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Heimat: Erzählungen

Chapter 6: Nichts Besonderes
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About This Book

The collection gathers short narratives set in small-town environs, sketching everyday lives and interpersonal tensions among shopkeepers, mothers, soldiers, and neighbors. Scenes emphasize domestic detail, local gossip, and the strain of wartime conscription that upends households, revealing fears, quiet loyalties, and conflicting judgments. Recurring motifs include maternal devotion, social reputation, and the interplay between private longing and communal expectations. Each tale focuses on ordinary crises—separations, secrets, modest joys—and uses plain, observant prose to illuminate characters' interior responses and the rhythms of provincial community life.

Nichts Besonderes

Es waren »Neue« gekommen. Am Morgen hatte sich der Saal geleert; ein Lazarettzug hatte alles, was transportabel war, nach irgend einem Heimatlazarett geführt; jetzt, am Nachmittag, füllte er sich wieder.

Das ist nicht ganz so einfach, als es hier erzählt wird.

Es gäbe ein trauriges und blutiges Blatt, wenn geschildert werden sollte, wie sie ankamen. »Auf Bahren und auf Wagen getragen und geführt.«

Wie sie aussahen, ehe man ihnen die Kleider auszog oder auch nur vom Leibe schnitt, ehe man sie wusch und bettete und verband, ehe man sie, ermattet wie sie waren, speiste und tränkte.

Wie der Saal aussah, so lang das wirre Durcheinander von zerrissenen, blutigen, bestaubten Dingen haufenweise den Boden und die Stühle bedeckte.

Aber das soll hier nicht geschehen. Wozu das alles noch einmal heraufholen? Das lag nun alles hinter ihnen.

Lärm, Feuer, Rauch und Blut, Stöhnen und Geschrei war draußen.

Nun hatte sich die Tür hinter ihnen geschlossen und es geschah ein Aufatmen des Geborgenseins, trotz Schmerzen und Wunden.

Man darf sich nicht vorstellen, daß hier in diesem Saal viel gejammert wurde. Das haben unsere Leute nicht im Brauch. Sie sähen es auch nicht gern, wenn auf diesem Blatt viel von ihren Wunden die Rede wäre. Das ist auch nicht die Absicht. Es soll von etwas ganz anderem erzählt werden.

Zwar es beginnt mit dem schwersten und letzten der Erdendinge, mit dem Tod.

Da lag ein schöner, blonder Jüngling, fast ein Knabe noch.

Bauchschuß. Er hatte nur noch Stunden zu leben.

Marmorbleich die Züge, merkwürdig hoch und klar die Stirn, feucht und wirr das Kraushaar, um den jungen Mund ein Schmerzenszug.

Ab und zu hob er mühsam die Lider, dann leuchtete es tiefblau darunter hervor; aber nur einen Augenblick, so fiel der Vorhang wieder zwischen ihm und den andern.

Aus dem Saal nebenan kam einer herüber. Er wußte, die Neuen waren Holsteiner und Jäger gleich ihm. Vielleicht daß er Kameraden fand.

Er war so jung wie der andere, der Schwerverwundete. Als er an dessen Bett stand, ging ein jähes Erschrecken über sein Gesicht,

»Du?« sagte er, »das bist du?«

Der andere öffnete die Augen. Sie erkannten den Freund und versuchten ein Grüßen. Das wollte nicht gelingen.

Die Schwester kam von einem andern Bett herüber.

»Sie kennen ihn, Düring?«

»Er ist mein bester Freund, mein – mein Kamerad.« Er brachte es schwer heraus, es würgte ihn im Halse.

Sie fragte ihn nichts mehr. Die andern auch nicht. Er setzte sich auf den Bettrand und legte seine warme Hand auf die feuchte, kühle, blasse.

So tat er lange. Die andern schliefen in der Dämmerung ein, müde, erschöpft. Hie und da schreckte einer auf, rief ein wirres und hastiges Wort in die Stille hinein, man merkte, in seinen Träumen wogte der Kampf.

Dann, auf ein beruhigendes Wort, ward wieder Stille.

Die Nacht kam herbei. Der Doktor sah die zwei Freunde beisammen.

»Lassen Sie mich hier sitzen,« bat der eine. Seine Augen sagten das Übrige. Er tat keinen Wank von dem Bettrand weg.

Der Doktor nickte Gewähr. Er hatte hier selber nichts mehr zu tun; es dauerte auch wohl nicht mehr lange.

Der Atem ging leicht und leise, das Herz tat zögernde Schläge.

Hie und da ein Flüstern; dann beugte sich der Kamerad zu dem blassen Munde. Aber es war gleich wieder still.

Wie die Nacht vorrückte, ging auch der letzte Hauch in ihre große Stille über.

»Hast du etwas gesagt, Richard?«

Des Wächters Gedanken waren einen Augenblick in ihre gemeinsame Kinderheimat gegangen, in die sorglosen Sonnentage. Wie lang das wohl her war? Drei waren sie gewesen. Der dritte Freund war noch daheim und härmte sich, daß er noch nicht genommen wurde.

Als die Gedanken, von einem Ton in Hauchesstärke angerufen, köpflings zurückkehrten, war es vorbei.

Am Morgen sah die Schwester mit Staunen, wie schön, trotzig-kühn und sieghaft das Gesicht des jungen Schläfers war, und daß ein fast heiteres Lächeln die schmerzlich gepreßten Lippen geteilt hatte. Und auch mit Staunen sah sie, daß seines Freundes knabenhafte Züge über Nacht ein Stück reifer und tiefernster Männlichkeit bekommen hatten.