„Demain donnons au diable
un monde turbulent“
trällerte die Marquise nervös. Die Leute auf der Galerie wurden ungeduldig. Man schien auf etwas zu warten, was zu lange ausblieb. Die Bauern überliessen sich indes einer derben aber unterdrückten, pfiffigen Heiterkeit. Da traten sechs Diener in den Saal und brachten in schmalen, sehr langen Karaffen einen dunklen Wein, der als Lieblingsgetränk des schwelgerischen Königs Karls VII. angekündigt wurde. In diesem Augenblick verstummten alle die nervösen, ungeduldigen, witzelnden Bemerkungen auf der Galerie. Es bemächtigte sich aller eine grenzenlose Erregung. Sie blickten sich wie in geheimem Einverständnis an. Die Augen, besonders die der Frauen, schienen ekstatisch zu glänzen. Es war, als ob alle von einer mir unsichtbaren Vision geblendet wurden. Überall um mich her stumme wogende Erregung. Wenn diese Menschen, die irgend etwas Scheussliches verabredet haben mussten, jetzt mit Dolchen übereinander hergefallen wären, hätte ich es noch nicht für das schlimmste gehalten. Es mussten sich viel fürchterlichere Dinge vorbereiten. Diese durch das Vergnügen abgestumpften Leute schienen zu wissen, dass nun etwas selbst für ihre Sinne Unerhörtes kommen würde. Nur der Graf von Saint-Germain hatte seine Ruhe bewahrt. Lächelnd trat er an mich heran.
„Was geht hier vor?“ fragte ich, „wohin haben Sie mich geführt? Ist es schon die Revolution?“
„Noch lange nicht,“ sagte er milde, „man gibt den guten Leuten nur ein wenig Aroph zu trinken.“
Indessen war unten im Saal das schwarze Getränk in Gläser gegossen worden. Einige der Bauern hatten schon getrunken. Ihre Augen begannen zu blitzen. Sie schauten sich anfangs etwas unsicher an, als glaubten sie ihren eigenen Empfindungen nicht. Dann schienen sie sich gegenseitig zu irgend etwas zu ermutigen. Man zögerte noch, aber in jedem Augenblick konnte die Wut ausbrechen.
„Das ist die Revolution!“ rief ich entsetzt. „Diese Bauern werden uns töten. Saint-Germain macht sich über uns lustig, er will uns alle auf der Guillotine sehen.“
Empört und mit unsäglicher Verachtung blickte man sich nach mir um, wie nach einem, der die erregende Vorstellung einer Tragödie durch Nüsseknacken stört.
„Das ist die Revolution!“ rief ich wiederholt.
„Und wenn auch,“ sagte die Marquise, der mein Geschrei nun doch zu viel wurde.
„Damit machen Sie ihnen keine Angst,“ bemerkte der Graf, „übrigens ist es nicht die Revolution.“
Plötzlich packte einer der Bauern seinen Nachbar am Arm, der in ein lautes sinnliches Gelächter ausbrach. Auf dieses Zeichen schienen alle gewartet zu haben. Die vorsichtigen, plumpen Leute schlugen ein brüllendes, johlendes Lachen an. Man schien zu merken, dass sich bisher jeder im geheimen allein für die niedrigste Bestie gehalten und nun freudig überrascht war, die andern genau ebenso zu finden. Jeder trug plötzlich zum grössten Erstaunen seiner Nachbarn die wohlbekannten, von der Kirche verbotenen Begierden auf der Stirn geschrieben. Sie schienen sich auf einmal gegenseitig in ihrer Tierheit zu entdecken. Einer drückte sich gierig an den andern, wobei vorläufig das Geschlecht gar keine Rolle spielte.
„Du Mordskerl . . . . Du Luder . . . .“ riefen sie und schlugen sich gegenseitig auf den Bauch.
„Sie sehen, dass das für uns ganz ungefährlich ist,“ flüsterte mir der Graf lächelnd zu.
„Ich muss mich entblössen,“ rief ein junges Bauernweib.
Viele Männerhände streckten sich nach ihr und entrissen ihr die Kleider.
„Ich auch . . . mir auch!“ riefen sie durcheinander.
Alle verliessen ihre Plätze, die Stühle fielen um, das Tafelgerät flog umher, ein irrsinniges Geschrei erhob sich aus dem Menschengewühl. Auf der Galerie konnte man sich vor Entzücken nicht mehr halten. Die Damen riefen erregt zu den Männern hinunter, so wie man Stierkämpfer in der Arena zu ermutigen pflegt. Einige von den Kavalieren auf der Galerie hatten ihre Degen gezogen und warfen sie unter dem Ruf „Blut . . . Blut“ hinab. Mitten in diese allgemeine Erregung der Galerie drängte sich plötzlich ein schwarzbärtiger Kapuzinermönch, der sich atemlos bis an die Brüstung Bahn brach.
„O das Leben, das prächtige Leben!“ rief er wie verzückt, „ich will baden im Leben!“
Mit diesen Worten riss er sein braunes härenes Kleid ab. Einen Augenblick sah man auf der Balustrade seine nackte, nervige Gestalt, die sich mit schnellem Schwung hinab in das Gewühl schwang. Eine namenlose Wut hatte sich der Bauern bemächtigt. Nur noch Fetzen von Kleidern hingen um die blutenden Körper; die Adern der Männer waren gereckt, die Frauen, die dem Ansturm erlagen, krallten unersättlich die Finger in die neben ihnen liegenden Körper. Manche heulten nach dem Tod, der sie von ihrer unstillbaren Raserei heilen sollte; sie griffen nach den Scherben von Glas und Porzellan, um sich oder andere in wahnsinnigem Lachen zu blenden oder zu töten. Auf der Galerie wusste man vor Vergnügen nicht mehr, was man erfinden sollte: man warf hinunter, was erreichbar war, Wandspiegel, Champagnergläser, Stühle, man riss sogar Portieren herab, schleuderte brennende Kerzen. Nur der Graf von Saint-Germain stand heiter lächelnd dazwischen. Manchmal wollte er reden:
„In London habe ich im vierzehnten Jahrhundert viel amüsantere Sachen gesehen.“
Aber niemand hörte ihm zu.
„Wer hat den Mut, mich hinabzuschleudern?“ rief die kleine Marquise, „meine Liebe dem, der es wagt!“
Keiner der Kavaliere schien das für ernst zu nehmen. Plötzlich erhoben sich aus dem Gewoge des Saales die Arme des Kapuziners.
„Kommen Sie, kleine Marquise, Ihre Urahnin war meine erste Geliebte . . .“
„Gilles de Laval,“ rief die Marquise ausser sich. „Ich erkenne dich . . . ganz das abscheuliche Porträt . . .“
Sie riss sich die Kleider ab, sprang hinunter und verschwand mit Gilles de Laval wie unter den Wellen des Meeres.
Gilles de Laval . . .! Der Name wirkte faszinierend auf die Frauen. Plötzlich wollten es alle der Marquise gleichtun und schrien, man solle sie hinunterwerfen. Wie von fremder Gewalt getrieben, ergriff einer nach dem andern fast feierlich seine Nachbarin und schleuderte sie über die Brüstung; wenige Sekunden lang konnte man Herzoginnen und Marquisen, die Trägerinnen der schönsten Namen Frankreichs, nackt durch die Luft fliegen sehen.
Mit zerschlagenen Gliedern kamen die Damen unten an. Schwindlig suchten sie sich zu erheben und hinkten ein wenig umher. Ringsum schien indessen das Feuer wie erloschen zu sein. Ein wenig verlegen blickten sie über die Haufen von Gliedmassen und zerschlagenen Geräten. Sie wussten gar nichts damit anzufangen. Und eben hatte man doch noch so ein mutiges Gefühl gehabt. Es ging doch etwas ganz Tolles vor, wo man sich hatte hineinstürzen wollen; und nun, als man unten ankam, war alles aus. Wie gern hätten diese Damen einige kleine Freuden der Grausamkeit genossen! Der Mut war ihnen aber wohl zu spät gekommen. Manchmal krallte sich oder stach noch eine Hand im Todeskrampf nach diesen zarten weissen Körpern, die wie Miniaturwalküren auf dem Schlachtfeld umherwandelten. Bisweilen brachte ihnen sogar ein Finger noch eine mittelmässige Wunde bei und da stiessen sie nette, kleine, verzückte Schreie aus, wie gut gezogene Kinder, die mit kaltem Wasser gewaschen werden und schlotternd rufen: „Hu . . . wie warm.“ Die Damen sahen traurig ein, dass sie zu spät gekommen waren, und nun traten gar schon Diener mit Schaufeln in den Saal. Die nackten Marquisen drückten sich verschämt in die Ecken und hielten die Hände über Brust und Schoss. Die Diener öffneten die Fenster und schaufelten die Überreste dieser Feierlichkeit hinaus. Unten im Hofe sah man im ersten Morgenlicht bleiches Menschengebein, das von früheren ausgelassenen Stunden des Grafen Gilles de Laval zeugte. Die Marquisen aber schlichen betrübt und verschämt durch ein Seitenpförtchen hinaus. Sie bereuten, sich ungeschickt benommen zu haben. Die armen Damen hatten sich umsonst entblösst.
Auf der Galerie waren die Zurückgebliebenen in ermattetes Schweigen versunken. Man kam langsam wieder zu Atem. Einige mahnten zum Aufbruch und erhoben sich, Händedrücke wurden getauscht, Verabredungen für den folgenden Tag gemacht. Einige Unermüdliche wollten noch soupieren gehen. Der Graf von Saint-Germain, den man unter keinen Umständen losgeben wollte, entschuldigte sich lächelnd. Er müsse nach Hause fahren, da er noch in dieser Nacht einige Kapitel aus dem Akshara Para Brahma Yog übersetzen wolle. Gegen solche Gründe des gelehrten Grafen pflegte man niemals Einwände zu machen und so verabschiedeten wir uns von diesen höflichen Leuten.
„Haben Sie etwas bemerkt?“ fragte mich der Graf, als wir auf der Strasse waren.
„Sehr viel,“ erwiderte ich.
„Ich meine, haben Sie bemerkt, dass ich selbst Gilles de Laval bin? So heisse ich im fünfzehnten Jahrhundert.“ Triumphierend blickte er mich an.
„Unmöglich; Sie waren doch die ganze Zeit auf der Galerie, Sie sprachen von London . . .“
„Einen Augenblick allerdings; können Sie sich aber erinnern, Gilles und mich nur eine Sekunde lang gleichzeitig gesehen zu haben?“
„Das nicht, aber . . .“
„Nun sehen Sie. Nächstens lade ich Sie zu einem Flagellantenzug nach Italien ein.“
Er half mir in einen Wagen, wo ich sofort einschlief.
* *
*
Als ich wieder erwachte, — ich glaubte länger geschlafen zu haben, als vorher mein ganzes Leben gedauert hatte — stand eine Schale mit Früchten vor mir, die ich äusserst heftig begehrte, ohne die Kraft zu finden, danach zu greifen. Tränen traten mir in die Augen. Ich fühlte Abscheu vor meinem eigenen Leben, dessen trost- und gedankenlosem Wirbel ich wie durch ein Wunder entronnen zu sein geglaubt hatte. Diese unerreichbaren Früchte würden mir Gesundung bringen, reine, leicht zu erfüllende Wünsche an Stelle fieberhafter Gelüste. Es hatte mich jemand wohlmeinend, aber etwas derb von einem Abgrund gerissen, vor dem ich nichtsahnend stand.
„Wissen Sie nun, wo Sie sind?“ fragte lächelnd Alta-Carrara, der mir gegenüber gleich wie ich auf einem Diwan lag.
In dem Zimmer unterhielten sich mehrere Herren. Einige fragten nach meinem Befinden und gaben mir Ratschläge.
„Sie waren dabei,“ dachte ich, „als ich mein Leben zwecklos in künstlichen Sensationen vergeudete.“ Dennoch freute ich mich, ganz unbekannte Gefühle in mir zu entdecken, etwas wie Reue. Ich fühlte einen bitteren Geschmack, wenn ich an mein Leben dachte, das sich auf eine glühende Einbildungskraft und einen fieberhaft zerlegenden Verstand gegründet hatte.
Es musste jemand meinen Wunsch erraten haben, denn ich fühlte die kühle Herbheit eines Apfels dicht an meinen Lippen. Ich biss hinein und mir war, als witterte ich junge Morgenwinde um mich her. Ich erkannte die Notwendigkeit eines neuen Lebens — ohne den verhassten Rausch, der noch in mir war. Ich verlangte schwere Aufgaben; Leiden müsste ich erdulden, sie unumwunden vom Schicksal fordern, das mich dadurch um das Beste im Leben betrogen hatte, dass es mir keine Leiden sandte. Ich schämte mich fast. Und doch freute ich mich über die Seltenheit einer solchen Empfindung in einer Seele wie der meinigen.
Alta-Carrara aber begann mit halblauter Stimme zu erzählen:
Karneval
Vor dreissig Jahren, als ich noch die ersten Lektionen in der Schule des Vergnügens empfing, versuchten einmal einige venezianische Nobili eine hübsche Karnevalssitte des achtzehnten Jahrhunderts wieder aufzufrischen. Man versammelte sich in der letzten Nachtstunde, als schon die ersten hellen Schimmer über den Lagunen erschienen, auf der Erberia, und es galt für sehr elegant, möglichst verwüstet auszusehen. Man kam in zerrissenem Maskenkostüm, schlaffe Blumen hingen in dem losen Haar der Frauen; die bleichen Wangen, die flackernden Augen, sollten den Mitmenschen von phantastischen, noch vor einer Viertelstunde genossenen Räuschen erzählen. Man liebte es, die Eifersucht und Mutmassungen der anderen zu erwecken und ihnen zu zeigen, dass man darüber zu lachen verstand. Es braucht dem Kenner des menschlichen Herzens kaum betont zu werden, dass viele der Ankommenden weder aus dem Ballsaal, noch vom Spieltisch, noch aus verschwiegenen kleinen Kabinetten kamen, sondern dass sie sich soeben aus dem Bett erhoben, sorgfältig ihre nachlässige Toilette vorbereitet hatten und der Mode ihren Morgenschlaf opferten. Ich hatte die Nacht in der Sala del Ridotto verbracht, viel getanzt, gespielt und getrunken. Meine Huldigungen galten besonders einer gelbseidenen Maske. Ihre Stimme hatte einen wundervollen warmen Flüsterton, Sie wusste sich weich anzuschmiegen und liess unter der Spitze der Maske grosse weisse Zähne glänzen. Ich war achtzehn Jahre alt und hielt sie mindestens für eine verkleidete Herzogin.
„Führ mich zur Erberia,“ bat sie mich gegen Morgen und ich überschritt mit ihr die leere dunkle Piazza. Wir mischten uns unter die lachenden Paare, die am Ufer des Kanals bei der Erberia auf und nieder wandelten.
„Marchesina, ich kenne dich.“ rief eine Maske im Vorbeigehen meiner Dame zu
„Doch nur eine Marchesina,“ dachte ich.
„Wo ist Ersilia?“ fragte im Vorbeistreifen eine Pierrette.
„Krank, sehr krank,“ erwiderte meine Begleiterin.
Es legten viele Kähne an der Erberia an, die Nahrungsmittel für den Markt brachten. Eine lachende Kurtisane kaufte einer Bäuerin aus Chioggia für ein Goldstück ihre rauchende Morgenkohlsuppe ab, deren Duft alle Umstehenden lüstern einsogen.
„Mich friert,“ sagte meine Freundin Dolcisa, „komm mit mir nach Hause! Du gefällst mir.“
„Wer bist du?“ fragte ich fast sprachlos vor Überraschung, denn bis dahin hatte ich allen Grund gehabt, in meiner Begleiterin eine etwas ausgelassene Dame der Gesellschaft zu vermuten.
„Du bist dumm,“ sagte sie. Ihre dunklen Augen blitzten unter der Maske. Sie zog mich in eine Seitengasse.
„Bist du wirklich eine Marchesina?“ fragte ich verlegen.
„Lächerlich, ein Spitzname.“
„Wer ist Ersilia?“ forschte ich nach einer Pause.
„Ach, die arme Schwester Ersilia!“ seufzte sie, doch nicht sehr ergriffen, „sie muss sterben, sie flüstert mit ihrer Heiligen und sieht nicht, was wir tun.“
Ich erschrak, ohne nachzudenken, warum.
„Ich bin ein gutes Mädchen,“ fuhr sie fort, „ich schenke nicht allen meine Liebe, aber ich bin arm.“
Nun glaubte ich zu wissen, woran ich mich halten konnte. Ihre weiche offene Harmlosigkeit entzückte mich.
Kühle feuchte Morgenluft umwehte uns. Wir gingen schweigend durch die finsteren Gassen und überschritten zahllose schmale Kanäle. Dolcisa wollte um keinen Preis eine Gondel nehmen. Niemand begegnete uns.
Schliesslich traten wir wie in eine Lichtung auf einen kleinen Platz. In der Ecke starrte ein finsterer alter Palazzo. Dolcisa schloss ein wild verschnörkeltes Seitenpförtchen auf und schob mich hinein. Um uns war stickiges Dunkel. Wir gingen über viele krachende ausgetretene Stufen. Vor einer Tür standen wir still.
„Erwarte mich hier,“ flüsterte sie, „lass mich zuerst in die Kammer gehn und die Kleider wechseln.“
Sie küsste mich im Dunkeln und trat in die Tür. Ich ging an ein Gitterfenster, durch das die erste Dämmerung in den engen Treppenraum drang. Mein Blick fiel in einen zerfallenen, ehemals gewiss sehr prächtigen Palasthof. Sollte sie doch eine Dame sein, die heimlich einmal ein Karnevalabenteuer haben wollte? Aber diese alten zerfallenen Paläste werden ja oft zu Spottpreisen an alle Welt vermietet. Dolcisa liess mich lange warten. „Vielleicht hat sie nicht den Mut, mich hereinzurufen,“ dachte ich und trat leise in das Gemach. Es war dunkel wie draussen. Aus der Ecke vernahm ich leises Seufzen, und mir war, als wälze sich jemand auf einem Lager.
„Sie wartet auf mich,“ sagte ich mir, „es ist galant, ihr die Lage so leicht als möglich zu machen.“
Ich ging vorwärts, bis ich an die Kante des Lagers stiess, wo das Weib lag. Unter meinen Küssen stöhnte sie auf, krallte sich um mich und rief zur Madonna. Mich erschreckte diese entsetzliche Erregung.
„Sie ist vielleicht aus Neapel,“ reimte ich mir zusammen; ich wusste bereits, dass die Frauen Venedigs anders lieben, ruhig die Küsse schlürfen. Wie es so oft bei diesen schnellen Abenteuern geschieht, überkam mich — ich will nicht sagen — Widerwille, aber vollkommene Sattheit im Augenblick nach dem Genuss. Ein unbezwinglicher Trieb nach Alleinsein, nach meinen eigenen Zimmern erfasste mich und mir schien, als sei dieses ganz gewöhnliche Gefühl heute masslos gesteigert, wie bei einem Verbrecher, der vor dem Schauplatz seiner Tat ein Grausen empfindet. Ich sprang auf, sie hielt mich nicht zurück. Durch die Art unserer Zusammenkunft glaubte ich mich berechtigt, ihr ein paar Goldstücke in die Hand zu drücken, die sich krampfhaft schloss. Dann eilte ich hinaus. Auf der Treppe vernahm ich Schritte hinter mir.
„Komm doch, mein Lieber,“ rief Dolcisa, „warum gehst du denn fort?“
Zwei nackte Arme umschlangen mich. Eine weiche Wange lehnte sich in der Finsternis an die meine; junger heisser Odem umquoll mein Gesicht. Willenlos liess ich mich wieder die Treppen hinaufziehen. Dolcisa führte mich durch das Gemach, wo ich vorher gewesen, in eine anstossende kleine Kammer. Durch ein Dachfenster floss ganz dünne Dämmerung herein. Auf einem Stuhle hingen schwarze Gewänder und zwei dicke strohgelbe Kerzen lagen darauf.
„Das ist für Ersilia, wenn sie tot ist,“ erklärte Dolcisa; ihr weisses Hemd triefte von gespenstischer Helle.
„Mach doch Licht,“ sagte ich ein wenig gedrückt.
„Nein, nein; es ist alles so einfach und ärmlich. Wir müssen hier oben wohnen, denn die grossen Säle sind im Winter so kalt; sie sollen auch erst hergerichtet werden. Aber wir haben unser Geld verloren.“
„Bist du eine Marchesina?“ fragte ich wieder erstaunt.
„Das kann dir doch gleich sein. Du bist noch ein rechtes Kind.“
Hatte ich sie verletzt? Sie trat an die Wand, wo ein buntes Wachsbild der Muttergottes hing. Davor züngelte hinter rotem Glas ein Ölflämmlein, dessen Schein das Bild rosig benetzte. Dolcisa blies nach der Flamme.
„Was machst du?“ fragte ich unruhig.
„So sieht die Madonna nicht, was wir tun.“
Dann kam sie zu mir; wir sanken auf ein Lager und dieses Mal genoss ich die sanfte, schwere, fast etwas träge Umarmung einer Venezianerin.
Dolcisa erhob sich zuerst. Nackt ging sie in das andere Gemach, in das nun auch die Dämmerung drang. Sie näherte sich dem Lager, wo ich vorher gelegen und schob die Hand unter die Laken.
„Tot!“ rief sie plötzlich mit leichtem Schrecken. Willenlos sank sie vor dem Bett auf die Knie. Das nackte Weib betete im Dämmerlicht.
Erschrocken sprang ich auf; ich zündete eine der strohgelben Kerzen an. Das Licht hochhaltend, trat ich in das Nebenzimmer. Wie erstarrt blieb ich an der Tür stehen, als der flackernde Schein das Bett erhellte. Dort lag mit glasig blickenden Augen ein wundervolles junges Weib, dem wie eine geheimnisvolle Wolke reiches dunkles Haar um den Kopf wallte. Sie war ganz blass, von unnahbarer weihevoller Schönheit, wie eine antike Götterstatue. Dolcisa kniete vor ihr in hastigen, sich übereilenden Gebeten.
„Sie ist tot!“ rief sie, sich umwendend, und etwas wie ein wirklicher Schmerz lag in der tränengedämpften Stimme. „Sie war keine Sünderin wie ich, sie ist als Jungfrau gestorben.“
Zitternd trat ich näher. Dolcisa liess den Blick über die Leiche gleiten, deren prachtvolle weisse Formen halb entblösst vor uns lagen.
„Sie war viel schöner als ich,“ seufzte sie und es schien, als wolle sie durch dieses plötzliche Geständnis bei der Toten irgend etwas zu ihren Lebzeiten Versäumtes wieder gut machen. Sie drückte der Schwester die Augen zu und wollte die abstarrenden Arme an den Leib legen. Da bemerkte sie, wie es zwischen den zusammengekrampften Fingern funkelte. Sie entdeckte die Goldstücke. Ich konnte mich kaum aufrecht halten; doch Dolcisa stiess einen Freudenschrei aus:
„Die Madonna war gnädig,“ rief sie, „sie hat mein Gebet erhört, nun kann ich der Schwester ein würdiges Begräbnis schaffen.“
Dankbar fiel sie wieder in ihr Gebet zurück.
Es war hell geworden. Ratlos stand ich vor der Gruppe. Ich fragte Dolcisa, oh ich ihr irgendwie dienen könne. Aber sie verneinte und sank sofort wieder in inbrünstiges Gebet. Ich verliess sie.
Zwei Tage ging ich wie verstört umher. Weder in meiner Wohnung, noch in den Strassen fand ich Ruhe vor dem Gedanken, dass ich den Tod umarmt hatte. Am dritten Tag fasste mich eine unbezwingliche Neugier. Ich suchte das Viertel wieder auf, um etwas über die Bewohnerinnen des alten Palazzo zu erfahren. Als ich den kleinen Platz betrat, sah ich eine Menschenmenge, die sich um das weit geöffnete Hauptportal des Palastes geschart hatte. Ein Priester mit zwei Chorknaben trat auf die Strasse. Dann wurde ein schwarzer Sarg herausgetragen, der, mit verschnörkelten Silberblumen verziert, einen Eindruck von Grossartigkeit machen sollte. Man lud ihn in eine gemietete Gondel und breitete die wenigen Kränze möglichst darüber aus. Dolcisa folgte schluchzend in dürftigem, doch aufgeputztem Trauergewand. Sie bestieg eine zweite Gondel, begleitet von einem uralten, gebrechlichen Herrn in altmodischer Eleganz, der sich sehr unbehaglich zu fühlen schien. Einige Personen bestiegen eine dritte Gondel und still schlich der Leichenzug durch die Lagunen. Ich hatte fast besinnungslos zugeschaut.
Der Flüsterton der Umstehenden erhob sich nun zu lebhaftem Plaudern.
„Die armen Marchesinen“, sagte eine Alte . . . „und früher welch’ ein glänzendes Leben in dem Palazzo, als der alte Marchese noch lebte . . .“ „Sie waren liederlich,“ sagte eine dicke Bäckersfrau, „keiner wollte mehr mit ihnen zu tun haben . . .“ „Gegen Ersilia kann niemand etwas sagen,“ meinte ein junger Mann, „sie war tugendhaft.“ Dann gingen viele Stimmen durcheinander: „. . . Schwindsucht, langsames Hinsterben . . . die arme einsame Dolcisa . . . noch so jung . . . aber sie hat den alten Oheim . . . sie wird sich ein glänzenderes Schicksal suchen, als ihn zu Tode zu pflegen . . .“
* *
*
Alta-Carraras Erzählung war zu Ende. Um mich her sah und roch ich altes geschnitztes wurmstichiges Holz; ich hörte, wie langsam morsche, jahrhundertealte Marmorpaläste zerbröckelten, an denen Moos wuchs. Überall lag Moderduft; es war zum Ersticken. Man hörte durch die Zeit hindurch die Werke der Menschen faulen. Ringsum rauschten die Jahrhunderte in trüben Dämpfen empor. Alles schien vom Kuss des Todes berührt und war zum Niedergang bestimmt. Ich hatte das dumpfe Gefühl, als trüge ich selbst mit die Schuld, dass die Welt sterben sollte. Ach, ich hatte meine Tage schlecht benutzt. Es hätte anders werden können, wenn ich gewollt. Wie freute ich mich über die Züchtigung, die mir ward. Die Leiden, auf die ich gewartet, begannen. Mir war, als stürzte mitten in der zerbröckelnden Welt etwas klirrend zusammen, was mich in hohem Masse betraf. Es sah zwar, als ich hinblickte, nur aus wie eine Messbude, so eine purpurrot tapezierte mit vergoldeten Spiegeln, vor denen Lampen brennen; darin aber konnte man durch Gucklöcher die Haupthandlungen meines Lebens sehen. Und es war mir höchst fatal, dass so viele Leute hineingeschaut hatten. Das wunderte mich selbst, denn ich war früher stolz gewesen auf mein reiches, buntes Leben.
„Weiter . . . weiter . . .“ rief ich, „mehr von dieser bittersüssen Weisheit.“ Und wie aus einem Abgrund tauchte ein kräftiger Mann. Er hatte einen blauschwarzen viereckig geschnittenen Bart, wie ein assyrischer Magier und war von violettem Samt umwogt, den er wie eine geliebte Katze streichelte. Er sprach gleichgültig, in fast verächtlichem Ton, der sich aber später zu heftiger Erregung steigerte. Er erzählte:
Die Sünde wider den Heiligen Geist
IN Spanien gab es einmal ein paar junge Leute, die sich einen wirklichen Spass machen wollten. Alles, was an Wahnsinn oder an das Hospital erinnerte, lag ihnen fern. Sie verschmähten auch, berauschende Drogen einzunehmen. Diese höchst schwächlichen Notbehelfe waren der damaligen Zeit nicht gemäss. Man wusste auch nichts vom Spiritismus, dieser Kloake der Mystik, noch von der Hypnose, mit der in unserer wunderlosen Zeit die exakte Wissenschaft nachgehinkt kommt. Es sollten einfach aus der Kraft des Willens heraus, mit Hilfe von Witz, Phantasie, Mut und Gewandtheit unerhörte seelische Schauspiele in andern Personen hervorgerufen werden. Schauspiele, die womöglich ihre Schatten bis ins Jenseits werfen würden — eine Art Fopperei mit Perspektiven in die Ewigkeit. Die Reihe der Todsünden wird leider fast täglich in unserer Nähe erschöpft. Hier erschlägt einer im Jähzorn die Geliebte, einem andern erweckt eine klägliche Wissenschaft den Hochmut der Gottähnlichkeit, ein dritter überfrisst sich und wie die Missetaten phantasieloser Leute nur immer heissen mögen. Nur einen Frevel gibt es, dem die Kirche schon dadurch eine Sonderstellung anweist, dass sie erklärt, er könne nie vergeben werden; die Priester behaupten sogar, Gott lasse ihn kaum zu: die Sünde wider den heiligen Geist. Die jungen Leute, von denen ich erzählen wollte, konnten sich daher gar nichts Geheimnisvolleres, Sehenswerteres vorstellen, als das Geschehen dieser unerhörten Sünde. Sie wollten vor allem wissen, ob sie überhaupt möglich sei, wie sie sich vollziehen würde, ob Gott dazwischen träte, ob der Weltlauf stillstünde, oder ob sich vielleicht gar nichts ereignete.
Die Sünde wider den Heiligen Geist besteht einfach darin, dass man ihn beleidigt, das Heiligste lästert. Dazu gehören drei Bedingungen: der Wille, das Bewusstsein und die Kraft des Lästerers. Er muss den höchstmöglichen Frevel begehen wollen, muss wissen, wen er beleidigt und was er damit wagt, also den Glauben haben, er muss durch die Kraft seines Willens, seiner Werke imstande sein, Gott überhaupt zu treffen. Seine Schmähungen dürfen nicht wie das Gebell eines bösen kleinen Hundes abprallen. Ausser von Satan selbst, der, wie man weiss, früher der schönste der Engel war und sich jetzt in beständiger Empörung gegen den Heiligen Geist befindet, kann die Sünde eigentlich nur von einem Heiligen begangen werden, der die im Dienste Gottes erworbene Kraft des Gebetes, des Glaubens, der Berge versetzt, plötzlich gegen Gott selbst wendet.
Man suchte zunächst nach einem geeigneten Opfer. Es fänden sich eine Anzahl Jungfrauen, deren Reinheit sogar Wunder hervorbrachte. Aber es erwies sich, dass ihre Tugend, ihr Glaube doch nicht viel mehr war, als der Mangel an Gelegenheit zum Fall. Wenn sie auch Gott lebendig in sich fühlten, so waren ihnen die Kniffe und Schliche Satans fast ganz unbekannt.
Schliesslich dachte man an die vierzehnjährige Teresa Alicocca, die Tochter einer Kurtisane. Ihre Mutter hatte seit der Geburt des Kindes keine peinigendere Sorge gehabt, als dass es einen ähnlichen Weg wie sie gehen würde, und wenn auch an ihr selbst nichts mehr zu verderben war, so übergab sie doch die Tochter der strengsten Erziehung in einem Kloster der Karmeliterinnen. Man hätte von ihr nicht mehr erfahren als von den anderen Zöglingen, wenn sie nicht schon in so frühem Alter beständig von den Priestern als leuchtendes Beispiel für das Wunder der Substitution gepriesen worden wäre, worin sich ja auch Teresas namensverwandte Schutzpatronin bekanntlich ausgezeichnet hat. Mit Gebeten und Kasteiungen war es ihr nämlich — durch Vermittlung der heiligen Teresa — gelungen, dem Bösen gegenüber an Stelle ihrer Mutter zu treten, sich ihr zu substituieren: sie ging freiwillig den Dämonen der Wollust und der Geldgier entgegen, die es eigentlich auf die Mutter abgesehen hatten. Während diese fortgesetzt, trotz ihrem Glauben, den satanischen Strömungen erlag und sich mitreissen liess, wusste Teresa solche Ausflüsse der Hölle von nun an auf sich zu lenken und sie zu überwinden. Die Folge davon war, dass die Mutter — zu ihrer eigenen Verwunderung — auf einmal imstande war, die Versprechungen zu halten, die sie immer wieder im Beichtstuhl machte. Sie begann ein bussfertiges Leben zu führen und dankte dem Himmel, der ihr von der Frucht ihrer Sünde selbst die Gnade hatte kommen lassen.
Niemand konnte den jungen Leuten zu ihrem Vorhaben geeigneter erscheinen als Teresa Alicocca. Sie fühlte und sah nicht nur Gott, sondern auch die Fallen Satans waren ihr, die nie gesündigt hatte, bekannt. Die Kraft zu der grossen Sünde besass sie zweifellos; wenn man sie ohne Berauschung dazu bringen könnte, würde sie auch das Bewusstsein haben. Es handelte sich also darum, die dritte Bedingung in ihr zu schaffen, den Willen, den Heiligen Geist zu lästern.
Den jungen Leuten wurde es nicht sehr schwer, sich Teresa zu nähern, da sich unter ihnen ein Priester befand, Fray Tomàs de Leon, der im geheimen dem Satanismus ergeben war. Durch ihn hatten sie überhaupt genaueres über Teresa erfahren. Der Geruch der Frömmigkeit, in dem er stand, verbunden mit einem ungemeinen Scharfblick in die menschliche Seele, hatte die Karmeliterinnen veranlasst, ihn zu ihrem Beichtvater zu erwählen.
Er wusste, dass Menschen wie Teresa nie mit sich zufrieden sind, dass sich immer wieder Falten ihres Bewusstseins öffnen, in denen kleine Vorwürfe, Zweifel, Mahnungen an Unterlassenes liegen. Kluge, wohlwollende Priester pflegen daher solchen Beichtkindern die eingehende Gewissensprüfung zeitweise zu verbieten. Fray Tomàs dagegen verstärkte diese selbstquälerischen Stimmen, indem er fragte, ob sich Teresa denn auch ganz frei von der Todsünde des Hochmuts fühle, ob sie sich nicht bisweilen für eine Heilige halte, da sie sogar die Missetaten anderer auf sich nehme. Die Substitution sei zwar eines der gottgefälligsten Werke; war aber Teresa wirklich rein und demütig genug? Indem der Priester täglich den Finger in die zuerst leichte Wunde legte, gelang es ihm, in Teresa eine unsägliche Verwirrung zu schaffen.
Ob denn nicht die Bekehrung der Mutter als Beweis für die Reinheit ihrer Gebete gehalten werden könne? wagte sie schüchtern einzuwenden. Das könne Teufelswerk sein. Was verschlüge es dem Bösen, dass eine Hure, der er sicher war, einige Zeit züchtig lebte, wenn er dafür eine Jungfrau durch die Todsünde des Hochmuts fangen könne?
Teresa wurde nun so unsicher, dass sie tagelang die Substitution nicht wagte; sie bat sogar Gott, nicht mehr Anfechtungen über sie ergehen zu lassen, als er ihr in seinem gerechten Zorne zugedacht hatte. Als der Priester so ihre Kraft gebrochen sah, fragte er sie, ob sie jetzt nicht in den entgegengesetzten Fehler verfallen sei? Ob sie, die vielleicht doch eine Erwählte war, nicht aus Kleinmut und Trägheit auf das Wunder verzichte, sie, die schon aus blosser Kindesliebe alles tun müsse, um die Seele der Mutter zu retten. Teresa wollte von neuem die Substitution versuchen, aber wenn sie vor dem Heiland kniete, fühlte sie, dass ihre ängstlichen, zerrissenen Gebete keine Kraft mehr hatten. Eine wahnsinnige Angst vor dem Teufel erfasste sie und, von ihren eigenen Sünden gepeinigt, vermochte sie das Wunder nicht mehr zu erfüllen. Ihre Unreinheit wurde ihr immer mehr bewusst. Hatte sie nicht manchmal gejauchzt, ein Weib zu sein, weil sie darum den Heiland viel inniger lieben konnte? Sie war ja eine schlimmere Dirne, als die Mutter, die der Schwachheit des Fleisches unterlag und dann reuig zur Madonna floh; sie aber trug die Gemeinheit ihres Geschlechts an den Altar, sie vermengte ihre Wollust mit den Gebeten. Ihre Ekstasen, die sie für ein Vorgefühl der ewigen Seligkeit gehalten, erwiesen sich als Schändungen Gottes; die Stimmen der Heiligen, die sie zu vernehmen glaubte, waren die Schmeichellaute der schwelgenden Sinne. Sie hatte wider den Heiligen Geist gesündigt. Diesen Seelenzustand beichtete sie dem Priester, der sich jedoch mit dem Erfolg noch keineswegs zufrieden gab. Er sah, dass die Sünde wider den Heiligen Geist vorläufig nur in Teresas gequälter Einbildungskraft bestand. Zunächst bestärkte er sie in ihrem Irrtum.
„Diese fehlerhaften besudelten Gebete,“ erklärte er, „sind freilich schlimmer, als die eingestandene Gottlosigkeit. Der offene Unglaube ist unfruchtbar, dumm, ohnmächtig. Aber solche fiebernde Gebete erhalten durch die brünstig erregte Seele immerhin eine gewisse Macht. Sie sind zwar nicht lauter und kräftig genug — wie das reine Flehen der unbefleckten Herzen —, sich mit dem ewig aufsteigenden Gebetsstrom der Christenheit zu vereinen und so den Beter unaufhörlich mit der allgemeinen unsichtbaren Kirche zu verketten, die ihn trägt und schützt, in deren Schoss ihn die Anfechtungen Satans unbekümmert lassen. Solche Gebete haben aber wohl die Macht, Sonderströme zu schaffen, die, von dem Hauptgebetsstrom abgestossen, wieder zu dem Beter zurückkehren, ihn mit ihrer Unreinigkeit wie mit heissen Händen umschlingen, seine Zelle wie mit Spinnweben verdunkeln, ihn unter den Larven seiner eigenen unheiligen Gedanken erdrücken, bis er in seiner Sündigkeit erstickt.“
Fray Tomàs erreichte durch diese Erklärung, dass Teresa die Einsamkeit ihrer Zelle nicht mehr ertrug. In der Luft schienen die flüchtigen Spiegelbilder ihrer Sünden zu schwirren. Ihr war, als sei das Gewebe, das der Böse um sie geschlungen, schon so dicht, dass ihre aufrichtigsten Gebete nicht mehr herauszudringen vermochten. Sie fühlte sich wie abgetrennt von der allgemeinen unsichtbaren Kirche. Diesen Zustand benutzte der Priester, um Teresa zu bestimmen, ihre Zelle zu verlassen. Auf die Klöster habe es ja Satan ganz besonders abgesehen, und zumal die, wo die Substitution geübt werde, seien wahre Magnete für die satanische Ausstrahlung. Eine schwache Natur, wie Teresa, sei daher überall besser aufgehoben als in einer einsamen Klosterzelle. Als Beichtvater wusste er ihr klarzumachen, dass es ihre Pflicht sei, einen so aussergewöhnlichen, beunruhigenden Fall, wie den ihren, dem sanften, heiteren Gemüt der Oberin zu verschweigen, die dadurch nur in die höchste Verwirrung geraten würde.
Eines Nachts verliess Teresa Alicocca das Kloster durch ein Gartenpförtchen. Fray Tomàs brachte sie in einem Kahn zu dem halb blinden, halb tauben Küster einer abgelegenen, wenig besuchten Kirche. Dort sollte sie eine Zeitlang die gefährliche Beschaulichkeit ihres bisherigen Lebens durch die niederen Handreichungen in einem ärmlichen Hauswesen ersetzen. Nichts schien ihr einleuchtender, als durch ermüdende, demütige Arbeit ihre verwirrte Seele allmählich wieder zur Ruhe kommen zu lassen. Fray Tomàs besuchte sie täglich. Er erzählte, Teresas Mutter sei wieder in das alte Sündenleben zurückgefallen. Die früheren Versuchungen, vor denen die Tochter sie geschützt, seien nun von neuem an sie selbst herangetreten und besonders habe sie sich, der Verzweiflung über das Verschwinden der Tochter nachgebend, zu den schimpflichsten Gotteslästerungen hinreissen lassen. Täglich brachte Fray Tomàs ähnliche Nachrichten. Teresa wäre am liebsten sofort zur Mutter geeilt, aber der Priester verstand es, sie zurückzuhalten. Man würde sie entdecken und in das Kloster zurückliefern. Was konnte sie auch der Mutter durch ihre Gegenwart eigentlich nützen? Sie solle lieber durch Kasteiung und Gebete ihre frühere Reinheit zurückgewinnen und — die geziemende Demut vorausgesetzt — von neuem das Wunder der Substitution versuchen. Einmal rief sie aus:
„Wenn schon ein Opfer Satans fallen muss, warum kann ich es denn nicht sein? Ich bin ja viel schlechter als die Mutter.“
Der Priester sah sie lange forschend an. Der Gedanke, den er ihr allmählich eingeben wollte, war von selbst in ihr erwacht.
„Was du verlangst, meine Tochter,“ sagte er ruhig, „ist möglich. Wenn du dich dem Bösen als Pfand geben willst, um die Mutter zu retten, so nimmt er es an.“
„Ich will,“ erwiderte sie tonlos; und Fray Tomàs de Leon fiel vor ihr auf die Knie und küsste den Boden.
„Gebenedeite unter den Weibern,“ rief er aus. „Tochter Gottes, Schwester des Heilands. Weh mir Blindem, der ich dich für eine Sünderin hielt, da du freiwillig den Schein der grössten Missetat auf dich nahmst; aber zweifelte nicht auch Nikodemus zuerst an der Gottheit des Herrn, weil er irdischen Leib trug? Siehe, ich bin der erste, der vor dir niederfällt, nicht wert, die Riemen deiner Schuhe zu lösen. Vergib mir, wenn ich dich nicht erkannt.“
In höchster Verwirrung hatte Teresa Alicocca zugehört.
„Steh auf,“ rief sie zitternd, „was verlangst du von mir? Willst du mich versuchen, willst du in mir den Teufel des Hochmuts von neuem erwecken?“
Fray Tomàs stand auf:
„Siehe, ich bin berufen, dir eine letzte erschütternde Prophezeiung zu enthüllen, welche die Kirche bisher als tiefstes Geheimnis hielt*. Jesus Christus ist Mensch geworden; über die Welt bis in das Fegefeuer reichte sein rettender Arm, doch seine Göttlichkeit stand still vor den Pforten der Verdammnis; unerlöst blieben die Kinder der Hölle; denn dorthin führt nur die Sünde wider den Heiligen Geist, die der Gottessohn nicht begehen kann. In den spätesten Zeiten aber — so heisst es — soll ein Weib geboren werden. Freiwillig wird sie die Tore der Hölle durchschreiten. Ihrem sündigen Menschentum werden sie sich nicht verschliessen. Aus freier Wahl wird sie die grösste Sünde begehen, um die Fesseln derer zu lösen, die an die Ewigkeit ihrer Qual geglaubt. Das ist die letzte Vollendung der Güte des Herrn. Dann aber wird sie umkehren und gen Himmel fahren; sprengen muss sie die Dreieinigkeit, die nunmehr erfüllt ist, und sie wird thronen zu Häupten Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, reitend auf der Taube, in ewiger Viereinigkeit.“
Wieder fiel Fray Tomàs auf die Knie.
„Steh auf, steh auf,“ rief Teresa, „ich darf dir nicht glauben — ich zittere, eine Erwählte zu sein — eine andere wird kommen; nur sage mir — ich beschwöre dich — was kann ich tun, um die Mutter vor der Verdammnis zu schützen?“
Der Priester erhob sich.
„Wie Christus eine Spanne Zeit auf Erden wandelte, so wirst du in der Hölle eine Frist der Verdammnis erfüllen und mit den verstocktesten Sündern dich und die Mutter erlösen.“
„Was kann ich dazu tun?“ fragte Teresa zitternd.
Und unerbittlich fuhr Fray Tomàs fort:
„Nur wer von einem Weibe geboren wird, kann einen irdischen Leib erlangen; nur wer die grosse Sünde begeht, die nie vergeben werden kann, wird zur Hölle fahren.“
„Die Sünde wider . . .?“ stotterte Teresa.
„So ist’s, die Sünde, die Christus nicht begehen konnte, vor dessen Göttlichkeit sich darum die Hölle verschloss. Glaubst du, dass er überlegte, als er Mensch wurde, ob er seine Göttlichkeit einbüssen müsse? Und du setzest nur dein Menschentum aufs Spiel. So wie die Unreinheit der Empfängnis von Maria genommen wurde, so sollst auch du von deiner freiwilligen Sünde nicht befleckt werden.“
Ohne auf Antwort zu warten, ging Fray Tomàs von dannen. Teresa lag die ganze Nacht in Tränen auf den Steinfliesen der Kirche und flehte um Erleuchtung. War es Mangel an Demut, wenn sie manchmal jubeln wollte, vielleicht doch die Erwählte zu sein?
Am nächsten Tag brachte Fray Tomàs die Nachricht, Teresas Mutter sei von einer Gesellschaft junger Schwelger durch Gold bewogen worden, in einer der kommenden Nächte nackt, nur mit masslosem Schmuck bedeckt, vor ihnen als Salome zu tanzen. Man wollte ihr aus Wachs einen Johanneskopf anfertigen lassen; sie selbst aber, die sich seit einer Woche vor Gotteslästerungen nicht zu halten wisse, habe im geheimen den Auftrag gegeben, man solle nicht das Johannesantlitz in Wachs giessen, sondern die wohlbekannten Züge des dornengekrönten Christus in der Kapelle der heiligen Ignazia. Warum habe ihr Gott die Tochter mit ihren kräftigen Gebeten entrissen, soll sie gerufen haben, nun sei es seine Schuld, wenn sie sich dem Satan ergebe. — Zweifellos — meinte der Priester — habe sie eine entsetzliche Schändung des Jesushauptes vor, die Sünde wider den Heiligen Geist.
Teresa fiel kraftlos zu Boden.
„Erkennst du den Fingerzeig Gottes, meine Tochter?“ sagte Fray Tomàs; „mahnt er dich nicht selbst, dass jetzt die Stunde gekommen ist, wo du freiwillig der Mutter Sünde auf dich nehmen sollst, die dir allein die Hölle öffnet, auf dass sie nimmer geschlossen werde, nachdem du alle Verdammten erlöst hast?“
„Ich verstehe dich nicht.“
„Glaubst du, dass Gott oft diese Sünde erlaubt? Heute, im Augenblick, wo du deine Berufung erfüllen sollst, will er sie zulassen in deiner nächsten Nähe, an deiner Mutter, die du ohnehin vor dem Bösen zu vertreten gewohnt bist? Sollen mehr Fäden in einem Knoten zusammentreffen? Das Laster der Mutter, deine Sehnsucht, sie zu retten, waren nur Fingerzeige für dein hohes Werk. Selten enthüllt sich Gottes Wille so klar. Mit einem Trank will ich deine Mutter an dem verfänglichen Abend in Schlaf versenken. Du aber wirst, angetan mit dem Schmuck, den die reichsten Jünglinge der Stadt zusammentragen, den Tanz vollführen. Du wirst die Sünden der Verdammnis tanzen: den Hochmut, die Trunkenheit, die Wollust an der Kreatur, du, die du demütig, nüchtern und keusch bist. Freiwillig wirst du Gott verfluchen, das Christushaupt bespeien und den Satan brünstig lachend um die Lust der ewigen Verdammnis anflehen, auf dass sich die Tore der Hölle vor dir öffnen und du alle Verdammten — unter ihnen aber deine Mutter — zum Himmel führest.“
Teresa wand sich verzweifelt am Boden, während den Priester das Vorgefühl dieses Schauspiels bis zum Taumel erregte.
„So nimmst du alle Sünden der Zukunft vorweg durch die grösste, die je begangen werden kann. Im Augenblick aber, wo der Satan lüstern den Arm nach dir streckt, um dich zur Königin der Hölle zu erheben, wird er im eigenen Lager geschlagen, gefangen in seinem Netz; denn durch deinen menschlichen Leib wird dann Gott ein schreckliches Mal geruht haben, sich des Betrugs zu bedienen, dessen Verkörperung Satan ist; so wird — als letztes Mysterium! — der Teufel durch sich selbst vernichtet, der Betrüger betrogen, die Sünde ist für immer tot. Das aber wird das Werk der heiligen Teresa Alicocca sein, und die himmlischen Heerscharen, die sie aufwärts tragen, werden singen:
„Gloria patri et filiae!“
Fray Tomàs bekreuzte sich und liess sie allein. Er wusste sie nun vorbereitet genug, um sie im letzten Augenblick überrumpeln zu können.
In einer der folgenden Nächte lag Teresa Alicocca nach ihrer Gewohnheit vor dem Altar der dunkeln kleinen Kirche flehend ausgestreckt. Ihr lautes Schluchzen durch die Finsternis wurde plötzlich unterbrochen, indem die Orgel wie unter Geisterhänden leise zu spielen begann, und zwei zerbrechliche Kinderstimmen sangen hell und zart:
„Gloria patri et filiae.“
Ein heftiges Beben überkam Teresa. Sie glaubte an ein Wunder der Erleuchtung und heisse Dankgebete strömten von ihren Lippen. Da trat mit einer Kerze in der Hand Fray Tomàs de Leon hinter dem Altar hervor. Er war silberweiss gekleidet. Unter dem Arm trug er einen Schrein.
„Steh auf, Gebenedeite!“ rief er ihr zu, „lass den niedrigsten der Diener deinen Leib zum Opfer schmücken!“
Und die hellen Kinderstimmen tönten licht und wie durchsichtig durch das Gewölbe.
„Steh auf Tochter Gottes, Schwester Jesu!“
Willenlos, geblendet von der Helle, die den Priester umfloss, erhob sie sich. Mit sanften, gewandten Händen half er ihr das armselige Klostergewand zu öffnen, Es sank um sie herab, wie die irdische Hülle einer Verklärten. Die Augen mit Heftigkeit auf den Christ gerichtet, suchte sie ihre Scham wie einen Schmerz zu verbeissen. Die letzten Gewänder fielen nieder; sanft zog ihr der Priester das rauhe Hemd ab und legte segnend die Hände über das nackte Weib. Dann öffnete er den Schrein und nahm funkelnde Geschmeide heraus . . .
„Trage die sündenschwangere Schwüle der mattgrauen Wolkentage, die Last unserer trügerischen Sehnsucht!“
Er legte blasse, siebenfache Perlenschnüre um ihren Hals.
„Lass dich umwinden vom gold-durchfunkelten Blau der Himmel, vom Jauchzen der Kreatur, die den Menschen aufregt zum farbigen Baalstanz seiner götzendienerischen Kunst.“
Der Priester wand ein hellblaues Atlasband mit masslosen sonnigen Topasen unter ihre Brüste, die spitz und starr heraustraten.
„Lass dich lüstern streifen von lauen Wäldern, den Unterschlupfen der Wollust, von den gärenden Wassern im Regenbogenglanz, wo Tiere dämmern, Geschwister der schwülsten Begierden!“
Wie Blätter des Waldlaubs streute er tannengrün-tiefen Smaragd, sanften Beryll, birkenblasse Chrysoprase; moosiger Nephrit und verfänglich schillernde Opale lagen um ihre Lenden.
„Beuge dich dem zehrenden Feuer, das den Bauch der Erde zersprengt, den Aufruhr entzündet im Schosse der Völker!“
In fesselloser Verschwendungsgier umschloss er sie mit Spangen von glühendem Rubin und weichrotem Karneol; Granaten, Almandinen und Korallen sanken wie Blutstropfen auf den Schoss der Jungfrau.
„Wühle auf deine Locken, den Ozean, den Duftausbruch des verworrenen Verlangens, trage darin das Irrlicht der Erkenntnis, das schaukelt über den Sümpfen der Sinne, die ewige Lampe des Hochmuts der Wissenden!“
Fray Tomàs löste mit wildem Griff das wogende Haar und drückte eine Diamantenkrone hinein. Trunken vor seinem funkelnden Werke sagte er:
„Nackt prunke, leuchte, singe dein Leib unter der Pracht und den Sünden hervor, auf dass dich Satan zeichnen möge!“ Doch, wie in plötzlicher, verzweifelnder Entsagung fuhr er fort: „Deine Schritte beschwere der finstere Fluch unserer purpurnen wühlenden Nächte, da uns die Atemzüge der Hölle glühend ins Antlitz fauchen, das da funkelt in steter Empörung und Wollust, im Schrei nach endlichem Licht!“
Und Fray Tomàs de Leon legte ihr trüben Amethyst, nächtigen Saphir und Aquamarin in finster-bläulichen Schnüren von dem Lendengurt bis zu den Knöcheln wie durchsichtige orientalische Beinhüllen.
Beladen mit aller Herrlichkeit, mit allen Freveln der Erde starrte die Vierzehnjährige auf den Christ über dem Altar und wusste nicht, wie ihr geschah. Auf einer goldenen Schale reichte ihr Fray Tomàs das grünlich schimmernde Wachshaupt Jesu. Dann ergriff er sie an der Hand und wandte sie gegen die Kirche, die indessen in überhellem Kerzenschein erstrahlt war. Auf den Fliesen lag ein weisser Teppich ausgestreckt, an dessen Ecken Fackeln brannten und Myrrhenbecken dampften. Fray Tomàs führte die Zagende mitten auf den Teppich.
„Tanze, Tochter des Himmels, tanze den Tanz der Erlösung und erfülle in prahlender Unzucht in dieser einen Stunde alle die Frevel, die der Satan noch von der Menschheit zu fordern hat!“
Plötzlich fiel die Orgel in wilden Rhythmen ein. In den halbdunklen Ecken der Kirche schlugen vermummte Männer heilige Gefässe wie Becken und Zimbeln aneinander. In entsetzlichem Gemisch mit der Feierlichkeit ertönte das barbarische Geräusch von Tamburinen; trunkene Weiberschreie drangen hinter den geblähten Vorhängen der Beichtstühle hervor.
„Tanze, tanze!“ schrie der Priester voll Ungeduld und schien die Zögernde, die sich unter der Last der Geschmeide kaum zu bewegen wagte, durch springende Schritte ermutigen zu wollen. Und langsamen, schüchternen Ganges, beladen mit den Freveln der Welt, bewegte sich Teresa Alicocca über den Teppich, den Kopf des Heilands auf einer Schale tragend. Aus den Ecken, wo sich Männer und Frauen schaugierig drängten, sprangen nun plötzlich die jungen Leute, des Priesters Freunde, hervor; mit Fackeln und blossen Schwertern im Arm tanzten sie jauchzend um den Teppich.
„Wilder, toller!“ riefen sie der Ängstlichen zu. „Du musst uns alle erlösen; aber unsere Sünden sind noch brennender, empörender, räuberischer, als dein Tanz. Du musst verruchter tanzen, als unsere Missetaten sind, die gen Himmel schreien. Nur so kannst du uns zum Heile sein!“
Während die Wut der Orgel niederdonnerte, liess sich Teresa zu immer wilderem Tanze treiben. Sie warf die Schale mit dem Haupte von sich und fand in plötzlicher Erleuchtung die versonnensten Gliederkrümmungen der asiatischen Tänzerinnen. Sie bot ihren Schoss offen der Kerzenhelle dar und entriss ihm mit gewaltiger Gebärde die Blume ihres Jungfrauentums, so dass ihr weisser Körper über die roten Rubinen blutete.
„Eine blutende Hostie des Satans!“ rief Fray Tomàs verzückt. Sie aber heulte auf vor Schmerz und stürzte sich auf das wächserne Haupt vor ihren Füssen, umschlang es, wie den Kopf eines Tänzers, krallte die Zähne hinein, ihre Qual zu verbeissen.
Und sie tanzte die Sünden der Hölle!
„Küss ihn,“ rief ihr der Priester zu; willenlos tat sie nun alles, was er befahl. „Verspott ihn, spei ihn an, wirf ihn hin, tanze drüber weg, zertritt ihn, zermalm ihn — lästere die Dreieinigkeit — rufe zu Satan!“
Und gebeugt von der Last der Sünden der Verdammnis schrie Teresa Alicocca:
„Satan, Lucifer, Adonai!“
„Was willst du?“ rief eine dumpfe Stimme aus der Krypta.
„Nimm mich in die ewige Qual!“ stöhnte Teresa.
„Und Gott? — Glaubst du an ihn?“
„Ich glaub’ an ihn, ich fühle seine Majestät, aber dennoch schreie ich mich von ihm los, — dein will ich sein —!“
„Bist du willens, den Heiligen Geist zu schmähen?“
„Tat ich’s nicht schon?“ rief sie atemlos.
„Willst du Lucifers Beischläferin sein, der Gott kennt und ihn darum hasst?“
„Ich sehe Gott,“ rief Teresa ekstastisch, „und will doch deine Dirne sein, Satan!“
In diesem Augenblick sprangen die jungen Leute mit Dolchen bewaffnet auf den Teppich.
„Schnell . . . schnell . . .“ rief Fray Tomàs, „ehe sie bereuen kann, ehe sie das grosse Werk zerstört!“
Und im Nu stürzten sie auf das verzückt dahintanzende Weib ein. Sechs Dolche staken in Teresas Leib — im Herzen, im Nacken, im Bauch, in den Lenden, in der Scham — aber keiner schien sie verwunden zu können. Gefühllos tanzte sie weiter, wie eine Nachtwandlerin. Sechs Dolche umstarrten sie, als gehörten sie zu ihrem masslosen Schmuck.
„Sie fühlt nichts mehr,“ rief einer erschrocken. Mit einem Messer schnitt er in den Arm der Tanzenden, ohne dass Blut floss. Langsam fielen die Dolche wie reife Früchte von ihr ab.
Das Leben schien still zu stehen im Augenblick fessellosester Entladung. Die Fülle des Rausches war plötzlich aus den Seelen geschnellt. Leer — gebrechlich — standen die Ernüchterten da und wussten kaum im plötzlich erstarrten Geist die Züge des entflohenen Phantoms, das ihnen Leben geschienen, zurückzuhalten. Sie schämten sich zu reden; sie fühlten, wie kläglich ihre Stimmen jetzt klingen mussten.
Stöhnen, Heulen riss sie aus ihrer Erstarrung. Entsetzt sahen sie, wie sich Fray Tomàs de Leon am Boden wand. Er bohrte die Blicke, klammerte seine Hände an ein Kruzifix und schrie. Man beschwor ihn um Erklärung. Er aber wagte nicht emporzublicken, die Augen abzuwenden vom Gekreuzigten. Mit der Hand nach der Decke deutend brüllte er wie ein zu Boden geschlagenes Vieh:
„Gott . . . Gott . . .!“
Er bellte den Namen Gottes durch das Gewölbe.
„Gott lässt die Sünde wider den Heiligen Geist nicht geschehen!
Derweil ihr Leib das Gefäss unseres Unrats war, hielt der Ewige ihre Seele fest und machte ihr Leben unverwundbar . . .!“
Den jungen Leuten war, als peitsche ihnen einer in die Kniekehlen und zwänge sie nieder. Am Boden liegend wimmerten sie klägliche Gebete. Teresa taumelte immer langsamer, das Haupt fiel ihr vornüber, die Arme erschlafften und sie sank zusammen wie die Flammen der Kerzen, die rings niedergebrannt waren. Aus den Ecken der dunklen Kirche aber, hinter den Vorhängen der Beichtstühle, von dem weissen Teppich stieg verzweifeltes Stöhnen und Beten der Reue empor.
* *
*
Der Abgrund meines Lebens hatte sich so weit geöffnet, dass es mir möglich war, bis auf den Boden zu blicken. Ich sah eine Grenze, wo ich Unendlichkeit vermutet hatte. Die menschliche Einbildungskraft, das Spiel des Verstandes zeigte sich erschöpft, es konnte nicht weiter getrieben werden. Mir war, als sei ich auf dem Weg der Erkenntnis mit der Stirn an eine dunkle Wand gestossen, die nicht weichen wollte, wie sehr ich mich dagegen stemmte. Konnte ich einen deutlicheren Beweis verlangen, dass ich auf dem Irrweg war, dass ich mich verlaufen hatte? Und ich kehrte um.
* Ist es nötig zu erklären, dass die Kirche niemals etwas Ähnliches anerkannte!
Die Botschaft
ICH ging in den Strassen der Stadt, wo ich wohnte. Es war mir bewusst, dass ich mich meiner Wohnung näherte . . . Ja so, ich hatte Haschisch genommen. Wo war denn eigentlich mein Rausch hingekommen? Ich fühlte mich ruhig und zufrieden. Nun ging ich nach Hause. Dort würde ich nie Haschisch oder Opium geniessen; man kann ja nicht wissen, was von den Phantasien an den Möbeln hängen bleibt. Meine Zimmer mussten rein sein. Da empfing ich eine Frau, die ich liebte, da arbeitete ich, manchmal kamen Freunde; alles war dort nach meinem Geschmack; jeden Gegenstand hatte ich mit Bewusstsein irgendwo gekauft . . . oder er war ein Geschenk . . . . oder ein Erbstück . . . meine ganze Lebensgeschichte hing an diesen Möbeln, meine Reisen . . . eine Art Tagebuch: mit einem Wiegenbett fing es an, darin lagen einst meine Spielsachen dann kam ein alter Sessel, auf dem früher abends mein Vater sass und erzählte . . . so ging es weiter. Da war eine Lampe, bei deren Schein ich mich auf eine Prüfung vorbereitet hatte, und nun gar die Photographien und Bilder! Dann ein altes chinesisches Tintenfass, das meine erste Geliebte in entzückender Wut zerbrochen, und später einmal ein geschickter Knabe wieder zusammengesetzt hatte. Alles war lebendig in dieser Wohnung. Und dorthin sollte ich regellose Haschischphantasien dringen lassen? Oft hatte ich mich geweigert, spiritistische Sitzungen darin abzuhalten. Nichts Fremdes über meine Schwelle! Ich war eigentlich ganz glücklich, dass ich solch ein Asyl mitten in dem unsauberen Leben des Jahrhunderts hatte.
Eben wollte ich eine Strasse überschreiten, als ich mich von einer Dirne in geradezu roher Art angestossen fühlte. Sie sah ältlich und fett aus. Ihre Lippen waren in jenem Lächeln erstarrt, das wie die Versteinerung einer von Anfang an geheuchelten Empfindung scheint. Während andere ihresgleichen mit einem gewissen Kennerblick sofort den für ihre Absichten Ungeeigneten unterscheiden und seines Weges ziehen lassen, wollte mich diese ganz und gar nicht freigeben. Sie drängte sich trotz meiner heftigen Abwehr fortgesetzt an mich heran und sprach auf mich ein. Ihre schlaffen Wangen waren mit Schminke geradezu überladen. Es fiel mir auf, dass das lange Elend diesem puppenhaften Gesicht nicht den geringsten Ausdruck zu verleihen imstand war, nicht einmal einen besonders bösartigen oder lasterhaften. Ohne zu antworten, ging ich weiter, aber meine Gedanken konnten nicht von ihr loskommen. Was für Männer mögen ihr wohl folgen? Dieses Nichts hatte ja nicht einmal die Anziehungskraft des Schmutzes, der Gemeinheit. Was für eine Sinnlosigkeit — einem das anzubieten! Auf welche Art sollte wohl jemand dazu kommen, sich mit ihr zu befassen? Aus Zufall musste sie Dirne geworden sein, ohne Abscheu, ohne Neigung, so wie die meisten Menschen ihren Beruf wählen, eine Spiessbürgerin der Halbwelt, ein Leib, der mechanisch als Weib funktionierte.
„Das ist ja der Tod,“ dachte ich, und unwillkürlich beschleunigte ich den Schritt, um nach Hause zukommen. Das Wesen war verschwunden oder mir schien vielmehr, es habe sich in die Luft aufgelöst und erfülle nun alle Strassen, liege über den Häusern, über den Bäumen, über den paar Menschen, die mir in der ersten Morgendämmerung begegneten. Die Pariser Strassen, deren selbstverständliche, einfache Eleganz ich sonst so gern hatte, kamen mir plötzlich so gleichgültig, so dumm vor. Die Menschen, die mir begegneten, schienen geradezu sinnlos: alle blass und übermüdet; weshalb? für ein Vergnügen etwa? So sahen sie gar nicht aus. Sie gehen nun einmal erst morgens zu Bett, haben Maitressen, die sie nicht lieben, und bezahlen für alles mehr, als es wert ist, werden krank, wahnsinnig, verarmen. Warum? Keiner weiss es, sie selbst wissen es am wenigsten. Viele Dirnen huschten trübselig an mir vorbei. Sie waren übernächtig, blickten sich kaum um. Da fiel mir wieder die erste ein, die mich angesprochen hatte. Sie war die verkörperte Zwecklosigkeit, die Blödsinnigkeit dieses ganzen dummen Stadtlebens. Ich war wenigstens müde und freute mich auf den Schlaf. So kam ich vor mein Haus. Im Augenblick, wo ich die Haustür zuwerfen wollte, schlüpfte jemand hinter mir herein.
„Inkubus,“ murmelte eine Stimme. Von diesem Augenblick an fühlte ich mich nicht mehr selbsthandelnd. Ich wurde von aussen gedrängt. Eine Lähmung, wie sie uns im Traum überkommt, hinderte mich, den Eindringling hinauszuweisen oder dem Hausmeister zu rufen. Von rückwärts wurde ich die Treppe hinaufgeschoben, bis ich vor der Tür meines Arbeitszimmers stand. Wie jede Nacht zündete ich mechanisch die Lampe an. Dann sank ich erschöpft auf die Chaiselongue. Das Wesen setzte sich mir gegenüber. Ich erkannte dieselbe Dirne, die mir zuerst auf der Strasse den Weg versperrt hatte. Das sinnlose Elend, das sich mir draussen über die Nerven gelegt, war in mein Zimmer getreten.
Sie suchte mich mit vielen Gründen zu überzeugen, dass sie dableiben und ich ihr ein gutes Geschenk machen müsse. Ich weiss nicht, ob ich überhaupt antwortete. Sie schalt, nicht sehr erregt, meine niedrige Gesinnungsweise und suchte dann wieder durch alberne Schmeichelworte meine Geneigtheit.
„. . . stelle dich nicht wie ein Kind,“ sagte sie, „das weisst du doch, alle Menschen müssen solche Beziehungen zum Tod unterhalten. Der Willenlose hat dort einen gewalttätigen Herrn, der Ehrgeizige neidische Nebenbuhler, der Egoist bösartige Kinder. Du sollst nur eine Geliebte haben, die du mit deinem Blute wärmen musst. Jeder nach seinem Temperament oder nach seinen Sünden, wenn ich mich ein wenig altmodisch ausdrücken darf. Denke doch an die Freunde, mit denen du den Abend verbracht hast. Glaubst du, dass sie keinen ungeladenen Gast daheim finden, der von ihnen Rechenschaft, Versprechungen, Verzichtleistungen — weiss der Teufel, was — verlangt. Dich hat man bisher unbegreiflicherweise vergessen. Nun komme ich, die Steuer an inneren Leiden zu fordern, die du dem Tod dafür schuldest, dass er dich noch leben lässt. Um dich nicht zu erschrecken, näherte ich mich dir draussen. Du siehst, wie ich dir die Pille versüsse. Du hättest mich, wenn ich gewollt, ebensogut auf deinem Bette sitzend finden können. Denke dir einmal, wie du da überrascht gewesen wärest.“ Sie lachte heiser. „Du siehst, ich bin ganz bequem zu ertragen; auch Eifersucht ist mir fremd. Weisst du, eigentlich bist du noch ein Kind, da du heute zum erstenmal bewusst solch einen Besuch empfängst. Morgen wirst du kein Kind mehr sein; gib nur acht, wie anders, wie viel verwandter dir morgen die Menschen vorkommen werden. Die Hälfte deines Hochmuts wird verschwunden sein. Und sie werden dir mehr trauen, denn bisher haben sie gefühlt, dass du nichts vom Tod wusstest. Ist es nicht so? Das wird sich nun ändern. Nun hast du wenigstens etwas mit ihnen gemein.“ Sie schaute im Zimmer umher. „Übrigens, ohne dass du sie erkanntest, müssen doch schon viele Boten des Todes gleich mir hier durchgekommen sein, um diesen durchdringenden Leichengeruch hervorzurufen.“
„Keine, verfluchtes Tier!“ schrie ich ihr entgegen. „Du bist die erste, die diese Räume besudelt.“
Aber die blecherne Stimme klirrte unaufhaltsam weiter. Meine einzige Hoffnung war, dass alles nur ein Traum sei.
„Deine Verbrechen sind ja eigentlich ziemlich harmlos, ich brauche sie dir wohl nicht erst zu nennen . . . Kindereien! Dafür bleiben dir auch die viel schrecklicheren Besuche erspart, die nachts den duckmäuserischen Bürger, den satten Berufs- und Geldmenschen quälen. Was die nachts erleben, das werde ich dir gelegentlich einmal erzählen. Überhaupt, weisst du, wir können ganz behaglich zusammen plaudern. Deinesgleichen ist wirklich die amüsanteste Art zugefallen, mit dem Tod in Beziehung zu treten. Übrigens noch eins, dass ich es nicht vergesse: du brauchst deshalb noch lange nicht zu sterben, mein Besuch hat damit nicht das geringste zu tun. Ich bringe nur die Botschaft, dass die allererste, gedankenlose Jugend für dich verrauscht ist.“
Ihre Stimme war allmählich ein wenig wärmer geworden. Sie schien Mitleid mit mir zu haben.
„. . . Hast du immer noch Angst vor mir? Weisst du denn, wer die andern waren, von denen du nicht das geringste wusstest, die du einst um Mitternacht in dein Haus brachtest und neben dich legtest, wie eine gute alte Geliebte? Wusstest du vielleicht, woher die kamen und wohin sie gingen? Wusstest du, welcher Sarg tagsüber ihre Wohnung war, ehe sie zu dir kamen und nachdem sie dich verliessen? Bist du ihnen morgens je einmal gefolgt? Nichts wusstest du von ihnen, und doch hattest du keine Furcht. Und nun erschrickst du vor mir? Was bin ich denn anders, als jene? Weisst du weniger Gutes oder mehr Böses von mir?“
„Ich sage dir, dass noch keine diese Schwelle betrat.“
Sie brach in ein furchtbares, gar nicht einmal sehr lautes hölzernes Lachen aus.
„Du bist ein Kasuist, mein Freund, du weisst wohl, dass ich nicht von Fleisch und Blut rede . . . denke doch bitte einmal an deine Phantasien, an deine geheimsten Gedanken; wie Spinnweben hängen die hier an allen Möbeln herum. Es ist lächerlich, mir etwas vorlügen zu wollen. Ich weiss, mit wem du dich schlafen legst, mit wem du dich ganze Nachmittage hier unterhältst. Willst du dir etwa das Vergnügen machen, dich von mir wie ein Knabe verführen zu lassen? Dazu bist du zu alt und ich zu klug. Ich denke, wir machen das lieber wie gute alte Freunde, ohne uns gegenseitig etwas vorzulügen.“
Ich sah wie sie aufstand und Holz in den Kamin legte, als ob es ihr eigener Herd wäre. Am Feuer entkleidete sie sich und warf ihre zerschlissenen Kleider an den Boden. Ich schloss die Augen, als ich den schwammigen schlaffen Körper sah. Dann muss ich wohl eingeschlafen sein.
Als ich aufwachte, schien der blasse Wintermorgen in mein Zimmer. Ich war überrascht, mich im Anzug auf der Chaiselongue meines Arbeitszimmers zu befinden. Die umherliegenden schmutzigen Frauenkleider riefen mir plötzlich das Geschehnis der Nacht in die Erinnerung zurück. Ich sprang auf und eilte nach der Tür des anstossenden Schlafzimmers. Da lag das fette, aschfahle Weib in meinem Bett. Ein nackter Arm hing wie tot auf den Boden herab, der geöffnete Mund röchelte. Eine unaussprechliche Wut wallte in mir auf. Ich zerrte sie aus dem Schlummer. Schlaftrunken rief sie mir ein Wort der Strasse zu und brummte, weil ich sie schon weckte.
„Hinaus . . . fort . . .“ schrie ich.
Halb erzürnt, halb erstaunt kleidete sie sich in träger Bosheit an, indem sie meinem Drängen fortwährend mit groben, gereizten Ausdrücken antwortete. Es ward mir fast wohl, als ich sie so schimpfen hörte; das war doch wenigstens begreiflich: ich riss sie aus dem Schlaf und sie schimpfte; gut, das liess man sich gefallen, das war logisch; aber sonst, das andere war ja ganz unfassbar, dass sie hier war, in meinem Bett lag.
Schliesslich wollte ich sie zur Tür hinausschieben; aber da hätte man sehen sollen: im Tiefinnersten verletzt und geradezu entseelt vor versteinerndem Staunen, rief sie aus:
„Und die zwanzig Francs . . . wie? . . . Hast du mir nicht versprochen? . . . du Schmutzkerl . . . glaubst du vielleicht, dass mir deine Nase so gut gefallen hat . . .?“
Kaum hatte sie das Geldstück in der Hand, als sie schmeichelnd einlenkte: „Sei nicht böse, mein Wölfchen, ich wusste ja nicht . . .“
Sie ging. Halb ohnmächtig fiel ich nieder.
Ich besann mich, wo und in welcher Zeit ich mich eigentlich befand.
Ich trat vor den grossen Spiegel über dem Kamin; das ganze Zimmer spiegelte sich darin, aber ich sah mich nicht. Ich klopfte an das Glas, ich betastete meinen Kopf, meine Glieder, sie fühlten sich an wie sonst. Aber ihr sinnlicher Schein war fort.
„Das Frauenzimmer hat ihn mitgenommen, sie hat mich gestohlen,“ rief ich aus, „das ist ja zum Tollwerden. In was für Löchern mag die mich nun herumschleppen!“
Plötzlich wurde ich ruhiger, denn mir fiel ein, dass dieser Spiegel noch aus dem Jahr 189* war, seitdem doch schon viele Jahre vergangen sein mussten. Was hatte ich indessen alles erlebt! Kein Wunder, dass ich mich nicht darin sah. Doch da kam ein neuer quälender Gedanke. Ich kannte ja niemand in der neuen Zeit. Plötzlich fiel mir der Graf von Saint-Germain ein, der lebte ja in allen Zeiten zugleich. Der war überhaupt an allem schuld. Er hatte übrigens gesagt, ich sollte ihn besuchen. Vom Fenster aus pfiff ich einem Kutscher, um zu dem Grafen zu fahren. Ich eilte die Treppe hinunter.
Ich fuhr und fuhr, unaufhaltsam, Tage, Wochen, Jahre.
Im bois de Boulogne stieg ich aus. Als ob es so sein müsste, ging ich nach einer Bank, auf der ich früher oft in stillen Stunden geruht, die bisweilen mein unruhiges Dasein kurz unterbrachen. Eine sanfte Wintersonne schien durch das kahle Gehölz. Ich weiss nicht, wie lange ich träumend da gesessen habe. Über den nächtlichen Besuch hatte ich mich langsam beruhigt. Es war ja erklärlich, dass ich dieses Wesen im Haschischrausch eingelassen hatte. Aber ich empfand einen heftigen Unwillen bei dem Gedanken, meine Wohnung wieder betreten zu müssen. Es war dort etwas, womit ich durchaus nichts mehr zu tun haben wollte. In dieser Nacht waren mir sonderbare Erkenntnisse gekommen. Wo sollte ich nun hin? Fort von Paris, am liebsten fort aus Europa in irgendeine Farm auf jungfräulichem Boden. Dann fand ich es merkwürdig, dass ich — gerade ich — so etwas empfand. Fast war mir, als wäre das alles gar kein Rausch gewesen; die körperlose Geliebte, die kein Weib ist, sondern der Vorwand unserer Träume — das Bachanal der wütendsten Selbstvernichtung — die Umarmung des Todes — das lüsterne Betasten und Belauern des Heiligen — hatte ich das wirklich nur geträumt? Irgendwo hatte ich ähnliches selbst erlebt, selbst getan. Wo aber? Wann geschah es? Ich fühlte, dass ich darüber noch lange nachzudenken hätte. Eines nur war mir gewiss: Ich war von einer schrecklichen Krankheit genesen, die mich schon dem Tod hatte ins Gesicht schauen lassen. Was aber nun mit der neuen Gesundheit beginnen?