2. Kapitel.
Abschied.
Es kamen unruhige Tage. Ganz gegen ihre Gewohnheit mußte Frau Gerloff viel unterwegs sein, und Hanni machte alle Stadien der Ungemütlichkeit und daneben all die kleinen interessanten Wichtigkeiten durch, die einem solchen Ereignis vorangehen. Auch für sie gab es Trennungsstunden der verschiedensten Art. Jede der Freundinnen wollte sie gern noch einmal bei sich haben.
Bei Admiral Kählers, Hertas Eltern, gab es ein vergnügtes Abschiedsfest. In dem weiten, hellen Kinderzimmer war eine lange Tafel mit Schokolade und Kuchen hergerichtet. Herta und Lilli hatten selbst Blumen aus dem hübschen Garten holen und alles festlich schmücken dürfen. Auf Hannis Platz lag sogar ein Rosenstrauß, den die süße kleine Lore eiligst herunterzog, um ihn mit großem Eifer selbst zu überreichen, wobei sie begeistert rief: »Da Bümi soll Hanni haben! – Da!«
Daß sie dabei ein bißchen an die Tasse stieß und einen kleinen braunen See über die Tischdecke und ihr reines Kleidchen ergoß, wurde nicht sehr tragisch genommen. Sie war ja erst 1½ Jahre alt – und solche Zwischenfälle waren auch zu häufig, um viel Aufsehen zu erregen. Nur Lena Wallis zog entsetzt ihr seidenes Kleidchen in die Höhe und rief: »Git, du kleiner Schmierfink, bleib mir vom Leibe! Was würde Tante Sophie sagen, wenn du mein neues Kleid beschmutztest!«
Da konnte sich wieder Käte von Platen nicht halten: »Das wäre dir ganz recht! Warum bist du so albern, dir zum Spiel ein seidenes Kleid anzuziehen.«
»Bitte, du bist nur neidisch, weil du so was nicht hast,« versetzte Lena schnippisch.
Da zog aber Hanni ihre geliebte Käte rasch zurück und flüsterte ihr zu: »Du hast doch Mutti versprochen, nicht so heftig zu sein – und nun gar hier, wo Kählers alles so reizend gemacht haben. Wie würde es sie betrüben, wenn ihr euch zanktet!«
Kätes Zorn war auch bereits verraucht. Sie murmelte nur noch leise: »Ach ja, laß die alberne Puppe,« – und mit einem schnellen Griff hob sie die kleine Lore auf ihren Rücken und sprang unter lautem Jauchzen der Kleinen mit ihr als Huckepack um den Tisch. »Hoppe, hoppe, Seiter!« rief die Kleine immer von neuem, indem sie ihre goldigen Locken schüttelte, und wollte nur unter der Bedingung endlich absteigen, daß Fräulein Lottchen ihr erlaubte, »danz dicht bei Pferdchen zu sitzen«, worüber Käte sehr beglückt war.
Nach der feierlichen »Kuchenschlacht«, wie der freundliche Admiral, der hereinkam, um die Truppen zu inspizieren, die Sitzung nannte, kommandierte er mit rauher Donnerstimme, die gar nicht zu seinen freundlich lachenden Augen paßte: »Nun alle Mann an Bord und das Deck klar gemacht!«
Alles rieb und putzte die Händchen und Mäulchen, und sogar die kleine Lore bemühte sich nach Kräften und reckte gegen Käte die gespitzten Lippen in die Höhe: »Is säuberlich?« – »Fein!« bestätigte diese entzückt, und belohnte sie mit einem kräftigen Kuß, wonach die Kleine zu ihrem größten Pläsier von neuem mit Reiben begann, indem sie murrte: »Böse Käte, nich wieder einmutzen.«
Aber schon erscholl neues Kommando: »Nun die Anker hoch und vorwärts in See!« Alles erhob sich stürmisch, und mit großem Gepolter ging es über die Veranda in den Garten.
»Na, wenn ihr in unserer Wohnung wäret,« sagte Käte, »Frau Dommbersky schickte aber sofort herauf um Ruhe!«
»Ja, Vater sagt, wenn wir zur Miete wohnten, so knüpfte uns die Wirtin am ersten Abend alle in der Reihe am Treppengeländer auf!« meinte der kleine, dicke Rolf treuherzig. – »Das möchte ich nicht!«
Käte schüttelte sich vor Lachen: »Nein, das wäre auch greulich!« Aber mit leisem Seufzen dachte sie dann an ihren »unleidlichen« kleinen Bruder Ernst, der so viele trübe Stunden wegen Lärm und Unruhe hatte. – Könnte er so ungehindert spielen, dann wäre sein Leben auch anders!
Für Betrachtungen blieb aber keine Zeit. Unten hatte bereits eins der kleinen Mädchen die Augen verbunden. Es wurde blinde Kuh, Eins, zwei, drei und all die schönen Spiele gespielt. Herr und Frau Admiral saßen vergnügt in der Laube, halfen hier und dort und lachten selber am herzlichsten über jeden lustigen Spaß. Aber als dem kleinen Karl etwas nicht recht war und er den Spielverderber machte, faßte sein Vater ihn mit einem schnellen Griff am Kragen, und ehe er sich’s versah, steckte er in dem niedrigen Verließ, in dem Harken und Spaten verwahrt wurden. Käte meinte, er würde ein schreckliches Geschrei erheben, wie Ernst es so gern tat, aber alles blieb still. Er wußte genau, daß dann das Stöckchen gekommen wäre und die Sache noch viel schlimmer gemacht hätte. Erst am späten Nachmittag wurde er wieder sichtbar und verhielt sich sehr bescheiden im Hintergrund.
Der Höhepunkt des schönen Abends kam, als die kleine Gesellschaft ihre Erdbeeren mit Schlagsahne verzehrt hatte und eben meinte, Abschied nehmen zu müssen. Die breiten Glastüren wurden geöffnet, und da blitzten ihnen von draußen ungezählte kleine Flämmchen entgegen, die wie Glühwürmchen im Grase saßen, wie eine leuchtende Schnur die kleinen Beete einfaßten, an der Laube in die Höhe kletterten und das Häuschen auf dem Tannenhügel zauberisch beleuchteten. Mit einem entzückten »Ah!« wollten die Kinder hinausstürmen. Aber: »Alles in Ruhe!« kommandierte wieder die Donnerstimme des Hausherrn. »Einzeln angetreten – an die Gewehre!« Damit übergab er jedem kleinen Gast ein rotes Papierlämpchen, und mit dem eintönigen Singsang: »Laterne – Laterne!« zog man durch die beleuchteten Gartenwege.
»Aber dies Lied ist doch für heute, für ein Abschiedsfest, viel zu profan! Willi, du als Fähnrich mußt doch wissen, was sich gehört. Hole mal dein Waldhorn!« Das war nun dem schneidigen, jungen Fähnrich eigentlich gegen den Strich – vor den »dummen Mädels« seine geliebte Kunst zu profanieren. Aber er wußte, vor Vater gab es kein Fackeln. Bald stand er in dem Hüttchen und schickte die weichen Horntöne in den stillen Abend hinaus. Ein Lied folgte dem anderen, und als zum Schluß die herzige Melodie von »Morgen muß ich fort von hier« erklang, stahl sich hier und da ein Tränchen über die rosigen Backen. Sie alle fühlten zum erstenmal, was Abschiednehmen heißt. Aber »Soldatenkinder dürfen nicht heulen!« schluchzte Käte, und küßte hastig zum Abschied die Hand der freundlichen Wirtin, der sie und Hanni eben hatten danken wollen für den herrlichen Tag. Vor Weinen konnte sie kein Wort herausbringen, und als der Admiral und Willi nun auch herbeikamen und feierlich Lebewohl sagen wollten, waren die beiden, um ihre Tränen nicht zu zeigen, längst über alle Berge.
Die Gesellschaft ging still auseinander. – Scheiden tut weh!
Als Lena Bunsen ihrer Mutter am nächsten Morgen von den Erlebnissen bei Kählers erzählte und hinzufügte, zu Herders sollten sie in der nächsten Woche auch einmal kommen, da gab es ein großes Hin- und Herreden.
»Ja, wenn sie alle ›etwas‹ geben, darfst du auf keinen Fall zurückstehen. – Wie würde das aussehen!«
»Ja, Mama, dann muß es aber auch ebenso großartig sein, wie bei Kählers, sonst lieber gar nicht!«
»Das ist aber sehr schwierig für uns. Kählers haben eine Villa. Unsere Räume sind doch nicht groß genug für so viel Bewegung.«
»Ich meine, da räumten wir etwas aus – das hört man doch öfter, wenn es sich um Gesellschaften handelt.«
Die Mutter sah kleinlaut aus. Was würde das für einen Umstand geben. Aber nun ließ Lena nicht nach. »Erst müssen wir mal die Einladungen schreiben!«
»Haben denn Kählers schriftliche Einladungen geschickt?«
»Nein. Weißt du nicht, der Bursche kam doch und bestellte es.«
»Aber einen Burschen haben wir ja nicht.« –
»Das ist eigentlich schlimm! Regierungsrats oben schickten voriges Jahr zum Ball einen Lohndiener mit Karten herum. Ich habe sie gesehen; er zeigte sie der Hulda auf der Treppe!«
»Ja, ein Ball ist dies ja nun nicht! Aber Karten könnten wir am Ende mit der Post schicken!«
»Ich will gleich welche besorgen; vorgedruckte, mit ›beehren sich‹, so ist es schick!«
Sie machte sich zum Ausgehen fertig, was eine ziemliche Zeit erforderte, denn »mit der alten Fahne kann man unmöglich auf die Straße«, meinte sie! »Bitte, Mama, noch Geld für die Karten. Unter 1.50 Mark wird es kaum gehen.«
Mit leisem Seufzen erhob sich die Mama von ihrem bequemen Sitz am Kaffeetisch. Sie ließ sich so ungern von ihrer Morgenzeitung aufstören; »aber was tut man nicht für das Kind!« sagte sie in solchen Fällen. Ob sie ihm gut tat oder nicht, darüber machte sie sich weiter keine Gedanken.
Die Karten waren mit viel Umständlichkeit geschrieben und alle mit »ja« beantwortet; und schon am Morgen des großen Tages prallte Lenas Vater erschrocken zurück, als er das Eßzimmer betrat. Noch nichts war in Ordnung, und das Mädchen trug gerade eilig die Tassen in sein Zimmer.
»Was soll denn das bedeuten?« fragte er unwirsch.
»Ja, heute wird ja alles umgeräumt wegen der Kaffeegesellschaft!«
Wohlweislich war dem Hausherrn noch der große Plan verschwiegen, weil er es durchaus nicht liebte, in seiner gewohnten Ordnung gestört zu werden. Aber wenn erst alles eingefädelt wäre, würde er sich schon in sein Schicksal finden. Was blieb ihm auch übrig?
»Ach, lieber Mann, wir dachten, am Freitagnachmittag gehst du doch in deinen Klub. Da hat Lenchen für heute ihre Freundinnen eingeladen, weil die eine von hier fortkommt. – Aufs Land, das arme Ding! – Wir hätten ja gern die Umstände gespart, aber die anderen tun es alle – da war es nicht gut zu vermeiden!«
»Charlotte, du mit deinen ›anderen‹, die alles tun. Wenn die anderen alle anfingen, auf dem Seil zu tanzen, würdest du von mir das gleiche verlangen! Ich verspreche dir aber, es nicht zu tun!« schalt der erzürnte Gatte.
Seiltanzen verlangte sie ja auch einstweilen nicht, sondern war zufrieden, daß die ungemütliche Kaffeesitzung bald ein Ende fand und die umfassenden Vorbereitungen beginnen konnten.
Am Mittag kam der Hausherr sehr naß geregnet heim. »Ist das ein Hundewetter! Ach, und heute ist ja wohl eure Festvorstellung, und ich soll in den Klub! Wieder in das Hundewetter raus? Fällt mir nicht im Traume ein! Ich bleibe in meinem Zimmer, und die Gören verhalten sich hübsch ruhig, damit ich nicht gestört werde!«
»Gören?« wiederholte Lena sehr pikiert. – Aber die Mutter versetzte ihr einen kleinen Stoß, den Verstimmten nicht noch mehr zu reizen, denn das Schlimmste stand ihm noch bevor. – Als er sich seiner nassen Sachen entledigt hatte und in seinem Zimmer Ruhe suchte, fand er dort Zustände vor, die ihm die Haare zu Berge trieben. »Seid ihr denn ganz verdreht! Ist hier Jahrmarkt?«
Von seinem Schreibtisch waren Bücher und Akten weggeräumt, und in buntem Durcheinander lagen dort ungezählte kleine »Nichtse«, bunte Sächelchen, die man einmal neugierig besieht, um sie dann völlig ohne Interesse beiseite zu legen.
»Wir machen eine kleine Lotterie, Väterchen. Etwas Amüsement müssen sie doch haben. Bei Kählers haben sie im Garten gespielt – aber der fehlt uns ja leider!«
»Und was ist hier los?«
»Ja, das geht nun wirklich nicht anders, wir mußten heute schon einmal auf deinem Sofatisch decken. Sieh, die eine Tochter hast du doch auch noch nur!«
»Ja, Gott sei Dank! Wenn diese heillose Wirtschaft sechsmal im Jahre sein sollte, ginge ich lieber auf und davon!«
Übrigens blieb ihm auch heute nach der schnell und stumm erledigten Mahlzeit nichts anderes übrig, denn seine Damen erklärten, die Flügeltüren, die seine Stube vom Eßzimmer und Salon trennten, dürften auf keinen Fall geschlossen sein. Es sehe zu wenig herrschaftlich aus, wenn man nur noch in ein einziges Zimmer hineinsehen könnte.
Mit dem grollenden Ausruf: »Wenn bei euch nur alles ›aussieht‹, dann seid ihr zufrieden. Wie es ›ist‹, das bleibt Nebensache!« verließ er die Wohnung. – Er tat ganz gut daran, denn viel Freude hatte an diesem Nachmittag kein einziger von den Veranstaltungen, am allerwenigsten Hulda, die schon ganz erschöpft war vom Hin- und Herspringen. Als aber Lena ihr zum dritten Male mit großer Wichtigkeit Anweisungen gab, wie sie die Tassen zu reichen und die Torten zu bringen hätte, und daß sie um Himmels willen keine Schokolade verschütten möchte, da riß der Geplagten ihr Geduldsfaden:
»Einen solchen Aufstand zu machen um solche dummen Dinger! Da mögen sie sich alleine bedienen, wenn alle so klug sind; ich wenigstens tue es nicht!«
Es bedurfte einer aufgeregten und langen Auseinandersetzung, um sie überhaupt wieder in Gang zu bringen. Und zur Harmonie des Festes trug auch dann noch ihr verweintes Gesicht nicht bei.
Als am Abend Hanni und Käte Arm in Arm heimgingen, seufzte letztere: »Ach, Hanni, mir ist so bange, wie es nach deinem Fortgehen werden wird. Von Lena hat man doch zu – zu wenig!«
»Käte, wir wollen jetzt nicht darüber sprechen. – Sieh, sie haben uns doch heute eine Freude machen wollen!«
»Glaubst du das so sehr?«
»Ja, warum haben sie sich denn sonst alle die Mühe gemacht? Sie selbst haben doch, glaube ich, nicht so arg viel Freude davon gehabt! Sie sahen nicht so aus.«
»Nein, das glaube ich auch nicht!«
»Ja, für wen tun sie es dann eigentlich? – Manche Menschen verstehe ich doch nicht.«
»Nein, ich auch nicht!« –
Am Sonntag nach dem Kindergottesdienst kam Ilse von Herder schnell auf Hanni zu: »Du, heute nachmittag könnt ihr nun doch leider nicht bei mir sein. Es ist mir zu leid. Aber es kommen hochgestellte Gäste von außerhalb, da muß Mama ihre Gedanken ganz darauf richten. Und auch die Leute haben keine Zeit für uns. Ein rechter Jammer! – Aber ade! ich muß auch Lena und Herta noch erwischen. Bitte, sage du Käte Bescheid!«
Eigentlich waren die beiden Freundinnen über diesen Ausfall nicht so sehr traurig. Es war ihnen immer reichlich steif und feierlich bei Herders; sie mußten so sehr »manierlich« sein, was besonders Käte sehr störend fand.
»Dann hast du nun doch noch einen Abend für mich frei, nicht wahr?« meinte Käte entzückt. »Letzthin wollte deine Mutter nicht gern davon hören, weil sie meinte, es würde zuviel Unruhe für dich.«
Frau Gerloff tat ihrem Liebling von Herzen gern den Gefallen, und auch ihr selbst war es lieb, noch einen Abend mit der Cousine ihres Mannes zusammen zu sein, von der sie sich so ungern trennte. Sie wußte, wie schmerzlich die einsam lebende junge Witwe die Verwandten entbehren würde, bei denen sie stets Trost und Anhalt gesucht in den dunkelsten Stunden. – Als vor Jahren die zarte, fünfundzwanzigjährige Frau in tiefstem Gram ganz versank – rings umher war Siegesfreude nach Sedan, aber sie beweinte den, der ihres früh verwaisten Lebens Licht, der Vater ihrer so kleinen Kinder gewesen –, da war Frau Gerloffs stets gleiche, teilnehmende Liebe das einzige gewesen, was ihr noch Halt gab. Erst ganz, ganz allmählich hatte sie eingesehen, daß es ihre Pflicht sei, weiterzuleben für ihre Kinder; – und noch viel allmählicher war ihr eine Ahnung aufgegangen von der Kraft, die in den Schwachen mächtig ist. Aber zaghaft und schüchtern war ihr Sinn immer geblieben.
Ihre Käte war anderer Art. Sie hatte die krausen Haare und den geraden Sinn ihres Vaters geerbt. Fest sah sie ins Leben. Wenn ihr jemand in den Weg trat, ballte sie die kleinen Fäuste und wich nicht zur Seite. Wo ihre zarte Mutter zögerte und schwankte, griff sie ohne weiteres zu; und das Verhältnis hätte leicht verkehrt werden können, wenn sie nicht ihr Mütterchen so glühend geliebt hätte – fast mit einem ritterlichen Gefühl – gerade wie ihr Vater!
Leidige Zusammenstöße hatte sie oft mit ihrem Bruder Ernst, der die sensible Natur der Mutter geerbt hatte und leicht gereizt und verstört war. Empören konnte sie sich über sein ängstliches Zögern bei der kleinsten Schwierigkeit. O, man konnte ja aus der Haut fahren bei so viel Umständen und Nöten! Und dies Gefrage: »Was soll ich nun tun?« »Wie soll ich dies anfangen?« – »Mensch, hilf dir selber!« herrschte sie ihn oft rauh an. Und wenn sein wehklagendes: »Es geht nicht!« erscholl, so fuhr sie ihm heftig an den Kragen und schüttelte ihn derb.
Dabei kam ihr niemals in den Sinn, wie schwer der kleine Pessimist an sich selber zu tragen hatte, und welche Hilfe ein ermunterndes Wort, eine bereitwillige Hand ihm gewesen wären. – Da waren die Zwillinge doch andere Kerlchen; mit denen mochte sie spielen! Selig rannten sie der großen Schwester entgegen, so oft sie ihren Schritt auf der Treppe hörten, und es gab ein Jauchzen und Lärmen, daß Ernst sich jammernd beklagte: »Dabei kann kein Mensch Rechenarbeit machen!«
Ein Sonnenstrahl fiel jedesmal in sein oft beschattetes Leben, wenn Hanni Gerloff zum Besuch kam. Die neckte ihn nie und hatte immer ein Auge für seine Angelegenheiten.
An dem bewußten Sonntagabend spielte sich gerade wieder ein kleiner Streit zwischen Bruder und Schwester ab. Die Kinder standen auf dem Flur, als die Gäste eintraten, und Hanni sah auf den ersten Blick Ernsts nur notdürftig getrocknete Tränen. »Käte ist zu greulich!« platzte er recht unritterlich heraus; »sie will nicht, daß ich Mutti bitte, aufbleiben zu dürfen. Kleine Kinder gehörten ins Bett! – Und was ich überhaupt wollte – ich störte euch beide nur!« – Neues Schluchzen.
»Nein, Erni, greulich ist Käte gewiß nicht, ich würde mich sonst doch hüten, sie zu besuchen! Aber ich glaube, sie ist ein klein bißchen dumm, daß sie meint, du würdest uns stören – das fällt dir doch nicht ein? Und dann erst, wenn du erfährst, was in meiner Tasche steckt! – Nein, nein, halt! Nach dem Tee! Jetzt wollen wir erst deine Mutter tüchtig bitten, daß du aufbleiben darfst!«
Dazu gehörte nicht viel Überredung. Die kleine Frau sagte sehr viel lieber »ja« als »nein« zu den Wünschen ihrer Kinder – und bald saß alles behaglich beim Tee. Die beiden Mütter hatten sehr viel zu besprechen, Großes und Kleines, und die jungen Mädchen zogen sich bald in den traulichen Winkel zurück, der Kätes Besitztümer barg. Von Ernst sah und hörte man nichts. Er war ganz versunken in die Herrlichkeiten eines Briefmarkenalbums, das Hanni ihm vererbt hatte. Viel zu früh für alle verging der gemütliche Abend, und als beim Abschied die Herzen gar zu schwer werden wollten, sagte Frau Gerloff: »Käte, hole doch eben den Kalender. Wo sind wir jetzt? Sieh, hier: 5. Juni! – Noch eins, zwei, drei, vier Wochen! – Beginnen nicht da eure Ferien? Gut! Nun gehen wir nicht eher weg, als bis Mutti uns fest verspricht, am 10. Juli, wenn ihr aus der Schule kommt, schon alle Koffer gepackt zu haben und Max und Moritz gestiefelt und gespornt. Und dann geht’s zum Bahnhof – und abends seid ihr in Schönfelde – soll es so sein?«
Frau von Platen wollte Einwendungen machen, es sei zu bald, und mit den vier Trabanten auch zu viel Unruhe. Im Grunde konnte sie das Glück kaum fassen, aufs Land zu sollen, für Wochen aus allem Kleinkram und Druck des täglichen Lebens heraus – mit ihren Kindern von Morgen bis Abend in Gottes schöner Natur, was hier doch höchstens ein paarmal im Jahre und auch dann nur unter großen Schwierigkeiten möglich war! Es schien fast zu schön, um wahr zu sein. Aber nun geriet auch Hanni in Feuer:
»Liebe, liebe Tante, du mußt es fest versprechen! Es wird zu schön, hörst du? Max und Moritz bekommen einen Sandhaufen, so groß wie –«
»Wie ein Omnibus!« half Ernst aus.
»Ja, und du, Ernst, darfst den ganzen Tag reiten und fahren!«
»O ja, o ja!«
Gegen all diese Argumente war es unmöglich, länger standzuhalten, und noch zur selben Stunde wurde der Plan für die »himmlische« Ferienreise ganz festgesetzt.
»Mutti,« rief es am späten Abend aus Kätes Kammer, »bitte, setz dich noch eine Minute auf mein Bett! Sag mal, wie ist das eigentlich mit Hanni? Man merkt doch im Grunde, wenn sie da ist, gar nicht so arg viel von ihr, nicht?«
»Nein, hören tut man meistens nur dich!«
»Mutti, wirklich? Ich will auch anders werden! – Aber, weißt du, es liegt so etwas in der Luft bei Hanni! Wo sie ist, da ist es immer nett; keiner mag eklig sein, wenn sie ihn so fragend ansieht. Und wenn sie weggeht, fühlt man etwas, als wenn der Sonnenschein schwindet!«
Als die todmüde junge Frau sich endlich auch zur Ruhe legen wollte, schreckte erregtes Rufen aus Ernsts Bett sie auf: »Er will nicht stehen! – Halt, halt! – O weh, der Pony rennt mir weg!« Der Schweiß perlte auf seiner Stirn. Mit weicher Hand strich sie die blonden Haare zurück und knöpfte das Hemdchen über dem heftig klopfenden Herzen zu. »Muß denn alles, auch die Freude, nur dazu dienen, unsere Unruhe zu mehren?«
Als sie an dem breiten Gitterbettchen der Zwillinge vorbeikam, zog ein heller Schein über ihr müdes Gesicht. Wie zwei rote Äpfel lagen die süßen Köpfchen einander zugekehrt auf den runden, rosigen Ärmchen. Die beiden schliefen in seligem Vergessen all dem noch unbekannten Glück entgegen.
»Na, Lisbeth, ist die Petersilie verhagelt?« fragte am nächsten Morgen der Major gutmütig, als das Stubenmädchen mit rotverweinten Augen den Tee brachte. – Verstört stürzte sie aus dem Zimmer, um neue Tränen zu verbergen.
»Ja, was hat denn die für Jammer?« wandte er sich nun an Hanni.
»Lisbeth sagt, sie könne auf keinen Fall mit aufs Land gehen, sie hätte die ganze Nacht vor Angst kein Auge zugetan.«
»Was soll denn das bedeuten? Warum sagt sie das nicht gleich? Es hat sie doch niemand gezwungen? Nun solche Quackelei im letzten Augenblick! So recht Weiberart!«
»Nein, Vati, hieran hat allein Franz schuld. Er ist auch vom Lande und hat ihr nun alles gesagt, wie es dort wäre: Ihre hübschen Lackschuhe sollte sie ruhig hier lassen; sie müßte barfuß die Gänse hüten; auf dem Bilde im ›Daheim‹ könne sie es ja sehen!«
»Sie, Gänse hüten? Ha, ha, ha! Sie ist ja selber ’ne Gans!« –
»Und jeden Morgen um vier würde geweckt. Dann müßte Lisbeth in den Stall, die Kühe zu melken – zwölf nacheinander! Einige schlügen so mit dem Schwanz, daß von ihrer Haarfrisur überhaupt nichts nachbliebe – aber sie dürfe nicht mucksen, denn wer etwas von der Milch verschütte, dem ginge es übel. Um sechs gebe es Frühstück! – Aber Kaffee oder gar ihren geliebten Kakao kenne man dort nicht. Mehlsuppe mit faustdicken Klütern – dabei rieb er sich ordentlich den Magen vor Wonne – und dazu Schwarzbrot. Davon hätte er die weißen Zähne und brauchte nicht sein Geld zum Zahnarzt tragen wie die zimperlichen Stadtpuppen! – Dann, sagte er, ginge es ins Heu. Lisbeth müsse mit solcher großen Gabel oben auf einem Fuder stehen, und wehe, wenn sie das Heu schief hinpackte. Im Galopp würde heimgefahren, und wenn sie nicht ordentlich aufgepackt hätte, flöge sie mitsamt ihrer Gabel herunter und spießte sich auf oder würde von den Pferden zertreten! – Und wenn sie ihre rote Schürze mitnähme, die sie so schön findet, dann ginge es ihr ganz elend: Auf dem Hof käme der Puterhahn und kratzte ihr die Augen aus, und wenn sie sich in den Stall flüchten wolle, so nähme der Stier sie auf die Hörner, und dann sei es mit ihr aus!«
Der Major hielt sich die Seiten vor Lachen. »Aber das ist ja ein ganz infamer Esel, ihr so was vorzulügen. Dem werde ich den Kopf waschen, daß ihm das Flunkern vergeht!«
»Weißt du, Schatz,« meinte Frau Gerloff, »ich finde, wir mischen uns gar nicht in diese Dummheiten. – Hanni, soviel Erinnerung hast du doch noch an Schönfelde, daß du ihr erzählen kannst, wie es dort zugeht. Und dann sag ihr, von Franz wäre es der reine Neid, daß er nicht mitkönne, sondern noch zwei Jahre im bunten Rock stecken müsse! – Was würde ihre gute Mutter sagen, wenn aus dem schönen Plan nichts würde, dem blassen Stadtkind endlich rote Backen anzupflegen. Geh und setze ihr den Kopf zurecht, und dann nehmt alle Gedanken zusammen, daß wir nichts Nötiges versäumen!«
So zerstreuten sich auch diese Wolken, und mit steigender Erwartung sah alles dem Tage der Übersiedlung entgegen.