Sie waren zehn Jahre verheiratet gewesen! Glücklich? So glücklich, wie die Umstände es erlaubten. Sie hatten am gleichen Strang gezogen, gleichmässig wie zwei gleichstarke junge Ochsen, von denen jeder an einer Seite des Strickes zieht.
Im ersten Jahr wurden natürlich eine Menge Illusionen von der Ehe als der absoluten Seligkeit begraben. Im zweiten Jahr kamen die Kinder, und die tägliche Arbeit des Lebens liess wenig Zeit zum Grübeln übrig.
Er war sehr häuslich, vielleicht zu sehr, und hatte in der Familie seine kleine Welt gefunden, deren Mittelpunkt er war; die Kinder waren die Radien. Die Frau suchte auch Mittelpunkt zu sein, aber niemals in der Mitte des Kreises, denn dort sass der Mann, und darum fielen die Radien bald auf einander bald aus einander, und darum stimmte das Ganze nicht.
Im zehnten Jahr wurde der Mann zum Sekretär der Gefängnisinspektion ernannt und musste als solcher Reisen machen. Das gab seinen häuslichen Gewohnheiten einen argen Stoss; er fühlte eine wirkliche Unlust, wenn er daran dachte, dass er für einen ganzen Monat seine Häuslichkeit verlassen müsse. Es war ihm nicht ganz klar, ob er seine Frau oder seine Kinder am meisten vermissen werde, vielleicht alle beide.
Am Abend vor der Abreise sitzt er in seinem Sofa und sieht zu, wie sie seine Reisetasche packt. Sie liegt mit den Knieen auf dem Boden und legt seine Wäsche hinein. Sie bürstet den schwarzen Anzug ab, legt ihn sorgfältig zusammen, damit er so wenig Platz wie möglich einnimmt. Darauf versteht er sich nämlich nicht.
Sie hatte ihre Stellung im Hause niemals als seine Dienerin, kaum als seine Frau aufgefasst. Sie war Mutter: Mutter für die Kinder und Mutter für ihn. Sie fühlte sich niemals davon gedemütigt, dass sie seine Strümpfe stopfte, und verlangte auch keinen Dank. Und sie glaubte nie, er stehe dafür in ihrer Schuld; er gab ja ihr und ihren Kindern dafür ganze Strümpfe und noch viel mehr; das hätte sie sich sonst ausser dem Hause verdienen müssen und dann hätte sie ihre Kinder allein zu Hause lassen müssen.
Er sass in der Ecke des Sofas und sah sie an. Jetzt, da sich der Abschied näherte, hob er kleine Vorschüsse auf die Sehnsucht ab. Er betrachtete ihre Figur. Die Schulterblätter hatten sich etwas vorgeschoben, und der Rücken war gekrümmt von der Arbeit über Wiege, Plättbrett und Herd. Auch er war gebeugt von der Arbeit über den Schreibtisch und seine Augen hatten Gläser zu Hilfe nehmen müssen. Jetzt aber dachte er wirklich nicht an sich. Er sah, dass ihre Zöpfe dünner als früher waren und dass ein schwacher Schein auf dem Scheitel zu sehen war. Hatte sie für ihn ihre Schönheit verloren, für ihn allein? Nein, für die kleine Gemeinde, die von ihnen allen gebildet wurde; denn sie hatte ja auch für sich selber gearbeitet. Und sein Haar hatte sich auch verdünnt im Kampf für sie alle. Er hätte vielleicht mehr Jugend besessen, wenn nicht so viel Münder gewesen wären, wenn er allein gewesen; aber er wollte nicht einen Augenblick allein gewesen sein.
– Es wird dir gut tun, etwas hinauszukommen, sagte seine Frau; du hast zu viel zu Hause gehockt.
– Du freust dich wohl, dass du mich los wirst, sagte er, nicht ohne ein wenig Bitterkeit; ich aber werde euch schon vermissen.
– Du bist wie die Hauskatze, du vermissest die warme Ofenecke, aber mich wirst du nicht so sehr vermissen; das glaubst du selber nicht.
– Und die Kinder?
– Ja, wenn du fort gehst, aber wenn du zu Hause bist, so schiltst du sie; nicht heftig allerdings, aber doch! Oh nein, du liebst sie wohl; ich will nicht ungerecht sein.
Beim Abendessen war er sehr milde, und ihm war schlecht zu Mut. Er las nicht die Abendzeitungen, sondern suchte nur mit seiner Frau zu sprechen. Die war aber so beschäftigt, dass sie sich zum Plaudern keine Zeit liess; auch hatten sich ihre Gefühle während der zehnjährigen Campagne in Kinderstube und Küche genügend stählen können.
Er war gefühlvoller, als er zeigen wollte, und die Unordnung im Zimmer machte ihn unruhig. Er sah Stücke seines täglichen Lebens, seiner Existenz auf Stühlen und Kommoden durcheinander liegen; die offene, schwarze Reisetasche gähnte ihn an wie ein Sarg, weisse Wäsche umhüllte darin schwarze Kleider, die noch die Spuren seiner Kniee und Ellbogen trugen; es war ihm, als liege er selber da mit dem weissen, gestärkten Vorhemd; gleich werde man zumachen und ihn forttragen.
Am nächsten Morgen, es war im August, stürzte er aus dem Bett, kleidete sich atemlos an und war sehr nervös. Er ging in die Kinderstube und küsste alle Kinder, die sich den Schlaf aus den Augen rieben. Nachdem er seine Frau umarmt hatte, setzte er sich in die Droschke, um nach dem Bahnhof zu fahren.
Die Reise, die er in Gesellschaft seiner Vorgesetzten machte, zerstreute ihn; es tat ihm wirklich wohl, sich einmal etwas aufzurütteln. Die Häuslichkeit lag hinter ihm wie eine dumpfe Schlafstube, und er war wirklich aufgeräumt, als er nach Linköping kam.
Den Rest des Tages füllte ein feines Gefängnisessen im grossen Hotel aus. Man trank auf das Wohl des Landeshauptmannes, aber nicht auf das der Gefangenen, die doch der Zweck der Reise waren.
Dann aber kam der Abend auf dem einsamen Zimmer. Ein Bett, zwei Stühle, ein Tisch, eine Waschtoilette und ein Stearinlicht, das seinen dürftigen Schein über die nackten Tapeten verbreitete. Ihm war ängstlich zu Mute. Alles fehlte: die Pantoffeln, der Schlafrock, das Pfeifengestell, der Schreibtisch; alle diese Kleinigkeiten, die er zu Bestandteilen seines Lebens gemacht hatte. Und dann die Kinder und seine Frau. Wie ging es ihnen? Waren sie gesund? Er wurde unruhig und düster. Als er seine Uhr aufziehen wollte, vermisste er den Uhrschlüssel. Der hing zu Hause am Uhrhalter, den ihm seine Frau als Braut gestickt hatte. Er legte sich nieder und steckte sich eine Zigarre an. Doch er musste noch einmal aufstehen und ein Buch aus der Reisetasche holen. Alles war so ordentlich eingepackt, dass er fürchtete, es in Unordnung zu bringen. Wie er aber nach dem Buch suchte, fand er die Pantoffeln! Sie dachte doch an alles! Dann fand er das Buch! Aber er las nicht. Er lag da und dachte an die Vergangenheit, an seine Frau, wie sie vor zehn Jahren war. Das Bild von früher trat hervor, und das gegenwärtige verschwand in den blaubraunen Wolken der Zigarre, die in Wirbeln zu der regenfleckigen Decke aufstiegen. Er empfand eine grenzenlose Sehnsucht. Jedes harte Wort, das er ihr gesagt, schmerzte ihm im Ohr, und er bereute jede bittere Stunde, die er ihr bereitet. Endlich schlief er ein.
Am nächsten Tag Arbeit und neues Essen, mit einem Toast auf den Direktor, aber noch keinen für die Gefangenen. Am Abend Einsamkeit, Leere, Kälte. Er hatte ein Bedürfnis, mit ihr zu sprechen. Er holte Papier und setzte sich an den Tisch. Gleich beim ersten Federzug stockte er. Wie sollte er schreiben? „Liebe Mama“ schrieb er immer, wenn er ihr in wenigen Zeilen mitteilte, dass er auswärts essen musste. Jetzt aber schrieb er nicht an die Mama, sondern an die Verlobte, an die Geliebte. Und er schrieb „Meine geliebte Lilly“ wie früher. Anfangs ging es träge, denn so viele schöne Worte waren aus der schweren trockenen Sprache des täglichen, alltäglichen Lebens verschwunden; bald aber wurde er warm und jetzt tauchten sie aus der Erinnerung hervor wie vergessene Melodien, Walzertakte, Romanzenfragmente, Fliederblüten und Schwalben, Abendstunden bei Sonnenuntergang auf spiegelblankem Meer; alle Frühlingserinnerungen des Lebens tanzten daher in Sonnenwolken und gruppierten sich um sie. Ganz unten auf die Seite setzte er einen Stern, wie Liebende zu tun pflegen, und daneben schrieb er, ganz wie früher: „Küsse hier!“
Als er den Brief beendigt hatte und ihn wieder durchlas, brannten ihm die Wangen und er ward verlegen. Warum, das wusste er nicht recht. Aber ihm war, als habe er seine innersten Gefühle einem mitgeteilt, der kein wirkliches Verständnis für sie besass.
Doch sandte er den Brief ab.
Einige Tage vergingen, bis die Antwort kam. Während er darauf wartete, empfand er eine kindliche Schüchternheit und Verlegenheit.
Dann aber kam die Antwort! Er hatte den rechten Ton getroffen, und aus Küchendunst und Kinderstubenlärm stieg ein Lied auf, klar und wohllautend, warm und rein, wie die erste Liebe.
Jetzt begann ein Austausch von Liebesbriefen. Er schrieb jeden Abend, sandte auch zuweilen im Lauf des Tages noch eine Karte ab. Seine Kollegen erkannten ihn nicht wieder. Er fing nämlich an, so viel Wert auf seine Kleidung und sein Aussehen zu legen, dass er in Verdacht kam, einen Liebeshandel zu haben. Und er war verliebt, von neuem verliebt. Er sandte ihr seine Photographie, ohne Brille, und sie ihm eine Locke von ihrem Haar. Sie waren kindlich in ihren Ausdrücken, und er hatte farbiges Briefpapier mit Täubchen gekauft. Aber sie waren ja auch Menschen mittleren Alters, die noch lange nicht die vierzig erreicht, wenn auch die Kämpfe des Lebens sie dazu gebracht, sich alt zu fühlen. Er hatte sie auch im letzten Jahr in der Ehe vernachlässigt, nicht so sehr aus Kälte wie aus Achtung, da er immer in ihr die Mutter seiner Kinder sah.
Die Reise ging ihrem Ende zu. Wenn er ans Wiedersehen dachte, empfand er eine gewisse Unruhe. Er hatte mit der Geliebten korrespondiert; würde er die in der Mutter und Hausfrau wiederfinden? Er fürchtete, sich bei der Heimkehr enttäuscht zu fühlen. Er wollte kein Küchenhandtuch in ihrer Hand sehen, auch nicht die Kinder an ihren Röcken, wenn er sie umarmte. Sie mussten sich an einem andern Ort treffen, allein. Sollte er sie zum Beispiel nach Waxholm ins Stockholmer Inselmeer kommen lassen, in das Gasthaus, in dem sie während ihrer Verlobungszeit so manche frohe Stunde verbracht? Das wäre eine Idee! Dort könnten sie zwei Tage lang die ersten schönen Frühlingstage, die geflohen waren und nicht wiederkamen, noch einmal in der Erinnerung durchleben.
Er setzte sich hin und machte seinen Vorschlag in einem langen Brief, der von Liebe glühte. Sie beantwortete ihn mit umgehender Post, und zwar bejahend, glücklich, dass er auf denselben Gedanken gekommen sei wie sie.
Zwei Tage später war er in Waxholm und hatte Zimmer im Gasthaus bestellt. Es war ein schöner Septembertag. Er sass allein im grossen Saal zu Mittag, trank ein Glas Wein und fühlte sich wieder jung. Es war hier so hell und luftig. Draussen lag das blaue Meer und nur die Birken an den Ufern hatten ihre Farbe gewechselt. Im Garten standen noch die Dahlien in voller Blüte und der Reseda duftete am Rand der Beete. Einige Bienen besuchten noch die versiegenden Kelche, kehrten aber enttäuscht zu ihren Körben zurück. Im Sund zogen die Segler vorbei vor einer schwachen Brise, und beim Wenden flatterten die Segel und schlugen die Schoten; und die Möwen flogen erschrocken und schreiend fort von den Fischern, die in ihren Booten mit der Rollangel Strömling fischten.
Er trank seinen Kaffee auf der Veranda und begann den Dampfer, der um sechs Uhr kommen sollte, zu erwarten.
Unruhig, als gehe er etwas Ungewissem entgegen, schlenderte er auf dem Balkon hin und her, spähte auf Fjärd und Sund hinaus, nach der Seite, wo Stockholm lag, um den Dampfer zu sichten.
Schliesslich stieg ein Rauch über den Fichtenwald am Horizont auf. Sein Herz fing an zu klopfen und er trank einen Likör. Darauf ging er an den Strand hinunter.
Jetzt war der Schornstein mitten im Sund zu sehen, und bald sah er die Flagge auf der Vorstenge. War sie auf dem Dampfer oder war sie verhindert worden? Eins von den Kindern brauchte nur erkrankt zu sein, dann war sie zu Hause geblieben, und er musste eine einsame Nacht im Hotel verbringen. Die Kinder, die während der letzten Wochen in den Hintergrund getreten waren, traten jetzt zwischen ihn und sie. In den letzten Briefen hatten sie sehr wenig über die Kinder gesprochen, als wollten sie Störenfriede oder Zeugen entfernen.
Er stampfte die Landungsbrücke, die unter seinen Füssen knarrte, bis er schliesslich bei einem Poller unbeweglich stehen blieb, starr dem Dampfer entgegen blickend, dessen Rumpf sich vergrösserte und dessen Kielwasser sich wie ein Fluss von schmelzendem Gold über die blaue, schwach gekräuselte Fläche legte.
Jetzt sieht er auf dem obern Deck Leute, die sich bewegen, und im Bug Matrosen, die sich mit dem Tauwerk beschäftigen. Und dann bewegt sich etwas Weisses neben dem Steuerhäuschen. Er ist allein auf der Landungsbrücke und man kann nicht gut einem andern als ihm winken; und keine andere kann ihm winken als sie. Er zieht sein Taschentuch und beantwortet den Gruss. Aber er bemerkt, dass sein Taschentuch nicht weiss ist, denn er gebraucht seit langer Zeit farbige, aus Sparsamkeit.
Der Dampfer pfeift, gibt Signale, die Maschine stoppt; auf die Brücke zu gleitet jetzt das Fahrzeug und er erkennt sie wieder. Sie grüssen mit den Augen, können aber noch kein Wort wechseln, weil sie zu entfernt von einander sind.
Der Dampfer legt an. Er sieht sie, wie sie langsam über den Landungssteg gedrängt wird. Sie ist es, und sie ist es nicht. Zehn Jahre liegen dazwischen! Die Mode hat sich verändert, der Schnitt der Kleider ist ein anderer. Früher war ihr feines dunkelhäutiges Gesicht zur Hälfte von der damals gebräuchlichen Haube eingefasst, welche die Stirn offen liess; jetzt ist die Stirn von einer bösen Nachahmung des Herrnhutes beschattet. Damals zeichnete sich ihre hübsche Gestalt in spielenden Linien unter dem so schön drapierten Besuchsmantel ab, der die Rundung der Schultern und die Bewegung der Arme schelmisch verbarg und hervorhob; jetzt ist die ganze Figur von einem langen Kutscherrock entstellt, der die Kleider abzeichnet, aber nicht die Gestalt. Als sie den letzten Schritt auf dem Landungssteg tut, sieht er ihren kleinen Fuss, in den er sich verliebt hat, als er noch in einem Knöpfstiefel von der Form des Fusses sass, während ihr jetziger Schuh zu einem chinesischen Spitzpantoffel ausgezogen ist, der dem Fussblatt nicht erlaubt, sich in diesen tanzenden Rhythmen zu erheben, die damals sein Entzücken waren.
Sie war es, und sie war es nicht! Er umarmte und küsste sie! Sie fragten einander nach dem Ergehen, und er fragte nach den Kindern. Dann gingen sie den Strand hinauf.
Die Worte fielen langsam, trocken, gezwungen. Wie sonderbar! Sie schämten sich beinahe vor einander, und keiner spielte auf den Briefwechsel an.
Schliesslich fasste er sich ein Herz und fragte:
– Wollen wir einen Spaziergang machen, ehe die Sonne untergeht?
– Gern, sagte sie und nahm seinen Arm.
Sie gingen die Strasse nach dem Städtchen hinauf. Alle Sommerhäuschen waren mit Läden verschlossen, und die Gärten waren geplündert. Hier und dort sass noch ein Apfel, der sich hinterm Laub versteckt hatte, in den Bäumen, aber die Beete waren jeder einzigen Blume beraubt. Die Veranden, die jetzt ihre Zeltmarquisen verloren hatten, sahen aus wie Skelette; wo man früher Gesichter sah und frohes Lachen hörte, war es still geworden.
– Es sieht so herbstlich aus, sagte sie.
– Ja, es ist schaurig, die Sommerfrischen in diesem Zustand zu sehen.
Sie wanderten weiter.
– Wir wollen nachsehen, wo wir gewohnt haben, sagte sie.
– Ja, das wird nett sein.
Sie gingen an der Badeanstalt entlang.
Dort lag das kleine Häuschen, eingeklemmt zwischen denen des Gärtners und des Lotsenaltermanns, mit seinem roten Lattenzaun, mit seiner Veranda, mit seinem Gärtchen.
Die Erinnerungen an die Vergangenheit tauchten auf. Dort in der Kammer wurde das Erste geboren. Jubel und Fest! Gesang und Jugend! Dort stand der Rosenbusch, den sie pflanzten. Dort lag das Erdbeerenbeet, das sie angelegt; nein, es lag nicht mehr da, denn es war zu einem Grasplatz zugewachsen. Dort in den Eschen waren noch die Spuren der Schaukel zu sehen, die nicht mehr vorhanden war.
– Hab Dank für deine schönen Briefe, sagte sie und drückte seinen Arm.
Er errötete und antwortete nichts.
Dann kehrten sie zum Hotel zurück, während er Einzelheiten von der Reise erzählte.
Er hatte im grossen Speisesaal den Tisch decken lassen, an dem sie damals zu sitzen pflegten. Ohne ein Tischgebet zu sprechen, setzten sie sich.
So sassen sie wieder da unter vier Augen. Er nahm den Brotkorb und bot ihr an. Sie lächelte. Es war lange her, dass er so höflich gegen sie gewesen. Aber es war etwas Neues und Angenehmes, in einem Gasthaus am Meer zu essen, und bald waren sie in einem lebhaften Gespräch begriffen; es war ein Duett, in dem der eine in das Damals fiel und der andere eine Erinnerung aussprach; sie lebten in den Erinnerungen. Die Blicke leuchteten und die kleinen Runzeln der Gesichter glätteten sich. O die goldene, rosenrote Zeit, die man nur einmal erlebt, wenn man sie erlebt, und die so viele, viele niemals erleben.
Beim Nachtisch flüsterte er der Kellnerin etwas zu; gleich darauf kam sie mit einer Flasche Champagner zurück.
– Lieber Axel, was denkst du? sagte sie halb vorwurfsvoll.
– An den Frühling, der vergangen ist, aber wiederkehren wird.
Aber er dachte nicht ausschliesslich daran, denn beim Vorwurf seiner Frau tauchte, wie wenn eine Katze durchs Zimmer schleicht, ein dunkles Bild von der Kinderstube und der Mehlbreischüssel auf.
Dann aber wurde es wieder klar und der rosenrote Wein rührte wieder an die Saiten der Erinnerung, und sie warfen sich wieder in den zauberischen Rausch der Vergangenheit.
Er stützte jetzt den Ellbogen auf den Tisch und hielt die Hand vor die Augen, als wolle er sich von der Gegenwart nicht stören lassen, dieser Gegenwart, die er doch gerade gesucht hatte.
Die Stunden verrannen. Sie standen auf und gingen in den Salon, wo das Klavier stand, um Kaffee zu trinken.
– Ich möchte wissen, wie es den Kindern geht, sagte sie, die jetzt erst aus dem Rausch erwachte.
– Setz dich und sing, sagte er und schlug das Instrument auf.
– Was soll ich singen? Du weisst doch, dass ich lange nicht gesungen habe.
Ja, das wisse er, jetzt aber wolle er ein Lied haben.
Sie setzte sich ans Piano und präludierte. Es war ein kreischendes Wirtshausklavier, das wie lose Zähne klang.
– Was soll ich singen? fragte sie und drehte sich auf dem Stuhl um.
– Das weisst du, Lilly, antwortete er, ohne dass er es wagte, ihrem Blick zu begegnen.
– Dein Lied! Ja! Wenn ichs noch kann!
Und sie sang: „Wie mag das Land wohl heissen, in dem mein Liebster wohnt?“
Aber ach, die Stimme war dünn und scharf, und vor Rührung wurde sie unrein. Es war zuweilen wie ein Schrei aus der Tiefe der Seele, die fühlt, dass der Mittag vorbei ist und der Abend sich nähert. Die Finger, die schwere Arbeit getan, konnten die rechten Töne nicht finden; auch war das Instrument ausgespielt; das Tuch auf den Hämmern abgenutzt, und das blosse Holz klopfte gegen die Metallsaiten.
Als das Lied zu Ende war, wagte sie sich zuerst nicht umzudrehen, als erwarte sie, dass er zu ihr komme und etwas sage. Aber er kam nicht, und es war still im Zimmer. Als sie sich schliesslich auf ihrem Stuhl umwandte, sass er im Sofa und weinte. Sie wollte aufspringen, seinen Kopf in ihre Hände nehmen und ihn küssen wie früher, aber sie blieb sitzen, unbeweglich, die Blicke auf den Boden gerichtet.
Er hatte eine nicht angesteckte Zigarre zwischen Daumen und Zeigefinger. Als er hörte, dass es still wurde, biss er die Spitze ab und machte mit einem Streichholz Feuer.
– Danke, Lilly, sagte er und qualmte. Willst du jetzt Kaffee trinken?
Sie tranken Kaffee und sprachen von der Sommerfrische im allgemeinen, und wo sie im nächsten Sommer wohnen würden. Aber das Gespräch begann einzutrocknen, und man wiederholte sich.
Schliesslich sagte er in einem langen rückhaltlosen Gähnen:
– Jetzt gehe ich schlafen!
– Das werde ich auch tun, sagte sie und stand auf. Erst aber will ich etwas hinausgehen – auf den Balkon.
Er ging in die Schlafstube. Sie blieb einen Augenblick im Esssaal stehen und plauderte mit der Wirtin über Sommerzwiebeln, um sich auf Wollwäsche zu verirren, bis eine halbe Stunde um war.
Als sie zurückkam, blieb sie an der Tür der Schlafstube stehen und lauschte. Drinnen war alles still, und die Stiefel standen draussen. Sie klopfte, aber niemand antwortete. Da öffnete sie die Tür und trat ein. Er schlief.
Er schlief!
Am nächsten Morgen sassen sie am Kaffeetisch. Er hatte Kopfweh und sie sah unruhig aus.
– Was für ein Kaffee, sagte er und machte ein Gesicht.
– Das ist Brasilianer, sagte sie.
– Was sollen wir heute anfangen, fragte er und sah nach der Uhr.
– Du solltest dir ein Butterbrot nehmen, meinte sie, statt über den Kaffee zu schelten.
– Ja, das will ich tun, sagte er, und ein Schnäpschen dazu. Der Champagner, brr!
Er liess sich Brötchen mit Branntwein bringen und wurde heiterer.
– Jetzt gehen wir auf den Lotsenberg und sehen uns die Aussicht an.
Sie standen auf und gingen aus. Das Wetter war herrlich und der Spaziergang tat ihnen wohl. Als sie aber den Berg hinaufstiegen, ging es langsam: ihr fiel das Atmen schwer, und er hatte steife Knie. Parallelen mit der Vergangenheit wurden nicht mehr gezogen.
Dann gingen sie in die Hage hinaus.
Die Wiesen waren längst gemäht und dann so abgeweidet, dass keine Blume mehr zu sehen war. Sie setzten sich beide auf Steine.
Er sprach von der Gefängnisinspektion und von seinem Amt. Sie von den Kindern.
Dann gingen sie ein Stück weiter, ohne zu sprechen. Er zog die Uhr.
– Es sind noch drei Stunden bis zum Mittagessen, sagte er.
Und dann dachte er: ich möchte wissen, was wir morgen tun werden.
Sie kehrten um und gingen zum Hotel zurück. Er begann nach Zeitungen zu suchen. Sie lächelte und sass schweigend neben ihm.
Das Essen war recht still. Schliesslich fing sie von den Mägden an.
– Um Gottes willen, verschone uns mit den Mägden, rief er aus.
– Ja, wir sind nicht hergekommen, um uns zu zanken.
– Ja, ich doch nicht.
Eine furchtbare Pause entstand. Jetzt hätte er gewünscht, es komme jemand dazwischen. Die Kinder! Ja! Dieses tête-à-tête fing an ihm lästig zu werden. Dann aber fühlte er einen Stich im Herzen, wenn er an die hellen Stunden von gestern dachte.
– Lass uns nach der Eichenhöhe gehen und Walderdbeeren pflücken, sagte sie.
– Zu dieser Jahreszeit gibt es keine Walderdbeeren mehr, es ist ja Herbst!
– Lass uns doch gehen!
Und sie gingen wieder. Aber kein Gespräch kam auf. Er suchte mit den Augen nach einem Gegenstand, nach einem Punkt am Wege, von dem man sprechen konnte, aber alles war schon besprochen. Sie kannte alle seine Ansichten und missbilligte einen grossen Teil davon. Auch sehnte sie sich nach Haus, nach den Kindern, nach der Häuslichkeit. Es sei doch zu verrückt, hier wie ein Spektakel herumzulaufen, um sich jeden Augenblick einem Streit auszusetzen.
Schliesslich machten sie Halt, denn sie war müde. Er setzte sich und fing an mit seinem Stock im Sande zu zeichnen; er wünschte nur, sie rufe einen Ausbruch hervor.
– An was denkst du, fragte sie schliesslich.
– Ich, antwortete er, wie von einer Last befreit, ich denke: wir sind alt, Mama; wir haben ausgespielt und wir müssen zufrieden sein mit dem, was gewesen ist. Denkst du wie ich, so fahren wir mit dem Abenddampfer nach Haus.
– Das habe ich die ganze Zeit gedacht, lieber Alter: aber du solltest deinen Willen haben.
– Dann komm, wir fahren nach Haus. Es ist kein Sommer mehr, es ist Herbst.
Mit leichten Schritten gingen sie zurück. Er war etwas verlegen über die prosaische Wendung, welche die Sache genommen, und hatte das Bedürfnis, der Tatsache eine philosophische Deutung zu geben.
– Siehst du, Mama, sagte er, meine Lie– hm (das Wort war zu stark), meine Neigung für dich hat im Lauf der Jahre eine Evolution durchgemacht, wie man jetzt sagt. Sie hat sich entwickelt, sich erweitert: anfangs umfasste sie nur ein Individuum, später die Familie als ein Ganzes. Es handelt sich jetzt nicht mehr um dich persönlich, auch nicht um die Kinder, sondern um das Ganze ...
– Also, wie Onkel immer sagte, Kinder sind Blitzableiter!
Er war nach seiner philosophischen Erklärung wieder er selber geworden. Es war schön, den Gehrock ablegen zu können; und es war ihm, als ziehe er den Schlafrock wieder an.
Als sie ins Gasthaus kamen, begann sie sofort zu packen, und da war sie in ihrem Element.
Als sie an Bord des Dampfers kamen, gingen sie sofort hinunter in den Speisesaal. Anstandshalber hatte er jedoch zuerst gefragt, ob sie sich den Sonnenuntergang ansehen wolle; sie hatte aber abgelehnt.
Als sie zu Abend assen, nahm er sich selber zuerst, und sie fragte die Wirtin, was das Hartbrot koste.
Als er sich satt gegessen hatte und das Porterglas an den Mund setzte, konnte er einen Gedanken, der ihn schon lange amüsiert hatte, nicht mehr unterdrücken.
– Alter Tollkopf! Was! sagte er und lächelte seine Frau an, die gerade während eines Bissens zu ihm aufsah.
Sie aber beantwortete das Lächeln seines fettglänzenden Gesichts nicht, sondern ihre Augen, die eine Sekunde aufgeblitzt hatten, nahmen einen so vernichtenden Ausdruck von Würde an, dass er ganz verlegen wurde.
Jetzt war die Verzauberung gebrochen, die letzte Spur der Geliebten verschwunden: er sass da mit der Mutter seiner Kinder, und er fühlte sich geduckt.
– Weil ich einen Augenblick albern gewesen, brauchst du mich nicht geringzuschätzen, sagte sie ernst. Aber in des Mannes Neigung liegt immer ein gut Teil Verachtung; das ist sonderbar.
– Und in des Weibes?
– Noch mehr! Das ist wahr! Aber sie hat auch eher Veranlassung.
– Das ist wohl gleich, wenn auch nicht dasselbe. Wahrscheinlich aber haben sie alle beide unrecht. Was man überschätzt hat, weil es so schwer zu erlangen war, schätzt man nachher leicht gering.
– Warum überschätzt man es denn?
– Warum ist es so schwer zu erlangen?
Die Dampfpfeife über ihren Köpfen unterbrach das Gespräch.
Sie waren am Ziel.
Als sie wieder in ihrer Wohnung waren und er sie mitten in der Kinderschar sah, da fühlte er, dass seine „Neigung“ für sie eine Umwandlung durchgemacht habe und dass ihre Neigung für ihn auf alle diese kleinen Schreihälse übergegangen und verteilt sei. Vielleicht hatte er ihre Neigung nur als Mittel zum Zweck besessen. Seine Rolle war ja so vorübergehend, und darum fühlte er sich abgesetzt. Wenn er nicht nötig gewesen wäre, um Brot zu schaffen, würde er wahrscheinlich längst verstossen sein.
Er ging in sein Arbeitszimmer, schlüpfte in Schlafrock und Pantoffeln, steckte sich eine Pfeife an und fühlte sich wieder zu Hause.
Draussen peitschte der Wind den Regen, und es pfiff in der Ofenröhre.
Nachdem sie die Kinder zu Bett gebracht hatte, kam seine Frau.
– Es ist kein Wetter, um Walderdbeeren zu pflücken, sagte sie.
– Nein, liebe Alte, der Sommer ist zu Ende und der Herbst ist da.
– Ja, es ist Herbst, antwortete sie, aber es ist noch nicht Winter, immer ein Trost.
– Ein Trost! Ein schwacher Trost, wenn man nur einmal lebt!
– Zwei Male, wenn man Kinder hat; drei Male, wenn man seine Enkel erlebt!
– Dann aber ist es wirklich zu Ende.
– Wenn es nicht ein Leben nach diesem gibt.
– Das ist nicht sicher! Wer weiss es denn? Ich glaube daran, aber mein Glaube ist kein Beweis!
– Aber es ist gut, daran zu glauben, lass uns daran glauben; lass uns glauben, dass es noch einmal Frühling für uns werden kann! Lass es uns glauben!
– Ja, wir wollen es glauben, sagte er und schloss sie in seine Arme.