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Heiraten: Zwanzig Ehegeschichten cover

Heiraten: Zwanzig Ehegeschichten

Chapter 11: Vogel Phönix
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About This Book

A linked set of twenty short narratives examines marriage and intimate relations from multiple angles, exposing power imbalances, jealousy, sexual desire, and social constraint. The stories shift between psychological interiority and stark observational realism, charting characters whose moral ambiguity and shifting roles complicate domestic expectations. Natural imagery and plain, often ironic description recur as tools to probe reproduction, gendered authority, and the consequences of personal choices. Together the pieces question sentimental or idealized views of conjugal life and underscore how social conventions, private impulses, and material circumstances shape intimate bonds.

Vogel Phönix

Es war zur Zeit der Walderdbeeren, als er sie in der Pfarre zum ersten Male sah. Er hatte schon viele Mädchen gesehen, als er sie aber sah, da wusste er: das ist sie! Aber er wagte es nicht, etwas zu sagen, und sie lächelte über ihn, denn er war nur Gymnasiast noch.

Aber er kam wieder als Student. Und da fasste er sie um den Leib und küsste sie, und er sah Raketen stieben, hörte Glocken läuten und Jagdhörner klingen, fühlte die Erde unter seinen Füssen beben.

Sie war ein Weib von vierzehn Jahren. Ihre Brüste standen schwellend hoch, als warteten sie auf kleine gierige Mäuler und kleine zugreifende Fäuste; ihr Gang war fest, auf elastischen Waden und wiegenden Hüften, als könne sie jeden Augenblick ein Kind unter ihrem Herzen tragen. Ihr Haar war gelb und zart wie geklärter Honig und stand immer wie Sprühregen um ihre Stirn. Das Auge brannte und die Haut war weich wie ein Handschuh.

Sie waren verlobt und küssten sich wie Vögel im Garten unter der Linde, im Wald, und das Leben lag wie eine sonnige, ungemähte Wiese vor ihnen. Aber er musste erst sein Examen machen, das Bergexamen, und das dauerte, die Reise ins Ausland mitgerechnet, zehn Jahre! Zehn Jahre!

So fuhr er nach der Universität. Im Sommer kam er wieder nach der Pfarre, und sie war noch ebenso schön. Drei Male kam er wieder, aber beim vierten Mal war sie blass. Sie hatte kleine rote Streifen in den Nasenwinkeln und der Busen war eingesunken. Als der Sommer zum sechsten Male kam, nahm sie Eisen. Im siebenten fuhr sie nach einem Badeort. Im achten hatte sie Zahnschmerzen und war nervös. Das Haar hatte seinen Glanz verloren, die Stimme war scharf, die Nase hatte schwarze Pünktchen, der Busen war fort, der Gang war schleppend und die Wangen waren hohl. Im Winter bekam sie Nervenfieber und musste sich das Haar abschneiden lassen. Als es wieder wuchs, wurde es aschgrau. Er hatte sich in eine blonde Vierzehnjährige verliebt, eine Brünette konnte er nicht leiden, und er heiratete eine aschgraue Vierundzwanzigjährige, die als Braut den Hals nicht bloss tragen wollte.

Aber er liebte sie doch. Seine Liebe war nicht mehr so stürmisch wie früher, sondern beständig und ruhig. Und in der kleinen Bergstadt war nichts, was ihr Glück störte.

Sie gebar zwei Knaben hinter einander, aber der Mann wollte so gern ein Mädchen haben. Und dann kam ein kleines blondes Mädchen.

Das wurde der Augapfel des Vaters. Es wuchs heran und ward der Mutter ähnlich. Es wurde sieben Jahre und mit acht war es ganz so, wie die Mutter einmal gewesen. Und der Vater beschäftigte sich in seinen freien Stunden nur noch mit seiner Tochter.

Die Mutter hatte durch die häusliche Arbeit grobe Hände bekommen. Die Nase war wurmstichig und die Schläfen ausgehöhlt. Ihre Gestalt war von der Gewohnheit, sich über den Herd zu beugen, etwas geneigt. Und Vater und Mutter trafen sich nur bei den Mahlzeiten und nachts. Sie weinten nicht, aber es war doch nicht mehr so wie früher.

Aber die Tochter, das war des Vaters Freude. Man hätte beinahe sagen können, er sei in sie verliebt. Es war, als sehe er in ihr die wieder auferstandene Mutter, und als solle sein erster Anblick, der so schnell verschwunden war, wiederkommen. Er war beinahe schüchtern ihr gegenüber und ging nie in ihr Zimmer, wenn sie sich anzog. Er vergötterte sie.

Eines Morgens blieb sie im Bett liegen und wollte nicht aufstehen. Mama glaubte, sie habe Faulfieber, Papa aber schickte nach dem Arzt. Der Mordengel war auf Besuch gekommen; es war Diphtheritis. Entweder der Vater oder die Mutter musste mit den andern Kindern fliehen. Der Vater wollte nicht. Die Mutter musste mit den andern Kindern aus der Stadt ziehen, und der Vater blieb bei der Kranken. Und da lag sie jetzt! Man räucherte mit Schwefel, dass die Vergoldung der Bilderrahmen schwarz wurde, und die Silbersachen auf dem Toilettentisch auch! Der Vater war ausser sich, wenn er durch die leeren Zimmer ging; und wenn er nachts allein in dem grossen Bett lag, war es ihm, als sei er Witwer. Er kaufte dem Kinde Spielsachen und es lächelte, wenn er am Bettrande Kasper spielte, und es fragte nach Mama und den Geschwistern.

Und der Vater musste hingehen und von der Strasse aus der Mutter zum Fenster hinauf zunicken und den Kindern Kusshände zuwerfen. Und die Mutter telegraphierte mit blauen und roten Papierbogen durch die Fensterscheiben.

Aber eines Tages wollte das Mädchen den Kasper nicht mehr sehen, und es lächelte nicht mehr. Auch konnte es nicht mehr sprechen. Der Tod kam, kam mit seinen langen knochigen Armen und erstickte das Kind. Es war ein harter Kampf.

Da kam die Mutter! Und sie hatte Gewissensbisse, dass sie ihr Kind verlassen. Und es war grosser Jammer und grosse Not.

Als der Arzt das Kind obduzieren wollte, liess es der Vater nicht zu. Sie sollten ihr mit den Messern nichts zuleide tun; denn für ihn sei sie nicht tot. Aber es musste geschehen. Und da wollte er den Arzt schlagen und ihn beissen.

Als sie aber in die Erde kam, baute er ein Grabmal und ging das ganze Jahr hindurch jeden einzigen Tag dorthin. Das zweite Jahr weniger oft. Die Arbeit war schwer und die Zeit knapp. Die Jahre begannen sich fühlbar zu machen, die Schritte wurden weniger leicht, und die Trauer verwuchs. Zuweilen schämte er sich, dass er nicht mehr so viel trauere; dann aber vergass er es.

Er bekam noch zwei Töchter; das war aber nicht dasselbe; sie, die von hinnen gegangen, konnte nicht ersetzt werden.

Das Leben war hart, die Vergoldung war unmerklich von der jungen Frau abgegangen, die einmal wie – wie kein anderes Weib auf der Erde gewesen war. Die Vergoldung war abgegangen von der einmal so blanken und strahlenden Häuslichkeit. Die Kinder hatten Beulen in die Hochzeitsgeschenke der Mutter gemacht, das Bett verdorben, die Stuhlbeine angetreten. Die Polsterung kam aus den Sofas heraus, und das Klavier war seit Jahren nicht geöffnet werden. Der Gesang war verstummt vorm Kindergeschrei, und die Stimmen waren rauh geworden. Die Koseworte hatte man mit den Kinderkleidern abgelegt, die Liebkosungen waren Massage geworden. Man fing an, alt und müde zu werden. Papa lag nicht mehr vor Mama auf den Knien, sondern sass in seinem abgenutzten Lehnstuhl und liess sich von Mama die Streichhölzchen holen, wenn er seine Pfeife anstecken wollte. Man war alt geworden!

Da starb die Mama, als der Papa fünfzig Jahre alt war. Da aber tauchte es wieder auf, all das Alte. Als ihre gebrochene Gestalt, die der Todeskampf hässlich gemacht hatte, in die Erde gegraben wurde, stand die Erinnerung an die junge Vierzehnjährige wieder auf. Da betrauerte er diese, die er vor so langer Zeit verloren hatte, und mit der Sehnsucht kam die Reue. Aber er war nie schlecht gegen die alte Mama gewesen; und die Vierzehnjährige vom Pfarrhaus, die er nie bekommen, denn er kriegte ja nur die bleichsüchtige Vierundzwanzigjährige, die hatte er verehrt, vor der hatte er gekniet, der war er treu gewesen. Und wenn er aufrichtig war, so war es sie, nach der er sich jetzt sehnte; doch hatte der alten Mama gutes Essen und unermüdliche Fürsorge auch einen Anteil an der Sehnsucht, aber auf eine andere Art.

Jetzt aber wurde er intimer mit den Kindern. Einige waren aus dem Nest geflogen, andere aber noch zu Hause.

Als er ein ganzes Jahr lang seine Freunde damit ermüdet hatte, dass er ihnen das Leben seiner verstorbenen Frau erzählte, geschah etwas Merkwürdiges. Er sah ein junges Mädchen, eine blonde Achtzehnjährige, die seiner Frau, wie sie mit vierzehn Jahren gewesen, glich. Er nahm es wie einen Wink des freigebigen Himmels, der ihm also endlich sie, die erste, geben wolle. Er verliebte sich in sie, weil sie der ersten glich. Und er verheiratete sich wieder. Jetzt hatte er sie endlich bekommen.

Die Kinder aber, besonders die Mädchen, waren der jungen Stiefmutter abgeneigt; sie schämten sich, sie anzusehen; sie fanden das Verhältnis der Eltern unrein; glaubten, der Vater sei ihrer Mutter untreu geworden. Und sie gingen aus dem Hause, in die Welt hinaus!

Er war glücklich! Aber er war noch stolzer darauf, dass ein junges Mädchen ihn hatte haben wollen.

– Nur Nachmahd! sagten seine alten Freunde.

Nach einem Jahr bekam die Frau ein Kind. Papa war nicht mehr an Kindergeschrei gewöhnt und wollte nachts schlafen. Zog in sein eigenes Zimmer; seine Frau aber weinte. Er fand die Frauen etwas aufdringlich. Und dann war sie eifersüchtig auf die erste Frau. Er war nämlich, als sie verlobt waren, so dumm gewesen, ihr zu sagen, sie gleiche seiner ersten Frau. Und dann hatte er sie deren Liebesbriefe lesen lassen. Als sie jetzt oft allein war, erinnerte sie sich an alles. So wusste sie, dass sie alle Kosenamen von der ersten geerbt, dass sie nur eine Stellvertreterin sei. Das reizte sie, und sie machte alle möglichen Dummheiten, um ihn für sich persönlich zu gewinnen. Das ermüdete ihn aber. Und wenn er in der Einsamkeit Vergleiche anstellte, verlor die neue Frau sehr. Sie war nicht so milde wie die andere; sie reizte seine Nerven. Dazu kam die Sehnsucht nach den Kindern, die er aus ihrem Elternhaus vertrieben. Dazu kamen schlechte Träume, denn er glaubte seiner verstorbenen Frau untreu zu sein.

Es war nicht mehr gemütlich zu Hause. Es war dumm, was er getan, und es wäre besser nicht geschehen.

Er fing an in den Ratskeller zu gehen. Da aber wurde die Frau böse. Er habe sie betrogen. Er sei ein alter Mann, und er solle sich in Acht nehmen. Ein so alter Mann dürfe seine junge Frau nicht allein lassen; das könne gefährlich werden!

– Alt? Sei er alt? Er werde ihr zeigen, dass er nicht alt sei!

Und sie zogen wieder zusammen. Da aber wurde es sieben Male schlimmer. Er wollte ihr nachts nicht wiegen helfen, und das Kind sollte in die Kinderstube! Nein, mit dem Kind der ersten Frau habe er es nicht so gemacht.

Er musste sich quälen lassen.

Zwei Male hatte er geglaubt, den Vogel Phönix aus der Asche der Vierzehnjährigen aufsteigen zu sehen, zuerst in der Tochter, dann in der zweiten Frau; aber in seiner Erinnerung lebte nur die erste, die Kleine aus dem Pfarrhof, die er zur Zeit der Walderdbeeren sah, die er unter der Linde im Walde küsste, die er aber nie bekommen.

Doch jetzt, als seine Sonne im Untergehen war und die Tage kürzer wurden, sah er in seinen dunkeln Stunden nur noch das Bild der „alten Mama“, die freundlich gegen ihn und seine Kinder gewesen, die nie zankte, die hässlich war, die in der Küche stand, die die Hosen der Knaben und die Röcke der Mädchen flickte. Und da sein Siegesrausch vorüber war und sein Auge klar sah, fragte er sich, ob nicht die „alte Mama“ doch der rechte Vogel Phönix gewesen sei, der so schön und so ruhig aus der Asche des vierzehnjährigen Goldvogels stieg; der seine Eier legte und sich die Daunen für die Jungen aus der Brust rupfte, um sie mit seinem Blut zu nähren, bis er starb.

Er fragte lange danach, und als er endlich seinen müden Kopf auf das Kissen legte, um nicht mehr aufzustehen, da war er davon überzeugt.