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Hannis Heimkehr

Chapter 8: 6. Kapitel. Hundstage.
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About This Book

An episodic, nostalgic account of a young girl's move from city life to a country estate, tracing childhood and adolescent experiences through domestic scenes, outdoor play, seasonal celebrations, friendships, and schoollike lessons. The narrative mixes everyday detail with moral and religious reflection, depicting illness, loss, disappointments, rites of passage, and communal solidarity. Each chapter presents a self-contained episode—holiday memories, pastoral excursions, family obligations, and inner reflection—that together map gradual maturation and the negotiation of new responsibilities within a close rural community.

6. Kapitel.
Hundstage.

Die geplanten Besuche und die Regelung des Unterrichts waren nach Wunsch verlaufen, und bald war das Leben in so festem Geleise, daß die wenigen Wochen bis zu den Ferien im Fluge dahingingen und bevor man’s gedacht, der Tag vor der Tür stand, der die ersehnten Gäste herbeiführen sollte.

Das gab eine Geschäftigkeit für Tante Ida und ihren Adjutanten, wie der Major Hanni nannte. Die Versorgung der Gastzimmer hatte die Tante einstweilen sich selbst und ihrem alten Stubenmädchen vorbehalten, und nun war es von größtem Interesse für Hanni, alle zur Verfügung stehenden Zimmer zu prüfen, und zu beraten, welche für die lieben Freunde die schönsten sein würden. Ihr Sinn stand nach einem Erkerzimmer mit einer Kammer daneben; aber »das muß für die beiden Oberinnen freibleiben,« sagte Tante Ida. »Es sind alte, würdige Cousinen von uns, die jeden Sommer einige Wochen zu Besuch kommen.«

»Dann nehmen wir den Sommersaal, nicht?«

»Nein, Hanni, ich glaube nicht; da ist kein Nebenraum, und es ist gar nichts für die liebe Platen, die Trabanten immer alle um sich zu haben. Ich meine, wir machen für Käte unser kleines Vorzimmer zurecht, dann hast du sie dicht bei dir.«

»O Tante Ida, wenn das ginge, das wäre das allerschönste!«

»Ja, und deine Tante könnte Nr. 6 bekommen und die drei Jungen in der Kammer daneben schlafen.«

»Gewiß, Tante Ida; aber darf ich mal eins sagen? Dürfte nicht Ernst die Kammer ganz für sich allein haben, und für die Zwillinge machten wir eine kleine Ecke im Zimmer der Mutter zurecht? Du sollst Ernst bloß kennen lernen. Den möchte ich zu gern mal ordentlich anwärmen. Der arme, kleine, magere Wicht kommt mir oft vor wie ein kümmerliches Bäumchen, dessen Wurzeln keinen rechten Platz haben. Ich möchte ihn schön in die Sonne pflanzen, um ihn graben und ihn tüchtig begießen. Du solltest sehen, wie er die Zweige recken würde!«

»Und du meinst, diese Kammer wäre ein so besonders lockerer Boden für ihn?« neckte die Tante.

»Böse Tante Ida,« wehrte die Kleine ab, indem sie sie tüchtig drückte und küßte. »Ich meine, wenn er irgend einen kleinen Besitz für sich allein hat, wenn er sieht, daß man ihm Freude machen will und niemand ihn stört, das müßte ihm so gut tun!«

»Ganz sicher, mein Mäuschen, und du kannst ihm seinen kleinen Zwinger so schön machen wie du willst. Wenn du Hilfe brauchst, so bitte nur meine Luise.«

Mit Feuereifer begab sich Hanni an die Arbeit. Der Hausboden war ein wunderbares Feld für ihre Forschungen. Hoch getürmt standen dort alte Kinderbettchen, Spinnräder, seltsame Geräte, von deren Gebrauch sie sich gar keinen Begriff machen konnte. Besonders verheißungsvoll erschien ihr eine schwere Kiste, die abseits stand – und wirklich, als mit Mühe der Deckel gehoben war, konnten die Augen gar nicht gleich alles fassen, was sich ihnen bot. Die seltsamsten, ganz alten Spielsachen kamen zum Vorschein. Sorgfältig eingewickelte, übergroße Puppen in verblichenen seidenen Kleidchen, allerliebstes Kochgeschirr, kleine Waffen und Handwerksgeräte für Jungen. Sie war überglücklich über ihren Fund und lief zur Tante, um zu fragen, ob sie von den Sachen aus der Kiste welche herunterholen dürfe.

Diese wollte selber mitkommen, um nachzusehen, wies dann aber ganz erschrocken auf ihren Adjutanten: »Kind, wie siehst du wieder aus! Ist es nun recht, sich in einer Viertelstunde von oben bis unten einzuschmutzen – bloß aus Unachtsamkeit? Kannst du denn nicht an die Überschürze denken?«

Kleinlaut holte Hanni die immer wieder vergessene, – und dann ging’s von neuem an die Arbeit. Tante Ida fand ganz gerührt allerhand Sachen aus ihrer eigenen Kinderzeit wieder, und mit Mariekens Hilfe wurde alles, was man für die kleinen Gäste brauchbar fand, gesäubert und einigermaßen hergerichtet, und bald war Ernsts Reich ein wahres kleines Jungenparadies. Für die Zwillinge und Käte wurde auch gesorgt, und Hanni konnte kaum ihre Ungeduld bändigen, bis sie ihnen alles würde zeigen können.

Endlich fuhr der Wagen vor, und mit großem Getümmel krabbelte die ganze »Kinderei«, wie Tante Ida sie nannte, aus der Kutsche hervor. Gab das ein Begrüßen und Küssen, ein Staunen und Fragen! Alles, alles war ja neu – eine ganze Welt von Wundern und Entzückungen, deren Pforten wie mit einem Zauberschlage weit aufsprangen, so daß die Augen geblendet waren von der Lichtfülle.

Erst etwas scheu, dann aufs höchste interessiert, gingen die Stadtkinder von einem Zimmer ins andere. Alles war so fremdartig, so hoch und weitläufig, wie sie es nie gesehen. Als die Zwillinge ihr Doppelbild in der Glastür erblickten, steckten sie zuerst scheu die Köpfe weg. Als aber die Spiegelbilder das gleiche taten, gab es einen endlosen Jubel. Der Bann war gebrochen, laut lachend rannten sie hin und her durch die »blanken Fenster«, dann Ernst voraus und sie jauchzend hinterher durch die andere Glastür in den Garten. Erschrocken eilte Frau von Platen herbei, um Ruhe zu gebieten. Aber der Hausherr wehrte ab. »Das lassen Sie nur hier ganz auf sich beruhen, liebe Cousine. Mögen sie sich ruhig austoben, soweit die Kräfte reichen, das ist so gesund! Und wir brauchen’s ja nicht anzuhören! Hanni ist hier auch schon beinahe zum Jungen geworden, was das Rennen und Klettern anbetrifft. Ja, auch Purzelbäumeschlagen, nicht wahr, du Hummel?«

»Aber Vati!«

»Na, laß man! Die großen Mädels werden schon auf die Jungen achtgeben – und außerdem habe ich den Gärtnerburschen angewiesen, nach ihnen zu sehen und ihnen zurechtzuhelfen. Gehorchen tun sie doch aufs Wort?«

»Sicher, dafür stehe ich ein.«

»Gut, dann seien Sie ganz ruhig, ihnen kann nichts geschehen. Und daß sie kein Unheil anrichten, dafür wird gesorgt. Nun wollen wir’s uns gemütlich machen. Sie sollen sich hier ordentlich ausruhen.« Damit bot er der reisemüden Frau den Arm, und es gab eine schöne, friedliche Feierstunde auf der vom Abendschein beleuchteten Veranda. Auch für die Kinder war ein hübsches Tischchen abseits gedeckt, aber einstweilen waren sie noch nicht imstande, stillzusitzen. Als der ganze, große Park einmal im Galopp in Besitz genommen und ein schneller Abstecher in die eben reif werdenden Johannisbeeren gemacht war, ging’s noch in den Pferdestall, um zu sehen, was die schönen Goldfüchse fraßen, die sie von der Bahn geholt hatten. Endlich traten auch bei ihnen die leiblichen Bedürfnisse in ihr Recht. Bis sie sich aber soweit beruhigt hatten, daß an Einschlafen zu denken war, dauerte es noch lange. Besonders Ernst mußte durch einen Machtspruch der Mutter befördert werden, denn als er gesehen, was für Schätze seine Stube barg, hätte er am allerliebsten noch mit jedem Stück gespielt.

Als sie den Kleinen zu Bett geholfen hatten, kamen auch Hanni und Käte dazu, sich häuslich einzurichten. »Nein, Hanni, Briefe können doch wenig sagen. So schön hatte ich’s mir doch lange, lange nicht gedacht! Ich komme mir vor wie eine Prinzessin mitten im Märchen! Wirklich! Als wir so in der schönen Kutsche saßen, Hinrich mit den blanken Tressen und die prachtvollen Pferde mit den Silberbeschlägen – alles für uns –, dann die Felder, der Wald, der See an den Fenstern vorüberflogen – –«

»Na, ich finde, fliegen tut es nun gerade nicht bei Hinrich! Ich treibe ihn immer zur Eile an, aber er hat schreckliche Angst für seine Pferde!«

»Doch vor meinen Augen flog und tanzte alles, und ich mußte mich mehrmals in den Arm kneifen, um zu fühlen, ob ich es wirklich selbst noch sei. Stelle dir doch das Lärmen und Fauchen unserer Vorortszüge vor, wenn wir mal ins Freie wollen. Dies Gedränge auf den Bahnhöfen, das Klingeln auf der Elektrischen! All diese gräßlichen Einrichtungen machen es, daß ich oft lieber ganz zu Hause bleibe, unsern Gummibaum und unsern Piepmatz ansehe, und mir dann einbilde, ich wäre im Freien! Aber Hanni, jämmerlich armselig ist das doch! Und nun frage ich dich, ob nicht Lena das größte Schaf unter Gottes Sonne ist, dich immer noch wegen des Landlebens zu bedauern?«

»Tut sie das wirklich? Ja, das ist in der Tat komisch! Sie meinte ja auch, die Zeit würde mir lang werden! Das ist unglaublich dumm. Erstens könnte sie mir überhaupt niemals lang werden, auch wenn ich allein in eine dunkle Kammer gesperrt wäre! Denk doch bloß, was man sich alles ausmalen kann! Die ganze Welt und das lange Leben liegt doch vor einem! Ich bin ja zu, zu gespannt, was man alles erleben wird. Wenn ich zum Beispiel nachmittags in der Schaukel sitze und so leise hin und her fliege, die großen Linden über mir, die schwarzen Taxus und hellen Ahorn auf dem wunderbar grünen Rasen gegenüber, dann ist mir, als führte zwischen dem Gebüsch eine geheime Pforte in die Zukunft hinein und ich könnte nun mit meinen Gedanken vordringen von einem Raum zum anderen, Menschen und Gegenden und Vorgänge vorweg sehen, und der flimmernde Sonnenschein vergoldet alles. Ist es ein trüber, beschatteter Tag, so kommen mir leicht die Bilder wehmütig und traurig vor die Seele. So gehen mir Stunden und Stunden hin, wenn niemand mich stört. Und wenn die Glocke dann ruft, schrecke ich auf und muß durch einen tiefen Schacht erst wieder herauf an die Oberwelt – oder durch einen Zauberwald einen weiten Weg in der Hast zurück – es tut ordentlich weh. Aber Mutti und Tante Ida lassen mir nicht allzuviel Zeit für meine einsamen Reisen. Es ist eben immer etwas zu tun, und das mag ich ja auch furchtbar gern!«

»Hanni, soviel Erlebnisse hattest du aber früher noch gar nicht. Mir kommt es beinahe vor, als wärest du hier erst du selbst geworden! Du gehst viel fester, deine Stimme ist viel klarer. Wovon kommt das?«

»Ja, du, das kann ich wirklich nicht sagen. Aber eins ist gewiß: es war immer etwas in dem Hin und Her, dem Vielerlei, dem lauten Geräusch, was mir den Atem und die volle Sammlung nahm. Im Zimmer kann ich höchstens im Dunkeln den Eingang zu meinem Märchen- und Zukunftsland finden. Aber so recht öffnet er sich nur im Freien. Und wo sollte das sein in der Stadt, wo man nie allein in Gottes freier Natur ist? Sind wir dort draußen, so muß jemand zum Schutz bei uns sein; ein großes Unglück, wie mir scheint! Denn in der Natur möchte alles, alles mit uns sprechen: jeder Busch, die zarten Gräser und Blümchen! O, das murmelnde Wasser hat soviel zu erzählen! Das Rauschen in den Tannen, das Flüstern in den silbernen Blättern, die schnellhuschenden Lichter und Schatten! Aber sie können nur zu einem sprechen, wenn man still und allein ist. Und das ist in der Stadt nie der Fall. Deshalb denke ich immer: die armen, armen Seelen, die nie dazu kommen, alle diese Stimmen zu vernehmen!«

Käte sah nachdenklich ins Weite. Die beiden waren hin und her durch die dämmernden Parkwege geschlendert; jetzt standen sie still vor einem mit schwankendem Farnkraut eingefaßten Teich, auf dem in leuchtendem Weiß die Seerosen sich von der schwarzen Tiefe abhoben. Aus dem Grunde klang klagend ein Unkenruf herauf; ein leiser Schauer rieselte Käte durch die Glieder.

Aber da stieg klar und silbern der Vollmond hinter den Tannenwipfeln empor und verklärte alles mit seinem Licht.

»Ja, Hanni, dies ist zu schön. Hier muß einem das Herz weiter und besser werden!«

Still suchten beide ihr Lager auf. Als Käte das Licht gelöscht hatte und den verflossenen Tag noch einmal an ihrem inneren Auge vorüberziehen ließ, dachte sie bei sich: »Es ist eigentümlich: trotz allen Glückes wird man hier, glaube ich, ernster. Was haben wir zurecht gelacht, als Hanni vorigen Herbst die acht Tage bei uns wohnte. Mutti konnte uns oft abends nicht zur Ruhe kriegen. Danach ist mir hier gar nicht zumute. Dies ist schöner und größer und stiller.« –

***

Aber auch Lachen und jugendlicher Übermut kamen zu ihrem vollen Recht. Als die ganze Gesellschaft eines Nachmittags um den Kaffeetisch saß, kam der Major etwas verspätet und sehr erhitzt vom Felde herein. »Ida, des alten Harders Andenken wollen wir doch recht in Ehren halten; einen großartigen Roggen mähen wir dort hinten an der Buchdorfer Scheide. Übrigens, Nachbar Rantzau ritt vorbei und läßt sich bestens empfehlen. Er wollte gerade her, zu bitten, daß wir alle am Sonntag den Geburtstag seiner Frau möchten feiern helfen. Natürlich Sie mit, liebe Cousine! Auch das ganze Kroppzeug soll kommen. Die Jungen dort haben auch Ferien; dann sind noch die Parchimer Verwandten da und einige Nachbarn werden erwartet. Sie wollen für die junge Bande eine Extratafel decken in der Halle. Das wird ja was für euch Mädels! Sind die Fahnen geplättet und die Tanzbeine geschmiert?«

»O fein, Vater; das wird ja ein Spaß! Oda sagte schon öfter, ihrer Mutter Geburtstag sei immer der schönste Tag im ganzen Jahre. Käte, paß auf, was du da zu sehen kriegst!«

»Ja, ist es auch nicht zu feierlich? Eigentlich habe ich ein bißchen Angst vor dem Schloß und der ganzen Herrlichkeit!«

»Ach, was ein Unsinn! Du sollst sehen, sie sind furchtbar nett, alle miteinander. Oda liebe ich direkt, das ist die Älteste; Gertrud ist von meinem Alter und auch ein gutes Tierchen. Die kleinen Buben sind goldig und werden zu Max und Moritz passen. Und die Kadetten sollen auch nette Kerle sein; Gertrud ist wenigstens riesig stolz auf sie. Ein klein bißchen verdreht sind ja die Kadetten leicht, aber das geht so mit hin. Weißt du, wie alt die Vettern sind, Vater?«

»Wer kann das alles wissen! Hermann Schack ist Student, Felix von Alten wird wohl Primaner sein! – Jedenfalls kriegt ihr Tänzer genug, darüber braucht ihr euch nicht zu grämen,« neckte er.

»Nach Grämen ist uns auch nicht zumute,« rief Hanni und folgte Käte in den Obstgarten.

»Du,« fragte Frau von Platen ihre Cousine, als die Kinder fort waren, »ist Hermann Schack der Sohn von dem Münchener, der vor einigen Jahren die zweite Frau nahm? Ich hörte von deiner Cousine Lucie, der Vater habe so großen Kummer an dem ältesten Sohn.«

»Von Lucie,« schalt der Major, »die alte Klatschbase weiß doch auch immer die Sorgen ihrer lieben Mitmenschen! Aber daß sie schon je einem welche abgenommen, habe ich noch nicht gehört. Die Schacks sind mir wirklich alle miteinander viel zu gut für ihre Zunge. Sie haben schwere Zeiten durchgemacht, gerade auch Hermann, der ein feiner Kerl ist. Er hat furchtbar gelitten durch den Tod der Mutter, die ihm alles war. So lange sie lebte, stand er auch mit dem Vater ausgezeichnet, denn sie liebte beide so innig, daß sie immer die Brücke zu schlagen wußte zwischen dem schlichten, geraden Vater und dem komplizierten und heißblütigen Sohn. Es war wirklich ein wunderschönes Zusammenleben mit den Dreien. Desto größer war dann der Jammer. Beide, Vater und Sohn, hatten ihr Bestes verloren. Aber bei ihrer ungleichen Art äußerte sich ihr Schmerz dermaßen verschieden, daß sie einander allmählich fremd wurden. Der fromme Vater suchte einfach und ehrlich seinen Trost bei Gott, so wie sein Vater und Großvater es getan, und er verlangte dasselbe von seinem Sohne, der sich gerade in einer schwierigen Übergangszeit befand. Er stand unter dem Einfluß eines ganz ungläubigen Lehrers, der ihm aber als edler Charakter sehr imponierte. Wenn er nun mit seinen Ansichten heimkam, geriet der Vater außer sich und verwünschte den ›Seelenmörder‹ seines Jungen, was diesem natürlich über die Maßen ungerecht vorkam, zumal er seinen Vater, der es wenig verstand, seine Gefühle auszudrücken, poltern und schelten hörte, während der Gelehrte seine Meinung klar und einleuchtend zu begründen verstand. Der Lehrer bekam den Glorienschein des Märtyrers, und der Junge schloß sich ihm immer mehr an.

Als Schack dann nach Jahren die zweite Ehe schloß, die wirklich das größte Glück für alle Teile hätte sein können, da wurde auch die Sache gleich im Anfang verdorben. Falsche Freunde machten den früher so offenen und arglosen Hermann mißtrauisch. Und als gar ein kleiner Bruder kam und der so lange vereinsamte Vater wieder warm wurde und auflebte, da sah Hermann das mit tiefster Bitterkeit und dachte nie daran, daß seine Verschlossenheit und Kälte es war, die zwischen ihnen stand. Wenn die glückliche junge Frau ihr Kindchen herzte in denselben Räumen, wo sein inneres Auge noch deutlich das Bild seiner seligen Mutter sah, dann war es ihm, als hätte diese die andere verdrängt. Ich war in jener Zeit einmal zum Besuch dort, und es war ein Jammer, zu sehen, wie vergeblich sie sich bemühte, ihm näher zu kommen. Der Junge war rein wie verrannt.«

»Ist es denn immer noch dasselbe?«

»Ja, so wie sie jetzt leben, kann es kaum anders werden. Sie sehen sich ja nie im rechten Licht. Durch alles künstlich gesäte Mißtrauen sind sie unsicher, geschroben, unnatürlich gegeneinander geworden. Man möchte dazwischen schlagen,« sagte er heftig aufstehend, »wenn Menschen, die es so schön haben könnten, sich ein so schweres Leben schaffen! Das tun wir wenigstens nicht, was meinst du, Schatz?« Mit einem kräftigen Kuß verabschiedete er sich von seiner Frau.

***

Trotz aller Vorfreude war es dann doch ein beklommenes Gefühl für die jungen Gemüter, als sich an dem Festtag die weiten, strahlenden Hallen des Buchdorfer Schlosses vor ihnen auftaten. Käte suchte schüchtern sich hinter Hannis Rücken zu bergen; ihre muntere Getrostheit drohte sie ganz im Stich zu lassen. Aber die Wirte kamen in so freundlicher Weise allen entgegen, und die Pracht und Schönheit der einzelnen Räume, der üppigen Pflanzengruppen, die hinter weitgeöffneten Glastüren verlockend auftauchenden Gartenanlagen waren so entzückend und fesselnd, daß bald jede Befangenheit überwunden war und alles sich in buntem Durcheinander des schönen Tages freute. Die Jugend machte sich im Garten miteinander bekannt. Die Rantzauschen Töchter waren höchlich interessiert für alles, was Käte aus Berlin erzählen konnte. Die Kadetten berichteten wichtig und unter lebhaftem Beifall Geschichten aus ihrem Leben, und bald war die Essenszeit herangekommen.

»O, wir sollen ja selbst die Damen zu Tisch engagieren!« rief der Parchimer Primaner. »Da heißt es, rechtzeitig sein Schäfchen ins Trockene bringen!« Damit stürzte er sich mit großem Eifer auf Hanni, ihr den Arm zu bieten, während ihnen seine Cousine naserümpfend nachrief: »Hanni, du kannst stolz sein, ins Trockene gebracht zu werden!«

»Empörend! Gertrud, du weißt, daß ein Vergleich nicht immer in jeder Beziehung zu stimmen braucht!«

»Nein, Felix, aber deine hinken immer auf beiden Seiten! Na, laß man, bist doch ein guter Kerl,« meinte der Kadett, indem er Kätes Arm ergriff. Die beiden folgten dem anderen Paare in so munterem Gespräch, als wären sie alte Bekannte.

»Aber halt, Karl, das gibt es nicht! Deine eigene Cousine aufzufordern, mit der du jeden Tag zusammen sein kannst. Da möchte ich doch bitten!« Damit versuchte Erich Rantzau seinem Freunde Karl, der im Pfarrhaus als Feriengast lebte, Klärchen Löber streitig zu machen. Aber damit hatte er kein Glück.

»Bitte, lieber Erich, wer zuerst kommt, mahlt zuerst! Wenn wir auch zu Hause zusammen sein können – dort gibt’s doch immer sehr viel Störung. Gerade hierauf hatten wir uns schon lange gefreut. Mach du nur, daß du überhaupt noch eine Dame kriegst!«

»O, keine Sorge! Kann einem Manne von meinen Vorzügen gar nicht fehlen.« Damit schlug er stolz auf seine Brust, auf der die blanken Knöpfe funkelten.

Alles war bald geordnet, und der Hausherr kam aus dem Saal herüber, um nach dem Ergehen der Jugend zu sehen. »Nun, ihr jungen Herrschaften, hat jedes, was es sich wünscht? – Aber was ist denn das? Mein lieber Hermann, keine Dame gefunden? Alle zu schade? Oder keine gut genug? Nein, ein leichter Schritt ist es auch nicht; der Wahn ist kurz, die Reu ist lang! Aber das viele Besinnen hat dann zur Folge, daß man ganz allein bleibt! Wie wär’s hier? Da findet sich noch ein nettes Plätzchen unter dem Schutz unserer neuen, jungen Nachbarin. Die kann schon zwei Kavaliere fesseln, denn sie hat zwei Seelen: eine Berliner und eine ländliche. Nicht wahr, mein Hannchen?«

»Nein, Onkel, das hoffe ich doch nicht. Übrigens, Berlin hat eigentlich – wenigstens in meinen Augen – mit Seele nicht viel zu tun. Meine ist jetzt hier zu Hause!«

»Gut, Kind, desto besser! Na, dann vertragt euch alle miteinander und paßt auf eure Nachbarn, daß sie nicht zuviel Erdbeerbowle trinken – und auf eure Nachbarinnen, daß ihr Glas immer gefüllt ist! – Prosit!«

Als das fröhliche Mahl sich nach und nach zum Ende neigte, wartete eine große Überraschung auf die junge Gesellschaft. Von der Blumenhalle herüber erklangen weiche, fremdartige Töne. Es waren Harzer Bergleute, die von Ort zu Ort zogen und die der Gastgeber für diesen Abend zur besonderen Überraschung seiner Gattin herbestellt hatte. Auf dem Lande ist man nicht verwöhnt durch häufige Musik; so lauschten alle mit wahrer Freude den schönen, reinen Klängen, und bald zerstreute sich die Gesellschaft in den Gartenwegen, die nun vom flimmernden Mondschein unsicher und träumerisch erhellt waren. Zu Hanni gesellte sich ihr einsilbiger Tischnachbar zur Rechten, den sie während des Essens vergebens versucht hatte, ins fröhliche Gespräch mit hineinzuziehen – er war immer wieder verstummt. Jetzt fragte sie ihn, ob er sich unwohl fühle, weil er bei Tisch so schweigsam gewesen.

»Nein, durchaus nicht; aber es ist mir zu unangenehm, irgendwo zu stören. Ihr Tischherr hatte ein Anrecht an Ihre Unterhaltung, da mochte ich nicht dazwischenkommen.«

»Aber ich bitte Sie, wir hatten uns wahrlich nichts Wichtiges zu sagen. Was mich störte, war ein so finsteres Gesicht, wie Sie es machten.«

»O, wirklich? Nach meinem Gesicht hat sonst noch nie jemand gesehen.«

»Da irren Sie sicher! Ich sah es wohl, und mir nimmt es die Freude, wenn jemand neben mir traurig aussieht. Mutti sagt, wenn man als Gast sich nicht wohl fühlt, muß man an etwas recht Nettes denken, damit die Wolken vergehen. Denn für die Gastgeber wäre es doch schrecklich, wenn sie etwas davon merkten. Wie denken Sie, wäre wohl heute abend die Tafel gewesen, wenn alle ebenso starr und schweigsam dagesessen hätten wie Sie?«

Dabei versuchte sie, ihr sonniges Gesicht in tiefe, böse Falten zu ziehen, was so komisch aussah, daß ihr Begleiter laut auflachen mußte. Zum erstenmal zeigte sich jetzt, wie lebhaft und sprechend seine Züge waren, wie schneeweiß die Zähne, und wie das Lachen die schwarzen Augen strahlend machte. Aber ebenso schnell war dies freundliche Bild verwischt, als aus einem Nebenwege Felix von Alten auftauchte und eifrig begann: »Gnädiges Fräulein, wir müssen eilig hinein! Hören Sie nicht, daß die Polonäse beginnt?«

»Ach, einstweilen finde ich es hier noch viel hübscher. Gerade von fern klingt die Musik so süß! Wir wollen noch einmal dort am See entlang gehen, wo der Mond so wunderbar glitzert, nicht wahr?« sagte sie, Hermann freundlich zunickend.

Der verdutzte Felix, der ihr schon bei Tisch gar zu übereifrig gewesen war, wendete sich enttäuscht dem Hause zu, um sich eine andere Tänzerin zu suchen.

»Sie dürfen wohl nicht tanzen?« meinte Hermann. »Nicht wahr, fromme Leute halten das für eine Sünde?«

»Eine Sünde? Nein, wirklich nicht! Ich bitte Sie, Musik ist doch keine Sünde – und Herumspringen doch wahrhaftig nicht! Ebensogut könnte man ja sagen, Max und Moritz müßten den ganzen Tag still sitzen, weil es eine Sünde sei, fröhlich zu spielen!«

Beide mußten lachen; sie in Gedanken an Max und Moritz und er über ihr lustiges Gesicht.

»Aber viele sehr fromme Leute nennen es doch Sünde,« beharrte der Student.

»Nein, Mutti sagt, so lange ich auch mitten bei aller Freude an Gott denken könne und jederzeit gern bereit wäre, aufzuhören, um etwas Nötiges zu besorgen oder jemandem zu helfen, solange wäre sicher nichts Verkehrtes dabei. Und gern mag ich es schon. Ebenso wie Wandern, Schlittschuhlaufen, Schwimmen, Lesen – ja manchmal auch noch Puppenspielen!«

Hermann sah sie sehr ernst und erstaunt an. Wie hatte er sich geärgert, den Abend mit all den »Gänschen und Zierpuppen«, wie er sie nannte, verleben zu müssen. Und wie ganz anders war Hanni, als er sich so junge Mädchen gedacht. Fast war sie noch ein Kind – sie liebte ihre Puppen – und doch konnte man mit ihr sprechen wie mit einem verständigen Freunde.

»Sie sind wohl viel mit Ihrer Mutter zusammen, weil Ihnen immer gleich einfällt, was sie sagt?« fragte Hermann, nachdem sie ein Weilchen still den leisen Wellen des Sees zugesehen hatten.

»O ja, sehr viel. Da fehlen mir auch meine Freundinnen gar nicht so sehr, die ich in Berlin gelassen habe. Am schönsten ist es jetzt, wo ich beides habe: Mutti jeden Tag und meine beste Freundin in den Ferien. Die ist auch so zu Hause bei uns, als wenn sie uns mit gehörte.«

»Früher hatte ich auch eine Mutter,« hub Hermann wieder an. »Da war alles anders; aber das ist sehr lange her.«

»O,« rief Hanni leise, und ihre blauen Augen bekamen ein ganz schwarzes Aussehen vor zurückgehaltener Bewegung, »das wußte ich nicht, sonst hätte ich nicht gerade immerzu von meiner Mutter erzählt. Es tut mir wirklich leid.«

»Kind, was sollte Ihnen denn leid tun? Glauben Sie, daß, wenn man selber unglücklich ist, das Glück anderer einen nicht freut? Gerade! Es hat mir ordentlich das Herz warm gemacht, zu sehen, daß Sie das besitzen und genießen, was ich so schmerzlich entbehre, weil ich es auch gekannt. Sie können glauben, die einzige weiche Stelle in meinem verhärteten Herzen ist diese Erinnerung.«

»Nein, das glaube ich nicht, das ist nicht wahr!«

»Wie können Sie das behaupten, da Sie mich doch gar nicht kennen?«

»Ich sehe Sie doch! Ich kann doch behaupten, daß dieser Tannenzweig grün ist, nicht wahr? Wenn ich ihn auch eben zum erstenmal sehe.«

Hermann sah sie betroffen an. Aber jetzt wurden neben ihnen Stimmen laut, und es war an der Zeit, mit den übrigen ins Haus zu gehen.

»Mäuschen, du siehst ja ganz blaß aus von dem feuchten Nebel draußen,« sagte Tante Ida, die den Tanzenden zusah.

»O wirklich? Sie haben sich doch nicht erkältet?« forschte Hermann besorgt.

»Unsinn, hier drinnen wird man ja gleich wieder warm. Also Sie mögen ganz gern tanzen? Wie nett! Ich hatte erst verstanden, Sie liebten es nicht. O, da wollen wir es versuchen, nicht wahr? Es ist gerade ein Walzer!« Damit flogen die beiden davon.

Und die Harzer Bergleute verstanden es, zum Tanz zu spielen. Es ging ganz von selbst, man fühlte kaum den Boden unter den Füßen. Ringsum verschwanden die Wände und die Menschen in einem flimmernden Lichtermeer, in dem man selber dahinschwebte auf den süßen Wellen der Musik. – Auf einmal waren die Töne verstummt, und alles war vorüber.

»Das ging schön,« sagte Hanni tief aufatmend und sich leicht auf den Arm ihres neuen Freundes stützend; denn sie fühlte etwas wie Schwindel von der raschen Bewegung in der plötzlichen Helle.

Auch er sah ganz anders aus als vorher bei Tische. »Ich habe zum erstenmal im Leben getanzt!« rief er aus.

»Wirklich?« fragte sie verwundert.

»Ja, allein kann man es doch nicht; es müssen doch zwei sein, die zueinander passen!«

Sie verstand ihn nicht recht, und jetzt machten auch die Kadetten, Klärchens Vetter Karl und die übrigen ihre Rechte geltend, so daß sie lange nicht zum Ausruhen kam. Tante Ida aber sagte leise zu ihrer Schwägerin: »Die Rantzau meinte, es sei so schwer mit Hermann Schack umzugehen; er sei so fürchterlich wortkarg. Da sieh doch, wie vergnügt er lacht und schwatzt! Das kann doch nicht so schlimm sein.«

Erst spät in der Nacht fuhren die Wagen vor, und auch dann dauerte es noch geraume Zeit, bis man sich zum Aufbruch entschließen konnte. Hanni und Käte wurden umringt von ihren alten und neuen Freunden und bestürmt, bald wiederzukommen. Nur Hermann stand allein in einer Fensternische und trommelte an den Scheiben, während seine Augen leer ins Dunkle starrten.

Als sie sich aus dem lauten Knäuel frei gemacht, ging Hanni an ihm vorüber und sagte: »Sie haben mir doch versprochen, fröhlich auszusehen?«

»Nein, ganz gewiß nicht!«

»Doch, wenigstens inwendig nahmen Sie sich’s vor, und Sie machten dazu ein freundliches Gesicht.«

»Hanni, komm schnell, die Pferde werden unruhig!«

»Gute Nacht!«

»Gute Nacht!« Er sah ihr betreten nach. Zum zweiten Male behauptete sie, in sein Inneres zu sehen. Konnte sie das wirklich?