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Heimat und Fremde

Chapter 18: September.
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About This Book

The volume gathers lyric poems that draw on rural and small‑town scenes, seasonal cycles, and natural detail—rivers, vineyards, forests, churches, and night skies—to meditate on belonging, memory, and loss. Many pieces pair devotional language and civic affection with elegiac responses to wartime bereavement, shifting between intimate walks, watchful night vigils, and communal rituals such as bell‑ringing and Easter imagery. The voice moves from affectionate description to yearning and prayer, combining local topography and everyday life with reflections on home, exile, and the persistence of hope amid sorrow.

Heimat und Fremde.

Gedichte von Franz S. Gschmeidler.

1920.

Verlag der »Mödlinger Nachrichten«, Mödling bei Wien.

Donauland.

Heiliger Name, der fromm wie Gebet
Auf den Lippen von Tausenden steht,
Schmeichelnd ums Herz wie Mutterhand:
Donauland!
Rebenumsponnen spiegelt dein Bild
Tief sich im Strom, dem mächtigen, mild,
Der dich umkränzt mit silbernem Band,
Donauland!
Uralter Boden, mit Herzblut gedüngt,
Immer erhobst du dich wieder verjüngt
Gleich einem Phönix aus glutendem Brand,
Donauland!
Deine Schollen trat oft der Tod,
Oft, seit der Nibelungen Not,
Viel des Streits deinem Boden entstand,
Donauland!
Aber du prangst wie die schönste der Frau’n:
Deine Reben sind Gold, blührot deine Au’n
Und vom Brote duftet dein Ackersand,
Donauland!
Donauland — wer das Wort nur spricht,
Redet Musik, formt ein Gedicht,
Wie’s noch kein Dichter schöner erfand:
Donauland!
Wer dich nennt, ruft Erinnerung wach,
Wer dich kennt, geht dir sehnend nach,
Immer in Liebe dir zugewandt,
Donauland!

Mödling.

Willst du Mödling lieb gewinnen,
Steig den Frauenstein hinan
Oder auf des Kirchbergs Zinnen,
Schau die Stadt von oben an!
Unter dir, ein Riesenfächer,
Liegt der Häuser bunte Meng’,
Hohe Giebel, graue Dächer,
Wirre Gassen, breit und eng.
Über all dem siehst du ragen
Hoch der Othmarkirche Bau
Als ein Hort von frommen Sagen,
Stolz und ernst und wettergrau.
Und das alte Rathaus drüben,
Von Jahrhunderten umkreist,
Ist sich immer gleich geblieben,
Herrscht auch drin ein neuer Geist.
Noch ein Zeuge ferner Jahre
Steht im lauten Stadtgewühl:
Dunkler Kirchturm ragt ins Klare,
Wo die Straße weist zur Brühl.
Niedre Häuser, schmale Gärten
Schmiegen sich ans Felsgestein,
Schwarze Föhren von den Höhen
Trotzig schau’n ins Tal hinein.
Und die Wälder, die da grünen
In verschwiegner heil’ger Pracht,
Halten mit den Burgruinen
Hoch auf Bergen treue Wacht.

Halten Wacht, daß deutsche Sitte
Und der Väter Brauch und Recht
Walte fort in Haus und Hütte,
Rein bewahrt und ungeschwächt.
Segne Gott euch, deutsche Schollen!
Dich, du Stadt, die drauf erblüht!
Segen jedem, dessen Wollen
Sich um dein Gedeih’n bemüht!

Am Frauenstein.

Als mild der Tag die Augen zum Schlummer zugetan,
Stieg ich auf dunkeln Pfaden den Frauenstein hinan.
Tief unter mir lag friedlich die große, bunte Stadt,
Die hohe und niedere Häuser mit Gärten dahinter hat.
Schon blitzten in manchen Fenstern die ersten Lichter auf,
Und von der Othmarkirche klang Aveläuten herauf.
Blaunebel stiegen und woben ums graue Felsgestein,
Wie warmes Herzblut tauchte das sinkende Sonnlicht drein.
Und seltsam leise harfte der Wind durch Tann und Ried,
Es klang als säng’ einem Kinde die Mutter ein Wiegenlied.
Mir war so ernst zumute, als wehte Geisterhauch
Durchs schwarze Geäst der Föhren und um mich selber auch.
Da griff’s mir an der Seele, da legt’ ich Hand in Hand
Und schaute feuchten Auges hinunter aufs stille Land.
»Herrgott«, so sprach ich betend, »laß du mein Österreich
Von Streit und Schmerzen gesunden, an denen es überreich!
Gieb Friede wie am Abend in Hütte und in Haus
Und scheuch aus allen Herzen den finstern Haß hinaus!
Gib Friede allen, allen, soweit das Auge reicht,
Und mach die Lebensbürde, die schwere, allen leicht!
Gib allen Müden Träume, die süß und selig sind...«
Mir war’s, als spräch’ ein Amen in mein Gebet der Wind.

Eine alte Stadt...

Eine alte Stadt, eine liebe Stadt,
Die hohe und niedere Häuser hat
Und tief in Gärten liegt versteckt,
Mit Duft und Blüten zugedeckt.
Zwei finstere Kirchen mit steilen Türmen
Schaun drüber, als wollten die Stadt sie schirmen
Und all die vielen heimlich segnen,
Die in den Straßen sich begegnen.
Eine stille Stadt, eine graue Stadt,
Die ringsum schwarze Wälder hat
Und Bergeshöhn und Burgruinen,
Die viel von Not und Waffenstreit
Aus längst verrauschter ferner Zeit,
Von guten und von bösen Tagen
Zu künden wissen und nicht sagen...
Eine liebe Stadt, eine traute Stadt,
Die plätschernde Brunnen am Marktplatz hat
Und winklige Gassen und Mühlen und Brücken
Und Linden vorm Tor, die bedächtig nicken.
Dies alles lieb’ ich und halt’ ich in Ehr,
Als ob’s meiner Eltern Erbteil wär’,
Mit ihrem Segen mir verschrieben,
Es bis ans Lebensend’ zu lieben.
Eine alte Stadt, eine stille Stadt,
Die mir das Herz bezaubert hat
Und mich mit Eisenklammern hält,
Nicht fortzugeh’n in die fremde Welt.
Denn draußen weit am Friedhofsrain,
Da schließt ein Grab mein Liebstes ein...

An den Frühling.

(1919.)

Wieder blühts in Busch und Bäumen
Und auf Wiesen gelb und blau —
Aber ach wie viele liegen
Tot auf ferner, fremder Au!
Durch die Aecker gehn die Pflüge
Und das Korn liegt ausgesät —
Bitter ist es sterben müssen,
Wenn die Welt in Blüten steht!
Laut der Kuckuck schreit im Walde,
Lauer Wind geht düfteschwer —
Wie tut weh da der Gedanke:
Den du liebst, der kommt nicht mehr!
Und der Lenz bringt Rosen wieder,
Junge Sonne, neues Glück —
Warum bringt er aus den Gräbern
Uns die Toten nicht zurück?
Unsre Söhne, die gefallen,
Die verströmt ihr Herzblut rot?
Unsre Besten, die gegangen
Für die Heimat in den Tod?
Jetzt, da Eisentritt der Schlachten
Stampft durchs maiengrüne Land,
Willst du, Frühling, Rosen zaubern
Aus der Gärten Qualm und Brand?
Geh und wasch dein Sonntagslächeln
Lieber dir vom Angesicht
Mit den Tränen, die wir weinen,
Doch mit Rosen schmück dich nicht!

Nimm den Bäumen ihre Knospen,
Scheuch die Lerchen aus der Höh’
Und den Himmel hüll in Wolken,
Denn dein Blühen tut uns weh!

Ich ging durch die Felder.

Ich ging durch die Felder zur Mitternachtszeit,
Da prangte der Himmel im Sternengeschmeid.
Ein Wässerlein schlich sich entlang den Rain,
Das blinkte wie Silber im Mondenschein.
Längst schliefen die Winde in Rohr und Halm;
Blau dampfte der Nebel wie Weihrauchqualm
Und fegte mir Düfte über den Weg.
Müd rauschte der Bach unterm Brückensteg,
Auf dem ich wie traumversonnen stand
Und Ausschau hielt auf das schlafende Land,
Das blankte und gleiste aus Fernen her
Tauperlenvoll und blütenschwer.
Ganz nah im Busch wo am Wiesenhang
Nur spät ein Vogellied noch klang,
Das trunken aus Heckenrosen stieg
Und schluchzte, bis es plötzlich schwieg,
Als hätte jäh sein süßes Lallen
Die Müdigkeit des Schlafs befallen.
Ich horcht’ ihm zu, bis schwand sein Ton.
Dann ging ich leis’ und scheu davon,
Um nicht durch meinen Tritt zu wecken
Den kleinen Vogel in den Hecken,
Der noch im Schlaf sich sang so spät
Ein glückdurchhauchtes Nachtgebet.

In sternenarmen Nächten...

In sternenarmen Nächten,
Wenn feuchter Nebel braut
Und durch die Wolken der bleiche,
Wehmütige Vollmond schaut;
Wenn schwarze Wasser rauschen
Durch Feld und Heidemoor,
Der Nachtwind verstohlen wispert
Im schläfrigen Binsenrohr;
Wenn längst in den stillen Gassen
Das letzte der Lichter verglüht:
Dann geh ich, das Herz voll Träume,
Durchs Land wie ein spätes Lied
Im Schweigen der schlafenden Dörfer
Ganz mutterseelenallein,
Und niemand ist mein Begleiter
Als der traurige Mondenschein.

Das erste Schneeglöckchen.

Der Tauwind ist kichernd durchs Land geschlichen,
Sein warmer Wind zerküßte den Schnee,
Frostblumen sind an den Fenstern verblichen,
Seine Eisketten sprengte klirrend der See.
Am Waldrand ein Schneeglöckchen, das erste von allen
Im weißen Hemdchen steht frierend im Moos:
Ein Liebesgedanke, zu früh entfallen
Dem Frühling, der selbst noch heimatlos.

Osterglocken.

Die Verstummten singen wieder
Hoch von steiler Türme Rand
Und ihr Dröhnen rauscht hernieder
Schwerem Regen gleich ins Land.
In die Tiefe, durch die Düfte,
Die aus Aun und Wiesen wehn,
Über Klüfte, über Grüfte
Hallt ihr Lied vom Auferstehn.
Nach dem Liede lauschen alle,
Die im Staub der Straße ziehn,
Überwältigt von dem Schalle
Hoher, heiliger Melodien,
Die den dumpfen Glockenhöhlen
Sich entrungen selbstbefreit,
Sturmbeschwingte Jubelseelen,
Kündiger der Ewigkeit.
Alle, die nach Glück noch fragen,
Deren Gang ein Blütengang;
Alle, die ein Leid beklagen,
Ruft zu sich der mächtge Sang
Aus den Höhn, der durch die Trübe
Trägt die traute Wundermär
Von der gottgewordnen Liebe,
Die viel tiefer als das Meer.
Von der Liebe, die noch größer
Als der Menschheit ganzes Leid,
Die mit uns geht als Erlöser
Ungesehn durch Raum und Zeit;
Von der Liebe, die gestorben,
Die von Tod zu Tode drängt,
Dennoch lebt und lichtumworben
Gräber öffnet, Särge sprengt...

Und die Glocken singen’s allen,
Die mit Mühn beladen sind;
Brausend ist ihr ehern Schallen
Wie der wilde Märzenwind:
Menschen laßt den Haß vergehen,
Daß nur Liebe fürder spricht
Und auf jeder Stirn zu sehen
Glanz vom Heilandsangesicht!
Wie aus winterdunkeln Stunden
Aufersteht das weite Land,
Das aus Blüten sich gewunden
Selbst ein schimmernd Brautgewand,
Sollt auch ihr beim Osterläuten
Auferstehen unbetrübt
Und die Hände segnend breiten
Über alle, die ihr liebt!

März.

Im Gäßchen spielt eine Kinderschar.
Am nahen Hausdach singt ein Star
Hinein in den Lärm der Buben.
Weit offen Türen und Fenster stehn.
Die Düfte von Hyazinthen wehn
Heraus aus den stillen Stuben.
Ein lauer Wind streicht übers Dach
Und küßt die ersten Blumen wach,
Die vielen blauen und weißen.
Der Star am Hausdach singt sein Lied,
Er singt und singt und wird nicht müd,
Den Lenz willkommen zu heißen.

Ich will vergessen...

Die jungen Finken lärmen
Im dunkeln Tannenhag.
Ich muß mich grämen und härmen
Um Dich bei Nacht und Tag.
Durch Wipfel und Blütenbäume
Die Schauer des Frühlings weh’n.
Ich spür’ durch meine Träume
Ein trauriges Sehnen geh’n.
Wild stäubt um Hochlandsfirnen
Der Wind mit Singen und Schrei’n.
Ich bin ganz stille geworden
Und schweig in mich hinein.
Ich will ins Elend wandern
So weit mich trägt der Fuß
Und fern von Dir vergessen,
Was ich vergessen muß.

Stummes Scheiden.

Die Nacht war ohne Sterne,
Blaunebel zog durchs Laub,
Er wirbelte durch die Lüfte
Wie aufgewühlter Staub.
Da gingen wir miteinander
Weit über die Wiesen fort,
Gesenkt die Häupter traurig
Und sprachen nicht ein Wort.

Am Rain nur, als wir schieden,
Da blickten vom Boden wir auf —
Du gingst den Weg hinunter
Und ich den Weg hinauf.
Wir reichten uns nicht die Hände
Und blieben ernst und stumm;
Wir gingen und keines schaute
Sich nach dem andern um.

Die letzten Rosen.

Die letzten Rosen fielen
Verblichen in den Staub
Und wilde Winde spielen
Sich mit dem Blütenraub.
Im Hain, wo’s still geworden,
Regt sich kein Singen mehr.
Die Wolken ziehen von Norden
Wie Nebelfrauen daher.
Verwelkte Gärten breiten
Sich weit ins Land hinaus.
Nun kommen stille Zeiten
Und alles Blühen ist aus.
Nun muß der Frühlingsglaube
In grauer Luft verwehn
Und tief im Menschenherzen
Die Sehnsucht schlafen gehn.

Hochsommernacht.

Wie Sonnwendfeuer auf Berghöhn betet,
So flammt, von Blut der Rosen umrötet,
Brennende Sommerblumenpracht
In der durchsichtig klaren Mitternacht.
Hochmütig stehn als irrlichternde Wacht
Die Sterne drüber. Sie funkeln wie goldene Nägel,
Die der Herrgott mit weißen Fingern
In die Himmelsbläue schlug,
Dran Wolken sich blähn, leichtfertige Dinger,
Wie schwanenweiße Fischersegel
Im Windesflug.
Die Fenster stehn offen wie ein Ohr, das lauscht.
Ein Röhrbrunnen schläfrig rauscht.
Ein später Schritt hallt durch die Gassen,
Verweht, zerflattert wie ein verklingender Akkord,
Wie ein letztes Wort, das Verliebte getauscht,
Die einander nur zögernd verlassen.
Der Mondglanz rieselt um Blüten und Baum
Gleich flüssigem Silber aus Marmorbronnen.
In einem Garten wo singt dünn und schrill
Ein kleiner Vogel ein Lied noch im Traum.
Und sonst ist’s still.
Die ganze Welt liegt tief ins weite, weiße Spinnennetz
Der Ruhe eingesponnen...

Einsames Wachen.

Lenzschwüles Nachtblau deckt die Wege zu.
Das Dorf liegt dunkel da. Rings tiefe Ruh.
Still rinnt der Bach vorbei an Wies’ und Weiden.
Nur noch mein Herz schlägt heiß in später Stund’
Und träumt hinaus und schreit sich sehnsuchtswund
In seinem Trotz und will sich nicht bescheiden.

Duft steigt aus Blütengärten überall
Und will das ganze, endlos weite All
Mit seinem schwülen Hauch verschütten.
Nur noch mein Herz ist wach, weil’s wachen mag,
Ist jung und heiß, drum hat’s so wilden Schlag:
Es fragt nicht viel nach Traum in Tal und Hütten.
Ich bin allein, allein, der ruft und wacht
In dieser stillen, großen, finstern Nacht;
Der Nebel faßt mich an mit seinen weichen Armen.
Die Stunden geh’n und geh’n zur Ewigkeit...
Ich träum’ und träum’, mein Herz ist wild und schreit
Und niemand sieht’s und will sich mein erbarmen.

Es geht mit leisem Wehen...

Es geht mit leisem Wehen
Der Frühling durch das Land —
Ich weiß nicht, was ich habe,
Meine Seele steht in Brand!
Es fangen die ersten Veilchen
Schon an zu blühn am Rain —
Ich möchte jubeln und weinen
Vor lauter Seligsein!
Ich geh unter blauem Himmel,
Durch Blüten und grüne Au
Und denk bei jedem Schritte
An eine geliebte Frau.
An eine Frau, deren Augen
Mir Glück und Heimat sind,
Und ach! deren Lippen brennen
Heiß wie der Sommerwind...

September.

Zugvögel ziehn. Und kränkelnd färben
Die Wipfel sich. Feldblumen sterben
Auf Wiesen, Auen und am Rain.
Marienfäden fliegen leicht und linde
Im kühlen Winde
Und wiegen sich im letzten Sonnenschein.
Fruchtschwere Äste neigen sich in Lauben
Und von den Hügeln leuchten blau und weiß
Die runden, vollen, reifen Trauben.
Es steigt aus ihnen herb und heiß
Der Duft von Most, von süßem, jungen Wein
Und Frühherbstwehmut des Ans-Sterbenglauben...

Mittagsstille.

Blauer Himmel breitet seine Schleier
Uebers weiße, wegdurchfurchte Land,
Nicht ein Lufthauch stört die müde Feier
In dem heißen, grellen Mittagsbrand.
Schüchtern rieselt fort am Rain die Quelle
Und die gelben Ähren rascheln leis’,
Sensenklirren zittert durch die Helle,
Und auf Bauernstirnen glänzt der Schweiß.
Nicht ein Vogellied durchbebt die Stille,
Nicht ein Ruf, ein Hall zieht übers Feld,
Eingelullt in Schlafheit liegt der Wille
Einer ganzen großen weiten Welt.

In der Fremde.

Einst war’s, da bin gefahren
Hinein ich in fremdes Land,
Wo fremd die Menschen waren,
Wo niemand mich verstand;
Wo die Wolken und der Himmel,
Die leuchtende Sonnenzier
Und nachts die tausend Sterne
So fremd erschienen mir.
Und als da mit den Leuten
Zu reden ich begann,
Da schüttelten alle die Köpfe
Und blickten mich hilflos an;
Sie hörten mich wohl, doch keiner
Den Sinn meiner Worte verstund;
Ich sprach und sprach zu ihnen
Aus einem fremden Mund.
Da fühlt ichs jäh, wie Heimweh
Durchs innerste Herz mir ging
Und des Leids eine bittere Träne
Mir einsam im Auge hing.
Und da — da blickten die Leute
Mitleidig mir ins Gesicht,
Da hat mich jeder verstanden,
Verstand er mein Wort auch nicht!

Es gibt ein Land...

Es gibt ein Land, wo nie die Blumen welken
Und nie der Frostwind tötlich weht,
Ein Land, wo nie die Sterne sinken,
Nie eine Nacht am Himmel steht.

Es gibt ein Land, wo tiefes Schweigen
Wie in der Kirche wohnt,
Ein Land, so schön und wundereigen,
Wie keins auf Erden thront.
Es ist ein Land, wo nie die Stunden tauschen,
Die Gärten blütenüberschüttet stehn,
Wo klare Wasser silberfädig rauschen
Und lichte Glückgestalten
Einander umschlungen halten
Und auf und niedergehn.
Es ist ein Land, das liegt in blauer Ferne,
Vom Glanz der Ewigkeit umweht,
Ist Gottes Heimat auf dem unerreichten Sterne,
Nach dem die Sehnsucht aller
Staubgebornen geht.

Glück.

Ein leise zitternder Geigenton,
Der singend kommt und zieht davon;
Ein vergess’ner Gedanke, der unbegehrt
Wie ein Blitz am Himmel vorüberfährt;
Ein Wort, das aus Tiefen der Seele steigt
Und, kaum erklungen, schon wieder schweigt;
Ein Lächeln, das über ein Antlitz fuhr
Und drauf zurückläßt keine Spur;
Und aus Frauenaugen ein flüchtiger Blick: —
So kurz von Dauer ist alles Glück.

Heimweh.

Am Meeresstrand bin ich gesessen,
Vom Wogengischt umbraut,
Und hab mit verlorenen Blicken
Hinaus aufs Meer geschaut.
Viel Schiffe glitten draußen
In blauer Flut vorbei,
Seemöven zogen mit ihnen
Und lärmten mit heiserem Schrei.
Von steilen Hügeln hernieder
Trug’s schwülen Blütenstaub.
Der Seewind schmiegte sich zärtlich
Ins schimmernde Myrthenlaub.
Mich aber zog zur Heimat
Ein brennender Sehnsuchtstraum,
Zur Heimat, wo auf Bergen
Grünt ewig der Tannenbaum.
Wo über den Aehrenfeldern
Schwebt silberner Lerchenton
Und gütige Sonne leuchtet
Gluttrunken wie roter Mohn.
Wo liebliche Dörfer sich breiten
Mit Mühlen an Fluß und Wehr —
Da weint’ ich vor Heimweh leise
Und die Tränen rannen ins Meer.

Heilige Nacht.

Dämmerstille Gassen, Sterne schaun herein.
Alle Fenster funkeln voller Lichterschein.
Schmucke Gabenbäume in den Stuben stehn,
Reichbeglückte Menschen Aug’ in Aug’ sich sehn.
Mistelzweige grünen und der Tannenbaum
Duftet herb durchs Zimmer — o du Kindertraum!
O du heller Zauber heil’ger Weihenacht,
Web’ durchs Dunkel wieder heimlich, fromm und sacht!
Liebe ist gekommen aus verschneitem Land,
Liebe, die der Heiland einst für uns empfand,
Und sie redet wieder, keusch und silberbleich,
Von verschollnen Wundern und vom Gottesreich.
In ihr süßes Raunen hallen Glocken drein,
Die ihr Beten tragen auf zum Sternenschein.
Weiße Engel haben in des Ew’gen Raum
Wispernd angezündet einen Weihnachtsbaum:
Goldne Lichtlein steckten sie der Nacht ins Haar
Und sie glänzt hernieder licht und wunderbar.

Menschen und Sterne.

Am Himmel kreisen die Sternlein
Urewig die gleiche Bahn
Und achten treuen Scheines,
Daß keines
Stößt je ans andre an.
Auf Erden wandern die Menschen
Nur wenige Jahre hin,
Und doch kaum zwei hienieden
In Frieden
Die Lebensstraße ziehn.

Das weiß nur Gott allein.

(1918.)

Wer sieht und zählt die Tränen
Seit Monden schon geweint
Um ungezählte Kämpfer,
Geblieben vor dem Feind?
Und wer beschreibt den Jammer,
Der wild und wilder klagt,
Mit dem ein Heer von Müttern
Nach seinen Söhnen fragt?
Wer weiß um all die Kinder,
Die ohne Väter stehn,
Für die soviele Liebe
Hat müssen sterben gehn?
Wer weiß, wie viele Bräute,
Hold in der Myrthe Grün,
Nun tragen glückzerbrochen
Ein Sträußlein Rosmarin?
Wer’s weiß? Vor so viel Elend
Wird jede Lippe stumm —
Wenn’s Einer weiß, so weiß wohl
Nur Gott allein darum!

Stephan Milow.

(Prolog zur Enthüllungsfeier seiner Gedenktafel am Wohn- und Sterbehause des Dichters in Mödling am 25. Juli 1915.)

Im Lenzmond war’s. Ein Sonntag, hell und klar wie heute,
Da klang vom Stadtdom her ein dumpfes Grabgeläute
Und eine Menge Volks umdrängte stumm dies Haus,
Aus dem sie weinend trugen einen Sarg heraus,
In dem ein Dichter lag, der Lied um Lied gesungen,
Bis daß vom Schmerz erdrückt sein armes Herz zersprungen.
Ein Dichter war’s, der mit der Seele ganzem Sehnen
Voll heißem Heimweh suchte nach dem Ewigschönen;
Ein Träumer war’s, der irrte fort in weite Fernen
Hoch über sich hinaus nach unerreichten Sternen;
Ein Einsamstiller war’s, ein Welt- und Wegemüder,
Der sich verschenkte in dem Goldquell seiner Lieder;
Und auch ein Dulder war’s, der bis ans Ziel geschritten
Mit stolzem Haupt, wie viel und schwer er auch gelitten!
Nun ruht er längst da draußen vor der lauten Stadt,
Die er geliebt als seine zweite Heimat hat,
Auf der sein ernstes Auge zärtlich oft geruht,
Wenn er vorm Hause saß in stiller Abendglut,
Voll weisem Sinn der dunkeln Lebensrätseln sann
Und leidverklärt sich tief in lichte Träume spann,
Bis eine letzte Nacht ihm gab die letzte Ruh: —
Und dieser Dichter, Stephan Milow, der warst du!
Du warst’s, der wunschlos still im Lenzmond schied von hier
Für ewig — weh, ein Unsterblicher starb mit dir!
Ein Güterreicher, der sein ganzes Lebenlang
Ums Herz des deutschen Volkes warb, bis er’s bezwang,
Bis er ein Heimrecht fand im deutschen Sprachgebiet
Für sich und das, woran sein Herzblut hing; sein Lied!

Sein Lied, das wie Gebet klingt durch die Not der Welt,
Wie Sonntagsglocken, die sich schwingen übers Feld,
Und hoch erhebt, so hoch ein Lied es nur vermag,
Zu Licht und Frieden und der Seele Feiertag...
Was du im Lied verschenkt an Menschentrost und Glück,
Gab, Milow, zögernd nur das Schicksal dir zurück!
Denn spät, als schon dein Weg in Dämmrung sich verlor,
Grünte aus Dornen erst der Lorbeer dir empor;
Und als zu müd du warst, um dich noch laut zu freu’n,
Goß über dich der Ruhm erst seinen Spätherbstschein,
Um zu versöhnen dich noch vor des Lebens Endung
Mit deinem Erdgeschick und deiner Dichtersendung.
Doch weil du abseits gingst, fern allem Marktgedränge,
Wardst du verkannt, zu spät verstanden von der Menge.
Zu spät! Das war die Lebenstragik schon von Vielen
Und war es auch bei dir und deinen höchsten Zielen!
Mehr aber noch: dein Glück und Unglück war’s zugleich,
Daß du ein deutscher Dichter warst in Oesterreich!
Wie dem auch sei, an deines Hügels Grabzypressen
Seufzt deutsches Leid um dich — du bleibst uns unvergessen!
Und als der Nachwelt Dank blinkt hell in Erz gebaut
An diesem Haus dein Bild, wie Liebe dich geschaut.
Dein Bild in Erz und Stein, das Kind und Kindeskind
Soll mahnen noch an dich, wenn längst wir nicht mehr sind;
Soll wie dein Lied uns sein von dir noch eine Fährte,
Wenn längst dein Staub zerfiel in kühler, deutscher Erde!
— Dir, Milow, ward zuletzt, was du ersehnt, beschieden.
Nur uns umklirrt noch Kampf. Wann kommt für uns der Frieden?
Allmächt’ger Gott, zu dem wir betend flüchten
In dieser wirren Zeit, da Völker sich vernichten,
Laß endlich Friede sein! Tilg aus den Weltenbrand
Und gib uns Sieg und segne unser Vaterland!

An Franz Keim.

(Zu seinem 75. Geburtstage.)