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Heiraten: Zwanzig Ehegeschichten

Chapter 12: „Romeo und Julia“
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About This Book

A linked set of twenty short narratives examines marriage and intimate relations from multiple angles, exposing power imbalances, jealousy, sexual desire, and social constraint. The stories shift between psychological interiority and stark observational realism, charting characters whose moral ambiguity and shifting roles complicate domestic expectations. Natural imagery and plain, often ironic description recur as tools to probe reproduction, gendered authority, and the consequences of personal choices. Together the pieces question sentimental or idealized views of conjugal life and underscore how social conventions, private impulses, and material circumstances shape intimate bonds.

„Romeo und Julia“

Der Mann kam eines Abends mit einem Notenheft nach Haus und sagte zu seiner Frau:

– Nach dem Essen wollen wir vierhändig spielen.

– Was hast du da für ein neues Stück? fragte die Frau.

– Ich habe „Romeo und Julia“ gekauft. Kennst du das?

– Ja, gewiss kenne ich das, antwortete sie, aber ich weiss nicht, ob ich es je habe aufführen sehen.

– Oh, es ist herrlich! Ich denke daran wie an einen Jugendtraum, aber ich habe es nicht mehr als einmal gehört, und das war vor zwanzig Jahren.

Nach dem Abendessen, nachdem die Kinder zu Bett gebracht waren und es still im Hause geworden, zündete der Mann die Lichter auf dem Pianino an. Er liest auf dem fein lithographierten Titelblatt: „Romeo und Julia.“

– Dies ist Gounods schönste Komposition, sagt er, und ich glaube nicht, dass sie allzu schwer ist.

Seine Frau übernimmt wie gewöhnlich die erste Stimme, und so beginnt man. D-dur, Vier-Viertel-Takt, Allegro giusto.

– Das ist schön, nicht wahr? sagt der Mann nach dem Schluss der Ouvertüre.

– Oh ja, gibt die Frau zu, wenn auch etwas widerstrebend.

– Lass uns nun das Marziale nehmen, sagt der Mann, das ist etwas ganz Feines. Ich erinnere mich noch an die prächtigen Chöre des königlichen Theaters.

Der Marsch beginnt.

– Nun, ist es nicht prächtig? sagt der Mann triumphierend, als habe er „Romeo und Julia“ selber geschrieben.

– Ich finde, es klingt wie Messingmusik, antwortete seine Frau.

Die Ehre und der gute Geschmack des Mannes stehen auf dem Spiel, und er sucht nach der Mondscheinarie im vierten Akt. Nach langem Suchen stösst er auf eine Arie für Sopran; die muss wohl die rechte sein.

Und er beginnt von neuem:

– Tram-tramtram, tram-tramtram, so klingt es im Bass, der sehr leicht ist.

– Weisst du, meint die Frau, als es zu Ende ist, die Musik ist sehr mässig.

Der Mann ist ganz niedergeschlagen und gibt zu, dass es wie ein Leierkasten klingt.

– Das habe ich schon die ganze Zeit gefunden, bekennt die Frau.

– Ich finde auch, es klingt so altmodisch. Dass Gounod so schnell veraltet ist, bemerkt er ganz kleinlaut. Willst du weiter spielen? Lass uns die Cavatina und das Terzett durchnehmen; ich erinnere mich besonders an die Sängerin, die war göttlich.

Nach diesem Stück sieht der Mann wirklich betrübt aus und legt das Heft fort, als wolle er die Tür hinter der Vergangenheit schliessen.

– Wollen wir nicht ein Glas Bier trinken? fragt er.

Sie setzen sich an den Tisch und trinken ein Glas Bier.

– Es ist doch merkwürdig, beginnt der Mann, ich hätte nicht geglaubt, dass wir so alt geworden sind, denn wir sind wirklich mit „Romeo und Julia“ um die Wette gealtert. Es sind zwanzig Jahre her, seit ich die Oper zum ersten Mal hörte. Ich war eben Student geworden, hatte Freunde und die Zukunft lächelte mir hell und froh entgegen. Seit kurzer Zeit machte ich mit einem keimenden Schnurrbart und der Studentenmütze Staat, und besonders der Abend ist mir in Erinnerung, an dem Fritz, Philipp und ich in die Oper gingen. Einige Jahre früher hatten wir die Bekanntschaft des „Faust“ gemacht, waren also grosse Bewunderer Gounods. Doch „Romeo“ übertraf noch unsere Erwartungen, und wir wurden von der Musik ganz hingerissen. Jetzt sind meine beiden Freunde tot. Fritz, der zu den höchsten Stellen hinaufstrebte, starb als Sekretär; Philipp als Kandidat der Medizin; und ich, der Minister werden wollte, musste mich schliesslich damit begnügen, Regimentsauditor zu sein. Wie die Jahre verschwunden sind, ohne dass wir es gemerkt haben! Zwar habe ich gesehen, dass die Runzeln um meine Augen deutlicher geworden sind, und dass das Haar an den Schläfen ergraut ist, doch dass wir bereits so weit auf dem Weg zum Kirchhof gekommen sind, das hätte ich nicht geglaubt.

– Ja, mein Freund, wir sind alt geworden; das kannst du an unseren Kindern sehen. Und auch an mir siehst dus, wenn du auch davon schweigst.

– Ach wie kannst du so etwas sagen!

– Das weiss ich sehr wohl, mein Lieber, fuhr die Frau in wehmütigem Ton fort; ich weiss wohl, dass ich anfange hässlich zu werden, dass mein Haar dünner wird und dass ich bald meine Vorderzähne ziehen lassen muss ...

– Aber bedenke doch, dass jetzt nichts mehr dauert, – unterbricht sie der Mann. Es scheint heutzutage mit dem Altwerden viel geschwinder zu gehen als früher. Im Haus meines Vaters wurden noch Haydn und Mozart gespielt, obgleich sie tot waren, lange ehe er geboren wurde. Und jetzt – jetzt ist Gounod bereits alt! Es ist betrübend, seinem Jugendideal auf die Weise wieder zu begegnen! Und wie schauerlich ist es, zu fühlen, dass man alt geworden ist!

Er steht auf und setzt sich wieder ans Pianino; er nimmt das Notenheft und blättert darin, wie wenn er in einer Schreibtischlade nach Jugenderinnerungen, Haarlocken, getrockneten Blumen und Bandenden, suche. Seine Augen starren auf die schwarzen Noten, die wie kleine Vögel aussehen, die an einem Stahldrahtgitter auf und nieder klettern; er versucht, in ihnen auf Frühlingstöne, Liebeslockungen, jubelnde Triller aus den rosenroten Tagen der ersten Liebe zu lauschen. Doch alles blickt ihm so fremd entgegen, als sei die Erinnerung an die Blütezeit der Jugend mit Unkraut überwachsen. Ja, so ist es; die Saiten sind mit Staub bedeckt, der Resonanzboden ist eingetrocknet, der Filz abgenützt.

Ein Seufzer hallt durchs Zimmer, schwer wie aus einer hohlen Brust, und dann wird es ganz still.

Plötzlich hört man den Mann sagen:

– Aber sonderbar ist es doch, dass der herrliche Prolog in diesem Klavierauszug fehlt. Es war, wie ich mich bestimmt erinnere, ein Prolog mit Harfenbegleitung und ein Chor, der so lautete.

Er trällert leise die Melodie, die wie ein Bach aus einer Bergeskluft hervorsprudelt; der eine Ton gibt den andern, sein Gesicht klärt sich auf, der Mund lächelt, die Runzeln glätten sich und die Hände fallen auf die Tasten nieder, die kräftig, jugendlich und schmeichelnd die herrlichen Töne wiedergeben, und mit starker klangvoller Stimme singt er die Basspartie.

Seine Gattin ist aus ihren schwermütigen Gedanken erwacht, sie lauscht mit tränendem Auge und fragt verwundert:

– Was ist das?

– Romeo und Julia! Unser Romeo und unsere Julia!

Und er springt vom Stuhl auf und legt das Notenheft vor die erstaunte junge Frau.

– Siehst du! Dies war der Romeo unserer Oheime und Tanten, das war – lies nur – Bellini! Oh! Wir sind also noch nicht alt!

Die Frau blickt auf das dichte, noch glänzende Haar des dreissigjährigen Mannes, auf seine glatte Stirn und seine feurigen Augen. Und sie sagt freudestrahlend:

– Ja, du siehst aus wie ein Fünfundzwanzigjähriger!

– Und du? Du siehst aus wie ein junges Mädchen. Dass wir uns von dem alten Bellini so haben anführen lassen. Ich dachte gleich, dass etwas nicht stimme.

– Nein, lieber Freund, das habe ich zuerst gedacht.

– Wahrscheinlich, weil du jünger bist als ich.

– Nein, du ...

Und Mann und Frau sitzen da und streiten scherzend darüber, wer von ihnen älter sei, ganz wie ein Paar Kinder, und sie wundern sich, wie sie früher Runzeln und graue Haare haben entdecken können, wo keine da sind.