τὰ τϱία ταῦτα; μείζων δὲ τούτον ἡ ἀγάπη.
Friedrich Staudenmayer,
Cand. theol.
Schwälble las mit Wohlgefallen an dem Klang der Worte: Nyni de menei pistis, elpis, agape, ta tria tauta; meizon de tuton he agape. »Diesen Spruch, Bäsle, mußt du dir, deines Leichtsinns wegen, ein wenig verdienen. Sprich mir nach und übersetze mit mir! Also: Nyni nun, de aber – oh, könnt’ ich dir die Bedeutung der Wörtchen men–de auseinandersetzen, die im Griechischen so schmuck und beziehungsreich sind, wie eure Ohrgehänge und Schürzenbänder. Doch weiter im Text! Also: pischtis – sprich nur herzhaft pischtis aus, obgleich die gezierten Norddeutschen pistis sagen. Was meinst du: wenn die alten Griechen die Wahl gehabt zwischen Berlin und Stuttgart, hätten sie nicht Stuttgart vorgezogen, schon um der fröhlichen Lage und des lieblichen Weines willen? Neckerwein, Schleckerwein! Pischtis, elpis, agape, Glaube, Hoffnung, Liebe; ta die, tria drei, tauta diese, zu deutsch: diese drei. Meizon de, das größere aber, oder sagen wir gleich: das größte aber –« »Halt,« fiel ihm hier Friederike ins Wort, »halt, ich hab’s! Das Größte aber ist die Liebe. Das ist Paulisch’ erster Brief an die Korinther, Kapitel dreizehn.« Und dann begann sie feierlich die ewigen Worte zu sagen: »Wenn ich mit Menschen- und Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.« »Und wenn ich weissagen könnte,« fiel der Philolog ein, »und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis, und hätte allen Glauben, also, daß ich Berge versetzte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe, und ließe meinen Leib brennen, und hätte der Liebe nicht, so wäre es mir nichts nütze.« »Die Liebe ist langmütig und freundlich,« setzte wieder Friederike ein, »die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie blähet sich nicht. Sie stellt sich nicht ungebärdig, sie suchet nicht das Ihre, sie läßt sich nicht erbittern, sie trachtet nicht nach Schaden.« »Sie freuet sich nicht der Ungerechtigkeit,« fuhr der Vetter kräftig fort, »sie freuet sich aber der Wahrheit; sie verträgt alles, sie glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles.« Den Schlußvers aber ließ sich Friederike nicht nehmen: »Nun aber bleibet Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größeste unter ihnen!...« Die beiden guten Menschen hatten sich ganz warm gesprochen und ließen ruhig und selig ihre hohe Stimmung ausklingen. Es war so ruhig in der Stube, daß man den leisen Pulsschlag der Stille zu vernehmen meinte. Endlich brach Schwälble das Schweigen, indem er, wie für niemanden gesprochen, vor sich hinsagte: »Das ist ein Evangelium über dem Evangelium. Wenn auch sämtliche Kirchtürme stumm geworden, so werden diese Worte noch immer die Welt erschüttern und beglücken. Streut sie unter die Menge, und Religion wird euch entgegenwachsen.«
Indessen ging in der Stube des Gelehrten die gewohnte Beschäftigung ihren ruhigen Gang, nur Friederike war trauriger gestimmt, als gewöhnlich, weil der Fritz aus Munterkingen, der sich doch vor etlichen Tagen so fröhlich gemeldet, nicht zum Vorschein kommen wollte. Sie hing trüben Gedanken nach, und als sie mit dem Vetter Schillers Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen kritisch säuberte, sagte sie sich, bei einer entstehenden Pause, ganz innerlich das melancholische Liedchen vor:
Daß g’regnet hat,
Die Bäumle tröpflet no;
I han amal a Schätzle ghat,
I wollt, i hätt’ es no –
und siehe, das Liedchen wirkte wie eine Zauberformel. Es klopft, und Fritz Staudenmayer steht, ganz schwarz gekleidet, vor ihnen und lädt die Freunde zu seiner ersten Predigt ein, die er als Vikar in Munterkingen hält. Dr. Conrad Schwälble, der als Theologe das in Schwaben übliche Trauerspiel im Gemüte gehabt und als Geistlicher seine Erfahrungen gemacht hatte, ging nicht gern in die Kirche und versprach dem jüngeren Freunde, das Bäschen zu schicken, an dem ihm, wie er glaube, ohnehin mehr liege, als an ihm. Fritz und Friederike sahen einander errötend an. Schwälble hielt Wort, und Friederike saß in der Kirche, als Fritz zum ersten Male predigte. Er predigte über den Text: »Nun aber bleibet Glaube, Hoffnung, Liebe; aber die Liebe ist die größeste unter ihnen.« Ihr klangen die Ohren, und der junge Geistliche wußte mit seiner Beredsamkeit alles Menschliche in ihrem Gemüte dermaßen aufzuregen, daß sie vor Glück weinte. Nach der Predigt schlich sie seitwärts an den Bach, um mit ihrem vollen Herzen allein zu sein. Fritz ging ihr nach. Er traf sie an ihrem Lieblingsplätzchen, wo das Murmeln des Wassers sie diesmal an ihren lesenden Vetter erinnerte, der ihr leid tat, weil er die Gehilfin vermißte. Fritz sah ernst aus und sprach heiter, und in ihr, die ebenso ernst gestimmt war, brach wider ihr Gefühl der Mutwillen aus, und sie warf dem geliebten Manne die rasch erschnappten griechischen Brocken hin: »Nyni de menei pischtis.« – »Was, du kannst Griechisch?« rief er erstaunt aus. – »O nein, Fritz, ich bin bloß der Papagei meines Vetters; aber wenn du es willst, so lerne ich Griechisch.« – »Geh, Rickele, du bischt mehr wert, als der beschte griechische Klassiker ...!« So legte der Scherz den Ernst nahe, und Fritz fragte das erglühende Mädchen zum ersten Male, ob sie ihm für das Leben angehören wolle. Sie kämpfte mit sich selbst und brachte nur schwer die Worte hervor: »Fritz, ich muß dir etwas sagen, das ich dir bis jetzt verheimlicht habe. Ich habe ... im Schlaf ... im Traum ... ein Mannsbild ... geküßt. Nein, er hat mich geküßt ... aber ... ich habe rasch nachgeküßt. Ich habe treulos an dir gehandelt.« – »Aber so besinne dich ein wenig, Rickele. War es nicht hier am Bach?« – »Ja!« – »Vor einem Jahre, zur Sommerszeit?« – »Ja!« – »In der Abenddämmerung?« – »Ja!« – »O du liebes Kind, da bin ich der Sünder. Ich bin dir damals nachgeschlichen, habe dir halb schalkhaft, halb schüchtern einen Kuß geraubt und bin dann als ein glücklicher Betrüger davongegangen.« – »Gottlob!« rief Friederike erleichtert aus. »Da hat doch wieder einmal der Vetter recht gehabt: Der Engel ist ein Tübinger Stiftler gewesen.« Und an den jungen Mann sich wendend, fragte sie zärtlich: »Du, Fritzle, hascht me au a bissele lieb?« – »O viel und ewig,« rief Fritz, indem er das Mädchen umarmte.
Mit Schiller ging es ziemlich rasch zur Neige. Sie lasen und säuberten noch zusammen den Aufstand der Niederlande und den Dreißigjährigen Krieg; dann, während an der kritischen Ausgabe gedruckt wurde, arbeitete Friederike an der durch Schiller bezahlten Aussteuer. Als sie ihren ersten Knaben zum ersten Male ins Freie trug, kam auf der Post ein großes Paket an. Als es die Frau öffnete, fiel ein starker Band heraus, auf welchem zu lesen war: »Schillers sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe, besorgt von Dr. Conrad Schwälble« – »und Friederike Staudenmayer« hatte der schalkhafte Vetter mit Bleistift dazu geschrieben. Die junge Mutter sah lächelnd zu ihrem Knaben auf.
(Am 24. Dezember 1882)
Die Kunst, arm zu werden
Als mein alter Kanarienvogel kurz vor Weihnachten wieder zu singen begann, dachte ich bei mir selbst: Das muß doch eine fröhliche Zeit sein, wenn selbst dieser betagte Herr, kaum einer gründlichen Mauser entgangen, sich ein neues goldenes Gefieder wachsen läßt und in die Stube hineinschmettert, daß einem die vier Wände fast zu eng werden. Und als ich ihm vollends ein duftiges Tannenreis in den Käfig steckte, da sang er immer heftiger, wobei er auf der hölzernen Sprosse langsam tanzte und seinen blaßgelben Flederwisch wie trillernd bewegte. Nach diesem Vogel zu schließen, sieht es in der Welt unendlich heiter aus. Freilich, er hat seinen Hanfsamen, sein frisches Wasser, sein Stückchen Zucker, und somit seine glückseligen Feiertage; aber für uns Menschen, wenigstens für die Mehrheit, ist er kein Verkünder gegenwärtigen Glückes, höchstens ein Prophet der Zukunft. Denn wenn man den Leuten durch das Fenster schaut – nicht aus schnöder Neugier, sondern aus Teilnahme – wird man leicht gewahr, daß die Weihnachtsfreude nicht aus dem Vollen schöpft. Es fehlen Äste an den Tannenbäumen, und die vorhandenen sind nicht so schwer behängt wie sonst; die Wachslichter scheinen nicht so lustig wie ehemals zu flimmern, und ihr Qualm legt sich wie beengend und beängstigend auf die Brust. Hinter dem Lächeln der Erwachsenen lauert die Sorge, und selbst die Kinder streifen mit scheuem Blick die Gaben des Festes, um fragend in die Augen der Alten zu schauen. Braucht man erst noch zu sagen, woher diese bängliche Stimmung kommt? Man kennt die alte Sage, wie das Gold sich in Kohle verwandelt. Die Sage ist zur Wirklichkeit geworden, daher der Kummer. In feuerfestem Verschluß sind die meisten Werte über Nacht verkohlt und verbrannt, und als man morgens öffnete, fand sich nur noch ein Häuflein Staub vor, der vor dem ersten Hauch in die Lüfte flog. Seit jenem Augenblick hängt es wie eine Aschenwolke über diesem Lande, und in diesem trüben, aussichtslosen Dunstkreis will das Volk fast verzagen. Mit verschränkten Armen steht die Staatsweisheit da und scheint über dieses Trauerspiel zu lächeln; sie gibt sich die Miene eines unschuldigen Kindleins und verläßt ihre bequeme Stellung nur, um mit ausgestrecktem Finger auf die Schuldigen zu deuten. Man spricht von einzelnen schuldigen Häuptern, wenn die beredsame Predigerin Not laut um Hilfe ruft! Man weist eine über den Dilettantismus hinausgehende ausgiebige Staatshilfe als ein sozialistisches Mittel zurück, während doch Handel und Wandel des ganzen Volkes daniederliegt! Was ist denn der Staat, wenn nicht die Gemeinsamkeit des Volkes? Und wenn der Staat dem notleidenden Volke beispringt, wem hilft er denn als sich selbst?... Ich überlasse die praktische Beantwortung dieser Fragen der Zukunft, indem ich zur Linderung der Not oder doch wenigstens zur Milderung der pessimistischen Anschauungen ein Hilfsmittel mehr moralischer als politischer Art empfehlen möchte. Dieses Hilfsmittel ist die Kunst, arm zu werden.
Arm sein ist keine Kunst: man ist es eben, wie man blond ist oder braun; aber arm werden, oder vielmehr ärmer werden, sich mit einer Art Genuß von der Höhe des Wohlstandes herabgleiten lassen, indem man das Werk der Notwendigkeit in einen freien Entschluß verwandelt – das ist eine Kunst, welche nur die wenigsten verstehen. Ich habe es als ein Mittel gegen die Seekrankheit erprobt, die Bewegungen des Schiffes mitzumachen, als ob es die eigenen wären. So auch bei einem empfindlichen Glückswechsel; man muß sich nicht gegen den Rhythmus einer solchen Veränderung stemmen, sondern ihm willig folgen. Um dieses zu können, dazu gehört freilich einiges, aber nicht gar zu viel: man muß das Talent besitzen, die Dinge mehr auf ihren inneren Wert als auf ihren Preis anzusehen. Wer die Welt mit so hellen Augen betrachtet, wird erfahren, daß er bei vielen, ja bei den meisten Einkäufen noch Geld übrig behält. Man kann kleines Kapital innerlich potenzieren, es fruchtbarer machen, indem man billigen Sachen einen Affektionswert beilegt. Dazu braucht man einige Phantasie des Herzens und jenen idealisierenden Blick, der nicht etwa übertreibt, sondern nur durch die Schale den Kern sieht. Wenn ich meine Seele in das geringste Ding hineinlege, so kann ich seinen Wert hundert- und tausendfach steigern. Das ist das Geheimnis der Liebe. Ich habe Wälder und Felder von unabsehbarer Ausdehnung verloren, aber mein Hausgärtchen ist mir geblieben mit seinem Lindenbaum und seinen Rosenhecken und seinen Salatbeeten; ich übersehe es leichter, ich kann es lieben, weil ich es umfassen kann. Ja, ich habe mein Hausgärtchen verloren, aber was hindert mich daran, den beglückten kleinen Großgrundbesitzer zu spielen, wenn ich die Blumen vor meinem Fenster begieße? Ein verschwundenes Glück läßt immer ein anderes nach, vielleicht kleiner als das vorige, aber nur klein und lieb wie die Kinder, und diese Perspektive des verkleinerten, aber nicht verminderten Glückes ist unendlich.
Der moralische Zug unserer Zeit bewegt sich freilich nicht in der Richtung dieser Bescheidenheit und Selbstbescheidung. Das letzte Jahrzehnt hat eine verderbliche Krankheit ausgebrütet, welche die Gemüter auszudorren und jede sittliche Kraft zu lähmen drohte. Es ist die krankhafte Neigung, um jeden Preis Millionär werden zu wollen. »Das Vergnügen beginnt erst bei der zweiten Million,« konnte man wie oft sagen hören, während doch nach vielfacher Erfahrung die zweite Million die geborene Feindin der ersten ist. Aber man mußte nicht nur eine Million, man mußte Millionen haben, um auch die Sprößlinge des Millionärs zu Millionären machen zu können. Die Kinder so reich wie möglich in die Welt zu entlassen, das war fast der einzige Erziehungsgrundsatz. Als ich nach der bekannten Krisis mit einer Dame sprach, deren Vermögen einige Einbuße erlitten, zeigte sie sich um ihrer Kinder willen ganz aufgelöst und untröstlich. »Wo ich gehe und stehe,« sagte sie, »im Wachen und Schlafe ist es mir, als hörte ich meine kleine Marie bitterlich weinen!« Die arme Marie, sie wird sich schlimmstenfalls nur mit einer halben Million behelfen müssen! Aber so tief steckte die Millionärkrankheit den Leuten in den Gliedern, daß es sie unglücklich machte, ihre Nachkommen nicht als Millionäre durch die Zukunft schreiten zu sehen. Für den Unsegen der Million hatten sie keine Augen. Wie sie zu blindem Genuß trieb, alle Dinge dieser Welt nach dem Preiskurant taxierte, die Familienbande lockerte, davon wollte man nichts sehen; die größten Verwüstungen geschahen auf dem Felde der Liebe. Was allgemein begafft und bewundert wurde, eine Schauspielerin, eine Sängerin, eine Tänzerin, das mußte der Mann mit der gespickten Tasche sein eigen nennen. Nach den Reizen, die alle Welt kennt, stand sein Sinn; von dem Glück, ein Weib, einen Schatz zu besitzen, dessen Reize mein und nur mein heiliges Geheimnis sind, hatte er keine Ahnung. Und doch, wenn man den goldigen Schmetterling etwas näher betrachtete, besaß er denn in den meisten Fällen das leibliche und geistige Vermögen, um auch nur ein weibliches Wesen in seiner natürlichen und gemütlichen Tiefe und Fülle von Grund aus zu erkennen?
Daß solche widerliche Erscheinungen vermindert worden, kann man als einen Segen der Krisis preisen. Die Kunst, arm zu werden, ist an den soeben geschilderten Leuten verloren. Ich denke mir als Zöglinge dieser Kunst ernstere, feinfühligere, bessere Naturen, welche begreifen, daß im Reichtum etwas wie eine Schuld liegt, und daß der Verlust des Überflüssigen eine Sühne für das noch Erhaltene bildet. Man muß sich auf kleineren und reineren Fuß einrichten und den verlorenen äußeren Glanz durch Herzensklugheit und einige Kunstgriffe des Gemüts zu ersetzen suchen. Und dann bleibt ja noch die Arbeit, dieses heroische Mittel, die Sorge zu vergessen und sie in ihren Wurzeln zu zerstören. Und soll Eigentum durchaus Diebstahl sein, so wollen wir es mehren durch redliche Arbeit und dabei uns denken: Ehrlich stiehlt am längsten ...
Während ich aber so weise rede, hebt mein Kanarienvogel wieder zu singen an. Er läßt sich sein Recht nicht nehmen, fröhlich zu sein, und wie er die Lichter auf dem Weihnachtsbaum aufblitzen sieht, meint er, es werde Tag, und jubiliert wie eine Lerche. Am Ende hat dieser gute dumme Vogel doch recht. Wir sollen, das Notwendige mit Anmut tragend, uns freuen an diesem Festabend der kleinen und großen Kinder; wir sollen uns, schon um der lieben Frauen willen, zusammennehmen und die Sorge auf morgen vertagen. Es ist ja nicht der letzte Weihnachtsabend auf dieser Welt. Auch wir erleben bald wieder einen, wo wir singen und jubeln werden.
(Am 25. Dezember 1874)
Zwei Kinder
»Schau, Franzel,« sagte die kleine Marie zu ihrem noch kleineren Brüderchen, indem sie ihn am Fenster emporhob, bis er auf dem Sims stehen konnte, »schau, da drüben fliegt das Christkind, läßt einen Tannenzweig und ein Blättchen Gold fallen, und wo es fliegt, da wird es licht.« Und die beiden Kleinen sahen, warm aneinandergeschmiegt, in den schneefeuchten Abend hinaus, wo die Laternen trüb und schläfrig brannten, während am Rande des Himmels eine düstere Röte hing, die beständig zitterte und bald flammender aufschoß, bald wieder auf sich selbst zurückkehrte. Die Kinder weideten ihre Neugier an dem schönen Schauspiele, zwitscherten vergnügt wie die Vögel und brachen hin und wieder, wenn eine Funkengarbe in die Höhe prasselte, in ein helles Freudengeschrei aus. »Aber wenn das Christkind so lange da drüben bleibt,« sagte nach einer geraumen Weile der Knabe, »so kann es am Ende gar nicht zu uns kommen.« – »O du dummer Franz,« erwiderte das Mädchen mit Überlegenheit, »das Christkind hat ja Flügel, und kaum hast du’s gedacht, so ist es auch schon da.« Endlich taten den beiden Geschwistern die Augen weh vom vielen Schauen; Marie hob den Bruder, der am Fenster mit seinen Händen wie eine Klette hing, vom Sims herab, und sie kehrten wieder zum Tische zurück, auf dem sie, im freundlichen Scheine einer Hängelampe, ihr Spielzeug ausgebreitet hatten. Zwei Tage zuvor war St. Nikolaus gewesen, der sich in Deutschland auf die Bauerndörfer zurückgezogen, in Wien aber nie ohne Bescherung vorübergeht. Franz hatte seinem Nikolo mit der goldenen Bischofsmütze und einem dem seinigen ähnlichen Flachshaar schon ein Bein ausgerissen, um nachzusehen, wie es denn um das Fußwerk von so einem Heiligen stehe; seine braune Schwester dagegen – feurig und treu, wie es die Brünetten zu sein pflegen – behandelte ihren pelzverbrämten Krampus, den sie schon morgens im Bette, da er wie vom Himmel gefallen neben ihr lag, mit einem zärtlichen »du schiecher Kerl!« begrüßt hatte, mit all der Hochachtung, die ein zwar häßlicher, aber in allen Stücken tüchtiger Mann allezeit verdient. Als sie so saßen und ihre beiden Mannsbilder eifersüchtig miteinander verglichen, faßte ein derber Windstoß das Haus, daß es bebte, und jagte das Ofenfeuer mit Flamme und nachqualmendem Rauche in die Stube. Die Kinder fuhren auf, und da das Feuer im Ofen zu summen und zu brummen anfing, was bekanntlich einen Familienverdruß bedeutet, so lief die kluge Marie nach der Salzbüchse und streute eine Handvoll Salz auf die Glut, die sich unter ihrem Zuspruche: »Nicht schelten, nicht zanken!« langsam beruhigte. Franz stand mit gespreizten Beinen und die Hände auf dem Rücken, wie er es oft von seinem Vater gesehen, dabei und sagte mit einem Tone, der so tief war, als er ihn aus seiner kleinen Brust heraufholen konnte: »Du dummes Feuer!«
Vom Spiel ermüdet, bat Franz, indem er halbschläfrig in das Licht blinzelte, sein Schwesterchen, ihm eine Geschichte vorzulesen, da er wohl wußte, daß ihm dann der Schlaf ganz gelingen würde. Marie begann zu lesen: »Vorzeiten war ein König und eine Königin, die sprachen jeden Tag: ›Ach, wenn wir doch ein Kind hätten!‹ und kriegten immer keins ...« Kaum hatte Marie diesen Satz gelesen, als eine so blendende Helle zum Fenster hereinkam, daß die Amsel, die in einer Ecke im Käfig schlummerte, aufwachte und stark zu schlagen begann. Die Katze, die gute Troll, kam vom Ofen hervor und gähnte. Franz aber rief: »Das Christkind! Das Christ ...« Sein Ruf wurde durch einen gellen Schrei der Schwester erstickt, die zum Fenster gelaufen und von dem Anblicke und dem Lärm der Straße bis in die Füße hinab erschrocken war. Sie hielt sich krampfhaft am Fensterbrette, starrte einen Augenblick wie versteinert hinaus, wo sich auf der Gasse die Leute drängten, fieberhaft dahinrollende Wagen rasselten, gellende Signale erschollen und, wie immer, wo sich Haufen sammeln, ein schriller Pfiff dem andern antwortete; dort aber, wo ihr noch vor kurzem eine fröhliche Abendröte aufgegangen war, sah sie die Balken und Sparren eines mächtigen Dachstuhles brennen. »Es brennt, Franzel!« rief sie aus, als der Bruder sich in seiner Angst an ihren Rock gehängt. »Und ach!« fuhr sie fort, indem ihre Stimme zum Weinen herabsank, »wo wird die Mutter jetzt sein?« Nach dem Vater fragte sie nicht, denn den Vater dachte sie sich immer zusammen mit der Mutter. »Sie sind ja ins Theater gegangen,« sagte Franz, »und im Theater ist es ja so schön.« Aber auch ihm schon ging es, als wollte das Weinen kommen, bitter durch die Nase, und als die Schwester, durch das Wort »Theater« aufgeschreckt, mit einem raschen Gedanken nach der Gegend des Brandes schaute, ergriff sie eine namenlose Angst, und sie brach mit dem kleinen Bruder, der an ihr hinaufschaute, in ein heftiges Weinen aus.
Jetzt erst merkten sie, daß sie allein waren. Sie riefen nach der Magd – sie war nicht zugegen; sie versuchten sich an der Haustür – sie war geschlossen; es half nichts, daß sie gegen die Tür schlugen – niemand hörte sie. Da öffnete Marie ein Fenster und rief die Vorübergehenden um Hilfe an. Endlich befreite sie ein fremder Mann, der die Tür eingedrückt hatte und, da er Geschäfte hatte, rasch wieder von dannen ging. Die Kinder waren frei, und ihr erster Gedanke war, ihre Mutter zu suchen. Da gingen diese zwei armen Wiener Kinder barhäuptig hinaus auf die Straße. Es fiel ein regnichter Schnee, der rasch auf der Erde zerging und einen naßkalten Schauer aufsteigen ließ, der bis ins Mark drang. Die Geschwister, fest Hand in Hand, schoben sich durch die drängenden Haufen und gelangten, von der allgemeinen Strömung mitgenommen, in die Nähe der Brandstätte. Am Schottenring, wo die hohen Häuser wie im Feuer vergoldet standen, fragte die kleine Marie, die als echtes Stadtkind im allgemeinen Lärm und Gedränge den Mut wiedergefunden hatte, einen Mann, dessen Seitengewehr ihr Achtung einflößte, ob er ihre Mutter nicht gesehen hätte. Sie sei drinnen im Theater, sagte das Kind, er möge sie herausholen und ihr sagen, daß die Marie und der Franz da seien. Allein der Mann mit dem achtungswürdigen Seitengewehr ließ die Kleinen hart an, indem er meinte, es brenne da nur ein Haus und Menschen seien nicht darin. Als die Kleinen von einer hohen Obrigkeit so schnöde abgefertigt wurden, näherte sich ihnen ein ältlicher Mann und eine ältliche Frau, und nachdem sie sich erkundigt, auf welchem Stadtgrunde die Kinder daheim seien, nahm der Mann das Mädchen, die Frau den Knaben bei der Hand und führten sie aus dem Gedränge in ihre Straße und Wohnung zurück. Die Haustür war noch offen, und während der Mann Erkundigungen über die Eltern einzog, brachte die Frau die beiden Kinder, die vor Frost zitterten und fieberten, zu Bett. Ein Arzt wurde geholt, die Kinder schliefen ein. Die beiden Fremden, zwei Wiener Bürgersleute voll Rechtschaffenheit und Güte, wachten bei den Kleinen. Es war eine lange, bange Nacht. Niemand kam nach Hause, auch nicht die Magd. Nach einer unbegreiflichen Sicherheit schwirrten unheilvolle Gerüchte durch die Luft, und bald wurden Tatsachen bekannt, die Trauer, Angst und Schrecken durch die Stadt trugen. Zuletzt kein Zweifel mehr, daß hundert Menschen, ja Hunderte von Menschen im Ringtheater ihr Flammengrab gefunden.
Da die Kinder ernstlich krank wurden, richteten sich Herr und Frau Huber – so hießen die guten Leute – in der Wohnung ein. Wie sie nun zusammen am Bette der Kranken saßen, so erinnerten sie sich, wie sie auch einst einen Buben und ein Mädchen gehabt, die ihnen aber jung gestorben, und bei aller Empfindung für das Unglück ihrer Schutzbefohlenen tat es doch ihren alten Herzen wohl, daß sie wieder Kinder hatten; denn daß sie von diesen Waisen nicht mehr verlassen würden, war vom ersten Augenblicke an eine nicht anders zu denkende Sache. Sie saßen am Bette, lachten und weinten, küßten bald die Kinder, bald einander selbst, und so wurden sie ihre eigentlichen Kinder. Als Marie und Franz sich wieder erholten, teilte ihnen Frau Huber mit, daß ihre Eltern auf einer Reise begriffen wären, und daß die Kinder, bis zur Zurückkunft von Vater und Mutter, zu ihren Pflegeeltern übersiedeln müßten. Marie machte große Augen, und indem sie nach der Tür sah, weinte sie still vor sich hin. Sie drückte der guten Frau die Hand. »Und du, Franzel,« sprach die Frau zu dem Knaben, »bin ich nicht deine Mutter?« – »Du meine Mutter,« antwortete er, »du hast ja graue Haare und Falten im Gesichte, und meine Mutter hatte braune Haare und rote Backen.« Die gute Frau lächelte und küßte den Knaben, der es sich gefallen ließ.
In der neuen Wohnung war Franz bald zu Hause. Altes Spielzeug, welches Frau Huber noch von ihren Kindern her aufgehoben hatte und immer um die Weihnachtszeit zur Erinnerung hervorholte, nahm seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Zu jung, um ein gutes Gedächtnis zu haben, lebte er ganz in der Gegenwart. Mit Vorliebe bestieg und tummelte er das Steckenpferd, und da die Kindertrompete den Ton verloren hatte, so schrie er ihn in sie hinein, und mit Begeisterung blies er das Wiener Feuersignal, wie er es in jener schaurigen Dezembernacht gehört hatte. Marie dagegen, älter, gescheiter und schon des Lesens kundig, ward immer stiller und nachdenksamer. Eines Abends war ihr von der brennenden Kerze ein Funke auf den Rücken der Hand gefallen; sie ließ ihn ruhig und ohne einen Augenblick zu zucken auf der Haut verglimmen und sann nach über den Schmerz, den es verursachte, und dachte an ihre Mutter, die nicht zurückkehren wollte. Das Mädchen kränkelte innerlich; ein Licht konnte sie erschrecken, das Prasseln eines Zündhölzchens konnte ihr Angst einflößen. Endlich machte sie ein Traum ruhiger und heiterer. Sie war in einem festlich erleuchteten, großen Raume, in welchem viele Menschen saßen. Plötzlich war der Raum von Flammen erfüllt, daß man vor Helle nicht mehr sah, und ebenso plötzlich trat einen Augenblick nachher eine so tiefe Finsternis ein, daß das Feuer aus den Augen zu fahren schien. Marie fühlte sich von einer oft stockenden Menschenströmung fort- und abwärts, dann wieder aufwärts getragen. Als sie dann einen engen, finstern Gang entlang ging – und die Finsternis wurde dick, wie zum Greifen – hörte sie etwas, das das Ohr vor Entsetzen kaum zu fassen vermochte: ein Stöhnen und Wimmern, als ob Tausende hingewürgt würden. Sie ging langsam weiter, wie wenn Blei in ihren Gliedern wäre, denn es biß wie unendlicher Rauch in die Augen, und die Luft war schwer und säuerlich und trieb den Atem in die Brust zurück. Am Ende des Ganges schlug ihr himmelhohe Feuerlohe entgegen, und als sie, sich versengt fühlend und am ganzen Leibe glühend, eben sich zurückwenden wollte, hörte sie eine Stimme, die süßer klang, als keine auf der Welt. Sie rief sie mit Namen: »Marie! Marie!« Und Marie eilte durch die Flammen, sah vom Feuer umgeben die Mutter, stürzte sich in ihre ausgebreiteten Arme, und als das Kind in den Mutterarmen lag, fächelten die Flammen ihr Kühlung zu, und nichts brannte, als der süße Mutterkuß auf dem Munde des armen und seligen Kindes ...
Von dieser Stunde an ward Marie ruhiger und gelassener. Sie fing an, sich an ihre guten Pflegeeltern inniger anzuschließen, und der leichtherzige Franz fand an ihr wieder seine Spielkameradin. Als die guten Leute den Christbaum anzündeten und der Franz vor Wonne jauchzte, stand auch Marie mit freundlichem Anteil dabei. Sinnend und sinnig sah sie zu, wie die Lichter am Baume mit den grünen Nadeln spielten und spitzige Flämmchen in die Luft bliesen. Sie weinte nicht, aber die Augen wurden ihr feucht.
Die braven Wiener Bürgersleute herzten und küßten die Kleinen, und indem sie in heißem Gebete zum Himmel flehten, er möge künftighin ihre geliebte Vaterstadt nicht mehr mit Feuer heimsuchen, priesen sie die Vorsehung, die es verstanden, mitten aus dem Unheile heraus für ihre alten darbenden Herzen ein unerwartetes Glück zu schaffen.
(Am 25. Dezember 1881)
Ohne Mutter
Als ich heuer den ersten Schnee fallen sah und sommerlich gekleidete, leicht beschuhte Kinder erblickte, die blaß und bekümmert über die Straße wateten, summte mir unaufhörlich die Erinnerung an ein rührendes Ereignis durch den Sinn, das in meiner Knabenzeit großes Aufsehen erregt hatte, um, wie das selbst bei den wichtigsten Dingen zu geschehen pflegt, rasch wieder vergessen zu werden. Es war die Geschichte eines Zwillingspaares, eines Knaben und eines Mädchens, die zur Winterszeit auszogen, eine Mutter zu suchen, und nach einigen Tagen im Walde erfroren aufgefunden wurden. Ich habe die beiden Geschwister wohl gekannt, die braune Mali, die so schwere dunkle Zöpfe auf dem Rücken trug, und den blonden Conrad mit den schlichten Haaren und den treuherzigen blauen Augen. Ich bin oft mit ihnen in die Erdbeeren gegangen, habe mit ihnen Schmetterlinge gejagt, und im Winter haben wir einander mit Schneeballen geneckt und sind dem edlen Sport des Schlittenfahrens mit Leidenschaft obgelegen. Da sie hübsch und artig waren, obgleich von ärmlichem Ansehen, hatte sie jedermann gerne. Die Mutter war bei der Geburt der Zwillinge gestorben, und der Vater – ein Taglöhner, der zumeist von Holzspalten lebte – war ein rauher Mann, der im Verdruß über seine üblen Umstände, und dadurch sie immer verschlimmernd, der Flasche mehr als billig zusprach. Als eines Morgens der Vater tot im Bette gefunden wurde, ward es den Kindern recht unheimlich zumute. Fröstelnd in der ungeheizten Stube, saßen sie an dem Tische, auf dem sonst die Wassersuppe als Frühstück gestanden, und ratschlagten in ihrem kindlichen Sinne, was nun anzufangen sei. Oft hatten sie schon die Leute sagen hören: Ja, Kinder, wenn ihr eine Mutter hättet! Und die braune Mali – wie ja die Mädchen stets klüger sind, als die Knaben – hatte einmal eine Nachbarin gefragt: was das denn sei, eine Mutter? Die Nachbarin antwortete dem neugierigen Mädchen: eine Mutter sei eine Frau, welche die Kinder hüte wie ihren eigenen Augapfel; man könne nie frieren, sondern habe immer warm, wenn man eine Mutter besitze. Dieses Wort der Nachbarin trug das sinnige Mädchen mit sich herum, und als sie mit ihrem Brüderchen frierend am leeren Tische saß, fiel es ihr ganz warm auf die Seele, und sie fing an: »Weißt du was, Conrad? Der Vater ist tot, und niemand kümmert sich mehr um uns, als die böse alte Hanne. Wir wollen miteinander fortgehen und uns eine Mutter suchen. Es gibt ja so viele Mütter auf der Welt, es wird wohl auch eine für uns darunter sein.« Conrad hatte nichts einzuwenden gegen diesen Vorschlag, und so machten sich Bruder und Schwester in leichten Kleidchen auf, Conrad ohne viel Vorbereitung, Mali aber erst, nachdem sie ein Stück Brot in die Tasche gesteckt und einen an Schnüren befestigten baumwollenen Muff umgehängt hatte. So gingen die beiden Kinder Hand in Hand zum Tore hinaus, erst der Straße nach, dann auf Fußsteigen durch Felder und Wiesen dem Walde zu. Sie waren von Bauersleuten gesehen und auch wohl angeredet worden; als einer sie verwundert fragte, wie es denn komme, daß sie bei diesem Schnee und dieser Kälte über Feld gingen, antworteten sie ganz gelassen, daß sie eine Mutter suchten. Der Mann sah ihnen eine Weile kopfschüttelnd nach, dann verschwanden sie hinter Bäumen; allein der allgegenwärtige Märchengeist des Volkes hat sie begleitet bis zu ihrem letzten Worte und bis zu ihrem letzten Atemzuge. Als sie in den Wald hineinkamen und die Tannen im Winterschmucke glitzern und blitzen sahen, meinten sie, hier sei es ja schon Weihnachten und ganz so schön wie bei den vornehmen Leuten. Sie konnten sich nicht satt sehen an dieser Pracht und Herrlichkeit; sie gingen von Baum zu Baum, schüttelten wohl auch an einer schlanken Fichte und lachten, wenn ihnen der nasse Staub in die Augen fiel. Als sie ihre Lust gebüßt hatten, gingen sie wieder fürbaß, nur Mali hielt zuweilen an und rief in den Wald hinein: »Mutter! Mutter!« – aber bloß ihre eigene Stimme kam ihr zurück, oder ein geschreckter Specht flog auf, und unter ihm stob der Schnee vom Aste. Als die beiden Kinder weit auf der Höhe an eine Wegscheide kamen und schon der Abendschein die Baumgipfel vergoldete, fühlten sie sich müde und setzten sich unter eine Tanne. Mali nahm das Brot aus der Tasche und fütterte damit den Bruder, der willig den Mund aufsperrte. Ein Frost überkam sie, und Mali steckte die Hände Conrads in ihren Muff. Sie konnten sich des Schlafes, der schwer auf sie fiel, nicht erwehren, und sie schlummerten Hand in Hand und Wange an Wange ein. An einem plötzlich aufstrahlenden Wärmegefühle wurde Mali wach; sie weckte ihren Bruder und sagte zu ihm: »Conrad, mir ist so leicht und warm, das muß die Mutter sein!« – »Ja,« antwortete Conrad, »das ist die Mutter!« Und sich enger aneinanderschmiegend, entschlummerten sie lächelnd und wachten nicht wieder auf. Unser aller Mutter, die Erde, in deren scheinbar harten Entschließungen wir die Liebe nur ahnen können, hatte die armen Zwillinge mitleidig in ihre Arme genommen.
Wie diese zwei Kinder, so suchen viele Menschen ihre Mutter, sei es nun, daß sie erfahren haben, was eine Mutter ist, sei es, daß sie eine Mutter nie besessen. Die Sehnsucht nach dem nur Geahnten ist so stark, wie die Sehnsucht nach dem verlorenen Besitze. Wer keine Mutter hat, der geht doch nur betteln und lebt vom Almosen der Liebe. Denn es gibt nichts Köstlicheres als Mutterliebe, und ihre Macht und ihr Segen sind unerschöpflich. Wie arbeitet und bildet die Mutter an dem zappelnden und schreienden Geschöpf, das in den Windeln liegt – selbst bedürfnislos und für alle Bedürfnisse des Kindes sorgend. Groß wie die Natur, deren Priesterin sie ist, kennt sie keinen Wertunterschied der Dinge, und wo sie liebt, wandelt sich ihr selbst der Kot zu lauterem Golde. Was ihre Hand berührt, veredelt sie. Sie vermittelt das edelste Besitztum, welches ein Volk kennt: die Sprache wird uns mit der Milch eingeflößt, mit Küssen eingeschmeichelt. Wir sagen: unsere Muttersprache, um den traulichsten Reiz unserer Sprache zu bezeichnen und unsere tiefste und herzlichste Freude an ihr zu bezeugen. Wir hören durch unsere Sprache hindurch die Kinderstimme der Mutter, den naiven Laut der Liebe. Die Kinderstube ist eine sprachliche Werkstatt, wo die Kosenamen und Verkleinerungsformen geschaffen werden, und wie ohne Zweifel bedeutende Männer gewisse Wortformen erfunden haben, so haben auch bedeutende Frauen und Mütter bei der Formenschöpfung und bei der Bestimmung des Geschlechtes der Wörter ihre Hand mit im Spiele gehabt. Wenn nicht Liebende den Dual, der mit einem Worte zwei Wesen bezeichnet, erfunden haben, so hat es gewiß die Mutter getan, die sich nicht getrennt denken konnte von ihrem Kinde. Ja, so wenig trennt sie sich von ihrem Kinde, daß dem Verbrecher nichts mehr bleibt als die Mutter, wenn die übrigen Menschen sich von ihm abwenden: über alle Gräuel hinweg waltet noch die Mutterliebe als ein unzerstörbares sittliches Naturgesetz. Es gehört zu den großen Zügen unseres Zeitalters, daß die Enterbten der Menschheit (proles sine matre creata) nach der Mutter suchen, die ihnen mild und liebend entgegenkommt.
Wenn es möglich ist, daß der Mensch aus dem Tode zurückkehrt, so kann es vor allen anderen die Mutter. Im deutschen Märchen besucht die tote Königin jede Nacht ihr Kind. »Sie nahm das Kind aus der Wiege, legte es in ihren Arm und gab ihm zu trinken. Dann schüttelte sie ihm sein Kißchen, legte es wieder hinein und deckte es mit dem Deckbettchen zu.« Und steht nicht geschrieben in dem Buche der Bücher: »Man höret eine klagende Stimme und bitteres Weinen auf der Höhe vor Bethlehem, wo Jacobs Weib begraben liegt: Rahel weinet über ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen über ihre Kinder, denn es ist aus mit ihnen« – und ach, wann könnte Rahel bitterlicher weinen als heutzutage?
Die Mütter sind überall zugegen, und müßten sie das Grabgewölbe durchbrechen. Ihre Seele, ihr sorgendes Gemüt umschwebt uns allerwärts. Und wenn es in einem mutterlosen Hause um den Weihnachtsbaum lichter und wärmer wird – haltet es nur für sicher, das rührt von einer heiligen Gegenwart her: es ist der Atem und es sind die Augen der verstorbenen Mutter.
(1884)
Mutter und Kinder
Wenn der Mann des Gespräches mit Männern satt ist, so rettet er sich zu den Frauen, hat er sich aber auch mit den Frauen ausgesprochen, dann geht er, als zu einer letzten Zuflucht, unter die Kinder. Was der Mann, aus der kühlen, verdünnten Luft des Denkens herabsteigend, sucht, wonach er sich herzlich sehnt, das ist der warme Atem der Natur, der ihm nirgends voller und würziger entgegenquillt als aus dem Munde des Kindes. Wie will er aber den Frauen entgehen? Sie sind überall, und wo ein Kind ist, da sind sie erst recht. Das Kind schreit nach der Mutter, wie in der Wirklichkeit, so auch dem Sinne nach. Das Kind hat in ihr gewohnt, es hat mit ihr geatmet, gegessen und getrunken; als es für die anderen noch gar nicht da war, hat ihm schon die Sorge der Mutter gegolten. Sie sind nicht voneinander zu trennen, und wenn das Leben sie trennt, wenn eines von beiden allein bleibt, gibt es ein Leid, dem kaum ein anderes gleicht. Es ist das stärkste Heimweh, das es gibt. Daher sind Mutter und Kind eines der ältesten Bilder, das die Menschen kennen, das sie nicht erfunden, sondern nur gefunden haben. Der Schein des Überirdischen haftet nur nebensächlich an ihm oder ist aus dem an sich heiligen natürlichen Verhältnisse erst geholt worden. Das Bild bedarf keiner Verklärung, es verklärt sich selbst. Wie rührend ist eine junge Mutter, die selbst noch ein halbes Kind ist, und die trotz Entzückungen und Schmerzen an ihre Mutterschaft noch nicht recht glauben kann und sie mit einer Mischung von Scham und Stolz trägt. Wie fest und schwer aber, eine nicht wegzuleugnende Wirklichkeit, sitzt das Kind auf ihrem Schoße, und der kleine Bengel (sie selbst sagt Engel) langt ihr dreist nach dem Busen, den er ohne weiteres als sein natürliches Besitztum in Anspruch nimmt. Sie küßt das Kind, das sie gestillt, und mit ihm küßt sie den geliebten Mann, ja sich selbst, denn es hat ihren Mund und schaut sie aus ihren eigenen Augen an. Alle Seligkeit, die sie kennt, sitzt auf ihrem Schoße, ruht an ihrer Brust, schlummert in ihren Armen. Die gereiftere Mutter genießt ihr Glück ruhiger, stolzer, nachdenksamer, wenn auch nicht weniger tief; sie kennt die Welt und ihre Sorgen. Und wieder ein reizendes Bild gewährt die Großmutter, welche die Kinder ihrer Kinder um sich versammelt. Sie scheint voll lieblicher Erinnerungen zu sein, wenn ihre Enkel zu ihr kommen, und wenn sie die Kleinen streichelt, wenn sie selbst ihr schön tun, ihr schmeicheln, sie küssen, ist sie überglücklich und lächelt aus allen ihren Falten. Die Kinder ahnen in ihr selbst das Kind und spielen mit ihr wie mit einem älteren Kinde.
Die Kinderstube ist eine große Sache. In ihr kriecht und trippelt, lärmt und tobt die Weltgeschichte in kleinem Maßstabe, sie ist eine Pflanzstätte mächtiger Dinge. Eines der wichtigsten Stücke in der Kindererziehung ist offenbar, dem Kinde, unbeschadet aller geistigen Entwicklung, seine ursprüngliche Kindlichkeit zu bewahren. Das Kind im Menschen ist das Genie, unbefangen in seinen Anschauungen, naiv in seinem Egoismus, und so die Wurzel alles bedeutenden Schaffens. In diesem Sinne ist das Kind der Dichter, der Künstler, der Erfinder, der Gesetzgeber, weil es den Schleier des Vorurteils zerreißt und einen unbefangenen Blick in die Dinge selbst tut. Diese Kindlichkeit dem Kinde zu wahren, sie namentlich gegen den Schulmeister zu schützen, ist die Mutter am geeignetsten. Sie ist ja – selbst in der Stimme – ein großes Kind, ein Genie an Takt und Klugheit und, solange sie unverdorben ist, nicht geneigt, den ihr von der Natur angewiesenen Berufskreis zu überschreiten. Schon durch ihr bloßes Dasein, ihre natürliche Beschaffenheit übt sie die stärksten Wirkungen aus. Neidlos teilt sie dem Kinde ihre Genialität mit, stolz darauf, im Sohne fortzuleben. Sie will, in ihrer reinsten Art, weder Dichter noch Gelehrter sein, und ein Wort Latein oder Griechisch erschiene ihr als ein Flecken auf ihrer geistigen Toilette. Gespräch und Brief, also unmittelbare Äußerung von Person zu Person, sind das Feld ihrer geistigen Meisterschaft. Frau von Sévignés Briefe wird man noch immer mit Vergnügen lesen, wenn längst alle Welt die wenig schmeichelhafte Meinung des großen Napoleon über die Schriften der Frau von Staël teilen wird. Übrigens kann man kaum ermessen, was die Frauen durch die Erfindung des Spinnens, Webens, Strickens, Knüpfens für die Entwicklung der Kultur getan haben. Die ganze Oberfläche des Lebens und der Kunst zeigt die Spuren ihrer erfindsamen und sinnigen Hand. Auch die Schöpfung der Sprache führt zu den mitteilsamen Frauen und in die Kinderstube hinein. Wer hat in der Sprache den zwischen Einzahl und Mehrzahl schwebenden Dual erfunden, die schöne alte Form, wo Zwei sprechen und doch nur Eines – sind es verliebte Paare oder ist es die Mutter mit ihrem Kinde gewesen? Die Grammatik als eine Erfindung der Liebe wäre gewiß eine Erleichterung des Lernens für Mädchenschulen.
Was die Kinder ihrer Mutter verdanken, erfährt das Kind erst, wenn es selbst Mutter wird – der Mann also gar nie oder nur ahnungsweise und lückenhaft. Die Opferfähigkeit der Mutter ist unbegrenzt. Das Leben, sonst das höchste Besitztum des Menschen, achtet sie, sobald das Wohl ihres Kindes ins Spiel kommt, keiner Nadel wert. Die Sage von dem Vogel Pelikan, der sich die Brust aufreißt, um seine hungernden Jungen zu ätzen, scheint eigens für die Mutter erfunden zu sein. Beispiele liefert jeder Tag. Allein nicht eigentlich das äußerste, sondern das tagtägliche Opfer, die Sorgfalt und Liebe, die kein Ende hat, nimmt unsere Bewunderung in Anspruch. Wer betrachtet nicht manchmal mit einem mehr als flüchtigen Blicke die kleinen Kinder, die zur Schule gehen oder aus der Schule kommen? Man sucht gern hinter jedem Kinde seine Mutter, weil es die Mutter nicht verleugnen kann. Es trägt seine Mutter mit sich herum. Kinder aus wohlhabender oder reicher Familie gewähren weniger Interesse als arme Kinder. Arme Kinder sind rechte Mutterkinder, die Hand der Mutter ist sichtbar an ihnen. Kopf und Fuß der armen Wiener Schulkinder sind meistens auf das sauberste gepflegt. An den Kleidern, so dürftig sie sein mögen, sieht man den guten Willen, die Liebe der Mutter. Sie hat sie selbst verfertigt. Für ihr Kind wird sie alles: Putzmacherin, Mädchen- und Knabenschneiderin, ja selbst Schusterin, wenn eine neugierige Kinderzehe durch das Schuhleder brechen will. Aus den abgelegten Beinkleidern des Vaters macht sie Wams und Hosen für den Knaben, aus ihren abgelegten Fähnchen Anzüge für das Mädchen. Und rührend ist es, zu sehen, wie die Mutterhand noch mit der Not spielt und ihr gleichsam ein Lächeln entlockt. Den Kragen des armseligen Mäntelchens besetzt sie mit einem dunkleren Stoff, daß man Pelz zu sehen meint, und am Busen fehlt nicht die Schleife und im Haar nicht das bunte Band. Diese fröhliche Armut ist das Werk guter Mütter.
Freilich reicht in ärmeren Kreisen der gute Wille auch der besten Mütter nicht aus, wenn ihre Kinder aus Mangel an Nahrung, guter Luft und freier Bewegung dahinkränkeln. Die Ärzte kennen ja das Hauptleiden der armen Kinder, das in Wien wie in jeder großen Stadt daheim ist: die Blutarmut mit allen ihren bedenklichen Folgen. Staat und bürgerliche Gesellschaft, wie sie gegenwärtig bestehen, können in dieser Sache nur wenig tun; man ist angewiesen auf die Mildtätigkeit der einzelnen, die allerdings viel vermögen, wenn sie sich aneinander anschließen. Vor geraumer Zeit haben Louise Meißner und Engelbert Keßler einen Wiener Ferien-Kolonien-Verein für Kinder ins Leben gerufen. Großherzige Wiener Frauen, wie die gegenwärtige Vize-Präsidentin des Vereins, Frau Marie Schönecker, geborene Bösendorfer, haben sich an die Spitze des schönen Unternehmens gestellt und bisher die schönsten Erfolge gewonnen. Nun handelt es sich darum, in einer Vorstadt von Wien ein Kinderheim zu schaffen, den leidenden Kleinen ein Haus mit einem großen Garten aufzuschließen. Wird Wien sich spotten lassen, wenn man an es herantritt mit der Bitte um milde Beiträge? Wer möchte nicht bitten für leidende Kinder, und wer möchte es über sich bringen, ihnen eine Gabe zu versagen? Es gilt ja, für die Gesundheit und Tüchtigkeit der nächsten Generation zu sorgen.
Wer glückliche Mutter ist, und wer des Glückes entbehrt, Mutter zu sein – beider Gedanken sind ja doch nur bei den Kindern. Es ist der Wunsch trefflicher Mütter, daß es fremden Kindern so gut ergehen möge, wie ihren eigenen, und nicht minder der Wunsch kinderloser Frauen, daß es fremde Kinder so gut haben möchten, als ob es ihre eigenen wären. In der Mildtätigkeit drückt sich dieser schöne Gedanke praktisch aus.
(Am 24. Dezember 1893)
Aus der Kinderwelt
Wieder ist der Wald in der Stube, und der Geruch des Tannenbaumes, von dem wir doch alle wissen, daß er nichts weiter ist, als flüchtiges Harz, schmeckt uns wie überirdisches Labsal. Es ist die Freude der Kinder, die uns die Sinne so verklärt, die uns das sonst Gleichgültige zum Bedeutsamen erhöht, denn wir sehen heute mit ihren hellen Augen, riechen mit ihren neugierigen kleinen Nasen. Wir Alten werden selbst wieder grün, und unsere grauen Haare sind nur mißverstandene Blüten, und unsere Falten hat die Sorge nur für ein glückseliges Lächeln gegraben. Wie auch das Leben sonst mit uns spielen mag, heute dürfen wir ein Glück genießen, wenn auch nur ein Glück, welches eine Kinderhand umspannt. Der Anblick der glücklichen Kleinen stillt unser unruhiges Begehren, läßt uns auf einen Augenblick unser fieberhaftes Streben und Haschen nach allem Möglichen und Unmöglichen vergessen. Wie das Kind seine Ideale erreicht, sehen wir vor uns. Sein Ideal ist ein saftiger Apfel, eine schimmernde Nuß, und wenn es hochgeht, ein bunter Hansel oder eine aufgedonnerte Gretel. Die Sorge – auch für uns einst eine große Sorge – nämlich ob der Hans und die Grete einander bekommen, ficht das Kindergemüt noch nicht an. Das Kind schaut sich nicht um nach der Quelle, es läßt sich im behaglichen Gefühl des Daseins und der Gegenwart ruhig dahintreiben, als ob das immer so gewesen wäre und immer so sein müßte. Das Paradies in diesem Paradiese ist ihm aber Weihnachten, wo an den Zweigen des Tannenbaumes – keines Baumes der Erkenntnis, sondern der Unschuld – die Erfüllung seiner kühnsten Wünsche hängt. Jede brennende Kerze beleuchtet eine Freude, ist selbst eine Freude. Die Mutter spart daher nicht mit Lichtern (hat sich doch die Biene für uns bemüht!), und ich sehe eine Frau, die zuletzt noch zwei Kerzen für »entflogene Seelen« aufsteckt, die eine für den Vater, der den Kindern fehlt, die andere für das Kind, das ihr der Himmel aufbewahrt. Die Kleinen schauen sie verwundert an, wie sie weint, und sie gedenkt des Glückes, das sie genossen, sieht das Glück, das ihr geblieben, und über ihre von Tränen genetzten Wangen gleitet ein dankbares Lächeln. Weihnachten, das Fest der Kinder, die ein Genie für das Glück und eine große Gabe des Beglückens haben, nimmt auch dem Schmerz seine äußerste Bitterkeit.
Die Kinder – sie sind in der Tat das größte Thema der Welt. Man wird mit ihnen nicht fertig, weder im Leben, noch im Denken und Dichten. Indem ich daran dachte, ihnen zu Weihnachten an diesem Orte ein Geschenk zu machen, sah ich mein Unvermögen sofort deutlich ein. Wäre ich ein Rothschild, ich würde ihnen ein Bergwerk von Lebkuchen verschreiben; wäre ich ein Dichter, ich würde ihnen ein Märchen erzählen. Aber eines wenigstens kann ich tun im Interesse der Kleinen, ich kann den Vätern und Müttern einen bei uns nicht viel gelesenen Dichter verraten, der von den Kindern in der schönsten und würdigsten Weise spricht. Der Dichter ist zwar ein Franzose und hat in Herzenssachen das Vorurteil wider sich; aber schlagt es nur auf, sein Buch, das von den Kindern handelt, und ihr werdet sehen, daß Gemüt und Sinnigkeit nicht ausschließlich ein Gut der germanischen Völker ist. Der Dichter ist kein anderer als Victor Hugo, und das Buch, das ich meine, ist betitelt: »Die Kunst, Großvater zu sein« (»L’art d’être grandpère«). Es ist im vorigen Sommer erschienen und hat mir zur Winterszeit Haus und Herz gewärmt, und ich denke, es ist eine gute Tat, diesem Buche den Weg in die deutsche Familie zu vermitteln. Ohne Umschweif gesagt: es ist ein reizendes und zugleich ein großartiges Buch, reizend durch das zarte Eingehen in das Kinderleben und großartig durch die Gesinnung, in welcher es geschrieben oder vielmehr gedichtet ist. Denn es sind Gedichte, die den mannigfaltigsten Ton anschlagen, von der näselnden Kindertrompete bis zu den tragischen Donnern der Weltgeschichte. Von Victor Hugo kann man lernen, daß man in der Kinderstube nicht notwendig versimpeln muß, daß man kein Philister zu sein braucht, um an den kleinsten Familienereignissen innigen Anteil zu nehmen. Ein Mann, dem kein Gedanke zu hoch schwebt, daß er ihn nicht im Fluge einholte, dem, wenn seine Leidenschaft erregt wird, kein Denken und Empfinden zu kühn ist, er kann stundenlang an der Wiege seiner Enkelin, eines kleinen Geschöpfes von zehn Monaten, weilen, um den Duft ihrer Unschuld einzuatmen, um ihre Bewegungen und Träume mit liebevollem Auge zu überwachen. Er liebt die Wiegen, diese »Nester aus Seide und aus Spitzen«; ihn, den Genius, zieht das Genie des Kindes an; ihr Lallen, ihr Stammeln, ihr »Zwitschern« – wie er es nennt – deutet er als tiefe Offenbarungen der Natur. Es ist rührend, zu sehen, wie dieser Mann, ein Revolutionär als Dichter und als Politiker, mit dieser unendlich kleinen Enkelin spielt, wie sie ihm wichtig wird über alles, wie er vor dieser winzigen Probe der Göttlichkeit im Geiste kniet. Er, der die Sprache oft schleudert, wie ein Titan die Felsblöcke, findet dann die schlichtesten Laute, ja, ihm kommen Worte von einer Einfalt in den Mund, die man diesem wiehernden Phrasenhengst – denn auch in der Phrase ist er zuweilen groß – nicht im mindesten zutrauen würde. Die »schlafende Jeanne« ist ein Thema, das Victor Hugo nicht müde wird, immer wieder aufs neue abzuwandeln. Jeanne schläft. Sie läßt, der arme verbannte Engel, ihre Seele sich im Unendlichen ergehen; so flieht der Sperling in die Kirschenhecke. Bevor sie an dem bittern Kelch des Lebens nippt, versucht sie noch einmal mit dem Himmel anzuknüpfen. Heiliger Friede! Ihre Haare, ihr Atem, ihre blühende Haut, ihre unverständlichen Gebärden, ihre Ruhe, wie ist das alles auserlesen! Der alte Großvater, ein glücklicher Sklave, ein erobertes Land (pays conquis), betrachtet sie. Dieses Geschöpf ist hienieden das geringste und das höchste. Um ihren Mund spielt ein keusches, rätselhaftes Lächeln; wie schön sie ist! Sie hat Fettfalten (wir sagen hierzulande »Schnuzen«) am Halse; sie duftet wie eine Blume. Eine Puppe liegt neben ihr, und das Kind drückt sie zuweilen an das Herz ... Oh, weckt sie nicht! Das schlummert wie eine Rose. Jeanne denkt und fügt sich im Schlafe etwas Himmlischeres als den Himmel zusammen. Von Lilie zu Lilie, von Traum zu Traum sammelt sich der Honig, und die Seele des Kindes arbeitet in den Träumen, wie die Biene in den Blumen ... Victor Hugo verfügt über eine Masse kleiner Züge, die ebenso glücklich beobachtet als poetisch sind. Er läßt der einschlafenden Jeanne seinen Finger, der ihre ganze Hand füllt; ihre kleinen Arme sind kaum noch Arme, sondern Flügel; da sie erwacht, erschließt sie das Augenlid, streckt sie einen lieblichen Arm aus, bewegt erst – wie reizend gesehen und einfach gesagt! – den einen Fuß, dann den andern und fängt so himmlisch zu lallen und zu zwitschern an, daß sich aus der Höhe Köpfe herniederneigen, um sie zu hören. Die Mutter aber sucht nach dem zärtlichsten Ausdrucke für ihre Liebe und sagt zu dem Kinde: Bist du wach, du Ungeheuer?
Victor Hugo ist der zärtlichste, der hingebendste Großvater, und nie haben Enkel eine solche Liebe erfahren, wie George und Jeanne, die verwaisten Kinder seines älteren Sohnes. Er ist ein Parteigänger seiner Enkel, der Kinder überhaupt. In dieser Rolle ist er der Schrecken der vernünftigen Leute, da er durch unberechenbar weitgehendes Mitgefühl ihr Erziehungssystem über den Haufen zu werfen droht. Er ist hier Revolutionär wie überall, Revolutionär aus überquellender Seelengüte. Er macht sich zum Mitschuldigen der kleinen Naschmäuler, indem er Süßigkeiten, die für den Nachtisch bestimmt sind, den Enkeln ausliefert und zu dieser Leckerei arme Kinder von der Straße einladet. Ist ein Kind wegen irgendeines Verbrechens auf trockenes Brot gesetzt, so gesellt er sich zu ihm und spielt ihm den Topf mit eingemachten Früchten in die Hände. Die großen Leute klagen ihm: so könne man das Regiment nicht aufrechterhalten, wenn er alle gesetzlichen Schranken niederwerfe. Er sei ein gemeinschädlicher Mensch, ein Ungeheuer aus Liebe. Halb gibt er es zu, halb wieder nicht. Ein Kind um eines Apfels willen züchtigen? Nein! Nimm deine Rechte mehr in acht, o Bauer, als deine Apfelbäume, und wirf kein Ja in die Urne, wo ein Nein deine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit wäre. Hier springt er als kinderliebender Sophist und Verächter des Bonapartismus in die Politik über. Und aus der Politik kehrt er wieder zurück zu den Kindern. Er sitzt wieder an Jeannes Wiege. Seine Kämpfe gegen Thron und Kanzel stürmen ihm in der Erinnerung durch die Seele; mit gerechtem Selbstgefühl gedenkt er seiner Reime, die wie Taten gewirkt. In diesen Kämpfen sei er vierzig Jahre hindurch stolz, unbezwungen, siegreich gewesen; und nun – mit einem Blick auf Jeanne – habe ihn ein Kind besiegt, ein kleines Kind. Hier ist er biegsam, schwach, ein Held im Gehorchen und Erdulden. Kinderliebe ist ihm Religion. Er hat da merkwürdige Worte: Die Söhne unserer Söhne tun es uns an; ein Kind kann mich dumm machen, und ich habe deren zwei: George und Jeanne; das eine ist mein Führer, das andere mein Licht. Aber diese zwei machen ihn zum Freunde aller Kinder. In dem herrlichen Gedichte: »Die unbefleckte Empfängnis«, das aus dem zartesten Geplauder zu einem mächtigen Zorneston anschwillt, entwirft Victor Hugo das folgende köstliche Bild: Überall Kinder. Wir sind im Tuileriengarten. Mehrere George, mehrere Johannen, mehrere Marien: der eine trinkt an der Brust, der andere schläft. Im Baum eine Nachtigall. Ein Mädchen versucht seine Zähne an einem Apfel. Die ganze heilige Morgenfrühe der Menschheit. Man schwätzt, man lacht; man plaudert mit seiner Puppe, die viel Geist entwickelt; man ißt Kuchen und springt über die Schnur. Man verlangt von mir einen Sou für einen Armen, ich gewähre einen Frank: Danke, Großvater, und man kehrt zum Spiele zurück. Und man klettert, man tanzt, man singt. Oh, blauer Himmel! – Du bist das Pferd. Gut. Du ziehst am Wagen, und ich bin der Kutscher. Hist, hott, halt! Spielen wir Plätzewechseln: Schneider, leih’ mir dein’ Scher’! Nein, Blindekuh ... Das alles ist reizend, sage ich. Und ihr sagt: Das ist abscheulich, das ist die Sünde!... Und nun von Seite des Dichters welches Donnerwetter über jenes Dogma! Man muß das lesen, aber (aus Gründen) nicht hier, sondern im Buche selbst. Und die starken Worte, die er hier gegen die Kirche und einen falsch verstandenen Himmel schleudert, schließen das tiefste religiöse Gefühl nicht aus. Es macht sich am schönsten Luft in dem Gedichte: »Die armen Kinder«. Man solle fein säuberlich fahren mit diesen kleinen Wesen, den Kindern; es sei etwas Großes an ihnen, sie schließen Gott ein. Sie sind seine Gabe, in ihr Lächeln lege er seine Weisheit, in ihren Kuß seine Vergebung. Das Glück sei ihr angeborenes Recht: »Wenn sie hungern, weint das Paradies; wenn sie frieren, zittert der Himmel. Oh, welch ein Grollen des Donners in den Himmelsräumen, wenn Gott, der uns die Kinder mit Flügeln gesendet, sie in Lumpen gehüllt wiederfindet!«
Man sieht, kein Sozialismus, nur die reine menschliche Empfindung. Aber seiner politischen Anschauung, seinem Widerwillen und Zorn gegen die Widersacher seiner Meinung läßt Victor Hugo überall die Zügel schießen. Häufig in seinen Kinderliedern kommt der Politiker zur Erscheinung, und am Schlusse des Buches stehen noch einige Gedichte, die er den Kindern zu lesen empfiehlt, wenn sie einst erwachsen seien. So soll man aus der Kinderstube kommen: ein ganzer Mann und ein ganzer Bürger. Vaterland, Freiheit – die großen heiligen Klänge, die an jedes gute Herz mit Zaubergewalt schlagen, läßt Victor Hugo in diesen Versen mächtig erklingen. Wir streiten nicht mit ihm über seine poetische Behandlung der Deutschen – er ist Franzose; aber unsere Poeten könnten von ihm lernen, wie man ein großer Dichter sein kann, ohne vor den Gewaltigen dieser Welt den Rücken zu beugen, und daß die zarteste Empfindung stolze, trotzige Männlichkeit nicht auszuschließen braucht. Haben sie dies einmal begriffen und diese Einsicht in Gesinnung verwandelt, so kann auch einmal unsern Weihnachtstisch ein Buch in deutscher Zunge schmücken, das mit dem schönen Buche von Victor Hugo um den Preis der Zartheit und Männlichkeit streitet.
(Am 25. Dezember 1877)
Aus der Kinderstube
Geschrieben am Weihnachtsabend 1864
»Oh, wäre ich ein wenig allmächtig und unendlich, ich wollte mir ein besonderes Weltkügelchen schaffen und es unter die mildeste Sonne hängen, ein Weltchen, worauf ich nichts setzte, als lauter dergleichen liebe Kinderlein, und die niedlichen Dinger ließ ich gar nicht wachsen, sondern ewig spielen.« Den ganzen Weihnachtsabend summen mir diese traulichen Worte durch den Sinn, die der treuherzige Walt in den »Flegeljahren« spricht, und ich mußte meinen grün gebundenen, in Gold gepreßten Jean Paul vom Bücherbrett holen, um mich des Wortlautes der gemütvollen Stelle zu versichern. Die Feder will mir aber schier den Dienst versagen, denn alle guten Geister der Weihnachtszeit rumoren durch das Haus. Das ist ein Flüstern und Kichern, ein leises Klopfen an die Wände, ein Huschen und Rascheln und Rauschen, daß man fast an einen Spuk glauben möchte; dazwischen tönen liebliche Kinderstimmen, von freudiger Erwartung und kleiner Ungeduld geschwellt. Auch riecht es im Hause wie harziger Waldesduft, und ein Rauchfaden von Wachskerzen zieht sich ahnungsvoll durch die allzu rasch wieder geschlossene Tür. Geduld ihr Kinder, wißt ihr denn nicht, daß alles Zögern nur den Sinn hat, euch zu überraschen? Ihr seid ja die Könige dieses Festes, und nie sind einem Machthaber der Welt treuere und mehr von Herzen gehende Vasallendienste geleistet worden, als euch. Wenn ihr, liebliche Tyrannen, die unumschränkte Gewalt kennen würdet, die ihr über unsere Gemüter übt! Stärkere Bande, als welche Kinder zwischen Menschen knüpfen, gibt es nicht auf dieser Erde. Man hat euch Unterpfänder der Liebe genannt, und ihr seid’s, denn wie oft, wenn der Rausch der Leidenschaft verraucht ist und die Nüchternheit ihr Grau in Grau zu malen beginnt, zieht ihr wieder goldene Fäden zwischen den einander entfremdeten Herzen, ja wenn ihr hingestorben seid in frühem Alter, schwebt ihr noch als einende Schutzengel über Mann und Weib. Ihr seid der nie versiegende Jungbrunnen der Liebe, in den man kein einziges Mal ohne die kräftigste Herzstärkung steigt. Die alte schöne Legende vom langen Christoph erzählt von euch und uns, wie dieser baumstarke Heide ausging in die Welt, um den mächtigsten Herrn zu suchen, und nachdem er selbst den Teufel als zu schwach befunden, einem Kinde den Nacken beugte. In dieser Geschichte sehen wir uns alle versinnbildet. Wem alle Herrlichkeiten hienieden nichts anzuhaben vermochten, wen selbst das Auserlesenste dieser Welt: ein schönes und gutes Weib nicht zu bändigen wußte – vor einem Kinde, das ihn mit unschuldsvollen Augen anschaut, das ihm die hilflosen Händchen entgegenstreckt, wird er klein und demütig. Solch ein schwaches Geschöpf, das ein Windhauch umwirft, bändigt den wildesten Mann, und wäre ich ein Poet, ich wollte euch die Geschichte von einem Vater erzählen, der von seinem Kinde erzogen wird, und die euch gewiß rühren müßte. Aber selbst hilflos wie ein Kind, schlummert sie mir im Gemüt, und ich kann sie, ob mich auch tausend Wehen plagen, nicht entbinden. An solchen Tagen, wie der heutige ist, kann es einen schmerzen, kein Dichter zu sein.
Und da ich nun nicht fliegen kann, gehe ich gut bürgerlich zu Fuße und schaffe mir einen Stock, auf den ich mich stütze. Mir sind allerhand Bilder durch die Hand gelaufen, die sich als Weihnachtsgeschenke empfehlen. Da halte ich einen säuberlich gearbeiteten Kupferstich fest, der mich als ein Idyll der deutschen Familie aufs lieblichste anmutet. Es ist das Bild: »Nach der Taufe,« von Ludwig Knaus. Wie ich die grauen Schatten anblicke, werden sie warm und lebendig, und da blüht das früher geschaute Werk in heiteren Farben vor mir auf, gleich wie eine dürre Jerichorose, im Advent ins Wasser gestellt, um Weihnachten wieder lebendigen Trieb in sich verspürt.
Ein Fatschenkindlein, kaum vierzehn Tage alt, ist der Held dieses liebenswürdigen Gemäldes. Es wird nach Jahren einmal erfahren, daß es heute getauft worden, und wie hoch es bei dieser Gelegenheit hergegangen. Wie es jetzt daliegt, in rot geränderten Flanell gebunden, mit einer von blauen Seidenbändern besetzten Haube angetan, hat es keine Ahnung, daß es dem natürlichen Heidentum, welches wir alle mit auf die Welt bringen, soeben abgesagt und Glied einer höheren Gemeinschaft geworden, ja es weiß ebenso wenig wie wir, die ihm neugierig ins Gesicht gaffen, ob es ein Mägdlein ist oder ein Knabe. Die Wahrheit zu sagen: Das Ding schaut herzlich dumm, und als ob es von einem scharfen Lichtstrahl geblendet wäre, in die Welt hinein, und gewiß ist die ganze unergründliche Mutterliebe oder das eifersüchtige Selbstgefühl des Vaters vonnöten, um diese Kinderzüge, welche die Natur kaum aus dem Groben herausgearbeitet, schön zu finden. Wie bedenklich ist die tief eingesattelte Nase noch in Unordnung, wie unreif Mund und Stirne, und wie notdürftig kann der innere Mensch zu den Augen, den lieblichen Fenstern der Seele, herausschauen! Und doch ist es schon mehr als acht Tage her, seit der mittelbare Urheber dem Neugeborenen den ersten Kuß (ein ausschließlich im Rausch der Vaterfreude genießbares Glück) auf den Mund gedrückt. Dem jungen Geschöpf kommt unsere kalte Welt bei jedem Atemzuge noch untröstlich vor, denn es träumt noch von der schönen Wärme, die es – dem dunklen Gefühl muß es wie eine Ewigkeit vorkommen – mütterlich umhüllte. Aber siehe, für das verlorene sonnenwarme Eden winkt hinten in der Bauernstube als mächtiger Tröster der grüne Kachelofen, und was mehr bedeutet als alle grünen Kachelöfen der Welt – Teilnahme und Liebe kommt dem Kinde von allen Seiten entgegen. Ja wir fürchten, dem armen Wurm droht mehr Liebe, als ihm gesund sein wird. Der treffliche Pfarrer des Ortes, der seine gedeihlichen etliche und sechzig Jahre mit behäbiger Gelassenheit trägt, schaukelt, inmitten der Stube sitzend, den jungen Weltbürger auf seinen Armen und ist in liebevolles Anschauen des kleinen Meerwunders dermaßen vertieft, daß wir ungeladenen Gäste des Taufschmauses nicht einmal seine gemütvollen Augen (denn gemütvoll müssen sie sein) erschauen können. Dem Pfarrer zur Rechten steht ein altes Bäuerlein, dem die Augen vor lauter Wollust des Schauens schier aus dem Kopfe fallen wollen, und zur Linken des geistlichen Herrn beugt sich ein mit einer schwarzen Florhaube aufgeputztes Mütterchen über das Antlitz des Kindes, als wollte es sich selbst (man kennt den Zauber) im Wasserspiegel eines Kübels sehen. Wir hören das liebe Geschwätz der guten alten Leute: wie das Kind dem Vater gleichsieht! meint die Alte – nein, der Mutter! wirft das graue Bäuerlein ein, und beide meinen das Gegenteil des Geschlechtes, nämlich im Grunde jedes sich selbst. Mit nichten, sagt gelassen der geistliche Herr, die Nase hat das Kind vom Vater, von der Mutter aber die Augen – und Hochwürden bedenken nicht, daß besagtes Kind fast noch keine Nase und kaum etwas, das ein Christ Augen nennen wird, im Kopfe hat. Wie dem auch sei, jene zwei alten Bauersleute sind die schlimmsten Feinde des gefeierten Täuflings, sie sind seine Großeltern. Sie werden mit der Zeit die Erziehungsmethode der Eltern kreuzen, dem Kind Zuckerwerk zustecken und es verhätscheln, als gäbe es keine Schwerkraft in der Welt, keine Rippenstöße und Ohrfeigen. Ach, die Gebeine der guten Alten werden längst modern, und du, o Kindlein, seiest du nun ein Bub oder Mädchen, wirst dann erfahren müssen, welch ein hartes und herbes Ding das sei, was man Leben nennt. Wir gönnen dir deinen Kindheitshimmel, mögest du nicht allzu jäh auf die Erde fallen!
Doch hast du einen Schutzengel, einen holdseligeren kann man sich kaum wünschen. Es ist die lieblich erblühende Jungfrau, rotes Häubchen auf blondem Haare, die jenem alten Strobelkopf – deinem Großvater – über die Achsel schaut. Wie alle geistig gesunden Mädchen sich als künftige Mütter denken oder träumen, so scheint auch diese bäuerliche Schönheit, indem ihr Blick auf dem Täufling ruht, mit ahnungsvoller Seele über jenen rätselhaften Brunnen, aus welchem die Kinder geschöpft werden, zu schweben. Ein holdes Unschuldsgesicht, in welchem die Geheimnisse der Liebe traumhaft aufdämmern. Sie ist die Schwester der Mutter und Pate des Kindes. Ihr Schützling wird viel Liebe bei ihr finden, doch nicht übertrieben, denn Klugheit und Energie können ihre Züge nicht verleugnen; nur steht zu befürchten, daß sie zu rasch aus dem Haus heiraten werde, denn jetzt schon laufen ihr die jungen Bursche des Dorfes auf Tritt und Schritt nach ...
Diese ganze Gruppe, deren Mittelpunkt das Wickelkind, nimmt die rückwärtige Langseite der zum Taufschmaus hergerichteten Tafel ein. Auf der Bank gegenüber, den Rücken gegen unser Auge gekehrt, sitzt sehr nachlässig (denn die Gouvernante weilt noch in Genf) ein junges Mädchen, die Ellbogen auf den Tisch gestemmt und gleichgültig dreinschauend; der wohlbeschlagene Schuh ist ihr vom rechten Fuß gefallen, so daß man letzteren in seiner naturwüchsigen Schönheit durch den eng anliegenden Strumpf hindurch bewundern mag. Neben ihr, aus dem lang herabfallenden Tischtuch, taucht ein schwarzer Rattenfänger auf, der vor lauter Haaren kaum aus den Augen schauen kann; aber die weit heraushängende scharlachrote Zunge predigt überzeugend genug die von Kaffeegeruch und Kuchenduft aufgestachelte Gier nach Fraß. Was dieses aufgeregte Tier gern tun möchte, vollbringt in reichlichem Maße sein Tischnachbar, ein junger, kräftiger Bauernbursch, welcher, völlig unberührt von der feierlichen Gelegenheit, seinem Kaffee und dem stattlich aufgegangenen, von Rosinen durchspickten Gugelhupf tüchtig zusetzt. Nicht einmal die neben ihm zur Tür hereintretenden neuen Gäste vermögen ihn in seiner eifrigen Arbeit zu stören.
Und Vater und Mutter? wird man fragen. In einem Lehnstuhle sitzt die Wöchnerin, eine liebliche schlanke Gestalt, und wendet kein Auge von ihrem Jüngstgeborenen. Ihr Gesicht erstrahlt im höchsten und verführerischsten Glanze weiblicher Schönheit, der immer vorhanden, wo ursprünglich edle, aber durch physische Leiden alterierte Züge von einer innigen Gemütsfreude verklärt werden. Nur glauben wir, daß diese an sich so schöne und erquickliche Frauengestalt durch einen Mißgriff in diese Bauernhütte geraten sei; sie scheint mehr Bildung zu besitzen, als ihre bescheidene Lage mit sich bringt: den Auerbach hat sie jedenfalls gelesen und vielleicht auch den Schiller. Desto bauernhafter und fast in unerlaubter Weise uninteressant ist der betreffende Vater. Von seinem neuen Glücke scheint er fast nichts zu wissen, er beschäftigt sich mit einem älteren Töchterchen, das er in den Armen hält, und welchem er Backwerk in den Kaffee tunkt. Vater und Mutter, sowohl jedes für sich als in ihrem Gegensatze betrachtet, zerreißen ein wenig die glückliche Stimmung des übrigen Bildes, und der die Stube erfüllende Kaffeeduft, welcher, gleich einem Atem der Behaglichkeit, aus den bunt geblümten Geschirren raucht, hat viel Mühe, die Einheit der Stimmung wieder herzustellen. Einiges zu diesem Behufe tut auch die in der Behausung vorhandene Literatur, eine Bibel und ein Kalender – Schriftwerk genug, um den Bedürfnissen sowohl der Welt als der Ewigkeit zu genügen.
Wie aber hätte ich Zeit und Raum, die aufdringliche alte Schwiegermutter Kritik zu Wort kommen zu lassen? Hinter mir brennt schon der Weihnachtsbaum, und wenn ich nicht rasch abbreche, stürmen mir die Kinder den Schreibtisch.
(Am 28. Dezember 1864)