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Hanna: Gebet- und Andachtsbuch für israelitische Frauen und Mädchen cover

Hanna: Gebet- und Andachtsbuch für israelitische Frauen und Mädchen

Chapter 155: Dasselbe
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About This Book

Eine Sammlung von Gebeten, Andachten und Festbetrachtungen für israelitische Frauen und Mädchen, geordnet nach öffentlichen Gottesdiensten (Sabbat, Feste, ernste Feste, Halbfeste), häuslichen Andachten (Morgen‑ und Nachtgebete, Tischgebete, Lieder) und Lebensanlässen (Verlobung, Hochzeit, Geburt, Krankheit, Trauer). Ergänzende exegetische und meditierende Texte zeitgenössischer rabbinischer Autoren begleiten liturgische Formulierungen. Die Ausgabe bietet praktische Texte für Gottesdienst und Hausandacht, festliche Betrachtungen zu Feiertagszyklen, Jahrzeits‑ und Friedhofsgebete sowie Anpassungen in Rechtschreibung und Sprache zur besseren Verständlichkeit für jüngere Leserinnen.

1. Jahrzeit-Gebete.

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Gebet am Jahrestage vom Tode des Vaters.

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Ehre deinen Vater und deine Mutter“. So hast Du, Herr, es geboten in Deiner heiligen Lehre. Aber die Ehrfurcht und die Liebe der Kinder zu ihren Eltern sind nicht allein eingegraben in die Tafeln des Gesetzes. Du hast sie auch eingegraben in die Tafeln unseres Herzens. Unverlöschlich ist diese Schrift, unvergänglich ist diese Liebe, sie stirbt nicht im Herzen des Kindes, wenn auch das Auge der Geliebten längst schon gebrochen ist im Tode. Darum, o Herr, mein Gott, wirst Du es in Deiner eigenen Liebe mir anrechnen, als ein Gebet zu Dir, wenn ich heut das Wort meiner Andacht an den verklärten Geist meines Vaters richte, der bei Dir weilt, geborgen im Schatten Deines Zeltes, gewürdigt des seligen Lebens in der Ewigkeit, das Du als ewiges Anteil den Frommen bestimmt hast, die in Deinen Wegen wandeln auf Erden.

Und so wende ich mich nun an dich, verklärter Geist meines lieben Vaters, heute, da im Laufe des Jahres der Tag wiedergekehrt ist, der einst dich abrief von unserer Seite, um dich einzuführen in deine himmlische Heimat.

Ach, ich muß vor dir aussprechen, wessen ich mich erinnere, was ich glaube, und was ich hoffe.

Ich erinnere mich heute, lieber Vater, an deine unendliche Liebe, mit der du in den Tagen deines Lebens mich und alle die Deinen geliebt, wie ihr Wohl dein höchster Wunsch, ihr Glück deine höchste Freude, ihre Tugend dein höchster Stolz war. Ich erinnere mich, lieber Vater, an deine Treue, wie du für uns gesorgt und gearbeitet, gestrebt und gelitten hast in unermüdeter Tätigkeit. Ich erinnere mich heute, lieber Vater, an deine Milde und Güte, wie du stets mit liebevollem Auge uns angeblickt, wie du Nachsicht geübt mit unseren Schwächen und Mängeln, und wie du uns Freuden und Genüsse darbotest, wo du sie zu ersinnen und zu schaffen vermochtest. Ich erinnere mich an deine weise Lehre, die es nie und nimmer fehlen ließ, den Samen der Tugend und der Gottesfurcht in unsere Herzen zu streuen. An alles dieses erinnere ich mich, und wiederum steht dein ganzes Wesen lebhaft vor meiner Seele. Ach, alles das ist hingeschwunden in der Stunde deines Todes.

Meine Erinnerung erfüllt mich mit Trauer, aber mein Glauben erfüllt mich mit Trost. Ich glaube, daß dein Geist nicht von uns geschieden ist wie dein Körper, daß er, entledigt der Fesseln des Irdischen, frei und glücklich ein neues Leben lebt im Reiche der Seligen, daß er auf uns schaut und auf uns achtet, ich glaube, daß deine Liebe nicht gestorben ist, daß sie fortlebt für uns, wie unsere Liebe für dich. Ich glaube, daß wir nicht für die Ewigkeit getrennt sind, daß du uns nur vorangegangen bist in das Land des ewigen Lebens, und daß du harrest, bis daß wir kommen.

Und dieser Glauben, er gibt mir die Hoffnung, daß wir nicht ganz entrückt sind dem Einflusse deiner väterlichen Liebe. Unsere menschliche Erkenntnis vermag den Zusammenhang nicht zu bestimmen zwischen den Seelen der Lebenden und denen der Abgeschiedenen, aber das menschliche Herz vermag sein Dasein lebhaft zu empfinden. Was gibt es Süßeres, als das Bewußtsein, daß du mich siehst, daß ich noch heute deine Zufriedenheit mir erwerben, daß ich noch heute dich verehren kann. Und in diesem Glauben hoffe ich auch, daß du, verklärter Geist, ein Fürsprecher für mich und für uns alle bist vor Gott.

Du aber, barmherziger Gott, o gewähre meinem lieben Vater die reinsten Freuden himmlischer Seligkeit. Laß unser Gebet für sein ewiges Seelenheil vor den Thron Deiner Barmherzigkeit gelangen und nimm es auf mit Wohlgefallen. Gedenke seiner Seele all seine Tugend, die er geübt in den Tagen seines Erdenwandels, und laß sie reiche Vergeltung finden in der Ewigkeit, verlösche seine Schuld, wenn er gefehlt in seinem Wollen oder seinem Tun auf Erden, und richte ihn nach Deiner Milde. O Herr, mein Gott, womit kann ich des Herzens Innigkeit Dir bekunden? Dem Auge Deiner Allwissenheit ist der geheimste Gedanke meines Herzens nicht verborgen. Nicht bestechen will ich deine Gnade, nur befriedigen will ich den Drang meines Gemütes durch die Gabe, die ich niederlege auf dem Altar der Wohltätigkeit. Darum nimm wohlgefällig auf die Spende, die ich darbringe für das Seelenheil meines Vaters. Amen!

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Gebet am Jahrestage vom Tode der Mutter.

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Allgerechter! Allgütiger! Vernimm heute in Gnade und Barmherzigkeit ein Gebet aus meinem Munde, das hervorgeht aus der lebhaftesten, aus der tiefsten Empfindung meines Herzens. Heut an dem Jahrestage jenes traurigen Tages, an dem Dein unerforschlicher Ratschluß das Teuerste auf Erden, die inniggeliebte Mutter, von meiner Seite nahm, so daß ich fortan ihre leibliche Nähe entbehren mußte und entbehren muß für die ganze Zeit meines Wandels in dieser Zeitlichkeit, vernimm heute mein inniges Gebet für das ewige Heil der geliebten Seele. O gütiger Vater im Himmel, schenke meiner Mutter jetzt und allezeit die reinste Seligkeit des ewigen Lebens bei Dir, daß sie in himmlischer Wonne Vergeltung finde für alles, was sie auf Erden verdient, für alles, was sie auf Erden gelitten hat. Vergelte mit Deiner Liebe ihrer Seele die Liebe, die sie in diesem Leben so reichlich gespendet und um sich verbreitet hat. Laß ihre Seele in der Ewigkeit Genüge finden für alles Streben, das unbefriedigt geblieben ist auf Erden und stärke mich und alle die ihrigen mit dem Geiste der Tugend und Rechtschaffenheit, der Weisheit und Gottesfurcht, auf daß ihr seliger Geist jederzeit mit Befriedigung auf uns zu blicken vermöge. Amen!

Du aber, verklärte, geliebte Seele, vernimm mit Wohlgefallen den Ausspruch meines Mundes, der mein inniges Andenken an dich bekunden soll. Lebhaft steht heute, du liebe Mutter, dein Bild vor meinem Auge, wie du mit Güte und Zärtlichkeit auf mich und alle die Deinen geblickt, wie du für uns gedacht, gesorgt, wie du uns geleitet und gelehrt, wie du so ganz für uns gelebt hast.

Da muß ich es wohl empfinden, daß ich von dir nicht ganz getrennt bin, daß du von mir nicht ganz geschieden bist, daß du lebst, auch in meiner Nähe lebst, denn du bist in meinem Herzen geblieben. Das Band der Liebe, das dich mit uns vereinte, ist nicht zerrissen und nicht aufgelöst. Noch vermag ich dir wohlgefällig zu sein, noch vermag ich, dich zu verehren, noch vermag ich deine Zufriedenheit mir zu erwerben. Ja, auch noch vermag ich es, zu bereuen, wenn ich dich betrübt, wenn ich deine Treue und Hingebung verkannt und die Ehrerbietung gegen Dich verletzt habe, und auch jetzt noch wirst du im Reiche der Seligkeit es freundlich hören, wenn ich für alles um Verzeihung dich bitte, wodurch ich einst dein edles Herz verletzt habe.

O, so sei auch du eine Fürsprecherin für mich und die Meinigen alle vor dem Throne des Allmächtigen, daß Gottes Güte von uns wende Gefahr, Trübsal und Not, daß er unser Bestreben segne, reinen Herzens zu wandeln vor ihm und vor den Menschen, damit wir immer und immer so leben, wie du es gewollt, wie du es uns gelehrt hast. Des himmlischen Vaters Barmherzigkeit sei mit uns auf Erden und mit dir in der Ewigkeit. Amen!

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Dasselbe

(für eine Frühverwaiste.)

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Mit Andacht und Trauer erfüllt der heutige Tag meine Seele. Ach, es ist der Tag, an dem ich das herrlichste der Erdengüter verloren habe, ehe ich es vermochte, die Größe des Verlustes zu ermessen. Heut ist der Tag, an welchem meine Mutter eingegangen ist in das Reich der Ewigkeit, um die Seligkeit der Gerechten zu genießen. Verlassen aber bin ich auf Erden, nie dringt der liebliche Mutterblick in mein Auge, nie koset mit mir die liebliche Hand der Mutter, nie beglückt mich das himmlische Gefühl, ihre Zufriedenheit zu erwerben, die Zärtlichkeit zu verdienen. Ach, das ist ein trauriges, bitteres Los! Aber eines tröstet mich, eines empfinde ich, daß ich sie dennoch liebe, und daß auch mir ihre Liebe nicht fehlt. Mit Begeisterung habe ich seit meiner Kindheit Tagen jedes Wort vernommen, das von ihr und ihrer Güte und Lieblichkeit mir Kunde gab, und noch heute erregt kein Gedanke mich lebhafter, als die Vorstellung, daß ihr seliger Geist mir nahe sei, mich beachte, mich beschütze, mich liebe.

O, Herr mein Gott! Allgütiger Vater! Nie habe ich in meinem Leben meiner Mutter Freude bereiten, nie meine kindliche Liebe ihr beweisen können. O, so nimm Du mein Gebet nun wohlgefällig auf, das ich für ihr ewiges Seelenheil an dich richte. Schenke ihr alle Freuden, die das Reich der Ewigkeit allen tugendhaften Seelen gewährt.

Du aber, geliebte Seele meiner Mutter, schaue freundlich aus dem Paradiese auf dein treues Kind. Sei eine holde Fürsprecherin für mich (und für meinen Vater und für die Unsrigen alle) vor dem Throne Gottes, daß er seine Gnade und seine Barmherzigkeit nicht von uns wende. Ich will so gern es glauben, daß du es schon bis heutigentags für mich gewesen bist, o, dann fehlt mir auch die Freude nicht, dir dankbar zu sein.

Ehren will ich dich in meinem ganzen Leben durch meine Liebe, durch meine eigene Ehrbarkeit und durch mein inniges Andenken. Amen!

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