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Heimatlos / Geschichten für Kinder und auch für solche, welche die / Kinder lieb haben, 1. Band cover

Heimatlos / Geschichten für Kinder und auch für solche, welche die / Kinder lieb haben, 1. Band

Chapter 47: Einundzwanzigstes Kapitel.
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About This Book

A pair of children's stories set in mountain villages follows a small boy, Rico, his quiet father nicknamed the Italian, and their friend Stineli. Daily life alternates between work on village roads, simple household chores, school terms cut by the seasons, and music learned and shared on a violin. Episodes focus on childhood play and singing, the boy's longing and growing talents, sudden absences and hardships, and the sympathetic responses of neighbors. Through compact episodic scenes the narratives explore belonging, resilience, and communal care in rural life.

Achtzehntes Kapitel.

Zwei frohe Reisende.


Am Montag mußte die Reise erst am Abend vor sich gehen, das hatte der Roßhändler dem Rico deutlich alles gesagt, so daß dieser nun perfekt seinen Weg wußte. Nachdem nun der Abschied genommen war, wanderten Rico und Stineli gegen Sils hin, und am Häuschen stand die Mutter und alle die kleinen Kinder um sie herum und schauten ihnen nach. Der Sami ging neben ihnen her und trug den Sack auf dem Kopfe, und den Korb trug Rico auf der einen und Stineli auf der anderen Seite. Stinelis Kleider hatten gerade beide angefüllt.

Bei der Kirche in Sils sagte Stineli: »Wenn uns die Großmutter noch sehen könnte! Wir wollen ihr doch noch Lebewohl sagen, nicht, Rico?« Er wollte gern und sagte Stineli, daß er schon dagewesen wäre und sie nicht gefunden hätte; aber Stineli wußte schon, wo die Großmutter lag.

Als der Postwagen heranfuhr und stillehielt, rief der Kutscher herunter: »Sind die zwei da, die an den Gardasee hinunter müssen? Ich habe schon gestern nachgefragt!«

Der Roßhändler hatte sie gut empfohlen, und nun rief der Kutscher: »Hier herauf, die anderen haben gefroren, der Wagen ist voll, ihr seid jung.«

Damit half er ihnen auf den Sitz hinter dem Bock, oben auf dem Wagen, und nahm eine dicke Roßdecke hervor, die deckte und stopfte er um die beiden, daß sie ganz eingewickelt dasaßen, und nun ging’s vorwärts.

Zum ersten Male, seit sie sich wiedergesehen hatten, saßen nun Rico und Stineli allein beieinander und konnten sich ungestört erzählen von allem, was sie in den ganzen drei Jahren erlebt hatten. Das taten sie nun auch recht nach Herzenslust von Anfang an, und unter dem funkelnden Sternenhimmel fuhren sie dahin und hatten keinen Schlaf die ganze Nacht vor lauter Genuß und Vergnügen. Am Morgen kamen sie auf den See, und gerade um dieselbe Stunde, wie Rico in Peschiera angekommen war, so langten auch sie an und kamen den Weg hinunter, dem See zu. Aber Rico wollte nicht, daß das Stineli den See sehe, bis es an seinem Plätzchen angekommen war. So führte er es nun zwischen den Bäumen durch, bis sie auf einmal bei der kleinen Brücke herauskamen ins Freie.

Da lag der See in der Abendsonne, und Rico und Stineli saßen an der niederen Halde hin und schauten hinüber. So wie ihn Rico geschildert hatte, so war er, aber noch viel schöner, denn solche Farben hatte Stineli noch nie gesehen. Es schaute hin und her nach den violetten Bergen und auf die goldene Flut und rief endlich voller Entzücken: »Er ist noch schöner als der Silsersee.«

Rico hatte ihn aber auch noch nie so schön gesehen als jetzt, da er mit dem Stineli dran saß.

Im stillen hatte Rico noch eine Freude; – wie konnte er den Silvio und seine Mutter überraschen! Kein Mensch hatte gedacht, daß er so bald zurücksein könnte. Bevor acht Tage um waren, erwartete sie niemand, und nun saßen sie schon da am See. Bis die Sonne unter war, blieben sie an der Halde sitzen. Rico mußte dem Stineli zeigen, wo die Mutter stand, wenn sie wusch am See und er dasaß und auf sie wartete, und er mußte erzählen, wie sie miteinander über die schmale Brücke kamen und sie ihn an der Hand hielt.

»Aber wo seid ihr dann hingegangen?« fragte Stineli. »Hast du nie das Haus gefunden, wo ihr hineingegangen seid?«

Rico verneinte es. »Wenn ich da hinaufgehe, vom See gegen die Schienenbahn hinauf, dann ist’s auf einmal, als sei ich da mit der Mutter gestanden und habe auf einem Tritt gesessen und vor uns die roten Blumen gesehen; aber es ist nichts mehr da, und den Weg hinauf kenne ich nicht, den habe ich nie gesehen.«

Endlich standen sie auf und gingen dem Garten zu; Rico trug den Sack und Stineli den Korb. Wie sie in den Garten eintraten, mußte Stineli überlaut ausrufen: »O wie schön, o die schönen Blumen!«

Das hatte den Silvio aufgeschnellt wie eine Feder. Er schrie aus Leibeskräften: »Der Rico kommt mit dem Stineli!«

Die Mutter glaubte, das Fieber habe ihn gepackt; sie warf ihre Sachen dahinten im Kasten, wo sie herumkramte, alle übereinander und kam herbeigelaufen.

In dem Augenblick aber trat der lebendige Rico unter die Tür, und vor Schrecken und Freude hätte es die gute Frau fast umgeworfen, denn bis auf diesen Augenblick hatte sie heimlich immerfort die schwersten Befürchtungen ausgestanden, das Unternehmen könnte dem Rico doch ans Leben gehen.

Hinter dem Rico kam ein Mädchen hervor mit einem so freundlichen Gesicht, daß es der Frau Menotti sogleich das Herz gewann, denn sie war eine Frau von schnellen Eindrücken. Erst mußte sie aber dem Rico beide Hände fast abschütteln vor Freude, und währenddessen ging Stineli schnell an das Bettchen heran und begrüßte den Silvio, und es legte seinen Arm um des Bübleins schmale Schultern und lachte ihm ganz freundlich ins Gesicht, so, als hätten sie sich schon lang gekannt und gern gehabt, und der Silvio packte es gleich um den Hals und zog es ganz auf sein Gesicht herunter. Dann legte das Stineli dem Silvio ein Geschenk aufs Bett, das es in die nächste Tasche gesteckt hatte, um es gleich bei der Hand zu haben. Es war ein Kunstwerk, das der Peterli von jeher allen anderen Freuden vorgezogen hatte: ein Tannzapfen, dem in jede kleine Öffnung zwischen den harten Schuppen ein dünner Draht eingesteckt war. Oben auf dem Draht war je ein komisches Figürchen von Pantoffelholz festgemacht. Alle diese Figürchen zappelten aber so lustig gegeneinander und verbeugten sich und hatten von Rötel und Kohle so feurig bemalte Gesichter, daß der Silvio nicht mehr aus dem Lachen kam.

Unterdessen hatte die Mutter von Rico das Notwendigste vernommen, daß er sicher und glücklich wieder da sei, und sie kehrte sich nun zum Stineli und begrüßte es mit aller Herzlichkeit, und Stineli sagte mehr mit seinen freundlichen Augen als mit seinem Munde, denn es konnte gar nicht italienisch und mußte sich mit seinen romanischen Worten helfen, wie es konnte. Aber es war nicht von schwerer Gemütsart und fand sich gleich zurecht, und wo es das Wort nicht fand, da beschrieb es die Sache gleich mit den Fingern und allerhand Zeichen, was dem Silvio unbeschreiblich kurzweilig vorkam, denn es war wie ein Spiel, wo es immer etwas zu erraten gab.

Nun ging die Frau Menotti an den Kasten, wo alles bereit lag, was man zum Essen brauchte, Teller und Tischtuch und das kalte Huhn und die Früchte und der Wein. Sowie Stineli das bemerkte, lief es augenblicklich der Frau Menotti nach und trug herzu und deckte den Tisch und war so erstaunlich flink, daß der Frau Menotti gar nichts mehr übrig blieb zu tun, als nur verwundert zuzusehen; und bevor sie nur Zeit hatte zu denken, was nun folge, hatte schon der Silvio alles auf seinem Brett, verschnitten und vorgelegt ganz ordentlich, wie es sein mußte, und die rasche Bedienung gefiel dem Silvio.

Da setzte sich Frau Menotti hin und sagte: »So habe ich es lange nicht gehabt, aber jetzt komm und sitz auch, Stineli, und iß mit uns.«

Nun aßen alle fröhlich und saßen beisammen, so als hätten sie immer zueinander gehört und müßten auch immer so zusammenbleiben. Dann fing der Rico an von der Reise zu berichten, und derweilen stand Stineli auf und räumte leise alles wieder weg in den Kasten hinein, denn es wußte nun schon, wo jedes Ding seinen Platz hatte. Dann setzte es sich ganz nahe an Silvios Bett und machte Figuren mit seinen gelenkigen Fingern, so daß davon der Schatten auf die Wand fiel, und alle Augenblicke lachte der Silvio hell auf und rief aus: »Ein Hase! Ein Tier mit Hörnern! Eine Spinne mit langen Beinen!«

So verfloß der erste Abend so schnell und vergnüglich, daß keines begreifen konnte, wo die Zeit hingekommen war, als es nun zehn Uhr schlug. Rico stand auf vom Tisch, denn er wußte, daß er nun gehen mußte; es war aber eine schwarze Wolke über sein Gesicht gekommen. Er sagte kurz: »Gute Nacht!« und ging hinaus. Aber das Stineli lief ihm nach und im Garten nahm es ihn bei der Hand und sagte: »Nun darfst du nicht traurig werden, Rico; es ist so schön hier, ich kann dir gar nicht sagen, wie es mir gefällt und wie froh ich bin, und das habe ich alles dir zu danken. Und morgen kommst du wieder und alle Tage; freut es dich nicht, Rico?«

»Ja«, sagte er und schaute das Stineli ganz schwarz an, »und alle Abende, wenn’s am schönsten ist, muß ich fort und weg und gehöre zu niemandem.«

»Ach, so mußt du nicht denken, Rico«, ermunterte ihn Stineli; »nun haben wir doch immer zueinander gehört und ich habe mich drei Jahre lang immer darauf gefreut, wenn wir wieder einmal zusammenkommen werden, und wenn es daheim manchmal so zuging, daß ich lieber nicht mehr hätte dabei sein wollen, dann dachte ich immer: Wenn ich nur einmal wieder mit dem Rico sein könnte, so wollte ich alles gern tun. Und nun ist alles so gekommen, daß ich gar keine größere Freude wüßte, und jetzt willst du dich gar nicht mit mir freuen, Rico?«

»Doch, ich will«, sagte Rico und schaute das Stineli heller an. Er gehörte doch zu jemand, Stinelis Worte hatten ihn wieder ins Gleichgewicht gebracht. Sie gaben einander noch einmal die Hand, dann ging der Rico zum Garten hinaus!

Als Stineli in die Stube zurückkam und nach der Mutter Anweisung dem Silvio »Gute Nacht« sagen wollte, da ging ein neuer Kampf an; er wollte es durchaus nicht von sich weglassen und rief ein Mal ums andere: »Das Stineli muß bei mir bleiben und immer an meinem Bette sitzen, es sagt lustige Worte und lacht mit den Augen.«

Da half nun keine Ermahnung, bis zuletzt die Mutter sagte: »So halt du jetzt das Stineli fest die ganze Nacht, daß es nicht schlafen kann, dann ist es morgen krank wie du und kann nicht aufstehen und du siehst es nicht mehr für lange Zeit.«

Da ließ Silvio endlich Stinelis Arm los, den er fest umklammert hatte, und sagte:

»Geh, schlaf, Stineli; aber komm früh am Morgen wieder!«

Das versprach Stineli; und nun zeigte Frau Menotti ihm ein sauberes Kämmerlein, das auf den Garten hinausschaute, von wo ein lieblicher Blumenduft durch das offene Fenster heraufstieg. –

Mit jedem Tage wurde das Stineli nun dem kleinen Silvio unentbehrlicher; wenn es nur zur Tür hinausging, so sah er das für ein Unglück an. Dafür war er aber auch ordentlich und gut, wenn es bei ihm war, und tat alles, was es ihn hieß, und plagte seine Mutter gar nicht mehr. Es war auch, als ob das nervöse Büblein wirklich seit Stinelis Ankunft seine großen Schmerzen verloren habe, denn noch hatte er nie gejammert, seit es an seinem Bette saß, und doch war nun schon mancher Tag hingegangen seit jenem ersten Abend, da es erschienen war.

Stineli hatte aber auch eine unerschöpfliche Fundgrube von Unterhaltungen, und alles, was es nur in die Hand nahm, und was es tat und sagte, wurde zur anmutigsten Kurzweil für den Silvio, denn das Stineli hatte sich von ganz klein auf nach den kleinen Kindern richten müssen und immerfort darauf bedacht sein, sie zufrieden zu erhalten mit Worten und Händen und Blicken und auf jegliche Weise mit jeder Bewegung.

So war Stineli unbewußt in seinem Sein und ganzen Wesen schon die allerangenehmste Unterhaltung, die es für ein kleines, empfindliches, an sein Bettchen gefesseltes Büblein nur geben konnte. Das gelehrige Stineli hatte auch bald dem Silvio alle seine Worte abgelauscht und schwatzte ganz unverzagt mit Silvio drauf los, und wo es die Worte noch verkehrte, da hatte der Silvio einen Hauptspaß daran, und die Sache war für ihn wie ein absichtlich erfundenes Vergnügen.

Die Mutter konnte nie den Rico in den Garten treten sehen, ohne daß sie ihm entgegenlief, denn jetzt durfte sie laufen, wohin sie nur wollte und wann es ihr gefiel, und sie mußte ihn noch ein wenig auf die Seite nehmen, um ihm zu sagen, welchen Schatz er ihr ins Haus gebracht habe, wie glücklich und froh der kleine Silvio sei, wie in seinem ganzen armen Leben noch nie, und wie sie nur gar nicht begreife, daß es ein solches Mädchen geben könne: mit dem Silvio sei es ganz kindlich und gerade so, als habe es selbst die größte Freude an den Dingen, die dem Büblein Kurzweil machten; mit ihr könne es so vernünftig reden und habe eine Erfahrung in der Arbeit und im Einrichten, wie kaum eine Frau; und seit sie dieses Stineli im Hause habe, gehe alles wie von selbst und sie habe alle Tage Sonntag. Kurz, Frau Menotti konnte gar nicht genug Worte finden, um das Stineli in allen seinen Eigenschaften zu bewundern und zu loben, und der Rico hörte ihr gern zu.

Wenn sie dann alle drinnen beisammensaßen und immer eins das andere freundlicher ansah, so als wollte keines mehr gern vom anderen weggehen, dann hätte man denken müssen, das seien die glücklichsten Menschen weit umher, denen nichts mehr mangele. Aber mit jedem Abend wurde die Wolke auf Ricos Gesicht ein wenig dunkler und schwärzer, sobald es zehn Uhr schlug, und wenn es auch Frau Menotti in ihrer frohen Stimmung nicht merkte, so sah es doch das Stineli ganz gut und heimlich bekümmerte es sich und dachte: »Es ist, wie wenn ein Gewitter kommen wollte!«


Neunzehntes Kapitel.

Wolken am schönen Gardasee.


Es kam ein schöner Herbstsonntag, und drüben in Riva sollte am Abend Tanz sein und Rico hinüberfahren, um zu spielen. So konnte er den Tag nicht mit Stineli und den anderen zubringen; das war schon mehrmals verhandelt worden die Woche durch, denn es war ein Ereignis für alle, wenn Rico nicht kam, und Stineli suchte alles mögliche hervor, um der Sache noch eine gute Seite abzugewinnen: »Du fährst dann im Sonnenschein über den See und kommst unter dem Sternenhimmel wieder zurück, und wir denken die ganze Zeit an dich«, hatte es ihm gesagt, als er zuerst anzeigte, daß ein Tanzsonntag folge.

Rico kam am Samstagabend mit seiner Geige, denn Stinelis größte Freude war sein Spiel. Rico spielte schöne Weisen, eine nach der anderen, aber sie waren alle traurig, und es war auch, als machten sie ihn wieder traurig, denn er schaute auf seine Geige mit einer Düsterkeit, als tue sie ihm das größte Leid an.

Auf einmal steckte er seinen Bogen weg, lang noch ehe es zehn geschlagen hatte, und sagte: »Ich will gehen.«

Frau Menotti wollte ihn festhalten, sie begriff nicht, was ihm einfiel. Stineli hatte ihn immer angesehen, während er spielte; jetzt sagte es nur: »Ich gehe noch ein paar Schritte mit dir.«

»Nein!« rief Silvio, »geh nicht fort, bleib da, Stineli!«

»Ja, ja, Stineli«, sagte Rico, »bleib du nur da und laß mich gehen!«

Dabei sah er Stineli gerade so an wie damals, als er vom Lehrer weg dem Holzstoß zu kam und sagte: »Es ist alles verloren!«

Stineli ging zu Silvios Bett und sagte leise: »Sei brav, Silvio; morgen erzähl’ ich dir die allerlustigste Geschichte vom Peterli, aber mach jetzt keinen Lärm.«

Silvio hielt sich wirklich still, und Stineli ging dem Rico nach. Als sie am Gartenzaun standen, kehrte Rico sich um und deutete auf die erleuchtete Stube, die so wohnlich aussah vom Garten her, und sagte:

»Geh wieder, Stineli; dort gehörst du hinein und bist daheim dort, und ich gehöre auf die Straße, ich bin nur ein Heimatloser, und so wird es immer sein; darum laß mich nur gehen!«

»Nein, nein, so lass’ ich dich nicht gehen; Rico, wo gehst du jetzt hin?«

»An den See«, sagte Rico und ging der Brücke zu. Stineli ging mit. Als sie an der Halde standen, hörten sie unten die leisen Wellen flüstern und lauschten eine Weile. Dann sagte Rico:

»Siehst du, Stineli, wenn du nicht da wärst, so ginge ich gleich fort, weit fort, aber ich wüßte auch nicht wohin. Ich muß doch immer ein Heimatloser sein und mein ganzes Leben lang so in Wirtshäusern geigen, wo sie lärmen, wie wenn sie von Sinnen wären, und in einer Kammer schlafen, wo ich lieber nicht mehr hineinginge; und du gehörst nun zu ihnen in das schöne Haus, und ich gehöre nirgends hin. Und siehst du, wenn ich da hinabsehe, so denke ich: hätte mich doch die Mutter hier hineingeworfen, ehe sie sterben mußte, so wäre ich kein Heimatloser geworden.«

Stineli hatte mit Kummer im Herzen dem Rico zugehört; aber wie er diese letzten Worte sagte, da bekam es einen großen Schrecken und rief aus: »O Rico, so etwas darfst du gar nicht sagen. Du hast gewiß lange dein Unser-Vater nicht mehr gebetet, darum sind dir diese bösen Gedanken gekommen.«

»Nein, ich habe es nicht mehr gebetet, ich kann es nicht mehr.«

Das war dem Stineli ein erschreckliches Wort.

»O, wenn das die Großmutter wüßte, Rico«, rief es jammernd aus, »sie müßte noch einen rechten Kummer für dich ausstehen. Weißt du, wie sie gesagt hat: ›Wer sein Unser-Vater vergißt, dem geht es schlecht!‹ O komm, Rico, du mußt es wieder lernen, ich will dich’s gleich lehren. Du kannst es bald wieder.«

Und Stineli fing an und sagte mit warmer Teilnahme seines Herzens zweimal hintereinander dem Rico das Unser-Vater vor. Wie es nun so tief beteiligt den Worten folgte, so bemerkte Stineli, daß da gerade für den Rico viel Trostreiches darin vorkam, und wie es zu Ende war, sagte es:

»Siehst du, Rico, weil doch dem lieben Gott das ganze Reich gehört, so kann er dir schon noch eine Heimat finden, und ihm gehört auch alle Kraft, daß er sie dir geben kann.«

»Jetzt kannst du sehen, Stineli«, entgegnete Rico, »wenn der liebe Gott eine Heimat in seinem Reich für mich hätte und auch die Kraft hat, daß er mir sie geben könnte, so will er nicht.«

»Ja, aber du mußt auch etwas bedenken«, fuhr Stineli fort, »der liebe Gott kann auch bei sich selbst sagen: ›Wenn der Rico etwas von mir will, so kann er auch einmal beten und kann mir’s sagen.‹«

Dagegen wußte Rico nichts mehr einzuwenden. Er schwieg eine kleine Weile, dann sagte er:

»Sag noch einmal das Unser-Vater, ich will’s wieder lernen.«

Stineli sagte es noch einmal, dann konnte es der Rico wieder und hatte sich’s recht eingeprägt. Nun gingen sie friedlich heim, jedes auf seine Seite, und Rico mußte noch immer an das Reich und die Kraft denken.

An dem Abend aber, wie er in seiner stillen Kammer war, betete er von Herzen demütig, denn er fühlte, daß er im Unrecht war, zu denken, der liebe Gott sollte ihm geben, was ihm mangelte, und er hatte ihn ja gar nie darum gebeten.

Stineli trat gedankenvoll in den Garten ein. Es erwog bei sich selbst, ob es über alles mit der Frau Menotti reden wollte; vielleicht könnte sie für den Rico eine andere Beschäftigung finden, als dies Geigen zum Tanz in den Wirtshäusern, das ihm so zuwider war. Aber der Gedanke, die Frau Menotti mit seinen Angelegenheiten zu beschäftigen, verging ihm, als es in die Stube eingetreten war. Silvio lag glühendrot auf seinem Kissen und atmete heftig und ungleich, und am Bette saß die Mutter und weinte ganz kläglich. Silvio hatte einmal wieder einen seiner Anfälle und große Schmerzen gehabt, und ein wenig Zorn, daß das Stineli fort war, mochte das Fieber noch vermehrt haben. Die Mutter war so niedergeschlagen, wie Stineli sie noch nie gesehen hatte. Als sie sich endlich ein wenig ermuntern konnte, sagte sie:

»Komm, Stineli, setz dich da neben mich, ich möchte dir etwas sagen. Sieh, es liegt mir etwas so schwer auf dem Herzen, daß ich manchmal meine, ich könne es fast nicht mehr tragen. Du bist freilich jung, aber du bist ein vernünftiges Mädchen und hast schon viel gesehen, und ich meine, es würde mir schon leichter werden, wenn ich mit dir darüber reden könnte. Du siehst ja, wie es mit dem Silvio ist, mit meinem einzigen Söhnlein. Nun habe ich aber nicht nur das Leid seiner Krankheit, die ja nie heilen kann, sondern ich muß oft bei mir selbst sagen: es ist vielleicht eine Strafe von Gott, weil wir unrechtes Gut behalten haben und genießen, wenn wir es schon nicht an uns ziehen und behalten wollten. Ich will dir’s aber von Anfang an erzählen.

»Als wir uns verheirateten, der Menotti und ich – er hatte mich von Riva herübergeholt, wo mein Vater noch ist –, da hatte Menotti hier einen guten Freund, der wollte eben fort, weil ihm das Land verleidet war, denn er hatte seine Frau verloren. Er hatte ein Häuschen und einen großen Acker und Feld, nicht besonders gutes Land, aber eine große Strecke. Da wollte er, daß mein Mann alles übernehme, und sagte, das Land trage ja nicht so viel, er solle es ihm in Ordnung halten und das Haus dazu, bis er wiederkomme in ein paar Jahren. So machten es die Freunde aus, und sie hielten viel voneinander und machten nichts aus wegen Zinsen. Mein Mann sagte: ›Du mußt deine Sache recht haben, wenn du wiederkommst‹, denn er wollte alles gut verwerten und verstand sich auf den Landbau, und sein Freund wußte es wohl und überließ ihm alles. Aber gleich ein Jahr darauf wurde die Eisenbahn gebaut, das Häuschen mußte weg mit dem Garten, und der Acker wurde gebraucht, der Schienenweg geht darüber. So löste mein Mann viel mehr Geld, als jenes wert war, und kaufte hier weiter unten gutes Land und den Garten und baute das Haus, alles aus dem Geld, und das Land trug mehr als das Doppelte ein hier unten, so daß wir die reichsten Ernten hatten. Ich sagte aber manchmal zu meinem Mann: ›Es gehört uns doch nicht, und wir leben im Überfluß aus dem Gut eines anderen; wenn wir nur wüßten, wo er wäre!‹ Aber mein Mann beruhigte mich und sagte: ›Ich halte ihm alles in Ordnung, und wenn er kommt, ist alles sein, und vom Gewinn, den ich beiseite gelegt, muß er auch seinen Teil haben.‹

»Dann bekamen wir den Silvio, und wie ich entdeckte, daß das Büblein elend war, da mußte ich mehr und mehr zu meinem Mann sagen: ›Wir leben von unrechtem Gut, es ist eine Strafe über uns.‹ Und manchmal war es mir so schwer, daß ich fast lieber arm gewesen wäre und ohne Obdach. Aber mein Mann tröstete mich wieder und sagte: ›Du wirst sehen, wie er mit mir zufrieden sein wird, wenn er kommt.‹ Aber er kam nie. Da starb mein Mann schon vor vier Jahren; ach, was habe ich seitdem ausgestanden und muß immer denken: wie kann ich nur dem unrechten Gut abkommen ohne Unrecht, denn ich sollte es doch in guter Ordnung halten, bis der Freund wiederkommt, und dann denk’ ich wieder: wenn er nun irgendwo im Elend wäre und ich lebe unterdessen so gut aus dem Seinigen und weiß nichts von ihm.«

Stineli hatte ein großes Mitleid mit der Frau Menotti, denn es konnte sich so gut denken, wie es der Frau zumute war, die sich ein Unrecht vorwarf, das sie nicht ändern konnte. Und es tröstete die Frau Menotti und sagte ihr: wenn man ein Unrecht gar nicht wolle und es so gern gut machen möchte, dann dürfe man recht zuversichtlich den lieben Gott bitten, daß er helfe, denn er könne schon etwas Gutes machen aus dem, was wir verkehrt gemacht haben, und er wolle es auch tun, wenn es uns um das Verkehrte recht leid sei. Das wisse es alles von der Großmutter her, denn es habe sich auch einmal nicht mehr zu helfen gewußt und eine große Angst ausgestanden.

Dann erzählte Stineli von dem See, den Rico immer im Sinn gehabt, und wie es schuld an seinem Fortlaufen gewesen sei und gefürchtet habe, er sei ums Leben gekommen. Und es sagte, es sei ihm dann auch ganz wohl geworden, wie es so gebetet und alles dem lieben Gott überlassen habe, und Frau Menotti müsse es nun auch so machen, dann werde es ihr ganz leicht werden ums Herz, denn sie könne dann immer fröhlich denken: »Jetzt hat der liebe Gott die Sache übernommen.« Die Frau Menotti wurde ganz fromm gestimmt von Stinelis Worten und sagte, sie wolle nun in Frieden zur Ruhe gehen, es habe ihr recht wohl gemacht mit seiner Zuversicht.


Zwanzigstes Kapitel.

In der Heimat.


Als der goldene Sonntagmorgen über den Garten mit den roten Blumen leuchtete, trat Frau Menotti heraus und setzte sich auf die Rasenbank am Zaun. Sie schaute ringsum und hatte ihre eigenen Gedanken dabei. Hier die Oleanderblumen und die Lorbeerhecke dahinter, dort die vollen Feigenbäume und die goldenen Weinranken dazwischen, – da sagte sie leise für sich: »Gott weiß, ich wäre froh, wenn mir das Unrecht vom Gewissen genommen würde; aber so schön, wie es hier ist, würde ich’s nirgends mehr finden.«

Jetzt trat der Rico in den Garten; er mußte ja heut’ Nachmittag fort, und so den ganzen Tag, ohne einmal zu kommen, konnte er’s nicht gut aushalten. Als er gerade nach der Stube gehen wollte, rief ihn Frau Menotti und sagte:

»Setz dich einen Augenblick hier zu mir; wer weiß, wie lange wir hier noch nebeneinander sitzen werden!«

Rico erschrak.

»Warum denn, Frau Menotti, Ihr geht doch nicht fort?«

Nun mußte Frau Menotti ablenken, ihre Geschichte konnte sie nicht erzählen. Es kam ihr in den Sinn, was Stineli ihr gestern Abend vom Rico gesagt hatte; sie war aber so von ihrer eigenen Sache erfüllt gewesen, daß sie es nicht recht verstanden hatte. Jetzt fing es an, sie ein wenig zu wundern, da es ihr wieder in den Sinn kam.

»Sag einmal, Rico«, fing sie an, »warst du denn früher schon einmal da, daß du den See wiedersehen wolltest, wie mir gestern das Stineli erzählt hat?«

»Ja, wie ich klein war«, sagte Rico, »dann kam ich fort.«

»Wie kamst du denn hierher, als du klein warst?«

»Hier kam ich auf die Welt.«

»Was, hier? Was war denn dein Vater, daß er aus den Bergen hier herunterkam?«

»Er war nicht aus den Bergen, nur die Mutter!«

»Was du sagst, Rico. Dein Vater war doch nicht von hier?«

»Doch, er war von hier.«

»Das hast du alles nicht erzählt, das ist ja so merkwürdig! Du hast doch keinen Namen von hier; wie hieß denn dein Vater?«

»Wie ich hieß er: Enrico Trevillo.«

Frau Menotti fuhr von der Bank auf, als treffe sie ein Anfall.

»Was sagst du da, Rico«, rief sie, »was hast du gerade jetzt gesagt?«

»Meines Vaters Namen«, sagte Rico ruhig.

Frau Menotti hatte nicht mehr zugehört, sie war an die Tür gelaufen.

»Stineli, gib mir ein Halstuch«, rief sie hinein. »Ich muß zum Herrn Pfarrer auf der Stelle, mir zittern alle Glieder.«

Stineli brachte erstaunt ein Halstuch.

»Komm ein paar Schritte mit mir, Rico«, sagte Frau Menotti im Weggehen; »ich muß dich noch etwas fragen.«

Zweimal noch mußte Rico sagen, wie sein Vater hieß, und zum dritten Male fragte Frau Menotti ihn noch an der Tür des Pfarrers, ob er auch sicher sei. Dann trat sie in das Haus ein. Rico kehrte zurück und war verwundert über den Zustand der Frau Menotti.

Rico hatte seine Geige mitgebracht, er wußte, daß es dem Stineli jedesmal Freude machte, wenn sie mitkam. Als er nun damit in der Stube anlangte, traf er den Silvio und das Stineli in der besten Stimmung; denn Stineli hatte seinem Versprechen gemäß die Geschichte vom Peterli erzählt und damit sich und den Silvio in die größte Heiterkeit versetzt. Als dieser nun die Geige erblickte, rief er gleich: »Nun wollen wir singen, mit dem Stineli wollen wir die Schäflein singen.« Stineli hatte sein Lied nie mehr gehört, seit es entstanden war; denn Rico spielte jetzt viele schöne Weisen, und es hatte lange niemand mehr an das Lied gedacht. Daß aber der kleine Silvio das deutsche Lied singen wollte, überraschte es sehr, denn es wußte nicht, wie viele hundert Male Rico es ihm vorgesungen hatte in den drei Jahren. Stineli hatte die größte Freude, daß es das alte Lied wieder einmal mit Rico singen sollte, und nun ging’s an, und richtig: Silvio sang aus allen Kräften mit, und ohne daß er ein einziges Wort verstand, hatte er sie alle dem Tone nach behalten durch das viele Anhören. Aber diesmal war das Lachen am Stineli; denn Silvio sprach seine Worte meistens so ganz verwunderlich aus, daß es vor Lachen gar nicht singen konnte, und wie nun der Silvio das Stineli so mit dem ganzen Gesicht lachen sah, da fing auch er an, und dann sang er noch vernehmlicher und lauter, daß das Stineli noch mehr lachen mußte, und dazu geigte der Rico mit aller Kraft sein: »Schäflein hinunter«.

So tönte schon von weitem das singende Gelächter der Frau Menotti entgegen, als sie sich ihrem Garten näherte, und sie konnte nicht recht fassen, wie das so sein konnte in dieser ereignisvollen Stunde. Eilends kam sie durch den Garten und trat in die Stube ein; sie mußte sich gleich auf dem ersten Stuhle niederlassen, denn der Schrecken und die Freude und das Laufen und die Erwartung aller kommenden Dinge hatten sie überwältigt, und sie mußte erst zu sich kommen. Die Sänger waren verstummt und schauten verwundert auf die Mutter. Jetzt hatte sie sich gesammelt.

»Rico«, sagte sie, feierlicher als sonst, »Rico, sieh um dich! Dieses Haus, dieser Garten, das Feld, alles, was du hier sehen und nicht sehen kannst von oben bis unten, das gehört alles dir; du bist der Besitzer, es ist dein väterliches Erbgut. Da ist deine Heimat; dein Name steht im Taufbuch, du bist der Sohn von Enrico Trevillo, und der war meines Mannes nächster Freund.«

Stineli hatte bei den ersten zwei Worten schon alles begriffen und unaussprechliche Freude überstrahlte sein Gesicht. Rico saß wie versteinert auf seinem Stuhl und gab keinen Laut von sich. Aber der Silvio, große Kurzweil ahnend, brach in Jubel aus und rief:

»O jetzt gehört auf einmal das Haus dem Rico! Wo muß er schlafen?«

»Muß? Muß? Silvio!« sagte die Mutter. »In allen Stuben kann er sein, wo er will; er kann uns alle drei heut’ noch da hinausstellen, wenn er will, und ganz mutterseelenallein im Hause bleiben.«

»Dann ging ich lieber auch zu euch hinaus«, sagte Rico.

»Ach, du guter Rico!« rief Frau Menotti aus; »wenn du uns da drinnen haben willst, wie bleiben wir so gern! Siehst du, ich habe mir schon im Heimweg ein wenig ausgedacht, wie wir es machen könnten. Ich könnte dir das halbe Haus abnehmen und so mit dem Garten und dem Land; so gehörte die eine Hälfte von allem dir und die andere dem Silvio.«

»Dann geb’ ich meine Hälfte dem Stineli«, rief Silvio.

»Und ich die meine auch«, sagte Rico.

»Oho, nun gehört alles dem Stineli!« frohlockte der Kleine aus seinem Bett heraus, »der Garten und das Haus und alles, was drin ist, die Stühle und die Tische und ich und der Rico und seine Geige. Jetzt wollen wir wieder singen!«

Aber so abgemacht, wie der Silvio die Sache auffaßte, kam sie dem Rico nicht vor. Er hatte unterdessen über die Worte der Frau Menotti nachgedacht und fragte nun zaghaft:

»Aber wie könnte das sein, daß das Haus von Silvios Vater mein wäre, darum, daß mein Vater sein Freund war?«

Da fiel es der Frau Menotti erst ein, daß ja der Rico von dem ganzen Hergang der Sache noch nichts wußte, und sie fing gleich an und erzählte die ganze Geschichte von vorn an und noch viel weitläufiger, als sie am Abend vorher alles dem Stineli erzählt hatte. Und wie sie zu Ende war, da hatten die drei alles völlig begriffen, und bei allen dreien ging ein unbeschreiblicher Jubel los, denn da war gar kein Hindernis mehr, daß Rico auf der Stelle in sein Haus einziehe und es nie wieder verlasse.

Mitten aus dem Jubel heraus aber sagte Rico:

»Weil doch alles so ist, Frau Menotti, so muß ja nun gar nichts anders werden in dem Hause; ich komme nun auch und bin daheim hier, und wir bleiben so zusammen, und Ihr seid unsere Mutter.«

»O Rico, daß du es bist, daß du es bist! Wie hat doch der liebe Gott das alles so schön herausgeführt! Daß ich es alles dir zu übergeben habe und doch dableiben kann mit dem besten Gewissen. Ich will dir auch eine Mutter sein, Rico, sieh, du bist mir ja auch lange schon lieb wie ein eigenes Kind. Jetzt mußt du mich auch Mutter nennen, und das Stineli auch, und wir sind die glücklichste Haushaltung in ganz Peschiera.«

»Jetzt müssen wir unser Lied fertig singen«, rief der Silvio, dem es so ums Singen und Jauchzen war, daß er einen Ausweg haben mußte, und Rico und Stineli begannen noch einmal den Gesang in der größten Fröhlichkeit, denn es war ihnen nicht minder wohl ums Herz. Als sie aber damit fertig waren, sagte Stineli:

»Nun möchte ich noch ein Lied mit dir singen, Rico; weißt du, was für eines?«

»Ja, ich weiß es«, antwortete Rico, »und ich will auch gern mithalten; wir wollen gleich beim Vers der Großmutter anfangen«, und er stimmte an und sang so schön und tief heraus, wie er noch gar nie gesungen hatte, und Stineli sang mit seinem ganzen Herzen dazu:

»Er hat noch niemals was versehn
In seinem Regiment,
Und was er tut und läßt geschehn,
Das nimmt ein gutes End’.
Ei nun, so laß ihn ferner tun
Und red ihm nicht darein,
So wirst du hier im Frieden ruhn
Und ewig fröhlich sein.«

Aber nach Riva ging der Rico nicht an dem Tage. Die Mutter Menotti hatte ihm geraten, gleich hinzugehen und der Wirtin seine veränderten Verhältnisse mitzuteilen, einen Geiger nach Riva zu beordern und gleich heute noch in sein Haus einzuziehen. Dieser Vorschlag gefiel dem Rico, und er eilte gleich fort. Die Wirtin hörte ihm mit der größten Verwunderung zu, als er ihr seine Mitteilungen machte; als er fertig war, rief sie ihren Mann herbei und bezeugte eine laute Freude und wünschte dem Rico allen Segen in sein Haus, und es kam ihr recht von Herzen. Sie verlor ihn ungern, aber sie hatte schon seit einiger Zeit den Verdacht gehegt, die Wirtin zu den »Drei Kronen« fahnde auf den Rico und mache ihn ihr noch abspenstig; das hätte sie nicht ertragen. Nun war der gefürchteten Tat der Riegel gestoßen, und daß der Rico ein Gutsherr geworden war, mochte sie ihm gönnen, denn sie hatte ihn immer wohl gemocht. Und der Mann hatte seine besondere Freude an der Sache, denn er hatte den Vater gekannt und konnte gar nicht begreifen, daß es ihm nie in den Sinn gekommen war, wie ihm der Rico aufs Haar gleich sehe. So nahm Rico einen freundlichen Abschied aus dem Hause, und als ihm die Wirtin unter der Tür noch einmal die Hand gab, empfahl sie sich noch für alle Fälle, wenn er etwa mit der Zeit einmal einen Anlaß von seinem Haus aus zu geben hätte. Noch an demselben Abend wußte ganz Peschiera die ganze Geschichte des Rico, wie sie sich zugetragen hatte, und dann noch viel dazu, und jedermann mochte dem Rico sein Glück gönnen, und einer sagte zum anderen: »Er paßt gerade als Herr auf sein Gütlein, als wäre er eigens dazu geschaffen worden.«

Die Mutter Menotti aber wußte nicht, wie sie es dem neuen Besitzer gut genug machen wollte in seinem Hause. Sie rüstete das große Zimmer auf mit den zwei Fenstern über den Garten und auf den See hinab; von der Wand schauten schöne weiße Marmorfigürchen herunter, auf den Tisch kam ein duftender Blumenstrauß, und das ganze Zimmer sah so sauber und festlich aus, daß der Rico unter der Tür stehen blieb vor Erstaunen, wie er jetzt, vom Stineli geführt, heraufkam, wo die Mutter Menotti ihn empfangen wollte. Als diese ihn aber bei der Hand nahm und zum Fenster führte, wo er auf den flimmernden See hinunter und bis zu den violetten Bergen hinübersah, da stieg dem Rico so vieles auf im Herzen, daß es ihm vor Freude und Dank übervoll wurde und er nur leise sagen konnte:

»O wie schön! nun darf ich daheim sein!«

In der wohnlichen Stube mit den offenen Türen auf den Blumengarten wurde von dem Abend an, da Rico sein Haus bezogen hatte, von den vier Bewohnern desselben ein Tag nach dem anderen in solcher Fröhlichkeit und ungetrübtem Glücke verlebt, daß keines von allen bemerkte, wie rasch die Zeit dahinging.

Am Tage ging der Rico seinem pfeifenden Burschen nach zu den Feigenbäumen und auf den Acker hinaus ins Maiskorn, denn das mußte er nun alles behandeln lernen. Dann dachte der Bursche bei sich selbst: »Ich kann freilich mehr als mein Meister«, und der Hochmut stieg ihm ein wenig in den Kopf gegen den Rico; aber am Abend klangen aus der erleuchteten Stube so schöne und herzgewinnende Weisen in den Garten hinaus, daß der Bursche sich an die Hecke lehnte und stundenlang lauschte, denn Musik ging ihm über alles. Dann sagte er zu sich: »Mein Meister kann doch mehr als ich«, und bekam einen großen Respekt vor ihm.


Einundzwanzigstes Kapitel.

Sonnenschein am Gardasee.


So waren zwei Jahre dahingeflogen, immer ein Tag genußreicher als der andere. Da wußte Stineli, daß nun die Zeit seiner Abreise gekommen war, und es mußte stark mit sich kämpfen, daß es nicht den Mut verlor, denn fortgehen und vielleicht nie wiederkommen, das war der schwerste Gedanke, der noch je auf sein Herz gefallen war. Auch der Rico wußte, was nun sein sollte, und er sagte manchen Tag lang nur noch die notwendigsten Worte. Da wurde es der Mutter Menotti ganz unheimlich zumute und sie forschte der unbekannten Ursache nach, denn sie hatte schon lange vergessen, daß das Stineli sollte konfirmiert werden. Als nun diese Besorgnis herauskam, sagte die Mutter Menotti beruhigend: »Man kann schon noch ein Jahr warten«, und so lebten alle in Freuden ein Jahr weiter.

Aber im dritten Jahr kam Bericht von Bergamo, es sei da einer angekommen aus den Bergen herunter, der habe Befehl, das Stineli mit nach Hause zu nehmen. Nun mußte es sein; der kleine Silvio gebärdete sich wie ein Besessener, aber es half nichts, gegen das Schicksal konnte er nicht aufkommen. Die Mutter Menotti sagte die letzten drei Tage hintereinander nur immerzu: »Komm nur auch wieder, Stineli; versprich dem Vater, was er will, wenn er dich nur wieder gehen läßt.«

Der Rico sagte gar nichts mehr. So reiste das Stineli ab, und von dem Tage an lag es über dem Hause wie eine graue, schwere Wolke, wenn draußen die Sonne noch so schön schien. So blieb es vom November an bis zum Osterfest, da alle Leute sich freuten; aber in dem Hause blieb es ganz still. Und als das Fest vorüber war und draußen im Garten alles blühte und duftete, viel schöner als je, da saß eines Abends Rico neben dem Silvio und spielte die allertraurigste Melodie, die er kannte, und machte den kleinen Silvio ganz tiefsinnig; aber mit einem Male ertönte aus dem Garten eine Stimme dazwischen: »Rico, Rico, hast du keinen fröhlicheren Empfang für mich?«

Der Silvio schrie auf wie außer sich. Rico warf die Geige auf das Bett und sprang hinaus. Die Mutter stürzte mit Schrecken herbei. Da erschien auf der Schwelle mit dem Rico das Stineli. Und wie seine Augen wieder in die Stube hereinlachten – da war der langverlorene Sonnenschein zurückgekehrt, und es gab ein Wiedersehen von solcher Freude, wie sich keins von allen hatte vorstellen können in der Trennung. Da saßen sie wieder am Tisch bei Silvios Bett und es ging an ein Fragen und Erzählen und Berichten und wieder an ein Frohlocken über das Ende der schweren Trennungszeit; und es war ein solcher Festabend, daß man hätte denken können, diesen vier Menschen könne gar nichts mehr mangeln zu einem fertigen Glück. Aber dem Rico mußte es ganz anders sein. Mitten in der Fröhlichkeit fing er auf einmal zu staunen an, wie vorzeiten; doch währte es nicht so lange wie damals, er mußte ziemlich bald einen befriedigenden Endpunkt gefunden haben, denn plötzlich war das Staunen vorbei, und mit der größten Bestimmtheit sprach er die Worte aus:

»Das Stineli muß auf der Stelle meine Frau werden, sonst kommt es uns noch einmal fort, wir halten es nicht aus.«

Der Silvio geriet sogleich in die äußerste Begeisterung für dieses Unternehmen, und es währte gar nicht lange, so waren alle einig darüber, daß es so sein müsse und gar nicht anders sein könnte. –

Am schönsten Maitage, der je über Peschiera geleuchtet hatte, bewegte sich ein langer Festzug von der Kirche her der »Goldenen Sonne« entgegen. Voran kam der hochgewachsene Rico stattlich dahergeschritten, an seiner Seite das frohäugige Stineli mit einem frischen Blumenkränzlein auf dem Kopf; dann kam in weichgepolstertem Wägelchen, von zwei fröhlichen Peschierabuben gezogen, der kleine Silvio, freudeglänzend wie ein Triumphator, darauf folgte die Mutter Menotti, ganz gerührt und ergriffen in ihrem rauschenden Hochzeitsstaat, nach ihr der Bursche mit einem Blumenstrauß, der ihm die ganze Brust bedeckte; und nun wogte ganz Peschiera daher in der allerlautesten Teilnahme; denn das schöne Paar wollten alle sehen und mit feiern. Es war wie ein allgemeines Familienfest der Leute von Peschiera, nun der verlorene und wiedergekehrte Peschierianer daranging, sein festes Haus zu gründen in seiner Heimat.

Die Siegesfreude der Wirtin zur »Goldenen Sonne«, als sie den Zug vor ihrem Hause ankommen sah, ist nicht zu beschreiben! Wo auch je nachher von irgendeiner Hochzeit, hoch oder niedrig, die Rede war, da sagte sie mit Überlegenheit:

»Das ist alles gar nichts gegen Ricos Hochzeit in der ›Goldenen Sonne‹!«

In dem Hause am Blumengarten ging der Sonnenschein nicht mehr verloren; aber Stineli sorgte auch dafür, daß das Unser-Vater nie wieder vergessen wurde, und jeden Sonntagabend ertönte das Lied der Großmutter im hellen Chor den Garten hinaus.


Wie Wiselis Weg gefunden wird.


Erstes Kapitel.

Auf dem Schlittweg.


Draußen vor der Stadt Bern liegt ein Dörflein an einer Halde. Ich kann hier nicht wohl sagen, wie es heißt, aber ich will es ein wenig beschreiben; wer dann dahinkommt, der kann es gleich erkennen. Oben auf der Anhöhe steht ein einzelnes Haus mit einem Garten daran, voll schöner Blumen von allen Arten; das gehört dem Oberst Ritter und heißt »Auf der Halde«. Von da geht es hinunter; dann steht auf einem kleinen, ebenen Platze die Kirche und daneben das Pfarrhaus, – dort hat die Frau des Obersten als Pfarrerstochter ihre fröhliche Kindheit verlebt. Etwas weiter unten hin kommt das Schulhaus und noch einige Häuser beisammen, und dann links am Wege noch ein Häuschen ganz allein; davor liegt auch ein Gärtchen mit ein paar Rosen und ein paar Nelken und ein paar Resedastöckchen, daneben aber mit Zichorien und Spinat bepflanzt und mit einer niederen Hecke von Johannisbeersträuchern umgeben. Alles ist da immer in bester Ordnung und kein Unkraut zu sehen. Dann geht der Weg wieder bergab die ganze, lange Halde hinunter bis auf die große Straße, die der Aare entlang geht ins Land hinaus.

Diese ganze, lange Halde bildete zur Winterszeit den herrlichsten Schlittweg, der weit und breit zu finden war; wohl zehn Minuten lang konnte man da auf dem Schlitten sitzen bleiben, ohne abzusteigen; denn war man vom Hause des Obersten an bei diesem ersten, steilen Absatz einmal recht in den Zug gekommen, so gingen die Schlitten vorwärts ohne Nachhilfe bis hinunter auf die Aarestraße. Diese unvergleichliche Schlittenbahn machte denn auch das Lebensglück einer großen Schar von Kindern aus, die alle, sobald nur die alte Schulstubentür sich öffnete, sich herausstürzten, ihre Schlitten vom Haufen rissen, den sie im Vorhof bildeten, und mit Windeseile dem Schlittweg zurannten, wo die Stunden verflogen, man wußte nicht wie, denn unten am Berge war man immer im Augenblick, und beim Heraufsteigen dachte man so eifrig ans nächste Hinunterfahren, daß es unmerklich schnell getan war. So brach immer zum großen Schrecken der Kinder die Nacht herein, lang ehe sie erwartet war, denn dies war die Zeit, da fast alle nach Hause gehen mußten. Da folgte dann gewöhnlich noch ein ziemlich stürmisches Ende, denn da wollte man schnell noch einmal fahren und dann noch einmal und dann nur noch ein einziges Mal, und so mußte dann alles noch in größter Eile zugehen, das Aufsitzen und das Abfahren und wieder die Rückkehr den Berg hinauf. Da war auch ein Gesetz errichtet worden, daß keiner sollte hinunterfahren, während die anderen hinaufstiegen, sondern hintereinander sollten alle abfahren und miteinander alle zurückkehren, damit kein Gedränge und Schlittenverwickelungen entstehen könnten. Manchmal aber gab es doch allerlei ungesetzliche Verwirrungen, besonders auf diesen drangvollen Schlußfahrten, da dann keiner zuletzt sein und etwa noch zu kurz kommen wollte. So war es auch an einem hellen Januarabend, da vor Kälte die Schlittenbahn laut knisterte unter den Füßen der Kinder und der Schnee nebenan auf den Feldern so hart gefroren war, daß man hätte darauf fahren können wie auf einer festen Straße. Die Kinder aber waren alle glühend rot und heiß dazu, denn eben waren sie im angestrengten Lauf den ganzen Berg heraufgeeilt, ihre Schlitten nachziehend und sie nun stracks umwendend und sich darauf stürzend, denn es hatte Eile; drüben stand schon hell der Mond am Himmel und die Betglocke hatte auch schon geläutet. Die Buben hatten aber alle gerufen: »Noch einmal! Noch einmal!« Und die Mädchen waren einverstanden. Aber beim Aufsitzen gab es eine Verwirrung und einen großen Lärm: drei Buben wollten durchaus auf demselben Platze mit ihren Schlitten stehen, und keiner wollte auch nur einen Zoll zurückweichen und später abfahren. So drückten sie einander auf die Seite hin, und der breite Chäppi wurde von den beiden anderen so gegen den Rand des Weges hin gestoßen, daß er ganz in den Schnee hineinsank mit seinem schweren Keßlerschlitten und fühlte, daß er unter ihm stecken blieb. Eine große Wut ergriff ihn beim Gedanken, daß die anderen nun abfahren möchten; er schaute um sich. Da fiel sein Blick auf ein kleines, schmales Mädchen, das neben ihm im Schnee stand; es war ganz bleich und hielt beide Arme in seine Schürze gewickelt, um wärmer zu haben, aber es zitterte doch vor Frost an seinem ganzen dünnen Körperchen. Das schien dem Chäppi ein passender Gegenstand zu sein, seine Wut daran auszulassen.

»Kannst du einem nicht aus dem Wege gehen, du lumpiges Ding du? du brauchst nicht hier zu stehen, du hast ja nicht einmal einen Schlitten. Wart nur, ich will dir schon aus dem Wege helfen.« Damit stieß der Chäppi seinen Stiefel in den Schnee hinein, um dem Kinde eine Schneewolke entgegenzuwerfen. Es floh zurück, so daß es bis an die Kniee in den Schnee hineinsank, und sagte schüchtern: »Ich wollte nur zusehen!« Der Chäppi stieß eben seinen Stiefel noch einmal in den Schnee hinein, als ihn von hinten eine so erschütternde Ohrfeige traf, daß er fast vom Schlitten herunterfuhr. »Wart du!« rief er außer sich vor Erbitterung, denn sein Ohr sauste, wie es noch kaum je gesaust hatte, und mit geballter Faust kehrte er sich um, seinen Feind zu treffen. Da stand einer hinter ihm, der hatte eben seinen Schlitten zurechtgestellt zum Abfahren, und schaute nun ganz ruhig auf den Chäppi nieder und sagte: »Probier’s!« Es war Chäppis Klassengenosse, der elfjährige Otto Ritter, der öfter mit dem Chäppi kleine Verschiedenheiten auszugleichen hatte. Otto war ein schlanker, aufgeschossener Junge, lange nicht so breit wie der Chäppi; aber dieser hatte schon mehr als einmal erfahren, daß Otto eine merkwürdige Gewandtheit in Händen und Füßen besaß, gegen welche der Chäppi sich nicht zu helfen wußte. Er schlug nicht zu, aber die geballte Faust hielt er immer in die Höhe und wuterfüllt rief er: »Laß du mich gehen, ich habe nichts mit dir zu tun!« – »Aber ich mit dir«, entgegnete Otto kriegerisch. »Was brauchst du das Wiseli dorthinein zu jagen und ihm noch Schnee anzuwerfen; ich habe dich wohl gesehen, du Feigling, der ein Kleines verfolgt, das sich nicht wehren kann.« Damit kehrte er verächtlich dem Chäppi den Rücken und wandte sich dem Schneefelde zu, wo das bleiche Wiseli noch immer stand und zitterte. »Komm heraus aus dem Schnee, Wiseli«, sagte Otto beschützend. »Siehst du, du klapperst ja vor Frost. Hast du wirklich gar keinen Schlitten und hast nur zusehen müssen? Da, nimm den meinen und fahr einmal hinunter, schnell, siehst du, da fahren sie schon.« Das bleiche, schüchterne Wiseli wußte gar nicht, wie ihm geschah; zwei-, dreimal hatte es zugeschaut, wie eines nach dem anderen auf seinem Schlitten saß, und gedacht: »Wenn ich nur ein einziges Mal ganz hinten aufsitzen dürfte«, wo schon drei auf einem Schlitten saßen. Nun sollte es allein hinunterfahren dürfen und dazu auf dem allerschönsten Schlitten mit dem Löwenkopf vorn, der immer allen anderen zuvorkam, weil er so leicht war und hoch mit Eisen beschlagen. Vor lauter Glück stand Wiseli ganz unschlüssig da und schaute nach dem Chäppi, ob er es nicht vielleicht zu prügeln gedenke zur Strafe für sein Glück. Aber der saß jetzt ganz abgekühlt da, so als wäre gar nichts geschehen, und Otto stand so schutzverheißend daneben, daß ihm der Mut kam, sein Glück zu erfassen; es setzte sich wirklich auf den schönen Schlitten, und da nun Otto mahnte: »Mach, mach, Wiseli, fahr ab«, so gehorchte es, und hinunter ging’s, wie vom Winde getragen. In der kürzesten Zeit hörte Otto die ganze Gesellschaft wieder herankeuchen, und er rief entgegen: »Wiseli, bleib unter den Vordersten und sitz gleich noch einmal auf und fahr zu; nachher müssen wir gehen.« Das glückliche Wiseli setzte sich noch einmal hin und genoß noch einmal die langersehnte Freude. Dann brachte es seinen Schlitten und dankte ganz schüchtern seinem Wohltäter, mehr mit den freudestrahlenden Augen, als mit Worten, dann rannte es eilig davon. Otto fühlte sich sehr befriedigt. »Wo ist das Miezi?« rief er in die sich zerstreuende Gesellschaft hinein. »Da ist es«, ertönte eine fröhliche Kinderstimme, und aus dem Knäuel heraus trat ein rundes, rotbackiges kleines Mädchen, das der Bruder Otto als kräftiger Schutzmann bei der Hand faßte und nun mit ihm dem väterlichen Hause zueilte, denn es war heute spät geworden; die erlaubte Zeit des Schlittens war ziemlich lange überschritten.


Zweites Kapitel.

Daheim, wo’s gut ist.


Als Otto und seine Schwester durch die lange, steinerne Hausflur hereinstürmten, trat die alte Trine aus einer Tür und hielt ihr Licht in die Höhe, um besser zu sehen, was dahergetrappelt kam. »So, endlich!« sagte sie, halb zankend, halb wohlgefällig. »Die Mutter hat schon lange nachgefragt, aber da war kein Bein zu sehen, und acht Uhr hat’s geschlagen vor weiß kein Mensch wie langer Zeit.« Die alte Trine war schon Magd in der Familie gewesen, als die Mutter der beiden Kinder zur Welt kam; so hatte sie große Rechte im Hause und fühlte sich durchaus als Glied desselben, eigentlich als Haupt, denn an Alter und Erfahrung war sie die erste. Die alte Trine war durchaus vernarrt in beide Kinder ihrer Herrschaft und sehr stolz auf alle ihre Anlagen und Eigenschaften; das ließ sie aber nicht merken, sondern sprach immer im Tone halber Entrüstung von ihnen, denn das fand sie heilsam zu ihrer Erziehung. »Schuhe aus, Pantoffeln an!« rief sie jetzt, Ordnung gebietend; der Befehl wurde aber gleich darauf von ihr selbst vollzogen, denn sofort kniete sie vor Otto hin, der sich auf einem Sessel niedergelassen hatte, und zog ihm die nassen Schuhe aus. Die kleine Schwester stand unterdessen mitten in der Stube still und rührte sich nicht, was sonst nicht ihre Art war, so daß die alte Trine während ihrer Arbeit ein paarmal hinüberschielte. Jetzt war Otto gerüstet, und Miezchen sollte auf dem Sessel sitzen; aber es stand noch auf demselben Platze und rührte sich nicht. »Nu, nu, wollen wir warten, bis es Sommer wird, dann trocknen die Schuhe von selbst«, sagte die Trine, auf ihren Knieen harrend. »Bst! bst! Trine, ich habe etwas gehört; wer ist in der großen Stube?« fragte Miezchen und hob den Zeigefinger etwas drohend in die Höhe. »Alles Leute mit trockenen Schuhen, und andere kommen nicht hinein. Jetzt wag’s und sitz nieder«, mahnte Trine. Aber anstatt zu sitzen, machte Miezchen einen Sprung und rief: »Jetzt hab’ ich’s wieder gehört, so lacht der Onkel Max.« – »Was?« schrie Otto und war mit einem Satz bei der Tür. – »Wart! wart!« schrie Miezchen nach und wollte gleich mit zur Tür hinaus; aber jetzt wurde es abgefaßt und auf den Stuhl gesetzt, die alte Trine hatte jedoch einen schweren Stand mit den zappelnden Füßchen. Indessen gelang die Arbeit, und nun stürzte Miezchen zur Tür hinaus und hinüber in die große Stube hinein und direkt auf den Onkel Max los, der richtig dort im Lehnstuhl saß. Da war nun ein großer Freudenlärm und ein Grüßen und ein Willkommenrufen in allen Tönen, und in das Gelärm der Kinder stimmte der Onkel Max wacker mit ein, und es währte geraume Zeit, bis sich der Tumult etwas gelegt hatte und die Festfreude einen ruhigen Charakter annahm. Denn ein Fest für die Kinder war die Erscheinung des Onkels jedesmal und aus triftigen Gründen. Der Onkel Max war ihr besonderer Freund; er war fast immer auf Reisen und kam nur alle paar Jahre einmal zum Besuch; dann gab er sich aber mit den Kindern ab, als gehörten sie ihm selber an, und was er für wunderbar herrliche Sachen in allen Taschen für sie brachte, das war gar mit nichts zu vergleichen, denn es war alles ganz fremdartig und zauberhaft. Der Onkel Max war ein Naturforscher und reiste in allen Winkeln der Erde umher und aus jedem brachte er etwas Eigentümliches mit.

Endlich saß die Gesellschaft geordnet um den Tisch herum und die dampfende Schüssel brachte noch völlige Besänftigung in die aufgeregten Gemüter, denn von der Schlittbahn wurde immer ein richtiger Appetit mitgebracht. »So«, sagte der Papa, über den Tisch hinüberblickend, wo an der Seite der Mutter das Töchterchen fleißig arbeitete, »so, so, heut’ hat also das Miezchen keine Hand für seinen Papa, noch hab’ ich keinen Gruß bekommen, und jetzt ist keine Zeit mehr dazu.«

Etwas zerknirscht schaute das Miezchen von seinem Teller auf und sagte: »Aber Papa, aber ich habe es nicht mit Fleiß getan und jetzt will ich gleich –«, und damit stieß sie mit großer Anstrengung den Sessel zurück; aber der Papa rief: »Nein, nein, jetzt nur keine Ruhestörung. Da gib die Hand über den Tisch hin, das übrige wollen wir nachher bestellen; so ist’s recht, Miezchen.« – »Wie hat man eigentlich das Kind getauft, Marie? Ich war zwar auch dabei, aber ich habe keine Ahnung davon, welcher Name in der Kirche ausgesprochen wurde, Miezchen doch nicht?« sagte der Onkel lachend. »Wirklich warst du dabei, Max«, entgegnete seine Schwester, »da du des Kindes Pate bist. Es erhielt damals den Namen Marie; sein Papa machte daraus ein Miezchen, und Otto hat den Namen noch recht unnütz vervielfältigt.« – »O nein, Mama, wirklich nicht unnütz«, rief Otto ernsthaft herüber. »Siehst du, Onkel, das geht nach ganz bestimmten Regeln. Wenn dies kleine nichtige Wesen ordentlich und sanftmütig ist, dann nenn’ ich es Miezchen; das geschieht aber selten, und im gewöhnlichen Leben nenn’ ich es daher Miezi. Wird es aber bös, dann sieht es ganz aus wie ein kleiner Katzenreuel und muß Miez genannt werden, der Miez.«

»Ja, ja, Otto«, tönte es nun zurück, »und wenn du bös wirst, dann siehst du ganz aus wie ein – wie ein –« »Wie ein Mann«, ergänzte Otto, und da dem Miezchen eben kein Vergleich zu Gebote stand, so arbeitete es jetzt um so emsiger an seinem Brei herum. Der Onkel lachte laut auf. »Das Miezchen behält recht«, rief er; »seinen Geschäften obliegen ist besser, als auf Schmähungen antworten.« »Aber, Kinder«, setzte er nach einer Weile hinzu, »nun bin ich mehr als ein Jahr nicht hier gewesen und ihr habt mir noch gar nichts erzählt; was habt ihr denn alles erlebt unterdessen?« Die neuesten Ereignisse erfüllten zunächst den Sinn der Kinder: so wurde gleich mit großer Lebhaftigkeit, meistens im Chor, die eben erlebte Geschichte erzählt, wie der Chäppi das Wiseli behandelt, wie es fror und im Schnee stand und keinen Schlitten hatte und endlich doch noch zu zwei Fahrten kam. »So ist’s recht, Otto«, sagte der Papa; »du mußt deinem Namen Ehre machen, für die Wehrlosen und Verfolgten mußt du immer ein Ritter sein. Wer ist das Wiseli?« – »Du kannst das Kind und seine Mutter kaum kennen«, sagte die Mama, zu ihrem Manne gewandt; »aber der Onkel Max kennt Wiselis Mutter recht gut. Du kannst dich doch noch auf den mageren Leineweber besinnen, Max, der unser Nachbar war. Er hatte ein einziges Kind mit großen braunen Augen, das oft bei uns im Pfarrhaus war und so schön singen konnte; kommt dir da die Erinnerung daran wieder?«

Bevor aber die weiteren Erinnerungen zur Verhandlung kamen, steckte die alte Trine ihren Kopf zur Tür herein und rief: »Der Schreiner Andres möchte gern der Frau Oberst einen Bericht abgeben, wenn er nicht stört.« Diese harmlosen Worte bewirkten eine wahre Verheerung in der Gesellschaft. Die Mutter legte den Servierlöffel, mit dem sie soeben dem Onkel entgegenkommen wollte, beiseite, sagte eilig: »Um Entschuldigung, ihr Herren!« und ging davon. Otto sprang so stürmisch auf, daß er seinen Stuhl hintenhinaus warf und dann selbst darüber stürzte, als er fortgaloppieren wollte. Das Miezchen hatte ähnliche Taten vor, aber der Onkel hatte seine ersten Bewegungen zum Aufruhr gesehen und hielt es nun mit beiden Armen fest. Aber es zappelte jämmerlich und schrie: »Laß los, Onkel, laß los. Im Ernst, ich muß gehen.«

»Wohin denn, Miezchen?«

»Zum Schreiner Andres. Laß schnell los! Hilf, Papa, hilf!«

»Wenn du mir sagst, was du vom Schreiner Andres willst, so lass’ ich dich los.«

»Das Schaf hat nur noch zwei Beine und keinen Schwanz, und nur der Schreiner Andres kann ihm helfen. Jetzt laß los.« Nun stürmte auch das Miezchen fort. Die Herren schauten einander an, und Onkel Max schlug ein helles Gelächter auf und rief: »Wer ist denn der Schreiner Andres, um den deine ganze Familie sich zu reißen scheint?«

»Das mußt du besser wissen als ich«, entgegnete der Oberst; »es wird wohl ein Jugendfreund von dir sein, und das Fieber der Verehrung wird auch dich noch ergreifen, es muß in eurer Familie sein, bei uns hat es die Mutter verbreitet. Ich kann dir so viel sagen, daß der Schreiner Andres völlig der Grundstein meines Hauses ist, auf dem alles feststeht und entschieden auseinandergehen würde, sollte dem Hause dieser Halt entkommen. Der Schreiner Andres ist hier Rat, Trost, Heil und Hilfe in der Bedrängnis. Strebt meine Frau nach einem Hausgerät, von dem sie gar nicht weiß, wie es aussehen soll, noch wozu man es braucht, – der Schreiner Andres erfindet es und schafft es zur Stelle. Bricht Feuers- oder Wassersnot in der Küche oder im Waschhaus los, – der Schreiner Andres greift in die Elemente und bringt das Feuer ins Stocken und das Wasser in Fluß. Macht mein Sohn einen recht dummen Streich, – der Schreiner Andres dreht ihn wieder zurecht. Schmeißt meine Tochter das sämtliche Hausgeräte entzwei, – der Schreiner Andres leimt es wieder zusammen. So ist der Schreiner Andres recht eigentlich die stützende Säule meines Hauses, und wenn diese zusammenbrechen würde, so gingen wir alle in Trümmer.«

Die Mutter war unterdessen wieder eingetreten, und wohl zu ihrem Besten schilderte der Vater die Verdienste des Schreiners Andres so eingehend. Onkel Max lachte, daß es schallte.

»Lacht ihr nur! Lacht ihr nur!« sagte die Mutter. »Ich weiß schon, was ich an dem Schreiner Andres habe.«

»Und ich auch«, bemerkte der Vater mit spöttischem Lächeln.

»Und ich auch!« behauptete das Miezchen herzhaft, das wieder auf seinem Platze saß.

»Und ich auch!« brummte der Otto, dem der Knöchel noch sauste von seinem Sturz über den Stuhl hin.

»So, nun sind wir alle einer Meinung«, bemerkte die Mutter, »nun können die Kinder in Frieden zu Bette gehen.« Auf diese Anzeige hin drohte dem Frieden gleich eine Störung; aber es half nichts, die alte Trine stand schon vor der Tür und wachte, daß die Hausordnung nicht überschritten werde. Die Kinder mußten abtreten, und gleich nachher verschwand die Mutter auch noch einmal, denn die Kinder schliefen nicht ein, ohne daß die Mutter zum Nachtgebet noch an ihre Betten gekommen war.

Als nun alles still und ruhig war, kam die Mutter wieder zu den Herren zurück und setzte sich nun so recht zum Bleiben hin.

»Endlich«, sagte da der Oberst hoch aufatmend, als habe er die Feinde hinter sich. »Siehst du, Max, erst gehört meine Frau dem Schreiner Andres, dann ihren Kindern und dann ihrem Mann, wenn noch etwas übrig bleibt.«

»Und siehst du, Max«, sagte die Mutter lachend, »wenn mein Mann noch so arg höhnt: er mag unseren guten Schreiner Andres gerade so gern wie wir alle; gestehe es nur ein, Mann! Eben hat mir Andres auch für dich noch einen Auftrag übergeben, er hat seine jährliche Summe gebracht und bittet um deinen Beistand.«

»Das ist wahr«, sagte der Oberst; »einen ordentlicheren, fleißigeren, zuverlässigeren Mann kenne ich nicht. Dem würde ich Weib und Kind und Hab’ und Gut und alles anvertrauen wie keinem anderen; das ist der ehrlichste, wackerste Mann in unserer ganzen Gemeinde und noch weit darüber hinaus.«

»Jetzt siehst du, Max«, sagte die Frau lachend; »ich konnte doch nicht mehr sagen.« Ihr Bruder lachte mit über den Eifer, in den der Oberst unversehens gefallen war. Dann entgegnete er: »Nun habt ihr mir alle so viel von eurem Wundermann vorerzählt, daß ich wirklich wissen möchte, woher er stammt und wie er aussieht. Habe ich ihn denn noch nicht gesehen hier?«

»Ach, du hast ihn ja so gut gekannt, Max«, entgegnete seine Schwester; »du mußt dich durchaus noch des Andres erinnern, mit dem wir zur Schule gingen. Weißt du denn nicht mehr, wie zwei Brüder zusammen in derselben Klasse mit dir waren? Der ältere war damals schon ein rechter Taugenichts; er war gar nicht dumm, aber tat nichts und blieb darum stecken und kam dann mit dem viel jüngeren Bruder in eine Klasse zusammen, in welcher du auch warst. Du mußt dich gewiß erinnern, er hieß Jörg und hatte ganz schwarzes, steifes Haar. Er bewarf uns, wo er konnte, mit irgend etwas, mit unreifen Äpfeln und Birnen und dann mit Schneeballen, und rief uns überall nach: ›Aristokratenbrut!‹«

»O der, der«, rief Onkel Max lachend, »ja, nun weiß ich auf einmal alles. Richtig, ›Aristokratenbrut‹ rief er uns beständig nach; ich möchte nur wissen, wie ihm das Wort in den Sinn kam. Er war ein widerwärtiger Kerl; ich weiß. Da sah ich ihn einmal einen viel kleineren Jungen ganz unbarmherzig durchprügeln; dem half ich aber, dafür rief er mir wohl zwölfmal nach: ›Aristokratenbrut!‹ Ach, nun weiß ich auch auf einmal, wer der andere war; das war der magere, kleine Andres, sein Bruder, das ist gewiß euer Andres, und dann ist das auch der Andres mit den Veilchen, nicht wahr, Marie? O, jetzt versteh’ ich schon die dicke Freundschaft«, lachte Onkel Max auf’s neue auf. – »Was Veilchen, das muß ich wissen«, fiel der Oberst ein. – »O, die Geschichte ist mir auf einmal vor Augen, als wäre sie gestern geschehen«, sagte der Onkel ganz angeregt von seinen Erinnerungen; »die muß ich dir erzählen, Otto. Du weißt vielleicht durch deine Frau, daß wir hier im Dorfe in jenen glücklichen Zeiten unserer Kindheit einen alten Schullehrer hatten, der fand, daß alle Mängel und Gebrechen der Schulkinder aus ihnen heraus- und alle Fähigkeiten und guten Eigenschaften in sie hineingeprügelt werden könnten. So war er genötigt, sehr viel zu prügeln, um den einen oder andern guten Zweck zu erreichen, manchmal auch beide auf einmal. Einmal nun war ihm der magere Andres unter die Hand gekommen; dem schlug er nun so kräftig seine wohlgemeinte Ermahnung auf den Rücken, daß der Andres laut aufschrie. In diesem Augenblick stand meine kleine Schwester, die kürzlich in die Schule eingetreten war und sich noch nicht so recht in die daselbst herrschenden Gebräuche eingelebt hatte, plötzlich auf von ihrem Sitze auf der ersten Bank und schritt eilig der Tür zu. Einen Augenblick hielt der Schullehrer inne mit seiner Arbeit und rief ihr nach: ›Wo läufst du hin?‹ Marie kehrte sich um; die hellen Tränen liefen ihr über die Backen herunter und sie sagte ganz aufrichtig: ›Ich will heimgehen und es dem Papa sagen.‹ ›Wart, ich will dir‹, rief jetzt der Schullehrer in großer Überraschung und stürzte vom Andres weg auf die kleine Marie los; die prügelte er aber nicht, er nahm sie nur beim Arm und setzte sie ziemlich fest auf ihren Platz hin; dann sagte er noch einmal: ›Wart, ich will dir!‹ Damit war aber alles abgetan; auch der Andres wurde in Ruhe gelassen, und so nahm alles einen friedlichen Ausgang. Aber die Tränen, die meine Schwester für den Andres vergossen, und ihr Einschreiten gegen den Tyrannenstock wurden nicht vergessen. Von dem Tag an lag jeden Morgen ein Büschel Veilchen auf ihrem Platz und durchduftete den ganzen Schulraum, und nachher kam noch ein anmutigerer Duft von dem Platz her, denn da lagen große Erdbeersträuße mit den prächtigsten dunkelroten Beeren, wie sie sonst nirgends zu sehen waren, und so ging es das ganze Jahr durch immerfort; wie sich dann aber die Freundschaft zu dem erstaunlich hohen Grad entwickelt hat, wo sie nun angelangt ist, das muß meine Schwester wissen und uns mitteilen.« – Der Oberst hatte seine Freude an der Geschichte der Tränen und der Veilchen und forderte seine Frau auf, weiter zu erzählen. Sie sagte mit Lachen: »Erdbeeren und Veilchen blühen deiner Ansicht nach das ganze Jahr durch, Max; das ist aber nicht ganz so. Hingegen wurde der gute Andres wirklich das ganze Jahr durch nicht müde, mir irgend etwas Erfreuliches aus Feld und Wald aufzufinden und an meinen Platz zu legen, solange wir miteinander zur Schule gingen. Er trat dann lange vor mir aus und kam in die Lehre zu einem Schreiner nach der Stadt; er kam dann immer öfter nach Hause, ich verlor ihn nie ganz aus den Augen, und als mein Mann dies Gut kaufte und wir uns eben verheiratet hatten, handelte es sich darum, daß Andres sich etwas ankaufen und sich selbständig niederlassen wollte; er hatte seine Eltern verloren und stand ganz allein, aber als ein tüchtiger Arbeiter da. Er hatte seine Augen auf das Häuschen mit dem sauberen kleinen Garten dort unterhalb der Kirche gerichtet, konnte es aber nicht ankaufen, da der Verkäufer sogleich bares Geld haben und Andres erst solches durch seine Arbeit gewinnen mußte. Aber wir kannten ihn und seine Arbeit. Mein Mann kaufte das Gütchen an für ihn, und er hat es keinen Augenblick zu bereuen gehabt.« – »Nein, wahrhaftig nicht«, fiel hier der Oberst ein; »der brave Andres hat längst sein Gut vollständig abgezahlt und seither bringt er mir jedes Jahr um diese Zeit eine ganz hübsche Summe, den Gewinn seiner Jahresarbeit; die lege ich ihm gut an und habe meine Freude an dem Gedeihen des wackeren Menschen. Er ist jetzt schon ein ganz wohlhabender Mann, und nun nimmt sein Besitztum jährlich sehr zu, er kann sein Häuschen noch zu einem großen Haus machen, der brave Andres; es ist nur schade, daß er wie ein Einsiedler lebt und darum sein erarbeitetes Gut gar nicht genießen kann.« – »Hat er denn keine Frau und Familie, und wo ist der bitterböse Jörg schließlich hingekommen?« fragte Onkel Max weiter. – »Nein, er hat gar niemanden«, antwortete die Schwester, »er lebt völlig allein, wirklich wie ein Einsiedler. Er hat eine lange, traurige Geschichte erlebt, die ich mit angesehen habe, und die ihm gewiß alle Lust benommen hat, je eine Frau zu suchen. Der Bruder Jörg hat erst hier einige Jahre herumvagabondiert, hat nie gearbeitet, sondern gehofft, durch furchtbares Schimpfen auf alle diejenigen, die keine Lumpe waren wie er, endlich doch noch sein Glück zu machen, und als ihm dies nicht gelang, auch der gute Andres ihm endlich nicht mehr aus seinen Schulden und allem Bösen heraushelfen konnte und auch nicht mehr wollte, da ist er verschwunden, wohin, hat man nie recht gewußt; jedermann war froh, daß er nur fort war.« – »Was war denn die traurige Geschichte, Marie?« fragte der Bruder; »die muß ich auch noch wissen.« »Und ich auch«, sagte der Oberst und zündete zu der Erzählung vergnüglich eine neue Zigarre an.

»Aber Mann«, bemerkte die Frau Oberst, »dir habe ich dieses Erlebnis wohl schon sechsmal erzählt.« – »So?« entgegnete ruhig der Oberst; »es gefällt mir, wie es scheint.« – »So fang an!« ermunterte der Onkel. – »Du mußt dich noch jenes Kindes erinnern können, Max«, begann seine Schwester, »von dem ich heut’ abend schon einmal gesprochen habe, das ganz in unserer Nähe wohnte. Es gehörte dem bleichen, mageren Leineweber an, den wir immerfort sein Weberschifflein hin- und herwerfen hörten, wenn wir in unserem Garten standen. Das Kind sah zart und nett aus und hatte große, lustig glänzende Augen und so schöne braune Haare. Es hieß Aloise.« – »In meinem Leben habe ich keine Aloise gekannt«, warf Onkel Max ein. – »O, ich weiß schon warum«, fuhr seine Schwester fort, »wir nannten sie auch nie so, besonders du nicht; Wisi nannten wir sie, zum Schrecken unserer seligen Mama. Weißt du denn nicht mehr, wie oft du selbst sagtest, wenn wir am Klavier Lieder singen wollten mit Mama und es so leise tönte: ›Man muß das Wisi holen, sonst geht’s nicht?‹« – Jetzt stieg die Erinnerung mit einem Male in Onkel Maxens Gedächtnis auf; er lachte hell heraus und rief: »O, das ist’s, das Wisi, ja gewiß, das Wisi kenn’ ich wohl, ich seh’ es deutlich vor Augen mit dem lustigen Gesicht, wie es am Klavier stand und so tapfer darauf los sang. Ich mochte es gern, das Wisi; es war auch nett anzusehen. Das ist ja wahr: die gute Mutter hatte immer einen Schreckensanfall, wenn ich ›Wisi‹ sagte; ich habe aber nie gewußt, wie das Wisi eigentlich hieß.«