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Hanna: Gebet- und Andachtsbuch für israelitische Frauen und Mädchen cover

Hanna: Gebet- und Andachtsbuch für israelitische Frauen und Mädchen

Chapter 76: אָבִינוּ מַלְכֵּנוּ Owinu malkenu.
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About This Book

Eine Sammlung von Gebeten, Andachten und Festbetrachtungen für israelitische Frauen und Mädchen, geordnet nach öffentlichen Gottesdiensten (Sabbat, Feste, ernste Feste, Halbfeste), häuslichen Andachten (Morgen‑ und Nachtgebete, Tischgebete, Lieder) und Lebensanlässen (Verlobung, Hochzeit, Geburt, Krankheit, Trauer). Ergänzende exegetische und meditierende Texte zeitgenössischer rabbinischer Autoren begleiten liturgische Formulierungen. Die Ausgabe bietet praktische Texte für Gottesdienst und Hausandacht, festliche Betrachtungen zu Feiertagszyklen, Jahrzeits‑ und Friedhofsgebete sowie Anpassungen in Rechtschreibung und Sprache zur besseren Verständlichkeit für jüngere Leserinnen.

2. Der Versöhnungstag.
יוֹם כִּפּוּר

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Die Versöhnung.

Festbetrachtung am Versöhnungstage.

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Wie die kühlende Flut den vom Sonnenbrande ermatteten Leib erfrischt, so verjüngt sich unser Geist, wenn er niedertaucht in die belebende Wahrheit der Versöhnung; und der Hinblick auf die lange Reihe von Vergehungen, die bei dem Gedanken an unsere Entsündigung uns vor die Seele treten, soll uns den göttlichen Frieden, den dieser Tag uns bietet, nicht verbittern, uns nicht verhindern, die Größe des Tages in ungetrübter Reinheit zu empfinden, seine Wohltat in unverkürzter Fülle zu genießen.

Die Versöhnung, mit welcher Gott der Herr uns alljährlich bedenkt, ist die notwendige Ergänzung unseres lückenhaften Daseins. Sündhaft, wie wir sind, wären wir im Grunde dem göttlichen Strafgericht unabänderlich verfallen, darum tritt Gottes Gnade, tritt dieser Tag vor den Riß, er bildet den Kitt unseres Lebens und gibt dem Stückwerk unserer Tätigkeit Abschluß und Abrundung.

Das ist wohl der edelste Gedanke aus dem Gedankenschatze des Judentums. Er weist die Annahme kräftig zurück, daß es einer Vermittelung zwischen Gott und der Welt durch den Opfertod eines Menschen bedurft hätte, der für die Welt habe sterben müssen. Gott selber vielmehr gleicht alljährlich durch den Versöhnungstag das Mißverhältnis zwischen unserer Aufgabe und unseren Leistungen aus.

Wenn nun aber das Bewußtsein, daß wir die Versöhnung als ein Gnadengeschenk Gottes unmittelbar aus der Hand des liebenden Vaters empfangen, uns auch Trost und Erhebung gewährt, ist es alsdann nicht schon bitter genug, daß wir der Sünde so leicht anheim fallen, daß wir die Idee der Vollkommenheit denken und doch nicht erreichen können? Warum sollen wir nicht wenigstens die Kraft der Ausgleichung besitzen, warum sollen wir, was wir gesündigt, nicht selbst wieder gut machen, die Versöhnung nicht verdienen können?

Und in der Tat, wir können es. Gott will nicht, daß sie als ein Geschenk uns zufalle, Gott will, daß wir als einen Lohn und nicht als eine unverdiente Gnade sie empfangen, und seine heilige Lehre zeigt uns den Weg, auf welchem wir durch unsere eigene Leistung die Versöhnung zu unserer Tat gestalten können. Gott spricht zu Mose auf seine Fürbitte für die Sünder: „Ich vergebe nach deinen Worten.“ In diesem knappen Satze ist es angedeutet, worin die Leistungen bestehen, die der Versöhnung den Stempel einer freien Tat verleihen, darin nämlich, daß wir zuvörderst nach der Versöhnung verlangen und an die Versöhnung glauben. Das ist die erste Aufgabe, zu deren Erfüllung dieser Tag uns aufruft.

Gott spricht zum Sünder: Ich vergebe, wenn du ein Wort nur aussprichst, denn dies eine Wort ist das Verlangen nach Aussöhnung — es bedeutet für Gott die Sehnsucht nach dem Göttlichen, das Bedürfnis, sich im Einklange zu wissen mit den ewigen Gesetzen der Tugend und Sittlichkeit, und diese Sehnsucht, dieses Bedürfnis, das ist der Puls, der, wenn er auch leise schlägt, so lange er schlägt, sittliche Kraft, sittliches Leben, ein fühlendes Menschenherz bekundet. So hoch hat das Judentum den Menschen gestellt, daß er tief sinken kann, ohne zu versinken, daß er tief fallen kann, ohne unterzugehen — es hat dem Menschen fast unmöglich gemacht, ein verlorener Mensch zu sein. Das Verlangen nach Aussöhnung ist auch an und für sich schon eine sittliche Tat. Wie oft weigert sich die Lippe des Freundes gegenüber dem Freunde, die des Kindes gegenüber den Eltern, das Verlangen nach Aussöhnung zu offenbaren, sie scheint oft verschlossen und versteinert, weil die Bitte schwer erscheint; erst der Sieg der Selbstüberwindung muß dem ausgesprochenen Sieg vorangehen. Mehr aber als dies fordert der heutige Tag, er fordert einen größeren Sieg.

Der verstockte Sünder hat den Lohn seiner Selbstüberwindung in der Erreichung des Zieles klar vor Augen, nicht so der gebrochene Sünder. Er hat sich selbst aufgegeben, ihm fehlt die Kraft des Vertrauens, er wähnt, wie vom Menschen, so auch von Gott sich verstoßen, er sinkt und sinkt, bis die Wellen über ihm zusammenschlagen. „Bin ich denn aus jener Welt verstoßen“, so spricht er, „so will ich die Freuden dieser Welt genießen.“ Dieser Ausspruch ist eine Giftpflanze, die der Trümmerhaufen eines gebrochenen Menschendaseins, der Sumpf der Verzweiflung noch hervorzubringen vermag. Aber das Judentum hat keine Anerkennung für die gänzliche Verlorenheit eines Menschen, es hat für alle die Pforten der Versöhnung erschlossen; doch fordert es von dem Sünder den Sieg über die Verzweiflung, es fordert von ihm den Sieg des Glaubens: das Vertrauen auf die Versöhnung. Wende dich an die Gnade Gottes, spricht die Religion zu dem Verzweifelnden, und auch für dich hat Gott es ausgesprochen: „Ich vergebe, so du nur ein Wort zu mir sprichst.

Aber auch darin besteht unsere Leistung, durch die wir der Versöhnung den Stempel der freien Tat zu verleihen vermögen, daß wir das Verlangen nach Versöhnung und den Glauben an sie offen aussprechen.

Gott spricht: „Ich vergebe nach deinen Worten“, das will uns bedeuten: Ich vergebe, wenn du bekennst. In dem rückhaltlosen Bekenntnis, darin äußert sich eben das Verlangen und der Glauben. Wer da glaubt, daß Gott ihm vergebe, warum sollte der verschlossen sein, warum sollte der sein schuldbeladenes Herz nicht öffnen wollen? So tritt denn heute nicht umsonst an uns die Pflicht heran, unser Herz zu entsiegeln, und was wir verbrochen, was wir gefehlt, vor dem Herrn aufzudecken.

Freilich wohl bedarf der Allwissende unseres Bekenntnisses nicht, er sieht ja doch in die geheimsten Falten unserer Brust, kennt unsere Gedanken, noch ehe sie in uns aufgestiegen sind, unsere Worte, noch ehe sie uns von den Lippen strömen. Allein, wenn es auch für Gott unseres Bekenntnisses nicht bedarf, so doch für uns. Wir sind so sehr an die Selbsttäuschung gewöhnt, daß uns die Wahrheit nur allzu leicht unter den Händen entschlüpft. Nur das Bekenntnis macht die Erkenntnis unserer Fehler zur wirklichen Tat. „Ich vergebe“, spricht Gott, „so du offen und rückhaltslos dich aussprichst.“

In solcher Weise erkennen wir die Versöhnung, mit der Gott der Herr uns alljährlich bedenkt, für ein Geschenk seiner Gnade, das uns ohne Vermittelung vom liebenden Vater zuteil wird, und auch für mehr als dies: als eine Gabe, die wir erwerben können durch unsere eigene freie Tat. Amen.

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Am Vorabend des Versöhnungstages.

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Wir beugen tief uns nieder,

O Herr, vor Deiner Macht!

Du hast den Tag uns wieder,

Den heiligen, gebracht.

O laß uns Gnade finden!

O schau' auf uns in Huld!

Ach tilge uns're Sünden,

Vergib uns uns're Schuld!

Laß uns'rer Bitte offen

Des Himmels Pforte sein:

Auf Dich ist unser Hoffen

Gerichtet, Herr allein.

Wie könnten wir bestehen,

Wenn Du nicht Gnade übst,

Wenn nicht auf unser Flehen

Die Sünden Du vergibst!

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Gebet am
Vorabend des Versöhnungstages.

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Allmächtiger! Die Andacht meines Herzens möchte ich offenbaren im Ausspruch meiner Lippen, alle meine Gedanken möchte ich zutage rufen im inbrünstigen Gebete.

Was soll ich sprechen vor Dir, Allmächtiger, Unfaßbarer! Wie soll ich beginnen, wo soll ich enden!

Alle meine Worte reichen nicht hin für die Anbetung, die mein Herz Deiner Heiligkeit zollt; alle meine Worte reichen nicht hin, meine Niedrigkeit zu bezeichnen, in der ich vor Dir stehe! Alle meine Worte reichen nicht hin, den Wünschen meines Herzens Ausdruck zu geben, die vor Dir ich offenbaren will, und alle meine Worte reichen nicht hin, die Schuld zu bekennen, für die ich um Gnade flehe vor dem Throne Deiner Herrlichkeit!

Anbeten will ich Dich, — das ist heute, an dem großen, Dir geweiheten Tage mein Verlangen. Wer ist heilig, wie Du, wer ist erhaben wie Du! Du bist der Schöpfer aller Dinge, die Erde und der Himmel sind das Werk Deiner Hand, und die Sonne und den Mond und das zahllose Heer der Sterne hast Du geschaffen. Du leitest alle Weltkörper in ihren Bahnen, Du weißt auch, wann sie zu wandeln begonnen, und wann ihr Ende sein wird. Mein Auge kann wohl gen Himmel blicken, aber wie sollte ich sprechen: Ich überschaue den Himmel? Weiter als meine Gedanken reichen, reicht die Ferne, in der immer neue Welten Deiner Schöpferhand entrollen. Wo aber, wo ist der Wohnsitz Deiner Herrlichkeit? O Gott, wie bist Du so groß, so groß! Welcher Sterbliche kann so vermessen sein, zu sprechen: Ich kenne den Herrn! Und betrachte ich Dir gegenüber mich, den Erdenbewohner, ach, dann erscheine ich mir gleich dem Sandkorn unter den millionenmal Millionen am Ufer des Meeres; und denke ich an die Zeit, die meinem Erdenleben bestimmt ist, so erscheint sie mir flüchtig, wie der Schatten eines Pfeiles, der über einen Fußbreit Landes dahinfliegt. Was ist der Mensch, daß Du sein gedenkest, der Erdensohn, daß Du Dich seiner annimmst?

Und doch! o Herr! Nimmst Du auch meiner Dich an!

Du bist mir nahe und sorgst für mich, Du kennst meine Lust und mein Leid, meine Freude und meinen Schmerz, meine Bedürfnisse und meine Sehnsucht. Also bist Du mir nahe, wie der gotterfüllte Sänger es ausspricht: „Herr! Du erforschest mich und weißt von mir, ich sitze, stehe auf, Dir ist's bekannt, und was ich denke, prüfest Du von ferne. Du hast mir Gang und Lager zugemessen und meine Wege alle angeführt. Bevor ein Wort auf meiner Zunge schwebt, hast Du es, Herr! schon ganz gewußt.“ Darum ist es keine Vermessenheit, wenn ich mit den Wünschen meines Herzens mich unmittelbar vor Dich zu stellen wage, denn wie ein Vater sich seiner Kinder annimmt, so nimmst Du Dich der Menschen an. O Vater! zu Dir will ich beten. Du nur kannst mir Leben und Gesundheit schenken, Du nur kannst meine Seele bewahren vor allen Gefahren, die ihr drohen durch des Herzens Gelüste und durch den Tand der Welt. Du nur kannst mich bewahren vor Betrübnis und Herzeleid, in Deiner Hand liegt es, daß nicht meine Arbeit eine fruchtlose, mein Bestreben ein unnützes, meine Hoffnung eine trügerische sei. Du nur kannst mich erleuchten mit dem Lichte der Wahrheit, daß meine Wege mich nicht durch Finsternis und Torheit, Irrglauben und Aberglauben führen. Du nur kannst mir den Mut verleihen, der Sünde zu trotzen, und die Kraft, die Leidenschaft zu überwältigen.

Und dies alles kannst Du tun, und mögest Du tun ohne Rücksicht auf meine Würdigkeit. Denn wahrlich! Nicht auf unser Verdienst können wir bauen, wenn wir auf Deine Liebe hoffen. Sündhaft ist der Mensch, und gerecht ist in Deinen Augen schon der, der mit seiner schwachen Kraft gegen die Macht des Lasters ankämpft.

O, auch ich kenne meine Fehler und Sünden. Ich will sie nicht zu beschönigen suchen mit der Ausflucht, es sei alles menschliche Schwäche. Ich weiß es wohl, daß ich nicht immer genügend bemüht war, alle meine Kräfte zu meiner Besserung anzuwenden. Ich habe nicht immer Gott vor Augen und im Herzen gehabt, und nur allzuoft so gehandelt, als ob der Genuß irdischen Wohlseins und das Vergnügen das Ziel des menschlichen Lebens wären. In mancher Stunde des letztverlebten Jahres bin ich wider besseres Wissen rückwärts geschritten und nicht vorwärts in der Veredlung meines Geistes, weil ich den Leidenschaften freien Lauf gelassen, die mich nicht fördern konnten. Oft auch habe ich meine wahre Aufgabe verkannt, nützlich zu sein auf Erden, und habe der Eigenliebe und der Eitelkeit gedient. O, mein Gott, wo soll ich enden, wenn ich die Menge meiner Verschuldungen zu zählen beginne?

Darum ist mir aber auch der heutige Tag heilig und lieb und wert, darum erkenne ich in ihm eine der herrlichsten Wohltaten, mit welchen Du Dein Volk Israel bedacht hast, weil der Versöhnungstag erscheint wie ein ernster, aber lieber und tröstender Freund, der zu uns spricht: „Bange nicht, Mensch, und zage nicht! Du bist um Deiner Sünden willen nicht von Gott verstoßen! Er will dich aufrichten, er will dich neu beleben, er will dich reinigen von aller Schuld und verlangt nichts weiter von dir als wahrhafte Reue und Besserung!“ Wie sollte ich nicht mit Freuden diese Wohltat anerkennen, und all mein Sinnen darauf richten, ihrer ganz teilhaft zu werden! Ich will mich nicht meiner Sünden entledigen, um neue zu begehen, sondern ich will wahren und bleibenden Gewinn ziehen aus der hohen Bedeutung dieses Tages.

Darin soll meine andächtige Erhebung bestehen, daß ich dankend und preisend Dir nahe, Du Ehrfurchtbarer! Daß ich meine Bitten und alles, was mein Herz beschwert, vor Dir ausspreche, daß ich mich selbst prüfe und meine Sünden bekenne und Reue und Besserung aufrichtigen Sinnes Dir angelobe, auf daß ich am nächsten Versöhnungstage — der mir und uns allen herankommen möge zum Heile — mit freudigem Herzen zurückblicken könne auf ein im Dienste Gottes, im Dienste der Religion und Tugend verlebtes Jahr. Also sei es Dein Wille, Allmächtiger! Amen!

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אָבִינוּ מַלְכֵּנוּ
Owinu malkenu.

(Dieses Gebet wird am Sabbate nicht gesprochen.)

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Herr und Vater! Wir haben gesündigt vor Dir.

H. u. V.! Du bist allein der Herr, auf den wir vertrauen.

H. u. V.! Übe Gnade an uns zur Verherrlichung Deines Namens.

H. u. V.! Laß das neue Jahr zum Glück und Heil uns herankommen.

H. u. V.! Halte fern von uns jedes schwere Verhängnis.

H. u. V.! Vernichte die Ratschläge unserer Feinde, die sie gegen uns gerichtet.

H. u. V.! Halte fern von uns Pest, Krieg und Hungersnot. Laß die Deinen nicht in die Gewalt der Unterdrückung und des Verderbens fallen.

H. u. V.! Behüte uns vor gefährlicher Krankheit.

H. u. Vater! Verzeihe uns und vergib uns unsere Sünden.

H. u. V.! Laß in vollständiger Buße uns zu Dir zurückkehren.

H. u. V.! Sende vollkommene Heilung allen unseren Kranken.

H. u. V.! Gedenke unser mit Wohlwollen und Gnade.

H. u. V.! Bestimme für uns ein Leben ohne Unglück.

H. u. V.! Bestimme für uns Heil und Erlösung.

H. u. V.! Bestimme für uns, daß Not und Mangel uns fern bleiben.

H. u. V.! Möge es Deine Bestimmung sein, daß auch wir verdienstlich leben.

H. u. V.! Möge es Deine Bestimmung sein, daß Fehl und Unrecht uns verziehen werde.

H. u. V.! Laß das Heil der Menschen wachsen und zunehmen.

H. u. V.! Erhebe Israel zu seiner wahren Größe und zur Erkenntnis seiner Bedeutung.

H. u. V.! Laß Dein Reich auf Erden immer mehr und mehr sich erweitern.

H. u. V.! Fülle unsere Hand mit Deinen Segnungen.

H. u. V.! Höre unsere Stimme und erbarme Dich über uns.

H. u. V.! Nimm unser Gebet in Gnaden auf.

H. u. V.! Öffne die Pforten des Himmels unserm Flehen.

H. u. V.! Gedenke, daß wir nur Staub sind.

H. u. V.! Laß uns nicht leer zurückkehren, da wir gebetet vor Deinem Angesicht.

H. u. V.! Laß diese Stunde sein eine Stunde der Barmherzigkeit, eine Zeit der Gnade vor Dir.

H. u. V.! Erbarme Dich über unsere unmündigen Kinder.

H. u. V.! Gedenke des Verdienstes der Frommen, unserer Vorfahren, die in den Tod gegangen sind um des Glaubens willen, die standhaft ihr Leben geopfert haben für das Bekenntnis Deiner Einheit.

H. u. V.! Laß auch ferner Deinen Namen durch uns geheiligt und verbreitet werden.

H. u. V.! Nicht unserem Verdienste vertrauen wir, sondern Deiner Gnade. Amen!

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Morgengebet am Versöhnungstage.

(Vorher Nischmath Seite 19.)

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O Herr! öffne meine Lippen, daß mein Mund Deinen Ruhm verkünde.

Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott und Gott unserer Väter, Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs! Du bist der Allmächtige, der Erhabene, der Ehrfurchtbare. Du bist der Vergelter aller guten Taten, Du bist es, dem alles angehört, und der auch der Frömmigkeit der Väter gedenket, um zu vergelten den Kindern um seines Namens willen in Liebe.

O gedenke unser zum Leben, Du, König, der da Wohlgefallen hat am Leben, und schreibe uns ein in das Buch des Lebens.

König, Beistand, Retter und Schirm bist Du! Gelobt seist Du, Ewiger Schild Abrahams.

Du bist mächtig in Ewigkeit, o Herr! Du belebest die Toten und ernährest die Lebendigen, Du stützest die Fallenden, heilest die Kranken, erlösest die Gefesselten. Wer ist Dir gleich, Herr aller Mächte! wer kann mit Dir sich messen! Du tötest, Du belebest, von Dir kommt alles Heil.

Wer ist wie Du, Vater der Barmherzigkeit! Du gedenkest in Gnade aller Deiner Geschöpfe, von Dir kommt ihr Leben.

Heilig bist Du, und heilig ist Dein Name, und allen Frommen gebührt es, Dich täglich zu loben.

O, so möge denn auch die Zeit immer näher kommen, daß Dich, den Ewigen, unseren Gott, alle Geschöpfe in Ehrfurcht preisen, daß alle Menschen auf der Erde erfüllt werden von dem Bewußtsein Deiner Erhabenheit, daß alle einmütig vor Dir sich beugen, daß alle in einem Bunde sich vereinigen, um mit freudigem Herzen Deinen Willen zu üben; daß sie es erkennen, so wie wir es wissen, daß Dein allein die Herrschaft ist, alle Macht nur in Deiner Hand, alle Stärke nur in Deiner Rechten, und daß Dein Name allein würdig ist, der Inbegriff aller Ehrfurcht zu sein für alle Geschöpfe der Erde.

Und so möge es auch zur Ehre Deines Volkes anerkannt werden, daß sein Glauben die Wahrheit ist. Das sei der Ruhm Deiner Verehrer, die Hoffnung derer, die Dich suchen. Das freimütige Wort derer, die auf Dich harren, sei immerdar die Rede: „Einst wird der Herr das Licht der Wahrheit leuchten lassen über die ganze Welt.“ O tue es bald! O tue es bald!

Bringe näher die Zeiten des Heiles vor unseren Augen, so daß die Gerechten es sehen und dessen sich freuen, die Redlichen jauchzen, die Frommen in Jubel ausbrechen, wenn das Laster verstummt, die Bosheit wie Rauch vergeht und die Herrschaft des Übermutes schwindet von der Erde.

Dann wird der Glauben an Dich allein die Welt regieren, dann wird erfüllt Dein heiliges Wort:

Der Herr allein regiert die Welt, dein Gott ist's, der Gott, auf Zion, angebetet, von Geschlecht zu Geschlecht, Halleluja!“

O, Ewiger! unser Gott! laß diesen Tag der Versöhnung uns zum Heile werden, auf daß wir entsündigt werden von allen unseren Vergehungen.

Laß an dem heutigen Tage vor Dir aufsteigen das Andenken an uns, die Betenden, auch das Andenken an unsere Väter, die vor Dir gewandelt sind, auch das Andenken an den Erlöser, den Du Deinem Volke verheißen, auch das Andenken an Jerusalem, Deine heilige Stadt, auch das Andenken an das ganze Volk Israel, dem Du ein treuer Hüter gewesen bist auf seinem Wandel durch die Zeiten, damit Du am heutigen Tage der Versöhnung unser gedenkest in Milde und Barmherzigkeit, zum Glücke und zur Rettung, zum Leben und zum Wohlsein.

O, gedenke unser heut zum Glücke!

Erinnere Dich unser zum Segen!

Steh' uns bei, auf daß wir leben!

Denn auf Dich sind unsere Augen gerichtet, Du bist Gott, Du bist König, Du bist der Allgütige.

Unser Gott, und unserer Väter Gott! Vergib unsere Sünden an diesem Versöhnungstage und lasse unsere Missetaten aus Deinen Augen schwinden, wie Du verheißen hast: „Ich, ich bin es, der ablöscht deine Missetaten um meinetwillen, und deiner Vergehungen gedenke ich nicht,“ und wie es ferner heißt: „Ich habe abgelöscht wie Gewölk deine Missetaten und wie Wolkendunst deine Vergehungen. Kehre zurück zu mir, denn ich habe dich erlöset“, und wie es ferner heißt: „Denn an diesem Tage entsühnt er euch, um euch zu reinigen von allen euren Sünden, vor dem Ewigen sollt ihr rein sein.

Reinige unser Herz, daß wir mit Eifer und in Wahrheit Dir dienen. Du bist es ja, der sein Wohlwollen nicht ablenkt von den Stämmen Jeschuruns, bis an das Ende der Zeiten. An wen sollten wir uns auch wenden, da nur Du unser König bist, der uns begnadigen kann. Alljährlich läßt Du unsere Schuld dahinschwinden. So liebst Du Dein Volk Israel, und darum auch schenktest Du uns den Versöhnungstag.

Nimm auch unsern Dank, o Gott und Gott unserer Vorfahren, für das Leben, das Du bis heute uns bewahrt, für die Wohltaten, die Du bis heute uns erwiesen. Alles, was Du für uns tust, ist groß und wunderbar, wir könnten nicht genügend Dir danken, wollten wir auch täglich vom Morgen bis an den Abend Dich rühmen. Ohne Ende ist Deine Güte, und Deine Liebe hat keine Grenzen.

O Herr! Laß unsere Bitte vor Dich kommen, wenn wir gleich auf unser Recht nicht bauen können: wir wissen gar wohl, wie vielfach wir gesündigt haben.

Wir sind abgewichen von Deiner Lehre und von Deinen Vorschriften, die so heilsam für uns sind, Du freilich bist gerecht, wir aber stehen beschämt als Sünder vor Dir.

Was sollen wir sprechen vor Dir? Du wohnest in der Höhe und überschauest das All. Was sollen wir Dir mitteilen? Dein Thron ist über den Wolken. Nur vor uns gibt es Geheimes und Offenbares, Dir aber ist alles, alles bekannt.

Du kennst die Geheimnisse der Welt und kennst sie seit Ewigkeit, und ebenso die Verborgenheit, in der das kleinste Wesen lebt, Du durchforschest die geheimsten Gedanken unserer Brust, nichts ist Dir unsichtbar, kein Verbergen gibt es vor dem Auge Deiner Allwissenheit.

O Herr! Darum kennst Du auch mich, mein ganzes Wesen, mein ganzes Leben und meine Fehler und Sünden. Ich aber flehe Dich an, o vergib! Verzeihe und gewähre mir Versöhnung!

O Herr! Wie könnte ich denn Dir zu nahe treten, wie könnte ich Dich beleidigen durch meine Sünde, nur mir, meiner Veredelung und dem Heile meiner Seele kann ich schaden, denn ob ich gleich geboren bin, bin ich immer noch ein Nichts. Staub bin ich bei meinem Leben, um wie viel mehr nach meinem Tode, wenn ich nicht die Seligkeit des ewigen Lebens mir erwerbe. Beschämt und vernichtet ich vor Dir, wenn ich die Geringfügigkeit meiner Tugend mir bedenke. O, Herr! Laß meinen Willen erstarken, daß ich fortan die Sünde meide, und was ich bis jetzt verschuldet, das laß vergessen sein vor Dir. Reinige mich und läutere mich durch Deine Gnade und Verzeihung, aber, o Herr! nicht durch Prüfungen und Strafgerichte.

Verzeichne zum glücklichen Leben alle Kinder Deines Bundes.

Verzeichne uns heut, uns und das ganze Haus Israels, ins Buch des Friedens, der Nahrung und des Wohlseins.

Bewahre unsere Zunge vor trüglicher Rede und unser Gemüt vor Hochmut, segne uns mit einem willigen Herzen und einem eifrigen Geiste zur Erfüllung unsrer Pflichten, und nimm wohlgefällig auf die Worte meines Mundes und die Gedanken meines Herzens, Du, mein Fels und mein Erlöser! Amen.

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Sünden-Bekenntnis.

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Herr und Vater! Du hast den heiligen Versöhnungstag für uns eingesetzt, daß wir das Heil unserer Seele, die Vergebung unserer Sünden von Dir erlangen. Wohl weiß ich es, daß ich keine Versöhnung für mich herbeiführen kann ohne Reue und Besserung. Darum ist dieser Tag für mich eine Zeit der Selbstprüfung und des eifrigen Forschens nach dem Zustande meines innersten Wesens. So laß mich denn reuevoll das Bekenntnis meiner Sünden vor Dir aussprechen.

Was könnte es mir auch nützen, wenn ich sie verbergen oder auch nur das offene Eingeständnis derselben unterdrücken wollte! Ist Dir ja doch das Geheimste offenbar. Du schauest den verborgensten Zusammenhang aller Dinge im Weltall, und ebenso geöffnet vor Dir sind die Kammern meines Herzens, meine Taten alle und alle meine Gedanken.

Herr und Vater, ich habe gesündigt gegen Dich.

Ich habe die falschen Vorstellungen von Dir nicht in dem Maße aus meiner Seele verbannt, als ich es wohl vermocht hätte, wenn ich mit Eifer jede Gelegenheit gesucht hätte, Belehrung zu empfangen, um den Glauben zu befestigen und mich vom Aberglauben zu entfernen.

Ich habe nicht Dir allein gedient: habe mich des Götzendienstes schuldig gemacht, wenngleich ich nicht gebetet vor Holz oder Stein, denn oft habe ich mein Knie gebeugt vor dem Unwürdigen, um die Gunst der Menschen mir zu erkaufen, oft habe ich auch ein Opfer dargebracht auf dem Altar des Genusses, das Dir nicht wohlgefällig war.

Ich habe nicht Dir allein vertraut und nicht Dir über alles vertraut; denn ich gründete mein Hoffen oft einzig auf die Hilfe der Menschen und noch öfter auf meine eigene Einsicht.

Ich habe Deine Liebe nicht anerkannt, denn ich habe Deine Gaben genossen, ohne an Dich zu denken und Dir zu danken.

Ich habe Deinen Namen nicht heilig gehalten, sondern ihn leichtfertig und unnötig ausgesprochen, und so die Ehrfurcht gegen Dich verletzt.

Ich habe den Sabbat nicht immer geheiligt, und oft versäumt, ihn anzuwenden zur inbrünstigen Erhebung zu Dir im Gebete.

Ich habe Zeiten, die Dir geweiht sein sollen, zu weltlichen Geschäften verwandt, weil ich mich freuete an der Frucht meiner Arbeit und sie nicht betrachtete als ein Geschenk Deiner Gnade.

Herr und Vater! Ich habe auch gesündigt gegen meine Nebenmenschen.

Ich habe oft gefehlt in der Ehrfurcht gegen meine Eltern.

Ich habe oft die Gefühle der Dankbarkeit verleugnet gegen die, die mir wohlgetan.

(Ich bin meinen jüngeren Geschwistern nicht immer ein würdiges Vorbild gewesen.)

Ich habe mich aufgelehnt gegen die, die ein Recht auf meinen Gehorsam haben.

Ich habe die Gesetze der Obrigkeit verletzt und nicht beherzigt, daß das Heil aller gegründet ist auf den guten Willen aller, die Ordnung der menschlichen Gesellschaft zu hüten.

Ich habe mich versündigt am Leben meines Nächsten, weil ich ihn nicht gewarnt, wo Gefahr ihm drohte, so daß er einen Schaden genommen, den ich hätte verhüten können.

Ich habe oft unvorsichtig zerstört, was meinem Nächsten Freude gemacht hat.

Ich habe mich hart abgewandt von dem Hungrigen.

Ich habe dem Leidenden meine Hilfe versagt.

Ich habe die, welche mir um Lohn dienten, mit Arbeit überbürdet und ihre Schwäche nicht geschont.

Ich war mitleidslos, vielleicht auch grausam gegen Tiere.

Ich habe Sitte und Unschuld nicht immer in meinen Gedanken bewahrt.

Ich habe durch leichtfertige Reden die Unschuld beleidigt.

Ich habe eingestimmt in den Scherz, der die Sitte verletzt.

Ich habe das Eigentum meines Nächsten nicht geachtet und im Eigennutz sein Recht vergessen.

Ich habe meinen Vorteil auch da gesucht, wo er den Nachteil eines andern herbeiführte.

Ich habe dem Arbeiter seinen Lohn gekürzt und über die Gebühr ihn darauf warten lassen.

Ich habe meinen Nächsten beleidigt und durch Wort und Tat gekränkt.

Ich habe hart geurteilt über die Handlungen anderer Menschen.

Ich habe durch üble Nachrede ihrem guten Namen geschadet.

Ich habe Lästerungen gleichgültig oder wohlgefällig angehört und nicht zurückgewiesen.

Ich bin durch Übertreibung der Fehler anderer abgewichen von der Wahrheit.

Ich habe nicht Rücksicht geübt mit ihren Schwächen.

Ich habe auch ihren Taten oft falsche Beweggründe unterstellt und so den Schuldlosen verdächtigt.

Herr und Vater! Ich habe auch gesündigt gegen mich selbst.

Ich war zu selten bestrebt, meine Gedanken und meine Sitten zu veredeln.

Ich habe mein Herz nicht rein gehalten vom Neide.

Ich habe Genüge gefunden an meiner eigenen Mittelmäßigkeit.

Ich habe dennoch der Zufriedenheit zu selten Raum gegeben in meinen Empfindungen.

Ich habe oft die Stimme der Weisheit überhört und die Gesetze der Mäßigkeit nicht geachtet.

Ich habe zu viel nach irdischen Gütern gestrebt und das Heil meist in ihrem Besitze gesucht.

Herr und Vater! Alles dies habe ich getan und noch viel darüber:

Meine Wahrheitsliebe war zu gering, meine Treue zu wankelmütig, mein Mitleid zu selten und zu untätig; meine Ordnungsliebe zu lau, mein Fleiß war oft ohne Ausdauer, meine Mühe ohne Beharrlichkeit.

So habe ich selbst das Recht nur unvollständig geübt und auch vom Unrechten habe ich zu wenig mich fern gehalten.

Ich habe heuchlerisches Lob mit Wohlgefallen aufgenommen, habe der Schmeichelei mein Ohr geneigt, ich habe den Tadel gehaßt, ich habe meine Fähigkeiten überschätzt, meine Ansprüche zu hoch gestellt, meine Ehre oft zu gering gehalten; ich habe meine Bequemlichkeit zu sehr geliebt und meine Pflichten zu wenig.

Ach! ich könnte noch lange nicht enden, wäre ich imstande, meiner Fehler große Zahl vor Dir zu bekennen. Je tiefer ich in mein Inneres schaue, desto tiefer wird vor meinem Blicke der Abgrund meiner Sündhaftigkeit. Ich könnte auf Deine Milde, Allbarmherziger, nicht hoffen, wolltest Du mir vergelten nach Gerechtigkeit. Du aber wirst mich richten nach Deiner unendlichen Gnade. Wo ist ein Mensch, der fehlerlos vor Deinem Angesichte erschienen, denn: es gibt ja keinen Gerechten auf Erden, der nur das Gute tut und nicht sündigt.

Darum, Herr und Vater, nimm das Bekenntnis meiner Sünden wohlgefällig auf und schreibe mich in das Buch der Versöhnung und Vergebung.

Laß mich immer erfüllt sein von dem Streben, weiser und besser zu werden. Halte fern von mir die Versuchung, und wo sie mir dennoch entgegentritt, da gib mir Einsicht, sie zu erkennen und Kraft, ihr zu widerstehen.

Das ist mein Gebet, das ist mein Hoffen, das ist mein Vertrauen zu Dir, der Du den heutigen heiligen und ehrfurchtbaren Tag bestimmt hast, daß er ein Versöhnungstag für uns sei, denn Du hast es in Deiner heiligen Lehre ausgesprochen: An diesem Tage will ich euch versöhnen, euch zu reinigen; von euren Sünden sollt ihr vor dem Herrn rein sein. Amen.

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Beim Herausheben der Thora am Versöhnungstage.

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O Ewiger! Ewiger! Barmherziger Gott! Du bist der Allgnädige, langmütig und von unbegrenzter Huld und Treue, der seine Gnade bewahret bis ins tausendste Geschlecht, der Missetat, Abfall und Sünde vergibt und den Übeltäter losspricht.

(Dreimal.)

Herr des Weltalls! O erfülle die Wünsche meines Herzens, so sie zu meinem Heile gereichen; willfahre meinem Verlangen und erhöre meine Bitte: Vergib erbarmungsvoll alle meine Missetaten und vergib Fehl und Sünde allen, die mir nahe stehen und die ich in mein Gebet einschließe. Laß Deine Verzeihung walten über uns aus Gnade und Barmherzigkeit; laß uns rein sein von Sünde und Vergehen. Gedenke heute unser mit Wohlgefallen, erinnere Dich unser zu unserm Heile. Schenke uns ein glückliches Leben, gewähre uns Frieden, Nahrung, Zufriedenheit und sorgenfreie Befriedigung der Bedürfnisse des Lebens. Laß es uns nimmer fehlen an Brot und Kleid. Beglücke uns mit Wohlstand und Ansehen und Lebensfreude, damit es uns vergönnt sei, diese Güter anzuwenden zu Werken der Tugend, schenke uns Leben und Gesundheit, damit wir noch lange zu wandeln vermögen in den Wegen Deiner Lehre. Gib uns Weisheit und Einsicht, daß es uns mehr und mehr gelinge, einzudringen in den Plan Deiner Weltregierung. Befreie uns von den Leiden, die uns drücken und segne die Taten unserer Hände. Verhänge über uns Glück, Heil und Trost. Vernichte die Gefahren, die uns drohen, ob sie uns bekannt oder unbekannt sind. Wende immerdar das Herz unseres erhabenen Regenten zum Wohlwollen, daß nie wieder über Israel hereinbrechen die Tage des Druckes und der Erniedrigung. Also sei es wohlgefällig vor Dir, barmherziger Vater, Herr des Weltalls. Amen!

שְׁמַע יִשְׂרָאֵל יְהֹוָה אֱלֹהֵינוּ יְהֹוָה אֶחָד׃

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Maskirbetrachtung für den Versöhnungstag.

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Der am heiligen Tage der Versöhnung gelesene Abschnitt der Thora ruft uns allen den tieftraurigen Tod der beiden Söhne des Priesters Ahron ins Gedächtnis. Sie starben vor dem Ewigen, als sie fremdes, unheiliges Feuer in das Heiligtum trugen. So wurde jenen die Stätte des Segens zum Unglücksorte, wurde dem schwergeprüften Vater das Heiligtum, seine zweite Heimat, zum Grabe seiner Kinder. So ist Menschenlos. Wo wir Glück erhoffen und erträumen, erwächst oft Unheil. Die Unerforschlichkeit göttlicher Bestimmung wird uns oft genug erwiesen. Wir stehen stumm und sprachlos, gleich Ahron, vor dem Grabe köstlichster Habe. Das ist Menschenschicksal. Wenn der Hohepriester am Tage der Versöhnung das Heiligtum zu verlassen sich anschickte, war eines seiner andächtigen Gebete: „Möge es Dir wohlgefallen, o Herr, daß den Bewohnern Sarons ihre Häuser nicht zu ihren Gräbern werden.“ Saron, das ist jener liebliche Landstrich des heiligen Landes, der berühmt ist durch die Schönheit und Üppigkeit seiner Fluren; dessen Rosen und Lilien farbenprächtig prangen, köstlich duften. Die Lilie von Saron zierte die jüdische Jungfrau. Kein Jahr jedoch verstrich, in welchem dieses gesegnete Erdreich nicht seine Opfer forderte. Nur an der Oberfläche war der Boden dieser rosengeschmückten Gefilde lieblich und schön. Aus der Tiefe drohten Tod und Verderben. Erderschütterung und die Wühlarbeit unterirdischer Gewässer machten Sarons Ebene zur Schreckenstätte. Die sonst beneidenswerten Bewohner waren von furchtbarer Gefahr bedroht.

Ein anderes Saron ist unser Leben, sind die Gefilde und Triften unseres Strebens und Wirkens, die Stätten unserer Wohnungen und Familienhäuser. Leben, blühendes Leben soll ihnen entsprießen. Wie fruchtbares Erdreich sollen sie sein, in das wir kräftiges Saatkorn senken, um freudig Garben binden und heimwärts tragen zu können. Unseren Häusern erwachsen in Töchtern und Söhnen liebliche Rosen, duftige Lilien. Rein wie die Lilie, keusch und lauter ist des Kindes Unschuld, wie die Rose voll Seelenduft, aber auch ebenso zart und empfindlich. Ihnen schadet die Kälte, scharfer Windhauch des Herbstes. Sie verlangen Wärme und Wacht, auf daß die Töchter und Söhne dem Judentume treu und lebendig bleiben. Der geweihte Boden des Hauses, wo Mütter und Väter sorgen und hüten, ist die Ursprungsstelle jüdischer Frauen und Männer. Hier müssen den zarten Wurzeln Triebkräfte zugeleitet werden, damit die Blumen sich entfalten und nicht vorzeitig welken und sterben. „Möchten doch unsere Häuser nicht zu unseren Gräbern werden.“ Dieses ist unser heißes Flehen in dieser heiligen Stunde, in welcher wir derjenigen wehmutsvoll gedenken, die in den Gräbern ruhen. Ihnen war das Haus verheißungsreiche Pflegestätte edelster jüdischer Tugend, biblischer Kraft, patriarchalischen Geistes. In ihrer Wohnung gediehen Lilien inniger Frömmigkeit, Rosen ungetrübter Seelenfreude, Herzensruhe, Gottergebenheit. Und ihnen erwuchsen in Töchtern und Söhnen verläßliche Glaubensschwestern, Glaubensbrüder.

In sich trugen sie die Bürgschaft für neues Leben. Nie ward ihr Haus ihr Grab. Lasset uns ernstlich Sorge tragen, daß unsere Häuser den drohenden Erschütterungen der Erde nicht zum Opfer fallen, kein wühlendes Gewässer sie zerstöre, Schuld und Sünde die Bewohner nicht dem Tode weihe. So beten wir mit dem Priester andächtig und inniglich: „Möge es Dir wohlgefallen, o Herr, daß unsere Häuser nicht unsere Gräber werden.“

(Siehe „Totenfeier“ am Schlusse des Buches).

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Gebet zu Mussaph am Versöhnungstage.

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Was können wir denn tun, Herr und Vater, um der Gnade würdig zu sein, um die wir Dich anflehen. Der sichtbare Wohnsitz Deiner Herrlichkeit, der heilige Tempel zu Jerusalem, ist nicht mehr das Ziel unserer Wallfahrt; der Hohepriester betritt nicht mehr das Allerheiligste und sprengt nicht mehr das Blut der Entsündigung an die Wände des Altars. Der Sündenbock wird nicht mehr, beladen mit der Schuld des Volkes Israel, in die Wüste gesandt, und die Flammen des Opfers lodern nicht mehr auf dem Altare.

Wohl weiß ich es, Herr und Vater, daß Du das alles heute noch nicht von uns begehrst, und daß Du darum selbst in Deiner erhabenen Majestät nicht aufgehört hast, in der Mitte der Deinen zu thronen, wo sie zu Deinem Dienste sich versammeln an allen Enden der Erde. Du selbst hast es ausgesprochen: „Und ich werde gedenken des Bundes, den ich mit ihren Vorfahren geschlossen, welche ich aus Ägypten geführt habe vor den Augen aller Völker, ihnen ein Gott zu sein, ich, der Ewige.“ Du selbst hast uns die Versicherung gegeben: „Auch alsdann, wenn sie sein werden im Lande ihrer Feinde, werde ich sie nicht verwerfen und verstoßen, sie nicht vergehen lassen, so daß ich meinen Bund mit ihnen zerstöre, denn ich bin der Ewige, ihr Gott.“ Auch für uns gilt das Wort, das Du durch Deinen Propheten verheißen: „Wenn eure Sünden auch wie Purpur sind, weiß wie Schnee sollen sie werden.

Und so weiß ich es, daß Du auch uns die Mittel gegeben hast, Deine Gnade zu erwerben. Auch uns ist es nicht versagt, Dir Opfer zu bringen, die Dir wohlgefällig sind. Wenn wir in aufrichtiger Buße unsere Sünden bereuen und Dir geloben, mit allen unseren Kräften die Versuchungen zu bekämpfen und die Fehler zu meiden, wenn wir in inbrünstigem Gebete zu Dir uns wenden allezeit, und wenn wir, eingedenk Deiner unendlichen Güte und Barmherzigkeit, wiederum gütig und hilfreich sind gegen unsere Nebenmenschen, so oft sie unseres Beistandes bedürfen: das alles, Herr, ist wohlgefällig aufgenommen in Deinen Augen, das steigt auf zum Throne Deiner Herrlichkeit wie der liebliche Duft des Weihrauchs vom Altare. Amen!

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Unsere Opfer.

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Wenn auch nicht mehr der Opferduft

Entsteiget den Altären,

Wir können Opferfreudigkeit

Dir dennoch, Herr, bewähren:

Des Herzens sündige Begier,

Die bringen wir zum Opfer Dir.

O Herr, laß von uns allen

Solch' Opfer Dir gefallen!

Und kann der Priester nicht für uns

Das Heiligtum betreten,

Wir können selbst im Heiligtum

Zu uns'rem Schöpfer beten.

Im Gotteshaus mit Lobgesang

Bekunden wir des Herzens Drang.

O Herr, laß von uns allen

Solch' Opfer Dir gefallen!

Und können wir zum Opfertier

Auch keine Gaben spenden,

Auf daß wir unsere Sündenlast

Zum Wüstenfelsen senden.

Wir wollen uns're Gaben weih'n

Dem Dürftigen ein Trost zu sein.

O Herr, laß von uns allen

Solch' Opfer Dir gefallen.

Das können nur die Opfer sein,

Die wir zu bringen haben:

Die wahre Buße, das Gebet

Und milde Liebesgaben.

So suchen wir des Schöpfers Huld,

So sühnen wir der Sünde Schuld.

O Herr, laß von uns allen

Solch' Opfer Dir gefallen!

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וּנְתַנֶּה תֹּקֶף
Unthanne tokef.

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Erwäge nun, mein Geist, die Heiligkeit

Des Tages heut, erwäge seine Größe!

Denn mächtig ist er, furchtbar und erhaben.

Heut tust Du, Herr! uns Deine Herrschaft kund.

Der Weltregierung Herrscherstuhl errichtet

Hast Du vor uns, aus Gnade ihn begründet

Und thronest d'rauf im Himmelsglanz der Wahrheit.

Ja, Wahrheit ist's, daß Du ein Richter bist,

Der nimmer irren kann; Allwissenheit

Macht Dich zugleich zum Geber des Gesetzes,

Zum Zeugen und zum unfehlbaren Richter.

Geschrieben und gezählt von Deiner Hand,

Besiegelt auch sind alle uns're Taten, —

Die wir vergessen, sind von Dir gedacht.

Heut schlägst das Buch Du der Erinn'rung auf,

Und siehe! Alles deutlich d'rin zu lesen,

Als wär's von uns'rer eigenen Hand verzeichnet,

Da tönet mächtig der Posaune Schall,

Und sie verhallt in feierlicher Stille,

Und zitternd eilt herbei der Engel Schar,

Sie laden zum Gericht und rufen aus:

„Erschienen nun ist des Gerichtes Tag!

Herbei, ihr Himmelsscharen! eilt herbei!“

Denn sie auch sind nicht fehlerlos vor Dir.

Und die Geschöpfe alle zieh'n vorüber

Vor Deinem Angesichte, wie eine Herde.

So wie der Hirte, musternd seine Schafe,

Sie läßt dahinzieh'n unter seinem Stabe,

So musterst Du, so leitest Du und zählest

Die Seelen der Lebend'gen, alle, alle;

Das Ziel bestimmst Du jedem Deiner Wesen,

Verzeichnest ihr Gericht, wie Du's verhängst.

Am Neujahrstage, da wird's aufgeschrieben

Und am Versöhnungstage wird's beschlossen:

Wie viel der Wesen aus dem Leben scheiden,

Wie viel zur Welt gerufen werden sollen,

Wer leben soll und wer zum Tode eingeh'n,

Wer da sein Ziel erreichen, wer verfehlen.

Und wen die rohen Kräfte der Natur,

Wen Schwert und Krankheit oder Hungersnot

Als ihre Beute sich erwählen werden,

Und wessen Anteil wird der Frieden sein.

Wer unstät irren müsse durch das Leben,

Wer Freudigkeit, wer Trübsal finden soll,

Wer wandeln soll im Segen oder Mangel,

Und wer erniedrigt, wer erhöhet werde;

aber

Reue, Gebet und Liebeswerke

lassen das böse Verhängnis vorübergehen.

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Denn wie Dein Name, so ist auch Dein Ruhm,

Bist schwer erzürnt und leicht geneigt zur Milde,

Du willst nicht, daß der Todesschuld'ge sterbe,

Du willst, daß er bereue, daß er lebe,

Du harrst auf ihn bis auf den Tag des Todes

Und nimmst ihn auf, so er zu Dir sich wendet.

Führwahr! Du bist der Schöpfer aller Menschen,

Kennst ihre Triebe, — sie sind Fleisch und Blut. —

Der Mensch ist Staub und kehrt zurück zum Staube,

Wenn mühsam er das Leben hingebracht.

Er ist zerbrechlich, gleich dem ird'nen Scherben,

Dem dürren Grase gleich, der welken Blüte,

Dem Schatten gleich, der stumm vorüberzieht,

Der Wolke gleich, die sich als Nebel löset.

Wie Wind dahingeht, wie der Staub verfliegt,

So fliegt er hin, vergänglich wie ein Traum.

Du aber bist König, Gott, der Lebendige, der Bestehende in Ewigkeit!

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