Drittes Kapitel.
Das Kamel
Hans und Suse fühlten sich nun ganz wohl bei Frau Cimhuber und lebten sich allmählich in der Stadt ein.
Suse hatte sogar schon eine Freundin, die blonde Gretel, die in der Schule neben ihr saß. — Auf eine merkwürdige Weise hatte sie mit diesem kleinen Mädchen Freundschaft geschlossen. — Eines Morgens, da hatte sie auf dem Platz neben ihr zwei Puppenbeine hervorschauen sehen, und während sie sich über diese schnurrigen Gegenstände noch gewundert hatte, da war neben ihr Gretel aufgerufen worden, um eine Frage der Lehrerin zu beantworten.
In demselben Augenblick hatten sich unter der Bank die Puppenbeine geregt und wie der Blitz war eine blonde leibhaftige Puppe hervorgeschossen, auf Suse zu. Mit beiden Händen hatte sie zugegriffen und die Abstürzende tief aufatmend auf ihren Schoß gesetzt.
Gretel aber, der vor Schreck fast das Wort im Munde stecken geblieben war, hatte sich hernach herzlich bei dem Doktorskind für die Rettung ihres Lieblings bedankt.
Schon am folgenden Sonntag wurde Suse bei ihrer neuen Freundin eingeladen, und Gastgeberin und Gast waren so miteinander zufrieden, daß Suse von nun an recht oft wiederkam, häufig sogar in Begleitung ihrer eigenen Puppe, der Genoveva. Neben den prächtigen, feinen Stadtpuppen nahm sich Genoveva, das blöde, ungelenke Landkind, allerdings sehr einfach und bescheiden aus. Dafür hatte sie aber den Vorzug, ein ereignisvolles Leben hinter sich zu haben. Stundenlang konnte Suse davon erzählen. So war dies Puppenkind einmal von dem Vetter Theobald an einem Bein an der Wäscheleine aufgehängt worden und hatte seit jenem Tag einen Anflug von der Glotzkrankheit behalten, wie man an ihren hervorquellenden Augen bemerken konnte. — Ein andermal hatte Suse selbst ihre Tochter eine lange, schreckliche Nacht hindurch am Fuchskopf in den Bergen vergessen, und als sie am andern Morgen in Schrecken und Angst zu ihr geeilt war, hatte sie das arme Kind mit einer lebendigen Eidechse im Schoß vorgefunden, vor Entsetzen halb tot, wie die dicken, über ihre Wangen rinnenden Schweißtropfen verrieten. — Ja, ja, man hatte seine Not mit Genoveva gehabt!
Gretel war Feuer und Flamme für diese Geschichten und für die Erzählerin nicht minder. Und so kam es, daß sich in Suse schon wieder die Eingebildetheit regte und sie anfing, wieder übermütig zu werden wie daheim eigentlich immer.
Mit Theobald, ihrem erfahrenen Lehrmeister in aller Stadtweisheit, hatte sie sogar schon einen Streit gehabt, weil sie ihn fürwitzig und mit erhabener Miene über wichtige Gebäude seiner Vaterstadt belehrte, über die er ganz verkehrte Begriffe hatte, während Suse, dank einer Unterhaltung mit Frau Cimhuber, großartig Bescheid wußte. Ärgerlich hatte der Vetter hierauf sein Wohlwollen Hans zugewandt, der weniger eingebildet als Suse war, sich aber reichlich so gut in der Stadt zurecht fand wie sie. Theobald hatte ihm deshalb vor einigen Tagen in seiner schnurrigen Manier beide Hände auf das Haupt gelegt und gesagt: „Fahre nur so fort, teurer Freund, und du wirst uns noch alle überstrahlen, indem daß du gar nicht so dumm bist, wie du aussiehst. Du schickst dich sogar besser als Suse, obwohl die wunder wie gescheit tut und nicht einmal weiß, wie man von der Elektrischen abspringt und immer die verkehrte Hand am verkehrten Griff hat und aus lauter falscher Sachkenntnis nächstens mitten auf der Straße sitzt.“
Natürlich waren diese Reibereien harmloser Natur und jedermann, vor allem Frau Cimhuber und Ursel, glaubten, daß nun die Stürme vorüber seien und daß sich Friede und Ruhe auf alle senken werde. Wie oft pflegte nicht die Pfarrfrau in diesen Tagen zu ihrer alten Magd zu sagen: „Sehen Sie, sehen Sie, es ist alles gut geworden, man darf nur niemals verzagen!“
Da mit einemmal bekamen die Kinder eine Einladung zu Onkel Gustav, dem reichen Besitzer des prächtigen Schlosses, das Hans in den ersten Tagen seines Hierseins schon einmal mit Theobald aufgesucht hatte.
Übermütig vor Freude eilten sie zu ihren Vettern und Basen, um ihnen die frohe Neuigkeit mitzuteilen.
Die aber machten Gesichter, als sei ihnen die Petersilie verhagelt.
„Freut ihr euch denn nicht?“ fragten Hans und Suse. „Ihr seid doch auch geladen.“
„Freuen,“ sagte Toni im wegwerfenden Ton, „keineswegs, uns graut sogar davor.“
„Graut?“ forschte Suse.
„Ja, es ist uns sehr unangenehm, weil die Fremdlinge — die Tante und ihre Kinder wollte ich sagen — Protzen sind. Fremdlinge nennen wir sie deshalb, weil sie aus Südamerika kommen und so großartig fremdländisch tun. Und Protzen sagen wir, weil sie eben Protzen sind.“
„Was sind das, Protzen?“ fragte Suse erstaunt.
„Nun,“ erklärte die Cousine, „das sind Leute, die sich schrecklich viel auf ihr Geld einbilden und auf alles, was sie haben.“
„Ach,“ meinte Suse, „nichts Schlimmeres? Das ist doch nicht schlimm! Wenn ich ein solch schönes Haus hätte und solch prächtige Sachen und solche ausgestopften Tiere wie sie, würde ich mir auch was einbilden.“
„Dann wärest du auch ein Protz,“ fiel Theobald scharf ein, „und das sähe dir so recht ähnlich.“
„Das machte nichts,“ entgegnete Suse keck, „wenn ich nur einen einzigen ausgestopften Löwen hätte, wäre ich schon froh. Eine ausgestopfte Giraffe wäre mir eigentlich noch lieber.“
Hans war es doch nicht recht geheuer, und auf dem Nachhauseweg sagte er nachdenklich zu seiner Schwester: „Am Ende wird’s doch nicht so schön bei Onkel Gustav, wie wir geglaubt haben.“
Suse schwieg und zuckte die Achseln; dank ihres leichten Sinnes hatte sie eine ganz andere Meinung und zauberte in den nächsten Tagen ihrem Bruder die herrlichsten Bilder über ihren Besuch bei den Fremdlingen vor Augen.
An einem großen runden Tisch sitzend, von silbernen Tellern Kuchen essend, aus wundervollen Tassen Schokolade trinkend, würden sie den seltsamen Abenteuern des Onkels lauschen, meinte sie. Zuckersüße Früchte würden phantastisch geschmückte Dienerinnen zu ihnen hereintragen.
Als der Tag des Besuches bei Onkel Gustav herangekommen war, zogen Hans und Suse sich mit größter Sorgfalt an. Und Ursel, die Ehre mit ihnen einlegen wollte, half ihnen dabei. Suse war’s zufrieden. Nachdem sie ihr Sonntagskleid angezogen hatte, steckte sie ihre Lieblingsbrosche, ein Stiefmütterchen, vor, dessen buntbemalte Blütenblätter ein kleines, zorniges Gesicht zeigten. Auf dies, ihr schönstes Schmuckstück, bildete sich Suse nicht wenig ein.
Vor zwei Jahren war nämlich ein hoher Herr — ein Prinz, wie Rosel behauptet hatte — nach Schwarzenbrunn gekommen und durch den Ort geschlendert. Und als die Schuljugend ihn verfolgte, hatte er plötzlich aus der Schar der Gaffer Suse hervorgeholt, sie betrachtet und gefragt: „Wem gehörst du, Kind? Du bist ein feines, kleines Mädchen; wer hat dir das schöne Stiefmütterchen geschenkt?“ Und dabei hatte er mit Begeisterung ihr Stiefmütterchen angesehen, ein Umstand, den Suse mit Befriedigung wahrgenommen hatte. Denn erst am Tage vorher hatte sie einen Streit mit Hans gehabt, weil er behauptet hatte, das Stiefmütterchen sehe ganz verheult und miserabel streifig aus, seit es eine Nacht lang im Regen im Garten liegen geblieben sei.
Darum durfte das Stiefmütterchen in Zukunft nicht mehr fehlen, wenn Suse sich putzte.
Hans war mit Anziehen schon längst fertig, da überlegte Suse noch immer, wo sie ihr Stiefmütterchen am vorteilhaftesten anbringen könne.
Endlich war ein Platz gefunden und nun konnten Bruder und Schwester von dannen gehen.
Beim Abschied schärfte Frau Cimhuber den Kindern mehrmals ein, ja recht artig zu sein und auf alles acht zu geben, was sie sähen.
„Ja, ja, das wollen wir,“ rief Suse, „und herrliche Sachen werden wir Ihnen erzählen, Frau Pfarrer,“ und damit eilte sie voll hundert schöner Erwartungen mit Hans die Treppe hinunter.
Bei dem Kriegerdenkmal, dem Ort der Verabredung, trafen sie mit Toni und ihren Geschwistern zusammen. Die Aufsicht über die Kinder führte Liselotte, ihre ältere Schwester, ein junges, feines Mädchen, das viel auf Anstand und gutes Benehmen hielt, dafür aber leider bei ihren Geschwistern kein Verständnis fand.
Deshalb hatte sie auch vorhin ihren Eltern seufzend erklärt, es sei ein schweres, ein hartes Stück Arbeit, die Geschwister zu beaufsichtigen. Man meine manchmal, der böse Geist fahre in sie und triebe sie zu immer neuen Ungezogenheiten an. — Einen Volksauflauf gebe es sicher, und das sei dann so peinlich für einen erwachsenen Menschen. Jedoch die Eltern hatten die Sache nicht so ernst genommen und ihren jüngeren Kindern eingeschärft, der älteren Schwester gut zu gehorchen.
Als die Gesellschaft vollzählig war, brach sie gemeinsam nach der „Villa Granada“ auf, — der Wohnung ihrer reichen Verwandten draußen vor der Stadt.
Hans und Suse sahen auf dem Wege dorthin erwartungsvoll drein. Ganz anders als ihre kleinen Verwandten, die gleichmütigen Stadtherrlein und Fräulein, denen ein solcher Besuch etwas ganz Alltägliches zu sein schien.
Besonders Suse sah man die Erregung am Gesicht an, und mit tiefem Unbehagen nahm sie selbst wahr, daß all ihre Erwartung auf ein schönes Fest kläglich zusammenschrumpfte und nur blasse Furcht zurückblieb. Sie zweifelte gar nicht mehr daran, daß alles, was Theobald prophezeit hatte, auf schreckliche Weise in Erfüllung gehen werde. Und in ihrer Verwirrung drängte sie sich schließlich nahe am Ziel an den übermütigen Vetter selbst heran, um bei ihm noch einmal Auskunft zu holen.
„Du, Theobald, sag’ mir,“ begann sie ängstlich, „ich wollte dich fragen, Theobald. Sag’ mir, wie sieht die Tante aus? Gelt, die ist nicht schwarz?“
„Nicht schwarz?“ rief der Vetter. „Ja, wie denn sonst! Vielleicht grün wie ein Laubfrosch oder blau wie ein Schmetterling, wenn sie aussieht, als wär’ sie in die Tinte gefallen! Und die Kinder erst! Die sind schwarz und weiß kariert wie Schachbretter und haben Ringe durch die Nase und Federbüsche auf dem Kopf und Bäuche wie Frösche.“
„Das glaub’ ich nicht,“ entgegnete Suse.
„Glaub’s nicht! In der nächsten halben Stunde werden wir uns wieder sprechen!“ sagte der Vetter gleichmütig.
„Ich mein’,“ sagte Suse, „ich möchte wissen, Theobald, ob die Tante so freundlich zu einem ist, wenn sie einem guten Tag sagt, wie andere Damen?“
„Freundlich? freundlich?“ stotterte Theobald. Und seine Stimme zum unheimlichsten Flüsterton dämpfend, raunte er ihr zu: „Sie ist ja eine Art Menschenfresserin, Suse, ich hab’s dir ja schon einmal gesagt. Ihr Leibgericht sind Menschenohren. Darum rat ich dir, nimm deine Lauscher in acht. Sonst stürzt sie sich drauf, reißt sie ab und rauft sie an sich. Dann hast du Ohren gehabt und kannst dich außerdem für Geld sehen lassen, so schnurrig siehst du dann aus.“
Suse lächelte verlegen.
„So, da wären wir!“ unterbrach sich Theobald mit einemmal.
Ein großes, eisernes Parktor lag vor ihnen. In goldenen Buchstaben stand der Name der Villa als ein leuchtender Bogen darüber geschrieben. An einem efeuumsponnenen, von Ulmen überschatteten Pförtnerhäuschen vorüber ging die Gesellschaft in das Innere des Parkes. Suse zitterte das Herz bei jedem weiteren Schritt. Am liebsten wäre sie umgekehrt.
Mit einem Male sagte Toni ganz laut. „Da kommen Concha, Enrique, Sancho und Jose.“ „Die prächtigen Granadasöhne,“ setzte Theobald hinzu.
Suse fuhr zusammen.
Aber was mußten ihre Augen sehen? Dort aus der Ferne, von der blumenbewachsenen Terrasse herunter, auf der stolz wie ein Schloß die Villa Granada stand, kamen ein paar Kinder, die genau aussahen wie die Kinder anderer Sterblicher. Nichts von Federbüschen, nichts von Nasenringen, nichts von einer karierten Haut war zu sehen, wie Theobald angekündigt hatte. Und auch jetzt, als sie ganz in der Nähe angelangt waren, verwandelten sie sich noch immer nicht in Kaminfeger. — Das kleine Mädchen sah sogar wunderhübsch aus in ihrem reichgestickten Kleid.
„Guten Tag,“ sagten die Kinder mit fremdländischer Betonung, und schlossen sich ihren Besuchern an.
Suse mußte sie immer wieder von der Seite ansehen. Ihre Gesichter waren ganz weiß, und ihre Gestalten waren geschmeidig und fein, ihre Augen dunkel und strahlend.
Der eine der Knaben, der kleinste von den dreien, öffnete einen silbernen Zigarettenbehälter und zündete sich eine Zigarette an. Aber sonst geschah nichts Außergewöhnliches.
Und jetzt, da ihr erster Schreck verwunden war, empfand Suse etwas wie Bedauern über soviel Alltäglichkeit. Es wäre ihr nun gar nicht unlieb gewesen, wenn plötzlich einer der Knaben ein paar ausländische Purzelbäume geschlagen oder sonstige Allotria getrieben hätte. Aber keiner tat ihr den Gefallen. Sie gingen im manierlichsten Schritt von der Welt einher.
Da raunte Hans plötzlich seiner Schwester zu: „Sieh, dort an der Seite des Schlosses, das niedere Haus, das ist die Garage, wo wir das Automobil damals besehen haben.“
„Herrgöttle, Herrgöttle, haben wir dabei geschwitzt,“ ließ sich nun auch Theobald vernehmen. — Noch hatte er nicht ausgeredet, da horchte Suse erschreckt auf. Ein überaus häßliches Geschrei, wie sie es in ihrem ganzen Leben noch nicht vernommen, hatte ihr Ohr getroffen. Und als sie in die Richtung blickte, aus der es kam, sah sie auf dem grünen Rasenplatz, der sich bis zur Terrasse hinüber erstreckte, einen wunderbaren Vogel spazieren gehen.
„Der Pfau,“ sagte Hans mit geheimnisvoller Stimme. — Suse betrachtete das Tier mit Staunen. Wie eine königliche Schleppe ließ er seinen prächtigen Schweif am Boden hinschleifen, und ehe sie sich’s versah, hatte er ihn wie einen Riesenfächer entfaltet, so daß all die schillernden Kreise in seinem Gefieder wie grüngoldene Kugeln glänzten. Und der kleine Federputz auf der Mitte seines Hauptes zitterte dazu wie feine Perlen, die auf zierlichen Stäbchen stecken.
„Oh, wie schön,“ sagte Suse leise, „wenn der Vater und die Mutter doch auch einen solchen Vogel hätten!“
Zögernd, mit rückwärts gewandtem Gesicht folgte Suse der übrigen Gesellschaft.
„Komm, komm,“ drängte schließlich der Bruder, sie bei der Hand fassend, „die andern sind ja schon fort, wir müssen hinterdrein.“
Und auch Theobald, der wieder zurückgekommen war, mahnte: „Komm schnell, Suse, wir wollen gemeinsam in die Höhle der Löwen.“
Widerstrebend folgte sie der Aufforderung.
Da plötzlich blieb Theobald stehen, klapperte mit den Zähnen und sagte flüsternd: „Himmel! Himmel! Da vorn steht sie und hat die Kinnladen auseinandergeklappt wie ein Scheunentor! Himmel! Himmel! Sie schnalzt mit der Zunge! Was wird das geben! Mein Herz! Mein Herz! In den Hosen sitzt’s mir schon! Jetzt halt deine Ohrläppchen fest!“
Suse zitterte am ganzen Körper und schaute erbleichend geradeaus. Dort mitten im Weg standen zwei kohlpechrabenschwarze Frauen und musterten die Kinder. Das Weiß ihrer Augen und die blanken Zähne leuchteten gespensterhaft aus ihren nachtschwarzen Gesichtern. Wie mit Blutstropfen betupft, so kamen Suse ihre Augenränder vor.
Im Gebüsch des Weges hatten diese unheimlichen Gestalten sicher auf die Kinder gelauert und wollten sie nun überfallen.
„Sag’ ihr guten Tag, und küß ihr die Hand. — Die rechts mit dem großen, hohlen Zahn ist’s,“ drängte Theobald. „Schnell, schnell, sonst stürzt sie sich auf dich los und dann — adieu Ohrläppchen.“ —
Suse war nicht imstande, einen Schritt zu tun, so lähmte ihr der Schreck alle Glieder.
Erst ganz allmählich kam ihr die Besinnung wieder, und dann dachte sie nur auf ihre Rettung.
Wie ein Pfeil flog sie über den Rasenplatz der Terrasse zu an dem Pfau vorüber, der mit gellendem Geschrei aufflog und wie ein lebendig gewordenes Heubündel neben ihr herrauschte.
Drüben auf dem Weg drängte sie sich an ihre ältere Cousine an und flüsterte klopfenden Herzens: „Sieh, Liselotte, die gräßlichen Frauen, die Tante Josepha geht dort, dort, guck, guck!“
Das junge Mädchen wandte sich um und erblickte die schwarzen Frauen jenseits des Rasenplatzes; zu gleicher Zeit aber auch ihren Bruder Theobald, der, sich die Seiten vor Lachen haltend, des Weges kam. Da wußte das junge Mädchen Bescheid, und die Hand ihrer kleinen Verwandten durch ihren Arm ziehend, sagte sie beruhigend: „Das sind zwei Dienerinnen, die Kinderfrauen von Concha, Jose und den andern. Die tun dir nichts, sei nur still.“
Suse atmete erleichtert auf. Theobald aber blieb weit zurück und zwar um so weiter, je häufiger seine Schwester nach ihm hinsah.
Und nun währte es nicht mehr lange, da sollten die Doktorskinder die echte, die wirkliche, die leibhaftige Tante Josepha zu Gesicht bekommen. Im Kreise der übrigen Kinder betraten Hans und Suse die Villa Granada. Es war ein prächtiges Gebäude mit schöngeschnitzten Möbeln in allen Zimmern, mit kostbaren Teppichen auf den Fußböden und farbenprächtigen Bildern an den Wänden.
Von den einzelnen Gegenständen konnten die Geschwister aber kein genaues Bild bekommen. Nur im allgemeinen hatten sie die Empfindung, in einem reichen glänzenden Palast zu sein, wo alles herrlich und fremdländisch aussah. Da, als sie einen großen Saal betreten hatten, rauschte es mit einemmal wie von seidenen Kleidern.
„Sie kommt!“ flüsterte Theobald.
Unwillkürlich faßte sich Suse mit beiden Händen an die Ohren.
Hinter einem Vorhang hervor, der zwischen zwei Türen hing, trat eine große, stolz aussehende Dame.
Es war Tante Josepha.
Die Kinder wichen einen Schritt zurück. Die kleinen Mädchen machten einen Knicks aus der Ferne und die Knaben ihre Verbeugung.
Eisigkalt wehte es von der fremden Dame her. Und selbst die Dreistigkeit der Sausewinde war wie eingefroren.
Und doch war die Dame, die dort eingetreten war, keineswegs die Wetterhexe, als die Theobald sie geschildert hatte. Im Gegenteil, sie war eine sehr schöne Frau. Und wie sie so dastand, die großen dunklen Augen fragend auf die Kinder geheftet, die Schleppe ihres prächtigen Gewandes leicht nach vorn geworfen, erinnerte sie an ein schönes Bild.
Aber an der Nasenspitze konnte man dieser hochmütig blickenden Frau es ansehen, wie von Herzen gleichgültig ihr der ganze Besuch war.
Selbst Theobald, der noch vorhin seinen Geschwistern vorgehalten hatte: „Merkt euch, liebe Kinder, den schönen Vers: Denn wo du schlecht wirst aufgenommen, da mußt du recht bald wiederkommen, und geniert euch nicht,“ wünschte sich mit einemmal über alle Berge. Sein Vetter Hans aber stand da, die Augen fest auf die fremde Dame gerichtet, als erwarte er ein Wunder.
Da fiel Theobald seines Vetters verstörtes Gesicht auf, und er raunte ihm zwischen den Zähnen zu: „Guck doch nicht wie ein geschlachteter Ziegenbock, der nicht mehr meckern kann!“
Und Hans, der seines Vetters albernste Bemerkungen als köstliche Witze empfand, konnte sich nicht mehr zusammennehmen und platzte mit einem Male los.
Die fremde Dame sah lange verwundert nach ihm hin. Und er drückte entsetzt beide Hände vor seinen Mund.
Aber was nützte es! Noch ärger als zum erstenmal wurde sein Lachen; denn Theobald flüsterte ihm in die Ohren: „Du kannst mir’s glauben, die Dame Josepha hat den Starrkrampf! Drum starrt sie so!“
Und Hans wünschte sich weit weg auf einen hohen Berg, wo er sich vor Lachen hätte wälzen können ob dieser großartigen, dieser herrlichen, dieser unvergleichlich schönen Witze.
Nun mußte er aber wie ein Soldat hier stehen und abwarten, was die nächste Minute ihm brachte.
Suse war noch immer in ihrer Verzauberung befangen und sah regungslos auf die stolze Dame vor ihr. Sie kam ja nicht auf ihre Gäste zu, wie Susens Mutter es daheim bei Einladungen zu tun pflegte, und gab jedem Kind freundlich die Hand. — Sie musterte sie nur mit kaltem, leicht spöttischem Blick.
Da wäre es schon unterhaltender gewesen, sie wäre wirklich ein schwarzes Fabelwesen gewesen und hätte Kuchenstücke und Mohrenköpfe um sich geworfen und sonstige lustige Faxen getrieben.
„Uff,“ sagte Theobald mit einemmal, denn seine Tante und Liselotte hatten das Zimmer verlassen, und die Kinder waren allein.
Suse und ihre kleine, fremdländische Cousine maßen sich mit stummem Blick noch immer aus der Ferne. Toni setzte sich ans Klavier, um ein Lied zu spielen. Die Granadasöhne ließen sich in die tiefen, weichen Sessel fallen, und ihre Vettern aus der Stadt folgten ihrem Beispiel mit angenommener Nachlässigkeit.
Wie die Paschas saßen sie dort, die Beine gekreuzt, die Arme verschränkt, und sahen einander herausfordernd an.
Nur Hans stand hinter dem Sessel Theobalds wie ein Gewächs, das einer Stütze bedarf, denn sein Vetter hatte ihm eben zugeraunt: „Bleibt möglichst in meiner Nähe, du und Suse. Sie wollen sich über euch lustig machen; das will ich ihnen austreiben.“
„Fein war’s heute in der Reitbahn,“ begann einer der ‚Granadasöhne‘ die Unterhaltung. „Ich hatte einen famosen Gaul. Nächstens darf ich in der Quadrille mitreiten.“
„Entsetzlich! Sie fangen schon an zu protzen,“ raunte Theobald seinem Vetter unter der vorgehaltenen Hand zu.
„Du, Hans, reitest du auch?“ wandte sich der „Granadasohn“ an den verblüfften Knaben.
„Ja,“ rief Theobald laut.
„Fällt mir gar nicht ein,“ erwiderte Hans und begann zu lachen. „Ich hab’ ja kein Pferd.“
„Dann reitest du also nicht?“
„Mein Gott, bist du schwerhörig?“ rief Theobald, „soll er vielleicht auf einem Besenstiel reiten, wenn er kein Pferd hat?“
Alles lachte. Nur Toni warf ihrem Bruder einen entrüsteten Blick zu und schüttelte ihr Haupt.
Er aber saß mit unbeweglichem Gesicht da, die Arme fest verschränkt und rüstete sich auf weitere Angriffe.
„Dummes Zeug,“ verwies hier einer der Fremdlinge denjenigen seiner Brüder, der Hans ausgefragt hatte. „Wie kannst du nur fragen, ob Hans reitet. In diesen Kuhdörfern in den Bergen, wo er her ist, gibt’s doch keine Pferde. Nichts gibt’s dort, einfach nichts. Schauderhaftes Leben.“
„Ja, selbst die größeren Hammelsbraten und Ochsen findet man hier,“ warf da Theobald herausfordernd ein.
Die Augen der Fremdlinge blitzten; sie bemeisterten sich aber noch, und einer suchte Zigaretten hervor und bot sie im Kreise herum an.
„Du rauchst doch auch,“ wandte er sich an Hans.
„Nein,“ rief Theobald, „er darf es nicht, er ist viel zu klug dazu. Ihr wißt doch, je klüger die Leute, je gefährlicher für sie das Rauchen. Ich möchte an eurer Stelle gar nicht sagen, daß ich’s so gut vertragen kann.“
In diesem Ton ging die Unterhaltung weiter. Es war nun mal so und nicht zu ändern. Fremdlinge und Sausewinde konnten einander nicht ausstehen, vielleicht weil einer dem andern seine Vollkommenheit im Protzen und Aufschneiden übelnahm. Was das Aufschneiden anbetraf, gebührte entschieden Theobald die Palme, was das Protzen anbelangte, eher den Fremdlingen.
Im Laufe des Nachmittags gerieten die beiden Parteien häufig hart aneinander, und es sah aus, als sollte es zu einer regelrechten Schlacht kommen.
Da erschien aber noch zur rechten Zeit der Diener und meldete, daß der Teetisch gedeckt sei. Die Kinder sprangen auf und drängten in das Eßzimmer, um dort an einem einladend hergerichteten Tisch Platz zu nehmen.
Trotzdem verging Suse die Lust auf die appetitlichen Kuchen, die sie aus silbernen Körben anlachten; denn gerade als sie einen Mohrenkopf zum Munde führen wollte, öffnete sich die Tür und die schwarzen Frauen von vorhin tauchten zum zweitenmal auf.
Suse blieb der Bissen im Munde stecken. Lautlos wie Fledermäuse strichen die Fremden hinter Susens Stuhl vorüber und kamen jenseits des Tisches wieder zum Vorschein, beim Bedienen helfend.
Jedesmal bei ihrem herankommen lief dem kleinen Mädchen ein Gefühl über die Haut, als fließe ihr kaltes Wasser den Rücken hinunter.
Während nun Susens Aufmerksamkeit auf die Schwarzen allein gerichtet war, hatte ihre kleine Verwandte Concha sie die ganze Zeit mit spöttischem Blick angesehen, vor allem aber ihr berühmtes Schmuckstück scharf ins Auge gefaßt.
„Ist die Brosche von Gold?“ fragte sie mit einem Male laut.
Alle sahen nach Susens Talisman und lachten.
„Ist sie von Gold?“ fragte Concha noch einmal.
Suse wußte nicht, was antworten. Hans aber wurde es ungemütlich zu Sinn, und er hätte gern die Geschichte von dem Prinzen und seiner Bewunderung für das Stiefmütterchen erzählt. Aber er fürchtete, in der Mitte stecken zu bleiben und die Sache noch schlimmer zu machen.
Suse wäre jetzt am liebsten mitsamt ihrem Stiefmütterchen aufgesprungen und davongelaufen, durch die Tür in den Garten und auf die Straße. Es war ja nichts hier, wie sie erwartet hatte; im Gegenteil, eine Enttäuschung folgte der andern. — Auch der Onkel war nicht da, der doch so viele schöne Geschichten wußte, wie Toni vorhin Suse erzählt hatte, und einem die ausgestopften Tiere zeigte. — Er hatte unerwartet verreisen müssen.
Da war es denn eine große Erleichterung, als Liselotte erschien und den Kindern verkündete, sie möchten unter der Aufsicht der schwarzen Frauen in den Zoologischen Garten gehen. — Sie bliebe hier bei ihrer Tante.
„Wie schön,“ entfuhr es halblaut Susens Mund. Und auch Hans leuchtete die Freude aus den Augen.
Die Löwen, Tiger, Leoparden, all die wilden Tiere im Zoologischen Garten kamen den Kindern mit einem Male anheimelnder vor als die ganze Einwohnerschaft der Villa Granada zusammengenommen.
Schnell fand nun der Aufbruch statt. Von der fremden Dame brauchten sich die Kinder nicht zu verabschieden; denn sie hielt sich eingeschlossen in einem entfernten Zimmer und wollte niemand sehen. Und es war auch ganz gut, daß ihre kleinen Besucher ihr Gesicht nicht zu sehen bekamen. Zuviel Widerwillen gegen ihre Gäste malte sich darin, als daß es sie nicht hätte bitter kränken können.
Von den schwarzen Frauen geleitet, verließen die Kinder den Garten der Villa Granada.
„Jeder lacht, wenn er uns anguckt,“ meinte Theobald, als sie das Freie erreicht hatten. „Guck, Suse, wie die dort drüben den Mund aufsperren und uns mit unseren schwarzen Tintenfischen angaffen!“
Und damit wies er auf einige Leute jenseits der Straße.
Suse achtete nicht auf ihn und seine Reden. In Gedanken weilte sie bereits weit weg, und wie im Nebel verschwand die Villa Granada hinter ihr.
Vor dem Zoologischen Garten verabschiedeten sich die beiden ältesten Fremdlinge von der Gesellschaft, da sie die fremden Tiere nicht interessierten, wie sie behaupteten.
Theobald zauderte einen Augenblick. Auch er wollte den feinen, übersättigten Herrn spielen.
Aber mit aller Gewalt zog es ihn doch vorwärts in den Garten hinein.
Als die Kinder den großen, breiten Weg betreten hatten, der mitten durch den Zoologischen Garten führte, ging Suse bescheiden in züchtiger Haltung vorwärts, als schritte sie durch eine Kirche. Ihr Herz klopfte erwartungsvoll. Die bunten Papageien und Kakadus, die, auf hohen Stangen an kleinen Ketten angeschmiedet, rechts und links vom Wege saßen, schien sie kaum zu beachten.
Ihre Gedanken weilten schon beim König der Tiere.
„Der Löwe,“ murmelte sie leise vor sich hin. „Ach, wenn ich ihn doch nur schon sähe!“
„Sollst du, mein Herzblatt, darfst ihm auch einen Kuß geben,“ sagte Theobald tröstend an ihrer Seite. Und er richtete es so ein, daß die ganze Gesellschaft ihren ersten Gang auf die Raubtierkäfige zu nahm. Hinter den Gittern hervor sahen die Doktorskinder zuerst nur die gelben Felle der Tiere schimmern. Ihre Gestalten konnten sie noch nicht erkennen. — Aber jetzt, als sie näher kamen, erblickten sie den König der Tiere und stutzten. Ruhig und majestätisch lag er da, den mächtigen Kopf mit der schweren Mähne stolz erhoben, das Auge regungslos ins Weite gerichtet. Suse klopfte das Herz bis zum Halse; sie verlangsamte ihren Schritt und blieb dann zitternd stehen. — Der Löwe war aufgesprungen und dicht an das Gitter getreten und ging jetzt mit lautlosen Schritten dort auf und nieder, die Stäbe mit seinem Fell streifend. Und gleichsam einer unsichtbaren Macht gehorchend, hielt er plötzlich im Wandern inne und wandte sein gewaltiges Haupt Suse zu.
Witternd erhob er seine Nase und richtete seine feurigen, funkelnden Augen fest auf sie. Und mit einemmal riß er das Maul auf und brüllte schauerlich.
Suse schrie mit und eilte in großen Sprüngen von dannen.
Ängstlich wandte sie sich schließlich um und sah die andern Kinder lachend am Käfig des gefährlichen Raubtiers stehen. Da kehrte auch sie wieder um, schlich langsam heran und stand lange bei ihnen, den Löwen mit Ehrfurcht betrachtend.
Angesichts ihres weibischen Zagens wuchs Theobalds Mannesmut ganz gewaltig, und für die nächste halbe Stunde spielte er sich in unerträglichster Weise als der Kinder Beschützer und Berater auf. Seine weisen Belehrungen nahmen kein Ende.
„Das ist der Königstiger, seht, meine lieben Kinder,“ begann er vor einem Käfig, in dem ein abgemagertes Tier sich aufhielt.
„Der Königstiger ist eine aus fremden Erdteilen stammende Bestie und keine Kuh, wie ihr euch vielleicht bei diesem Prachtexemplar einbildet. Dies ist nämlich der Abklatsch einer Kuh. Es hat magere Beine, Krallen wie Hufe und einen spärlichen Haarwuchs. Anstatt, daß er durch das Dschungel schleicht und auf Beute auszieht, kann er sich jetzt mit seinem ausgefransten Schwanzstummel die Mücken abwedeln.“
„Genau wie Onkel Fritz redest du,“ seufzte Toni, „oh, es ist ein Elend. Alles plapperst du ihm nach! Mutter sagt auch, du bist sein ganzer Abklatsch.“
Zum Glück hörte außer Toni niemand sonderlich auf des unverbesserlichen Theobalds Reden, ging doch jeder seine eigenen Wege.
Hans und Suse waren bald bei den Affen, dann bei den Rehen, dann bei den Elefanten, auch beim Wolfe zu sehen. Wie schön war dieser Nachmittag nun doch noch geworden! Viel, viel schöner, als es sich die Kinder noch vor kurzem hatten träumen lassen.
Wie sie so durch den Garten schritten, kam es, daß ihre Wege sich trennten. Hans interessierte sich für die Tiere im Aquarium mehr als Suse, und so lief sie denn allein weiter.
Nach geraumer Zeit traf sie mit Theobald zusammen, der sich eine halbe Stunde lang mit dem Wärter eines Schimpansen unterhalten hatte und der nun, durch diese Auszeichnung geschmeichelt, wie auf Stelzen ging.
Natürlich zögerte er nicht, seine eben erworbenen Kenntnisse der Cousine brühwarm zu unterbreiten. Und über Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans redend wie ein berühmter Zoologieprofessor, schlenderte er mit ihr weiter und hörte erst mit Reden auf, als er mit ihr vor dem Vogelkäfig stand und an ihren begeisterten Ausrufen hörte, daß sie seine ganze Affenweisheit kalt ließ.
„Ach, wie schön,“ rief sie, „ach, wie schön! hätten wir doch nur zwanzig von diesen Vögeln. Mit zehn wäre ich auch zufrieden. Ach, am schönsten wäre es doch, die Türe plötzlich zu öffnen und alle Vögel herauszulassen,“ meinte sie. „Sicher würde Hans das auch sagen.“
Aber wo war ihr Bruder? Mit einem Male fiel ihr ein, daß sie ihn schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen hatte.
„Wo ist Hans wohl?“ wandte sie sich an Theobald.
„Ach, der gafft sicher irgendwo durch ein Gitter und sammelt Kenntnisse.“
Noch hatte der Knabe nicht ausgeredet, da bekam sein Gesicht einen gespannten Ausdruck.
In der Ferne hatte er lautes Schelten gehört. Er lauschte angestrengter. Die Stimmen wurden lauter. „Scht,“ mahnte er, „ist das nicht Hans?“
Nun horchte Suse auch hin. Und im nächsten Augenblick eilten beide auf die Richtung zu, aus der der Lärm kam. — Sie glaubten, Hans rufen gehört zu haben.
Nach einigen Sekunden sahen sie einen seltsamen Aufzug um die Ecke biegen: die beiden schwarzen Frauen kamen in großer Aufregung daher. Christoph und Henner hefteten sich gestikulierend wie Volksaufwiegler an ihre Fersen. Toni und die Fremdlinge redeten aufeinander ein, und mitten zwischen ihnen ging stolz wie ein Leu der Wärter und schleppte Hans am Rockkragen neben sich her.
Mit verstörten Augen blickte der kleine Knabe um sich und schwebte alle paar Schritte, durch einen Ruck seines Führers aufgehoben, über den Erdboden dahin.
Suse glaubte bei diesem Anblick, die Erde tue sich auf, und stand einige Augenblicke wie versteinert. Dann lief sie schnell auf ihren Bruder zu, packte ihn bei der Hand und rief: „Was ist denn? Was ist denn? Ach, Hans! Ach, Hans!“
„Ach, bitte, bitte,“ wandte sie sich an den Wärter, „lassen Sie Hans los. Weshalb halten Sie ihn so fest?“
„Ja, Sie reißen ihm ja den Arm ab,“ rief nun Theobald, und schon war er mitten im Gewühl drin und fragte unerschrocken, was sein Vetter eigentlich verbrochen habe, daß er wie ein wildes Tier durch den Zoologischen Garten geschleift würde.
Da rief der Mann, dem die Galle anscheinend überlief, Hans habe dem schönsten und teuersten Kamel des Zoologischen Gartens Sand in die Augen geworfen. Das Tier werde sicher blind. — Es sei eine unerhörte Frechheit. — Und mit einem Blick auf Theobald, der herausfordernd dastand, erklärte er, Theobald sähe übrigens aus, als brächte er auch so was fertig.
Der Knabe wich ein paar Schritte zurück und murmelte: „Unverschämtheit sondersgleichen!“
Suse aber weinte bitterlich und sagte: „Hans hat noch keinem Tier was zuleid getan. Nie, nie hat er einem Tier was Böses getan.“
Jedoch die Fremdlinge und ihre schwarzen Begleiter nickten fortwährend und sagten: „Ja, ja, er hat’s getan.“
„Bist du’s gewesen?“ fragte da Theobald in wohlabgemessener Entfernung von dem Wärter seinen Vetter.
Hans antwortete nicht.
Da faßte der Frager kurz entschlossen seines fremden Vetters Jose Hand und streckte sie dem Wärter mit den Worten hin: „Sehen Sie, Herr Wärter, dem seine Hand ist ganz voll Sand. Der Lügner hat’s getan, nicht der andere.“
„Mach, daß du fortkommst, stoppelhaariger Dickkopf!“ fuhr ihn der Wärter an, „oder du gehst auch mit.“
In ein paar Sprüngen war Theobald um die nächste Ecke. Der wütende Mann aber verschwand mit Hans und seinen Zeugen, den Fremdlingen, auf der Direktion.
Lange, bange Augenblicke verstrichen für die Zurückbleibenden. Toni und der wiederkehrende Theobald hatten Mühe, Suse zu hindern, ihrem Bruder zu folgen.
„Es geschieht Hans doch nichts, kein Mensch rührt ihn an,“ beschwichtigte Toni immer wieder. Theobald hingegen machte seinen Gefühlen in lauten Worten Luft.
„So eine Gemeinheit wie heute hab’ ich doch noch nie gesehen,“ rief er. „Pfui! Pfui! — Unser Vater sagt immer, wir sind das furchtbarste Unkraut, das es gibt. Wir färbten auf alle ab. — Aber so was brächten meines Vaters Kinder doch nicht fertig! Nein, gemein wären wir nie!“
„Weißt du, Henner, mit meinem Eichhörnchen hat Jose dasselbe Experiment gemacht,“ wandte er sich an seinen Bruder. „Seit dem Tage, als er es mit Sand geworfen, hat’s kranke Augen.“
„Ja, ja,“ riefen seine Brüder und brachen in ein wildes Rachegeschrei aus.
Während die Kinder nun so in einer sich immer steigernden Aufregung durcheinander redeten, war drüben an der Einzäunung, hinter der das Rehwild stand, schon eine Weile ein junger Mann zu sehen gewesen, der aufmerksam nach dem erregten Häuflein herübergeschaut hatte. Seiner Tracht und seiner sehnigen Gestalt nach zu urteilen, gehörte er den Gebirgsbewohnern an.
Jetzt, als Suse auf wenige Sekunden die Hände von den Augen ließ, so daß ihr Gesicht voll zu erkennen war, nickte er mehrmals befriedigt vor sich hin und ging dann geradewegs auf sie zu.
„Guten Tag,“ sagte er, vor ihr stehen bleibend. „Gelt, du bist doch Doktors Suse? Ich hab’ mir doch gleich gedacht, das ist Doktors Suse.“
Das kleine Mädchen sah den fremden Mann groß an und wußte einige Augenblicke lang nicht, wen sie vor sich hatte.
Aber mit einemmal ging es wie ein Erwachen über ihre Züge; ihre Augen strahlten, und sie rief glückselig: „Ach, das ist ja Philipp. Wo kommst du her, Philipp? Ach, wie freu’ ich mich! — Das ist Martins Bruder,“ sagte sie zu den andern, „sein ältester Bruder Philipp, der ihm die schönen Geschenke macht. — Weißt du, Theobald? du kennst Martin ja auch. — Wie schön, daß du da bist, Philipp,“ rief sie jetzt dem Freund aus der Heimat zu.
Der junge Mann hielt etwas verlegen des kleinen Mädchens Hand noch immer in der seinen, wußte nicht recht, was damit anfangen und sagte in einem fort: „Wie geht’s denn, Suse, geht’s gut? Geht’s gut?“
Das kleine Mädchen antwortete nicht. Sie sah mit immer leuchtenderen Augen in sein Gesicht. — Er war ja von daheim, von zu Hause, wo er alles kannte, die Eltern und Michel und Rosel und Christine und den Wald und die Berge und das Doktorshaus und den Garten, alles, alles. Sie meinte im Augenblick, er sei ihr Bruder. — Sie wollte ihn nicht mehr los lassen.
„Wie geht’s dir denn, Philipp?“ fragte sie schließlich, als sie sich wieder gefaßt hatte. „Und wie geht’s deiner Mutter? und was macht Martin? hat er uns nicht grüßen lassen?“
Verwundert sah der junge Mann sie an und fragte dann: „Ei, hör’ mal, Suse, weißt du denn nicht, daß ich schon viel länger von zu Hause fort bin, als ihr zwei? Bald zwei Jahre?“
— „Ach ja, ach ja!“
Suse hatte es in ihrer Aufregung nur ganz vergessen. Jetzt fiel ihr wieder ein, daß Philipp als Holzflößer hinunter in das Tal gezogen war und auf einem Lastkahn auf dem Kanal Beschäftigung gefunden haben sollte, wie Martin ihr und Hans erzählt hatte. — Wie hatte sie nur so dumm sein können, es zu vergessen! Hans pflegte ja stets mit Martin die Wochen und Monate auf dem Kalender anzustreichen, die der Bruder des armen Krüppels noch in der Fremde zu verbringen hatte.
„Schon zwei Jahre bist du fort von daheim?“ fragte Suse nun mit Bedauern in der Stimme. — „Oh, wie lang! Konntest du es so lange aushalten, Philipp? Das könnte ich nicht aushalten. Hast du denn kein Heimweh gehabt?“
„Das schon,“ meinte Philipp, „aber man hat halt viel zu tun, und da vergißt man das Heimweh. Und dann denkt man auch immer, die Zeit geht herum. — Jetzt noch zwei bis drei Wochen, dann bin ich wieder zu Hause.“
„Vor Pfingsten schon?“ fragte Suse.
Er nickte.
„Wie schade!“ rief das kleine Mädchen, „wenn du doch noch ein wenig warten würdest, könnten wir die Reise zusammen machen. Pfingsten gehen wir auch nach Hause. Denke dir, wie schön es wäre, wenn wir alle drei zusammen ankämen. — Martin will uns abholen. Weißt du dort auf dem Rain, wo der Weg aus dem Walde kommt, dort wartet er schon am Mittag, wenn wir auch erst um fünf Uhr kommen. Er hat’s gesagt, und das letzte Stück fährt er in der Postkutsche mit uns.“
Hier sah sich Philipp forschend um und fragte ganz erstaunt: „Wo ist denn Hans? Er ist doch nicht krank? Fehlt ihm was? Er ist doch auch mit dir hier zum Lernen?“
Da verdunkelte sich Susens Gesicht aufs neue, und sie erzählte bitterlich weinend alles, was sich zugetragen hatte. Und plötzlich kam Leben in den stillen, zurückhaltenden Gebirgsbewohner, und er rief blitzenden Auges: „Ist der Bursch, der mit Sand geworfen hat, vielleicht so ein kleiner Knirps, dünn wie ein Wollfaden, der mit den beiden schwarzen Weibsgestellen da herumläuft? Himmelsapperment, den hab’ ich vorhin gesehen, wie er einem Affen einen kleinen Stein an den Kopf geworfen hat. Da hab’ ich mir gesagt, jetzt noch ein Wurf, und du langst ihm eine, daß ihm der Hut vom Kopfe fliegt. — Wo ist er?“
„Da drin,“ rief Theobald, auf das Gebäude der Direktion deutend. Und Philipp sprang in großen Sätzen geradeswegs auf die Eingangstüre des Hauses zu.
Theobald eilte in gleichen Schritten hinterdrein, kehrte aber wie der Wind wieder um, als er im Vorraum des Gebäudes plötzlich die Stimme des Wärters hörte. —
Nun währte es nicht mehr lange, da kam auch die übrige Gesellschaft wieder zum Vorschein. Allen voran schritt Philipp, Hans an der Hand haltend. Des jungen Mannes Augen blitzten wie die eines Siegers. Trotzdem hatte er wenig ausrichten können. Der Wärter und die Fremdlinge hatten eben zu fest auf ihrer Behauptung bestanden, Hans sei der Missetäter, als daß er etwas dagegen hätte tun können. — Aber die Sache sollte noch einmal untersucht werden, hatte ihm einer der Beamten versichert. — Inzwischen sollte erst mal abgewartet werden, ob das Kamel überhaupt erblinde. — In diesem Falle werde es Hans zugesprochen werden, und der müsse fünftausend Mark dafür bezahlen. — Natürlich gehöre das Tier dann ihm.
Nachdem Suse und ihre kleinen Verwandten das Urteil vernommen hatten, trennten sie sich voneinander, Toni, um mit ihren jüngeren Brüdern in die Villa Granada zu gehen und Liselotte abzuholen, Theobald, um mit Philipp und den Doktorskindern ihre Wohnung aufzusuchen.
Suse wich auf dem ganzen Weg dorthin nicht von Philipps Seite. — Die Aussichten, die Hans auf Freisprechung hatte, mußten mit dem Freund aus der Heimat eingehend beredet werden. — „Es wird schon alles gut werden, es wird schon alles gut,“ tröstete jener immer wieder. — Dann sprachen die beiden zusammen über Martin und sein Leiden. Von einem künstlichen Bein, das Hans und sie dem armen, verkrüppelten Freund dermaleinst schenken wollten, wenn sie genügend Geld zusammen hätten, plauderte Suse. Auch von Martins Fertigkeit im Schnitzen. — Einen wunderschönen Nähkasten habe er neulich ihrer Mutter geschnitzt, und jetzt gedenke er ein Kreuz für die Kirche anzufertigen, erzählte sie.
Mit stillem Stolz hörte Philipp ihren Lobpreisungen zu.
Theobald aber spielte derweil Erzieher bei Hans und rief, ihn am Arm schüttelnd: „Ich hab’ gemeint, ihr seid schon daheim hier und wißt, wie ihr euch zu benehmen habt. Aber läßt man euch mal aus den Augen, wupp, da habt ihr auch schon ein Kamel am Bein und sollt noch außerdem fünftausend Mark dafür auf den Tisch des Hauses legen! Wie auf die Wickelkinder muß man auf euch aufpassen! Gräßlich! Man läßt sich doch nicht so einfach von jedem Lügenbold sagen, daß man was getan hat, wenn es nicht wahr ist. Wozu hat man denn seine männliche Faust? Doch nicht dazu, daß man sie in die Tasche steckt, sondern daß man damit um sich boxt. Verstanden?“
„Ja!“ sagte Hans kleinlaut.
Vor dem Haus der Frau Cimhuber bat Suse ihren Landsmann eindringlich, doch ein wenig mit hinauf zu gehen und Frau Cimhubers Wohnung anzusehen, damit er allen Freunden und Bekannten daheim erzählen könne, wie fein sie wohnten. — Sie hätten nämlich auch eine Negerstube.
Doch Philipp drückte den Hut tiefer in die Stirn und meinte verlegen, der Pfarrfrau sei es sicher nicht angenehm, wenn ihr ein fremder Mann die Stuben voll Schmutz trage. — Drum wolle er sich mit ihnen lieber an einem dritten Ort noch einmal treffen. — Einen Tag bliebe er voraussichtlich noch hier. So verabredeten die drei aus Schwarzenbrunn denn eine Zusammenkunft für den andern Morgen bei der roten Brücke, wo Philipps Kahn lag, nicht weit von Frau Cimhubers Wohnung.
Nachdem diese Verabredung getroffen war, verabschiedete sich die Gesellschaft voneinander.
Und nun wurde es den Geschwistern mit einemmal wieder recht beklommen zu Sinn.
Jetzt hieß es ja, Frau Cimhuber beichten, was sich zugetragen hatte.
Zurzeit saß die Pfarrfrau gerade strickend in der Negerstube und sagte so recht voll Behagen zu Ursel: „Nun müssen die Kinder bald kommen. Ich freu’ mich schon. Es ist so schön, wenn ihre Augen blitzen und sie erzählen. — Die Jugendzeit kehrt mir wieder ins Gedächtnis zurück. — Sie haben solch eine lebendige Auffassungsgabe für alles und ein wirkliches Erzählertalent. Nicht wahr?“
— Da klingelte es schüchtern.
Die alte Magd ging zur Tür, öffnete, sah zwei kreideweiße Nasen, stutzte und schob die beiden Pechvögel stracks vor das Antlitz ihrer Herrin. „Ich will gar nichts hören, ich seh’ schon genug,“ sagte sie.
Frau Cimhuber nahm langsam ihre Brille ab und schaute die Kinder erwartungsvoll an. — Da standen sie nun. —
Und Suse begann zu erzählen, und je mehr sie erzählte, um so jämmerlicher wurde ihr Ton, und um so größer wurden ihrer Pflegmutter Augen; schwer sanken ihre Hände in den Schoß, und zuletzt stieß Suse schluchzend hervor: „Und der Herr Direktor hat gesagt, Hans bekommt das Kamel. Es kostet fünftausend Mark. Es kommt hierher. Morgen vielleicht schon. Wir dürfen’s behalten.“
„Was sagst du da? Ich versteh’ nicht recht!“ sagte Frau Cimhuber und ließ vor Schreck ihr Strickzeug samt dem Garnknäuel auf die Erde fallen.
Da wiederholte Suse jämmerlicher als vorher: „Und da hat der ‚Granadasohn‘ Jose ein Kamel mit Sand geworfen, Frau Pfarrer, und hat gesagt, Hans hat’s getan, und da hat der Direktor gesagt: Hans soll fünftausend Mark bezahlen und das Kamel gehört dann uns. Ganz bestimmt, das hat er gesagt, Frau Pfarrer. Das Kamel ist dann unser!“
„Das ist zuviel,“ sagte Frau Cimhuber.
Suse aber sah unentwegt nach Ursel hin, die wie verwandelt war. Sie saß da, die Schürze vors Gesicht gedrückt und weinte. „Ein Kamel, Frau Pfarrer,“ rief sie. „Lieber Gott in deinem gerechten, großen Himmel, ein Kamel! Wer denkt denn so was! Alles andere hätt’ ich mir eher träumen lassen, nur kein Kamel! Wenn das so fortgeht, weiß ich nicht, was noch wird. — Anständige Leute haben überhaupt kein Kamel!“
„Vielleicht hat der Herr Edwin in Afrika eins,“ warf Suse kaum hörbar ein und hoffte durch diesen gescheiten Einfall Ursel umzustimmen.
Aber nichts dergleichen traf ein.
Vielmehr jammerte sie ärger als bislang weiter: „Frau Cimhuber, haben Sie jemals daran gedacht, daß wir noch einmal in unserem Leben ein Kamel bekommen werden? Ich nicht. Nur Bärenführer ziehen damit herum.“
„Aber Ursel, beruhigen Sie sich doch!“ rief Frau Cimhuber. „Das Kamel ist ja überhaupt noch nicht da. Wir wissen ja noch gar nicht, ob es kommt.“
„Es kommt, haben Sie keine Angst, es kommt!“ rief Ursel. „Das sag’ ich Ihnen aber, ich verreise, wenn es kommt. Ich will nicht sehen, wie die Leute die Fenster und Türen aufreißen und lachen, wenn sie’s da unten vor unserer Haustür stehen sehen und warten.“
Hansens Verstörtheit nahm angesichts dieser Verzweiflung zu. Und es war ihm zu Sinn, als habe sich das gräßliche Tier bereits zur Tür hereingedrängelt und wolle nicht mehr weichen.
Mit Suse schlich er hinaus.
„Du brauchst keine Angst zu haben,“ sagte die Schwester, den Arm um ihren Bruder schlingend. „Du hast das Kamel nicht geworfen, und deshalb darf dir auch keiner was tun.“
„Wenn sie’s aber doch glauben, daß ich es gewesen bin.“
„Aber sag’ mal, Hans,“ meinte hier Suse vorwurfsvoll. „Weshalb hast du denn nicht gleich gesagt, daß du’s nicht gewesen bist?“
„Ich hab’ mich so geschämt,“ sagte er leise, „wie sie so gelogen haben. — Ich habe kein Wort sagen können vor Schreck, Suse. — Die lügen ja, Suse! Die lügen!“
„Aber Hans, wir dürfen uns nicht alles gefallen lassen,“ mahnte die Schwester. „Das hat auch Theobald gesagt. Wenn wir recht haben, dürfen wir auch sagen, daß wir recht haben.
Du hättest überhaupt nicht bei dem gräßlichen Jose stehen bleiben und zugucken dürfen, daß er geworfen hat. Du hättest weitergehen sollen.“
„Ich bin gar nicht stehen geblieben. Sieh, Suse, ich bin gerade dazu gekommen, wie er das Kamel geworfen hat. Und wie es vor Schreck mit den Augen gezwinkert hat, hat er gelacht. Da hab’ ich ihm gesagt: Laß das sein, das tut ihm weh!
Da sind alle miteinander wütend geworden, am wütendsten die schwarzen Frauen, und haben gesagt: Geh fort, du hast uns hier nichts zu sagen. Du und Suse, ihr seid beide schmutzig und arm.“
„Was?“ rief Suse blitzenden Auges und kirschrot vor Zorn. „Das haben sie gesagt? Oh, wie häßlich!
Das sind die gräßlichsten Menschen auf der ganzen Welt. Und wir sind viel sauberer als sie. Und wir baden uns jeden Tag. Und das schreib’ ich jetzt alles dem Vater und der Mutter hin, und der Vater soll ihnen die Wahrheit sagen. Und sie sollen so Angst bekommen, so Angst, daß sie sich gar nicht mehr aus ihrem Garten ’raus trauen.“ Und die Rede der Fremdlinge wurmte Suse so, daß sie heute abend an nichts anderes mehr denken konnte, sondern mit dem Gedanken daran ihr Lager aufsuchte.
Hans drehte und wendete sich des Nachts unter Stöhnen hin und her. Suse merkte nichts davon.
Am andern Morgen ganz früh waren die beiden schon wach und rüsteten sich für ihren Gang zu Philipp. Frau Cimhuber und Ursel waren mit dem Vorhaben der Kinder einverstanden, denn alle Schritte, die Hans in seinem Abenteuer mit dem Kamel von Vorteil sein konnten, sollten gefördert werden.
Besonders Ursel drängte zum Aufbruch.
„Die ganze Nacht habe ich nicht geschlafen, gerad’ zusammengeschlagen bin ich,“ jammerte sie. „Kein Auge hab’ ich zutun können. Leibhaftig hab’ ich das Kamel vor mir gesehen.“
Die Kinder waren derartig mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, daß sie Ursels Klagen kaum verstanden! Schnell packten sie ein schönes Notizbuch sowie einen Bleistift für Martin zusammen und traten schon um halb sieben Uhr vor die Haustür. Quer liefen sie über die Straße hinüber zum Ufer des Kanals, um an ihm entlang den Weg auf die rote Brücke zu nehmen.
Suse war so ausgelassen und froh heute, wie sonst nur auf ihren Schulwegen daheim. Sie warf den Kopf in den Nacken und rief dem strahlenden Himmelsgestirn über sich voll Übermut zu: „Brenn’ mich ins Gesicht, liebe Sonne, brenn’ mich, es macht mir nichts. Heute macht’s mir nichts. —
Gedörrte Zwetschgen und Apfelschnitzen will Philipp uns schenken,“ fuhr sie dann eifrig zu ihrem Bruder fort. „Er hat’s mir gestern versprochen. Er hat noch welche von zu Hause. Gestern hat er gesagt, er will uns heute welche geben.“
„Oh, wie freu’ ich mich,“ rief Hans, „die mag ich ja so gern.“
Die beiden eilten schneller als bislang vorwärts. Nur zehn Minuten hatten sie noch bis zum Ziel ihrer Wanderung. Je näher sie ihm kamen, desto aufgeregter wurden sie. Zuletzt sprachen sie kaum noch ein Wort. Ihre Blicke richteten sich gespannt geradeaus. Jetzt tauchte das Gemäuer der roten Brücke auf und die eisernen Lichterträger an ihren Enden. Jeden Augenblick mußte jetzt ihres Freundes Philipp hohe Gestalt dort zu sehen sein. Sicher wartete auch er schon voll Ungeduld auf seine Landsleute. Nur noch ein paar Schritte, dann standen sie am Ziel. Doch enttäuscht sahen sie sich um. — Kein Philipp war zu sehen, und am Ufer lag sein Kahn nicht mehr. Weithin auf und nieder konnten sie über das Wasser des Kanals sehen, aber kein Lastkahn schwamm auf seinen toten Fluten. Nur der Sonnenschein spielte darauf, und der Strahlen Blinken traf zuweilen wie spitze Nadeln die Augen der Kinder.
Keines von den Geschwistern sprach ein Wort. Traurig sah Suse auf Martins Geschenk und dachte bei sich, daß Philipp wohl im Morgengrauen, als alle noch schliefen, an Frau Cimhubers Haus vorübergefahren sei und keinen Gruß in die Heimat mitgenommen habe.
Minutenlang verharrten die beiden so in gedrücktem Schweigen, bis Hans schließlich leise sagte: „Er ist fort.“
Suse nickte mit Tränen im Auge. Wieder verfielen die beiden in Stillschweigen. Dann zupfte Hans plötzlich seine Schwester am Ärmel und zeigte auf ein paar Arbeiter, die am Rande des Kanals standen und Steine aufschichteten.
„Wollen wir die nicht fragen, ob sie nicht wissen, wann Philipp fort ist?“ meinte er schüchtern.
Suse stimmte ihm zu.
Und er ging langsam von der Kanalbrücke herab auf eine Treppe zu, die von dem hochaufgebauten Straßendamm hinunter zum Kanal führte. Suse folgte ihrem Bruder herzklopfend und hörte, wie er den Arbeitern, die hemdsärmelig und sich laut unterhaltend, am Ufer verweilten, seinen Morgengruß bot.
Jene hielten mit Arbeiten inne und hörten dem Anliegen zu, das er ihnen vorbrachte. Der eine von den Leuten, ein stämmiger und verwegen aussehender Geselle, nickte mehrmals zu Hansens Reden. Und plötzlich spie er einen Mund voll ausgekauten Priemtabaks scharf über Hansens Kopf weg, mitten in die Steine hinein, worauf er, auf Suse deutend, fragte: „Gehört die zu dir?“
Das kleine Mädchen fuhr erschreckt zusammen und nickte mehrmals aus der Ferne.
„Dann stimmt’s mit euch,“ meinte der Riese da vor ihnen in versöhnlichem Ton. — „Dann gehört ihr dem Doktor aus Schwarzenbrunn? So ist’s doch? Gelt?“
„Ja,“ riefen beide.
„Dann kommt mal her. — Einer von denen, die heute morgen mit dem Kahn fort sind, hat gesagt, es kommt ein Bub und ein Mädchen, die gehören dem Doktor aus Schwarzenbrunn. — Das seid ihr doch, gelt? Denen soll ich ein Säckchen voll Apfelschnitzen und Zwetschgen geben.“ — Damit griff er in eine Höhlung zwischen den Steinen und holte einen karierten Beutel hervor. Über Susens Gesicht ging ein Leuchten, als sie des Säckchens ansichtig wurde. Solche karierten Beutel hatten ja alle Leute von daheim. Christine und die Eltern von Susens Freundin und Rosel, alle, alle. Darin nahmen sie ihr Vesperbrot mit, wenn sie zur Arbeit aufs Feld gingen.
„Da nehmt,“ sagte jetzt der Mann, indem er ihnen das Säckchen reichte und abermals einen Strahl Tabaksbrühe pfeilgerade zwischen Hans und Suse durchschickte. — „Ich soll euch von dem Philipp aus Schwarzenbrunn sagen,“ fuhr er fort, „daß er eure Grüße daheim ausrichtet. Er mußte schon früher fort, als er gemeint hat.“
„Danke, danke vielmals,“ rief Suse, und griff nach dem Beutel, in dessen straffgespannter Leinwand die Form der getrockneten Früchte deutlich zu erkennen war.
„Und wann ist der Kahn fortgefahren? Wissen Sie es noch?“ fragte sie, „bitte, bitte.“
„Oh, so eine Stunde,“ meinte einer von den Männern.
„Dann holen wir ihn noch ein,“ jubelte Suse. „Komm, Hans, komm. Martins Geschenk soll er ja auch noch mitnehmen.“
Und nachdem die Kinder die Richtung erfahren hatten, die der Kahn eingeschlagen hatte, liefen sie davon. Die rote Brücke lag an den Grenzen der Stadt, und so kam es, daß sie das Häusermeer bald hinter sich hatten. Nur vereinzelte Villen trafen sie noch auf ihrem Wege. Doch auch die blieben binnen kurzem hinter ihnen zurück, und sie waren im Freien.
Nachdem sie eine halbe Stunde, mehr laufend als gehend, zurückgelegt hatten, blieb Hans plötzlich stehen und erklärte, er sei zu müde, um weiter zu rennen. Auch Suse hielt erschöpft im Laufen inne. —
Drei Kähne hätten sie schon angetroffen, meinte Hans, und auf keinem wäre Philipp gewesen. — Wer wisse, ob er vielleicht nicht doch auf einem gewesen sei und sie hätten ihn nur nicht erkannt. —
„Wir kennen seinen Kahn ja gar nicht,“ erklärte er. „Und wir können doch nicht nach jedem Kahn hinüberrufen, ist der Philipp dort?“
Eine Weile blieb Suse nachdenklich stehen, und dann kam auch ihr die Einsicht, daß es Torheit sei, weiter zu laufen. So schlug sie denn ihrem Bruder vor, eine kleine Rast am Wege zu nehmen. Er war’s zufrieden, und beide setzten sich unter einem Pappelbaum auf der grünen Böschung nieder, die zum Kanal hinabführte, und sie fanden es sehr schön hier. Niemand störte sie. Tiefe Stille herrschte ringsumher. Nur die Blätter der Pappel über ihnen schüttelte leise der Wind, und es hörte sich an wie Regenrauschen. Doch nur das helle Sonnengold rieselte durch die Zweige zur Erde nieder, wo die Kinder saßen.
Drüben auf der andern Seite des Kanals war eine hohe Parkmauer zu sehen. Schwere Buchenzweige hingen darüber. Eine kleine Tür führte aus der Mauer zum Wasser hinab. Sicher wohnten dort auch Leute, die ein so schönes Haus hatten wie die Granadakinder, durchschoß es Suse. Und vielleicht, vielleicht waren auch sie so lieblos und unfreundlich.
Doch sie hatte keine Zeit, diesem Gedanken nachzuhängen, denn Hans hatte bereits den karierten Beutel geöffnet und ihr den ganzen Inhalt in den Schoß geschüttet. — Apfelschnitze und Birnen lagen kunterbunt vor ihren Augen und lachten sie verführerisch an.
„Viel, viel schöner sind sie als die, die uns Ursel kocht,“ meinten beide und langten tüchtig zu. Dann teilten sie den Rest in zwei gleiche Hälften, eine für Hans, die andere für Suse. — Gretel und Peter in der Schule sollten auch ihr Teil davon bekommen.
Als sich die Kinder nun eine gute Weile ausgeruht hatten, dachten sie endlich daran, daß es Zeit sei, in die Stadt zurückzuwandern. Zuvor aber faltete Suse schnell noch einmal das Papier auseinander, das Martins Geschenke enthielt, betrachtete sie mit seitlicher Kopfhaltung zärtlich und sagte leise, indem sie vorsichtig darüber streichelte: „Wunderschön.“ —
„Wir bringen es Martin mit, wenn wir nach Hause gehen,“ meinte sie halb zu Hans gewandt, halb sich selbst zum Trost.
Der Bruder stand auf und steckte seinen karierten Beutel in den Ranzen. Dann setzte sich das Geschwisterpaar in Bewegung der Stadt zu.
In der Schule, wo Hans mit Theobald und seinen Geschwistern zusammentraf, wurden die Ereignisse des gestrigen Tages mit größter Erbitterung durchgesprochen. Unternehmungslustig und rachelüstern glänzten die Augen der Vettern wie die von Banditen. Sie hatten sich einen Plan zu Hansens Rettung ausgesonnen. Wie das Licht des Tages sollte seine Unschuld glänzen, erklärten sie und forderten den Pechvogel deshalb auf, sich um drei Uhr mit Suse am Kriegerdenkmal einzustellen. Dort sollte er alles erfahren.
„Die Fremdlinge sollen vor uns zittern wie die Hasen,“ riefen sie, „die Kinnbacken sollen ihnen schlottern, die Knie sollen ihnen einknicken, das Herz soll ihnen in die Hosen rutschen, alles durch unsere tipp toppe Umsicht.“