tritt am Fenster saß, um beim Kaffeetrinken durch den Fensterspiegel die Vorübergehenden zu beobachten, setzte ihre Tasse nieder und wollte ihre Pflegebefohlene auf andere Gedanken bringen.

»Was ich dir noch sagen wollte, Lining,« sprach sie, »heute vormittag, als du auf dem Markt warst, da war dieser alte schnurrige Lotse aus Moorluke wieder hier, der sollte uns nämlich einen Gruß von deiner Mutter bestellen und erzählte, daß es deinem Bruder Hann schon seit langem wieder besser ginge. Darüber freute ich mich sehr, und da behauptete der Lotse, er werde Hann die Rettungsmedaille verschaffen, denn, wie er sagte, wäre er ein genauer Freund von unserem Landrat, worüber ich wieder herzlich lachen mußte. Aber —« die alte Dame schob sich die Brille auf die Stirn, »Lining, was ist denn das? du hörst ja gar nicht zu?«

Line stand vor ihr und wurde bald blaß, bald rot.

»Ich weiß auch nicht,« stieß sie plötzlich entschlossen hervor, »ich möchte ein bißchen an die Luft.«

Die gute alte Dame wurde wirklich besorgt.

»Ja, ja, Lining, tu das und bringe mir gleich etwas aus der Bibliothek mit. Am liebsten wieder einen historischen Roman. Etwas, was unterhaltend und belehrend zugleich ist. Weißt du, wie neulich diese Christenverfolgungen. Daran habe ich mich sehr erbaut. Nun sput dich aber, mein Kind, daß du zum Abendbrot wieder zurück bist.« — —

Kurz nach Bureauschluß stieg Bruno die engen Treppen des Hinterhauses hinauf, in dem er, sowie einige höhere Beamte Hollanders wohnten.

In seiner Hand hielt er die Morgenausgabe der »Stralsundischen Zeitung«, in der ebenfalls die Gerüchte über den großen spanischen Seesieg genau verzeichnet standen.

»Wenn man das sicher wüßte,« dachte er, während die Stufen unter ihm ächzten, »aber die Gefahr, diese fürchterliche Gefahr.«

Und ihm fiel das kleine Lotsenhaus in Moorluke ein, und die Angst senkte sich wieder auf seinen Nacken, als hätte er eine überschwere Last die Treppen hinaufgetragen.

»Wer da einen Weg wüßte?«

Schwerfällig wie nie, zerrüttet von seinen eigenen Gedanken, betrat er sein kleines Zimmer, das noch in Dunkelheit lag.

Er schritt an den Tisch und wollte nach Zündhölzern suchen; da knisterte etwas.

Bruno hielt inne.

Von dem Stuhl am Fenster erhob sich eine Gestalt, die rasch auf ihn zueilte, um ihm die Hand auf den Arm zu legen, als wolle sie ihn hindern, den Raum zu erleuchten.

Die Hand zitterte.

»Bruno.«

»Herrgott, Line. Wie kannst du hierher kommen? Wenn dich jemand gesehen hätte?«

»Darauf kann ich jetzt keine Rücksicht nehmen. Du mußt mich anhören.«

»Lining; was hast du denn? — Soll ich nicht Licht machen?«

»Nein.«

Und dann trat sie ihm noch näher, ihre Finger umspannten seinen Arm fester und fester, und mit heiserem Flüstern teilte sie ihm ihr Geheimnis mit.

Allmählich erstarb das Raunen, Ruhe trat ein; es waren zwei schreckensbleiche Gesichter, die sich jetzt in der Dunkelheit ratlos anstarrten.

Aber dann — sie hatte sich nicht geirrt. Erschüttert, wie er war, fiel er vor ihr nieder, umklammerte sie in der Dunkelheit, und unter hervorbrechenden Tränen, zerschmettert in seiner nachgiebigen Natur, küßte er ihre Füße, ihre Hände, und zwischen tausend Schwüren und Bitten suchte er ihr ihre Angst auszureden, während sein eigenes Herz zitterte.

Zukunftsbilder, rosig, leuchtend, bestrahlt von seiner augenblicklichen Erregung, kamen ihm wieder wie von selbst in den Mund; aber sie ließ sich nicht mehr irre machen: »Also acht Tage noch,« drängte sie »dann kommst du zu Fräulein Dewitz?«

»Gewiß — gewiß — wie kannst du nur fragen?«

»Und auch zu den Unseren nach Moorluke.«

Auch das beteuerte er, und tief aufatmend, erleichtert, bot sie ihm den Mund.

»Weißt du,« sagte sie, wie zu sich selbst, »ich glaube, wenn du schlecht gewesen wärst, ich hätt' mit einem Messer nach dir gestochen.«

»Line,« stammelte er.

»Nein, nein.«

Und wieder reichte sie ihm die Lippen und war im nächsten Moment die Treppen hinuntergehuscht.

Er blieb allein und blickte auf die Stelle, wo sie gestanden. Dabei wunderte er sich, daß vor dem Ereignis die Qual seiner Gedanken plötzlich von ihm genommen war, er konnte überhaupt nicht mehr nachsinnen, sondern stand und horchte halb teilnahmlos auf das Klopfen seines eigenen Herzens.

Wie das hämmerte!

Ob das Angst war?

Angst? Wovor?

Wovor?

Und plötzlich war das jagende Entsetzen wieder da. Unheimlich sausende Bilder blitzten an seinem geistigen Auge vorbei, immer schneller und folgerichtiger, der Atem in seiner Brust schien stillzustehen.

Was nun?

Nun kam eben die Arbeit, die Arbeit für Weib und Kind, die ewig gleiche Mühe eines kleinen Beamten. Morgens — mittags — abends, immer würde der Drehbock vor seinem Pulte knarren, immer fühlbarer das Abhängigkeitsverhältnis werden, immer mehr die Freuden schwinden, nach denen er gehungert. Denn ein kleiner Beamter spart.

Kein Vergnügen, kein Luxus, keine Reisen mehr. Sparen — sparen.

Zornig warf er die Hand vor, als wollte er nach dem Worte schlagen, das ihm in seiner Jugend bereits so viel Pein verursacht, aber die Bewegung brachte ihn nur noch mehr in die Gegenwart zurück.

Lieber Gott im Himmel, es mußte ja sein, sofort, schnell, überstürzt, ehe die Katastrophe da war, — denn ein Zögern, ein Entrinnen gab es nicht mehr.

Oder doch? — Oder doch?

Mitten in der kleinen dunklen Stube wurzelte er plötzlich fest. Mit blendender Deutlichkeit, farbenprächtig, als ob er herrliche Lichtbilder sähe, flog es an ihm vorüber.

Was war das?

Wogende See, Schlachtflotten, Kanonendonner, und dann wieder das Drängen und Wogen erregter Menschen an der Hamburger Börse. An den schwarzen Kurstafeln erscheinen und schwinden die Zahlen — — Freudenrufe werden laut. — Nein, nein, nicht daran denken.

Nur diesem einen Gedanken nicht weiter folgen, der das Leben so leicht, so mühelos machen könnte, der — —

Rastlos auf dem Drehbock sitzen, schreiben, schreiben, bis die Finger krumm werden, einrosten und sich von Hollander höhnen und abkanzeln lassen — — und — und —

»Licht.«

Wer hatte ihm die kleine grüne Lampe entzündet? Er weiß es nicht.

Wer gab ihm die Worte, die er dort auf das Papier warf?

Als der letzte Buchstabe stand, überfiel ihn eine lähmende Ermattung.

Mit stumpfer Gleichgültigkeit steckte er das Papier zu sich, nahm seinen Hut und schritt in den Sommerabend hinab.

So verfolgte er seinen Weg, ohne den Kopf zu erheben, matt und seelenlos, bis er die große, neuerbaute Postanstalt am Markt erreicht hatte.

An einem Seiteneingang leuchtete hier ein rotes Transparent: »Telegraphenamt«.

Das war sein Ziel.

Er trat an den Schalter, der Beamte las und fragte: »Nach Hamburg?«

»Ja, nach Hamburg,« antwortete er gleichgültig, »Bankier Solmsen.«

Dann zahlte er und trat wieder in den Sommerabend hinaus.

Merkwürdig, der Platz war wie ausgestorben, auch die anstoßenden Straßen schienen leer. Bruno hatte plötzlich das Gefühl, als ob er gar nicht hierher gehöre, sondern ausgestoßen, an einem unbekannten Orte weile.

Dort die roten gotischen Häuser, um die die Abendschatten webten, er blickte zu ihnen hinüber, befremdet, als sähe er sie zum erstenmal.

Wohin nun?

Nach Haus — natürlich, nur zurück in das kleine Zimmer, und dann schlafen und alles vergessen.

Als er das Geschäftshaus wieder erreicht hatte, da stand ein Schreiber unter dem Torweg. Der trat dem Prokuristen ehrerbietig näher und teilte ihm mit, daß oben auf dem Zimmer des jungen Herrn ein Fremder auf Herrn Klüth warte.

Bruno stutzte einen Moment, dann stieg er teilnahmlos und ohne Neugierde die Stufen hinauf.

In dem Zimmer brannte noch die kleine grüne Lampe. Und als der junge Kaufmann öffnete, da sah er mitten in dem Stübchen einen schwarzgekleideten Mann, der ihm den Rücken kehrte und sich jetzt rasch wandte.

Es war sein Bruder Paul.

»Du?« fragte der Ankömmling enttäuscht und zugleich etwas erschreckt, denn das Erscheinen des Geistlichen versetzte ihn, seitdem er soviel vor dem Älteren zu verbergen hatte, stets in Angst und Unruhe.

Heute sollte ihm jedoch beides erspart bleiben.

In des Theologen eckigen Zügen arbeitete eine Verklärung, wie man sie sonst fast niemals an ihm wahrnehmen konnte, und als er jetzt auf den Jüngeren zuschritt, um dem Bruder, der sich vor Müdigkeit und Erschöpfung auf einen Stuhl niedergelassen, die Hand zu schütteln, da leuchtete soviel Freude aus seinen Augen, daß es dem Sitzenden trotz seiner Gebrochenheit auffiel.

»Paul, was ist dir?«

»Was Gutes.«

»Aber was?«

»Ich bin zum Pastor gewählt — zum Strandpastor auf dem Walsin, Junge.«

Die Stimme des Sprechenden zitterte vor Bewegung, und dann setzte er noch hinzu, jetzt wäre also das Ziel erreicht, das dem alten Lotsen Klüth während seines ganzen Lebens vorgeschwebt. Wenn der das noch gesehen hätte, »und dich, Bruno, der du doch auch auf dem Wege bist.«

Der neue Pastor stockte, denn er gab sich nicht gern solch weichen Erinnerungen hin, aber noch immer hielt er die Hand des anderen, und so merkte er wohl kaum, daß sich das Haupt des Sitzenden tiefer und immer tiefer neigte, bis die Stirn fast die Finger des Geistlichen berührte. Aber ehe Paul noch ein Wort des Befremdens hervorbringen konnte, sprang der Jüngere unvermittelt auf und riß den Strandpastor stürmisch an seine Brust. Paul mußte über das aufbrausende Temperament des jungen Kaufmanns lächeln. Und doch tat dem Harten eine solche Liebkosung wohl.

Dann folgten rasche, heftige Fragen.

»Wissen's die Unsrigen schon?«

»Ja, von Line komme ich eben.«

Bruno schlug die Augen nieder.

»Merkwürdig,« fuhr der Ältere fort, während er nachdenklich an der Lampe schraubte. »Als ich ihr's erzählte, tat sie etwas, was ich ihr gar nicht zugetraut hätte. Sie weinte und war gar nicht zu beruhigen. Ich glaube, die Stadt bekommt ihr nicht recht.«

Bruno rückte seinen Stuhl.

»Und unsre Mutter?« fragte er beklommen.

»Zu der fahre ich eben mit der Hafenbahn. Du solltest mich begleiten, Bruno; denke doch, wie sich Mudding freuen würde.«

Aber der Jüngere lehnte dies ab. Er hätte noch zu korrespondieren — die aufgeregte Zeit — und seine eigene Müdigkeit. — Und so kam es, daß nach einiger Weile Paul allein die Stufen hinabstieg. —

Als er über den Hof schritt, stand Bruno am Fenster und blickte auf die dunkle Gestalt hinab, die sich in ihrem schwarzen Rock kaum von der Nacht löste.

Laut und fest tönten ihre Tritte auf dem Pflaster, und dem Zurückbleibenden war es, als müßte er sich an diese weichende schwarze Gestalt klammern und sie zurückhalten, um jeden Preis. — Als er aufblickte, stieg der Mond gerade über das Gehöft. Alle Zacken und Spitzen ränderte er silbern, und langsam rollte sich ein Lichtteppich über den Hof. »Natürlich,« sprach Bruno zu sich selbst, »es muß ja wieder hell werden.« Und in dem Augenblick war er getröstet.

— — — — — — — — — — — — — — — —
— — — — — — — — — — — — — — — —

Das war ein Sonntag, den die Klüths nie vergaßen. Solange sie lebten.

Als längst alles zerschlagen war, kein Stück mehr auf dem anderen stand, Särge in den Gräbern schon morsch geworden, und nur der heulende Wind hinüber und herüber bangen, sehnsüchtigen Herzen Kunde trug, da dachten die einzelnen noch immer an diesen Tag und stückelten ihre Erinnerungen zusammen. — —

Die Sommersonne guckte so friedlich an jenem Morgen in das Altjungfernstübchen, als wollte sie selbst noch einmal jeden Lackstuhl besonders polieren.

»Blank — blank — blank,« summten ihre Strahlen. Und Fräulein Dewitz selbst sah so sauber aus, wie kaum jemals zuvor und niemals wieder nachher.

Sie las aus der Zeitung vor.

Und Line stand vor dem Spiegel und steckte sich eine rote Schleife an. Froh wie selten in den letzten Tagen. Sie beobachtete sich selbst mit Erstaunen. Sie wurde immer hübscher. Sie drehte und wandte sich. —

»Höre, Lining,« las die Handarbeitslehrerin kopfschüttelnd: »Ganz fett gedruckt steht es hier. Die Amerikaner haben dem spanischen Admiral Cervera alle Schiffe in den Grund gebohrt. Er selbst ist ins Wasser gesprungen, aber sein Sohn hat ihn gerettet. Das muß doch ein tugendhafter junger Mann sein. Aber wie gesagt, ich mag die Amerikaner einmal nicht leiden. Solche Republikaner halte ich für ein sehr wildes Volk.« Hier wurde sie unterbrochen, denn es klingelte.

Bruno trat ein.

Es war für die beiden Damen eine Freude, zu sehen, wie elegant und adrett der junge Mann sich wieder in seinem grauen Sommeranzug ausnahm. Er küßte dem alten Fräulein die Hand, sagte ihr allerlei Angenehmes über ihr Aussehen, erzählte, daß der Konsul gegen Mittag zurückerwartet werde, und schloß endlich mit der Bitte, ob ihn Line nicht nach Moorluke begleiten dürfe. Er möchte sich wieder einmal nach den Seinen umsehen.

Diese Erlaubnis konnte nun leider nicht erteilt werden, wenn auch Fräulein Dewitz die Familienanhänglichkeit der beiden jungen Leute nicht genug rühmen zu können glaubte, indessen das alte Fräulein schickte sich eben an, den Konsul und Dina von der Bahn abzuholen, und Line müsse sie begleiten. Dinas wegen. Das sei so in der Ordnung. Aber in den nächsten Tagen. Gerne — sehr gerne.

Bruno schien durch diese Abweisung etwas betreten zu werden, er plauderte noch ein Weilchen und wurde dann von Line hinausbegleitet.

Hinter der Glastür hielt sie ihn noch einen Augenblick fest.

Später blieb es ihr unbegreiflich, wie leicht und unauffällig sich alles abgewickelt hatte. Aber die großen Momente des Lebens pfeifen vorüber wie die kleinen, wie dieses selber! — Was bleibt?

Sie legte ihm leicht die Hand auf die Schulter und schmiegte sich an ihn.

»Bruno,« fragte sie, indem sie ihre schwarzen Augen drängend zu ihm erhob, »es bleibt doch bei unserer Verabredung?«

»Bei unserer?« — Er warf rasch ein »Ja — ja« hin und schien es sehr eilig zu haben.

»Übermorgen kommst du also zu Fräulein Dewitz — nicht so?« fuhr sie fort.

Er nickte, zeichnete mit dem Stock allerlei Figuren auf den Boden der Diele und griff dann fest nach ihrer Hand.

»Line, du sollst doch mit mir kommen.«

»Du hörst ja, ich darf wieder mal nicht. Außerdem bin ich auch noch nicht ordentlich angezogen.«

»Wie du hier stehst.«

»Wieso? — es ist doch nicht etwa was Schlimmes geschehen?«

Sie starrte ihn an.

Er erschrak. »Nein, nein, was denkst du? Durchaus nicht.«

Da lächelte sie wieder, und er war bereits die erste Stufe hinab, als sie die Lust anwandelte, mit dem Finger leicht nach seinem Nacken zu schnippen.

Da sprang er plötzlich zurück, zog die Überraschte an sich, und ein rascher, verstohlener Kuß brannte auf ihren Lippen.

Doch das Gescharr, das durch den feinen Streusand zu ihren Füßen erregt wurde, erschreckte Line.

Sie bog sich zurück.

»Du,« flüsterte sie warnend.

Da streichelte er noch einmal ihre Wange und glitt mit wenigen Sätzen die Treppe hinunter. Line aber huschte zu Fräulein Dewitz zurück, und als sie wieder an dem Spiegel vorüber mußte, da schwellte sie das stolze Gefühl, wie unüberwindlich doch die Macht der Schönheit wäre, und sie huschte wieder hin und her und schnurrte vor sich hin, genau so, wie sie es als Kind getan hatte.

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Später erinnerten sich die in Moorluke ebenfalls ganz genau daran und wunderten sich, daß sie es erst so spät verstanden hätten.

Und es war doch so einfach.

An dem Sonntag Nachmittag, zu jener Tagesstunde, wo die Fischer in Gruppen am Bollwerk hocken, um sich etwas zu erzählen, und wo die Mädchen Arm in Arm vorüberwandern, da hatte auch Bruno nach seinem Besuch im Elternhause mit dem Philosophen Hann am Rick gestanden, hatte nachlässig ins Wasser gesehen und den Bruder so teilnehmend nach allem gefragt, wie noch nie.

Woher er die rote Narbe über der Stirn empfangen, und ob es wahr sei, was oll Kusemann ihm im Vorübergehen zugeraunt, daß Hann jetzt heiraten wolle — und wer denn die Erwählte wäre, und schließlich müsse sich Hann doch ein hübsches Sümmchen erspart haben, wenn er an einen eigenen Herd denke?

Aber Hann hatte nur zu allem bedächtig den Kopf geschüttelt und dann war herausgekommen, daß er bis jetzt nur für Siebenbrod geschafft habe, und daß er auch ferner bei dem Stiefvater in Wochenlohn bleiben wolle. Denn sicher sei sicher.

»Ja aber, Siebenbrod — der,« raunte oll Kusemann wieder im Vorbeiflitschen. »Auf der Sparkass' nennen sie ihn all ümmer >Lütt-Rotschild<.«

Später besann sich Siebenbrod, daß sich der feine Bruno, kurz bevor er die Rückfahrt in die Stadt angetreten, auch zu ihm gesellt hätte.

Der ehemalige Bootsmann saß gerade auf der Bank vor dem Teil des Häuschens, der gegen den Fluß gelegen war.

Siebenbrod hielt die Hände gefaltet und sonnte seine Hakennase.

Da entspann sich zwischen den beiden folgendes Gespräch:

»Wie hübsch bei Ihnen alles imstande ist, lieber Siebenbrod. Sie sind doch ein fleißiger Mann.«

Der Zesnerfischer drehte weiter an seinen Fingern: »Je, man hat weiter nichts gelernt.«

»Mir scheint, seit dem Tode meines Vaters müssen Sie unser Besitztum recht vermehrt haben.«

»Je,« sagte der Bootsmann und besah sich seine wollenen Strümpfe, die aus den Holzpantoffeln hervorguckten, »die Leute sind hier all so schlecht, sie sagen einen lauter solch dumm' Zeug nach.«

»Aber aus den zwei Kühen sind doch jetzt fünf geworden.«

»Je, das sag' ich man,« nickte Siebenbrod Beifall, »sie fressen mich rein auf. Wenn Ihre Mutter nich so viel frische Milch haben müßt', ich hätt' die Küh' all längst wieder abgeschafft — aber Krankheit — Krankheit. Ja, ja, wie sagt noch's Sprichwort? Hast du 'ne kranke Frau im Haus — so trägt man bald den Tisch heraus — na, ja, das konnt keiner wissen.«

Damit erhob er sich und töffelte in den Flur.

Bruno starrte ihm nach.

Das war der letzte.

Und wieder stand er und wunderte sich, daß ihm weder leicht noch schwer war. Nur so furchtbar hohl, dumpf und öde, als wandle sein Geist nicht mehr mit seinem Körper zusammen.

Er verabschiedete sich kurz und fuhr mit dem nächsten Dampfer in die Stadt.

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»Kusch, Sultan!« sagte der alte Johann zu dem Pudel des Konsuls, mit dem er zur Abendstunde auf dem Hofe des Geschäftshauses saß. »Kusch!«

Doch als sich der Lichtschein in einem der hinteren Kontore wieder zeigte, da knurrte der Pudel von neuem, und Johann stieg auf eine Kiste, um durch die Eisenstäbe in das Bureau zu sehen.

Gleich darauf kletterte er wieder hinunter.

»Kusching,« sagte er, »es is bloß Herr Klüth — das tut nichts.«


III

Die erste, die es erfuhr, war Line.

Fräulein Dewitz kehrte von einem Vormittagsbesuch aus dem Hause des Konsuls zurück, schloß die Tür hinter sich zu, zwei-, dreimal, als ob sie sich von einem Polizeibeamten verfolgt wähne, und sank im Hut und Mantel schreckensblaß auf dem Sofa zusammen.

»Wer hätte das gedacht,« vermochte sie nur geistesabwesend vor sich hinzumurmeln; »wer hätte das gedacht?«

Und so seltsam mutete das Bild in seiner bizarren Feierlichkeit an, daß Line in einer jener widerspruchsvollen Launen ein Lachen nicht unterdrücken konnte, während ihr doch bereits das Herz still stand.

»Lach' nicht,« flüsterte die Handarbeitslehrerin, in Tränen ausbrechend, und winkte mit der Hand, »es ist zu schrecklich. Ich hätt' auf ihn geschworen.«

Jetzt lachte das Mädchen nicht mehr.

»Auf wen? — sag' doch — auf wen, Tante?« klang es plötzlich so schrill, so kreischend, daß das alte Fräulein entsetzt in die Höhe fuhr. Aber sie hatte sich wohl getäuscht, denn das Mädchen stand schon wieder ganz ruhig vor ihr, nur die Hände wanden sich in ewiger, unruhiger Drehung umeinander.

»Wen meinst du denn, Tante? Du sagtest doch vorhin — —«

Und nun begann die alte Dame wie verzweifelt an ihren Handschuhen herumzuknöpfen und brachte zitternd und verwirrt hervor, was sie eben erfahren. Unzusammenhängend Bruchstücke. Der Konsul hätte einen Brief erhalten — »denke dir, als er noch gar nicht rasiert war, ja, ja, noch nicht einmal rasiert,« aber das Zimmer Brunos sei bereits leer gewesen, auch der Koffer verschwunden. — Und gerade als das alte Fräulein eingetreten, wären Siebenbrod und Paul gerufen worden. Der neue Herr Pastor — ja, wohin sei er doch gewählt? Auf den Walsin oder auf den Swensin? Ach, es ist ja ganz gleich. — Und der erste, der es merkte, wäre der alte Johann gewesen, als er am Abend einen Lichtschein in dem Kassenzimmer wahrgenommen. Freilich, wer hätte auch glauben sollen, daß dieser feine, gebildete junge Mann ein Betrüger werden könnte. — Gott verzeih es einem, man möge das Wort ja gar nicht aussprechen! Und denke dir, Lining, fünfundzwanzigtausend Mark soll er auf den Namen des Konsuls an der Börse verspielt haben, und warum? Am Ganzen, sagen sie, seien die Amerikaner schuld. »Ja, ja, du kannst es mir glauben, es ist nicht gut, wenn Republiken so groß werden. — Ich sagte es ja.«

So sprach und hastete die alte Dame vor sich hin und knöpfte erregt ihre Handschuhe auf und wieder zu und merkte es gar nicht, wie ihr eine große Träne die Wange hinunterlief, denn im Herzen trauerte sie um ihren Liebling, der ihr stets so formvollendet die Fingerspitzen geküßt hatte.

Wie war's doch? Ein cavalier d'ancien régime. Ach, du lieber Gott, und jetzt ein Betrüger; aber wer kann aus dieser jungen Welt klug werden? Damit raffte sie sich zusammen, schloß die Tür auf und, einem bezwingenden Triebe folgend, gedachte sie wieder in das Haus Hollanders zu eilen, um abermals zu hören, zu ratschlagen und wieder von dannen zu flattern, als ihr plötzlich auffiel, daß Line sich noch gar nicht geäußert hätte.

Sie warf einen raschen Blick auf ihre Pflegebefohlene.

Da saß sie auf dem Tritt, auf dem die Lehrerin sonst selbst immer rastete, und zupfte mit einem verstörten Lächeln an den Fransen des Fensterkissens herum. Fräulein Dewitz stutzte. Wie merkwürdig zuckten die Lippen in diesem blassen Gesicht, wie krampfhaft gespreizt hielt sie ihre Finger, und wie unnatürlich wogte die Brust, als ob sie nur mit großer Qual laute, wilde Rufe unterdrücke.

»Lieber Gott!«

Fräulein Dewitz erschrak so über diesen Anblick, daß ihr alles andere nebensächlich wurde und ihre Hand auf der Türklinke zitterte.

»Herrgott, Lining,« stotterte sie.

Doch die Angerufene zupfte weiter. In ihren Zügen fuhr es hin und wieder. Endlich schien sie ein Wort gefunden zu haben: »Weiß man nicht,« stieß sie atemlos hervor, »wohin er gegangen ist?«

»Wohin?«

Die alte Dame besann sich. Hatte sie das in der Eile etwa vergessen? »Nach Amerika natürlich, nach Amerika war er geflüchtet, jenseits des Wassers, wie es alle diese Leichtsinnigen tun, die ihre Ehre verloren haben, und — —«

Die Hast der Erzählerin hatte sie bereits wieder zu weit geführt. Von neuem mußte sie sich unterbrechen, denn Line stand langsam auf.

»Mein Gott, mein Gott,« dachte das alte Fräulein, »wie wenn ihr die Glieder nicht mehr gehorchen wollen. Der Schreck muß sie wohl versteinert haben.«

»Lining,« stammelte sie ängstlich. »Was ist dir?« Da stieß das Mädchen endlich, endlich einen Schrei aus. Kurz, rücksichtslos, durchdringend, und fortan fiel alles Erzwungene, Anerzogene von ihr ab, als wenn sie niemals auf Zehen durch diese Räume gehuscht wäre.

Sie stürzte auf die alte Dame zu und rüttelte diese am Arm, als hätte das gute Fräulein ein Verbrechen gegen sie begangen.

»Hat er nichts für mich hinterlassen?« schrie sie und ballte die Fäuste. »Ich will wissen, ob er für mich nichts hinterlassen hat?«

»Für dich?« wiederholte Fräulein Dewitz vor Schreck starr und gänzlich verständnislos.

»Hat er nichts für mich hinterlassen?« tobte die Verzweiflung noch einmal aus dem Mädchen. Und als die Handarbeitslehrerin gänzlich erschüttert hervorbrachte, warum der Entflohene denn gerade an sie, an Line — über sein Vorhaben etwas berichtet haben sollte, da lachte die Entfesselte auf, jenes schrille, tolle Lachen, welches über die Beschränktheit höhnt, die das Natürliche nicht sehen will, und warf sich vor ihrer Kommode nieder und begann sie auszuräumen.

Alles klirrte und rollte auf der Erde herum, der alten Dame, die ihren Augen nicht traute, gerade vor die Füße.

»Da — und da — und da.«

»Herrgott, was soll das?«

Dem armen alten Fräulein begannen die Hände zu zittern, vor ihren Augen flimmerte es, sie mußte sich an der Klinke festhalten, sonst wäre sie gefallen.

»Lining — barmherziger Himmel — woher dast du das alles?«

»Das? — das?«

Das wußte die Rasende im Moment nicht, woher sollte sie das wissen? Darauf konnte sie sich nicht besinnen. Sie zerrte an den Ketten und Ringen herum und schlug mit den Fäusten darauf, und dann — dann brachte sie eine Photographie Brunos hervor, um sie in Stücke zu reißen, und die Fetzen im nächsten Moment wieder an die Lippen zu pressen und sie wieder wie entsetzt von sich zu schleudern.

Ach, und die gute, alte Dame!

In ihrem Altjungferngemüt dämmerte durch all ihr Entsetzen die einzige Erklärung auf, die einzige Hoffnung, die der frommen Beschränktheit möglich erschien: »Lining,« stotterte sie vor Furcht und Überraschung beinahe gelähmt. »Du hast ihn wohl am Ende gar lieb gehabt?«

»Ja — nein — ja.«

»Lining, willst du mir denn nichts davon erzählen?«

»Nein.« — Das Mädchen erhob sich plötzlich von den Knien, sah sich wirr um und raffte ihren Schmuck zusammen: »Ich will hier fort.«

»Fort? Fort? — Doch nicht von mir? — Warum denn?«

»Weil ich hier nichts mehr zu suchen hab'. Weil ich nicht weggejagt werden will — weil ich hier nichts mehr hören und sehen mag!« rief sie wie in heftigem Zorn, und ohne der alten Dame, die sie als Kind aufgenommen, die Hand gereicht zu haben, ja ohne ein Wort des Dankes, nur mit einem einzigen rollenden Blick, in dem die ganze Abneigung glühte, die diese fromme Engnis jahrelang in ihr aufgespeichert, so lief Line von dannen, barhäuptig, mit flatterndem Kleide, ähnlich, wie sie einstmals gekommen.

Die Handarbeitslehrerin aber saß auf ihrem Sofa und knöpfte die Handschuhe auf und zu und faßte sich an die Stirn und wollte ihrer Pflegetochter nach und sank wieder zusammen und dachte Anfang und Ende zu verknüpfen und sann und sann und rang die Hände: Wie war denn das? Und die gute Erziehung nützte gegen die Sünde nichts mehr? Und Dankbarkeit gab es auch nicht mehr? — Kein Wort des Dankes? Und all die guten Lehren waren umsonst? Und das enge, abgeschlossene Haus hütete nicht sicher? Und die kleinen Wirtschaftssorgen ließen noch etwas anderes zu? — Mein Gott, und Dankbarkeit gab es in der Tat nicht mehr? Wie ist denn das? — Junge Welt — alte Welt — wie ist denn das?

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— — — — — — — — — — — — — — — —
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Unterdessen lief Line durch die Straßen, mit dem kleinen Bündel in der Hand und barhäuptig, denn dieser übergewaltige Stoß hatte sie die junge Dame vergessen lassen, sie war wieder die Lotsentochter, die Fischerdirne, die da meinte, daß die Welt sich an ihr versündigt habe, daß sie bitteres Unrecht leide, und zwischen Wut und Scham schoß es ihr zuweilen unklar durch den Sinn, sie müsse sich rächen.

An wem?

Das wußte sie nicht, aber sie fühlte doch diesen heißen, brennenden Zorn, diese jagende Wut, die sie vorwärts trieben und die ihr vorläufig noch das Gefühl ungebändigter Kraft liehen. Und während sie am Fluß entlang auf Moorluke zueilte, da entlud sie sich in tausend wilden Schwüren, unaufhörlich murmelte sie es vor sich hin: Oh, sie wollte sich schon forthelfen, wenn sie auch alle anderen verließen, sie würde schon triumphieren, sie würde — — — Und stürmisch eilte sie weiter, dem pfeifenden Winde entgegen, der vom Meere hereinstieß. Sie sah nicht, wie grau und fahl sich der Himmel umzogen hatte, sie hörte nicht das Rauschen der Binsen an den Ufern, sie merkte nicht das Knistern der Staubwolken, die an ihr vorüberjagten, nur vorwärts rannte sie, ohne zu wissen, zu wem, denn sie wollte weder zu Mudding noch zu Hann, noch zu sonst jemand anderem, willenlos wurde sie vorwärts getrieben, bis sie plötzlich dunkle Bäume sich erheben sah, und darüber aufragend von ferne die Klosterruinen, ebenfalls in einem fahlen, wechselnden Licht.

Als sie das rote, kalte Mauerwerk auftauchen sah, da stand sie still.

Da duckte sie sich, wie geschlagen. Ein Blitz durchzuckte sie, schmerzhaft, stechend; zum erstenmal in all dieser Zeit überkam sie die Erinnerung an den Menschen, mit dem sie schon einmal unter den Ruinen gesessen, damals, als sie sich als kleines Mädchen auf seinem Schoß in den Schlaf einwiegte, als alles seinen Anfang nahm.

Ja, ja, dort drüben war es gewesen.

Sie hob den Arm und schüttelte die Faust nach den Ruinen, und der Wind zauste in ihren Haaren. Jämmerlicher Kerl! — Erst sie in Schande gestürzt — in Schande — Schande, und dann fortgelaufen und sie unter den höhnischen Gesichtern im Stich gelassen, sie und — —

Ja, ja, das war es; der erhobene Arm sank ihr, wirr blickte sie um sich, und in diesem Augenblick achtete sie zuerst darauf, wie ihr der Wind durch das Jäckchen fuhr, und wie die Binsen sich rauschend bis zu dem schwarzen, unheimlichen Wasser neigten. Wie das gurgelte, und wie weltverlassen sie hier stand. Außer ein paar weidenden Kühen jenseits des Flusses nichts Lebendiges ringsum.

Sie fröstelte und raufte eine der Binsen aus. Wenn doch ein Mensch gekommen wäre, aber nichts regte sich. Die Einsamkeit umschattete sie. Brennende Angst wuchs in ihr groß.

So — ja, so würde sie gemieden sein, denn die Leute hier fürchteten sich vor der Schande, oh, sie verkrochen sich davor; Line dachte daran, wie Fräulein Dewitz sich oft davor gesegnet und bekreuzigt hatte, und die Schande versperrte ihr ja auch anderwärts für die nächste Zeit Pfad und Unterkommen. Gewiß — sicherlich, das hatte sie noch gar nicht ins Auge gefaßt. Sie kaute an dem Binsenhalm, und, nachdem sie ihn fortgeworfen, trat sie in ihrer Verwirrung laut weinend mit den Füßen darauf herum, um schließlich wieder die Faust gegen die Ruinen zu richten: »Jämmerlicher Mensch!«

Aber was war das?

Durch den pfeifenden Wind hindurch antwortete von jenseits des Wassers ein langgezogener, heulender Ton, der hatte etwas Wildes, Markerschütterndes. Line war zu aufgeregt, um sich zu sagen, daß der Laut von einem der weidenden Tiere herrühren müsse, nein, sie stand und starrte mit weit aufgerissenen Augen über das Wasser auf die fahle Ebene.

Wie lautete doch ihr letztes Wort? — Jämmerlicher Mensch? — Nein, nein, das war ja nicht die Wahrheit. Sie — sie allein trug ja alle Schuld. Sie hatte ja Hexenmittel angewandt, um ihn anzulocken.

Ihre Sinne mußten sich wohl verwirren. Wie spielend schritt sie über das moorige Ufer, das unter ihr einsank, bis das schwarze Wasser über ihren Fuß kroch.

Hu, das war eisig.

Ruckartig zuckte sie zurück und stürzte wieder auf den Weg.

Dort drüben, wenige Schritte von ihr, ragte der Moorluker Turm, ganz dicht ihr zur Seite starrten die Brückenreste aus dem Fluß, und da — da bei den Stümpfen, da besorgten verschiedene Fischer einstweilen die Fähre, und unter ihnen glaubte sie jetzt auch die plumpe Gestalt von Hann zu erkennen.

Und jetzt? — Rief da nicht etwas »Lining«?

Nein, nein, nur nicht zu dieser plumpen Ehrlichkeit, das war das Schlimmste von allem, gerade dagegen empfand sie solchen Widerwillen, davor solche Furcht. Und jetzt rief es wieder: »Lining!«

Mehr hörte sie nicht. Mit wirbelnden Röcken lief sie den Landweg zurück, immer vor sich hinsagend: »Nicht Hann — nicht Hann.«

Vor ihr türmte sich im fahlen, blauen Schein die Stadt auf.

In einer halben Stunde würde sie wieder dort einziehen, von wo sie vor einiger Zeit gekommen. Wie lange war das wohl her? Und wohin? Zu wem lief sie jetzt? In ihrer Ratlosigkeit begann sie wild und heftig zu schluchzen. Ob sie nicht doch zu Fräulein Dewitz gehen und alles bekennen sollte? — Nein, nein, lieber zurück in das schwarze Wasser. Aber plötzlich war ihr das Ziel eingefallen. Paul.

Der neue Pastor. Warum gerade der, darüber vermochte sie sich in ihrer Aufregung keine Rechenschaft abzulegen, sie fühlte nur, er sei der Rechte, auf seinem Namen läge Ruhe.

Um die Mittagsstunde trat sie in sein Zimmer. Alles leer. Doch da die Wirtin meinte, Paul müsse bald zurückkehren, er sei nur von einem Diener des Konsuls abgerufen worden, so beschloß Line zu warten.

Todmüde sank sie auf einem Stuhl zusammen, und das Bündel, das sie bis jetzt geistesabwesend getragen, klirrte neben ihr zur Erde.

Sie wunderte sich zwar über den Klang, aber sie rührte sich nicht mehr. Regungslos, mit festgeschlossenen Augen hockte sie auf dem Sitz, traumhaft umflossen von dem Gedanken »wie ruhig — wie ruhig.«

Stunde auf Stunde verging, sie hatte kein Verlangen, sich zu erheben, nur wenn sie einmal den Kopf hob, dann fiel ihr Blick regelmäßig auf eine kleine, weiße Christusstatuette, die mit den gastlich geöffneten Armen auf der Birkenholzkommode stand und sie anzusehen schien.

Wohl fielen ihr die Augen wieder zu, aber immer wieder erhob sich die weiße Gestalt vor ihrem Blick, und plötzlich mußte sie daran denken, daß dies die Stellung wäre, in der Er gesprochen: »Lasset die Kindlein zu mir kommen.«

Wie merkwürdig das Wort: »Lasset die Kindlein zu mir kommen.«

Und wie seltsam, daß sich ihr im gleichen Moment die Vorstellung aufdrängte, wie garstig es gewesen, als das schwarze Moor unter ihren Füßen nachgegeben. Und war es nicht wieder, als ob sie sinke, tiefer und tiefer in diese weiche, schwarze Masse? Alle Erdengeräusche verschwanden, und allmählich nahm die Ruhe des Zimmers die Erschöpfte völlig hinüber.

— — — — — — — — — — — — — — — —

Durch ihren Traum schritt eine schwarze Gestalt, vor der sie Furcht empfand, weil der Fremde sie mit so starren Blicken maß, und als sie seine knochige Hand am Arm spürte, schrie sie laut auf.

Sie taumelte in die Höhe. In der Stube war es beinahe finster geworden, vor ihr stand Paul.

»Du?« stammelte sie, ohne sich recht besinnen zu können, und stieß mit ihrem Fuß an das Bündel, so daß es klirrte, »bist du endlich da?«

Er sah verwundert auf sie herab, schien sich jedoch ihre Anwesenheit erklären zu können, denn er äußerte nur rasch, ob Fräulein Dewitz ebenfalls bereits von allem unterrichtet wäre, und als Line wortlos genickt hatte, setzte er sich an den Tisch und bedeckte beide Augen mit der Hand. Jedoch einen Augenblick nur, dann sprang er wieder in die Höhe und durchmaß mit langen, schweren Schritten das dunkle Stübchen, immer gefolgt von den Blicken des Mädchens, das in seiner Erschöpfung noch immer ohne klare Gedanken dasaß.

Und wieder blieb der neue Pastor vor ihr stehen. Ihre Gegenwart und dieses gänzliche Zerschlagensein, als ob sie nun für immer auf seinem Stuhl hocken bleiben wolle, begannen ihm allmählich aufzufallen.

»Line, sag' mir, weshalb bist du zu mir gekommen?« fragte er, und seine Stimme klang dabei so rauh und gepreßt, daß Line merkte, wie sehr er sich zusammennehmen müsse, um so zu sprechen, wie er jetzt redete.

Allem ihre Gedanken flogen nicht mehr so rasch.

»Zu dir,« entgegnete sie müde, »ja — zu dir.«

Sie nickte wieder und sank von neuem auf dem Stuhl zusammen.

Paul verzog die Stirn, seine Augen suchten die Dunkelheit zu durchdringen, jedoch die Ermattete bewegte sich nicht weiter.

Der Theologe wurde unsicher.

Was bedeutete dieses schwächliche Gebaren, noch dazu von Line, deren Lebensmut nie zu unterdrücken gewesen? War dieses Gebrochensein allein durch das Unglück der Familie bedingt? Prüfend blickte er wieder auf die Erschöpfte. Und ohne daß er es selbst ahnte, begann sich bei ihm gegen das Mädchen dasselbe Mißtrauen zu regen, das seit dem ungeahnten Vertrauensbruch Brunos alle seine Empfindungen beschlich.

»Weshalb bist du in einem solchen Moment nicht zu den Unseren nach Moorluke hinausgefahren?« drängte er von neuem.

»Zu den Unseren?« wiederholte sie verwundert, und wie wenn die Dunkelheit sowie die Stille nur noch den einen Wunsch nach Ruhe in ihr übrig gelassen hätte, fügte sie schläfrig hinzu: »Laß mich.«

»Laß mich?« Langsam stieg der Zorn in dem Geistlichen auf: »Weißt du denn nicht, was geschehen ist?« fragte er heftiger, allein seine Worte mußten wohl an ihr vorüberhallen, denn sie streckte sich aus, ihr Kopf sank hintenüber, und wenn ihr Fuß nicht wiederum das Bündel berührt hätte, so hätte der Schlaf die Todmüde von neuem entführt, so aber schreckte das klirrende Geräusch sie auf. Hastig zuckte sie zusammen, dieser Goldton brachte sie endlich zur Besinnung.

Und nun flogen Rede und Gegenrede scharf zwischen den Geschwistern hin und her.

»Was hast du da?« fragte Paul, der ebenfalls das Klingen gehört hatte.

»Das? — o — — nichts.«

»Ich rate dir gut. Fahre zur Mutter hinaus. Du wirst unser Haus nicht mehr oft betreten!«

»Ich?«

Der Schreck lähmte sie beinahe, langsam erhob sie sich: »Warum gerade ich nicht?«

»Weil es verkauft wird, ebenso wie unsere Boote und das Vieh und meine Bücher, kurz alles. Von unserer Heimat bleibt nichts übrig.«

Er blieb mitten in der immer dunkler werdenden Stube stehen und legte sich die verschränkten Hände gegen das Haupt. Wieder klang ein leises Stöhnen durch den Raum. Aber Line achtete nicht mehr darauf.

»Wird er verfolgt?« forschte sie heiser. Sie sah, wie den andern die Frage durchfuhr.

»Das weiß ich nicht,« gab er widerwillig zurück, und dann ging er abermals im Zimmer umher, und eine lange Erzählung drang an ihr Ohr von Siebenbrod und dem Konsul, und wie er mit den beiden gerungen, und wie Mudding endlich draußen in Moorluke den Streit entschieden; aber Line hörte teilnahmlos zu, denn seit Paul während einer Pause die kleine Stehlampe entzündet hatte, seitdem traulicher Lichtschein die Stube durchdämmerte, da war die rasende, treibende Angst wieder in ihr aufgestiegen: Wohin? Wo ein Ruheplatz? — Wo ein Kissen für die Nacht? Wo ein Versteck vor der Schande?

»Weißt du, wo er sich aufhält?« stieß sie endlich hervor und fingerte in Hast mit den Nägeln auf der Tischplatte herum.

Aber der Gefragte konnte sich nicht mehr beherrschen: »Der Dieb?« schrie er dunkelrot und voller Abscheu, »der Halunke, der seine Mutter aus dem Hause treibt, während er selbst allerlei schlechtes Frauengesindel mit Armbändern und goldenen Ketten behängt? Oh, wenn ich nur wüßte, wo er zu treffen wäre, wenn ich ihn nur einmal noch vor mir hätte!«

Dabei nahm er einen Stuhl und stieß ihn in ohnmächtigem Zorn auf den Boden, daß die Füße zitterten. Line starrte ihn an.

Ganz weiß war sie geworden, langsam bückte sie sich und hob ihr Bündel auf, denn jetzt wußte sie, hier war ihres Bleibens nicht länger, und als sie sich aufrichtete, fiel ihr Blick auf die kleine, weiße Statue.

»Lasset die Kindlein zu mir kommen,« sprach sie, wie geistesverloren vor sich hin. Aber sie war so matt, daß sie keinen Schritt machte, sondern mit hängenden Armen stehen blieb.

Gleich darauf fühlte sie sich hart am Arm ergriffen, umkrallt, so daß sie hätte schreien mögen; ganz nahe blitzten die finsteren, mißtrauischen Männeraugen in die ihren.

»Wozu sagst du das?« hörte sie seine vor Aufregung heisere Stimme, »überhaupt du warst stets so viel mit ihm zusammen; ohne Umschweife, ich traue dir nicht. Und was trägst du da im Bündel? Ich will es jetzt wissen.«

Er streckte die Hand danach aus, aber sie hob ihre Schätze hoch in die Höhe.

Dann begann sie plötzlich aufzulachen, höhnisch und verzweiflungsvoll, und als sie sich zur Seite wandte, gewahrte sie, daß zum Fenster bereits schwarze Nacht hereinsah.

Unterdessen drang der Strandpastor zum zweitenmal auf sie ein. Noch drohender als vorhin.

Ja, sie merkte es, es war alles verloren, alles stürzte zusammen, hier war ihre Ruhestätte nicht.

Aber draußen lugte die Nacht herein und rief und rief.

Da streckte sie ihm mit einer wilden Bewegung ihr Tuch entgegen.

»Was in dem Bündel steckt?« schrie sie und wühlte alles hastig auf, daß der Inhalt hervorquoll. »Hier, sieh, Ketten und Armbänder und Ringe — ganz teure, die sind was wert — und alle für mich — alle für mich — die verkauf — hörst du — hier — hier.«

Damit raffte die Rasende einzelne Stücke heraus, schleuderte sie ihrem Bedränger mit aller Kraft vor die Füße, warf das ganze Bündel hinterher, und nachdem sie ihn noch einmal verächtlich angelacht hatte, wie sich weidend an seiner Betäubung, lief sie, gleich einem Hunde, der Schläge fürchtet, zur Türe hinaus. Paul hörte sie die Treppe hinunterspringen, vernahm einen heulenden Ruf, er hörte die Haustür klingeln, aber er regte sich nicht, er stand und starrte mit kaltem Entsetzen auf die Schmucksachen, die sich wie Ringe einer goldenen Schlange zu seinen Füßen wanden; in großen gleißenden Ringeln — die ewige Versucherin der Menschheit.