15. Kapitel.
Konfirmation.
Ehe man’s gedacht, kam der Herbst, und mit ihm die Vorbereitungszeit für Hannis und Klaras Einsegnung.
Gertrud von Rantzau war ein Jahr jünger als die Freundinnen. Da sie aber sehr wünschte, den Unterricht mit ihnen zu teilen, so gaben ihre Eltern den Bitten nach und ließen sie ein Jahr früher konfirmieren, als anfangs geplant war. So schlossen sich die drei Häuser diesen Winter in herzlichster Weise zusammen, und die jungen Mädchen genossen mit großer Freude das Glück gemeinsamen Lernens und Strebens, was Gertrud besonders lebhaft empfand, da sie noch nie mit Altersgenossinnen zusammen unterrichtet war. In dieser Zeit fand sich auch Gelegenheit für Hanni, Gertrud mit ihrer kleinen Sonnabendschule bekannt zu machen, die sie mit immer wachsender Freude betrieb, und mit ihr davon zu sprechen, welch Herzenswunsch es der verstorbenen Schwester gewesen sei, daß dergleichen auch in Buchdorf eingerichtet würde.
Innerlichst vorbereitet, sahen alle drei der schönen, feierlichen Osterzeit entgegen. Da bekam Hanni verschiedene Briefe von den Berliner Freundinnen, deren Konfirmation schon vor dem Fest an verschiedenen Wochentagen stattgefunden hatte und deren Berichte sie natürlich jetzt mit besonderer Teilnahme las. – Käte schrieb:
»Berlin, den 22. März.
Liebste Hanni! Dir und Deiner Mutter innigsten Dank für Euer treues Gedenken. Ja, Ihr habt recht, es war ein wunderschöner Tag, an dem uns alles, was wir diesen Winter über gelernt und bedacht haben, nochmals besonders klar vor die Seele trat. Die Feier in der Kirche war sehr weihevoll. Nur empfand ich den ganzen Tag schmerzlich – viel mehr als bisher –, daß mein Vater nicht dabei war. Als die übrigen Kinder beglückt mit ihren Eltern fortgingen, stand meine süße Mutti so allein, so schmal und zart aussehend, da. Es grub sich mir tief ins Herz, wie fest ich nun, wo ich doch mehr zu den Erwachsenen gehöre, ihr beistehen muß. –
Ilse sah sehr ernst und bleich aus. Ich habe sie nachher noch nicht wiedergesehen. Für mich wird das Leben im ganzen unverändert weitergehen. Ich bin Mutti so dankbar, daß sie mir den Wunsch gewährt, gleich ins Seminar einzutreten. Die Arbeit macht mir so viel Freude, und es wird ein reizender Kreis sein, gerade die aus unserer Klasse, die mir die liebsten waren. Nur Ilse darf leider nicht teilnehmen, obgleich sie es glühend wünschte. Ihre Eltern sind ganz empört gewesen über die Idee von einem Mädchen in ihrer Stellung, sich solchen Anstrengungen zu unterziehen. Wie haben wir es gut, die bei den Eltern immer auf Verständnis rechnen können.
Aber ich will heute noch mehrere Briefe beantworten, deshalb schnell ade! Herzlich Deine Käte.«
Ilse an Hanni:
»Berlin, den 22. März.
Meine beste Hanni! Wie lieb von Dir, mir zur Konfirmation zu schreiben. Ich dachte, Du hättest mich längst vergessen, und doch interessiert mich Dein Ergehen besonders. Ich lasse mir oft durch Käte von Dir erzählen.
Du hoffst, daß ich auch so viel von unserem Konfirmandenunterricht gehabt, wie Du. – Ja, ich glaube sogar, daß für mich manches noch eindrucksvoller gewesen als für Dich, die schon zu Hause und auch durch Deinen bisherigen Unterricht ganz vertraut gewesen mit diesen Gedanken. Mir war alles neu. Du erinnerst Dich, wie unser Religionsunterricht in der Schule war – ich habe kaum hingehört.
Daß zu Hause leider nie von Gott und göttlichen Dingen gesprochen wird, weißt Du auch. Nun waren mir die ernsten und tiefen Stunden bei Herrn Pastor Baum wirklich ein Erlebnis, und ich hoffe von Herzen, daß ich das festhalten werde, was er uns mitgegeben.
Leicht wird’s freilich nicht sein. Es schmerzt mich tief, wenn Papa Äußerungen tut, wie die: ›Nun müsse die Kopfhängerei ein Ende haben! Solche Mädchenträumereien hätten ihre Zeit, müßten dann aber vor der Wirklichkeit weichen.‹
Oder wenn Mama so umständlich überlegt, welchen Präsidenten, Generalsfamilien, Vorstandsmitgliedern und anderen Würdenträgern ich nun vorgestellt werden müsse. Mich überläuft’s kalt, wenn ich an all die schönen Stunden denke, die ich da werde versitzen müssen, statt in das geliebte Seminar zu gehen, wo sie lernen und weiterkommen.
Eines Nachmittags wagte ich den kühnen Schritt, mit meiner Not zu Herrn Pastor Baum zu gehen. Aber er redete mir ernstlich zu, Gottes Wege in den für mich gegebenen Verhältnissen zu sehen. Wenn meine Eltern mich, ihre Einzige, einstweilen im Hause haben wollten, so sei es meine Pflicht, alle Kräfte aufzubieten, ihnen eine gute Haustochter zu sein, durch Liebe und Dankbarkeit ihr Leben zu verschönen und nebenher alles zu lernen, was mir möglich wäre. Wenn ich sonst Gehorsam zeigte, würden sie mir dazu sicher Erlaubnis geben.
Denn das sei freilich meine Pflicht gegen mich selbst, nicht in dumpfem Verzicht nun alles Weiterstreben aufzugeben. Ja, ich würde mich versündigen gegen mich und die Eltern, wenn ich es täte.
Wir haben abgemacht, daß ich jeden Monat einmal Sonntagnachmittags zum Tee in sein Haus komme. Dann hat er Zeit für die Freunde, die sich einfinden, und ich soll ihn fragen, wenn ich in diesem oder jenem nicht weiter weiß.
Ich kann Dir nicht sagen, was mir diese Aussicht für ein Trost ist. – Jeden Morgen stehe ich nun mit den besten und festesten Vorsätzen auf. Wie leicht die aber erlahmen bei den tausend kleinen Enttäuschungen, dem Anrennen an unnötige Vorurteile, das kannst Du Dir nur sehr schwer vorstellen. Wie gern ginge man mutig in eine Schlacht oder an eine Herkulesarbeit – das Ameisenwerk will oft unerträglich erscheinen.
›Aber gerade das Kleinste treu zu verrichten und im engsten Kreise Sonnenschein zu verbreiten, sei unsere Pflicht und unser Los,‹ sagt mein Lehrer. Und so will ich zufrieden sein, wenn mein heutiger Erfolg kein größerer war als der, das müde, bekümmerte Gesicht unserer Berta, des Stubenmädchens, zu erhellen. Ich muß Dich nächstens etwas ihretwegen fragen, will aber erst mit Käte darüber sprechen.
Für heute leb wohl und sage Deiner verehrten Mama meine Grüße, und ich bedauerte Dich jetzt nicht mehr, aufs Land gekommen zu sein, – habe überhaupt meine Meinungen sehr geändert. Ich glaube, das wird sie sehr freuen. Deine Ilse.«
Endlich schrieb auch Lena Wallis:
»Berlin, den 24. März.
Liebe Hanni! Verzeihe, daß ich in allem Trubel der letzten Tage bisher noch nicht dazu gekommen bin, Dir für Deine süße Glückwunschkarte zu danken. Denk mal, fünfundsiebzig Karten bekam ich im ganzen, teils geradezu entzückende! Und dann all die Gratulationsbesuche, die wertvollen Geschenke! Man geht wie auf Wolken! Es war überhaupt eine himmlische Zeit, diese ganzen letzten Wochen. Mama war rührend: Jeglichen Gefallen tat sie mir, und wenn Papa etwas von mir verlangte, so sagte sie öfters: ›Störe sie doch jetzt nicht; einmal träumt man nur den Jugendtraum. Die rauhe Wirklichkeit kommt noch früh genug.‹
Für unseren Pastor schwärmten wir sämtlich. Augen, sage ich Dir, wie ein Heiliger. Man wagte kaum zu atmen, wenn er so feierlich sprach. Wir haben ihm eine entzückende Palme geschenkt. Ich allein steuerte fünf Mark dazu bei.
Am Konfirmationstage kam Mama schon zeitig mit all den schönen Sachen in mein Zimmer, was übrigens auch die Woche vorher vollständig neu hergestellt war – ganz in Himmelblau. Nun das entzückende Seidenkleid, tadellos sitzend, alles von oben bis unten neu; es war wirklich feierlich. Als man dann in der Kirche war: Die vielen Blumen, die beweglichen Klänge der Orgel, die ganze Weihe des Augenblicks, da drehte sich alles mit mir im Kreise, und ich war buchstäblich schwindelig vor Feierlichkeit.
Besinnung kriegte ich erst wieder, als mich zu Hause all die festlichen Gratulanten umringten.
Bei Euch auf dem Lande wird das alles stiller und einfacher zugehen! Wenn ich mir solche kleine Dorfkirche vorstelle!!! Schreib mir doch mal, ob es nett gewesen. Bis dahin auf Wiedersehen. Deine Lena Wallis.«
»Ich werde mich hüten, dir wieder zu schreiben,« rief Hanni, indem sie diesen Brief ärgerlich aus der Hand warf. »Nein, wirklich, was zu viel ist, ist zu viel. An der ist Hopfen und Malz verloren!«
Als dann ihre Mutter ins Zimmer trat, schloß sie diese stürmisch in die Arme. »Mutti, womit soll ich es je verdienen, daß ich es von allen am schönsten habe – so immer mit euch zusammen, nichts als Liebe um mich her. Ich kann dir nicht sagen, wie glücklich ich bin!«
»Damit, daß du das so tief empfindest, beglückst du auch uns, mein Liebling. Und deinen Dank gegen Gott kannst du beweisen durch sehr, sehr viel Liebe zu deinen Mitmenschen! Er wird dir das ›Wie‹ immer zeigen, wenn du ihm nahe bleibst.«