Du, du liegst mir im Sinn« —
Klaus Muchow sah ihn zuerst durch das Küchenfenster. — Er riß die Augen weit auf.
Musik hat etwas Versöhnendes, besonders aber bei dem Riesenpaar, dessen Herzensbedürfnis Lied und Tanz ausmachte.
Zuerst zog ein seliges Lachen über des Mannes Züge. Obwohl er die Melodie nicht hörte, hob er das rechte Bein.
Da konnte auch die Riesin nicht länger widerstehen; sie ließ den Kochlöffel fallen und lehnte sich an die Schulter des Fischers:
Weißt nicht, wie gut ich dir bin.«
Sie lachten, faßten sich an den Händen und drehten sich.
Line und der Teufel waren vergessen.
Sie tanzten.
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Eine Stunde später erhob sich Line von ihrem Lager. Sie sah sich mißmutig in dem engen Verschlage um, den Hann nach dem Beispiel von Frau Fiek ein »Stübing« nannte, schüttelte verächtlich die Betten des Wandschragens zurecht, der ihr als Lagerstatt diente, während Hann in einer Bodenkammer hauste, und setzte sich dann vor einem Stückchen zerbrochenen Spiegelglases nieder, das auf einer rohen Fichtenkommode stand, um sich die Haare aufzustecken.
Sie beeilte sich sehr damit, denn der Tag schien bereits hell in ihre Kammer, und jeden Augenblick konnte Hann von der See heimkehren. Hastig fuhr sie in ihre Bluse und zog den Stoff seufzend stramm. Draußen auf der Dorfstraße hörte man aus der Ferne noch immer die Leier spielen. Rasch öffnete sie das niedrige Fenster und lehnte sich einen Augenblick hinaus.
Aber das Katenhäuschen der Muchows lag weit ab vom Dorfe, und seine Fenster gingen direkt auf die Seewiesen und den Bodden hinaus.
Line verzog die Stirn.
Hier vernahm man die Leier nur ganz verschwommen.
Blauschimmernd wiegte sich wohl die See, im grellen Sonnenschein glitzerten die feuchten Wiesengräser, und eine Wolke gelber und brauner Schmetterlinge gaukelte in der stillen Luft umher, aber Line bemerkte das alles nicht.
Diese Einsamkeit!
Sie verschränkte die Hände, drückte sie gegen die Stirn und wandte sich heftig ab, als hätte die Ruhe draußen sie verletzt.
Aus dem Nebenraum war inzwischen ein scharfer Fischgeruch gedrungen.
Das roch so schlecht.
Schon als Kind hatte sie eine Abneigung gegen den Duft empfunden; und jetzt, wo sie ihn immerfort roch — jetzt schien er ihr beinahe unleidlich.
Sie setzte sich auf einen Schemel am Fenster und starrte auf die See hinaus.
Oh, wie schön und vornehm hatte es doch bei Fräulein Dewitz geduftet. Jeden Sonnabend nach dem großen Säubern hatte sie Lavendelessenz sprengen müssen. Und hier? —
Dieses verwünschte kleine Katenhaus! Und diese ungebildeten Riesenleute. Oh, sie wußte ganz gut, daß sie der Frau ein Dorn im Auge war, denn das Schicksal Lines hatte sich bereits herumgesprochen.
Man munkelte, ohne zu wissen.
Line biß sich auf die Lippen und ballte langsam die Faust.
Warum? Warum krochen die Monate so? Wie lange mußte sie hier noch sitzen? Wann war sie endlich frei und erlöst? Sie rechnete an den Fingern. Denn hier — hier blieb sie keinen Tag länger, als sie mußte. Hier war ja nur ein Versteck für sie, ein Unterschlupf. Hier band sie ja nichts! — Oder Hann vielleicht?
Sie zuckte die Achseln.
Freilich, sie wußte sehr genau, daß es Hanns größte Freude im Leben ausmache, ihr ins Gesicht schauen zu dürfen. Es war lächerlich — sie tat nichts dazu — aber es war einmal die Angewohnheit des ihr so ungleichen Bauern.
Und dann dachte sie sich auch, dabei könne man ihn lassen, das schadete ja keinem, und Hann müsse ihr schließlich noch dankbar sein, wenn sie diese elende Hütte mit ihm teile.
»Tag, Fräulein,« klang es von draußen.
Line fuhr auf.
Über den Wiesenweg zur Mole schritt oll Kusemann vorüber, der übertrieben tief seine zierliche Lotsenmütze zog und mit den Augen zwinkernd, wohlwollend fragte: »Na, ümmer noch gut zu Wege, Mamselling?«
Line sah ihn an, wurde blutrot und schlug klirrend die Scheiben zu.
»Kuck, wie nett,« sprach der Lotse, unbekümmert um ihre Wut, und dienerte rückwärts, wie ein Krebs, an ihr vorüber. »Na, solche Zornigkeit verschwindet aber bald wieder. Das bringen manchmal die Umstände mit sich. Ich komm und kuck mich mal abends nach dem Mamselling um.«
Damit ging er ehrbar seines Weges.
»Solch ein Kerl!«
Line kratzte mit den Nägeln an ihrer Schürze herum.
Das war nun der einzige, der sich nach ihr erkundigte. Paul, der neue Pastor, der jetzt auf dem Walsin amtierte, hatte seinen Bruder wohl schon einigemal besucht, aber immer wenn er eintrat, war Line rasch in Hanns Bodenkammer hinaufgesprungen oder durch die Küche auf die Seewiesen hinausgelaufen, um nicht mit dem Geistlichen zusammenzutreffen. Auch zu Siebenbrods wie Muddings Leichenbegängnis war sie nicht mitgegangen, sondern hatte sich, wie erschreckt, auf dem Boden des alten Hauses, das nun auch bereits dem Barbier gehörte, verkrochen. Und niemand hatte nach ihr gefragt. Selbst Hann schien dies Verstecken natürlich gefunden zu haben, denn er war nie mehr darauf zurückgekommen.
Die Einsame stieß ein zorniges Lachen aus.
Warum wohl Fräulein Dewitz nicht einmal herauskam? — Ach die! Die mochte bleiben, wo sie war! — Aber nicht ein einziges Mal sich erkundigen lassen? Das alte Fräulein hätte doch die Verpflichtung gehabt! — Und nun gar der Konsul Hollander oder Dina?
Line bedeckte plötzlich die Augen mit der Hand, denn das Gefühl des Ausgestoßenseins war übermächtig über sie hereingebrochen, dann jedoch, als ob sie sich dieses kurzen Nachgebens schäme, griff sie ebenso schnell nach dem Scherben von Spiegelglas und schleuderte ihn heftig auf die Erde.
An allem war nur Hann und dieses Katenhaus schuld.
»Da lieg.«
Die Splitter flogen herum.
»Lining,« sprach der eintretende Hann vorwurfsvoll und blieb breit unter der niedrigen Tür stehen.
Er trug noch ein feuchtes Netz in der Hand. Das Wasser lief an seinen großen Transtiefeln herunter.
»Guten Tag, Lining,« fuhr er nach einiger Zeit des Wartens fort.
»Guten Tag,« entgegnete sie gleichgültig, ohne sich nach den Trümmern umzublicken, und hob die Arme, um sich die gelockerten Flechten wieder zu festigen.
»Du hast wohl Ärger gehabt?« fragte Hann von neuem, indem er unausgesetzt die Scherben betrachtete, und ohne das Netz hinzulegen. Line rückte auf ihrem Stuhl hin und her. Wollte er sie etwa ausschimpfen?
»Nein,« erwiderte sie abgewandt, während sie zum Fenster hinaussah, »ich tat es nur aus Langerweile.«
»Aus Langerweile, Lining?«
Langsam ließ Hann das Netz zu Boden gleiten, fuhr sich schwerfällig durch die Haare und senkte dann in Gedanken das Haupt.
So lange lebten sie nun schon beieinander, Tag und Nacht war es sein eifrigstes Bestreben gewesen, sie auf bessere Wege zu bringen, und immer hatte er es nicht gewagt, ihr ein Wort der Mahnung vorzuhalten. Sie war so kurz angebunden, und sie stand ja auch so hoch über ihm, wenn auch jetzt das Unglück über ihr war. Aber heut, wo er wieder nur ein paar Heringe gefangen — kümmerlichen Pfennigerwerb — heute, wo ihm das Drückende seiner Armut immer deutlicher wurde, da beschloß er, ihr seine Lage zu beschreiben.
Vielleicht, daß das junge Weib, das er so gern ansah, einer Bitte zugänglich war.
»Langeweile, Lining?« hob er nochmals mit Anstrengung an: »Sieh, Lining, wenn du dich nun beschäftigen wolltest. Zum Beispiel mit Kochen für uns beide. Das wäre recht gut. Sieh, ich fang nun mal so wenig, ich bin eben viel ungeschickter, als die anderen Fischers. Und den Muchow-Leuten muß ich für unseren Unterhalt auch bezahlen. Aber wenn du zum Beispiel kochen wolltest, dann wäre mir schon geholfen. Natürlich, es is bloß so eine Idee von mir,« setzte er sofort besorgt hinzu, als er bemerkte, wie Line die weiße Stirne kräuselte.
»Nur eine Idee, Lining,« wiederholte er besänftigend. Aber sie warf bereits den Stuhl herum und rieb an ihren Händen.
»Wozu soll das erst?« fragte sie ärgerlich dagegen. »Hann, sag' selbst, wozu soll ich mich erst hier in der Katenküche mit der Fischersfrau zusammenstellen und den Trangeruch riechen, der mir so widerlich ist, da ich ja doch nur kurze Zeit hier bleibe? — Lieber verkaufe ich die Kleider und die paar Schmucksachen, die mir Fräulein Dewitz nachgesandt hat. — Hörst du? Da — in dem Schrank, nimm sie.«
»Gott soll mich bewahren, Lining, wo werd' ich?«
»So nimm dir den Plunder doch.«
»Aber wo werd' ich mich denn an deinen Sachen vergreifen?« wehrte er mit beiden Händen ab. »Nein, Lining, wenn du nich willst, dann wird es ja auch so gehen. Ich meinte nur, Beschäftigung bringt den Menschen so schön auf andere Gedanken.«
Sie sah ihn beinahe feindselig an. »Ich mach' mir aber gar keine Gedanken, Hann. — Über nichts! Und nun nimm dir die Sachen und hör' mit solchen Ermahnungen auf. Mich machst du doch nicht anders, als ich mal bin.«
Der Fischer senkte den Kopf auf die Brust. Dann seufzte er tief auf. »Nimm's nich übel, Lining,« brachte er endlich hervor, »ich hab' mich das bloß so gedacht.« Dann sah er sich schüchtern nach einem Stuhl um, der in der Ecke stand.
»Darf ich mich hier ein bißchen bei dir niedersetzen, Lining?« fragte er nach einer Weile des Schweigens.
Sie hatte bereits den Arm wieder auf das Fensterbrett gestützt und nickte kurz.
Er ließ sich auf den knarrenden Stuhl nieder. Und eine Pause trat ein, in der er darüber nachdachte, warum er ein ganzes Leben daransetzen wollte, um ein Geschöpf willfähriger zu machen, das doch gewiß nicht mehr zu ändern war. Aber das war ja gerade das Verhängnis dieses unpraktischen, versonnenen Naturkindes, daß es zu dem Schluß gekommen war, das Glück ruhe in einem Weibe.
Und dies — gerade dies Weib mußte es sein. Zu ihr leitete ihn der dunkle, unerkannte Trieb.
»Lining,« begann er endlich wieder leichthin, »hast du all Kaffee getrunken?«
»Ja,« murmelte sie durch die Finger.
»Is für mich auch welcher geblieben?«
»Das weiß ich nicht. Aber,« setzte sie achselzuckend hinzu, »ich kann ja mal nachsehen.«
»Ja, ja, tu das,« stimmte Hann heimlich erfreut bei.
Nach einer Weile kehrte das Mädchen aus der anstoßenden Küche mit einer Tasse zurück, die ihr Hann sorglich abnahm.
»Sieh, ordentlich eine Tasse,« lobte er geschmeichelt, und in seiner Dankbarkeit machte er eine unbeholfene Bewegung, als wollte er leise über ihre Hand streichen, aber Line zuckte hochmütig zurück.
»Laß.«
»Ich wollt auch nichts, Lining,« murmelte er erschrocken.
Eine Zeitlang hörte man nichts als das Schlürfen von Hann und das Summen der Fliegen, die unter der Decke herumkrochen. Dann wandte sich Line ruckartig vom Fenster zurück und stieß heraus: »Bist du nicht gestern in der Stadt gewesen?«
»Ja, warum, Lining?« fragte Hann, verwundert über diese neue Teilnahme.
»Damit man einmal etwas anderes hört,« fuhr sie in halber Verzweiflung fort. Dabei sprang sie auf und reckte die Arme: »Damit man mal wieder etwas hört, für das man sich interessieren kann.«
Hann sah sie betrübt an.
»Hier kannst du dich wohl nich einleben, Lining?« brachte er bedrückt hervor.
»Nein, Hann, das weißt du ja. Hier hab' ich schon als Kind nichts leiden mögen.«
»Ja, ja, Lining, das weiß ich.«
Seine Lippen bebten leise. Und als er jetzt seine Tasse unter den Stuhl stellte, wie das Fischerart ist, da blieb er in der gedrückten Stellung sitzen. Aber Line konnte ihre Wildheit nicht länger in sich verschließen, sie stampfte vor Leidenschaft mit den Füßen und fuhr noch heftiger fort: »Manchmal möcht ich mit den Fäusten an die Wand schlagen, daß ich das alles von dir annehmen muß. Ja, muß — ja, muß,« wiederholte sie in vollem Zorn. »Und daß du so viel für mich aufgegeben hast, die ich das doch alles gar nicht will. Zum Beispiel deine Braut, Klara Toll. Ist das nicht so?«
Hann rührte sich nicht in seiner Ecke.
»Laß Klara,« bat er nur, »laß Klara Toll.«
»Nein, warum? — Du paßt doch so gut zu ihr. Warum kommt sie gar nicht mehr her?«
»O Lining, das is doch so natürlich.«
Das konnte sie nicht verstehen.
»Wieso? — Was hat sich deine Braut um mich zu kümmern? — Was hast du ihr denn eigentlich gesagt?«
Langsam hob Hann sein Haupt in die Höhe: »Ich hab' ihr gesagt — Lining, nimm es nich übel — ich hab' ihr gesagt, daß ich nun für dich sorgen müßt, und da würd' es zu lange mit Klara und mir dauern.«
Line bekam ganz große Augen und sank halb unbewußt auf ihren Stuhl zurück.
»Und sie?« fragte sie darauf und zupfte verstört an ihrer Schürze, »was hat sie gemeint?«
»Sie hat alles eingesehen. Und morgen tritt sie in der Stadt ihre Stellung als Krankenschwester an.« Damit stand Hann auf, raffte sein Netz zusammen und schritt langsam zur Tür.
Einen Augenblick war es, als wollte Line von ihrem Platz aus die Hand vorwerfen, um ihn zurückzuhalten, dann aber mußte sie sich wohl anders besinnen, denn sie wandte sich kurz ab, um wieder verstimmt zum Fenster hinauszusehen.
Dort draußen gewahrte sie bald den Riesen Klaus Muchow, sowie dessen Frau, die mit Hann zu den Booten gingen und anfingen, die gefangenen Heringe in Kisten zu schütten.
Wieder trug der Wind einen scharfen Geruch herüber.
»Dabei soll ich vielleicht helfen?« dachte Line bitter. »Und was dies Weib wohl wieder alles auf mich zu klatschen hat? — Nein, nein, wenn's nur erst vorüber wäre. Nur hier erst fort.«
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Das Mittagbrot wurde in der Muchowschen Küche gegessen. Auf etwas anderes hatte sich Frau Fiek nicht eingelassen. »Ne,« hatte sie widersprochen, »ich will doch sehen, wie der vornehmen Dirn' mein Essent smeckt. Deshalb muß sie in die Küche raus.«
Man saß um den Herd, hielt die Näpfe in der Hand, und Frau Fiek wie ihr Klaus versicherten stets umschichtig, daß alles prachtvoll geraten sei.
»Eierkauken,« murmelte Klaus Muchow sehr befriedigt, während er einen ganzen gebratenen Hering verschlang. »Eierkauking.«
Er fuhr mit seiner Riesenfaust in die Schüssel, fuscherte in ihr herum und hob endlich den größten Brathering heraus, den er zum Zeichen seines Wohlwollens Line direkt an den Mund hielt.
»Eierkauken!« lobte er nochmals, klopfte sich auf den Leib und machte die Gebärde des Überbeißens.
Allein Line erhob sich rasch, stellte ihren Napf hin, lief eilig und ohne Gruß hinaus und warf die Tür hinter sich zu.
»Kuck,« sprach Frau Fiek gereizt, »ganz as ne Prinzeß. Hann, das is nichts für dich.«
»Oh, Frau Muchow,« entschuldigte Hann, »sie ist ja krank.«
»Ganz gleich.«
»I nein, Frau Muchow, sie wird schon anders werden. Ich glaub's ganz bestimmt.«
Damit erhob sich Hann gleichfalls, sagte Frau Fiek ein paar lobende Worte über ihre Küche und schritt hinter Line her.
Klaus Muchow aber saß noch lange mit offenem Munde da und besah sich abwechselnd den Fisch in seiner Hand, sowie die Tür, hinter welcher Line verschwunden war. Endlich kam er zu sich, schüttelte sich, und nachdem er den Hering in seinen eigenen Schlund geworfen, sprang er auf und trippelte ein paarmal mit überzierlichen Bewegungen zur Tür, womit er Line nachahmen wollte. Dann zeigte er mit dem Finger an seine Stirn und brüllte verächtlich: »Stäwelwichs — Stäwelwichs.«
Und Frau Fiek nickte diesmal zustimmend und entschied: »Dor hest du nu wedder eins ganz recht, Klaus.«
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Nachmittags saß Hann unter dem Fenster auf der Bank, die er sich selbst aus rohen Pflöcken zusammengeschlagen hatte, und putzte mit einem stumpfen Messer seine Netze. Es war ihm trotz des Schweigens, das zwischen ihnen herrschte, ein angenehmes Gefühl, daß auch Line seit einiger Zeit ihren dunklen Kopf in beide Hände gestützt hatte und hinter dem offenen Fenster auf das Meer und die Wiesen hinausschaute.
Ein schlaffer Tanggeruch kam vom Wasser. Auf der Oberfläche schossen Scharen von Möwen umher und spritzten zuweilen mit ihren Fängen glitzernde Tropfen in die Höhe. Aus den sonnenumdunsteten Binsen drang eifriges Gezirpe von Grillen und Heimchen.
Hann nahm ein zweites Netz zur Hand. Dabei fiel ihm auf, wie unausgesetzt seine Gefährtin in den wolkigen Dunst hineinstarrte, als ob sie versuche, weit, weit über das verschleierte Meer zu spähen.
»Ob sie nun wohl an ihn denkt?« fragte er sich beklommen, »an den Mann, der so schlecht gegen sie gehandelt hat?«
Wie oft hatte er sich schon mit geheimem Bangen diese Frage vorgelegt! — Aber das Verhalten Lines erteilte keine Antwort darauf. Gänzlich schien sie den Fernen vergessen zu haben. Sie sprach nie von ihm. Hann überkam wieder das Mitleid mit ihr.
»Willst du nich rauskommen, Lining?« fragte er.
Sie schüttelte das Haupt.
»Es is doch recht schön hier draußen,« drängte er weiter. Allein sie lehnte ab. Sie wolle nicht draußen sitzen, wo sie alle Leute sehen könnten.
Da war es wieder, dieses scheue Verstecken, das Hann so sehr rührte.
Der Fischer beugte sich noch tiefer über seine Arbeit und faßte sich endlich ein Herz.
»Lining,« begann er stockend, indem er eifrig weiterstocherte, um seine Befangenheit zu verbergen. »Du denkst wohl viel daran?«
»Woran, Hann?«
»An — an —« Der Name, der ihr so weh tun mußte, wollte kaum über seine Zunge. »An Bruno, Lining.«
Sie antwortete nicht, sondern stützte ihr Haupt noch schwerer auf die kleine Hand. Und ihre Blicke gingen wieder suchend durch das sonnige Gewölk hindurch. Nach einiger Zeit fragte er weiter: »Und an das, was kommen wird?«
Über ihr Gesicht ging ein Schatten, und doch saß sie ohne Bewegung, als sie sich nun kurz erkundigte: »Habt ihr seitdem nichts mehr von ihm gehört?«
»Nein, gar nichts, Lining, sonst hätt' ich dir's ja auch gesagt.«
Sie verharrte noch immer mit weitgeöffneten Augen. Plötzlich jedoch verzog sie die Stirn und warf herb ein: »Er hat es gewiß inzwischen zu was gebracht und lebt wieder herrlich und in Freuden. Und ich — — —?«
Hier brach sie ab und preßte die Lippen zusammen und wandte ihren Blick zornig auf Hann, als ob der an all dem Scheitern ihrer Pläne schuld wäre.
Das verwirrte den braven Burschen vollends. »Aber ich dachte — — ich wollte fragen,« stotterte er, »ob du ihm noch gut bist? Lining, darf ich das fragen?«
Da erhob sie sich rasch, warf den Kopf in den Nacken, und während sie rasch das Fenster schloß, lachte sie ärgerlich auf: »Du bist und bleibst ein Dummerjahn, Hann. Laß mich zufrieden.«
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Auch in anderen Dingen stellte sich immer mehr heraus, daß Line für das innerste Sinnen und Trachten des ihr so ergebenen Fischers gar keinen Sinn besaß. Ja, daß sie es förmlich darauf anlegte, die Scheidewand zwischen sich und dem Dorfphilosophen immer höher aufzurichten.
Bei zwei Ereignissen empfand dies der arme Hann, dessen harter Kopf es durchaus durchsetzen wollte, daß seine Märchenprinzessin sich bei ihm wohl fühle, besonders bitter.
Der August neigte sich bereits seinem Ende.
Eines Sonntags nachmittags — Hann saß gerade in einem Winkel seines Bodenverschlages und las mit Behagen Fritz Reuter, den ihm der Hafenmeister geborgt hatte, da bemerkte er aus der Ferne, wie eine schöne Frauengestalt in blauer Krankenschwestertracht den Wiesenpfad einschlug, und an seinen eigenen mächtigen Herzschlägen fühlte er, daß es Klara Toll sein müßte. Rasch sprang er auf, lief mit hochrotem Kopf zu Line hinunter, die müßig, wie stets, auf ihrem Lager schlummerte, und so groß war seine Erregung, daß er seine Scheu vor der Hingestreckten vergaß und sie leise am Arm zupfte.
Der Schlaf hatte ihre Wangen rosig gefärbt, es sah lieblich aus, als sie jetzt langsam die schwarzen Augen öffnete.
Sie mußte gut geträumt haben, denn sie lächelte ihn an.
»Was willst du, Hann?«
»Lining, ich hab' eine Bitt'.«
Sie richtete sich auf: »Jetzt?« fragte sie erstaunt.
Doch er ließ sich nicht abbringen, sondern drängte weiter: »Lining, Klara Toll kommt zu uns. Sie hat mir nich adschö gesagt, als sie damals in die Stadt ging, und nun will sie es wohl nachholen. Du tätest mir einen großen Gefallen, wenn du nich wieder fortgingest, sondern sie mit mir zusammen aufnähmst. Ja?«
Er bat so dringlich, daß Line von ihrem Lager herunterstieg. Achselzuckend strich sie sich die verwirrten Haare zurecht und mußte lächeln, als sie wahrnahm, wie Hann trotz seiner Bedrängnis, gebannt und mit offenem Munde, ihre Bewegungen verfolgte.
Ach, ihr Zauber bestärkte ihn täglich mehr in seinem Irrwahn.
»Nich wahr, Lining, du tust's doch?« brachte er sich endlich selbst auf andere Gedanken.
Aber die Angeredete schüttelte den Kopf.
»Wozu, Hann? — Was hat es für einen Zweck, wenn ich euch beiden zuhöre?«
In seiner Not griff er nach ihrer Hand und preßte sie, als wenn er sie zwingen wollte.
»Oh,« schrie sie unmutig auf.
»Lining, ich wollte dir nich wehtun. Aber du mußt dableiben!«
»Aber welchen Zweck hätte das?«
»Lining, kannst du dir das nich denken?«
»Nein, wie sollte ich das?«
»Nun denn — ich — ich — ich hab' solche Furcht vor Klara. Toll.«
»Du?«
»Ja, Furcht,« murmelte er in sich hinein und schloß die Augen.
Da sah sie ihn einen Moment starr an, dann trat sie zurück und lachte böse auf: »Du bist nicht recht klug, Hann,« gab sie zur Antwort. »Was geht mich deine Krankenschwester an? Ich sag's dir voraus. In ein paar Monaten, wenn ich hier fort bin, dann ist alles wieder zwischen euch, wie zuvor. Dann kann sie auch hierher ziehen, und pass' mal auf, Hann, wie schön sie dir dann die Netze flicken und mit Frau Fiek draußen Suppe kochen wird. Aber warum sagst du ihr das nicht gleich? Das wäre doch so einfach.«
Sie machte eine schnippische Handbewegung und übersah es, wie er mit tiefgebeugtem Haupte vor ihr stehen blieb. Noch einmal streckten sich seine großen Finger nach ihrer Hand aus. Doch sie legte die ihren sogleich auf den Rücken.
»Also in wenigen Monaten schon?« kam es stückweise von seinen Lippen.
»Ja,« nickte sie nervös, »ich zähle jeden Tag.«
»Ja, ja — das tust du. Ich weiß es woll. Und wohin gehst du dann?«
»Dummer Hann, wo es mich gerade hinweht, nur recht weit von hier. Aber sieh, da biegt Klara Toll um das Haus. Hu, wie feierlich sie aussieht. Ganz wie eine Nonne. Ich gehe an den Binsensteg. — Und du vertrag dich wieder mit ihr. Das ist das beste, was du tun kannst.«
Damit wand sie sich an ihm vorüber, und er starrte auf die weißen Dielen und schlug sich mit der Faust vor die Brust. Dann griff er sich an den Kopf und sah sich wirr um: »Dummer Hann,« quoll es von ungefähr aus ihm heraus. »Jawoll, dummer Hann. — O Gott, weshalb hast du mich da reingebracht? — Und weshalb muß das Weib grade das Glück sein? — Und warum muß diese da, die doch so schlecht is, für mich die allerbeste sein? — Ach, und warum hast du uns solch kleinen Kopf gemacht und solch große Rätsel da reingeschlossen? — Wozu soll das alles gut sein?«
— — — — — — — — — — — — — — — —
— — — — — — — — — — — — — — — —
Aber Line war nicht bis zur See hinabgeschritten, wie sie vorgegeben hatte.
Hinter dem großen Holzzaun, von dessen Zacken allerlei bunte Wäschestücke der Katenleute herabflatterten, weiße, blaue und rote, war sie stehengeblieben und drückte sich jetzt eng gegen das Holz an, so lange, bis sie dachte, daß das junge Mädchen in der blauen Tracht den Vorderflur erreicht haben müsse.
Jetzt läutete die Türglocke ihren rostigen Klang, und nun schlich Line auf den Zehen in die Küche zurück, die zu ihrer Freude leer stand, und legte ihr Ohr an die anstoßende Tür.
Muß doch mal hören, dachte sie im Innern belustigt, was die beiden dummen Menschen eigentlich miteinander vorhaben.
Und dann blinzelte sie durch den Türritz hindurch.
Drinnen stand Hann in seinem Sonntagsstaat und machte in seiner Verlegenheit eine Art Verbeugung, als Klara zu ihm eintrat.
»Guten Tag, Hann,« sagte die Besucherin freundlich.
Line hörte, wie Hann keine Antwort fand, sondern wortlos auf die schmucke Tracht des Mädchens starrte, die ihr in seinen Augen wohl etwas Vornehmes und Heiliges verlieh.
»Ja,« sagte Klara, die seine Bewunderung bemerkt haben mußte, »das ist unsere Sonntagskleidung — in der Klinik gehen wir einfacher.«
Auf eine Bewegung des Fischers ließ sich nun das Mädchen auf den Stuhl am Fenster nieder, auf dem Line sonst immer zu sitzen pflegte, während er vor ihr stehen blieb. Fast ohne Bewegung verharrte die plumpe Gestalt so, nur die Haare strich sie sich ein paarmal mühsam zurück.
»Nun hat er wieder Furcht, der dumme Peter,« dachte die Lauscherin an der Tür. »Welch ein unbeholfener Mensch.«
Schon wollte sie ihren Beobachtungsposten aufgeben, da nahm Klara endlich das Wort: »Ich wollt mich wieder einmal nach dir umsehen, Hann.«
»Du, Klara?«
Er sah sie groß an, sein Herz war voll Dankbarkeit, denn er war es nicht gewohnt, daß man sich viel um ihn kümmere.
Wie zierlich kräuselten sich nicht ihre braunen Haare unter dem weißen Latz der Kappe hervor. Wie still und friedvoll sah sie aus.
»Ich dachte, Klara,« hob er mit einem schweren Entschluß an, »du würdest — gar nich mehr kommen,« wollte er sagen, aber es fiel ihm ein, daß es wohl besser wäre, alle Erinnerung an das Gewesene zu unterdrücken, und so gab er ihr denn ernsthaft die Hand und fragte nur: »Klara, ich wollt' fragen, wie geht es dir da bei all den Kranken? Is das nich zu schwer für dich?«
Da ging ein Lächeln über das Gesicht, von dem er fand, daß es die schönen, roten Farben verloren hätte, und die blauen Augen leuchteten, als sie zur Antwort gab: »Hann, ich weiß gar nicht, wie andere das eine Arbeit nennen können. Mir nämlich ist es so, als wenn mir nun erlaubt wäre, beständig in der Kirche zu wohnen.«
»In der Kirche, Klara? — Wird denn dort gebetet?«
»Das auch, Hann. Viele beten da, und ganz anders, als die Gesunden beten. Wenn du das einmal hören könntest. Aber das ist es nicht allein. Aber wenn man so neben den Schwerkranken sitzt, die von den Ärzten bereits aufgegeben wurden, und bei denen nun alles von der Hilfe des lieben Gottes abhängt, und wenn man nun sieht, wie bei dem einen alles Sträuben nichts nützt und alles Hoffen, und wie plötzlich eine höhere Macht an dem Bett steht und den Kopf schüttelt, o Hann, das ist, als sollte einem das Herz erfrieren vor Hilflosigkeit und Ehrfurcht. Aber dann wieder das andere, sobald das Unmögliche geschieht, und es kommt in die halb gebrochenen Augen, die schon in den Himmel sahen, wieder Licht, und man merkt ordentlich, daß da etwas sein müsse, was durch die vertrockneten Lippen Leben eingießt, Hann, ich kann dir nicht beschreiben, welche Freude dann in solch kleines Zimmer dringt. Man meint förmlich, aus der Ferne Engelsgesang zu hören und horcht darauf, ob man nicht den Tritt des lieben Gottes spüren könnt'.«
Bei diesen Worten lächelte die Krankenschwester ganz glücklich, und ihre Augen strahlten, als ob sie in einen nahen, friedvollen, sonnenbeschienenen Garten sähen.
Bewundernd, halb neidisch, blickte Hann auf sie hin. Dann sagte er einfach: »Wie fromm du bist.«
»Das ist nicht fromm, Hann, das hab' ich doch alles erlebt.«
»Ja, aus dem Leben so die Frömmigkeit zu ziehen, das is woll das Wahre.«
Dabei nickte er versonnen in sich hinein.
Eine Zeitlang hörte Line draußen kein weiteres Wort. Und wieder mußte sie spöttisch darüber die Lippen verziehen, weil die beiden über nichts weiter zu verhandeln hätten, als über Kranke und über Beten.
»Pfui,« raunte sie vor sich hin, »es riecht ordentlich nach Klinik. Das ist mal eine langweilige Person.«
Aber gleich darauf preßte sie von neuem das Ohr an das Schlüsselloch, denn sie vernahm, wie Klara nach einigem Zögern ihren ehemaligen Verlobten nach seinem Leben, seinen Plänen, seinem Dasein fragte.
»Jetzt kommt's,« dachte Line, »sie ist gar nicht so dumm.«
»O Klara,« erwiderte Hann, »wie gut das von dir is, daß du dich danach erkundigst.«
»Wieso, Hann? — Mir ist es, als wenn ich mich immerfort um dich kümmern müßte.«
Er atmete auf, dann entgegnete er erfreut: »Ganz genau so geht es mir mit dir, Klara.«
»Das weiß ich, Hann, und ich kann auch nicht aufhören, dir herzlich gut zu sein.«
Er nahm ihre Hand und stammelte dabei: »Siehst du — gut sein — ja, das is es — gut sein, das bin ich dir auch, Klara, wie ich es mit gar keinem anderen sein könnte. Aber sieh — ich schäme mich so, wenn ich es aussprechen soll, is es nich schrecklich eingerichtet in den menschlichen Herzen, daß man der einen Frau so herzlich gut sein kann, und die andere hat den Zauber?«
»Welchen Zauber, Hann?«
Er fragte sie, ob sie sich der Geschichte oll Kusemanns nicht mehr erinnere, von der Liebeshexe. Die sollt' mal Venus geheißen haben oder auch Freiin. Genau wußte das der Lotse selber nicht. »Jedenfalls jetzt is sie ein altes Weib und sitzt irgendwo auf einem Kreidefelsen unter einer geborstenen Tanne. Und wenn sie ein rechtes Stück ausüben will, dann schneidet sie bei Vollmond aus dem Unterschuß des Triebholzes zwei saftige Stäbchen, schält sie ab und schreibt zwei Namen darauf. Immer solche, die gar nich zueinander passen. Wie Lines und meinen. Und dann bindet sie sie zusammen und schleudert sie ins Meer und murmelt etwas dabei in ihren Bart, damit ein Hecht kommt und die Stäbchen verschluckt. Und solange der Hecht nich gefangen und aufgeschnitten wird, auf daß das liebe Tageslicht wieder auf die Hölzer scheint, so lange, Klara, kommen die beiden Menschen nich auseinander und wollen auch nich.«
Sie wandte ihren klaren Blick auf ihn.
»Und das ist alles so bei dir?« forschte sie. Ein tiefes Mitleid zitterte aus ihrer Stimme.
Er holte tief Atem und rang die Hände.
»Ja, Klara,« gab er dumpf zurück. »Das is so bei mir. Das Tageslicht will nich auf mich fallen.«
»Und die Hölzer passen nicht zusammen?«
»Nein, Klara, sie passen nich.«
»Und das weißt du?«
»Das weiß ich ganz genau.«
»Armer Hann.«
Er wischte sich den Schweiß von der Stirn.
»Ja, Klara, was hilft das? — Da hilft kein Beten. Ich will dir was Geheimnisvolles sagen, hör' zu. Was sie mir auch antut, so viel Schlimmes und Herzwehes, es is, als ob ich ihr deswegen nur noch mehr dienen müßt. Und das hat kein Ende. — Gar kein Ende.«
»Kein Ende, Hann?«
In dem Auge der Krankenschwester begann eine Träne aufzuperlen. Die sah aus wie ein Tautropfen, der auf einem dunklen Veilchen liegt. Dann nahm das Mädchen die Hand des Freundes und streichelte sie sanft.
»Hann, ich will wünschen, daß es ein glückliches Ende wird.«
Da schüttelte er düster das struwelige Haupt.
»Klara, das siehst du ja selbst. Es kann gar kein rechtes Ende nehmen. Ich will auch nur, es bleibt alles so, wie es jetzt is.«
Sie stand auf.
Beide reichten sich die Hände zum Abschied.
»Kommst du bald wieder?« forschte er scheu.
Sie nickte verhalten.
»Ja, Hann, wenn es dir recht ist. Ich fühle so, als wärst du auch einer von meinen Kranken.«
Da legte er beide Fäuste auf ihre Schultern, daß es ihr weh tat, und gequält drang es endlich hervor: »Ich wollt', du säßest an meinem Bett. Und das Heilige, von dem du vorhin erzähltest, schüttelte den Kopf, und du drücktest mir mit deinen lieben Fingern die Augen zu. — Adschö, Klara.«
Damit schob er sie gewaltsam von sich.
Als die Türglocke über ihrem Haupte läutete, schluchzte die Enteilende leise auf.
An der Küchentür aber lehnte ein anderes Weib. Das streckte wie abwehrend ihre Hand gegen den anstoßenden Raum, aus dem etwas gegen sie anzog, wie eine zwingende Macht, und ein paar blutlose Lippen murmelten: »Nicht — nicht —«
Am Abend saß Line auf einem Strandstein. Der ragte massig und einsam über die Wiesen hinaus. Am Himmel zitterten die Sterne, zu ihren Füßen plätscherten kleine Wellen. Die liefen geschwätzig zu ihr hin, und wenn sie von ihrem Fuß zurückgestoßen wurden, dann drängten sie sich doch wieder heran, immer lispelnd, flüsternd, immer dasselbe eintönige Wort: »Armer Hann.«
Das junge Weib seufzte und strich sich die Haare zurück, die der Seewind löste, und sah in die runde, matte Scheibe hinauf.
Der Mond stand voll.
Jetzt war's also die Zeit, wo die Hexe ihre Stäbchen zusammenband.
Das junge Weib schüttelte sich und stieß wiederum einen lauten Seufzer aus.
Eine Stimme rief aus der dunklen Katenhütte: »Lining — Lining — wo bist du? — Die Abendluft tut dir nich wohl.«
Da sprang die Versteckte auf, führte den Finger empor und schleuderte unmutig einen Tropfen von sich, der sachte durch die Wimpern geronnen war.
Dann lief sie auf Umwegen, und zwar so, daß die herantappende dunkle Gestalt sie nicht halten konnte, in das Haus.
— — — — — — — — — — — — — — — —
Von dem Strandstein rinnt langsam der Tropfen herab. Er glitzert im Mondlicht.
»Eine Träne?« fragt irgendwas im Wind.
»Eine Träne!« wispern die Wellen und nehmen sie mit sich ins Meer.
VI
Seitdem wird es etwas besser in dem Katenhaus. Line nimmt sich vor Hann zusammen, sie zwingt ihre zornige Laune nieder, so oft sie daran denkt. Sie streitet sich auch nicht mehr mit Frau Fiek, sondern sitzt bei den gemeinschaftlichen Mahlzeiten still auf ihrem Holzschemel, und nur, wenn die Muchows etwas zu dröhnend werden, wenn sie singen oder mit den Füßen aufstoßen, dann zuckt es in ihren Augen auf.
Ein Feuerfunke, der hinausfliegen will.
Aber die anderen merken nichts davon.
Nur Hann fühlt mit Staunen, allmählich mit Herzklopfen, später mit Angst und vorzeitiger Freude, daß etwas anders wird.
So merkt's die dumpfe Erdenscholle, daß der Schnee schmilzt und warme Frühlingswässer zu ihr dringen.
Der Winter kam.
Eines Morgens lag Moorluke im weißen Bann.
Bis zum Schornstein steckte der Katen der Riesen im Schnee.
Manchmal mußten die Männer einen Weg schaufeln, wenn sie ins Freie wollten. Auch das Meer zeigte Eroberungsgelüste. Mit einem einzigen Schlage drang es an und schleuderte geborstene Eisstücke gegen Tür und Mauern des vorgeschobenen Baues. Und eines Morgens, da hatte es den ganzen Katen gefangen und rings mit einer Eismauer umgeben.
Kalt, stählern, tückisch lag der Feind im Morgenlichte da.
»Stäwelwichs — Stäwelwichs,« schrie Klaus Muchow erbost, und die Männer hieben mit Eisäxten dazwischen.
Dadurch wurde es in dem eingeengten Katen wieder einsamer. Von aller Welt lag er in seinem Schneehaufen abgeschlossen. Die Wege, die über die Wiesen führten, hatten sich längst verkrochen. Man konnte sich darüber streiten, an welcher Stelle sie vordem ihr Schlangenspiel getrieben. Eben und weiß, unberührt und teilnahmlos lag jetzt die große, leuchtende Fläche, die sich ohne Abzeichen über den Bodden fortsetzte. Man wußte nicht, wo die Grenze war.
Selbst die Kirchenglocke, die doch früher laut zu den Einsamen herübergerufen hatte, sie war eingefroren und krächzte zuweilen wie ein heiserer Riese, der ein dickes Halstuch trägt.
Immer stiller wurd's.
Das aber war Line gerade recht.
Ihre Zeit rückte näher und näher, und damit die Sucht, sich zu verkriechen; jedes fremde Gesicht zu vermeiden, und den Kopf zu stützen und nachzusinnen.
Das war ihr etwas ganz Neues.
Früher war sie Genuß suchend durch die Welt gelaufen, und die Erde lag im Morgenrot — nun war es finster geworden, Fledermäuse flogen. Das waren ihre Gedanken, die sich die Welt zu erklären suchten. Da wurde ihr allmählich Hann, der des dunklen Winters wegen fast immer daheim hockte —, kimmerischer Dämmerung wegen, die über dem Ostmeer braut, — da wurde ihr die plumpe Gestalt, die verkrümmt auf dem Stuhl hing, riechende Netze in der Hand, da wurde ihr der Nachdenkliche allmählich ein Schatz.
Dunkler und schneedämmeriger wurden die Tage, düsterer und drängender wurden die Stunden. Lines Trotz hielt nicht mehr vor; wenn sie so in einer Ecke kauerte, dann stieg es plötzlich vor ihr auf und griff nach ihr. — Angst — Angst — Furcht, Grauen vor dem Lebenden, das in ihr war, und zu dem sie sich nicht gerüstet fühlte.
Dann wirft sie plötzlich die Hand vor. Ihre Stimme schwankt vor Schrecken: »Hann, bist du noch da?«
»Ja, Lining, ich bin hier.«
»Dann steck' Licht an, Hann.«
Hann erhebt sich, tastet herum, kurz darauf zuckt von dem schmalen Tisch die gelbe Flamme der Kerze auf. Schwankende Schatten huschen herum.
Aus Lines Ecke dringt ein Atemzug, und Hann sieht bekümmert, wie flackernd die dunklen Augen aus dem blassen Gesicht hervorbrennen.
Sie rückt sich zurecht: »Hann, hörst du, wie es an die Scheiben tickt?«
»Es is Schnee, Lining.«
»Er hat die Fenster schon ganz verklebt.«
»Ja, Lining, ich seh' nur die lütte Stube und dich.«
Sie rückt noch tiefer in die Ecke und starrt auf ihn hin. Dann stützt sie die Ellbogen auf beide Knie, und während sie zusammenschauert, vielleicht vor Frost, fragt sie rasch: »Hann, weißt du, woran ich jetzt denke?«
»Nein, Lining, wie soll ich?«
Jetzt deckt sie langsam die Augen zu: »Hann, ich meine, wenn ich früh gestorben wär', hätt' ich viel Schlimmes nicht erlebt. — Du auch — wir beide — armer Hann.«
Es ist das erstemal, daß sie das Wort sagt, das sie nicht mehr verläßt. Er zuckt zusammen und blickt scheu zu der Zusammengesunkenen hinüber. Ihre Worte, so seltsam, haben sein Herz mit einem Dorn zerrissen und doch gleichzeitig das Blut mit einem weichen Blumenblatt fortgenommen.
Aber sie hat den ihr so Nahen längst wieder vergessen.
»Es wär' so gut,« fährt sie stammelnd fort.
»Was, Lining?«
»Wenn man die Junggeborenen vor all dem bewahren dürfte.«
Da hebt Hann sein Haupt. Es ist in der letzten Zeit faltiger geworden. Aber Line sowohl, wie er, haben es nicht bemerkt. Nur Klara Toll hat es gesehen.
»Lining, wer soll bewahren?« Und seine Augen, sonst so mitleidig, blicken ernst.
»Die Mütter, Hann, die Mütter müßten es tun. Oh, solch ein kleiner Sarg, denk ich mir, ist ebenfalls eine Wiege. Und was würde dann alles mit einschlafen, all die zukünftigen schlechten Gedanken und all die schlechten Taten. Denn wer erst denkt, der wünscht, und ein Wunsch ist schon meistens schlecht.«
Aber da wird Hann zornig. Diese trostlose Ansicht nimmt ihm alles, was er sich bis jetzt zurechtgezimmert hat an seiner Lebenshütte. Deshalb wirft er das Netz über das Knie, schüttelt heftig den Kopf, und eilig geht es ihm über die Zunge: »Lining, das mußt du nich sagen — sieh, das mußt du nich. Wirklich! Denn erstens, wenn der liebe Gott das wollte, wozu schickte er erst die kleinen Kinder!? Und, Lining, werden es etwa weniger auf der Welt? Mich dünkt nicht. Und dann, Lining, ich hab' mir schon immer gedacht, mit die Menschens hat das doch der liebe Gott ganz komisch eingerichtet, ganz furchtbar komisch. Denn sieh eins, Lining, es geht wohl so das gemeine Gered' umher, ein lüttes Kind, so ein ganz kleines Würming in den Windeln, das sei eigentlich der allerbeste Mensch, noch ganz unschuldig, sozusagen aus dem Paradiese. Ich aber sag' dir, Lining, dieses is gar nich wahr. So ein Neugeborenes is mehr schlecht als gut. Denn wieso? — Na, daß es dumm is, wie Bohnenstroh, das weißt du ja selbst. Aber es is auch noch auf andere Weise schlecht, es kratzt, wie eine Katz, es nimmt, was ihm nich gehört, es is habsüchtig und hat keinen Menschen lieb, als sich. Is das wahr? — Ich sag dir, es is wahr. Aber was nu weiter? — Da kommt nun der liebe Gott und hat von Anfang an in die Menschens diese ganz merkwürdige Kraft zum Besserwerden reingelegt. Auch zum Schlechterwerden. Aber doch mehr zum Bessern. Die liegt in uns, Lining, man spürt sie manchmal leibhaftig. Und nun kuck dir bloß mal an, wie es nun durch diese Kraft mit so einem Neugeborenen vorwärtsgeht. Meistens vorwärts. Denn das Bessere muß wohl das Stärkere sein. Erst lernt das sprechen, und dann lernt das lieben, und dann lernt das denken, und so fort, bis es sich zuletzt ganz große Dinge aussinnt, die wieder anderen Menschen was nützen. — Und, Lining, um dies >Vorwärts< wolltest du solche lütten Dinger bringen? — So ganz schlecht und miserabelig, wie sie anfangs sind, wolltest du sie wieder in die Erde abliefern? Ich sag' dir, da müßte man sich ja rein vor den Regenwürmern genieren.«
Da hockt Line in ihrer Ecke, in die sie sich immer scheuer zurückzieht, so daß die Lichtstrahlen sie kaum noch finden. Aber ihre Augen sind groß geworden, und sie richtet sie mit solch erstauntem Ausdruck auf den Fischer, wie früher, wenn der Knabe zuweilen etwas geäußert, was mit seinem blauen Kittel schlecht zusammenstimmen wollte.
Unausgesetzt tickt der Schnee an die Scheiben, Möwen und Raben krächzen draußen, und an dem Netz wird weitergeflickt.
Ganz still ist es zwischen den beiden geworden.
— — — — — — — — — — — — — — — —
Ein paar Tage darauf herrschte Schneesturm.
Da saßen die Einsamen nach dem Abendbrot noch beisammen, denn es war zu früh, als daß Hann auf seinen Bodenverschlag hinaufgeklettert wäre. Auch fürchtete Line in letzter Zeit das Alleinsein.
»Soll ich Reuter lesen?« fragte Hann, »hier >Ut de Franzosentid<.«
Sie saß auf ihrem Bett und hatte die Hände müde in ihrem Schoß gefaltet. Eine Flechte des schwarzen Haares ringelte sich bereits über ihre Schulter.
Im Nachsinnen hatte sie damit gespielt.
»Nein, Hann, ich bin heut nicht lustig.«
In diesem Augenblick stäubte über das Dach etwas fort, im Schornstein heulte es auf, und die beiden hörten, wie nebenan Klaus Muchow im Schlaf laut aufbrummte.
Nach einer Weile fragte Hann, der an dem Licht stocherte: »Wenn ich nich lesen soll, was soll ich?«
Sie verzog ein wenig die Nasenflügel.
»Steck dir deine Pfeife an, Hann, und bleib noch ein wenig hier.«
»Hier rauchen?«
Er glaubte zuerst, daß er nicht richtig verstanden hätte, denn bis jetzt hatte sich Line den Tabaksdunst stets verbeten, und auch, als sie nochmals beistimmend nickte, wagte er nicht gleich, die kurze Schifferpfeife hervorzuholen. Da stand das Mädchen auf und riß ihm selbst ein Streichholz an.
»Hier,« sagte sie matt.
»O Lining,« erwiderte er gerührt und streichelte leise ihre Hand.
Dieser Tabak schmeckte köstlich. Ganz vorsichtig blies er die Wolken von sich und schlug mit der Hand danach, wenn sie ihm zu dick erschienen.
»Heute is es hier schön,« wagte er nach einiger Zeit zu urteilen.
Sie saß wieder auf dem Bettrand und nestelte an ihren Haaren, ohne sonderlich auf ihn zu achten.
»Heute is es hier gemütlich,« sprach Hann schüchtern weiter.
Da nickte sie abermals, aber zerstreut, während sie auf den Wirbelsturm lauschte, der an ihrem Katen vorüberzog, und plötzlich entgegnete sie rasch und mit Betonung: »In der Stube ist es still.«
»In der Stube, Lining?«
Oh, er hatte für sie ein so feines Ohr gewonnen.
»In deinem Geist aber nich? Meinst du das so?«
Jetzt fuhr sie wie ertappt zusammen und rückte auf dem Bettrand hin und her. »Du solltest dich nicht so viel um mich sorgen,« drängte sie verlegen, »nicht immerfort. Die Hauptsache ist, wenn du dich wohl fühlst.«
»Wenn ich — —?«
War das Spuk? Hatte das eben eine menschliche Stimme geredet? — Oder hatte es eine der kleinen weißen Mäuse gewispert, die ja in den Schifferstuben in den Ecken sitzen sollen, wenn es still und friedlich hergeht. Und es war friedlich. Wie fein duftete der Tabak, wie wiegten sich die blauen Wolken um das Licht!
Und diese köstliche Stille.
Und diese schöne schwarze Flechte, die da auf der Schulter ruhte.
Betroffen schlug Hann die Augen nieder und rückte das Licht, als ob es ihn blende.
Und da fragte seine Gefährtin schon wieder etwas, was sein Herz noch froher schlagen ließ, weil er es noch vor kurzem nicht für möglich gehalten hätte.
»Hann, du sagtest neulich was vom Besserwerden.«
Er kratzte sich voller Verwunderung hinter dem Ohr.
»Hast du dir das behalten, Lining?« warf er mit halbem Stolz dazwischen.
»Ja.«
Sie sah ihn nicht an, sondern fuhr mit der kleinen Hand unstet am Bettrand auf und nieder. Da mußte er zu ihr hinüberblicken und betrachten, wie die Flechte sich leise bewegte.
Das verwirrte ihn, machte ihn froh und unglücklich.
Diese da war ja die erste, die er sah. Das erste Weib!
So rot die Lippen.
»Kirschen,« dachte Hann, »oder ne, noch besser, Korallen. Solche Brosche hatte Mudding gehabt.«
»Hann, glaubst du,« fragte sie unsicher dazwischen, »daß sich auch schlechte Menschen bessern können?«
Da war es!
Er nahm die Pfeife aus dem Munde und faltete beinahe andächtig die Hände.
Draußen der Wind klang ihm wie Orgelton.
Line, diese schöne Line, mit den schwarzen Haaren, die doch so gut war, — nicht ganz gut, verbesserte er sich —, sie wollte in sich gehen.
Hurra — Viktoria!
Am liebsten hätte er aufgejubelt, aber er bezwang sich und erwiderte nur eilfertig: »Aber natürlich, Lining. Aber weshalb fragst du?«
Da schlug sie bereits ungeduldig auf das Kissen. »Oh, nur so.«
»Ganz leicht is es, Lining — ganz leicht,« fiel er wieder ein, »aber freilich mit Strafen und Zuchthaus nich.«
»Wodurch denn?«
»Lining, ich muß immer an Mudding denken, wieso die so gut war. Beinah all bei lebendigem Leib ein Engel. Pastor Witt aber hat's am Grabe erklärt. Weil sie gar keine Gedanken an sich selbst hatte, sondern weil sie nur den ganzen Tag saß und an uns andere dachte. Siehst du, Lining, darin steckt's. Ein schlechter Mensch kann wohl einen neuen Menschen anziehen, i ja, aber dann muß er erst an sich selbst vergessen, über Bord mit allem, und muß irgend eine Liebe haben, zu 'ner Sache oder zu 'nem andern Menschen. Und wenn er dann ganz voll davon is, dann is das Neue in ihm reingekommen, dann is er verwandelt. — So hab' ich Pastor Witt verstanden.«
Das Mädchen war aufgesprungen.
»Eine Liebe?« sprach sie erschreckt nach. Eine düstere Röte lief über ihre Stirn.
»Ja, Lining, so erklär' ich mich das,« schloß er glücklich, während er sich die Hände rieb.
Da wandte sie sich mit einer ihrer raschen Bewegungen, die aber doch bereits schwerfälliger wurden, zum Fenster, und während sie in den stäubenden Schneesturm hinausstarrte, verschränkte sie beide Hände vor der Stirn, um darauf in ein so schmerzliches Stöhnen aufzubrechen, daß er sich entsetzte.
»Eine Liebe,« stammelte sie vor sich hin, »o Gott.«
»Lining — Lining — is dir was?«
Nach seinem Anruf wandte sie sich und kehrte ihm ihr blasses Antlitz zu. Dabei war es, als ob sie ihn lange betrachte. Dann scheuchte sie wieder etwas von ihrer Stirn, schritt langsam auf ihn zu, zögerte abermals, und während ihre Lippen zuckten, streichelte sie ein paarmal sanft über seine struppige Wange.
Er erstarrte. Breit und plump ragte er vor ihr auf. So etwas Holdes war ihm noch nie geschehen!
»Du bist ein guter Mensch, Hann,« sagte sie einfach, aber ohne daß ihre Züge an Düsterkeit verloren.
Da wurde er wieder ganz glücklich.
— — — — — — — — — — — — — — — —
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Aber nicht immer war Line so sanft. Alte Wünsche schlichen um den Katen und jagten die Verstörte auf.
Da war zuvörderst eine Kiste, mit deren Inhalt sie gleichsam ihr früheres Leben wieder auspackte. Als ihr die ersten bunten Schleifen in die Hände fielen und die ersten, dünnen Reclamhefte — Schillers »Kabale und Liebe« — schrie sie laut auf. Da warf sie sich vor der Truhe auf die Knie und umklammerte das Holz.
Und woher kam diese Sendung?
Von der ehrbarsten Seite, die nur das Moralische wollte und immer nur das Moralische.
An einem Dezembermorgen, kurz vor Weihnachten, in den Straßen blitzte fußhoher Schnee, da hing sich Fräulein Dewitz ihre Pelzkappe um, die ein Erbstück von Hollanders verstorbener Gattin war, zog sich die perlgrauen Handschuhe auf, die sie allein für vornehm hielt, und ließ sich von ihrem kleinen Aufwartemädchen eine Mietsdroschke holen.
»Nach Moorluke,« sagte sie beim Einsteigen zum Kutscher und sah ihn dabei ganz ängstlich an.
Der Kutscher im Schafpelz kratzte sich hinter dem Ohr.
»Je, Madamming,« warf er ein, »wenn wir man hinkommen. Das erste Mal sind wir grad bis zum Steinbeckertor gekommen, dann hieß es: umkehren! Das zweite Mal bis an den Rick, das dritte Mal bis an die Räucherhäuser. Soll mich wundern, wie weit 's heute geht?«
»Nein, nein,« beharrte das alte Fräulein, »heute tu ich's. Und achten Sie mir ja auf die Kiste da vorn.«
»Na, denn hü!« brummte der Kutscher.
Aber als die weiße Bahn des Flusses vor ihr aufblitzte, da begann der Handarbeitslehrerin das Herz zu klopfen.
Noch hielt sie sich. Sie preßte ihr Antlitz in den Muff, als ob sie nichts hören und sehen wollte.
»Es ist sehr schwer,« flüsterte sie in sich hinein, »für eine, die sich ihr ganzes Leben vor so etwas gehütet hat, — — — aber die Ärmste ist ja beinah eine Kranke, und man braucht ja auch nicht von dem Schrecklichen zu reden. Nein, das braucht man schließlich nicht. Man hat ja auch ein bißchen gesellschaftliche Kunst, Savoir vivre! — Gott, wie ich sie bloß finden werde?«
Draußen wieherten die Pferde.
Fräulein Dewitz erschrak.
Waren das nicht bereits die Räucherhäuser, die dort vorbeiflogen?
Ja, ja, das waren sie wohl.
Lieber Himmel, was wird man aber im Logengarten dazu sagen? Wird man nicht meinen, ich billige solche — hm, das Wort flößt mir bereits Angst ein. Ich bin schon alt, aber darin doch ganz unerfahren. Und wenn Dinas Tante sich nun von mir zurückziehen würde? — Draußen donnerten die Pferde über die Moorluker Notbrücke.
»Herr Bals — Herr Bals.«
»Madamming?«
»Ich fahre nicht weiter.«
»Kuck, was sagte ich gleich?«
»Nein, nein, es geht nicht, mir ist schlecht worden. — Aber die Kiste, die bringen Sie gleich dahin. — Sie wissen schon! Herrgott, da drüben wohnt sie. In diesem Katen. — Nein, sagen Sie gar nicht, daß ich da bin.«
— — — — — — — — — — — — — — — —
So kam die Kiste in Lines Besitz.
Sie lag vor dem Holz, als Hann auf See weilte, auf den Knien und wühlte in den Andenken und Büchern herum, wie in einem anderen, reicheren Leben. Immer tiefer!
Ja, Fräulein Dewitz hatte recht geurteilt. Diese Bücher kamen der Verlassenen jetzt wie vornehme Herren vor, die in die Fischerhütte traten, um mit der schönen Dirn Kurzweil zu treiben.
Als Hann abends nach einem Sturmtag müde zu ihr ins Zimmer trat, wie ein borstiges, nasses Ungeheuer, tief in Pelze gehüllt, da fand er sie mit glühenden Wangen auf der Tischkante sitzen, ein Heftchen in der Hand. Das Licht stand neben ihr. Ihre Augen blitzten.
Hann blickte sich um. Diesem Anblick gegenüber fühlte er sich hilflos. Was bedeutete das?
»Hann,« stammelte sie, noch völlig verwirrt.
In seiner Unsicherheit dachte er ihr etwas zu erzählen. Er fuhr an seinem triefenden Pelzwerk herunter, stotternd: »Unser Boot hat Wasser gezogen. Klaus Muchow und ich, wir haben beinah eine Stund' im Eis gelegen — ich möcht' was Warmes.«
Aber sie verstand die Seenot im ersten Augenblick gar nicht.
Da regte sich bei dem Frierenden Unwillen über ihre Teilnahmlosigkeit.
»Was hast du da zu lesen?«
»Ein Theaterstück.«
Er ballte die Faust.
»Denkst du noch immer an solche Schauspielerstücke?« brach es rauh aus ihm heraus. »Ich meinte — —« Aber er unterdrückte das übrige, wandte sich schwerfällig und verließ mit Geräusch die Kammer, um nebenan bei den Muchows eine warme Erquickung zu suchen.
Line starrte hinter ihm her, dann ließ sie langsam, zögernd das Heft sinken und blinzelte träumerisch in das Flämmchen der Kerze.
— — — — — — — — — — — — — — — —
Doch der Beruf, der sie anzog, der leichte Flittertand, sollte noch dichter an ihr vorbeistreifen.
Oll Kusemann humpelte in die Küche.
Nur wenige Tage fehlten noch zum Fest, es war ein Morgen, an dem ein Frost herrschte, daß die Fugen des Katens krachten, und an den Wänden der Muchowschen Küche ein feiner Eisüberzug flimmerte. Oll Kusemann aber greinte über das ganze Gesicht und hob einen kleinen gedruckten Zettel in die Höhe, den er in der Hand trug.
»Kinnings,« schmunzelte er und lehnte sich an den Herd, denn das Riesenpaar trank gerade gemeinschaftlich mit seinen Mietern Kaffee. »Ich komm', euch einzuladen. Die Schauspielers sind angekommen. Mein Alwining hat die Bodenkammer wieder an den Direktor Türkow und seine Braut vermietet. Oder auch seine Frau. Genau weiß ich das nich. Aber es sind sehr anständige Leute. Haben nich mal einen Ofen verlangt. Und was sie is, sie is umgänglich. Und in dem Päplowschen Saal wird heute gespielt. Sie belernen sich schon, daß es bloß so raucht. Kuckt! Alpenkönig und Menschenfeind. Ich spiel auch mit. Einen Geist oder so was. Und mein Alwining macht eine Hex'. Alles ganz natürlich.«
»Eierkauken,« sprach Klaus Muchow, der inzwischen den Zettel angestaunt hatte und jetzt zärtlich über das Papier strich: »Eierkauking.«
»Ja, ja,« nickte Frau Fiek, »so was mag er gern. Und wenn es man halb so graulich is, als die Geschicht' von dem alten Räubervater im Hungerturm — weißt noch, Klaus, wo wir unsere Latern dazu haben borgen müssen? — denn kann es mich auch gefallen. Dazu kommen wir.«
Am Nachmittag begann sich Line zu putzen. Ganz verstohlen vor dem Spiegel, hier ein Schleifchen und dort eine Brosche. Währenddessen saß Hann hinter dem Ofen und krümmte sich vor Reißen. Die Stunde im Eise hatte es ihm angetan. Er sah auf seine Gefährtin hin und sprach kein Wort.
Jetzt flimmerte draußen auf der Dorfstraße eine einsame Petroleumlaterne auf. Sie warf ihren Schein in die halbdunkle Kammer.
Da hielt sich Line nicht länger.
»Kommst du nicht mit?« begann sie abgewandt, wobei sie sich an der Kommode etwas zu schaffen machte. Hann rieb an der schmerzenden Schulter.
»Wohin?« fragte er kurz.
»Nun, du weißt doch. Ins Theater.«
Er rieb weiter, geduckt, ohne eine Silbe zu entgegnen.
»Hann,« mahnte sie scharf.
Diese Art war ihr neu.
Da murrte es aus der dunklen Ofenecke hervor: »Ich hab' Trauer um meine Mutter und auch um Siebenbrod. Und du — —«
Es schien ihr, als ob seine Augen sich halb verächtlich von ihr abwandten.
»Nun, und ich?« forderte sie herb.
»Ich meinte, du brauchtest dich nich so offen vor den Leuten zu zeigen,« quoll es ohne Rücksicht über seine Lippen.
Dann stöhnte er wieder und rieb an seinem Knie.
Da war es gesagt, das Wort, das die Ausgestoßene von den andern Menschen schied. Ihre körperliche Schönheit war angetastet, ihr letzter Trost, ihre letzte Zuflucht.
Zuerst sah sich Line um.
Wo befand sie sich eigentlich? — Und war das Hann, der ewig freundliche, dienstwillige Hann, der dort so verkrümmt in der Ecke hockte und ihr eben so roh ihr Schicksal enthüllt hatte?
Sie tastete mit den Händen umher. Ihre Brust stieß, ein leiser, unartikulierter Ruf wurde hörbar.
»Lining — is dir was?«
Keine Antwort. Mit tiefgesenktem Haupte stand sie da und scharrte mit den Nägeln auf der Tischplatte herum.
»Lining, ich hab' solche Schmerzen — ich meinte das nich so.«